Dienstag, 6. Dezember 2016

"Haben Sie auch Placebo?" - Gastbeitrag von Gerhard Riedl

Der "Patient an sich" ist auch ein Mensch.

 
image article im prinzip tango haben sie auch placebo
Renitenter (?) Patienten-Krampus Gerhard Riedl mit rotem Mäschle (nikolauskompatibel)

Heute kommen wir zu der interessanten, quasi auf den Kopf gestellten Frage: Können Pflegende, Therapeuten oder Ärzte auch selbst "Energievampire" sein? 

Meiner Erfahrung nach durchaus - allerdings meist ohne dass ihnen dieser Vorgang bewusst ist. Die dem Patienten abgelutschte Lebenskraft wird dann zwar lobenswert nicht zur Auffüllung der eigenen genutzt, was den Prozess aber nicht besser macht.

Der Weißkittel-Bluthochdruck ist dir bestimmt ein Begriff. Die Intensiv-Fachkrankenschwester, die am liebsten Komapatienten versorgt - mit selbigen muss sie nicht reden - sitzt in dieser Schublade. Die Heilpraktikerkollegin mit gebelltem Befehl "Loslassen!!", während sie dir ihre bestimmt tolle Spezialmassage in einem eiskalten Raum zuteil werden lässt, mag (oder kann) ebenso nur einen kleinen Teilaspekt ihrer Patientin erkennen. 

Wenn Kampf und Flucht auf der Agenda stehen - in eher sympatikuslastigen Situationen - haben Leib und Seele schlicht keine Zeit und Aufmerksamkeit frei, um das Immunsystem hochzufahren, die Durchblutung und Ernährung im sogenannten kranken Bereich zu verbessern, zur Ruhe zu kommen und gesund zu werden. Egal, ob der Säbelzahntiger dahergaloppiert, das Pflegepersonal dich hektisch akkord-abarbeitet oder der Mediziner sorgenvolle Brummellaute während einer Untersuchung von sich gibt.

"Heilung" bzw. "Linderung des Leidens" geschieht nicht nur meiner Erfahrung nach wesentlich besser in einem friedlichen Umfeld, die dem Patienten die Umschaltung Richtung Parasympatikus gestattet. Hier wird im Moment fleißig geforscht, und ich hoffe, dass die Studienergebnisse in nicht allzu langer Zeit auch auch das medizinische Fußvolk an der Patientenfront erreichen. Rühmliche Ausnahmen gibt es ja bereits.

Vielleicht sollte uns "Medizindienstleistern" jeglicher Couleur dieser Punkt eher zu denken geben als die ständigen Streitfragen, wer denn nun als Spinner einzuordnen wäre, geschweige denn, wer recht hat?

Hören wir unseren Patienten doch einfach mal zu! 

Die wissen nämlich oft ganz genau, was sie brauchen und was nicht, sind gescheiter als wir uns anmaßen, zu meinen.

Deswegen freue ich mich, einen Gastbeitrag des geschätzten Bloggerkollegen und renitenten (?) Patienten-Krampus Gerhard Riedl kredenzen zu dürfen, der aus der Sicht des "Users" das Thema beleuchtet. Wegen Nikolaus mit einem roten Mäschle.
Bühne frei!
 
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Haben Sie auch Placebo?


Neulich unterzog ich mich – wie jedes Jahr – einem Gesundheitscheck. Wenn man vor acht Jahren eine Krebsdiagnose erhalten hat, wird man doch etwas vorsichtiger und geht nicht erst bei Beschwerden zum Arzt. Allerdings fühle ich mich in der Woche um diesen Termin herum stets saumäßig.

Es ist sicherlich jedes Mal aufregend, auf die Ergebnisse zu warten. Die Hauptursache aber ist eine andere: Technisch bin ich bestimmt in besten Händen – ein positives Verhältnis zu dem Mediziner hat sich jedoch nicht entwickelt, im Gegenteil. Dabei gäbe es Gründe hierfür: Immerhin gelte ich nach schulmedizinischen Standard als „geheilt“ – das damals diagnostizierte Non Hodgkin-Lymphom hat sich nach Chemotherapie und Antikörperbehandlung bislang ohne Rezidiv verabschiedet.

Wäre dies nicht ein Anlass, mir irgendwann einmal zu sagen, das hätte ich gut gemacht, mir eventuell sogar zu diesem Erfolg zu gratulieren? (So wie meine Heilpraktikerinnen, von denen ich das öfter höre!) Offenbar nicht. Kuriert haben mich ja die Onkologen, nicht ich selbst! Das letzte Mal fragte der Arzt mich, in meiner dönerdicken Krankenakte blätternd: „Hatten Sie damals auch eine Chemotherapie?“ Ich leide sonst nicht an mangelnder Schlagfertigkeit, doch diesmal blieb mir die fällige Antwort im Halse stecken: „Nö, natürlich nicht, ich hab das mit Aprikosenkernen weggekriegt!“

In Wahrheit waren die zwölf Sitzungen Chemo und das sonstige Klinikprogramm nicht vergnügungssteuerpflichtig – ich habe mich dennoch dem Regime der Schulmedizin unterworfen und es ohne größere Schrammen überstanden. Allerdings holte ich mir weitere Hilfe: Eine Tangofreundin, welche damals gerade ihre Überprüfung als Heilpraktikerin bestand, kümmerte sich intensiv um mich, ebenso ein von ihr empfohlener Arzt, der auf Naturheilkunde spezialisiert war – meine Ehefrau nicht zu vergessen.

Das Wichtigste aber: Irgendwie war mir klar, dass ich nicht am „Lymphdrüsenkrebs“ sterben würde – fragen Sie mich nicht, warum! Und ich war vom Erfolg aller Therapien überzeugt und beschloss gleichzeitig, der Krankheit in meinem Leben nicht mehr Raum zu lassen als nötig. Daher ging ich weiter zum Tanzen und gab Zaubervorstellungen, oft im Anschluss an die Chemositzung im Krankenhaus – auch wenn das bei meiner sicher nicht zaghaften Heilpraktikerin leichte Panikanfälle auslöste. Dennoch ermutigte mich mein näheres Umfeld stets darin, an mich und meine Heilung zu glauben.

