Samstag, 11. November 2017

Brennen musst du für das, was du tust!

oder "Es ist noch kein Burnout vom Himmel gefallen."


<article image> im-prinzip-tango





Kennst du diesen Satz? Im besten Yoda-Sprech? Er geistert inflationär durch die Coaching-Welt (und -Halbwelt) wie ein hochansteckender Schnupfenvirus. Bald alle, die irgendwie berühmt oder erfolgreich sein möchten, legen ihn sich zu. Und sind auch noch wahnsinnig stolz darauf.

Das Notwendigkeit des Brennens wurde (und wird) so oft gebetsmühlenartig wiederholt, dass sich die heiße Anforderung bei den Erfolgssuchenden tief eingebrannt hat. Sie ist meiner Beobachtung nach zu einem fest verankerten Glaubenssatz geworden, der auf gar keinen Fall mehr in Frage gestellt werden darf.

Für mich klingt "Brennen musst du..." allerdings eher wie eine Drohung. (Vielleicht heben auch im Hintergrund die pädagogisch unwertvollen Katzen ihre Tatzen: "Miau, Mio! Zu Hilf'! Das Kind brennt lichterloh!" Paulinchen hörte nicht. Verbrannt und tot. Ende. Aus.)


1. Brennen ist äußerst ungesund und tut sakrisch weh! 

 

Nicht mal die Gnade einer Ohnmacht ist dir im Feuer vergönnt, da dein Vegetatives Nervensystem (der Sympathikus) FLUCHT als oberste und einzige Priorität setzt. Tot stellen, wofür der Parasympathikus zuständig wäre, bringt dir ja nix, wenn du einmal Feuer gefangen hast. Das ist auf Dauer weder gesund noch effektiv.

Der gute Sympathikus, der dich auf Kampf oder Flucht einstellt, will dir zu Höchstleistungen verhelfen, zu denen du sonst wahrscheinlich nicht fähig wärst: Er pusht Puls, Blutdruck und Atemfrequenz, um dich global-optimal mit Sauerstoff zu versorgen. Hossa! Auf geht's!

"Ist doch prima? Da kann ich doch viel mehr schaffen!"
Meinst du? Nicht ganz, denn alle "nicht akut notfallrelevanten" Systeme werden gedrosselt: zum Beispiel Verdauung und Reparaturmechanismen samt Immunsystem. Die Spannung in deinen Muskeln ist wesentlich höher. Für einen kurzen Moment eine gute Sache, um dir den Absprung aus dem brennenden Haus zu erleichtern oder deinem Feind fäustisch die Nase zu zerlegen. Besser als ein Klo zu suchen oder sich um die Heilung nach Zahn-OP zu kümmern.
Und auf Dauer werden aus Spannungen Verspannungen. Beliebte Gebiete: Kiefer, Nacken, Rücken.

Unser Sympathikus kann zwar nicht genau wissen, ob eine Situation wirklich existenziell bedrohlich IST oder nur so scheint. Aber zur Sicherheit fährt er beim Thema "Brennen" lieber mal hoch: Das kennt unser Beschützer aus Urzeiten, als wir noch in stinkenden Zauselfellen begonnen haben, mit dem Feuer zu spielen.

Sympathikus' zweiter Streich: Komplizierte Gedankengänge kann er gar nicht brauchen. Die sind in lebensgefährlichen Situationen viel zu lahmarschig. Und stören. Drum gibt's ja in der Notfallmedizin diese schönen Algorithmen - einfache Handlungsanweisungen, die eine nach der anderen tumb abzuarbeiten sind.

1. Fazit: 
Brennst du, dann übernimmt der Sympathikus. Der hält Kreativität, Muße und klare Gedanken an einer sehr kurzen Leine. Ist es naiv zu glauben, dass zu Erfolg - egal in welchem Bereich - eine gute Prise genau dieser Zutaten nötig ist? Von einer stabilen Gesundheit ganz zu schweigen? Wie sollen mit dumpfen Regelwerken - anderes kannst du in diesem Modus kaum verarbeiten - eine schöne Strategie und schöne Ergebnisse entwickelt werden, die letztendlich zum Erfolg führen?

 

2. Feuer verzehrt Substanz 

 

Hast du schon einmal einem Kind geholfen, ein Streichholz anzuzünden? Das Leuchten in den Augen des kleinen Menschen gesehen, wenn sich das Hölzle magisch verwandelt hat - geschrumpft zu etwas Verkohltem, gekrönt von einem warmen Licht? Und dann, wenn das Material aufgebraucht ist, geht das Flämmchen einfach aus. Ein Dings wurde zu Energie. Und die ist schneller fort, als du schauen konntest.

"Moment mal!", wirfst du ein. "Ein bissel Feuer ist doch gut! Das wärmt, spendet Licht und grillt mein Wildschwein gar. So ist's leichter verdaulich."
Dann verzehrt sich aber deine Grillkohle. Nicht du.
Brennst du aber selber, wirst du schwer in der Lage sein, den Brand zu kontrollieren. Vor allem, wenn du an beiden Enden brennst.
Dann brennst du nämlich aus. Deine Energie ist fort. DU bist fort. Burnout.


3. Feuer ist eine gefährliche Sach'! 

 

Der Umgang mit Feuer ist selbst für Experten schwierig. Um zu vermeiden, dass die Umgebung unkontrollierbar mitbrennt, und das kann ganz schön fix gehen, sind viel Erfahrung sowie Schutzmaßnahmen zwingend. Einen Gasherd zündest du nur einmal mit offenen, langen Haaren an. Oder schau dich mal in einem Chemielabor um, was da alles installiert wurde, um Brände zu verhindern oder zu löschen! Obwohl kontrolliertes Zündeln in dieser Branche zur Stellenbeschreibung gehört.

Sind die "Du musst brennen!"-Gurus und Guruinnen nie an einem echten Analog-Lagerfeuer gesessen? Mit Funkenflug und Brandlöchern im Kittel? Sind das alles Städterer, die nie einen Holzofen angeschürt haben? Die als Kinder - achtsam, wie sie sind - nie mit ihren Martins-Laternen gezündelt haben? Und nie die Pfoten verbrannt? Nie die Haare angesengt? Digital-Feuer, wie du sie bei Youtube zuhauf findest, sind NICHT geeignet, brennende Erfahrungen zu machen.


4. Brennen musst du für das, was du tust! 

 

Die Aussage im Ganzen gruselt mich noch mehr. Geht's noch? Echt der Hammer! Früher der "Hexenhammer". Da wird Strafandrohung, eine Foltermethode als Motivation verkauft. Das soll gut sein? Da sollen Erfolge folgen?



Ich will nicht brennen.

 

Lieber will ich in Ruh' meine Arbeit machen.
Mit kühlem, zufriedenem Geist in komplizierten Gedankengebäuden promenieren und selber welche bauen. Mit klarem Kopf planen. Zeit und Muße haben, auch einen brandgeschützten Raum für Inspiration und Kreativität. Dem anderen Part des Vegetativen Nervensystems - dem Parasympathikus - seine Arbeit erlauben, auch ausruhen, gesund bleiben. Mich auf andere Menschen einstellen. Herzenswärme lässt sich nur erzeugen, wenn man gerade mal nicht brennt.
Einfach meine Substanz behalten. Ich bleiben. Lieber ein Lichtlein im Tango anzünden. Das wärmt Herz und Gemüt. Selber brennen ist nicht nötig.


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel









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Samstag, 21. Oktober 2017

Die gute, alte "Sexismus am Arbeitsplatz"-Debatte

eine subjektive Stellungsnahme mit ohne Hashtag#metoo


<article image> blogpost tangofish



Wieder ein neuer Artikel zum alten Thema, und ich frage mich ganz ehrlich und irritiert, warum sich die Empörung nur sauber reflektiert in meinem Hirn zeigt statt auch mein Herz aufzuwühlen wie bei anderen Ungerechtigkeitsthemen. Dass den Damen auf so mancher Milonga regelrecht verboten wird, einen Tänzer aufzufordern zum Beispiel – da geh ich innerlich an die Decke, Blutdruck und Atemfrequenz steigen, Muskeln spannen sich kampfbereit. Höre ich die Schilderungen und Forderungen aus dem genannten Artikel, stellt sich bei mir nur ein emotional gleichgültiges „Ja mei, kommt halt drauf an...“ ein, obwohl ich versuche, adäquaten Zorn hervorzupumpen. Und das gibt mir schon zu denken. Ich bin doch so emanzipiert...

Mein Großhirn stimmt den Thesen durchaus zu: 

Ja, es ist zum Kotzen, dass Frauen schlechter bezahlt werden. Ja, es ist zum Kotzen, dass Frauen schlechtere Aufstiegschancen haben.


Das kann aber viele verschiedene Gründe haben. Undifferenzierte Globalbetrachtungen bringen nicht weiter.

„Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ ist ein toller Spruch, allerdings in manchen Branchen (wie der Pflege etwa) ein Hohn, da dort eh fast nur Frauen arbeiten. Die Bezahlung im Sozialsektor ist unterirdisch. Der Grund, warum Männer in diesen Bereichen nicht mitspielen? Oder würde auf sozialen Arbeitsfeldern eine Männerquote helfen? Irgendjemand muss doch diese Arbeit am Menschen leisten! Können wir – Männer und Frauen – das nicht gemeinsam tun und einigermaßen annehmbar verdienen? Ansonsten hilft nur Branchenwechsel.

Heute wird uns Frauen zwar lang und breit das Märchen von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf vorgelogen, das aber nur sehr, sehr wenige PrivilegiertInnen mit entsprechend geldigem Background im echten Leben umsetzen können. Das ist wie mit dem Prinzen auf dem Schimmel...
Der Rest findet sich in der hübschen, logischen, gewohnt-normalen Folge: Daheim bleiben bei den Kindern bedeutet konkret weniger Jahre im Beruf, um Erfahrung und Kompetenzen zu sammeln, was natürlich die Karriere- samt Verdienstmöglichkeiten beschneidet. Während die Männer beruflich reifend und frei von „kindlichem Ballast“ an ihnen vorbeiziehen und aufsteigen. Dazu müssen die Herren der Schöpfung nicht mal besonders ehrgeizig sein, sie sind halt einfach DA! In der Firma.

Die Frauen gehen, solange der Nachwuchs klein ist, oft in Teilzeit. Nicht freiwillig, sondern weil sie müssen. Irgendjemand muss sich ja um die Kinder kümmern. Soweit ich das im Bekanntenkreis beobachte, sind es eben nur in Ausnahmefällen auch die Väter.  (Dafür werden sie als Superhelden gefeiert, aber das ist ein anderes Thema.) Ist Teilzeit in der bisherigen Firma nicht möglich, bleiben oft nur schlecht bezahlte Aushilfsjobs, die im Lebenslauf auch nicht gerade karriereförderlich daherkommen. Aber zumindest ein bissel Kohle bringen. Vom Elend vieler Alleinerziehender will ich gar nicht erst anfangen. Oder von den Rentenansprüchen...

Ich erlebe immer wieder, dass Frauen nicht mal ihre Arbeitsverträge durchlesen, bevor sie unterschreiben, geschweige denn einen Überblick über ihre und die familiären Finanzen haben. Dazu fehlt oft die Traute, hart zu verhandeln, als wäre die Forderung nach einer gerechten Entlohnung etwas Unanständiges.

Frauen scheinen meiner Erfahrung nach dazu zu neigen, den Geldwert ihrer Leistungen wesentlich niedriger einzuschätzen als Männer das tun. Willst du günstiger heilpraktisch oder sonstwie therapeutisch behandelt werden, geh zu einer Frau.

Manche meiner Geschlechtsgenossinen wollen zwar so viel wie die Männer verdienen, sich aber nicht dafür anstrengen. Aber a bissele Biss braucht's halt schon. Vielleicht doch mal fortbilden, umziehen, pendeln, (kinderlos) eine 40-Stunden Woche in Kauf nehmen, hm?

Und manchmal gibt es halt keinen anderen Grund für die Höhe der Entlohnung als das Geschlecht des Arbeitnehmers. Und das geht gar nicht! Hier lohnt es sich wirklich zu kämpfen.


