Mittwoch, 21. Februar 2018

Das hat man heut nimmer so!

Bommel! Riesenbommel! Das hat man fei jetzt so!

Kennst du das?
Familien am Rande des Nervenzusammenbrauchs!
Wenn der Saisonwechsel die Neubefüllung der Kleiderschränke dringend nahelegt?

Beamen wir uns in ein - ich nenne es ganz mal altmodisch-neutral - "Kaufhaus". Wir studieren das Verhalten einer Standardfamilie: Vater, Mutter, zwei Kinder. Begonnen wird mit der Neuausstattung der Kindspersonen (weiblich, 8 und 5 Jahre alt, sehr zierlich). Unsere Probanden bewegen sich, wie von den Besitzern des "Kaufhauses" strategisch schlau geplant, vom obersten Stockwerk (Kinder) etagenweise nach unten Richtung Ausgang. (Aus dem dritten Stock flüchtet sich's nicht so leicht wie ebenerdig.)

Dort droben in der Kinderabteilung prüft Mama in Lichtgeschwindigkeit sämtliche Hosenmodelle, Pullover, Anoraks, etc. nach Passform und Preis. Die "coolen" Teile, die mit dem angehängten Plastikpferdchen, werden gnadenlos aussortiert: Leider wurden selbige für fette Kinder konzipiert. Kindsperson I wird mit diversen in Frage kommenden Modellen in eine Kabine geschickt. Kind I murrt. Kein Plastikpferdchen. Farbe blöd. Für Kindsperson II werden derweil Strumpfhosen ausgewählt. Kein leichtes Unterfangen, da nur die mit dem gelben Plastikentchen eben nicht beißen.
Papa steht wie ein Baum, eingesetzt als Leibwächter für Mama's Handtasche. In der Papareihe. Und guckt. Und schweigt.

Passt eines der Kleidungsstücke Kindsperson I, sucht Mama dasselbe Modell ein paar Nummern kleiner in alternativer Farbe für Kindsperson II, die gerade mit Papa ein Klo sucht. Kindsperson I murrt. Bärchen sind blöd. Blümchen sind blöd. Rosa Nicki auch. Und kein Plastikpferdchen...
"Wieso nicht?"
"Ja, dann schlupf halt rein. Die Hose ist dir gewiss zu weit."
Pulli in die Hose gestopft, Bauch rausgestreckt.
"Schau, Mama. Die passt!"
"Nimm die, eine Nummer kleiner..."
Schmerzliches Ergebnis: Hochwasserhose. Zu weit am Bund. Kann man nix machen. Mama hängt sie zurück.
Bleibt das pferdchenlose Schmalmodell, das bei Rauswachs-Anzeichen mittels anzunähender Borte, Stoffstreifen o.ä. verlängert werden kann.

Papa und Kindsperson II erscheinen postbieselisch zurück. Geschwind werden die Kurzmodelle längenmäßig angemessen, für gut befunden. Verkäuferin zieht gaaanz entzückende Zwillings-Kleidlein in beiden Größen hervor:
"Das hat man jetzt so!"
Kindsperson I zeigt diskrete Panik-Symptome. Kindsperson II lächelt süß, obwohl kein Radl Gelbwurst zu erwarten ist. Mama: sehnsüchtiges Stoffstreicheln, dann ein a bissele trauriges Kopfschütteln. "Das zieht's mir eh nicht an." (Danke Mama!)
...und auf geht's mit einem Arm voll Beute eine Etage tiefer.

In der Herrenabteilung hängen kilometerweise Hosen, von denen ich mich heute noch frage, wer denn selbige kauft. Papa meint, seine Hose sei doch noch gut.
Eben. Singular.
Ohne hinzusehen greift er in seinen Größenabschnitt hinein, hängt sich die Hose über den Arm wie ein Kellner.
"So. Die."
"Willst nicht reinschlüpfen?"
"Warum? Das ist doch meine Größe."
"!"
Kindsperson II sitzt unter einem Kleiderständer und streichelt unbeißige Strumpfhose und Plastikentchen. Kindsperson I muss auf's Klo, findet aber den Weg via Aufzug nach ausführlicher Einweisung alleine.
Papa zieht sich geschlagen in die Kabine zurück.
"Schau! Passt!"
Tut sie nicht.
"Jetzt nimm halt die Händ' aus den Hosentaschen!"
Zumindest die Länge stimmt, da Kurzgröße.
"Die Hose ist doch nur für den Weg in's Geschäft. Das geht schon."
"Das sieht unmöglich aus!"
"Du siehst mich ja nicht auf dem Weg in's Geschäft."
"Aber du hast ja auch mal frei!"
"Dann zieh ich mein Daheimrum-Gewand an."
"Ja, eben. Drum brauchst ja eine zusätzliche (!) Hose! Probier mal die..."

Ergebnis: suboptimal, aber tolerierbar.
Verkäuferin mit Blick auf die zu erneuernde Gewandung am Mann:
"Das hat man fei nimmer so!"
Zückt einen dunklen Anzug samt passendem Hemd.
"Mei, zu ihren schwarzen Haaren! SIE könnten sowas doch tragen!"
Papa wirft sich die suboptimale Alltagshose über die Schulter, nimmt Kindspersonen an die Hand und eilt Richtung Rolltreppe. Mama streichelt sehnsüchtig den Anzug-Stoff.
"Das zieht er mir eh nicht an."

Kindsperson II hat die Mütze verloren. Umweg über die Kinderabteilung mit Aufsammeln derselben auf der Rolltreppe. Kindsperson I möchte sofort (!) in den Laden mit der großen Rutsche. Murrt, da dem Wunsch nicht entsprochen wird. Kindsperson II muss auf's Klo.
...und auf geht's mit einem Arm voll Beute eine Etage tiefer zu den Damen.

Papa und Kindspersonen beobachten zig rasant ablaufenden Kostümwechsel.
"Schau! Seh ich da nicht zu dick aus?"
"..."
"Das hat man fei jetzt so. Seh ich wirklich nicht dick aus?"
"..."
Mehrere Zeitrafferwechsel in Folge. Kindsperson I will auf's Klo, muss aber aushalten.
"Die Farben... Ich weiß ja nicht... Aber das hat man jetzt halt so. Steht mir das?"
"..."
Mama wirbelt in und aus Kleidungsstücken, unterstützt von der Verkäuferin, die zahlreiche Klamotten hinaus- und hineinreicht.

Papa versucht Kindsperson II zu überzeugen, dass "Entchen" (und Strumpfhose) nicht in der Mütze schlafen dürfen, da noch nicht bezahlt. Erst die Ankündigung des Polizisten wirkt. Kindsperson I will endlich (!) zur Rutsche.

Verkäuferin hilft, den Kleiderstapel zur Kasse zu transportieren. Nimmt Geld entgegen und verpackt die ganze Chose in mehrere Tüten, die sie Papa reicht.

Wieder daheim präsentieren die weiblichen Familienmitglieder der Oma die Beute. Oma, die Damenkleidungs-Fachverkäuferin, zupft und nestelt herum, krempelt Ärmel hinauf, öffnet oder schließt Knöpfe, stellt Krägen auf.
"SO hat man das heut', gell!"

Und die Moral von der Geschicht'?

Unser Feldversuch zeigt uns zwei ganz klare Ergebnisse zur Motivation "Neuausstattung":

1. Kindspersonen haben eine sehr ungünstige Eigenschaft: Sie wachsen. Stetig oder schubweise. So ist der Ausstattungswechsel nicht zu vermeiden. Die alten Klamotten wandern in Säcke oder Secondhand-Läden, werden weitergegeben oder zu Lumpen verarbeitet. So wachsen die Kurzen ganz natürlich aus den knuffigen Bärchenideen (oder anderem Grusel) ihrer Eltern heraus und pfeilgerade in ihre eigenen Überzeugungen hinein. Früher oder später.

2. Adulte Exemplare hingegen wachsen höchstens in die Breite. Und auf keinen Fall so spektakulär, wie Kinder das zu tun pflegen. Dann könnten sie ja das Gewand behalten, bis Materialermüdung einen Austausch nötig macht. Um diesen marketing-technischen Unglücksfall in Grenzen zu halten, wurden wohl Moden erfunden und "Das hat man heut nimmer so!"-Verkünder implementiert.

Die Ergebnisse lassen sich durchaus auch auf die "innere Gewandung" übertragen:

Die Hip-Strömungen begegnen uns in der Heilkunde - zur Zeit zum Beispiel in lichtecht gelb. (Oder ist Curcuma schon wieder out?) Schade, denn dieses inflationär besprochene Pulver ist zwar kein Zaubermittel, aber bei einigen Problemen ein wunderbares Heilmittel.

Beim Tango heißt es aktuell: "Schlusspose? Hat man fei heut nimmer!" (Siehe Gerhards Tangoreport: http://milongafuehrer.blogspot.de/2018/02/liebes-tagebuch-46.html)

Immer wieder neue Anreize zum Kaufen müssen doch her. Seien's doch vernünftig! Wie sollte denn sonst unsere Wirtschaft blühen? Wie anders die Leut' bei der Stange halten? Die langweilen sich doch sonst. So ohne Vorgaben - ohne Trends. Das geht doch nicht, dass die sich selber was beibringen! Oder gar selber denken? Selber gestalten? Selber machen? Wo soll das denn hinführen? Wer kauft denn dann die Produkte? Oder Workshops?

Wachstum - geistiges und/oder emotionales - erfordert dagegen ganz automatisch eine Anpassung unserer Denkvorgänge und Handlungsweisen hinein in neue Sphären. Altes, nicht mehr Passendes darf aussortiert werden. Das ist nun wirklich nicht einfach, aber spannend - eine organische Art, das Leben zu händeln, in dem nix bleibt, wie es ist. Auch wenn dir jemand sagt: "Jetzt kauf/male/denke/tanz... dir halt mal was Pfiffiges [wahlweise anderes Adjektiv, szeneabhängig], wie man's heut hat!"

Offen bleiben die Fragen: 

  • Wer ermächtigt die "Das hat man heut' so!"-Sager?
  • Woher wissen das?
  • Welche Instanz entscheidet?
  • Und was passiert, wenn man sich nicht dran halten möcht'?
Kannst du mir das sagen?

Als kleines Abschluss-Trost-Gutsi gebe ich dir ein Mantra mit auf den Weg, aufzusagen, wenn bockiges, sozial unverträgliches Murren in dir aufsteigen will:

"Auch DAS geht vorbei!"


Herzliche Grüße,
Manuela










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Donnerstag, 8. Februar 2018

Vor-Ahnen-Einmischung



Wieso brennt in meiner Wohnung Licht? Es ist schon finster, der Winter hat sich fest eingenistet in landschaftliche Tageszeiten und Gemüter. Ich schultere die schwere Tasche mit den Einkäufen, sperre mein Auto ab und stapfe durch die schneematschige Wiese zur Haustüre. Wieso ist der Postkasten ratzeputz leer? Kein Stapel Schinkenblättchen wie jede Woche am Montag?

Kicherndes Gemurmel fließt mir die Stiege hinab entgegen, gewürzt mit nostalgischem Duft warmen Butterschmalzes. Aha, die Nachbarin feiert schon wieder. Hoffentlich nicht zu lange, ich mag heut' nur noch Tatort und mein' Ruh'.

Ich kann gerade noch den Schlüssel ins Schloss der Tür stecken, bevor selbige aufgerissen wird. Eine Hand packt mich und zieht mich herein. Butterschmalz UND Reiberdatschi! Und Apfelmus! Was ist denn hier los? Eine Horde Menschen (?), zum Teil recht eigenartig gewandet (siehe Bild, danke Smartphone) hockt verteilt auf die wenigen Sitzgelegenheiten in meiner Singlewohnung, fröhlich plaudernd, zum Teil ein wenig wellig an den Erscheinungsrändern. Andere wirken transparent fast bis zur Unsichtbarkeit. Ein dicker Mann blättert versunken in meinem Aldikatalog. Die Handbesitzerin nimmt mir Tasche und Jacke ab, hängt beides ordentlich an einem Lufthaken auf und hält mir einen Teller – meinen Teller! – mit  knusprigem Kartoffelgebäck unter die Nase. Sie ähnelt vage einer Frau auf diesen zickzackrandigen Schwarzweiß-Fotos, die meine Mutter schon seit Jahren aussortieren möchte. Oder beschriften. Die Versionen-Nennung ist stimmungsabhängig.