Anekdote am Rande: Beihilfe und private Krankenversicherung bezahlten fast alle Therapien, sogar die komplementären – mit Ausnahme einer Behandlung, welche mir besonders gut tat: der Visualisierungen. Soviel zur Abrechnungs-Logik unseres Gesundheitssystems…

Wer hat mir nun zu wieviel Prozent geholfen: die Zytostatika und Antikörper, die Naturheilkunde, die Endorphine bei Zauberei und Tango, die Zuversicht meines Umfelds – oder doch ich mir selber?

Ich habe neulich (zusammen mit Manuela Bößel) eine Rezension des Buches von Anousch Mueller geschrieben: „Unheilpraktiker: Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen“. (Von den Lesern bei „Amazon“ erhielt diese Besprechung sehr viel Zustimmung und führte zu über 160 Kommentaren!)

Für die Autorin ist die Sache ganz einfach: „Eine optimale Arzneimittelstudie verläuft placebokontrolliert, doppelt verblindet und randomisiert.“  Also Placebo plus echtes Medikament halbe-halbe, keiner weiß, was er gerade gibt bzw. nimmt, alles und alle zufällig ausgewählt. Nach diesen Kriterien haben nur die schulmedizinischen Präparate geholfen: „Für die meisten paramedizinischen Therapien konnten bis heute keine Wirksamkeitsnachweise erbracht werden.“ (Ich lasse lieber die Grübelei darüber, welche Studien von wem finanziert werden, und wer die Fragen passend zu den Antworten formuliert…)

Okay, Akupunktur hilft vielleicht ein bisschen bei Migräne, Zuwendung sowie gar Berührung erhöhen den Serotoninspiegel und Heilpraktiker nehmen sich mehr Zeit, da sie kein Ferienhaus in Spanien finanzieren müssen – aber gegen Krebs wirkt das alles nicht. Bloßer Placeboeffekt!

Bloß? Als gelernter Naturwissenschaftler bin ich inzwischen der felsenfesten Überzeugung: Ohne Placeboeffekt wären die meisten Therapien nicht mal halb so wirksam – und dessen bedienen sich studierte Mediziner (wenn sie klug sind) ebenso wie Heilpraktiker! Wenn jemand vor Angst stirbt, helfen auch keine Pillen – und: Wer recht haben will, heilt. So einfach ist das!

Ich bin sicher, man wird dereinst die Zusammenhänge zwischen Psyche und körperlichen Abläufen (z.B. im Immunsystem) genauer erforscht haben. Aber dies ficht natürlich Autorinnen wie Anousch Mueller nicht an: „Es gibt weder das Qui noch Meridiane.“ Aha. Schön, wenn man das so genau weiß…

Warum falle ich dann jedes Mal nach einer Akupunkturbehandlung in einen erquicklichen, wohltuenden Schlaf wie nach einer großen Anstrengung? Wegen dem bisschen Piekserei? Aber klar, das sind natürlich nur „anekdotische Beweise“! (Nebenbei ist es mir auch wurscht, wie man welche Leitbahnen nennt!)

In ihrem Anti-Heilpraktiker-Werk wird Frau Mueller nicht müde, vor den unseriösen Heilungsversprechen sowie fragwürdigen, ja gefährlichen Methoden der alternativen Therapeuten zu warnen. Mein Vorschlag wäre dagegen, Patienten nicht für dümmer zu halten, als sie sind: Würde mir ein Heilpraktiker mit irgendwelchem esoterischen Schmus kommen oder mir gar von ärztlicher Behandlung abraten, wäre ich schneller aus der Praxis, als er eine Rechnung schreiben kann – umgekehrt aber auch: Als ein studierter Mediziner einmal – mit unverwandtem Blick auf den Computerbildschirm – bei mir den Leberschaden eines Patienten behandeln wollte, mit dem ich nur den Nachnamen gemeinsam hatte, suchte ich meine Heilung ebenfalls in der Flucht.

Was mir jedoch besonders an Nieren und Galle geht, ist das Geschwätz von der stets hundertprozentig „evidenzbasierten“ Schulmedizin: Ich hatte ja das Vergnügen, fast 60 Jahre lang ausschließlich mittels dieser therapiert zu werden. Ärzte erlebte ich in meiner Kinder- und Jugendzeit als Personen, welche nach einem misstrauischen sowie sorgenvollen Blick auf meine blasse Gestalt reihenweise Befunde abspulten (natürlich nur drei Minuten lang): Offenbar war bei mir gar nix in Ordnung – erst recht, als ich ab zirka fünf Jahren einen veritablen Wachstumsschub hinlegte. Der ärztliche Rat: Zurückstellung von der Einschulung, Befreiung vom Sport, Schonung allenthalben. Mit neun Jahren konnte ich noch keinen Purzelbaum und fing mir einschlägige Werturteile von Klassenkameraden und Sportlehrern ein (auch so eine Spezies, die alles ganz genau weiß)…

Heute bin ich davon überzeugt: Mir fehlte damals gar nichts außer Bewegung, frischer Luft und Medizinern, die mir halfen, an mich zu glauben. Meine Frage: Welche nachweisbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse brachten meine damaligen Ärzte dazu, so einen Schwachsinn zu labern? Die Wirkung solcher Therapien bestand lediglich aus dem Nocebo-Effekt psychischer Abwertung und sozialer Isolation!

Erst mit fast siebzehn fand ich ein Metier, welches in mir erstmals den Verdacht aufkeimen ließ, an mir könnte körperlich doch nicht alles falsch sein: das Tanzen. Damit habe ich mich im Laufe der Zeit selber „geheilt“. Eigentlich logisch, dass ich dann mit Ende fünfzig sogar dem Krebs davongetanzt bin…

Mit achtzehn befand allerdings die Ärzteschaft, ich sei immerhin gesund genug für den Wehrdienst, und war durchaus bereit, in der treffend so genannten „Sprechstunde“ darüber Vorträge (gerne über drei Minuten) zu halten. Auch an diesen medizinischen, sicherlich evidenzbasierten Rat hielt ich mich nicht.