Die Abwertung von Frauen im Beruf


Auch wenn mich meine Geschlechtsgenossinnen gleich teeren und federn werden, muss ich's loswerden: Manchmal seid ihr selber schuld, wenn euch keiner ernst nimmt! 

Mit Häschenblick und Fieselstimmchen einen Antrag vor versammelter Männerhorde durchzubringen ist illusorisch! Sagt ihr im Beruf auch (wie im Tango, wenn ihr aufgefordert werdet): „Ich bin fei noch Anfängerin. Willst du dir das wirklich antun?“
Oder die Damen, die sofort reflexartig „Jawoll“ nicken und umsetzen, nur weil ein Mann das angeschafft hat? Weil Männer sind ja so gescheit. Da wird der Plan – und sei er noch so bescheuert – vor den Kolleginnen verteidigt, durchgekämpft mit sieben Messern wie vom Räuber Hotzenplotz. Blut wird fließen, aber ich schwöre – nicht das des männlichen Vollpfostens.
Der ständige Rechtfertigungsdrang ist auch nicht gerade förderlich, wenn man ernst genommen werden möchte. Deinen Chef interessiert es nicht, ob deine Katze Diabetes hat oder im Kindergarten das Kürbisfest ansteht. Und den männlichen Kollegen lieferst du mit solchen Aussagen eine Steilvorlage für „Frauen können's halt nicht besser, so emotional, wie die sind.“

Ist euch bewusst, welche Kultur ihr da pflegt?
Die Frauen, die einfach nur professionell ihre Arbeit tun möchten, leiden unter euren Verhaltensweisen! HIER wäre weibliche Loyalität angebracht.

Sexuelle Anzüglichkeiten


Wenn ihr aufgebrezelt im Miniröckelein stöckelbeschuht am Kollegentisch vorbeiwackelt, müsst ihr halt mit anzüglichen Kommentaren rechnen. Das ändert sich nie, alte Krankenschwesternerfahrung. Sogar wenn einer nimmer selber bieseln – geschweige denn stehen – kann, probiert er's. Und Schwesternkittel sind nun wirklich nicht der Erotik letzter Schluss. Wohl wissend zwar, dass (wahrscheinlich?) nix geht, aber sportlich gesehen will Mann wohl in Übung bleiben. Wofür ist mir zwar nicht klar, aber das ist halt so ein Männerding. In der Konstellation „knuspriger Pfleger – betagte Dame“ konnte ich nie Vernaschungsversuche beobachten. (Außer, es wurden bestimmte Narkosemittel verabreicht. Dann könnte es passieren, dass Madame im Rauschzustand den Krankenbruder rollig anschnurrt.)

Gegen sexuell gefärbte anzügliche Übergriffe hilft nur – egal ob in Minirock, Pflegekittel oder Blaumann – ganz direkt gutmenschsprechfrei kontern. Möglichst in Zwei-Wort-Sätzen wie „Pfoten weg!“ Dann sind die Kerle im ersten Moment ein wenig verstört, aber selten beleidigt.


Wenn aber Macht und Sex zusammenspielen, 


kommen wir  in höchst problematische Zonen. Das lässt sich nicht mehr mit einfachen Sprüchlein abwenden. Trotzdem frage ich mich, ob sich der Prozess nicht schon im Vorfeld angedeutet haben könnte? Etwa so, wie wenn eine Frau eine Beziehung mit einem routinierter Verzupfer (Seitenspringer) eingeht und meint, sie könne ihn ändern: „Bei mir wird er treu sein“  – mit rosaroten Herzerln in den Pupillen.

In der klassischen Kombination „Chef und abhängig Angestellte“ sind die Chancen gewaltig, dass die Frau verliert: Ansehen, Geld, Arbeitsplatz, Karrierechancen... Vom Schaden am Selbstbild ganz zu schweigen, der zusätzlich von Frauen-Vorwürfen „Sie hat es doch provoziert“ genährt wird. Und jetzt werde ich doch richtig grantig: Denn egal, ob sie hätte ahnen können, worauf sie sich einlässt oder nicht, solche feudalherrschaftlichen Verhaltensweisen sind echt das Letzte. Und es gibt inzwischen genug Männer, die diese krassen Spitzen ebenso verurteilen.

Dagegen können wir nur gemeinsam anstinken – Männer UND Frauen. Und vielleicht sind die Männer dann eher bereit, selber was im Kleinen, im persönlichen Umfeld – beruflich und privat – zu Gunsten der Frauen zu ändern. Denn genau dort im Fußvolk, in der „normalen“ Umgangskultur zwischen uns allen, ist der gesellschaftliche Nährboden für solche grauslichen Einzel(?)-Auswüchse. Das gilt auch für das Miteinander im Tango!

Interessant dazu die männliche bzw. "Jungs-" Sichtweise, siehe hier: http://www.jetzt.de/maedchenfrage/jungs-was-macht-der-hashtag-metoo-mit-euch


Fazit:


Wenn wir gesellschaftlich die Stellung der Frauen verbessern wollen, müssen sich meiner Meinung nach alle bewegen. Und da die Männer momentan verständlicherweise etwas weniger motiviert sind, manche ihrer Privilegien aufzugeben, dürfen wir sie ein bissel nerven, niedrig dosiert mit Retardwirkung über einen langen Zeitraum. Darin sind wir doch routiniert. Aber besser auf den Geist gehen mit ernst zu nehmendem (erwachsenem) Verhalten, wohldosiertem Gendersprech und sachlichem, auf genau den Mann, mit dem wir es gerade zu tun haben, zugeschnittenen Inhalten statt Gejammer.

Wie siehst du das?

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel

P.S. Aus männlicher Sicht auf das Thema schreiben gerade meine Blogger-Kollege Peter Ripota:
http://ya0m.r.bh.d.sendibt3.com/33jgwvw17fl.html

und Gerhard Riedl: http://milongafuehrer.blogspot.de/2017/10/haschmich-tags.html








Um diesen Artikel geht es (Jeanette Gusko am 19.10.2017 auf Xing)
https://www.xing.com/news/klartext/wie-oft-mussen-wir-frauen-noch-offentlich-aufschreien-2171

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Donnerstag, 12. Oktober 2017

Von einem, der auszog, sich nicht fürchten zu lernen

Ein Gastbeitrag von Uwe N. Philipp


<article image> im prinzip tango: uwe n. philipp
Fotograf, Protagonist und Porträtierter: Uwe N. Philipp
Er war ein furchtbarer Zauderer, mein alter Freund Uwe. Bis er vor zweieinhalb Jahren beschloss, sich auf seine Lieblingsaktivitäten - Fotografieren und Fahrradeln - zu beschränken. Allerdings nicht im räumlichen Sinne: Mit Minimalgepäck tourt er seitdem durch die Welt, zauberhafte Bilder, Geschichten und Begegnungen sammelnd. Ob er dabei lernt, sich nicht mehr zu fürchten? Ich weiß es nicht. Und vielleicht sind seine Erfahrungen während der Besteigung eines sehr(!) hohen(!) Berges eh viel wertvoller als ein Sack voll Gold und die Tochter des Königs...

Bühne frei für Uwe N. Philipp
*****


HUAYNA POTOSI..... Die Geschichte


Vor einem Jahr las ich von einem Berg in Bolivien, der einer der am einfachsten zu besteigenden Sechstausender sei. Ich googelte nach Bildern, war voller Begeisterung und schrieb Momo, ob wir ihn nicht gemeinsam angehen wollen.
Als ich letztens am Titicacasee über eine Kuppe radelte, sah ich ihn in der Ferne aufragen. Welch ein Berg! Ich hatte bereits Wochen zuvor geplant, mit dem Bike bis zur Passhöhe zu fahren, dort zu zelten und den Anblick zu genießen. Im Grunde sind Berge meist von etwas Entfernung am schönsten.
In La Paz fand ich in Carlos einen Ingenieur, der das "Nicht-Reparierbare" reparieren konnte, meinen Bremshebel. Glücklich über diesen Umstand brachte ich ihm meinen zweiten, schon lange defekten, ebenfalls. Doch Carlos hatte viel zu tun und ich musste weitere Tage in La Paz bleiben.
Für mich ist so etwas ein Wink.

Ich ging in eine der vielen Bergsteigeragenturen und fragte nach dem Preis für die Besteigung. 85 € für zwei Tage inklusive Ausrüstung und Vollpension, 115 € für drei Tage plus einem Gletscher-Training. Der Bergführer war mir sympathisch, und ich buchte für zwei Tage. Als ich später mit dem Geld kam, dachte ich mir, das Leben ist so schön, und buchte den Kurs mit. Drei Tage, easy einen Sechstausender hinauf.

Als ich wenig später durch die Straßen lief, dachte ich: "Du spinnst, Uwe!"

Samstagmorgen, Treffpunkt Agentur, Ausrüstungsübergabe. Bergstiefel, Steigeisen, Eispickel, Anorak und Überhose. Am Gipfel wird es -15°C haben. MINUS 15°C, bei mir steigt Unsicherheit auf. Habe ich genügend Warmes eingepackt? Meine Antwort ist Nein!
Wir beladen das Auto, und los geht es zum Pass. Wir werden zu dritt sein, Eliseo, der Bergführer und Marco, ein etwa 30-jähriger Tourist. Hinzugesellt hat sich Felix, ein erfahrener Alpinist aus Argentinien, der den Gipfel solo erklimmen will.

Bin ich heilfroh, dass ich dort nicht mit dem Bike hinauffahre, so steil und übel ist die Steinpiste. Irgendwann taucht er auf, der Huayna Potosi.
Oh my Lord, wie schön.
"Wenn ich dort sterbe oder jetzt in diesem Augenblick, ich werde glücklich und voller Freude sein".
Es ist wichtig, dass ihr es wisst!

Auf der Passhöhe (~4.900 m) stehen einige Berghütten, in einer nehmen wir Quartier.

Im Eck stehen zwei Fahrräder! Sie gehören einem spanischen Ehepaar, Mitte 50, weltreiseerfahren und für ein paar Monate in Bolivien und Chile unterwegs. Sie ließen ihr Gepäck hochfahren und strampelten hinterher. Morgen werden sie den Gipfel besteigen. Wow!

Nach dem Mittagessen wird gepackt, und nach zirka einer Stunde erreichen wir eine Gletscherzunge, um das Gehen im Eis zu üben. (Um das mal so ganz nebenbei anzumerken, das ist höher als der höchste Berg Europas.) Den Eispickel in das Eis zu schlagen und sich daran hochzuziehen ist spürbare Arbeit.
Das Training ist erfolgreich absolviert, und es geht, vorbei an einer Gruppe Einheimischer, die eine Zeremonie zu Ehren Pachamamas abhalten, zurück zur Hütte.

Wie geil dieses Eis funkelte und die Sonne auf der Haut brannte! Ich bin so happy.

Die Nacht ist nicht so ganz entspannt, einer der Zimmergenossen sägt stapelweise Holz. 😉
Mein Wecker steht auf 6:00, ich will unbedingt den Sonnenaufgang erleben. Es ist einfach unbeschreiblich, wenn das nachtschwarze Blau in das zunächst kalte Rot und dann in das warme Gelb-Orange übergeht. Und die beißende Kälte von der Wärme der Sonne vertrieben wird.

Hoch oben am Gletscher, in der Aufstiegsspur sehe ich zwei, drei Menschen gehen. Abwärts! Hoffentlich ist nichts geschehen. Es ist 6:30, um diese Zeit müssten sie eigentlich am Gipfel stehen.

Der Vormittag ist zur freien Verfügung. Das spanische Ehepaar kehrt zurück, leere Blicke, ein karges Bon Dia. Erst später erfahre ich, was geschah. Sie litt unter der Höhenkrankheit und blieb im Hochlager, er entzog an einer heiklen Stelle dem Bergführer das Vertrauen und kehrte um. Ende eines Plans. Bei mir grummelt es.