Das kittelbeschürzte Trumm Weib teilt mir mit, dass man heute den Dia de los Muertos nachzufeiern gedenke. Und zwar bei mir. Aha. Man habe sogar die Anderen, die kreuzbraven, unlustigen Protestanten überreden können. Diese stehen verschüchtert im Flur und trauen sich nicht, ihre Farben einzublenden. Der Buddha grinst rosarot. Mein Einwand bezüglich des heutigen Datums wischt sie beiseite. Fasching ginge auch, außerdem hätten sie da alle mal frei. Ich solle erstmal was essen. Ein vernünftiger Vorschlag. Sind ja eh meine (!) Reiberdatschi aus der Gefriertruhe.

Zigarrenrauch und Kölnisch Wasser, zwei leichtbekleidete Frollein im Spagat über Möbelstücken, einer hat den Wein gefunden. Er gießt ihn in leere Marmeladengläser, die er verteilt. Großes Hallo und Prost! Diverse Kinder mit und ohne Ball. Und ich denke apfelmus-stippend über Haftpflichtversicherungs-Angelegenheiten nach.

Eine winzige, graue Frau aus der Fraktion der Braven schleicht herein. Hand in Hand mit einem, der sich als eine Art Schutzengel verkleidet hat: schwarze Zausellocken, dunkle Augen mit unverschämt langen Wimpern, auf dem Hemdrücken eine flügelartige Konstruktion aus Stanniolpapier. Die Schnieke mit dem hübschen Schmuck erinnert an meine Oma, ist aber viel jünger. Sie schiebt eine Tango-CD in die Anlage, klatscht in die Hände und ruft zum Tanz. Und nach einem sehr kurzen Augenblick gleicht meine Wohnung – der Hort meiner Sehnsucht nach Ruhe – einer wurrligen Milonga. Mit Códigos halten sich die Herrschaften nicht auf. Alle tanzen mit allen, Männer, Frauen und die dazwischen – egal. Man zieht mich mit auf die improvisierte Tanzfläche und reicht mich wirbelnd von einem zum nächsten, bis ich nicht mehr weiß, wie mir geschieht, schwindlig in Leib und Seele.

Irgendwann, nach Minuten oder Stunden, schlägt die Kirchturmuhr. Die Cumparsita verstummt dramaturgisch gesehen optimal mit dem letzten Dong. Zufrieden erschöpft lassen sich meine Besucher dort fallen, wo sie gerade stehen. Die Fenster sind beschlagen. Der Engelartige mit den langen Wimpern malt ein Herz auf die Scheibe. Ich öffne es, das Herz verblasst, kalte Nachtluft und samtige Schwärze kriechen herein.

„Schnaps ist Schnaps und Geld ist Geld!“, verkündet die Rädelsführerin, die mich hereingelassen hat. Man sei ja nicht nur zum Vergnügen da! Einer der Sofasitzer überreicht mir einen handbeschriebenen Zettel, eine Liste mit Forderungen:

TOP 1: Die Bagage wünscht ein Feriendomizil in Form eines Geisterhäusleins am (Bild vom) Comer See, dem wunderbar kitschigen Ölschinken, der im Schlafzimmer hängt. Dann könnten die Heimsuchungen einfach besser logistisch organisiert werden: mit Reservierungen und so und nicht alle gleichzeitig. Ich sei ja schließlich nicht die einzig geistisch zu Bedienende. Okay, darauf kann ich mich einlassen, da Vollpension mit Bettenmachen oder Handtuchversorgung nicht nötig sei. Gemaltes Geisterfutter reiche, sowie hin und wieder ein Räucherstäbchen. Oder Teelicht. LED wäre auch genehm wegen Brandschutz.

TOP 2 der Liste macht mir allerdings mehr Probleme: „Die Einbeziehung Peter Ripotas transgenerationaler Einflüsse in unserem Buchprojekt über Männer und Frauen“. Eine „rein individualpsychologische Betrachtung“ sei Bockmist. Und für mich wären sie ja schon da – und zwar (fast) alle! – um mir beim Schreiben zu helfen. Sie hätten extra meine Schwester (Germanistin M.A.) gebeten, den Wunsch in Akademiker-Sprech zu übersetzen, um es dem Ripota schmackhaft zu machen. Mit „Einbeziehung transgenerationaler Einflüsse“ meinen sie konkret, gemeinsam mit seinen Ahnen Party zu machen. Mit Tango, Wein und Reiberdatschi!

Dass ich das Ansinnen doch ziemlich übergriffig finde, geht der Gesellschaft am A... vorbei. Sie sind von der Idee begeistert. Ich auch, aber nicht im gängigen Wortsinn. Ent-geisterung wär mir jetzt lieber. Nicht alles, worüber einer nicht sprechen mag, ist eine „partielle Amnesie“ – manche Angelegenheiten sind einfach PRIVAT! „Privat!“, da lacht die Bagage. Ich solle mich nicht so anstellen. Und überhaupts, ob ich denn meine eigenen Texte nicht kenne? Hahah, privat....

Wieso sie überhaupt von unserem Schaffen wissen? Die Druckdateien habe ich erst vor ein paar Tagen hochgeladen. Internet und so, haha, das sei doch eine famose Geisterwelt! Freilich wären sie dort unterwegs! Aha, unser Buch scheint bei Amazon schon gelistet zu sein.

Famoses weltweites Netz! Woher hätten sie denn sonst solche  G'scheithaferl-Worte wie „Amnesie“? Ich „Schätzle“ solle doch nicht so naiv sein. Allerdings rennen die Reisenden dort nicht mit Namensschildchen umher. Sonst hätten sie die Geister-Familia vom Ripota schon längst selber gefunden und kontaktiert.

Das wird mir jetzt alles zu viel. Ich gehe ins Bett. Ohne Tatort. Soll die Mischpoke machen, was sie will.

Beim Frühstückskaffee am nächsten Morgen checke ich wie immer meinen E-Mail Briefkasten. Ganz in Ruhe, allein, keiner da. In „gesendet“ liegt allerdings eine Nachricht an meinen geschätzten Co-Autor, die mich fast meinen Kaffee wieder ausspucken lässt:

Werter Peter Ripota,
mir drängt sich der Eindruck auf, dass wir eine Menge unbewusster Verhaltensweisen von unseren Ahnen geerbt haben, auch was den Umgang zwischen Männern und Frauen betrifft. Das haben wir gar nicht bearbeitet! (Stichwort Epigenetik, siehe Teuschel „Der Ahnenfaktor: Das emotionale Familienerbe als Auftrag und Chance“)
Oje! Was sollen wir tun? Es ist doch schon im Verkauf! So eine Schande!
Herzliche Grüße, Manu


Während ich Blut und Wasser schwitzend überlege, wie ich aus der Nummer wieder einigermaßen heil rauskomme, klingelt der Postbote. Der Ripota steht unter Naturschutz! Dem darf man doch so nicht kommen, das mag er gar nicht... Mist, jetzt hab' ich meinen Kaffee verschüttet.

Im Päckle steckt das erste Exemplar unseres neuen Buchs. Schau!

Männer führen, Frauen folgen? 

Geschlechterbeziehungen im echten Leben und im Tango
von Peter Ripota & Manuela Bößel

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Wie schön: Es scheint in Ordnung zu sein: auf den ersten Blick keine fehlenden Seiten, fiese Fehler oder sonstige Peinlichkeitskatastrophen. Soll sich's die Geister-Bagage doch im Internet bestellen. Jetzt ist es fertig. Und ich bin stolz drauf. Wären sie halt pünktlich gekommen zum Dia de los Muertos...

Meine Restempörung schmilzt zumindestens ein bissel. Irgendwie spielen sie ja doch eine Rolle in meinem echten Leben und im Tango. Der Kaffeekanne lässt sich noch eine Tasse entlocken, die Sonne scheint, der Buddha sitzt wieder dick und fett und unbewegt auf meiner Kommode. Grinsend ohne Rosa. Und mein Reiberdatschi-Vorrat in der Gefriere ist wieder (oder noch?) komplett.

***
ein Outtake aus unserem frisch erschienenen Buch "Männer führen, Frauen folgen - Geschlechterbeziehungen im echten Leben und im Tango" von Peter Ripota & Manuela Bößel
***
Herzliche Grüße,
Manuela 

P.S. Buchbesprechung auf Gerhards Tango-Reort











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Donnerstag, 1. Februar 2018

Ingwer-Schatz!

Wie dir Ingwer hilft, gesund zu werden, und wie du ihn einfach wirkungsvoll zubereitest

 



Ingwer ist zur Zeit in aller Munde. Zahlreiche solcher Münder verteilen - gefragt und ungefragt - Lobpreisungen der Zauberwurzel, kaum dass dir ein rotziges Schnieferlein entwischt. Nimm Ingwer! Leider oft egal in welcher Form. Dann höre ich, dass das alternativ naturmedizinische Zeugs halt nicht helfe. Das ist schade, denn die Wurzel (auf klugscheißerisch "Rhizom") ist eine wirklich feine, hochwirksame Medizin. Deswegen hat es unser Ingwer-Schatz verdient, so zubereitet zu werden, dass er dir seine Heldenkräfte auch schenken kann. (Siehe Rezept unten)

Vorab: Teebeutel aus dem Supermarkt, befüllt mit totem, staubigen Ingwerpulver haben keine Wirkung. Was vielleicht lindernd bei Erkältungen wirken könnte (bewusster Konjunktiv), sind das heiße Wasser für den Aufguss und der Löffel Honig im Tee.

Wer bist du und woher kommst du, Ingwer?


Woher der Gute ursprünglich stammt, ist nicht ganz klar - wahrscheinlich Asien. Seit ca. 4000 Jahren bauen ihn die Inder und Chinesen an. Andere Südostasiaten zogen natürlich nach und integrierten ihn in Küche und Heilkunde. Eigentlich logisch, denn gerade in feuchtheißen Ländern ohne Kühlschrankversorgung fühlen sich Nahrungskeime wie Salmonellen, Shigellen oder E. coli sehr wohl. Ingwer macht selbige antibiotisch platt.

Traditionell wird er dort gegen Krankheiten der Atemwegsfamilie genutzt wie Erkältungen, Husten, Halsentzündungen, Bronchitis, aber auch gegen Irritationen des Verdauungstrakts - von Appetitmangel, Erbrechen, Durchfall, Blähungen, Darminfektionen usw.
Klassischerweise benutz(t)en die Asiaten frischen Ingwer, kein Pulver aus getrockneter Wurzel, sondern mit heißem Wasser aufgegossen und gesüßt.

Diese Hauptanwendungsgebiete des Ingwers haben sich auch bei uns herumgesprochen, und man setzt sie erfolgreich ein.

Ingwer ist gut für den Bauch


Bei Übelkeit beruhigt er den Magen und steigert den Appetit bei Leuten, die es "nötig haben" - Alte oder Ausgezehrte. Er hilft dir nach einem fetten Weihnachtsbraten, gegen Schwangerschafts- und Reiseübelkeit. Kandierter Ingwer hilft in diesen Fällen schnell und unkompliziert, bis der Tee fertig ist (falls du ihn dann noch brauchst ;). Er wirkt laut Quelle (siehe unten) auch gegen Heliobacter pylori, einen Keim, der gerne mal Magengeschwüre verursacht.

Inzwischen weiß man, dass Ingwer die Anhaftung von krankmachenden Keimen an der Darmwand erschwert. Dann fahren die Uneingeladenen schneller zum Ausgang. Manche Fies-Bakterien im Darm benutzen Elastase - einen Stoff, der unsere grenzschützenden Zellen Richtung Blut anlöchert. Und da wollen sie hin. Keime im Blut? Nicht gut! Ingwer hemmt diese Elastase.

Unsere Heldenwurzel reduziert effektiv krankmachenden Bakterienbefall und lindert Durchfall. Netterweise entspannt er auch die Darmwände und hilft bei Bauchkrämpfen.

Entzündungshemmend und synergetisch


Heute nutzt man zudem seine antientzündliche Wirkung. Ingwer erwies sich als vergleichbar schmerz- und schwellunglindernd wirksam wie Ibuprofen (randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudie mit 102 Arthrosepatienten). Die Probanden bekamen zusätzlich essentielles Ingweröl, um schmerzende Stellen zu massieren - mit gutem Erfolg. Allerdings habe ich keine Informationen darüber, ob es pur angewendet wurde oder in einem Trägeröl. Ich persönlich würde es tropfenweise in ein gutes Hautöl (Mandel, Jojoba o.ä.) mischen und vorsichtig aufdosieren. 

Da unser Ingwerschatz die Blutgefäße entspannt und die Durchblutung fördert, senkt er den Blutdruck ein bissel, was ja manchmal gewünscht ist, und hilft enorm, andere Heilkräuterkomponenten überall im Organismus zu verteilen. So können diese besser wirken, einige sogar stärker als allein. Das ist sein Job als Synergist. (Welche anderen Kräuter genau dir in deiner Situation gut tun würden? Frag deinen Heilpraktiker des Vertrauens.)