Insofern befolge ich gerne die Empfehlung von Anousch Mueller:  „Krank sein heißt schließlich nicht, seinen Verstand an der Praxistür abgeben zu müssen.“ Im Unterschied zur ihr beziehe ich diese Aussage aber nicht nur auf Heilpraktiker-Pforten. Was ich an der Tür von Schulmedizinern allerdings zurücklasse, sind meine Emotionen. Ist besser so, denn der Herr Doktor kann damit eh nichts anfangen!

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Dankeschön! 
Der Patient ist also wirklich auch ein Mensch.   
q.e.d.
Echt!

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel
P.S. Die Facebook-Knöpfe funktionieren wieder. 



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Rezension und Diskussion zu "Unheilpraktiker" hier auf dem Blog
 
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Sonntag, 27. November 2016

Vom Umgang mit Energievampiren

Was du gegen das Davonfließen deiner Lebensenergie tun kannst


<image>vom Umgang mit Energievampiren
Hausbuddha mit seiner "Universelle Energie bitte da hinein!"-Pudelmütze



Kennst du das?


Gestern warst du endlich mal wieder zu Besuch bei einer alten Freundin - eigentlich ein ganzer netter Nachmittag, mit Kaffee und selbst gebackenen Plätzchen, sogar mit interessanten Gesprächsthemen. Hast dir ihre Sorgen angehört, Göttergatten plus Blagen betreffend, Lösungsansätze besprochen.

Aber nach den paar Stunden sinkst du ausgelaugt wie nach einem Marathonlauf auf dein Sofa, willst nix mehr sehen und hören, maximal einen „Tatort“ und das Schnurren deiner Katze. Komisch, das letzte Mal hat dich auch so erschöpft. Es ist doch schön, alte Freunde zu treffen! Das gehört sich so! Das hat gefälligst entspannend zu sein! Basta! „Also“, spricht dein interner Sozialkontakteverwalter, „stell dich nicht so an!“

Trotzdem will die amöbige Gefühlsqualität „ausgelutschter Kaugummi, von Kettenraupe überfahren“ nicht schwinden.

Versorgerinnen von Berufs wegen?


Du willst deine Arbeit als Krankenschwester oder Therapeutin bestens erledigen. Du bist in der glücklichen (?) Lage, eine Art „Energiefluss“ von dir zu deinem Schützling zu fühlen. Völlig unesoterisch, einfach pragmatisch spürbar perlt Lebenskraft via Handflächen und Fingerspitzen von dir zu ihm hinüber. Deinem Patienten geht es nicht so gut, dir schon. Du musst ihn doch stärken, das ist dein Job! Seine Lebensenergie in Fluss bringen! So spricht deine Berufsehre und dein Ehrgeiz. Dein Patient saugt regelrecht an dir. Dann geht es ihm sicht- und messbar besser. Das gehört sich doch so!

Blöd, dass du dich selber nach dem Kontakt schwächer fühlst. Mal mehr, mal weniger, ins Minus rutscht du immer. Das gefällt dir gar nicht, deswegen versuchst du dich mit verschiedensten Methoden vor einem Zuviel an Energieverlust zu schützen, arbeitest hart daran, deine Lebenskraft in deiner knappen Freizeit wieder irgendwie aufzufüllen. Trotz guter Nahrung für Leib und Seele, ausreichend Schlaf und allen Maßnahmen, die du deinen Patienten zur Entspannung empfiehlst, gelingt dies leider nur partiell. Wie bei einem alten Akku, der langsam, aber sicher an energetischer Inkontinenz leidet.


Beim Tangotanzen


Der Typ gestern hat wirklich schön getanzt. Ein wenig traurig hat er gewirkt. Während des zweiten Stückes flüsterte er dir ins Ohr, dass ihn seine Herzallerliebste verlassen hätte, und warum nicht alle Frauen so sein könnten wie du. So „hüüngebungsvoll". Tirili. Dann hat er sich in die Umarmung hinein geschmiegt, energiesaugend den Trost gesoffen, den du ihm selbstverständlich (?) übermittelt hast. Das gehört sich doch so! Nach den Tänzen mit ihm warst du plötzlich so müde, dass du sofort nach Hause gegangen bist. „Tatort“, Katzenschnurren, eine Tasse Tee auf dem Sofa. Ohne die gewohnte, tangoinduzierte Beschwingtheit in Herz und Schuhbeutel.


Energievampire und die Lust am Energieverteilen


Meiner Erfahrung nach gibt es sie wirklich, diese Energievampire. Bewusst oder unbewusst, mit oder ohne böse Absichten klinken sie sich ein und versuchen, einen Teil für sich abzuzwacken. Sie scheinen das als Nahrung zu benötigen.

Die Krux für den Angezapften besteht im momentanen Wohlgefühl, das der Energiefluss  auch beim Gebenden auslöst. Sonst würde man sich ja stante pede verweigern, automatisch die Grenzen dicht machen, oder? Liegt darin deine Motivation? Im Lustgewinn?


Lösungsansätze?


Manche meiner Bloggerkollegen raten bezüglich Umgang mit Energievampiren: „Überdenke und ändere deine Lebenssituation!“

Du hast also sorgfältig nachgedacht, hast Herz, Hirn und Bauch befragt. Bist in den Unterbewusstseinskeller hinabgestiegen, hast Altlasten begraben oder entsorgt. Aber bis auf unwesentliche, selbstverständlich schon umgesetzte Änderungsvorschläge hast du einfach keine Probleme mit deiner Lebenssituation. Mission für den kommenden, überblick- und änderbaren Zeitraum erledigt. Alles gut. Du bist zufrieden, wenn nicht sogar glücklich! Kann das sein?

Der nächste Tipp lautet meist: „gnadenloser Kontaktabbruch“.

Gut und schön, aber was tun, wenn der menschliche Staubsauger eine wirklich hilfsbedürftige Person ist, für die du Verantwortung trägst, ja tragen willst? Deine gesundheitlich angeschlagene Mutter? Dein Kind? Dein Patient an deiner Arbeitsstelle?

Vielleicht ist es ja auch so, dass du an einen lieben Menschen gerne und mit voller Absicht Energie weitergibst? Einfach, weil du es kannst? Dieses eigenartige Talent besitzt?