Der Aufstieg nach dem Mittagessen hinauf zum Hochlager auf 5130 m soll 2,5 Stunden dauern. Ich bin nach 1,5 Stunden oben. Wolken ziehen auf, es stürmt, ist eiskalt. Von Unsicherheit zu sprechen, wäre jetzt untertrieben!

Wir werden morgen nicht die einzigen Berggeher sein, ich zähle etwa 30 andere Aspiranten.

Um 17:00 gibt es Abendessen, 0:00 ist Wecken, 1:30 Aufbruch. Letzte Anweisungen zum Anziehen: Zwei Paar Socken, Leggins, Trekking-Hose und Überhose, zwei Unterhemden, Vliesjacke und Gore-Tex-Anorak, zwei Paar Handschuhe, Gesichtsschutz.

Zum Glück sind wesentlich weniger Holzstapel abzuarbeiten gewesen.😉 Dafür rumort mein Bauch.
Auf meiner Hütte sind noch ein Spanier mit seinem Freund und deren Guide. Als ich so nachts ihre Ausrüstung sehe, alles vom Feinsten, ihre Gipfelerfolge höre, wird es mir ganz anders. Eisäxte, Thermoklamotten und blitzende Steigeisen. Und ich sehe noch etwas anderes, Blisterverpackungen werden hervorgeholt und irgendwelche Tabletten eingeschoben. "Oh, Uwe!" Ich bekomme das Frühstück kaum hinunter.

Aber jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, die Stirnlampe wird eingeschaltet, der Rucksack geschultert, nochmal gepinkelt, auch wenn nichts mehr kommt. 😉
Der Sturm hat sich gelegt, die Sterne funkeln und der Fast-Vollmond erleuchtet den Schnee. Nach 10 Minuten erreichen wir den Gletscher, jetzt wird es ernst. Vor uns sieht man die einzelnen Seilschaften den Weg mit ihren Lampen erhellen, ein epischer Anblick, lauter Abenteurer auf ihrem Weg. (Habe wohl zu viel Luis Trenker gesehen! 😉)

Erste Belastungsprobe nach einigen Minuten, der Schnee ist zuende, es geht ein Stück bergab über Steinblöcke. Das ist mehr ein Eiertanz als Kür. Und dieser Stahl auf Fels ist ein quälendes Geräusch. Doch schon bald erklingt wieder die Musik des tiefgefrorenen Schnees, Eiskristalle funkeln, kontinuierlich geht es bergauf, die Zacken schlagen sich in das vereinzelte Eis.
Irgendwann verschwindet der Mond hinter einem Bergrücken und es wird kalt, richtig kalt. Ich fröstele am ganzen Rücken.

War es bisher einfach nur gehen, geht es nun plötzlich einen Absatz, auch wenn nur kurz, um die 70° hinauf. Und immer wieder dieses Eis, nicht immer gelingt es mir, den Eispickel auf Anhieb so zu verankern, dass ich mich daran hochziehen kann. Zum Glück hält Eliseo das Seil straff gespannt. Mein Herz rast, jede Bewegung ist so anstrengend, dass ich eine Verschnaufpause brauche.

Die Überschrift für meinen Bericht steht fest: Mein erster Sechstausender... und mein letzter!

Ab und an kommen uns zwei, drei Leute entgegen, gezeichnet von Erschöpfung und Enttäuschung.

Gut 2,5 Stunden sind vergangen, und Eliseo meint, wir hätten die Hälfte geschafft und nun werde es wieder leicht. Wir sind auf 5.600 m. Das Gehen fällt mir wieder leichter, ich bin der letzte der Seilschaft und zu schnell! Immerwieder rücke ich zu Marco auf, muss stoppen, das ist nicht gut. Das langsamer Sein gelingt mir kaum.

5.800 m, noch 300 Höhenmeter bis zum Ziel. Ich knicke förmlich ein. Es ist nicht die Pulsfrequenz noch der Atemrhythmus. Es ist das Gefühl, keine Kraft mehr entwickeln zu können, weder in Beinen noch in Armen. Auch fällt mir auf, dass ich keine Sätze mehr formulieren kann. Alarmstufe Orange! Ich suche mir bereits einen Platz, an dem ich warten kann auf die Rückkehr der Gefährten. Ich will ja nicht, dass Marco wegen mir nicht oben ankommt.

Eliseo verlangsamt das Tempo, nimmt mich in die Mitte des Seils. Es geht besser. Ich habe zwar fast zwei Liter Flüssigkeit dabei, doch die sind beinahe zu Eis gefroren und unterstützen mich nicht wirklich (Anfänger!).

Am Horizont kündigt sich der neue Tag an, wir werden es nicht bis zum Gipfel bei Sonnenaufgang schaffen. Wegen mir.

Kurz unterhalb der 6000 Meter-Marke verschlägt es mir dann den Atem. Die letzten 100 Höhenmeter, etwa eine Stunde lang, geht es steil einen Grat hinauf zum Gipfel. Jetzt kommt zu der Erschöpfung Angst, pure Angst! Links und rechts geht es auf Nimmerwiedersehen hinunter. Aber hier kann ich in Sicherheit bleiben und warten. Ich teile es dem Bergführer mit. Listo, nichts geht mehr!
Er lächelt, schaut mich an und sagt: "Go, du schaffst es." Und Felix wiederholt unermüdlich: "Breath deep!"

Wie gerne würde ich jetzt schreiben, dass ein Strahlen in meinen Augen blitzte, ich das Ziel fokussierte und voller Wagemut und Vertrauen den Gipfel erstürmte.
Nichts davon wäre wahr. Stattdessen kämpfte ich den Kampf zwischen Selbstverantwortung, sprich Abbruch, und Selbstmotivation und damit Überschreiten einer vielleicht nur mental existierenden Grenzlinie.

Ok, weiter, never give up, du packst das, und all die anderen dummen Appelle.

Die Sonne ist aufgegangen und taucht die bizarre, vom Wind geformte Schneelandschaft in morgendliches Orange. Die Kamera kann ich nicht halten, doch diesen Anblick werde ich nie mehr vergessen, er brennt sich in jede meiner Poren.

Mit einer Mischung aus Mut, Angst und vor allem Vertrauen in Eliseo kämpfe ich mich hinauf auf 6088 m. Oben auf dem Schneegipfel setze ich mich nur hin und bekomme kaum etwas mit. Ich sehe andere in Siegerpose, sich umarmen, sich gegenseitig mit Fahnen fotografieren.

Felix gratuliert mir, ich sei für ihn ein Vorbild, das er immer in Erinnerung behalten werde.

Und ich kann es nicht genießen, ich bin so hoch oben und kann es nicht genießen!

Mein letzter Sechstausender!!!

Hinunter muss ich als erster. Wieder dieser Grat und der sichere Zug am Seil. Je weiter wir nach unten kommen, desto besser geht es mir. Die Zeit drängt, durch die extrem starke Sonneneinstrahlung droht Steinschlag und Eisbruch. Jetzt erst sehe ich die tiefen Gletscherspalten, über die ich in der Nacht gesprungen bin und die mich nun erschaudern lassen.

Welch eine Welt hier im Eis, wie froh bin ich, es gewagt zu haben!
Die Steilpassage wird nochmal eine Herausforderung, mir fehlt es an Kraft. In der Hütte gibt es eine heiße Suppe, und gegen Mittag sind wir zurück am Basecamp. Ein Taxi bringt uns zurück nach La Paz.

Die beiden spanischen Bergsteiger, Felix und ich laden Eliseo und seinen Bruder noch zum Essen ein. Marco ist so kaputt, dass er nur noch schlafen will.

Eine erste Selbstanalyse meiner Schwierigkeiten erfolgt. Was werde ich das nächste mal besser machen. Und plötzlich ist keine Rede mehr von "mein letzter Sechstausender". 😉

Und immerhin: Gerade mal die Hälfte der Aspiranten kam oben an, und die waren fast alle halb so alt wie ich.

Mit dem Begriff Stolz habe ich schon immer meine Schwierigkeiten. Und so kann ich auch hier nicht sagen, ich bin stolz auf meine Leistung. I did it und ich bin dankbar dafür, das reicht.

Als ich eine Woche später La Paz verlasse und schon einige Kilometer auf dem Altiplano unterwegs bin, drehe ich mich noch einmal um und sehe ihn in aller Pracht. Langsam beginne ich zu begreifen, was da so alles geschah.

P.S. Während ich dies schreibe, sitze ich am Fuße des Sajama, dem mit 6542 m höchsten Berg Boliviens. Ein traumhaft schöner Berg. Acht Stunden sind es vom Hochlager bis zum Summit. Ein wirklich schöner Berg. Ich meine ja nur...

Keine Sorge, der Hurrikan in der Karibik schickt seine Ausläufer bis hierher, es stürmt und schneit. Und ich kenne meine derzeitige Grenze: 6088 m.
*****

Merci für diese anrührend ehrliche Geschichte! Alles Gute, tapferer Reisender!

... und da machen sich diverse Tangotänzer in die Hose, wenn sie mal eine Frau (wesentlich kleiner und wärmer als 6000 Meter-Gipfel) auffordern sollen? Es heißt doch: "Wer Tango tanzen kann, braucht sich vor nix mehr zu fürchten." Oder?

Wer Uwes Weg weiterverfolgen möchte, kann das hier tun:
https://www.facebook.com/uwe.philipp.photoART

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel









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Dienstag, 29. August 2017

Liebes Tagebuch: Manchmal bin ich froh, dass....

Geht's noch? Schau genau!

Eine Milonga, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2017. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Tango argentino, das mit seiner Besatzung seit Ende des 19. Jahrhunderts unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neue Zivilisationen, neues Leben. Viele Lichtjahre vom normalen Leben entfernt dringt der Tango in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Ja, Pfeifendeckel. Von wegen 2017. Da muss was verkehrt eingestellt worden sein. Gestern Abend zumindest hat's ganz gewiss nicht gestimmt:

Ich war noch alleine da. Die Dame mir gegenüber im Saal ebenso. Sie wird eher selten vom Mannsvolk aufgefordert. Hübsche Musik, kann man nicht liegenlassen. Da ich mit ihr gerne tanze, blicken wir uns artig regelkonform an, lächeln, ich gehe zu ihr und nehme schon mal meine Brille ab.

Auf dem letzten Viertel des Weges schneidet mir einer der lokalen Eingeborenen - ein männliches Exemplar - den Weg ab, grinst und versucht, meine Hand zu packen. Meine Zieldame sitzt. Lächelt. Demütig etwa?

Meinen Einwand, dass da schon ein anderer Aufforderungsprozess läuft - ich zeige ihm meine Partnerin - wischt er beiseite: "Das könnt's ihr ja später machen!", und schleift mich abrazierend auf die Piste. Mein "Hey, Moment einmal..." bleibt mir trotz garagentorweit-offener Gosch'n im Halse stecken. Ich bin einfach nur perplex ob dieses Verhaltens. Nicht nur, dass er der Dame die Tanzgelegenheit vor der Nase wegschnappt, er brüskiert auch mich, weil ich schon pflege, Versprechen einzuhalten.

In seiner Vorstellung gelte ich wohl als Tänzerin, mit der man(n) allen möglichen, ausgefuchsten Schnickschnack veranstalten kann, den nicht viele Tangueras in der Senkrechte "stehen" können. Wilde Ausheber, Achsenkippungen und solche Geschichten. Kann ich, mach ich gern, wenn ich ganz sicher bin, dass der Tänzer weiß, was er tut. Ich kann sogar meistens kompensieren und Balance halten, wenn er das noch nicht so sicher drauf hat, und ihn außerdem gut aussehen lassen. Kein Problem. Aber wenn ein (gefühltes) Alphamännchen meint, er müsse mich, um sein Vergnügen und seinen Ruhm zu steigern, wild umeinanderschmeißen, werde ich bockig. Pardon.

Willst du Spaß, beachte meine Achse! Ohne die geht nämlich nix.
Wenn es die Vernunft zusätzlich gebietet, auf Sicherheit zu tanzen, weil das Parkett einer Eisbahn gleicht, erst recht. Wird dem Esel zu wohl, geht er auf's Eis - würde meine Oma jetzt sagen. Sollen Esel übermütig werden, wie sie wollen, ihre Sach' - von Weiber-Schlenzen aber war da nie die Rede!