Interessanterweise setzt Ingwer die Synergie-Fähigkeiten auch bei verschiedenen "normalen" Antibiotika ein. Bakterien haben einen Mechanismus, mit dem sie versuchen, die Chemie  ganz schnell wieder aus ihrem Zellinneren hinaus zu pumpen. Ingwer stört diese Methode, die "Pumpen" versagen, das Medikament verbleibt dann im Zellinneren und kann dort wirken (Aminoglycosid-Antibiotika wie z.B. Gentamycin oder Streptomycin). Zudem erhöht Ingwer die Durchlässigkeit der Bakterien-Zellmembranen: So gelangt der Stoff leichter hinein ins Bakterium. Diese Mechanismen verstärken also die Wirksamkeit des antibiotischen Arzneistoffs auch bei resistenten Keimen. Ingwer hat noch andere Tricks solcher Art auf Lager, aber das würde zu weit führen.

Hilfe bei Infektionen im Atemtrakt


Bei Erkältungen oder Bronchitis hilft dir unser Goldstück, zähen Schleim aus Nase und Bronchien loszuwerden und lindert unproduktiven (!) Hustenreiz genauso gut wie Codein. (Gängige "chemische" Hustenblocker verhindern, dass du das Sekret abhusten kannst. Dann bleibt das infektiöse Zeugs drin, was die Gesamtsituation verschlimmern kann. Manchmal wird dann zusätzlich ein Schleimlöser verordnet. Wieviel Sinn "Schleim lösen und Abhusten komplett blockieren" hat?  Bilde dir selber deine Meinung... Unser Ingwer arbeitet da ein bissel differenzierter.)

Auch hier können wir seine entzündungshemmende Wirkung brauchen. Hast du einen Infekt mit Gliederschmerzen, wirst du froh sein über seine mit Ibuprofen vergleichbare Schmerzlinderung.

Obacht!


In der Schwangerschaft keine hohen Dosen verwenden (wie im Rezeptvorschlag), vor allem in den ersten drei Monaten, da die Wurzel menstruationsfördernd wirken kann. Allerdings wurde in zahlreichen Studien nachgewiesen, dass eine moderate Dosis - in der Studie wurde Ingwerpulver benutzt - auch in schweren Fällen von morgendlicher Schwangerschaftsübelkeit im ersten Trimester erfolgreich sein kann. Hier würde ich eher auf kandierten Ingwer oder einen leichten (!) Tee zurückgreifen (ein Wurzelstück maximal so groß wie die Hälfte deines Daumenendglieds auf einen Liter Wasser, kleinschneiden, mit kochendem Wasser aufgießen, nur zehn Minuten ziehen lassen. Erstmal nur eine kleine Tasse trinken, Wirkung beobachten! Alles gut? Nur dann mehr davon trinken. Falls nicht, weglassen!)

Anwendung bei akuten Infektionen


Heißer Tee aus frischem Saft  oder ein Aufguss sind am wirksamsten gegen Magen-Darm-Infekte oder eine saftige Erkältung, egal ob du dir ein Virus oder Bakterien eingefangen hast. Die Inhaltsstoffe brauchen etwa eine halbe Stunde, um ins Blut zu gelangen. Nach einer Stunde ist der Spiegel am höchsten, dann wird wieder abgebaut. Das bedeutet, du solltest in der Akutphase alle zwei Stunden eine Tasse Ingwertee trinken, um die Konzentration im Blut ausreichend hoch zu halten.

Ingwer ist ein nicht standartisiertes Produkt. Die Natur baut jede Einzelpflanze ein bissel anders - abhängig vom Wetter, Boden, Erntezeitpunkt etc. Das bedeutet, dass nicht jedes Wurzelstück gleich wirksam ist oder gleich scharf. Passe gegebenenfalls die Wassermenge an: Ist dir der Aufguss zu scharf, verdünne ihn einfach mit heißem Wasser. Viel Flüssigkeit bei Erkältung oder Magen-Darm-Infekten ist eh gut. Teste, verkoste, experimentiere nach Gefühl. Falsch machen kannst du dabei nix.

Hier mein Vorschlag, wie das Ganze logistisch einfach zu bewerkstelligen ist:
(Hast du dafür keine Zeit oder "musst" in die Arbeit? Dann bist du entweder nicht krank genug oder unvernünftig. Wenn es dich sauber erwischt hat, bleib daheim!)


Rezept für Ingwersaft-Tee


Du brauchst für eine Tagesration Tee etwa 4-5 daumengroße Stücke (bio) und eine Viertelstunde Zeit.

Schälen, stückeln und im Mixer, Smoothiemaker oder mit dem Pürierstab mit ein wenig Wasser und Cayennepfeffer (oder anderem Pfeffer, 1 Messerspitze) pürieren.

Den Saft durch ein Sieb abgießen. Etwa einen Fingerbreit in eine große Tasse, den Rest in ein Schraubglas o.ä. und ab in den Kühlschrank.

Das, was im Sieb übrigbleibt, in eine Thermoskanne, mit kochendem Wasser aufgießen. Deckel drauf. Prima ist natürlich ein große Kanne. Ansonsten wird's halt konzentrierter. Macht nix, einfach vor Gebrauch entsprechend - d.h. trinkbar - verdünnen.

Den Fingerbreit Ingwersaft in der Tasse mit kochendem Wasser aufgießen, Honig und Zitronensaft dazu. (Eventuell verdünnen, falls dir der Tee so zu heftig sein sollte.) Die Zitronenschale - falls bio - mit in die Thermoskanne. Limette oder Orange geht auch. Nimm, was dir schmeckt.
Das ist deine erste Dosis für heute.

Nach zwei Stunden nimmst du die zweite Portion Saft aus dem Kühlschrank und gießt ihn mit heißem Wasser auf. Honig und Zitronensaft dazu.
Das ist deine zweite Dosis.

Für die nächsten Portionen nimmst du einfach den Aufguss aus der Thermoskanne. Der hat dann ausreichend lange gezogen (vier Stunden). Wieder Honig und Zitrone dazu, gegebenenfalls verdünnen.

Du kannst den Ingwersaft auch in einer Großaktion für mehrere Tage herstellen. Das lohnt sich, wenn du stolzer Entsafter-Besitzer bist. Friere ihn dann einfach in Eiswürfelbehältern ein. Diese Ingwer-Eisis kannst du auch als Würze für Suppen oder Eintöpfe verwenden.

Methode 2
Mit dem frischen Saft wirkt der Aufguss viel besser, aber im "Notfall" (kein Mixer, Pürierstab o.ä. verfügbar) oder zum Mitnehmen geht's so auch:

Häcksle die Wurzel mit einem Messer so klein wie möglich. Setze den Aufguss mit Pfeffer in der Thermoskanne schon am Abend an und lass ihn über Nacht ziehen. So erhältst du ein recht starkes, scharfes Gebräu, das du am kommenden Tag, verdünnt mit heißem Wasser, zweistündig trinken kannst. Natürlich mit Honig und Zitronensaft.


Anmerkungen:
Für Pflegepersonal: Willst du Ingwer per PEG verabreichen, lass den Aufguss zusätzlich durch einen Kaffeefilter laufen. Die Fitzelchen könnten sonst den Schlauch verstopfen.)

Die Gerätschaften (Mixer etc.) am besten gleich nach Gebrauch abspülen. Ingwer-Mini-Bröckerl trocknen gerne betonhart an. Die Thermoskanne bekommst du mit Gebissreiniger (Corega Tabs) oder Backpulver gut sauber.

Während der Zubereitung: Finger weg von den Augen! Brennt wie Teufel ;)

Lass dir schmecken und bleib gesund!

Lies auch: "Winterzeit - Erkältungszeit? Was du jetzt tun kannst, um Erkältungen zu vermeiden"
http://im-prinzip-tango.blogspot.de/2017/01/winterzeit-erkaltungszeit.html 

Es folgt in Bälde ein Artikel mit Rezepten für Ingwertee-Verweigerer.


Herzliche Grüße,
Manuela








Quellen: Stephen Harrod Buhner: "Pflanzliche Antibiotika. Wirksame Alternativen bei Infektionen durch resistente Bakterien Krankenhauskeime und MRSA: Heilkräuter, die Leben retten ... konventionelle Antibiotika nicht mehr wirken." (Tolles Buch!)
https://www.amazon.de/Pflanzliche-Antibiotika-Alternativen-Infektionen-Krankenhauskeime/dp/3946245005/ref=sr_1_3?ie=UTF8&qid=1517480009&sr=8-3&keywords=stephen+harrod+buhner

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Mittwoch, 17. Januar 2018

Die Floriansjünger der Achtsamkeit

im echten Leben und im Tango

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Achtsamkeit ist eine feine Sach'. Ursprünglich argumentierte sie für das bewusste Wahrnehmen des Hier und Jetzt und für einen respektvollen Umgang miteinander und liegt brettelbreit im Zeitgeist. Da ist es kein Wunder, dass sich unzählige Menschen bemüßigt fühlen, sie vorzustellen, oft garniert mit einem niedlichen Mönchlein irgendeiner Glaubensrichtung. Anschließend wird sie gewinnbringend verkauft. Dabei ist es egal, ob du Hausfrau, Manager oder Tangoista bist, Lesestoff, Seminar oder Coaching wünschst. Du wirst ganz sicher fündig werden, wenn du an deiner Achtsamkeit schrauben möchtest.

Je mehr Menschen sich an diesen Maßnahmen beteiligen, umso fetter sitzt die gute Achtsamkeit in diversen Foküssen. Und "-küssen" ist ja auch was Feines. Dadurch bleibt sie im Gespräch. Dass bei der gnadenlosen Präsenz-Überschwemmung - es wird ja bald jeder damit begossen - ihr Wesen doch ein bissele verwässert wird, lässt sich kaum verhindern:


der Achtsamkeit erster Schritt


Meist geht es ja darum, (erstmal) die eigene Befindlichkeit zu verbessern. Das ist (erstmal) durchaus legitim. Im Yogakurs runterfahren, Tango tanzen, zu sich kommen, Atmen üben, Seelentröster-Suppe kochen sind unbestritten manchmal lebenswichtige Missionen, um die eigene Gesundheit samt seelischer Verfassung zu verbessern.

Und dann?
Ja, dann bist du halt wieder bei dir.
Und wozu?
Um mit klarem Kopf, ruhigem Bauch und Friede im Herzen dein Leben zu meistern. Oder einfach schön Tango zu tanzen.

Problematisch wird's erst dann, wenn dein Hirn auch mal aus dem Hier und Jetzt raus muss. Zum Beispiel um vergangene Altlasten zu entsorgen, eine Lebensversicherung abzuschließen oder für nächste Woche einzukaufen. Aber keine Sorge, mit ein wenig Übung findest du den Weg zurück.


der Achtsamkeit zweiter Schritt


Da geht es um den liebe- und respektvollen Umgang, um das Wahrnehmen von Bedürfnissen. Und schon klar, das darfst du (erstmal) an dir selber üben. Man müsse den Glaubenssatz ausmerzen, der besagt, dass die Selberkümmerung höchst egoistisch sei. So weit, so gut.

Ich kenne Menschen, die sich wirklich sehr sorgfältig für andere aufopfern - bis an lebensgefährliche Grenzen. Oder darüber hinaus. Manchmal sogar daran sterben. Diese Gruppe beginnt ihre Arbeit mit der Eigen-Achtsamkeit quasi noch unter Null auf der Egoismus-Skala.

Allerdings gibt es auch Zeitgenossen, die sowieso schon hochroutiniert sehr viel Rücksicht für eigene Befindlichkeiten von ihrem Umfeld einfordern:
Themenwechsel bei Unterhaltungen werden ganz selbstverständlich erwartet, weil so Schlimmes regt auf. Das ist unachtsam von den Gesprächsteilnehmern.
Kein eingetuppertes Fleisch darf im WG-Kühlschrank wohnen. Unachtsam, findet der Vegetarier.
Du darfst nicht mehr in deinem Fachgebiet können/wissen als dein Kollege. Weil das beschämt ihn. Unachtsam.
Da dürfen andere Tänzer auf keinen Fall auf der Piste überholen, weil unachtsam. Basta!
Wo wären wir dann auf der Skala?