Du selber holst dir natürlich nur ganz selten, nur in Ausnahmefällen und nur ganz wenig Energie von anderen Menschen. Du weißt ja, wie das auszehren kann. Obwohl manche Zeitgenossen einen schier unerschöpflichen Vorrat zu besitzen scheinen. Wie machen die das nur?
 
Und so schwindet deine eigene Lebenskraft immer mehr dahin. Mittel- oder langfristig wirst du krank werden. Ob an Leib oder Seele, darfst du dir aussuchen. Manche chronischen Energieweitergeber verkürzen dadurch ihre vom Schicksal (oder wem auch immer) zugedachte Lebensdauer und sterben vor ihrer Zeit.

Eine unter Sozialberuflern (Pflegeleute, Lehrer, Mütter...) beliebte Vorgehensweise.
Schad‘ drum!


Warum wechselst du nicht einfach den Kanal?


Deine Lebenskraft gehört nur dir allein! 

Sonst niemandem! „Liebende“, hilfsbedürftige oder gar gierige Pfoten haben an deinem eigenen, internen Kraftspeicher nix zu suchen! Behalte deine Energie und nutze sie für dein Leben.

Es gibt doch genügend Energie rund um uns herum! 

Angeblich sogar im ganzen Universum. (Über die Erde hinaus bin ich allerdings noch nicht gekommen, so kann ich das nicht bestätigen.) Die Chinesen nennen sie „Chi“, die Japaner und Reikifraktion „Ki“, die Yogaistas in Indien und sonstwo "Prana", sogar Milton Trager spricht vom „Hook up“, was „Anschluss an die universelle Energie“ bedeutet - such‘s dir aus oder erfinde einen neuen Begriff.

Ich bin sicher, du kannst sie fühlen, diese Lebenskraft - weißt ganz genau, worüber ich schreibe.

Was man spürt, muss es doch geben, oder?
Was du spürst, kannst du auch „anzapfen“, weitergeben.

Und die eigene behalten.

Dann fließt die Energie durch dich hindurch - hinein in den Empfänger.

Der profitiert, darf soviel saugen, wie er will. Dass das nicht deine ist, merkt er nicht. Sie schmeckt ja nach dir, weil sie durch dich durch marschiert ist.

Und du hast im Nebeneffekt auch was davon: Es fühlt sich an, als würdest du dein eigenes Chi (oder welchen Namen auch immer du dafür wählst) waschend klären, auffüllen, anwärmen, nähren...

Zugegeben, diese Idee umzusetzen erfordert Übung. Vor allem, wenn man auf schwurbelesoterische Begrifflichkeiten so allergisch reagiert wie ich. Aber es lohnt sich. Versprochen!
(Deinen Tatort darfst du katzekraulend trotzdem noch angucken.)

Viel Vergnügen beim Ausprobieren!

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel



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Mehr zum Thema von der "Tango-Fuß-Blogger-Kollegin" Birgit Faschinger-Reitsam:
http://www.draufgaengerin.de/hornhaut-nein-danke/

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Mittwoch, 16. November 2016

Hefezopf im Walzertakt

Über den Interpretationsspielraum von Rezepten und die ketzerische Frage, ob man beim Tangotanzen wirklich mitzählen muss


<image>zählen beim tangotanzen
Tango in Prag bei Vollmond (Echt!) * Foto: M. Bößel * www.tangofish.de

Die Geschichte vom Hefezopf aus der himmlischen Backstube


Kennst du das?

Du versuchst, einer Angehörigen der Generation Kittelschürz' das Rezept für deine Lieblingsspeise - z.B. den göttlichen Hefezopf - zu entlocken. Mit Notizblock und gespitzten Ohren bewaffnet, gerätst du aber bald an den Rand der Verzweiflung: Statt konkreter Grammangaben vermeldet die Geheimnisträgerin "einen guten Schuss davon", "ungefähr eine Handvoll jenes" und "mit der Butter brauchst nicht zu sparen", gekrönt von "wie's dir halt schmeckt". Fragen nach der Backzeit wehrt sie empört ab: "Das merkt man doch, wenn er fertig ist!"

Ich versichere dir, die einzige Methode diesen unvergleichlichen Geschmack selbst herzustellen, besteht nicht in der Auflistung der Zutaten und Kopierversuchen, sondern im wörtlich gemeinten Begreifen des haptischen, sinnlichen Prozesses: Nachfühlen.

Spüre, wie viel Raum Omas "Handvoll" einnimmt!
Lass dir die Hand führen beim "Schuss Wasser" zugeben!
Rühre eigenhändig in ihrem perfekten Teig, vor und nach dem Gehen!
Fühle die Konsistenz! Koste, schnuppere dich durch sämtliche Schritte!
Pieks' hinein in den fertigen Zopf, klopfe, horche, speichere das Geräusch ab.

Dann wissen deine Hände, Nase und Ohren, wie's sein soll.
Das Ergebnis beflügelt die Sinne: innen fluffig warm wie ein Plumeau und außen magisch knusper-krustig.  
Dann schmeckt's lebendig!



Blümelige Gesänge unter'm Balkon bei Vollmond versus Robotermusik


Was unterscheidet eigentlich eine musikalische Interpretation, die dich kalt und angefadet lässt, von einer, die dich zu Tränen rührt? Dieses LIED, das du vielleicht nur anhörst, wenn du ganz alleine bist? Mit taschentuchiger Intention bei Mondenschein samt Herzerwärmung?

Würde ein Roboter dein Lieblingssentimentaltätsstück notenkorrekt abnudeln, wäre es zwar für's Großhirn richtig gespielt, aber irgendwie leer und tot.

Der spezielle Interpret, dessen Version du so gerne magst, spielt dieselbe Melodie im angegebenen Takt - allerdings nutzt er die Noten "nur" als Vorgabe und füllt das Stück mit Emotionen. Seinen, deinen, unseren, egal!

Das führt dann zwangsläufig zu minimalen Verzögerungen oder zusätzlichem Schwung in der Ausführung. Das können wir fühlen, aber kaum verstandesgesteuert hören. Sein Unbewusstes spricht direkt mit deinem: Emotionsaustausch ohne Umweg über's Großhirn. Notieren lässt sich diese Art zu spielen schwer.