Nach dem ersten Stück merkt der Gute an, dass letzte Woche ja mindestens zehn Männer zu viel da waren. "Eine Verschwendung wertvoller Ressourcen!" Und wenn ich da noch daher käme und Frauen auffordere, den Männern wegnähme, mache das alles noch viel schlimmer!
Die Herren könnten ja auch mit ihresgleichen tanzen, ist für ihn kein Argument. Auch, dass sie das annodazumal ebenfalls getan hätten. Er wolle sich nicht führen lassen, das könne er nicht so gut.

Noch ein weiterer Tango, in dem ich mich einspreize wie ein Katze, die du in die Waschmaschine stopfen willst. Dann Trennung in beiderseitigem Einverständnis. Er wendet sich hinfort seinen Stammtänzerinnen zu: Eingeborinnen, die seinen Stil goutieren, gleichschwingen in der Haltung "Das-Beste-für-mich-und-zwar-gleich".

Erst, als ich zurück auf meinem Platz bin, fällt mir die passende Antwort auf seine Frauen-Frauen-Aufforderungs-Verhinderungsaktion ein: "Ladys first!" Wäre echt cool gewesen. Ich schreib den Satz auf meinen internen Zettelkasten und wiederhole ihn im Stillen 23 Mal, um ihn bei der nächsten entsprechenden Situation wirklich im aktiven Repertoire zu haben. Und ärgere mich noch ein bissel nach.

Wie gesagt, der Chronometer zeigt 2017 an. Nicht 1953 oder so. Kein Fehlerlämpchen leuchtet am Gerät. Eigenartig. Da waren die Frauen doch schon in weiten Teilen gleichberechtigt?

Statt in weiblichem Emotionaldrama zu verharren, beschließe ich, die Sache wie ein Mann (!) anzugehen. Sachlich! Rational! Mit kühlem Gemüt! Wer sich wie ein Mann (!) verhält - sich das Recht der Frauen-Aufforderung herausnimmt - muss schließlich auch so rational die Fakten betrachten können. Und was ist am sachlichsten? Jep. Rechnen. (Bitte beachte: Trotz allem so Tun, bin ich immer noch eine Frau und mathematisch defizitär, sei gnädig.)

Angabe: 30 Gäste (g) auf der Milonga, davon 20 männlich (m), 10 weiblich (w).
(20*m) + (10 w)=30g

"Paaren" sich nun jeweils 1m und 1w, passiert Folgendes: 
(10*m)+(10*w)=20g [tanzend]
30g-20g=10g
10g= (10*m)+(0*w)  
10g ist also rein männlich. Da sämtliche w in Nutzung.
Klar?
Antwort: 10 Männergäste bleiben übrig.

Wie kann es dann sein, dass 2w übrig bleiben und miteinander tanzen?
(8*m)+(8*w)=16g [tanzend]
 20m-8m=12m
10w-8w=2w

Aha! 2 männliche Exemplare haben NICHT getanzt, eine Verpaarung verweigert. Daraus folgt, dass 2 Gästinnen sitzen blieben. Sonst hätte die eine ja gar keine Gelegenheit gehabt, die andere aktiv aufzufordern.

q.e.d. (was zu beweisen war)
Nein, ich korrigiere: q.e.e. (was zu erwarten war)

Eine andere Möglichkeit, die Situation zu lösen, möchte ich den Männer-tanzen-miteinand-Verweigerern anbieten. (Für's Weibsvolk wäre folgende Sicht der Dinge eh klar.)

It takes 2 to tango! Richtig?
Einer führt. Einer folgt. Richtig?
Willst du als Mann nicht geführt werden oder meinst, es nicht zu können, bliebe auch hier in 50% die führende Rolle. Richtig?
Also? Wo liegt das Problem?
Was, du magst keine Männer anfassen? Das fühlt sich nicht gut an? Jetzt komm mir hier nicht mit so einem Gefühls-Schmus daher! Weibisch!

Mei, ist das alles logisch und sachlich und faktisch und so! So männlich. Macht Spaß! Echt!

Manchmal bin ich wirklich froh, dass heute sowas nicht mehr der Hexenbranche zugeschrieben wird. Und selbige einfach durch Verbrennen zu entfernen, ist auch nicht mehr gesellschaftlich kompatibel.

Aber ich will jetzt trotzdem, zurück im gewohnt-XX-gesteuerten Hirn, noch erwähnen, dass der oben beschriebene Eingeborene meiner Freundin kräftig auf den Fuß gelatscht ist. Ob er sich entschuldigt hat, weiß ich nicht.
Damit hat er sich bei mir aber endgültig 's Kraut ausg'schütt!
Ganz ohne faktisch-sachliche Betrachtung.

Live long and prosper.
Ende der Folge.



Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







Quellen: XXX

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Freitag, 18. August 2017

Die richtigen Schuhe

Der "gemeine Straßenschuh" und sein Verhältnis zum Alltags-Fuß





Heute geht es nicht um spezielle Zierausstattung ganz untenrum - den Tangoschuh (lies hier) - sondern um die sogenannten "richtigen" Schuhe, die du im Alltagsmodus am besten trägst und so deinen Füßen etwas Gutes tun kannst.

In jedem meiner Fuß-Kurse poppt die Frage nach den richtigen Schuhen auf. Auch meine fußproblematischen Patienten suchen häufig die eine, ultimative Antwort. Und dann muss ich sie enttäuschen: Es gibt sie nicht.
Die unzähligen Verlautbarungen der versammelten Experten zur optimalen füßischen Bekleidung widersprechen sich oft. Meiner Erfahrung nach muss man die pauschalen Aussagen einschränken mit "kommt ganz darauf an..."
Wie ist dieser Individualfuß beieinander? Wie beweglich? Wie gut oder mäßig trainiert? Wie sieht's mit dem Fußgefühl aus? Hat dieser Fuß schon Probleme? Oder hat er sich schon verformt? Welche Möglichkeiten der Verbesserung hat genau dieser Mensch vor mir? (Eine 87-jährigen Halluxpatientin wirst du kaum vom Segen des Barfußschuhs überzeugen können. Weil sie sich vielleicht nicht mal so weit bücken kann, um die Schuhbändel zu binden.)

Was denn nun? Minimalschuhe? Oder brauchen Füße Unterstützung - ein orthopädisch wertvolles Fußbett und Knöchelstütze? Oder ganz ohne? Barfuß ist gesund! Aber nackige Latschen im Büro gehen halt gar nicht.

Da muss ein Kompromiss her, ein gangbarer, realistischer Weg!


Aber beginnen wir lieber am Anfang, bei der Anatomie unserer Füße:
Dort haben die göttlichen Baumeister pro Seite 26 Knochen verbaut. Diese sind an 33 Stellen gelenkig verbunden. Muskeln, Minimuskeln, Faszien, Sehnen (ca. 100 Stück!) und sonstiges Bindegewebe sorgen dafür, dass die harten Bauteile ordentlich beisammen bleiben und sich trotzdem gegeneinander bewegen können. Für die Steuerung sind Nerven zuständig, die teilweise direkt im Fuß wohnen. Andere vermitteln ihre Befehle aus dem motorischen Zentrum deines Gehirns: Anweisungen, die aus den Fuß-Rezeptor-Informationen resultieren - über deine Körperhaltung sowie deine Gesamtbewegung im Raum.
Da haben die Konstrukteure ein echtes Meisterwerk hingelegt! Vorausgesetzt, alle Beteiligten dürfen und können effektiv koordiniert zusammenarbeiten: himmlischer Optimalzustand!

Aber woher kommen denn dann die Fußprobleme? 
Nutzen sich unsere so fein konstruierten Hinterpfoten im Laufe des Lebens ab? Bedeutet aufrechter Gang ständige Überlastung?

Oder hätten wir keine Schwierigkeiten, wenn wir von Anfang an auf Schuhe verzichten würden, unsere Füße wildnatürlich agieren dürften?

In unseren Breitengraden sind wir allerdings fast gezwungen, unsere Pfoten vor Kälte, Nässe oder spitzen Steinen, Glasscherben, Straßendreck und ähnlichem Zeugs zu schützen.

Drum verpackeln wir sie spätestens dann, wenn der kleine Besitzer beginnt, aufrecht zweibeinig die Welt zu erkunden. Das Stöpselchen bekommt seine ersten Lauflernschuhe. Ein Lieblingssatz von Kinderschuhverkäuferinnen lautet: "Jetzt brauchen die Füßlein eine gute Stütze." (Warum die dann nicht von Natur aus eingebaut ist, habe ich, als meine Kinder klein waren, nie zu fragen gewagt.)
Das Gangbild der beschuhten Gehbeginner kommt allerdings anfangs eher zombieartig daher. Die Hinfall-Frequenz steigt, bis das Kind die Fremdkörperklötze dann erfolgreich in sein Körperbild integriert hat.

In den folgenden Jahren und Jahrzehnten bleibt der Schuh dann für lange Stunden am Fuß.
Und der reagiert meistens in etwa so:

Durch die ständige Stütze werden viele kleine Gelenke im Fuß kaum oder gar nicht mehr bewegt. Und was nicht bewegt wird, legen die Steuerleute im motorischen Zentrum einfach still.
Die "Schmierung" der kleinen, feinen Gelenke und Sehnenscheiden nimmt dann ab. Faszien und Bänder versteifen oder verpappen. Und die Muskelbrüder groß und klein beginnen - mangels Trainings - zu schwächeln. Ein Fußbett oder Einlagen wirken auf Dauer in derselben Weise.

Der andere Effekt der vermeintlichen "Stützhilfe" wirkt auf das ganze Gestell, es muss sich irgendwie der veränderten Statik anpassen. So entstehen kompensierende Spannungsmuster in Muskelketten - via Beine und Becken, am Rumpf entlang bis hinauf zum Kopf.

Die Dämpfung durch weiche Innensohlen nimmt der Kompanie, die eigentlich dafür zuständig wäre, die Arbeit aus der Hand: Die Fußgelenke, Sprunggelenke, Knie, Becken, Wirbelsäule und eine ganze Reihe Faszien und Muskelzüge übernehmen normalerweise gemeinsam die mildernde Verteilung des Aufprallschocks beim Springen, Laufen, Tanzen, Hüpfen. Das würde quasi nebenbei global durchmobilisieren. Die Dämpfung schwächt diesen feinen Effekt ab.

Die Rezeptoren in den Fußsohlen werden dadurch in ihrer Funktion enorm eingeschränkt. Sie können nur noch rudimentäre Hinweise über die Beschaffenheit des Bodens (und wie du gerade stehst etc.) weitergeben. Das ist für dein Bewegungszentrum so, hättest du ständig Micky-Mäuse auf den Ohren.

Der Absatz oder Fersenkeil tut so, als ob du auf einer schiefen Ebene stehen würdest. Dass der Rest deines Gestells - alarmiert vom Nervensystem - alles Mögliche anstellt, damit du nicht umfällst, ist logisch. Dann springen Muskelketten an, die nicht für Dauernutzung angelegt sind. Ihr Job ist gelegentliches Kompensieren. Wenn es sein muss! Nicht dauernd. Zudem verkürzen sich gerne die Strukturen an deiner Körperrückseite von der Ferse bis zum Scheitel. Aber da wir uns selten im Stand, mit durchgedrückten Knien, die Zehennägel lackieren, bemerken wir die hintere Bremse eher selten. Dafür melden sich oft Wadeln und zugehörige Achillessehnen mit Schmerzen.
Bei hohen Absätzen versuchen die Mittelfußknochen dem Druck auszuweichen, indem sie sich auffächern. Ihrer zugedachten Arbeit "dämpfendes Fußquergewölbe bilden" können sie so nicht mehr nachkommen.

Merke: Montiere deinen Absatz vorne, dann meinst, es ginge immer bergauf. 

In vielen engen Schuhspitzen haben deine Zehen überhaupt keine Chance, sich zu spreizen. Was äußerst günstig wäre für die Balance.