Und dazwischen?
Isst du in Anwesenheit von Veganern nur Gemüse?
Weist du den Nichtrauch-Apostel eben nicht auf seinen Ranzen und seine Hypertonie-Birne hin?
Sprichst du lieber nicht in gemütlicher Runde von aus deiner Sicht problematischen Verhältnissen, wenn du merkst, dass diese deinen Gesprächspartner über die Maßen aufwühlen würden?
Siehst du davon ab, bei unliebiger Musik zum TJ zu laufen, die so fade ist, dass sie nicht mal einen Brechreiz auslöst? Geschweige denn Tanzlust?
Lässt du es bleiben, die Ronda zu brechen? Bremst lieber den zwingenden Impuls der lebendig-beschwingten Musik in dir und deiner Partnerin aus?
Beschwerst du dich auch nicht beim Veranstalter, wenn dein Tango in ein Zwergenkostüm mit alberner Mütze gezwängt werden soll?

Weil du dich den anderen gegenüber achtsam verhalten möchtest?

Oder sagst du einfach gar nix, weil dann die Frage folgt: "Was hast du überhaupt für ein Problem?" Deine Antwort "Kein Problem, sondern auch Gefühle" würde eh an eine Betonwand knallen. Deine Gefühlsbasis ist halt eine andere. Und darum zu ignorieren. Musst halt fortbleiben. Dein Problem.

Um ein Gefühl für die eigene Egoismus-Skala zu bekommen, wäre ja ein Vergleich nicht ganz verkehrt. Aber das geht halt nur, wenn der Blick über den eigenen Tellerrand erweitert würde:
Ja, es gibt andere Menschen! Die haben auch Wünsche und Träume und Bedürfnisse! Auch wenn  sich diese nicht mit deinen decken. Auch wenn du sie nicht nachvollziehen kannst. So heißt's zumindest.


der Achtsamkeit dritter Schritt


Der wird gerne ausgelassen. Hier ist der liebe- und respektvollen Umgang mit anderen Menschen Thema - die Ausweitung über die eigene Person hinaus.

Also genau das, was die Kümmerer (siehe oben) versuchen einzugrenzen. So versuchen sie das richtige Maß zu finden. Einfach um gesund zu werden. Oder zu bleiben. Ganz stille.
Schrammel-Kröten schluckend. Auf die nächste Wild-Milonga hoffend. Trotzdem lächelnd. Höflich bleibend, soweit möglich.

Bleibt die eigene Achtsamkeitsentwicklung allerdings bei Schritt zwei stecken, wird zwar Achtsamkeit eingefordert, aber nicht weitergegeben. Da wird zwar lang und breit über Achtsamkeit geredet, aber gegeben wird nur in homöopathischen Dosen. Oder es wird dem Empfänger gerade soviel Wohlergehen zugestanden, dass er weiter brav seine Funktion erfüllt.

Auch dem Cabeceo wird das Kittelchen der Achtsamkeit verpasst: Er würde die Damen vor Zudringlichkeiten schützen. Dass er die Tangueras in passive Starrhaltung zwingt, damit die Männer befindlichkeitsverbessernd in Ruhe wählen können, ist selbstverständlich nur die ketzerische Außenseitermeinung einer pseudoemanzipierten, unachtsamen Bloggerin.

"Ja, Schatz, freilich darfst du zum Tango." Sonst würde sie ja ungut. Das wär blöd und sie zu nix mehr zu gebrauchen.

"Ja, Schatz, freilich helfe ich dir bei..." Sonst würde sie ihn ja rausschmeißen. Das wär blöd. Da müsste er ja selber Geld verdienen.

"Ja freilich spielen wir auch mal modernen Tango." Einmal im Monat eine Tanda. "Mil pasos" und so ist zwar schon ziemlich abgenudelt, aber grade noch auszuhalten. Unter Schmerzen. Sonst schreibt wieder so ein böser Blogger so böse Sachen.

"Toll, dass du uns eine Mitfahrgelegenheit zur Milonga vermittelst, aber wenn das Ehepaar X kommt, wollen wir nicht. Weil die sind blöd und wir achtsam mit Blog."

"Im Namen der Achtsamkeit! Amen!"
steht dann fettgedruckt auf den Fahnen, welche die Floriansjünger der Achtsamkeit vor sich hertragen.
"Verschon mein Haus, zünd and're an!"
findest du nur im Kleingedruckten.

Als ich Kind war, benutzen die Leute den Begriff "Nächstenliebe". "Achtsamkeit" gab's in prä-internettischen Zeiten noch nicht. Auch keine Blogs, geschweige denn Coachings. Aber einen ganz analogen Verein, der sich die christliche Nächstenliebe dick und fett als Motto auf T-Shirts gedruckt hätte, wenn das damals möglich gewesen wäre. Diese ultrafrommen Bekannten meiner Verwandschaft mochte ich als Kind gar nicht. Die offensiv Nächstenliebenden soffen uns Kindern die alkohol-freie Erdbeer-Bowle weg und sangen fromme Liedlein zur Gitarre. Geschnapselt und geküsst wurde heimlich hinter dem Komposthaufen. Ja, (Fo-)Küsse sind schon eine feine Angelegenheit...

Und die Moral von der Geschicht?


Floriansjünger der Achtsamkeit gibt es genug. Sie sind stark an Mitgliederzahl und Selbstbewusstsein. Unterstützung ist nur selten nötig. Aber du kannst sie ganz leicht von den leisen Achtsamen unterscheiden:

Die erste Gruppe SPRICHT über Achtsamkeit, die zweite Gruppe LEBT sie. 
Und zwar ganz: von Schritt eins bis drei.

Das macht den Umgang mit den Achtsamkeits-Lebern so schön. Und gesund. Und überhaupts.
Im echten Leben und im Tango.


Herzliche Grüße,
Manuela







Quellen: Ein dickes Dankeschön an Benita Königbauer, die in ihrem Buch (siehe Link) den wunderbaren Begriff der Floriansjünger kurz vorstellt. Angestachelt durch diese Inspiration entstand mein heutiger Artikel.
http://www.einfach-klarheit-schaffen.de/abenteuer-wunsch-kanzlei/

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Dienstag, 19. Dezember 2017

Vorweihnachts-Elegie

"Leise bieselt das Reh..."

 

<image article>im-prinzip-tango manuela boessel


Nix ist mit Schnee. Nur trübe Sauwettertage, die lediglich ein paar Stunden mumpfiges Licht versprechen. Hast du die adventliche Entstressung im Griff - also genug "staade" Zeit freigeschaufelt - kann es durchaus sein, dass sich elegische Gedanken ins Kopfkino hineinschleichen: Erinnerungen an traurige Lebensabschnitte, die gerne in und um's Fest der Liebe aufschlagen. Warum müssen die Leut' ausgerechnet in dieser Zeit sterben?

Ein unpünktliches Rauhnachtereignis


Da steht er schon in Nebelfetzen und winkt. Ich biege von der Landstraße auf den Parkplatz ab und lasse ihn einsteigen. Wie immer bringt mein Vater einen Schwung frisch-kühle Waldluft mit und ein liebes Lächeln. Dann fahren wir weiter.
"Bist aber früh dran heuer. Weihnachten war doch noch gar nicht?"
In den Rauhnächten habe er heuer frei und daher eine kleine Reise nach Rimini geplant.

Meistens sitzen wir eine Zeitlang zusammen einträchtig schweigend im Auto, bis seine luftige Erscheinungsform sich mit dem Gesang des italienischen Tenors aus dem Radio vermischt, unsichtbar werdend – bis zum nächsten Treffen. Ich bin so alt wie er damals, als ihn sein erster Herzinfarkt erwischte: 45. Alt genug, meine ich, um ihm die Frage zu stellen, die seit einigen Wochen zwischen den Rippen zwickt:
"Wo ist der Schlüssel?"

Er weiß ganz genau, welchen ich suche. Sagen wollte er es mir bisher nicht. Meine Erinnerungen pflege ich liebevoll sortiert in verschiedenen Schatzkisten aufzubewahren. Jederzeit kann ich sie aufschließen, davon kosten und wieder aufräumen, neu zuordnen oder verträglicher katalogisieren. Bis auf die eine, die seine Beerdigung enthält. Wir sind uns sehr ähnlich, deswegen weiß ich, wie stur er sein kann – so wie im Moment – und ich ärgere mich ein wenig.

"Blutwurst, Braten oder Schnitzel mit Pomm' Fritz? Das ist hier die Frage!", singt er im Duett mit dem Radiotenor. "Erinnerst Dich noch an den Emir und den Scheich? Zahl mer später, gemma gleich?" Sogar der sonst bei mir äußerst verlässlich funktionierende Erinnerungsanker "Was haben wir in Situation X gegessen?" fehlt.

"Ach Baba, sagst mir, wenn ich einmal 76 bin, immer noch, ich wär' zu jung?"
So alt wäre er heute. Endlich kann ich den Lastwagen überholen. Mein Beifahrer spreizt sich im Sitz ein, eine Rolle Leukoplast purzelt aus der Tasche seines Pflegerkasacks.
"Jaja, festgemauert in der Erden..." zitiere ich einen seiner Lieblingssprüche. Wir lachen, ich gebe Gas, wir sausen dahin.
"Volare!" schnulzt der Signore im Radio. Das heißt Fliegen.

"Und? Wo ist der Schlüssel?"
"Nie sollst Du mich befragen...." (ein weiterer Lieblingsspruch, ebenfalls gesungen)

"Ich will halt wissen, wie sie war, deine Beerdigung. Ich will's endlich aufräumen können."
"Ich war doch auch nicht da! Zu viele Leut'... Und tanzen hätt' man auch nicht dürfen."
Typisch Eigenbrötler.
"Außerdem war ich tot! Das sollt' langen als Entschuldigung. Da braucht's keinen gelben Zettel nicht. Es waren doch genügend Leut da, frag doch die! Dann kannst mir auch einmal erzählen, wie's war."

"Ich will aber EIGENE Erinnerungen."
"Der 'ICH WILL' ist in Italien im Meer dersoffen."
"Hast ihn getroffen droben im Himmel?"
"Da bin ich nicht so oft. Da hat man kein' Ruh'. Hier drunten schon."

Er streicht mir zart die Haare aus der Stirn.

"Musst das wirklich wissen?" fragt er leise.

Nein, muss ich nicht.
Wir zwei haben unseren Ruh' miteinand', wie sich's für Eigenbrötler gehört.
Das reicht. Bis zum nächsten Advent?

Ciao, Ciao Bambina...






Herzliche Grüße,
Manuela










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Freitag, 8. Dezember 2017

Unsere Facebookgruppe hat Geburtstag!

<article image>im-prinzip-tango



Viel muss ich nicht mehr sagen zu Gerhard Riedls Artikel, der anlässlich des Erst-Jahrestags unserer Facebookgruppe auf beiden Blogs erscheint. Das "Wie-Was-Wo" sprechen wir sowieso ständig ab, und Entscheidungen treffen wir immer gemeinsam. Da der werte Herr Kollege aber einfach a bissele mehr freie Zeit zur Verfügung hat, übernimmt er meist mehr vom "operativen Part". So auch heute. 

Vielen Dank an alle Gruppenmitglieder - an die aktiv Postenden und natürlich auch an die stille Mitlesenden! Wir hoffen, dass sich so manche finstere Ecken - und davon gibt's ja beim Tango genug - erhellen. Und vielleicht sogar funkeln! Wer weiß?

Und jetzt Bühne frei für Gerhard Riedl:

Was Sie schon immer über Tango wissen wollten...

Das Zitat aus dem Untertitel meines ersten Tangobuches benennt nun seit genau einem Jahr eine geschlossene Gruppe bei Facebook. Für dieses Forums Unkundige: „Geschlossen“ bedeutet, dass man die dortigen Veröffentlichungen erst sehen, darüber diskutieren oder eigene Beiträge einstellen kann, wenn man Mitglied ist. Man muss sich darum bewerben, und die Administratoren entscheiden darüber – ebenso über ein Ende der Teilnahme bzw. die Löschung einzelner Posts.

Der Entschluss von Manuela Bößel und mir kam ziemlich spontan zustande, als wir wieder einmal darüber sprachen, dass Tangoanfängern heute meist eine sehr eingeschränkte Ansicht unseres Tanzes vermittelt wird: ausschließlich historische Musikaufnahmen, Aufforderungs- und Parkettbenutzungsregeln, die Mär von „Führen und Folgen“ – kurzum ein ziemlich konservatives Bild des Tango.

„Wer von denen weiß denn noch, wie früher Tango getanzt wurde und wieviel Spaß das machen konnte?“ – so ungefähr waren am 8.12.16 meine Worte, worauf meine Kollegin antwortete: „Dann machen wir halt eine Facebook-Gruppe auf und erklären es ihnen!“

Am selben Nachmittag entstand die Gruppenbeschreibung. Sicher würden wir heute manches anders formulieren (was wir auch vorhaben), aber der Kern trifft unser Anliegen nach wie vor:

 „Was Sie schon immer über Tango wissen wollten...“ richtet sich an Menschen, die allgemeine Fragen zum Tango argentino haben oder entsprechende Probleme diskutieren wollen.