Aber der der hohe Gänsehautfaktor triggert die Herzen an. Gelangt pulsierend in die Beine: Tanzlust auslösend. Mit und ohne Vollmond. Dann schmeckt's lebendig!



Ketzerische Frage 


Kennst du das?

Du stehst mit einem Tanzpartner auf dem Parkett. Die ersten Takte flattern vorbei, gefolgt von seiner Frage "Vals oder Tango? Ist das jetzt ein Drei- oder Viervierteltakt? Oder eine Milonga?" Angstschweiß auf seiner Stirne, sein Finger zupft am Hemdkragen.

"Musst du das wissen?", strahle ich ihn an.
Großäugige Verwirrung.

"Egal! Tanz einfach!"
"Echt jetzt?"
Ein bissel ungläubig beginnt er. Und schlägt sich erst tapfer, dann richtig gut.

Ich freue mich diebisch darüber, einem weiteren Anfänger die Unschuld gelernter Kursschritte zu rauben. Wegen meiner Weigerung, ihm den momentanen Aufenthaltsort der Eins zu verraten, an die er sonst gerne Schrittfolgenmodul 1 (Vals) oder SFM 2 (Tango) wie beigebracht schraubt, ist er gezwungen, in die Musik einzutauchen: tiefer als knöcheltief - wie sonst - sich treiben zu lassen in den Klängen der Geigen und des Bandoneóns. Wohlig umspült von der Magie des Augenblicks und den in die Musik hineingewobenen Gefühlen.

Und dann fliegen wir tatsächlich! Getragen von der Stimme des dicken Mannes, der von der Sehnsucht und der Liebe singt. Mein "versauter" Anfänger scheint's zu genießen, sehr sogar.

Ohne Zählen, sogar ohne dem Großhirn zu erlauben, das Taktschema zu definieren.
"In der Liebe zählt ihr doch auch nicht!", verkündete Peter Ripotas Tangolehrerin.
Recht hat sie!
Dann schmeckt's lebendig!


Rezepte jeglicher Art


können gewiss hilfreich sein - ob Kochanleitung, Schrittfolgen oder Musiknoten - und Informationen vor dem Vergessen bewahren, um sie irgendwann wieder zu verwenden.

Solange die Aktivierung des konserviert eingekochten Wissens aber ausschließlich über das Großhirn erfolgt, bleiben Rezepte einfach dürre Knochen - leer und trocken. (Tot?)

Da nimmt dein Augenglitzern sein Lichtlein nicht in die Hand und zieht sich muffelnd die Decke über den Kopf.

Wie wäre es stattdessen,
  • die korrekten Klackerknochen mit Blut und Schweiß und Tränen zu schmücken? 
  • mit Lachen zu süßen, das erlaubterweise am 3/4-Takt vorbei, gefühlt siebenachtelnd aus dem Herzen perlt? 
  • Leben einhauchen? Mit einem dicken Stück guter Butter? 
  • oder was immer dir Schabernackiges einfällt...

Das nährt Leib und Seele, 
ganz lebendig halt!

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel



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Mittwoch, 2. November 2016

Buchbesprechung: "Wenn Tango Leiden schaf(f)t: Mit glücklichen Füßen genussvoll tanzen" von Birgit Faschinger-Reitsam

Ein Buch voller Erfahrungen und erprobter Tipps für zufriedene Tangotänzerinnenfüße



Birgit Faschinger-Reitsam (www.draufgaengerin.de) beschreibt uns in ihrem frisch erschienenen Werk EINEN Weg zum Tango, einen aus meiner Sicht steilen: Den Ihrigen, den sie zwangsläufig (?) highheelbewehrt bewältigte, der ihr trotz aller Widrigkeiten glückliche Füße und vor allem sinnlichen, ganzkörperlichen Genuss beim Tanzen schenkte.

Der Wunsch, das Tangoland mit hübsch-hohem Schuhwerk zu betreten und zu erkunden, ist mir persönlich zwar ein bissel fremd, dennoch scheint er mir sehr weit verbereitet. (Heute noch viel mehr als vor 16 Jahren, als Tangueras noch in Cargohosen zur Milonga erscheinen durften, mit dem einzigen Schuhanspruch im Beutel: "Er muss so bequem sein, dass ich stundenlang drin tanzen kann! Aussehen und Höhe irrelevant!")

Kein Wunder, dass Probleme sich gerne in Glitzi-Glänzi-Peeptoe-geschmückten Füßen manifestieren, Fußschmerzen als Bühne nutzen. Dabei spielt es keine Rolle, welche Aufgaben aktuell zu meistern sind: Die Autorin beschreibt  spezielle Tangotanzprobleme, Schmerzen oder "Hemmschuhe", die sich die Damen gerne anziehen (z.B. Scham, Stress, "nicht gut genug sein", etc.) - verschiedene Stoppschilder auf der Reise zur wohligen "Körperbenutzung".

Diese Betrachtungen kommen erfrischend authentisch daher. Ich finde, man kann ihre eigenen, bitteren Erfahrungen zwischen den Zeilen glimmen sehen. Gerade die Vielzahl der verschiedenen Blickwinkel, die Birgit Faschinger-Reitsam einnimmt, ermöglichen ein schlüssiges Verknüpfen zu ganzheitlichen Lösungsansätzen.

Sie kredenzt uns Gedanken zum konstruktiven Umgang mit Schmerzen, liefert praktische Ratschläge "rund um den Schuh", Tipps zur verwöhnenden Pflege unserer "Freunde am anderen Ende des Universums" und zur artgerechten, entspannten Nutzung derselben, ergänzt mit feinen Visualisierungen und ergänzenden Entspannungsübungen. Wie im Tango und im "echten Leben" - Leib und Seele zusammenzubringen stimmt glücklich.