Den federnden Effekt produzieren unsere Füße via Quer- und Längsgewölbe. Das setzt aber Dynamik voraus. Stopfst du einen spiralbefederten Schachtelteufel in seinen Kasten und nagelst den Deckel fest, steckt unser Jack-in-the-box im Koma, statt fröhlich zu hüpfen und zu wippen.
Unflexible Lederkästen (oder Ledersärge) machen das Gleiche mit unseren Füßen.

Im Endstadium schuhzivilisierter Füße finden wir mangels Training verkümmerte füßische Muskelgesellen. Die Fußgewölbe beginnen zu kollabieren. Vielleicht haben sich die Zehen verbogen, im Versuch, sich ihrer Umhüllung anzupassen. Durch den eingeschränkten Bodenkontakt haben sich wahrscheinlich auch das Gangbild und die Haltung verändert.

Aber jetzt Schluss mit den Gruselgeschichten!
Es ist halt so, wie es ist:

Jeder von uns ist schuhdomestiziert!


Wildnatürliche Füße kommen in unserem Kulturkreis selten vor. Und sie von jetzt auf gleich komplett auszuwildern - also immer barfußlaufen - ist kaum möglich.

Da geht es unseren Füßen wie einer Hauskatze: Gewöhnt an portionsweise eingetütelte, konfektionierte Schlachtabfälle mit Sauce und geheizte Stellfläche für Katzenklo und -körbchen, würden sie da draußen Hunger leiden, erfrieren, sich mangels Orientierungsroutine verlaufen oder - weil unfit - im Kampf mit tierischen Feinden unterliegen. Auf jeden Fall nicht lange überleben.


Adäquates Fußgewand für Fußfreunde


Aber deinen Füßen zu helfen, ihrer biomechanischen Bestimmung zu folgen, stärker und geschmeidiger zu werden, geht durchaus mit den richtigen Schuhen.
  • Gute Schuhe sind weich. Sie umhüllen deinen Fuß flexibel wie eine zweite Haut und erlauben Bewegungung in allen Gelenken. Drücken sie irgendwo, lass sie stehen. Die laufen sich nicht ein. Auch wenn sie noch so schön sind.
  • Eine biegsame Sohle erlaubt dir Bewegungen auch im Vorfuß, zum Beispiel beim Verdrehen und vor allem geschmeidigen Abrollen im ganzen Fuß.
  • Gute Schuhe lassen deinen Zehen genug Platz. Du kannst in ihnen deine Zehen bewegen. 
  • Gute Schuhe sitzen einfach. Sie halten im mittleren Fußbereich. Kein Fersenschlappen, kein Zehenkrallen, kein Drin-rum-Schwimmen. Da deine Füße mal dicker mal dünner daherkommen, empfehlen sich Schnürer. 
  • Sorge für Abwechslung. Wechsle öfter mal die Schuhe, geh barfuß oder strumpfsockig und gönne so deinen Füßen neue (Lern-)impulse.
Und Stütze, Einlagen, Dämpfung, Fersenkeil, Absatz?
Versuche, diese Einflüsse mit der Zeit zu reduzieren, langsam und schrittweise.

Stärke deine Füße und halte sie geschmeidig, langsam und schrittweise. Sei geduldig mit deinen Füßen. Übungen und Anregungen dazu findest du hier auf meinem Blog:

Pimp dein Gestell ganz schnell: Deine Beine, Füße und der Boden
Der Yeti hat kein Hallux
Video "Einen Tango lang die Füße verwöhnen" 

Es kann durchaus sein, dass deine Füße im Moment zum Beispiel Dämpfung brauchen, um zu heilen. Dann gib sie ihnen. Aber nicht für immer. Schleiche die Hilfsmittel nach der akuten Phase langsam aus.

Musst du besondere, im obigen Sinne ungünstigen Arbeitsschuhe tragen? Nimm für die Mittagspause Bequemschlapfen zur Fußentspannung mit. Oder lüfte deine Füße barfuß. Am Feierabend kannst du ja die Stiefel oder Gummiclogs im Spind lassen.

Keine Sorge: Zusätzlich zu den genannten Merkmalen werden dir deine Füße sagen, welcher Schuh einfach gut ist - dafür sind sie hervorragende Experten:

Wenn nix drückt und beim bzw. nach dem Laufen nix wehtut, ist dieser Schuh im Moment der richtige. 

 

Sei nett zu deinen Füßen, sie haben es verdient.
Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel









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Freitag, 11. August 2017

Krise im Vorstand!



Endlich! Die Ablöse kommt!

Der Pausenclown seufzt erschöpft. Obwohl er schon seit 87 Jahren, 3 Monaten und 15 Tagen in Männerhirnen arbeitet - also eine gewisse Routine und Erfahrung vorweisen kann - muss er zugeben: Die Schicht heute war wirklich anstrengend. Im Umfeld scheint sich Krieg anzubahnen: Ein pausenclownleistung-induzierendes Stichwort folgt aufs nächste! Dabei sind es doch nur ein paar wenige, doch genau vom Vorstand ausgearbeitete, standardisierte Reaktionseinleitungen:

1. „Schatz, wir müssen reden!...“
2. „Kannst du endlich mal... (den Müll runterbringen, Rasenmähen o.ä.)“
3. „Welches Kleid (Schuhe, Hose o.ä.) findest du besser?“
4. „Hab ich zugenommen?“
5. „Nie hörst du mir zu!“
6. „Liebst du mich noch?“

Aber heute prasseln sie herab wie der Duschregen in den Tropen, und unser Clown unfugt in Schleife - wieder und wieder und wieder stolpert er über seine Latschen und patscht mit der Nase in die Torte zum Vergnügen des Gehirnbesitzers. So bleiben die Sätze 1-6 dort, wo sie hingehören, nämlich außerohrisch. Verstehen unnötig, da kratzt dich nix!

Der Indianer mit Zwergpony bekommt eine kurze Übergabe, Kaffeekochen müssen die beiden heute selber. Pausenclown kämmt sich die roten Locken zum Pferdeschwanz, hängt den lustig buntscheckigen Strampelanzug in seinen Spind und bindet sich im Gehen die Krawatte. Drunter trägt er immer Anzug mit ein wenig Polyester im Gemisch, dann knittert's nicht gar so. Unser Freund muss zur Vorstandssitzung. Der Raus-aus-dem-Männerhirn-Aufzug zuckelt gemächlich, in der Ecke duftet ein Ponyapfel. „Die beiden haben‘s gut, fette Schichtzulage wegen Liebesfilm im Fernsehen...“

Der Vorstand, zwanzig altgediente Männerhirn-Bühnenbespieler, sitzen um den runden Tisch. Es herrscht hochnervöser Tumult. Die Horde plärrt laut durcheinander und rauft sich die Haare - so vorhanden. Nur Fantomas bohrt versonnen in der Nase. Pausenclown fragt ihn, was denn los sei. Fantomas schnippt ein nasales Fundstück beiseite und reicht die kopierte Tagesordnung weiter. Dann stellte er sich hinter den Clown, um den inzwischen Bewusstlosen aufzufangen. Zwei, drei Nasenpumper und ein Guss Zitronenlimonade ins grauschreckkranke Angesicht genügen: Mission Wiederbelebung erfolgreich! (Wofür sollen die roten Quietscheballnasen denn sonst gut sein?)

Kann das sein? Einführung der Frauenquote bis 2018?
F R A U E N Q U O T E?

Wie soll denn das gehen? In einem Frauenhirn arbeiten? Frauenhirne liegen am anderen Ende des Universums! Das ist Dschungel! Wildnis! Verdammnis! Ist je einer aus einem Frauenhirn zurückgekehrt? Nein! Und nicht nur deswegen, weil noch keiner dort war! Das ist irrelevant! Und wer hat diesen Quatsch eigentlich angeschafft?

Gesetz? Ach, war schon zur Prüfung am Bundesverfassungsgericht? Ist durch?
Kann man nix machen?
Kann man nix machen.

Megakompliziert! Dort, in so einem Nicht-Mann-Hirn kannst nicht einfach aufs Stichwort anfangen zu arbeiten. Ja, die Extern-Experten-Kommission hat schon gesammelt und ausgewertet: Anzahl der relevanten pausenclownleistung induzierenden Stichwörter von Null bis unendlich, ergo nicht erfassbar, nicht kategorisierbar, nicht auswertbar.

„Vorschläge, meine Herrn?“ Plötzlich ist es so still, dass man Don Corleones Katze schnurren hört - wie immer, wenn der Pate das Wort ergreift. „Yeah! Brainstorming!“ Donkey Kong klettert über den Tisch und die Beisitzer zum Whiteboard. Vor lauter Aufregung verliert er ein paar Pixel, die Reagge-Man im Joint verbaut.

Zwei Stunden später ist die Tafel zwar vollgekritzelt. Brauchbare Vorschläge sind selbstverständlich nicht dabei. Das haben alle so erwartet - ist ja schon lange genug wissenschaftlich erwiesen, dass diese Methode dramaturgisch wertvoll, aber leider vollkommen ineffektiv ist und bleibt. Was soll‘s? Hat Mann schon immer so gemacht, in der Meute „denken“. Anschließend bestimmt der Bestimmer unabhängig von den Ergebnissen das weitere Vorgehen. Das ist Tradition und Tradition ist unantastbar.

Pinkelpause!
Ganz gegen seine Gewohnheiten gesellt sich Nurejev ans Sanitärwandgerät neben Don Corleone. Der Tänzer gilt als eigenbrötlerischer Sonderling in der Zunft. Er wird selten für Auftritte auf Männerhirnbühnen gebucht.
„Chehef?“ flüstert er schüchtern.
„Pronto?“
"Darf ich was fragen?"
"Si, si!"
„Die XX-Galaxie ist uns doch total fremd, richtig?“
„Fremd und gefährlich! Zona estremamente pericolosa!“
„Über die wesentlich weniger differenzierten Männerhirne liegen uns dagegen haufenweise evidenzbasierte Studien vor, richtig?“
Der Don tröpfelt angestrengt. Plitsch.....Plih-hitsch....pli....
„Wie wäre es, wenn wir die Handlungsstandards für unsere Mitglieder anhand des uns ja bestens bekannten Verhaltens der Männer definieren? Also keine Stichwortliste wie bisher benutzen, sondern einen männlichen Verhaltensmodus als Impuls festlegen?“
Man schüttelt ab, richtet die Suspensorien.
„Welchen Modus?“
„Ich würde vorschlagen Mansplaining.“
„Cosa???“
„Herrklären halt. Aber Mansplaining klingt cooler. Wie eine Superheldenmission...“ Das Wort hängt einen Augenblick rosa puckernd vor den Fliesen bis es mit einem sanften "Pling" verschwindet.


Der Pate versteht: "Dafüä du bisse miä eine Gefallen schuldig, ragazzo...", lächelt und besiegelt den Vorschlag mit dem Italienergriff. Das bringt Glück. Das brauchen sie jetzt. Und zwar alle.

Im Saal geht dann alles ganz schnell: Ein Marktforschungstrupp soll die Lage im XX-Universum erkunden, drei Monate später ausführlich Bericht erstatten. Ziel der Mission sind möglichst zahlreiche pausenclownische Bühnenauftritte in Frauenhirnen während des Mansplainingprozesses. Als Freiwillige werden die sieben Zwerge bestimmt - Qualifikation Schneewittchenkontakt. (Ob selbiges die regelrechte Chromosomenausstattung besaß, kann leider nicht mehr verifiziert werden.) Ebenfalls freiwillig soll unser Pausenclown die Exkursion strategisch planen, umsetzen, nachbereiten und bei der nächsten Vorstandssitzung die Ergebnisse referieren.

Das Plenum ist zufrieden. Die TOPs 2 und 3 „Kundenanalyse“ und „Bedarf“ werden einstimmig gestrichen. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt! So zieht die Meute geschlossen und schulterklopfend in die nächste Kneipe, wo das Feierabendbier wartet.
Nur der Pausenclown fährt heim: Die Arbeit ruft!