Gerade Anfänger trauen sich das oft nicht oder meinen, mit ihren Schwierigkeiten allein zu sein. Vielleicht fällt es ihnen leichter, sich in einer geschlossenen Gruppe zu äußern!

Wir tanzen beide bereits seit 17 Jahren Tango, haben dazu Bücher herausgebracht und schreiben viel gelesene Blogs zu diesem Thema. Daher hoffen wir, Euch behilflich sein zu können!

 Also, keine Angst, sich hier anzumelden – es kostet nichts und tut bestimmt nicht weh...

Sorry, diese Gruppe ist nichts für Spezialisten, welche Wiedergabeprobleme knisternder Schellacks oder Tanda-Zusammenstellungen aus der EdO diskutieren wollen. Draußen bleiben muss auch Werbung für Tangoveranstaltungen, Schuh- oder Kleiderverkauf.

Wir bitten um einen angemessenen Umgangston – Spam- und Hasskommentare werden ohne Vorankündigung gelöscht!

Herzlich willkommen!

Wie üblich war ich der Skeptische von uns beiden und wäre mit 20 oder 30 Mitgliedern schon zufrieden gewesen – aktuell haben wir jedoch 332 Teilnehmer! Wer sich einmal durch die Beiträge des ersten Jahres scrollt (eine längere Beschäftigung), wird auf eine bunte Vielzahl von Tangothemen stoßen, die sicherlich nicht nur Anfängern wichtige Informationen und Sichtweisen präsentieren.

Was die Gruppe von unserer „Wohnzimmer-Milonga“ unterscheidet: Es gibt keine Höchstzahl von zirka 20 Teilnehmern. Das hat natürlich Folgen: Eine stark anwachsende Gemeinschaft lockt mit der Zeit unweigerlich auch Menschen an, die versuchen, dort Macht auszuüben – etwa, indem sie die Rolle des „übergeordneten Experten“ spielen oder über die geltenden Spielregeln Diskussionen anzetteln.

Mehrfach haben Manuela und ich uns gegen diese Entwicklung gestellt, welche aus unserer Sicht Anfänger abschreckt: Breitet sich ein „Wertungsrichter-Tonfall“ erst einmal aus, vermeiden es Neulinge, „dumme“ Fragen zu stellen. Ein weiterer Trend ist dann, vom Sachlichen ins Persönliche abzugleiten. Ich habe neulich dazu geschrieben:

„Gefährlich wird es stets, wenn man beginnt, den Kontrahenten einem ‚Lager‘ zuzuordnen. Irgendwann sammeln sich dann Unterstützerscharen um die beiden, und die Schlacht der Stereotypen beginnt. Wenn man dann schließlich zwischen den rauchenden Trümmern sitzt, ist stets das Hauptargument, man sei ‚missverstanden‘ worden.“

Letztlich ist dies der sicherste (und schon öfters erfolgreich praktizierte) Weg, ein soziales Forum kaputt zu kriegen. In Kürze überwiegen dann persönliche Attacken und die beliebten Debatten, wie und worüber denn zu diskutieren sei. In dieser Hinsicht agieren Manuela und ich völlig „undemokratisch“: Wir haben diese Gruppe mit bestimmten Zielsetzungen gegründet, über die wir nicht verhandeln werden. Wer diese teilt, ist herzlich willkommen – wer nicht, findet in den Hunderten von Tangogruppen und -foren sicherlich besser Passendes. Die „Meinungsvielfalt“ ist nicht gefährdet. Und nein – es ist keine menschliche Katastrophe, nicht in einer FB-Gruppe bleiben zu dürfen.

Daher haben wir auch nicht gezögert, nach entsprechenden Vorwarnungen bislang vier Teilnehmer auszuschließen – ein fünftes Mitglied ging freiwillig.

Zwei Beispiele: Als ein jemand in der Gruppe von „unfeinem Nachtreten“ sprach und ich dies monierte, erhielt ich als Antwort:
„Ich habe versucht, mich höflich auszudrücken und meinen Eindruck bzw. die Wirkung als Außenstehende zu schildern. Wenn das nicht erwünscht ist, zweifle ich an der Sinnhaftigkeit dieser Veranstaltung und werde meine Schlüsse ziehen.“
Die zogen wir dann ebenfalls und beendeten die Mitgliedschaft. Welchen Sinn macht es, in einer Gruppe zu sein, an deren „Sinnhaftigkeit“ man zweifelt?

Ein anderes Mitglied versuchte uns einen eher lockeren Moderationsstil anzudienen:
„Ich erlebe ja nun auch in anderen FB-Gruppen Diskussionen, die durchaus erheblich kontroverser sind als hier. Da regeln sich die Teilnehmer prinzipiell alleine und bitten die Admins nur bei recht groben Verstößen gegen die Netzetikette oder die Gruppenregeln um Eingreifen.“

Sorry, aber wir greifen lieber ein, „bevor es schlimm wird“, wie Manuela einmal schrieb. Was der Schreiber von „Netzetikette“ hält, bewies er übrigens bei seinem freiwilligen Abgang, nachdem ich einen Post von ihm moniert hatte:
„Dann sollten Sie Ihr Verhältnis zu sich selber und Ihrem Verständnis von Menschlichkeit, Mitmenschlichkeit und Kommunikationsfähigkeit überdenken. So, wie Sie diese Gruppe moderieren, zeigen Sie nichts als ein mangelhaftes Führungsverhalten. In der Privatwirtschaft hätte man Sie von einer Führungsrolle vermutlich schon lange entbunden.“

Manuela und ich sind wahrlich Freunde geschliffener Satire – jedoch beschränken wir die auf unsere Blogs. Die verlinken wir zwar öfters in der Gruppe, aber es ist ja keiner gezwungen, da draufzuklicken. Und auch dort halten wir uns mit harter, auf reale Personen bezogener Kritik äußerst zurück.

Amüsant fand ich auch verschiedene Warnungen, die Gruppe würde durch unseren strengen Moderationsstil weniger attraktiv: Der oben beschriebene „Krach“ ist nun eine Woche her. Seither herrscht wieder ein ausnahmslos sehr netter Umgangston – und wir erhielten in sieben Tagen 21 Neuanmeldungen (das Dreifache des Üblichen).

Unsere FB-Gruppe brachte mir also auch wertvolle Erkenntnisse zum sozialen Miteinander im Internet: Man kann Diskussionen sachlich halten und persönliche Attacken weitestgehend unterbinden. Allerdings hilft hierbei am besten eine „Null-Toleranz-Strategie“: Mit Leuten, deren Ego kaum durch die Tür passt, über „edle Selbstbeschränkung“ zu verhandeln, hilft rein gar nichts!

Manuela hat neulich unsere Anliegen sehr schön zusammengefasst:

"Wir möchten VIELFALT vermitteln und zeigen, wie viel Lebenslust drin stecken kann und Respekt und Toleranz. Meinungen bilden, Geschmacksfragen klären (z.B. bezüglich des Stils), für sich zu einer Einschätzung kommen und Entscheidungen treffen und Ähnliches können die Leute hier selber. Sind ja alles Erwachsene.

Expertendiskussionen im Sinne von 'Mein Tango ist fei öchtör als deiner' können in anderen Gruppen geführt werden. Da ist zum Teil sogar Raum für Missionierungsaktionen. Für Tango-Satire nutzen Gerhard und ich unsere Blogs. Hier in dieser Gruppe halten wir uns bewusst zurück. Und nur zur Erinnerung: Satire geht immer nach oben, nie nach unten. Das Angebot für Gastbeiträge steht von seiner und meiner Seite.

Ebenso wenig zielführend in unserer Gruppe – deswegen verboten – sind herablassende Belehrungen mit und ohne Gemeinheiten, die Einteilung in 'richtig' bzw. 'falsch' (…) oder einfach das Thema als Schlitten benutzende, persönlich-zwistige Gockelkämpfe. (…)

In dieser Gruppe sind doch so viele, die sich als erfahrene Tango-Mentoren eignen! Früher hätte ich mir solche sehnlichst gewünscht, als ich mich als kleines Tangowürschtle auf die ersten Milongas wagte! Den Anfängern und Mentoren (und allen dazwischen) bieten wir diese Gruppe als Austauschforum mit dem Ziel 'Hilfe zur Selbsthilfe' in der ganzen Breite des Spektrums 'Tangovielfalt'. Und alle – auch wir mit einem schon etwas längeren Tangoleben – haben etwas davon: nämlich Lernen. Und das mag der Tango. Meiner zumindest."

Meiner auch. Daher danke ich unseren Gruppenmitgliedern für wertvolle Informationen, eindrucksvolle Erfahrungsberichte und engagierte Diskussionen. Gerade unser Anliegen, Anfänger zu Fragen zu ermuntern, ist aber noch ausbaufähig. Wer mittun möchte, ist herzlich eingeladen:

https://www.facebook.com/groups/1820221924868470/


***
Da schließ' ich mich nochmal einfach an und freue mich auf vielleicht baldiges Treffen in der Gruppe! Oder im echten Leben ;)

Herzliche Grüße,
Manuela










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Freitag, 24. November 2017

Tango ist nur Gehen!?

Verde mar


Bei diesem von Tangolehrern und Tangovermarktern inflationär benutzten Satz weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll: Wahr ist, dass Tanzen auf Gehen basiert. Aber Gehen ist Gehen und Tanzen ganzkörperliche, kreative Umsetzung musikalischer Impulse, bei denen zwangsläufig mal der eine, mal der andere Fuß auf den Boden kommt, in Form von Schritten. (Zumindest dann, wenn der Studiobesitzer die Schwerkraftrechnung bezahlt hat.) Mangelt es schon am Gehen, wird Tanzen zum Problem.

Fakt ist, dass tatsächlich in manchen Tango-Lektionen simples „Gehen“ unterrichtet wird. Ein Produkt, das dem Normalverbraucher mit Schwierigkeiten im Gestell besser helfen würde als Einlagen oder noch ein Besuch beim Orthopäden.

Verkauft wird die Geschichte aber unter dem Label „Tango tanzen“. Deswegen starten die Tangoschüler die neuen Bewegungs-Geh-Ideen-Versuche (so sie selbige verstanden haben) ausschließlich auf dem Parkett. Der Weg zur Umkleide, zum Klo oder Auto wird in alter Manier abgegangen. Schade! Der Fortschritt für den eigenen Tanz steht dann auf Standby. Und die wirklich lobenswerten, wertvollen Aspekte für gutes Gehen versacken im Nirwana.

Aber was genau sind denn diese von den Tangoleuten beschworenen Wohlergehens-Basics?
Lassen wir uns inspirieren und klauen Ideen aus diesem Tanz! Wie gesagt, um vom Wohlergehen zu profitieren, musst du nicht zwingend Tango tanzen. (Zähneknirschende Anmerkung der Autorin: Einige Tangoistas ignorieren auch hartnäckig die Zusammenhänge, wenn sie so tun, als würden sie gehen, äh tanzen.)

Hinter- und Vorderpfoten gegengleich bewegen: der gute, alte Kreuzgang


Was wirklich immer basses Erstaunen und motorische Verzweiflung bei den (erwachsenen) Kursteilnehmern hervorruft, ist die leichte, gegengleiche Drehung des Schultergürtels bei jedem Schritt. Machst du einen Schritt mit rechts voran, wird sich deine linke Schulter nach vorne bewegen, die rechte nach hinten. Beginnst du mit links, geht die rechte Schulter vor und die linke automatisch zurück. Rückwärts funktioniert das natürlich auch.

Der Kreuzgang ist ein ganz natürliches Bewegungsmuster! Die schöpferischen Baumeister haben dafür einfach den Vierfüßlergang für die Senkrechte modifiziert. Bis auf wenige Ausnahmen bewegen sich Vierbeiner so: rechtes Hinterbein und (gegengleich) linkes Vorderbein Richtung Ziel. Eidechsen kriechen in diesem Modus. Der Mops promeniert derart mit seinem Herrchen. Wir Menschen haben das im Krabbelzeitalter eingeübt und in Tempo und Gewandtheit heftig optimiert.
Wir haben es sogar spielend geschafft, das Muster in die Vertikale zu transferieren. Immer besser, geschwinder, geschickter. Wir haben so viel Arbeit und Entwicklungsenergie investiert. Und dann sind wir älter geworden, vielleicht sogar erwachsen, und haben uns immer weniger bewegt. Heute laufen wir vielleicht noch zum Auto und nach der Fahrt ins Büro. Die paar Stunden Sport oder Tango in der Woche reißen es auch nicht raus, vergleicht man sie mit der Anzahl der bewegungsarmen Stunden.