Ihre Ermutigung, Folgendes von "Profis" zu lernen und ihr Hinweis, dass die Umsetzung Zeit und Übung erfordert, empfinde ich gerade für Anfängerinnen als besonders wichtig:
  • den eigenen Körper als Instrument zu begreifen, das Pflege braucht 
  • ihn kennenlernen und hinein zu investieren für genussvolles Tanzen
 Ich hätte mir gewünscht, dass sich die Autorin mehr ins Rampenlicht traute, statt hinter diversen "Expertinnen" in der zweiten Reihe zu verschwinden. Und womit? Mit Recht! Schließlich hat sie selber genügend Stoff im Schuhbeutel! Ich erinnere hier an die Textpassagen, in denen sie die Leserinnen ermuntert, sich als etwas Besonderes zu sehen und den staubigen Glaubenssatz "nicht gut genug sein" zu entsorgen.

Besonders schatzkistenverdächtig - leider ebenso ein wenig im Beiläufigen versteckt - finde ich Birgits Gedanken zum Umgang mit Tangokrisen. Diese gehören meiner Erfahrung nach zur ganz normalen Entwicklung der Tangotänzerin dazu. Da muss man einfach durch! Also, liebe "Tangoküken", lesen und beherzigen!

Fazit: Ein höchst bodenständiges Buch für Tangoanwenderinnen, die ihren Fußschmerzen Adieu sagen und mehr Genuss im Tango finden möchten. Empfehlenswert! (... und lass dich vom Cover aus der Tangoklischee-Kiste nicht abschrecken ;)

Erhältlich als Taschenbuch (128 Seiten, 13,50 €) und E-book (10,50 €) bei Amazon oder direkt bei der Autorin (www.draufgaengerin.de/impressum). Viel Vergnügen beim Lesen!

"Tanz mal drüber nach"



Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel



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Birgits Blog: http://www.draufgaengerin.de/
https://www.facebook.com/Draufgaengerinnen/

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Freitag, 28. Oktober 2016

Pimp dein Gestell ganz schnell - Teil 4: Dich spüren lernen

Life hacks für eine gute Haltung: Im eigenen Körper daheim sein, denn...

... du kannst nur gut bewegen,was du spürst!

... du kannst nur gut spüren, was du bewegst!



<image>gute haltung 4: dich spüren lernen (www.tangofish.de Manuela Bößel)


(Dieser Artikel erscheint zeitgleich auf Gerhard Riedls Blog  in der Serie: "Was Ihnen Ihr Tangolehrer nicht erzählt...")

In den ersten drei Folgen von "Pimp dein Gestell ganz schnell" hast du gelernt, wie du in verschiedenen Regionen deines Körpers entspannte Aufrichtung antriggern kannst: ausgehend von deiner Mitte, deinem Kiefer und Schultern oder von ganz unten - deinen Füßen.
Teil 1: Mitte  * Teil 2: Oben * Teil 3: Unten

Nicht jeder Pimp wird immer gleich gut funktionieren - das ist ganz normal und tagesformabhängig. Je mehr im Alltag geübte Möglichkeiten du deiner Bewegungssteuerungszentrale anbieten kannst, umso einfacher und wohliger wird die artgerechte Benutzung deines Körpers beim Tango tanzen (oder was auch immer).

Bei der Auswahl und Umsetzung der heute passenden Methode samt Wirkungskontrolle brauchst du unbedingt eine gute Körperwahrnehmung!
Ohne feine Sensorik keine feine Motorik!

Und genau hier beginnt manchmal schon das Problem.

Drum kümmern wir uns heute um's Spüren:

  • Wie geht das - sich selber spüren? 
  • Wie können wir das sensomotorisches Feedback, das wir ja sowieso dauernd bekommen, besser oder überhaupt wahrnehmen?


Stell dir vor...


du bist zu Gast auf einem alten Schloss. Der Besitzer ist mit sämtlichen Domestiken unterwegs. Er hat dich alleine zurückgelassen mit einem dicken Schlüsselbund und einer langen Liste Handlungsanweisungen, z.B. wann die Katze (siehe Bild oben) zu füttern sei.

Dich friert's wie einen Hund, dein kleiner Abendhunger bohrt Löcher in die Magengegend, eigenartige Geräusche flirren durch dunkle Gänge und zu allem Überfluß fliegt die Sicherung raus. Dunkelheit umschließt Augen und Gemüt. Gott (oder wem auch immer) sei Dank: Dein Handy funktioniert!

Nach einigem Zögern rufst du doch den Schlossherrn an und schilderst ihm dein Leid. Er kennt das alte Gemäuer wie seine Westentasche und lotst dich schrittweise von einer Problemlösung zur nächsten:

  • Wo du Holz zum Anschüren der Kamine und des Küchenofens findest ("Taste dich an der Wand entlang, in die Richtung, wo es kälter wird und leicht bergab geht..".)
  • Wie du dort Feuer entfachst (als Zentralheizungsgewöhnter scheint dir dieses Abenteuer fremd)
  • Wo du in der kühlschrankfreien Zone die Eier findest ("Jawoll, im finsterkühlen Keller - nicht in der Speisekammer, im Regal neben dem Sicherungskasten! Obacht, die dritte Stufe von oben ist niedriger als der Rest der Stiegen, und benutze die dritte Pfanne von rechts, die mit dem hölzernem Griff...)
  • Wie du die Rohrleitungen entlüftest und welche Fensterritzen du mit Strickwürsten abdichtest (wegen der komischen Geräusche)
  • und welches Futterbeutelchen die Katze heute wünschen wird (wegen der komischen Geräusche)

Mit dem Telefon am Ohr befolgst du eine Anweisung nach der anderen. Irgendwie schon zielführend, gewiss, aber ein zeitaufwändiger, anstrengender "Blindflug".

Ein Jahr später wohnst du immer noch im Schloss. (Warum, weiß ich auch nicht.)
Du kennst inzwischen jeden Winkel, hüpfst sicher die schiefen Stiegen hinauf und hinab - sogar im Dunklen!  Die Schlosskatze, die sich täglich unter deinem Federbett verkriecht, entfernst du daraus inzwischen blind-routiniert. Anfeuern gelingt mit jedem Tag Übung noch besser. Du weißt inzwischen die Vorzüge einer handgeschmiedeten, nicht rostfreien Eisenpfanne zu schätzen. Manchmal singst du sogar mit dem Schlossgespenst ein Duett.