Drei Monate später 


Alle Plätze im Sitzungssaal sind belegt. Heute sind wirklich alle erschienen. Schließlich geht es um die Zukunft der Zunft! Um Ruhm und Ehre, Heldentaten, Abenteuer! Und, ach ja, diese blödsinnige Frauenquote.

Unser Pausenclown steht am Rednerpult, sortiert seine Handzettel mit den Stichworten zum Vortrag. Unangenehme Sache. Wenigstens hat er für die Zwerge noch einen Kosmetiktermin bekommen, sonst würde seine Präsentation komplett abschmieren. Die Krawatte zwickt. Schweiß klebt die Locken an die Schläfen.

Saallicht aus - Spot an - Einmarsch der GSG 7!
Applaus! Tusch! Standing ovations für die Dschungel-Pioniere!
Jeder der Heimgekehrten bekommt einen feierlichen Handschlag vom Don, eine gerahmte Urkunde und ein Paar Turnschuh. Dann werden sie von zwei würdigen Butlern (James and James) hinausbegleitet.
Der Pausenclown wirft ein Kuchendiagramm nach dem anderen an die Wand, versucht verzweifelt die Nichtaussagekraft der gesammelten Daten mit einem Haufen sahniger Wörter zu überdecken.
Er kann ja auch nichts dafür, dass die Mission keine, aber auch gar keine relevanten Ergebnisse brachte.

Mansplainig ist doch so eine klare Sache! Sogar in Gerhards Tangoreport steht ein ausführlicher Artikel darüber. Warum lesen den die Frauen denn nicht einfach mal? Dann wäre alles einfacher...

In den XX-Gehirnen geschahen - während sie dem Mansplaining-Prozess ausgesetzt waren - vollkommen unkategorisierbare Aktionen: Da wurden Einkaufslisten zusammengestellt, über den Geburtstag der Schwiegermutter oder die Schulnoten der Kinder nachgedacht, die zähe Konsistenz des Steaks wahrgenommen, über den Ausgang des momentan gelesenen Romans sinniert, aus den Augenwinkeln eine (zutreffende!) Beziehungskonstruktanalyse aller Anwesenden erstellt, thematisch relevante Fragen erarbeitet - um nur einige Beispiele zu nennen. Nicht wenige Exemplare hörten den Herrklärern wirklich höflich zu! Obwohl die Mitglieder der heldenhaften GSG 7 mutig jede Anstrengung unternahmen, um den Frauenhirnen die Mansplaining-Situation darzutun.

Ergebnisse der Mission in Zusammenfassung: 
  • Mansplaining wird im Reich der Frauen selten als solches erkannt.
  • Falls doch, wird Selbiges toleriert, Verunstimmung durch alternative, jedoch wirkungslose Strategien kompensiert.
  • Pausenclownleistungen als Antwort auf Mansplaining konnten im XX-Universum nur in einem Ausnahmefall platziert werden.
  • Die sieben Zwerge sind als Mitarbeiter für mindestens ein Jahr nicht einsetzbar: schwere posttraumatische Belastungsstörung.


Fazit:
  • Die geplante Einführung der Frauenquote ist im Licht der Erkenntnisse undurchführbar.
(Und jetzt wird's wirklich spannend: Unser Pausenclown riskiert einen Vorschlag, von dem er nicht weiß, ob er ihn Kopf und Kragen kosten wird.)

Don Corleones Katze schnurrt, Fantomas gießt sich ein Glas Apfelschorle ein und Donkey Kong wabert etwas unscharf an den Rändern. Der tapfere Redner atmet tief ein, zeigt die nächste Folie seiner Präsentation:

Die INTERNE Frauenquote:

MIT Frauen arbeiten statt in der XX-Welt sterben?

(juristisch einwandfrei, gilt auch)

Dann versteckt er sich ganz geschwind unter seinem Pult.

Schnappatmende Vorstandmitglieder fallen von den Stühlen. Erste Tomaten fliegen auf die Bühne. Ohnmacht! Radau, Getümmel! Angstschweiß und Testosteron! Fantomas steht auf dem Tisch und hält sein Glas hoch, damit niemand dranstößt.

Don Corleone klatscht in die Hände und ruft eine außerplanmäßige Pinkelpause aus.
 
"Chehef?" haucht Nurejev im gefliesten Herrenrevier.
"Pronto?"
"Wissen Sie noch? Der Gefallen, den ich Ihnen für meine Idee schulde?"
"Si!"
"Um eine interne Frauenquote zu erfüllen, brauchen wir hier bei uns im Vorstand Frauen, richtig?"
"Si?"
"Die Quote müssen wir erfüllen, sonst haben wir ein dickes Problem, richtig?"
"Si."
"Wir wollen aber keine Weiber hier, richtig?"
"Si! Si!"
"Und keine so genannten weiblichen dämlichen Kommunikationsmuster, Empathie und so. Teamfähig sind wir doch selber!"
"Si! Si! SI!
"Männer, die als Frauen rüberkommen - für die Quotenkontrolleure - könnten unser Problem lösen, richtig?"
"???"
"Tarnfrauen quasi. Die wären dann wie wir." Er deutet auf zur Zeit belüftete Kronjuwelen. "Keine gendergetrennten Toiletten und so wären nötig. Keine Zusatzkosten."
"Bene!"
"Und falls doch so ein Korinthenkacker genauer kontrollieren will, hauen wir ihm eine Klage wegen sexueller Belästigung um die Ohren!"
"Eccelente, ragazzo! Come lo facciamo?"
"Ganz einfach, Chef: Männerballett!"

Abschütteln, einpackeln. Abgemacht. "Dafüä du bisse miä eine Gefallen schuldig, ragazzo..." Italienerglücksgriff. 

Als Freiwillige werden in Abwesenheit die sieben Zwerge bestimmt. Die Schulung "Balletteusen-Mimikry" unter der Leitung Nurejevs dauert mindestens ein Jahr. Solange wären die ehemaligen GSG 7er eh nicht regulär einsetzbar. Alle sind glücklich und zufrieden. So zieht die Meute geschlossen und schulterklopfend in die nächste Kneipe, wo das Feierabendbier wartet.

Nachtrag: Das Männerballet wird inzwischen gut gebucht, geliked und steht in der pausenclownischen Rangliste auf Platz 8, zwischen Homer Simpson und Donald Trump.



Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







Lies hier über Mansplaining: https://milongafuehrer.blogspot.com/2017/08/herrklaren.html

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Freitag, 28. Juli 2017

Rugediguh! Blut ist im Schuh!

Das Märchen vom Tangoschuh


Der Prinz sucht.


Es war einmal ein Prinz, für den seine königlichen Eltern zwecks Zuführung einer geeigneten Ehekandidatin einen rauschenden Ball ausrichten ließen. Aus dem ganzen Lande strömten die Bewerberinnen daher und - natürlich! - versuchten sie den jungen Mann schwer zu beeindrucken: Herausgeputzt mit güldenem Tand schwebten sie durch den Saal, soweit es die geschnürten Mieder erlaubten. Die Luft im Saal war gestopft voll mit zuckersüßen Lächeleien Richtung Prinz. Der saß gelangweilt am Rande der Piste und hatte schon ganz trockene Augäpfel, weil er sich jegliches Blinzeln streng versagte.

Bis eine Tänzerin in sein Blickfeld geriet, die in ihren allerliebsten Schühchen sein Interesse weckte. Diese - und zwar nur diese! - wollte er haben! Die alte Turmuhr schlug schon Mitternacht, als er sich endlich durch die Massen von lüsternen Weibern in ihre Nähe vorgearbeitet hatte. Blöderweise sah er sie auf ihrem Rückzug nur noch von hinten, die Treppe hinabeilend. Dabei stolperte sie und verlor einen ihrer gläsernen Schuhe.

Er schaltete Suchanzeigen auf Facebook, recherchierte sich einen Wolf, besuchte jede noch so kleine Milonga im Königreich seines Papas, wo er den Gästinnen den Schuh des Begehrs präsentierte. Alle probierten selbigen an. Keiner der Damenfüße passte hinein! (Wie auch?). Schließlich besuchte er auf Anraten seiner werten Mama die alte Tante Google. Er war ja so unglücklich, und die Königin wollte ihn verheiratet wissen, um sich endlich zur lange geplanten Pensionsbelohnungsreise verabschieden zu können.

Tante Google spuckte tatsächlich eine Adresse aus, an der er seine Präprinzessin finden könne. Dort packte er die erstbeste, deren Fuß in den Schuh gestopft werden konnte, auf seinen Schimmel und ritt von dannen. Wären da nur nicht die Spielverderbertauben gewesen, die ihr Liedlein vom "Blut im Schuh" gesungen hätten. Blödes Volk, Viecher sollten nicht sprechen können! Die Wahrheit schon gar nicht! Dass sich die entsprechende Dame im Vorfeld einen Zeh abgehackt hatte, wollte er doch gar nicht wissen. Sie kam ihm vage bekannt vor: wahrscheinlich vom Ball auf Papas Schloss.

Aber da hilft nix. Er musste zurück: die Echte - die mit der vollständigen Zehenzahl - finden, einpackeln und heiraten. Das gesamte Anwesen wurde einer Durchsuchung unterzogen und siehe da: die lumpige Maid in der Küche war Glas-Schuh-kompatibel. Der Prinz ließ sie ein paar Schritte tanzen - links beschuht, rechts barfuß. Kein Zweifel! Keine bockige Widerrede! Kein Stolpern! Nur zuckersüße Anmut.

Also Auslöse zahlen, mitnehmen und und per Ehevertrag die Besitzansprüche festklopfen. Mama und Papa werden sich freuen!
Tadaa! Alle glücklich?!
ENDE (mit Schnörkel)


Und  die Moral von der Geschicht'?

(Ob es wirklich glücklich macht, sich einfach so von einem großkopfeten, geldigen, schuhfetischistischen Bürschlein abgreifen zu lassen, will ich hier nicht diskutieren.)

Mir stellt sich eher die Frage nach den Lehren, die in der Glasschuh-Schachtel stecken:

1. Warum quälen sich manche Frauen mit höllischen Schmerzen am Geläuf und tanzen bestenfalls medioker in Schuhen, die ihr Tanzen einschränken?


Der Tangoschuh "por las mujeres" ist vor allem eins: hochhackig. Dadurch rutscht die Belastung in den vorderen Fußbereich. Das Quergewölbe plättet sich. Drum weichen die Mittelfußknochen an den Zehengrundgelenken auseinander wie ein Fächer - am liebsten zwischen Zeigezeh und dem Großen.

Die Sehne, die den großen Zeh nach oben ziehen soll, weiß sich nicht zu helfen. Was soll sie denn dagegen tun, dass der erste Mittelfußknochen, der zum großen Zeh gehört, jetzt nicht mehr direkt unter ihr läuft? Der verdrückt sich einfach in die einzig mögliche Richtung, fort von den anderen Richtung Fußinnenkante. Der Fußdaumen will kompensieren und neigt sich mit seinem Köpflein in die Gegenrichtung und kuschelt mit den anderen Zehenbrüdern. So einfach wird man als Sehne zur Bogensehne! Mittelfußknochen eins mit Großzehe bilden den Bogen. Pfeile abschießen ist nicht. Am Fuß heißt das (irgendwann) Halux valgus und tut weh. Wirklich hübsch kommt der im Schuh bald drückende Groß-Knubbel auch nicht daher.

Den restlichen Zehenbrüdern bleibt eh nix anderes übrig als sich aneinander zu quetschen - ihr Bett in der Spitze des Schuhs ist ganz schön eng. Recken und strecken? Sich spreizen und guten Halt nach oben ins restliche Gestell vermitteln? Wie soll das gehen, wenn nur ein winziges bisschen Luft durch das Fensterlein an der Schuhspitze an die Toes peept?

Aber Tango tanzt "frau" doch in hohen Schuhen, oder? Das muss?! Wenn das nicht geht, dann musst du mit dem Tango aufhören?