Was ist aus unserer Bewegungslust geworden? Vergessen? Dabei vermittelt gerade das Gegengleich-Modell spürbar beschwingten Genuss. Einfach so. Geschenkt! Auch auf dem Weg zum Auto.
Probier‘s aus! Lass deine Arme beim Gehen einfach mitschwingen, der Rest des Gestells macht liebend gern mit, bis in die Füße hinein. Das wirkt jung, elegant, lässig. Und fühlt sich prima an. Wellness to go!

Das Konzept Fuß * tangofish
Das war ein Abschnitt aus meinem neuen Buch „Konzept Fuß - Fußprobleme verstehen, bearbeiten und lösen" für Normal-Fußbenutzer mit ohne Tango.
Gugschduda: http://www.tangofish.de/_das-konzept-fuss.htm

Aber da dieser Blog ja (auch) Tango zum Thema hat, transportieren wir die aus dem Tango geklaute Idee zurück und schauen, wie du davon - speziell als Tangoist - profitierst:


Kennst du das auch? Mir haben diverse Tangolehrer in meiner Frühzeit eingebimst, dass sich der Beckengürtel niemals nicht (!) in der Horizontalebene zu bewegen hat. Schwingende Hüften gehören zum Salsa! Basta! Lediglich Beckendrehen sei erlaubt – so als wäre die Taille ein horizontal-rotierbarer Servierteller, zu nutzen bei Ochos. Dieses unumstößliche Gebot habe auch ich jahrelang artig befolgt. Meinen Hintern festgeschraubt. Und irgendwann bemerkt, dass dieses Muster unphysiologischer Blödsinn ist.

Machst du einen langen Schritt nach hinten – sagen wir mal mit rechts, muss sich natürlich deine Beckenhälfte auf dieser Seite mitbewegen! Sie ist ja quasi die Verlängerung deines Geläufs. Nur durch Anspannung der in dieser Pobacke befindlichen Muskeln bist du überhaupt in der Lage, dein Bein nach hinten zu strecken. (Drum braucht's zum Tango unbedingt Arsch in der Hose.)
Entspannst du die Hinternhälfte wieder, kommt dein Bein locker-flockig samt Popoanteil unter deine Achse und du kannst dich draufstellen. Was ganz praktisch ist, um den nächsten Schritt zu tun.
Mehrere Rückwärtsschritte hintereinander werden also dein Becken zwangsläufig in Bewegung bringen. Das Fidle wackelt. Und das ist gut so.

Am Rücken laufen Muskelzüge, die für's Gehen zuständig sind, überkreuz: von der linken Schulter zur rechten Pobacke und anschließend das rechte Bein hinab et vice versa. Nimmst du bei einem rechten Rückwärtsschritt die linke Schulter nach hinten, erlaubst du dieser Muskelkette, in ihrer ganzen Länge in Aktion zu sein. Dann arbeiten die zahlreichen vereinten Muskelgesellen zusammen, was ihnen ihren Job wesentlich erleichert: der Kraftaufwand verteilt sich auf viele. Das erlaubt dir, deine Moves wesentlich differenzierter, weicher und eleganter zu gestalten und eben nicht mehr in den Schritt hinein zu plumpsen.

Mit der Zeit wirst du es auf diese Art sogar spielend schaffen, die andere Seite ganz schnell zu entspannen. Das spart Energie für weitere Tänze.

Mir als Fastzwerg hilft diese Bewegungsidee enorm: Man wird elastisch länger, ohne die Knie duchzustrecken wie eine Ballerina. Die Verbindung – die berühmte conexión – lässt sich so sehr viel einfacher und vor allem wohliger gerade mit großen Tanzpartnern halten (siehe Video unten).
Es fühlt sich einfach verdammt gut an, so geschmeidig dahinzuschleichen – nicht nur in dir drin, sondern auch für den Führenden. Oder die Führende ;)

Was rückwärts geht, funktioniert auch vorwärts. Das normale Gehmuster wird ja auch eher in Vorwärtsrichtung genutzt. Rückwärts spazieren gehen tut in der Regel ja keiner.

Nutzt du es bei Tangoschritten nach vorn, erlaubt dir der Kreuzgang, den hinteren Fuß ganz lange am Boden zu lassen. Und siehe da! Auch hier bewegt sich das Popscherl mit auf eine äußerst knusprige Art und Weise. Obacht Geheimnisverratung: Genau da hat die Katzentatzenschleicher-Eleganz ihren Ursprung.
Freihändig getanzt, sieht das so aus:



Koste, dann weißt, wovon ich schreibe. Darfst auch die Figüren berühren, dort wo die Pfoten nicht verboten... Und La Paloma pfeifen. (Warum? Zu Recht!)


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







Quelle: Das Konzept Fuß - Fußprobleme verstehen, bearbeiten und lösen (Manuela Bößel)

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Samstag, 11. November 2017

Brennen musst du für das, was du tust!

oder "Es ist noch kein Burnout vom Himmel gefallen."


<article image> im-prinzip-tango





Kennst du diesen Satz? Im besten Yoda-Sprech? Er geistert inflationär durch die Coaching-Welt (und -Halbwelt) wie ein hochansteckender Schnupfenvirus. Bald alle, die irgendwie berühmt oder erfolgreich sein möchten, legen ihn sich zu. Und sind auch noch wahnsinnig stolz darauf.

Das Notwendigkeit des Brennens wurde (und wird) so oft gebetsmühlenartig wiederholt, dass sich die heiße Anforderung bei den Erfolgssuchenden tief eingebrannt hat. Sie ist meiner Beobachtung nach zu einem fest verankerten Glaubenssatz geworden, der auf gar keinen Fall mehr in Frage gestellt werden darf.

Für mich klingt "Brennen musst du..." allerdings eher wie eine Drohung. (Vielleicht heben auch im Hintergrund die pädagogisch unwertvollen Katzen ihre Tatzen: "Miau, Mio! Zu Hilf'! Das Kind brennt lichterloh!" Paulinchen hörte nicht. Verbrannt und tot. Ende. Aus.)


1. Brennen ist äußerst ungesund und tut sakrisch weh! 

 

Nicht mal die Gnade einer Ohnmacht ist dir im Feuer vergönnt, da dein Vegetatives Nervensystem (der Sympathikus) FLUCHT als oberste und einzige Priorität setzt. Tot stellen, wofür der Parasympathikus zuständig wäre, bringt dir ja nix, wenn du einmal Feuer gefangen hast. Das ist auf Dauer weder gesund noch effektiv.

Der gute Sympathikus, der dich auf Kampf oder Flucht einstellt, will dir zu Höchstleistungen verhelfen, zu denen du sonst wahrscheinlich nicht fähig wärst: Er pusht Puls, Blutdruck und Atemfrequenz, um dich global-optimal mit Sauerstoff zu versorgen. Hossa! Auf geht's!

"Ist doch prima? Da kann ich doch viel mehr schaffen!"
Meinst du? Nicht ganz, denn alle "nicht akut notfallrelevanten" Systeme werden gedrosselt: zum Beispiel Verdauung und Reparaturmechanismen samt Immunsystem. Die Spannung in deinen Muskeln ist wesentlich höher. Für einen kurzen Moment eine gute Sache, um dir den Absprung aus dem brennenden Haus zu erleichtern oder deinem Feind fäustisch die Nase zu zerlegen. Besser als ein Klo zu suchen oder sich um die Heilung nach Zahn-OP zu kümmern.
Und auf Dauer werden aus Spannungen Verspannungen. Beliebte Gebiete: Kiefer, Nacken, Rücken.

Unser Sympathikus kann zwar nicht genau wissen, ob eine Situation wirklich existenziell bedrohlich IST oder nur so scheint. Aber zur Sicherheit fährt er beim Thema "Brennen" lieber mal hoch: Das kennt unser Beschützer aus Urzeiten, als wir noch in stinkenden Zauselfellen begonnen haben, mit dem Feuer zu spielen.

Sympathikus' zweiter Streich: Komplizierte Gedankengänge kann er gar nicht brauchen. Die sind in lebensgefährlichen Situationen viel zu lahmarschig. Und stören. Drum gibt's ja in der Notfallmedizin diese schönen Algorithmen - einfache Handlungsanweisungen, die eine nach der anderen tumb abzuarbeiten sind.

1. Fazit: 
Brennst du, dann übernimmt der Sympathikus. Der hält Kreativität, Muße und klare Gedanken an einer sehr kurzen Leine. Ist es naiv zu glauben, dass zu Erfolg - egal in welchem Bereich - eine gute Prise genau dieser Zutaten nötig ist? Von einer stabilen Gesundheit ganz zu schweigen? Wie sollen mit dumpfen Regelwerken - anderes kannst du in diesem Modus kaum verarbeiten - eine schöne Strategie und schöne Ergebnisse entwickelt werden, die letztendlich zum Erfolg führen?

 

2. Feuer verzehrt Substanz 

 

Hast du schon einmal einem Kind geholfen, ein Streichholz anzuzünden? Das Leuchten in den Augen des kleinen Menschen gesehen, wenn sich das Hölzle magisch verwandelt hat - geschrumpft zu etwas Verkohltem, gekrönt von einem warmen Licht? Und dann, wenn das Material aufgebraucht ist, geht das Flämmchen einfach aus. Ein Dings wurde zu Energie. Und die ist schneller fort, als du schauen konntest.

"Moment mal!", wirfst du ein. "Ein bissel Feuer ist doch gut! Das wärmt, spendet Licht und grillt mein Wildschwein gar. So ist's leichter verdaulich."
Dann verzehrt sich aber deine Grillkohle. Nicht du.
Brennst du aber selber, wirst du schwer in der Lage sein, den Brand zu kontrollieren. Vor allem, wenn du an beiden Enden brennst.
Dann brennst du nämlich aus. Deine Energie ist fort. DU bist fort. Burnout.


3. Feuer ist eine gefährliche Sach'! 

 

Der Umgang mit Feuer ist selbst für Experten schwierig. Um zu vermeiden, dass die Umgebung unkontrollierbar mitbrennt, und das kann ganz schön fix gehen, sind viel Erfahrung sowie Schutzmaßnahmen zwingend. Einen Gasherd zündest du nur einmal mit offenen, langen Haaren an. Oder schau dich mal in einem Chemielabor um, was da alles installiert wurde, um Brände zu verhindern oder zu löschen! Obwohl kontrolliertes Zündeln in dieser Branche zur Stellenbeschreibung gehört.

Sind die "Du musst brennen!"-Gurus und Guruinnen nie an einem echten Analog-Lagerfeuer gesessen? Mit Funkenflug und Brandlöchern im Kittel? Sind das alles Städterer, die nie einen Holzofen angeschürt haben? Die als Kinder - achtsam, wie sie sind - nie mit ihren Martins-Laternen gezündelt haben? Und nie die Pfoten verbrannt? Nie die Haare angesengt? Digital-Feuer, wie du sie bei Youtube zuhauf findest, sind NICHT geeignet, brennende Erfahrungen zu machen.


4. Brennen musst du für das, was du tust! 

 

Die Aussage im Ganzen gruselt mich noch mehr. Geht's noch? Echt der Hammer! Früher der "Hexenhammer". Da wird Strafandrohung, eine Foltermethode als Motivation verkauft. Das soll gut sein? Da sollen Erfolge folgen?



Ich will nicht brennen.

 

Lieber will ich in Ruh' meine Arbeit machen.
Mit kühlem, zufriedenem Geist in komplizierten Gedankengebäuden promenieren und selber welche bauen. Mit klarem Kopf planen. Zeit und Muße haben, auch einen brandgeschützten Raum für Inspiration und Kreativität. Dem anderen Part des Vegetativen Nervensystems - dem Parasympathikus - seine Arbeit erlauben, auch ausruhen, gesund bleiben. Mich auf andere Menschen einstellen. Herzenswärme lässt sich nur erzeugen, wenn man gerade mal nicht brennt.
Einfach meine Substanz behalten. Ich bleiben. Lieber ein Lichtlein im Tango anzünden. Das wärmt Herz und Gemüt. Selber brennen ist nicht nötig.


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel









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Samstag, 21. Oktober 2017

Die gute, alte "Sexismus am Arbeitsplatz"-Debatte

eine subjektive Stellungsnahme mit ohne Hashtag#metoo


<article image> blogpost tangofish



Wieder ein neuer Artikel zum alten Thema, und ich frage mich ganz ehrlich und irritiert, warum sich die Empörung nur sauber reflektiert in meinem Hirn zeigt statt auch mein Herz aufzuwühlen wie bei anderen Ungerechtigkeitsthemen. Dass den Damen auf so mancher Milonga regelrecht verboten wird, einen Tänzer aufzufordern zum Beispiel – da geh ich innerlich an die Decke, Blutdruck und Atemfrequenz steigen, Muskeln spannen sich kampfbereit. Höre ich die Schilderungen und Forderungen aus dem genannten Artikel, stellt sich bei mir nur ein emotional gleichgültiges „Ja mei, kommt halt drauf an...“ ein, obwohl ich versuche, adäquaten Zorn hervorzupumpen. Und das gibt mir schon zu denken. Ich bin doch so emanzipiert...