Du hast dir quasi das Schloss zu eigen gemacht, sinnlich übend begriffen. Jeden Tag ein bissel mehr. Nun weißt du einfach, welche Türen sich mit welchen Schlüsseln öffnen lassen, und was du dort vorfindest. Ohne groß(hirnig) darüber nachzudenken. Die Finger finden den Schlüssel am Bund tastend von allein. Dein Rücken weiß inzwischen, unter welchem Türsturz du dich bücken solltest.

Höchstwahrscheinlich fühlst du dich jetzt wohl im Schloss.

Dein Körper mit seinen wunderbaren, schon installierten Bewegungsmöglichkeiten ist auch eine Art Palast! (oder Bungalow, Alpenhütte, Villa - wie's beliebt)
Du wohnst dort!
Erkunde ihn!
Erforsche und begreife!


Gönne deinem Körperpalais spürende Bewegungserfahrungen!


So oft wie möglich, einfach während deiner Alltagsroutine - nur dann bist du in der Lage, diese Muster beim Tango (oder was auch immer) fix und fertig abzurufen!

Aus dem Stand losrennen: Sei ehrlich, wann hast du das letzte Mal gemacht? Borg' dir hierfür - falls nicht vorhanden - Katze, Hund oder Kind aus. Ballwerfend auf einer Wiese herumtollen mögen alle drei Fraktionen. Mitspielen ist zwingend ;)

Hängend die Schwerkraft spüren: Schau, der alte Baum da drüben! Dein Leihkind erklimmt schon mutig die unteren Äste. Der starke Querausleger würde sich doch hervorragend eignen, dich mal beherzt dranzuhängen? Spürst du die Dehnung im Rücken? Und ja! Tatsächlich! Die Schulterblätter sind wirklich flexibel befestigt und gleiten. Deine Beine baumeln völlig locker - total entspannt!

Jetzt hast du dich total eing'saut auf der herbstmatschigen Wiese? Macht nix! Die Waschmaschine erledigt das schon: ab in den Waschkeller!

Treppen hinunterhopsen: Dein Rumpf "schwebt" über den Stufen, deine Beine tanzen fröhlich lässig mit, ballentapsend-federleicht und herzensfroh! Hinein in den Boden. Genau dieses Gefühl darfst du abspeichern und beim nächsten Tango aktivieren.

In der Hocke die Waschmaschine befüllen: Deine Knie und Hüftgelenke sind maximal gebeugt. Ob du auf den Zehenspitzen oder der ganzen Fußsohle stehst, ist egal. Probiere beides aus, wobei auf dem ganzen Fuß die Hockstellung halten lange Routine erfordert und eher für Fortgeschrittene (oder Asiaten) zugeschnitten ist. Funktioniert am besten mit lockeren Hinterbacken. Dein Beckenboden erfährt natürliche Dehnung.

Dein unterer Rücken darf und soll in dieser Haltung rund werden! So haben ihn die göttlichen Baumeister konzipiert. Die herumgeisternde Aufforderung, die Wirbelsäule in jeder Lebenslage gerade zu halten und auf keinen Fall zu beugen, ist biomechanisch gesehen gefährlicher Quatsch!

In der Brustwirbelsäule drehen: Wieder stehend suchst du das Waschmittel. Ach ja, im Seitregal hinter dir! Anstatt deinen Körper walzengleich mit einer Parkinson-Pirouette zu wenden, drehst du dich einfach in der Brustwirbelsäule etwas oberhalb der Taille. Eine Schulter führt dich in die Drehrichtung. Die Beine samt Beckengürtel bleiben weiter nach vorne zur Waschmaschine ausgerichtet.

Falls dein Auto keine Rückfahrkamera besitzt, hilft dir diese Bewegungsmöglichkeit beim Einparken. Schreibtischhelden können auch den Drehstuhl gegen einen normalen austauschen, sich selber zum Drucker hinüber wenden. Die Halswirbelsäule verdreht sich gar nicht gern.

Durchrütteln lassen: Ein besonderes Körperspür-Schmankerl bietet dir Freundin Waschmaschine. Setz dich einfach drauf, wenn sie schleudert! So viele somatosenorische Impulse erhältst du selten geschenkt! Und deine Propriozeptoren für die Eigenwahrnehmung werden jubeln!

Berührungsinformationen bewusst in verschiedenen Stärken wahrnehmen: Dem Strahl der Dusche kannst du abhängig von der Temperatur und Stärke zahlreiche Mitteilungen entlocken. Und anschließend feste abrubbeln, zärtlich eincremen, ...
Weitere Möglichkeiten, die Streichelsensoren zu aktivieren, überlasse ich deiner Fantasie ;)

Flach wie eine Flunder liegen: Zwischendurch platt auf dem Rücken liegend in die Unterlage hineinschmelzen entfaltet dein Gestell zur vollen Größe - vor allem, wenn du viel sitzt. Ganz Verwegene lassen Arme oder sogar den Kopf über die Bettkante herunterhängen.

Bestimmt fallen dir nach diesen Beispiel-Anfixungen zur Bewegungserfahrung im Alltag noch viele weitere ein.

Je vielfältiger, je bunter und vor allem bewusster du dich im Alltag bewegst, umso routinierter kann deine Steuerungszentrale diese Muster auch beim Tango (oder was auch immer) einsetzen!

Probier's einfach aus!
Spiele! Sei ungeniert kreativ!
Wünsche wohlige Bewegungsabenteuer und Entdeckungen.

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel



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Donnerstag, 20. Oktober 2016

Pimp dein Gestell ganz schnell - Teil 3: Deine Beine, Füße und der Boden

Life hacks für eine gute Haltung 

Dieser Artikel erscheint zeitgleich auf Gerhard Riedls Blog  in der Serie: "Was Ihnen Ihr Tangolehrer nicht erzählt..."
 