Vor einiger Zeit hat mich eine Milongabesucherin angesprochen, wo man denn Tangoschuhe wie die meinen herbekäme? Vielleicht hat sie mein Getanze überzeugt? Genau solche bräuchte sie unbedingt auch! Wir blicken beide zu meinen Füßen: Jazzschuhe - flach, weich, höllebequem mit geteilter Sohle. Sie war enttäuscht und ungläubig, als ich meine Schuhe als artfremd geoutet hatte.
Die Dame war zum Zuschauen da. Nach einem Jahr Tango  - selbstredend hochhackig - und proportional wachsendem Fußschmerz habe der Orthopäde ihr den Tango streng verboten.

Dabei tanze ich noch gar nicht so lange flach und weich. Ich bin lange Zeit gar nicht auf die Idee gekommen, die Verbindung "hohe Schuhe und Tango" anzuzweifeln! Hab mich jahrelang gewundert, dass ich um's Verrecken Balance und Technik nicht weiter verbessern konnte. Bis ich mal einen ganzen Abend flachbeschuht getanzt habe, die Tangohochhacken lagen vergessen daheim. Der Tanzdruck war halt stärker als das Bedürfnis nach dem "schöne, stolze Tanguera-Gefühl".

Einfach war das erstmal nicht, ich war gezwungen, die Schritte ganz sauber zu setzen. Und tauschte den fehlenden Absatz einfach mit einem vorgestellten: rauf auf die Ballen, in der Höhe anpassbar an die Größe des jeweiligen Tanzpartners.

Wieder brauchte ich einige Zeit bis zur Erkenntnis, dass das auch nicht unbedingt sein muss. Zwischendurch sanft runter auf den ganzen Fuß und die Pfoten entspannen darf schon sein. Aber ein gutes Trainig war die Hoch-Ballenzeit trotzdem.



2. Warum können manche Frauen so elegant-vortrefflich in Schuhen tanzen, die einem Foltergerät alle Ehre machen würden?

Zugegeben - High Heels zeichnen eine wunderschöne, elegante Beinlinie. Meistens im Sitzen oder Stehen. In einigen Fällen beim Gehen oder minimalistischer, geschlossen umarmender Stehtangomanier. Manchmal beim Tangotanzen. Das sind aber meistens die Tangueras, die auch in Gummistiefeln tanzen könnten, wenn sie sollten oder wollten. Lieber ist ihnen allerdings oft, ihren Tango ein bissele zu dekorieren ;) Und ich schreibe hier von ganz normalen Frauen, die einfach gerne und schon lange tanzen. Nicht von Balletteusen, die auf der Bühne äußerst routiniert die Fuß-Blut-Schmerzen unter Lächelschminke verstecken.

Folgt der Betrachter der sexy Beinlinie nach oben und trifft auf ein verkniffenes Gesicht, schränkt das den Erotikfaktor erheblich ein. Der Zauber entsteht durch entspannt-lässige Eleganz - katzenhaft halt. Und hast du schon mal eine Katze mit Absätzen gesehen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass gut trainierte, geschmeidige Füße den klassischen Glitzi-Glänzi-Peeptoe tolerieren und vor allem händeln bzw. füßeln können! Wenn dir die Füße nicht wehtun, wenn du gut klarkommst: rein in die Hülle des Begehrs und ab auf die Piste! (Dann brauchst du auch keinen Kurs "Gehen in hohen Schuhen".)

Falls nicht, wage ich zu fragen: 
  • Warum tust du dir das an?
  • Wer tanzt Tango? Du oder deine Schuhe?
  • Willst du schön sein oder (schön) tanzen? 
  • Willst du dir im Zweifelsfall wirklich einen prinzigen Schuhfetischisten an Land ziehen, dem der Tango wurscht ist?
  • Wenn schön tanzen "nur" in bequemen Schläppchen funktioniert, warum probierst du's nicht mal öffentlich?
  • Warum lässt du deinen Pfoten nicht einfach ein wenig Zeit, stärker und geschmeidiger zu werden, bevor du dich ans Meisterinnengerät wagst?
Herrschaft! Wir haben es doch auch geschafft, bequemere Vorrichtungen zur Linderung der Schwerkraftwirkung bezüglich unserer sekundären weiblichen Geschlechtsmerkmale einzuführen! Ein Sport-BH aus Microfaser ist halt mal bequemer als das Schnürkorsett. Und hat den Vorteil, dass Atmen doch möglich ist.

Fazit: 

In der Arbeitsbeschreibung Tangoschuh steht lediglich:
  • Fuß vor Dreck und Tritten schützen.
  • Weich sein: Dem Fuß Bewegungsfreiheit zum Tanzen ermöglich, den Zehen Platz zum Spreizen lassen
  • Schwitzfest und gut putzbar sein.
Mehr nicht.


Deine Füße möchten ein Leben lang halten.
Sei nett zu ihnen.
Neue kaufen ist nicht. 

Der Tangoschuh ist nur ein ergänzendes Werkzeug. Ersetzbar.
Deko darf, aber muss nicht sein.

Ob in Vergrößerungsklötzen wie Vio Tangoforge, in Highheels oder barfußähnlich:
Die Tango-Ausführende bist du!

Viel Vergnügen!
Mit lieben Grüß' an deine Füß'!

Im nächsten Artikel darf der "gemeine Straßenschuh" und sein Verhältnis zum Alltags-Fuß die Hauptrolle spielen.


TangoForge ICC Sessions #1: Vio y Roberto from TangoForge on Vimeo.

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel

P.S.: ... oder lass deine Füße einfach mal behandeln! Schreib mir eine Mail (post@tangofish.de) oder ruf an (08238/9904044), und lass dir einen Termin geben.
 









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Freitag, 14. Juli 2017

Meine Tanzografie

Wie kommt man zum Tango - eine von vielen Antworten




Heute wurde ich vom Blogger-Kollegen Riedl verhört - und er nahm meine Aussagen genauestens zu Protokoll: Tatmotiv, Gelegenheit etc. Deswegen erscheint dieser Doppel-Zusammenarbeits-Artikel gleichzeitig in beiden Blogs. 
Gugschduda: http://milongafuehrer.blogspot.de/

An vieles hab' ich mich schon gar nicht mehr erinnert. Im Gespräch kamen dann doch wieder ein paar alte Grinse-Gespenster an's Licht. Vielleicht ist diese Geschichte eine kleine Ermutigung für andere Tanzfreaks, bei denen sich Verstörung einstellt beim ersten Tangokontakt. Es war nicht immer so wie heute und muss auch nicht so bleiben. Meines Erachtens. Oder m.E.

Ab meinem vierten Lebensjahr lernte ich Ballett, einmal die Woche in einem Studio bei einer tschechischen „Lährärin" – streng, aber bodenständig. Die Aufführungen, die jeweils in der Weihnachtszeit stattfanden, waren toll. Die Kostümierungen, speziell rosa Tutus, nervten mich allerdings gewaltig. Aber ab einer gewissen Kursstufe durfte man Weiß tragen und Spitze tanzen! Mit vierzehn wechselte ich pubertätsbedingt zum Judo (beim Fußballverein wurde ich als Mädchen nicht aufgenommen).

Meinen ersten Tanzkurs habe ich in der 8. Klasse gemacht – mit fünfzehn und der ganzen Klasse. Ich hatte mich soo aufs Tanzen gefreut – Bigband Swing, Rumba, Samba, Wiener Walzer – auf alles, was ich als „Erwachsenen-Tanzmusik“ kannte.


Allerdings sollten wir dann eher zu 80-er Jahre-Discoklängen umeinandertappen: eins, zwei, tapp. eins, zwei, tapp... Das sollte dann Rumba oder was auch immer sein!


Auf den „Nachmittags-Parties“ durfte man auch nicht einfach „nur so“ tanzen: Zu Popmusik hat ein anwesender Tanzlehrer-Azubi dann angesagt, welcher Tanz das sein sollte. Der Tanzpartner fragte dann immer, in welchem Kurs man sei – mit der Antwort: Aha, dann kann ich ja nur die oder die Folge tanzen! Merksatz: „Gebrezelt wird viermal“.


Meine Eltern haben in ihrer Jugend getanzt „wie der Lump am Stecken“ - und früher viele Veranstaltungen besucht. Einmal habe ich meinem Vater nach der Tanzstunde eine „tolle, neue Figur“ beschrieben und gehofft, dass er sie tanzen kann (im Kurs konnte das nämlich keiner). Seine Antwort war nur: „Muss ich das wissen?“


Es war aber nicht gesagt, ob einen überhaupt einer der damals total verbreiteten „Popper“ aufgefordert hat, wenn man als „Hippie-Mädchen“ barfuß oder mit „Birkenstöckern“ erschien – Tanzschuhe waren damals überhaupt kein Thema! Immerhin hatte ich mir als Zugeständnis extra einen Rock angezogen (lila, aus Seide, selber genäht), aber damit konnte man kaum gegen die „höheren Töchter“ anstinken...


Mein Tanzpartner war ein guter Freund, der gutmütig alles mitmachte, was man halt sollte – ein sonderlicher „Tanzdruck“ war bei ihm nicht vorhanden – und nach zweieinhalb Kursen brach er sich dann den Fuß und war tänzerisch nicht mehr einsetzbar. Mir wurde ein „Springer“ zugewiesen – vom Typus „holdes Bürschlein“, inklusive der entsprechenden Starallüren.


Bis dahin hatte ich begriffen, dass es in dieser Tanzschule sicher nicht irgendwann mit „richtigem Tanzen“ losging, sondern immer so weiter. Was ich von meinem Eltern als „Tanzen“ kennengelernt hatte, war dort nicht zu lernen: Sich lässig in die Musik hineinzulegen, übers Parkett zu fetzen und Spaß zu haben. Dass dabei das meiste improvisiert war, wurde mir damals überhaupt noch nicht klar.


Geahnt habe ich es dann auf dem Abschlussball, als bei der „Väter-Töchter-Runde“ bei den Mädchen Angstschweiß und panische Blicke um sich griffen, weil die Väter natürlich überhaupt keine Schritte aus dem Kurs führten, sondern irgendwas tanzten – und das häufig sicher, ja souverän. Auch bei mir war die Nervosität groß, aber zunehmend ließ ich locker und spürte plötzlich: So ähnlich könnte Tanzen sein! Übrigens war in dieser Runde auch ein Tango dabei – neben Rock'n Roll und Pasodoble (bei welchem mein Vater seinen „Stierkämpferblick“ aufsetzte und so den Tanz interpretierte). „Gockeln“ war natürlich bei seiner Tänzergeneration inklusive (ob man nun tanzen konnte oder nicht...).


Da das, was ich unter „so tanzen“ verstand, in meiner Tanzschule nicht gelehrt wurde, habe ich dann aufgehört: keine wirklich motivierende Musik, glatt, lackiert und total spießig.


Nach längerer Zeit kam ich über Jazzdance zum Steptanz. Diesen betrieb ich sehr intensiv, aber einfach so „mal tanzen gehen“ war da auch nicht möglich. Aber wenigstens gab es dabei gute Musik! Über den Swing kam ich dann auf den Tango. Irgendwann war mir dann klar: Auf diese Musik will ich tanzen! Ich besaß damals zwei CDs: Tangos aus den 20-er Jahren und Piazzolla.


Vor fast zwanzig Jahren war es gar nicht leicht, überhaupt einen Tangokurs zu finden! Nach einem Wochenend-Workshop besuchte ich (trotz Verbot des Tangolehrers und allein!) sofort eine Milonga und wusste schlagartig: Da bin ich daheim! Eigenartige, freundliche Menschen, viel Gelächter, verschiedenste Tanzstile, kaum erkennbare Schrittfolgen, unterschiedlichste Musik zwischen Gardel und Narcotango. Und ich traf dort viele aus meinem Kurs, die das Verbot des sofortigen Milongabesuchs ebenfalls ignorierten! Man forderte (ungeachtet irgendwelcher Levels) auf – und wer als Frau dabei nicht die Initiative ergriff, fiel direkt auf! Manche hatten Tanzschuhe, manche nicht – ob Cargohose oder geschlitzter Rock: völlig egal!



Zum Tangotanzen nutzte ich jede Gelegenheit und nahm in den ersten Jahren in meiner Heimatstadt sogar Kurse, Workshops und Practica in Kauf. Inzwischen sind es fast 20 Jahre - und immer noch kann man mich auf Veranstaltungen treffen, die möglichst nahe an die Eindrücke meiner Anfängerzeit heranreichen.