Mein Großhirn stimmt den Thesen durchaus zu: 

Ja, es ist zum Kotzen, dass Frauen schlechter bezahlt werden. Ja, es ist zum Kotzen, dass Frauen schlechtere Aufstiegschancen haben.


Das kann aber viele verschiedene Gründe haben. Undifferenzierte Globalbetrachtungen bringen nicht weiter.

„Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ ist ein toller Spruch, allerdings in manchen Branchen (wie der Pflege etwa) ein Hohn, da dort eh fast nur Frauen arbeiten. Die Bezahlung im Sozialsektor ist unterirdisch. Der Grund, warum Männer in diesen Bereichen nicht mitspielen? Oder würde auf sozialen Arbeitsfeldern eine Männerquote helfen? Irgendjemand muss doch diese Arbeit am Menschen leisten! Können wir – Männer und Frauen – das nicht gemeinsam tun und einigermaßen annehmbar verdienen? Ansonsten hilft nur Branchenwechsel.

Heute wird uns Frauen zwar lang und breit das Märchen von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf vorgelogen, das aber nur sehr, sehr wenige PrivilegiertInnen mit entsprechend geldigem Background im echten Leben umsetzen können. Das ist wie mit dem Prinzen auf dem Schimmel...
Der Rest findet sich in der hübschen, logischen, gewohnt-normalen Folge: Daheim bleiben bei den Kindern bedeutet konkret weniger Jahre im Beruf, um Erfahrung und Kompetenzen zu sammeln, was natürlich die Karriere- samt Verdienstmöglichkeiten beschneidet. Während die Männer beruflich reifend und frei von „kindlichem Ballast“ an ihnen vorbeiziehen und aufsteigen. Dazu müssen die Herren der Schöpfung nicht mal besonders ehrgeizig sein, sie sind halt einfach DA! In der Firma.

Die Frauen gehen, solange der Nachwuchs klein ist, oft in Teilzeit. Nicht freiwillig, sondern weil sie müssen. Irgendjemand muss sich ja um die Kinder kümmern. Soweit ich das im Bekanntenkreis beobachte, sind es eben nur in Ausnahmefällen auch die Väter.  (Dafür werden sie als Superhelden gefeiert, aber das ist ein anderes Thema.) Ist Teilzeit in der bisherigen Firma nicht möglich, bleiben oft nur schlecht bezahlte Aushilfsjobs, die im Lebenslauf auch nicht gerade karriereförderlich daherkommen. Aber zumindest ein bissel Kohle bringen. Vom Elend vieler Alleinerziehender will ich gar nicht erst anfangen. Oder von den Rentenansprüchen...

Ich erlebe immer wieder, dass Frauen nicht mal ihre Arbeitsverträge durchlesen, bevor sie unterschreiben, geschweige denn einen Überblick über ihre und die familiären Finanzen haben. Dazu fehlt oft die Traute, hart zu verhandeln, als wäre die Forderung nach einer gerechten Entlohnung etwas Unanständiges.

Frauen scheinen meiner Erfahrung nach dazu zu neigen, den Geldwert ihrer Leistungen wesentlich niedriger einzuschätzen als Männer das tun. Willst du günstiger heilpraktisch oder sonstwie therapeutisch behandelt werden, geh zu einer Frau.

Manche meiner Geschlechtsgenossinen wollen zwar so viel wie die Männer verdienen, sich aber nicht dafür anstrengen. Aber a bissele Biss braucht's halt schon. Vielleicht doch mal fortbilden, umziehen, pendeln, (kinderlos) eine 40-Stunden Woche in Kauf nehmen, hm?

Und manchmal gibt es halt keinen anderen Grund für die Höhe der Entlohnung als das Geschlecht des Arbeitnehmers. Und das geht gar nicht! Hier lohnt es sich wirklich zu kämpfen.


Die Abwertung von Frauen im Beruf


Auch wenn mich meine Geschlechtsgenossinnen gleich teeren und federn werden, muss ich's loswerden: Manchmal seid ihr selber schuld, wenn euch keiner ernst nimmt! 

Mit Häschenblick und Fieselstimmchen einen Antrag vor versammelter Männerhorde durchzubringen ist illusorisch! Sagt ihr im Beruf auch (wie im Tango, wenn ihr aufgefordert werdet): „Ich bin fei noch Anfängerin. Willst du dir das wirklich antun?“
Oder die Damen, die sofort reflexartig „Jawoll“ nicken und umsetzen, nur weil ein Mann das angeschafft hat? Weil Männer sind ja so gescheit. Da wird der Plan – und sei er noch so bescheuert – vor den Kolleginnen verteidigt, durchgekämpft mit sieben Messern wie vom Räuber Hotzenplotz. Blut wird fließen, aber ich schwöre – nicht das des männlichen Vollpfostens.
Der ständige Rechtfertigungsdrang ist auch nicht gerade förderlich, wenn man ernst genommen werden möchte. Deinen Chef interessiert es nicht, ob deine Katze Diabetes hat oder im Kindergarten das Kürbisfest ansteht. Und den männlichen Kollegen lieferst du mit solchen Aussagen eine Steilvorlage für „Frauen können's halt nicht besser, so emotional, wie die sind.“

Ist euch bewusst, welche Kultur ihr da pflegt?
Die Frauen, die einfach nur professionell ihre Arbeit tun möchten, leiden unter euren Verhaltensweisen! HIER wäre weibliche Loyalität angebracht.

Sexuelle Anzüglichkeiten


Wenn ihr aufgebrezelt im Miniröckelein stöckelbeschuht am Kollegentisch vorbeiwackelt, müsst ihr halt mit anzüglichen Kommentaren rechnen. Das ändert sich nie, alte Krankenschwesternerfahrung. Sogar wenn einer nimmer selber bieseln – geschweige denn stehen – kann, probiert er's. Und Schwesternkittel sind nun wirklich nicht der Erotik letzter Schluss. Wohl wissend zwar, dass (wahrscheinlich?) nix geht, aber sportlich gesehen will Mann wohl in Übung bleiben. Wofür ist mir zwar nicht klar, aber das ist halt so ein Männerding. In der Konstellation „knuspriger Pfleger – betagte Dame“ konnte ich nie Vernaschungsversuche beobachten. (Außer, es wurden bestimmte Narkosemittel verabreicht. Dann könnte es passieren, dass Madame im Rauschzustand den Krankenbruder rollig anschnurrt.)

Gegen sexuell gefärbte anzügliche Übergriffe hilft nur – egal ob in Minirock, Pflegekittel oder Blaumann – ganz direkt gutmenschsprechfrei kontern. Möglichst in Zwei-Wort-Sätzen wie „Pfoten weg!“ Dann sind die Kerle im ersten Moment ein wenig verstört, aber selten beleidigt.


Wenn aber Macht und Sex zusammenspielen, 


kommen wir  in höchst problematische Zonen. Das lässt sich nicht mehr mit einfachen Sprüchlein abwenden. Trotzdem frage ich mich, ob sich der Prozess nicht schon im Vorfeld angedeutet haben könnte? Etwa so, wie wenn eine Frau eine Beziehung mit einem routinierter Verzupfer (Seitenspringer) eingeht und meint, sie könne ihn ändern: „Bei mir wird er treu sein“  – mit rosaroten Herzerln in den Pupillen.

In der klassischen Kombination „Chef und abhängig Angestellte“ sind die Chancen gewaltig, dass die Frau verliert: Ansehen, Geld, Arbeitsplatz, Karrierechancen... Vom Schaden am Selbstbild ganz zu schweigen, der zusätzlich von Frauen-Vorwürfen „Sie hat es doch provoziert“ genährt wird. Und jetzt werde ich doch richtig grantig: Denn egal, ob sie hätte ahnen können, worauf sie sich einlässt oder nicht, solche feudalherrschaftlichen Verhaltensweisen sind echt das Letzte. Und es gibt inzwischen genug Männer, die diese krassen Spitzen ebenso verurteilen.

Dagegen können wir nur gemeinsam anstinken – Männer UND Frauen. Und vielleicht sind die Männer dann eher bereit, selber was im Kleinen, im persönlichen Umfeld – beruflich und privat – zu Gunsten der Frauen zu ändern. Denn genau dort im Fußvolk, in der „normalen“ Umgangskultur zwischen uns allen, ist der gesellschaftliche Nährboden für solche grauslichen Einzel(?)-Auswüchse. Das gilt auch für das Miteinander im Tango!

Interessant dazu die männliche bzw. "Jungs-" Sichtweise, siehe hier: http://www.jetzt.de/maedchenfrage/jungs-was-macht-der-hashtag-metoo-mit-euch


Fazit:


Wenn wir gesellschaftlich die Stellung der Frauen verbessern wollen, müssen sich meiner Meinung nach alle bewegen. Und da die Männer momentan verständlicherweise etwas weniger motiviert sind, manche ihrer Privilegien aufzugeben, dürfen wir sie ein bissel nerven, niedrig dosiert mit Retardwirkung über einen langen Zeitraum. Darin sind wir doch routiniert. Aber besser auf den Geist gehen mit ernst zu nehmendem (erwachsenem) Verhalten, wohldosiertem Gendersprech und sachlichem, auf genau den Mann, mit dem wir es gerade zu tun haben, zugeschnittenen Inhalten statt Gejammer.

Wie siehst du das?

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel

P.S. Aus männlicher Sicht auf das Thema schreiben gerade meine Blogger-Kollege Peter Ripota:
http://ya0m.r.bh.d.sendibt3.com/33jgwvw17fl.html

und Gerhard Riedl: http://milongafuehrer.blogspot.de/2017/10/haschmich-tags.html








Um diesen Artikel geht es (Jeanette Gusko am 19.10.2017 auf Xing)
https://www.xing.com/news/klartext/wie-oft-mussen-wir-frauen-noch-offentlich-aufschreien-2171

* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?

* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Von einem, der auszog, sich nicht fürchten zu lernen

Ein Gastbeitrag von Uwe N. Philipp


<article image> im prinzip tango: uwe n. philipp
Fotograf, Protagonist und Porträtierter: Uwe N. Philipp
Er war ein furchtbarer Zauderer, mein alter Freund Uwe. Bis er vor zweieinhalb Jahren beschloss, sich auf seine Lieblingsaktivitäten - Fotografieren und Fahrradeln - zu beschränken. Allerdings nicht im räumlichen Sinne: Mit Minimalgepäck tourt er seitdem durch die Welt, zauberhafte Bilder, Geschichten und Begegnungen sammelnd. Ob er dabei lernt, sich nicht mehr zu fürchten? Ich weiß es nicht. Und vielleicht sind seine Erfahrungen während der Besteigung eines sehr(!) hohen(!) Berges eh viel wertvoller als ein Sack voll Gold und die Tochter des Königs...

Bühne frei für Uwe N. Philipp
*****


HUAYNA POTOSI..... Die Geschichte


Vor einem Jahr las ich von einem Berg in Bolivien, der einer der am einfachsten zu besteigenden Sechstausender sei. Ich googelte nach Bildern, war voller Begeisterung und schrieb Momo, ob wir ihn nicht gemeinsam angehen wollen.
Als ich letztens am Titicacasee über eine Kuppe radelte, sah ich ihn in der Ferne aufragen. Welch ein Berg! Ich hatte bereits Wochen zuvor geplant, mit dem Bike bis zur Passhöhe zu fahren, dort zu zelten und den Anblick zu genießen. Im Grunde sind Berge meist von etwas Entfernung am schönsten.
In La Paz fand ich in Carlos einen Ingenieur, der das "Nicht-Reparierbare" reparieren konnte, meinen Bremshebel. Glücklich über diesen Umstand brachte ich ihm meinen zweiten, schon lange defekten, ebenfalls. Doch Carlos hatte viel zu tun und ich musste weitere Tage in La Paz bleiben.
Für mich ist so etwas ein Wink.

Ich ging in eine der vielen Bergsteigeragenturen und fragte nach dem Preis für die Besteigung. 85 € für zwei Tage inklusive Ausrüstung und Vollpension, 115 € für drei Tage plus einem Gletscher-Training. Der Bergführer war mir sympathisch, und ich buchte für zwei Tage. Als ich später mit dem Geld kam, dachte ich mir, das Leben ist so schön, und buchte den Kurs mit. Drei Tage, easy einen Sechstausender hinauf.

Als ich wenig später durch die Straßen lief, dachte ich: "Du spinnst, Uwe!"

Samstagmorgen, Treffpunkt Agentur, Ausrüstungsübergabe. Bergstiefel, Steigeisen, Eispickel, Anorak und Überhose. Am Gipfel wird es -15°C haben. MINUS 15°C, bei mir steigt Unsicherheit auf. Habe ich genügend Warmes eingepackt? Meine Antwort ist Nein!
Wir beladen das Auto, und los geht es zum Pass. Wir werden zu dritt sein, Eliseo, der Bergführer und Marco, ein etwa 30-jähriger Tourist. Hinzugesellt hat sich Felix, ein erfahrener Alpinist aus Argentinien, der den Gipfel solo erklimmen will.

Bin ich heilfroh, dass ich dort nicht mit dem Bike hinauffahre, so steil und übel ist die Steinpiste. Irgendwann taucht er auf, der Huayna Potosi.
Oh my Lord, wie schön.
"Wenn ich dort sterbe oder jetzt in diesem Augenblick, ich werde glücklich und voller Freude sein".
Es ist wichtig, dass ihr es wisst!

Auf der Passhöhe (~4.900 m) stehen einige Berghütten, in einer nehmen wir Quartier.

Im Eck stehen zwei Fahrräder! Sie gehören einem spanischen Ehepaar, Mitte 50, weltreiseerfahren und für ein paar Monate in Bolivien und Chile unterwegs. Sie ließen ihr Gepäck hochfahren und strampelten hinterher. Morgen werden sie den Gipfel besteigen. Wow!

Nach dem Mittagessen wird gepackt, und nach zirka einer Stunde erreichen wir eine Gletscherzunge, um das Gehen im Eis zu üben. (Um das mal so ganz nebenbei anzumerken, das ist höher als der höchste Berg Europas.) Den Eispickel in das Eis zu schlagen und sich daran hochzuziehen ist spürbare Arbeit.
Das Training ist erfolgreich absolviert, und es geht, vorbei an einer Gruppe Einheimischer, die eine Zeremonie zu Ehren Pachamamas abhalten, zurück zur Hütte.

Wie geil dieses Eis funkelte und die Sonne auf der Haut brannte! Ich bin so happy.

Die Nacht ist nicht so ganz entspannt, einer der Zimmergenossen sägt stapelweise Holz. 😉
Mein Wecker steht auf 6:00, ich will unbedingt den Sonnenaufgang erleben. Es ist einfach unbeschreiblich, wenn das nachtschwarze Blau in das zunächst kalte Rot und dann in das warme Gelb-Orange übergeht. Und die beißende Kälte von der Wärme der Sonne vertrieben wird.

Hoch oben am Gletscher, in der Aufstiegsspur sehe ich zwei, drei Menschen gehen. Abwärts! Hoffentlich ist nichts geschehen. Es ist 6:30, um diese Zeit müssten sie eigentlich am Gipfel stehen.

Der Vormittag ist zur freien Verfügung. Das spanische Ehepaar kehrt zurück, leere Blicke, ein karges Bon Dia. Erst später erfahre ich, was geschah. Sie litt unter der Höhenkrankheit und blieb im Hochlager, er entzog an einer heiklen Stelle dem Bergführer das Vertrauen und kehrte um. Ende eines Plans. Bei mir grummelt es.

Der Aufstieg nach dem Mittagessen hinauf zum Hochlager auf 5130 m soll 2,5 Stunden dauern. Ich bin nach 1,5 Stunden oben. Wolken ziehen auf, es stürmt, ist eiskalt. Von Unsicherheit zu sprechen, wäre jetzt untertrieben!

Wir werden morgen nicht die einzigen Berggeher sein, ich zähle etwa 30 andere Aspiranten.

Um 17:00 gibt es Abendessen, 0:00 ist Wecken, 1:30 Aufbruch. Letzte Anweisungen zum Anziehen: Zwei Paar Socken, Leggins, Trekking-Hose und Überhose, zwei Unterhemden, Vliesjacke und Gore-Tex-Anorak, zwei Paar Handschuhe, Gesichtsschutz.

Zum Glück sind wesentlich weniger Holzstapel abzuarbeiten gewesen.😉 Dafür rumort mein Bauch.
Auf meiner Hütte sind noch ein Spanier mit seinem Freund und deren Guide. Als ich so nachts ihre Ausrüstung sehe, alles vom Feinsten, ihre Gipfelerfolge höre, wird es mir ganz anders. Eisäxte, Thermoklamotten und blitzende Steigeisen. Und ich sehe noch etwas anderes, Blisterverpackungen werden hervorgeholt und irgendwelche Tabletten eingeschoben. "Oh, Uwe!" Ich bekomme das Frühstück kaum hinunter.

Aber jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, die Stirnlampe wird eingeschaltet, der Rucksack geschultert, nochmal gepinkelt, auch wenn nichts mehr kommt. 😉
Der Sturm hat sich gelegt, die Sterne funkeln und der Fast-Vollmond erleuchtet den Schnee. Nach 10 Minuten erreichen wir den Gletscher, jetzt wird es ernst. Vor uns sieht man die einzelnen Seilschaften den Weg mit ihren Lampen erhellen, ein epischer Anblick, lauter Abenteurer auf ihrem Weg. (Habe wohl zu viel Luis Trenker gesehen! 😉)

Erste Belastungsprobe nach einigen Minuten, der Schnee ist zuende, es geht ein Stück bergab über Steinblöcke. Das ist mehr ein Eiertanz als Kür. Und dieser Stahl auf Fels ist ein quälendes Geräusch. Doch schon bald erklingt wieder die Musik des tiefgefrorenen Schnees, Eiskristalle funkeln, kontinuierlich geht es bergauf, die Zacken schlagen sich in das vereinzelte Eis.
Irgendwann verschwindet der Mond hinter einem Bergrücken und es wird kalt, richtig kalt. Ich fröstele am ganzen Rücken.

War es bisher einfach nur gehen, geht es nun plötzlich einen Absatz, auch wenn nur kurz, um die 70° hinauf. Und immer wieder dieses Eis, nicht immer gelingt es mir, den Eispickel auf Anhieb so zu verankern, dass ich mich daran hochziehen kann. Zum Glück hält Eliseo das Seil straff gespannt. Mein Herz rast, jede Bewegung ist so anstrengend, dass ich eine Verschnaufpause brauche.

Die Überschrift für meinen Bericht steht fest: Mein erster Sechstausender... und mein letzter!

Ab und an kommen uns zwei, drei Leute entgegen, gezeichnet von Erschöpfung und Enttäuschung.

Gut 2,5 Stunden sind vergangen, und Eliseo meint, wir hätten die Hälfte geschafft und nun werde es wieder leicht. Wir sind auf 5.600 m. Das Gehen fällt mir wieder leichter, ich bin der letzte der Seilschaft und zu schnell! Immerwieder rücke ich zu Marco auf, muss stoppen, das ist nicht gut. Das langsamer Sein gelingt mir kaum.

5.800 m, noch 300 Höhenmeter bis zum Ziel. Ich knicke förmlich ein. Es ist nicht die Pulsfrequenz noch der Atemrhythmus. Es ist das Gefühl, keine Kraft mehr entwickeln zu können, weder in Beinen noch in Armen. Auch fällt mir auf, dass ich keine Sätze mehr formulieren kann. Alarmstufe Orange! Ich suche mir bereits einen Platz, an dem ich warten kann auf die Rückkehr der Gefährten. Ich will ja nicht, dass Marco wegen mir nicht oben ankommt.

Eliseo verlangsamt das Tempo, nimmt mich in die Mitte des Seils. Es geht besser. Ich habe zwar fast zwei Liter Flüssigkeit dabei, doch die sind beinahe zu Eis gefroren und unterstützen mich nicht wirklich (Anfänger!).

Am Horizont kündigt sich der neue Tag an, wir werden es nicht bis zum Gipfel bei Sonnenaufgang schaffen. Wegen mir.

Kurz unterhalb der 6000 Meter-Marke verschlägt es mir dann den Atem. Die letzten 100 Höhenmeter, etwa eine Stunde lang, geht es steil einen Grat hinauf zum Gipfel. Jetzt kommt zu der Erschöpfung Angst, pure Angst! Links und rechts geht es auf Nimmerwiedersehen hinunter. Aber hier kann ich in Sicherheit bleiben und warten. Ich teile es dem Bergführer mit. Listo, nichts geht mehr!
Er lächelt, schaut mich an und sagt: "Go, du schaffst es." Und Felix wiederholt unermüdlich: "Breath deep!"

Wie gerne würde ich jetzt schreiben, dass ein Strahlen in meinen Augen blitzte, ich das Ziel fokussierte und voller Wagemut und Vertrauen den Gipfel erstürmte.
Nichts davon wäre wahr. Stattdessen kämpfte ich den Kampf zwischen Selbstverantwortung, sprich Abbruch, und Selbstmotivation und damit Überschreiten einer vielleicht nur mental existierenden Grenzlinie.

Ok, weiter, never give up, du packst das, und all die anderen dummen Appelle.

Die Sonne ist aufgegangen und taucht die bizarre, vom Wind geformte Schneelandschaft in morgendliches Orange. Die Kamera kann ich nicht halten, doch diesen Anblick werde ich nie mehr vergessen, er brennt sich in jede meiner Poren.

Mit einer Mischung aus Mut, Angst und vor allem Vertrauen in Eliseo kämpfe ich mich hinauf auf 6088 m. Oben auf dem Schneegipfel setze ich mich nur hin und bekomme kaum etwas mit. Ich sehe andere in Siegerpose, sich umarmen, sich gegenseitig mit Fahnen fotografieren.

Felix gratuliert mir, ich sei für ihn ein Vorbild, das er immer in Erinnerung behalten werde.

Und ich kann es nicht genießen, ich bin so hoch oben und kann es nicht genießen!

Mein letzter Sechstausender!!!

Hinunter muss ich als erster. Wieder dieser Grat und der sichere Zug am Seil. Je weiter wir nach unten kommen, desto besser geht es mir. Die Zeit drängt, durch die extrem starke Sonneneinstrahlung droht Steinschlag und Eisbruch. Jetzt erst sehe ich die tiefen Gletscherspalten, über die ich in der Nacht gesprungen bin und die mich nun erschaudern lassen.

Welch eine Welt hier im Eis, wie froh bin ich, es gewagt zu haben!
Die Steilpassage wird nochmal eine Herausforderung, mir fehlt es an Kraft. In der Hütte gibt es eine heiße Suppe, und gegen Mittag sind wir zurück am Basecamp. Ein Taxi bringt uns zurück nach La Paz.

Die beiden spanischen Bergsteiger, Felix und ich laden Eliseo und seinen Bruder noch zum Essen ein. Marco ist so kaputt, dass er nur noch schlafen will.

Eine erste Selbstanalyse meiner Schwierigkeiten erfolgt. Was werde ich das nächste mal besser machen. Und plötzlich ist keine Rede mehr von "mein letzter Sechstausender". 😉

Und immerhin: Gerade mal die Hälfte der Aspiranten kam oben an, und die waren fast alle halb so alt wie ich.

Mit dem Begriff Stolz habe ich schon immer meine Schwierigkeiten. Und so kann ich auch hier nicht sagen, ich bin stolz auf meine Leistung. I did it und ich bin dankbar dafür, das reicht.

Als ich eine Woche später La Paz verlasse und schon einige Kilometer auf dem Altiplano unterwegs bin, drehe ich mich noch einmal um und sehe ihn in aller Pracht. Langsam beginne ich zu begreifen, was da so alles geschah.

P.S. Während ich dies schreibe, sitze ich am Fuße des Sajama, dem mit 6542 m höchsten Berg Boliviens. Ein traumhaft schöner Berg. Acht Stunden sind es vom Hochlager bis zum Summit. Ein wirklich schöner Berg. Ich meine ja nur...

Keine Sorge, der Hurrikan in der Karibik schickt seine Ausläufer bis hierher, es stürmt und schneit. Und ich kenne meine derzeitige Grenze: 6088 m.
*****

Merci für diese anrührend ehrliche Geschichte! Alles Gute, tapferer Reisender!

... und da machen sich diverse Tangotänzer in die Hose, wenn sie mal eine Frau (wesentlich kleiner und wärmer als 6000 Meter-Gipfel) auffordern sollen? Es heißt doch: "Wer Tango tanzen kann, braucht sich vor nix mehr zu fürchten." Oder?

Wer Uwes Weg weiterverfolgen möchte, kann das hier tun:
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Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel









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