Wäre ich nach meinem Anfängerkurs (und meinem inneren Tanzdruck) damals auf eine Milonga des heute üblichen Zuschnitts geraten, hätte ich sofort wieder aufgehört. Nicht mal die Rentner bei dem Tanztreff der Arbeiterwohlfahrt, wo meine Oma auflegte, schafften es, so ein fade Stimmung zu verbreiten...


Und mein Vater hätte bei einem solchen Anblick einen seiner Lieblingssprüche gebracht:
„Sagt der Scheich zum Emir: Etz zahl'n mir und dann geh mir.“
Und ich hätte ihm geantwortet:
„Sagt der Emir zu dem Scheich: Zahl' mer gar net, geh' ma gleich.“

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel









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Mittwoch, 12. Juli 2017

Schatz! Wir müssen reden!

Ein Muster-Wutbrief

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SO geht das nicht weiter!

Setz dich dahin, halt einfach mal die Klappe und hör mir zu!
Auch wenn dir deine altbekannten Einwände auf der Zunge brennen.
Kannst dir ja Notizen machen.

Ich halt das so nicht mehr aus!

Was soll ich denn noch alles machen? 

Soll ich die ToDos auf Klopapier schreiben? Das ist ausgerollt ganz schön lang. Aber alles Gelistete ist alleine halt nicht zu schaffen! Beim besten Willen nicht. Auch wenn ich Essen und Schlafen ausließe!

Bad putzen, einkaufen, Rechnungen bezahlen, Wasserhahn montieren, Löcher im Gewand flicken, Blogartikel schreiben, Tippen üben, Website optimieren, an den Buchprojekten arbeiten, neue Schuhbändel für die Tangoschuh besorgen, fortbilden, Zusatzdienste annehmen, die Praxis voll bringen, mit dem Kurzen Mathe, Deutsch und was grad ansteht, lernen, Freundschaften pflegen, zum Friseur respektive Zahnarzt gehen, die Steuer machen, den Müll runterbringen... Und das ist nur die Spitze vom Eisberg!

Da muss manches halt liegen bleiben! 
Später erledigt werden, 
"quick and dirty" 
oder gar nicht.  
 

Immer sind andere wichtiger!

Und zu diesem ganzen Wust schreibst du mir noch honorarfreie Fremdarbeiten auf die Liste - hochwichtig(!), hochdringend(!) - von deren pünktlicher Optimalverwirklichung abhängt, ob sich das Universum weiterdreht. Für den Auftraggeber. Und meine Sachen bleiben mal wieder liegen!

Sorry, dass ich (noch) Zeit und Nerven vertue, wenn ich mich über unverschämte Forderungen heftig ärgere - anstatt die Angelegenheit vollkommen emotionskontrolliert und effizient abzuwickeln! Aber auch hier habe ich - wenn du genau hinschaust - Fortschritte gemacht bezüglich Dauer und Hitzeentwicklung der Ärgerung.

Also lass mich einfach hin und wieder ein wenig traurig sein oder grantig! 
Das ist normal und geht inzwischen quasi nebenher, anschließend vorbei. Und gut ist's.

 

Du meinst wohl, ich strenge mich nicht genug an?

Schau hin! Dann würdest du sehen, dass ich mir den A... aufreiße, um das alles perfekt hinzubringen. Sogar beim Tangotanzen flüsterst du mir hin und wieder ins Ohr, das ginge noch besser, wenn ich mich zusammenreißen tät'.

Ach ja, perfekt: Muss denn immer alles perfekt sein? Wäre in manchen Fällen nicht ein befriedigend  akzeptabel? Dann hat das Waschbecken halt mal Kalkflecken. Fleißbildchenentzug, wenn die Steuer erst im April beim Finanzamt landet? Haare frisurlos, nur hochgesteckt? Beine unter der Hose unrasiert?

JA UND?

Wenn das überhaupt jemand bemerkt, geht die Welt davon nicht unter. Der Einzige, der mich deswegen für einen defizitären Deppen hält, bist du!

Ich weiß, ein "Nein!" zu "Kannst du mal geschwind..." passt dir gar nicht. Musst aber leider damit leben, dass darin oft eine pragmatische Lösung steckt.
Das wirst du schon verkraften. Stell dich nicht so an!

Hin und wieder Hilfe annehmen ist übrigens weder verwerflich noch schwächlich. Auch wenn du es dir nicht vorstellen kannst, es gibt echt Personen, die mich gerne unterstützen!

Andere schaffen das doch auch!

Dein Killerargument! Dankeschön! 
Andere haben sich immer im Griff!


Andere können doch auch...
  • Nachtdienste schieben und zu Recht die Zuschläge kassieren
  • die gelben Säcke termingerecht an den Gartenzaun hängen
  • ein fröhliches Liedlein pfeifend, angetan mit einer gebügelten Bluse gleichzeitig den Wasserhahn polieren und  medizinische Fallbesprechungen im Internet verfolgen UND kommentieren
  • ein Haus bauen, mit zugehöriger Baumpflanzung 
  • ein Legohaus bauen, mit zugehöriger pädagogisch wertvoller Verzierung
  • Artikel in einer Stunde schreiben, veröffentlichen und 10.000 Leser haben
  • nur 5 Stunden pro Tag arbeiten und trotzdem so(!) viel(!) verdienen

Andere reagieren immer selbstbewusst! Haben immer den richtigen Spruch parat, lassen sich nicht an's Bein pinkeln. Und so weiter und so fort!

Du Blödel! Sich mit anderen zu vergleichen, ist der beste Weg, unglücklich zu sein! Such nur wie ein Trüffelschwein, du wirst sie finden, diese Jemande, die besser, schlauer, schöner, erfolgreicher etc. scheinen als ich. Da mach ich nimmer mit!


Ja, du meinst wohl, mir fehle es an Disziplin und Erfolg! Ich bin dir nicht genug?!


Besteht dein Begriff von Disziplin etwa darin, mich wie eine Leibeigene zu behandeln? 
An meiner Selbstoptimierung müsse ich schon noch arbeiten?
Das wäre alles NICHT GENUG! 
Ja, was denn noch alles?
Bin ich ein Roboter oder was?

Nicht genug Erfolg?! Ich solle mir doch andere in meinem Alter anschauen. Die haben's doch auch geschafft: nimm die dicke Klassenkameradin von damals! Die hat eine gutgehende Privatpraxis (Ärztin), zwei wohlerzogene Kinder und ein Haus in bester Gegend!

Dabei ignorierst du standhaft, was ich - gerade in den letzten Jahren - allen Widrigkeiten zum Trotz geschafft habe. Mit zwar entwicklungsfähigem Zeitmanagement, aber dafür einem Haufen Geduld und Spucke. Obwohl mir eine ganze Menge Knüppel zwischen die Füße geworfen wurden, wachsen einige Pflänzchen wirklich gut! Ist das alles nix wert?

Übrigens: Dass die Dicke von damals mit Silberlöffelchen in der Gosch'n bequem studieren konnte und wahrscheinlich schon Zeit ihres Lebens auf einem dicken Budgetpolster für berufliche Pläne gesessen ist, lässt du unter den Tisch fallen. Auch dass deren Kinder von einer Kinderfrau wohlerzogen werden. Zu welchem Preis solche Töchter und Söhne das sippeneigene Vermögen nutzen dürfen, verschweigst du wohlweislich. Ich kenne aber den Tarif! Ist mir zu teuer. Also lass mich damit zufrieden!


Hör auf, mir ein schlechtes Gewissen einzureden!

Arbeite ich, sagst du mir, ich wäre eine Rabenmutter. Bin ich als Muttertier unterwegs, wirfst du mir vor, mich in der typisch weiblichen Kuschelecke verstecken. Tangotanzen? Ineffektiv! Das ist weder Familien- noch anderweitig als "Arbeit" gültig. Nur irrelevanter Luxus.

Lass mich mit diesem Quatsch endlich in Ruhe!

Ich arbeite wirklich gerne! In der Stellenbeschreibung für Mütter steht (glaub' ich): "Sei ein Vorbild." Ist es also verwerflich, wenn ich meiner Brut vorlebe, dass es ganz cool ist, wenn man sich selber versorgen kann? Eben nicht auf externe geldige Vitaminspritzen angewiesen ist, um sein Leben zu meistern?

Familienchillen inklusive eisvertilgend Mau-Mau spielen ist doch keine Zeitverschwendung! Spinnst du? Außerdem ist es eine spannende Sach' zu verfolgen, wie ein Krümel sich zur Torte entwickelt. Oder Kaisersemmel? Schauen wir mal.

Und Tango? Hey, ich kann doch nicht immer nur arbeiten! Und der Krümel wächst auch mal ein paar Stunden ohne mich weiter. Tango ist Nahrung für die Seele. Und ich werde jetzt auf keinen Fall anfangen, Gründe wie "Depressionsprophylaxe" oder "TanzSPORT" in den Ring zu werfen. SO muss ich mich vor dir echt nicht rechtfertigen!


Du meinst wohl, ich wüsste nicht, was ich will?

Doch. Meistens.
Aber muss ich das immer so genau wissen? Muss ich so genau wissen, wo ich in zehn Jahren stehe? Muss ich immer den ultimativen Plan in der Kitteltasche haben? Mit Zwischenzielen und haargenau definierten Anzeichen, ob ich diese auch erreicht habe? Immer den Plan B (bis Plan Z) parat haben? Darf ich denn nix einfach auf mich zukommen lassen?

Es läuft doch! Angenehme, inspirirende Arbeit, Zeit für Kind und Kegel, Futter für Hirn und Tangofüße. Diridari stimmt auch. Also, was willst du?!

Nix bleibt, wie's ist: Die Welt funktioniert nicht ausschließlich nach deinen Plänen. Das ist eine Illusion, hübsch zwar, an der Alltagstauglichkeit mangelt's aber schon gewaltig. Die Menschen im Umfeld sind keine Statisten, haben eigene, unkalkulierbare Pläne. Arbeits(platz)- und Wettbewerbsbedingungen können sich ändern, Kunden sterben oder ein Umzug wird nötig. Sogar die Tangoszene kommt heute anders daher als vor zehn Jahren. Was ist dann mit deinem ultimativen Plan?

Lass mich halt einfach ein bissel flexibel bleiben! Was weiß denn ich, was mich in zehn Jahren interessieren wird, was ansteht, welche Möglichkeiten verschwunden sein werden und vor allem, welche feinen Chancen sich ergeben werden. Mir Sorgen machen und Lösungen finden werd ich schon, wenn's soweit ist. Da fließt noch viel Wasser den Lech hinunter!


Lass mir einfach mein' Ruh'!

Lass mich halt einfach JETZT, heute das tun, was ansteht!
Und damit zufrieden - wenn nicht sogar glücklich sein.


Sonst folgen Konsequenzen, die dir nicht gefallen werden.
Host mi?

*******
Diese Brief kannst du natürlich 

AUCH 

deinem Ehegatten, Freund, Kind oder (in den Formulierungen etwas angepasst) deinem Chef vorlesen. Bringt aber im Off-Label-Use erfahrungsgemäß nicht viel, da falscher Adressat.

So richtig wirksam wird der Brief, wenn du ihn dir selber vorliest, dich selbst ansprichst. 

Ich mach das, wenn's mal wieder nötig ist. Ehrlich! In Folge werde ich erst muffig, grantele mich ein paar Stunden durch die Welt, bis ich dann beschließe, ein wenig netter zu mir zu sein. 
Das tut gut! Die Gelassenheit kommt zurück. 

Probier's aus! Selbstverständlich darfst du Aspekte hinzufügen oder streichen. Fühl dich frei! Keine Hemmungen. Aber versuche, nur so streng wie nötig mit dir zu sein ;)

Der Minibuddha auf dem Fuß meines Bildschirms lächelt. Und ich verstehe wieder seinen Glückskeks-Spruch, auf dem er so gerne sitzt: "Liebe lehrt tanzen."

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







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