<image>gute haltung 3: Füße, Beine, Boden (www.tangofish.de Manuela Bößel)

Im ersten Teil von „Pimp dein Gestell ganz schnell“ hast du gelernt, deine Haltung vom Beckengürtel - von deiner Mitte ausgehend - entspannt aufzurichten:
  • Deine Achse trägt deinen Rumpf ideal - dein Damm liegt unter deinem Herzen.
  • Dein werter Popo entkrampft vergnügt und widmet sich locker und differenziert seinen Aufgaben.
  • Die queren und tiefen Bauchmuskeln arbeiten jetzt auch gerne mit und entlasten so die geraden Bauchmuskeln an deiner Vorderseite. Sie reduzieren ihre Anspannung und lassen dir Raum zum Atmen.
"Teil 1: deine Mitte stärken", warum und wie die Übungen funktionieren, findest du hier

Das ermöglicht dir, wie in Folge 2 beschrieben, Nacken und Schultern zu befreien:
  • Deine Schultern wohnen dort, wo sie hingehören - verbrauchen für's unnötige Hochziehen keine Zusatzenergie mehr, was die Linie deiner Achse empfindlich stören würde.
  • Deine Kiefergelenke freuen sich über die neuerlangte Freiheit, wissen, dass Klappern zum Handwerk gehört und kennen die anderweitige Lösung der Probleme, auf denen du so resolut rumgekaut hast.
  • Deine Zunge schmiegt sich an's Gaumendach - zufrieden schnurrend wie ein Kätzchen. Das entlastet die Strukturen im und am Hals.
  • ... und du lächelst!
 "Teil 2: deinen Nacken befreien", warum und wie die Übungen funktionieren, findest du hier



Becken, Brustkorb, Schultern, Nacken und dein Kopf hast du mit Pimp Teil 1 und Teil 2 biomechanisch exakt übereinander ausgerichtet. Die Muskelzüge am Rumpf arbeiten nun zufrieden und mit geringstem Energieaufwand zusammen. Bewegungsbremsende, vielleicht sogar schmerzhafte Gegenspannungen sind nicht mehr nötig.
Einfach, entspannt und leicht! 
Wie schweben...

Wenn da nur nicht diese langen Dinger unterhalb des Hinterns dranhängen würden, die manchmal einfach nicht so wollen wie du: deine Beine samt Füßen!

Mal stakselig-steif, mal im Schwammknie unkontrollierbar wie ein Zitteraal auf Speed und eben grad nicht so lang oder kurz, so schnell oder langsam, wie du sie für den letzten Schritt gebraucht hättest. Dann holpert‘s und ruckelt‘s im so schön entspannten Gestell.
Aus ist‘s mit dem Schweben.

Darum kümmern wir uns heute um deine Beine und Füße, die dich da droben mit dem Boden unter dir verbinden - denn dem Kontakt mit Mutter Erdes vielgestaltigen Hüllen kommen wir einfach nicht aus. (Außer, du hast deine Schwerkraftrechnung nicht bezahlt.) Und keine Sorge, dein Geläuf schafft das! Ganz geschmeidig und leicht. Dafür wurde es erfunden und seit Millionen von Jahren optimiert.
... wenn du es lässt!


Vorübung: Schlüpfe in deinen Körper hinein!


Schon auf der Fahrt zur Milonga (oder wohin auch immer) kannst du damit beginnen, deinen Körper auf's Tanzen (oder was auch immer) vorzubereiten:

Für das Fahrgestell drängt sich das Bild der knackwursteng sitzenden Beinkleider auf. Die jüngeren Damen und Herren dürften sowieso mindestens ein solches Gewand ihr eigen nennen - ob Leggings, Jeggings oder das Röhrl mit hohem Elastikanteilanteil (und umso niedriger Hüfthöhe), ist egal. Ältere Semester dürfen sich gerne in die imaginäre Badewanne begeben, um die Jeans an den Körper zu schrumpfen.

Schlüpfe mit deiner Aufmerksamkeit ganz genüsslich in die Hose deiner Wahl hinein. Ein wenig anliegend bis speckdrückend sollt sie schon sein.
Erweitere das Hineinfühlen über die Knöchel, die Füße bis in die Zehenspitzen. Darfst auch mit den Zehen winken, und ich hoffe, dein Schuhwerk lässt das zu.

Oder verwöhne deine Füße mit einer kurzen Tango-(oder was auch immer)-Einstimmungsmassage.

Zweck der Übung: Du kannst nur gut bewegen, was du gut spürst.



1. Gewicht eindeutig verlagern


Die Meßstationen in den unteren Extremitäten melden dem Bewegungszentrum, welches Bein im Moment wieviel Gewicht trägt: Zum Beispiel: "Rechtes Bein übernimmt 80%, dem linken bleiben 20%". In diesem Fall wird die Steuerzentrale den linken Spieler NICHT für anderweitigen Schnickschnack freigeben, er trägt ja einen Teil deines Körpergewichts. Eine Restanspannung bleibt.

Um aber einen weichen nächsten Schritt mit dem linken Fuß zu setzen, können wir diese Restspannung nicht brauchen. Auch, wenn du das linke als locker-entspanntes Spielbein benutzen möchtest.

Nur, wenn du ein Bein ganz klar als sicheres Standbein definierst mit 100 % Belastung, bekommst du dein zweites (0 %) komplett entspannt. Es ist dann schlicht von der vordringlichen Aufgabe "den Gestellbesitzer sicher in der Vertikalen halten" in diesem Zeitraum - und sei er noch so kurz - beurlaubt. Erst jetzt hat es seinen Freischein für verzierendes Geschnörkel, einen Kick und/oder wolleweiche Schrittanbahnung.

Beobachte dich im Alltag: 
Wie händelst du die Gewichtsverteilung? Beim Kartoffelschälen? Beim Zähneputzen? Beim Tanzen? In welchen Situationen dürfen beide Beine zusammen stehen? Wie verteilst du das Gewicht? Wann übergibst du das Gewicht beim "normalen" Gehen, beim Rennen, beim Tangotanzen?

Wann wird es dringend nötig, ein Bein aus der Standverantwortung zu entlassen, um mit ihm zu spielen respektive bespielen zu lassen? Oder um einen nächsten Schritt, sanft wie in federleicht-frischem Schnee, zu tanzen (oder was auch immer)?

Übe die eindeutige Belastung:
Gönne deinen Meßstationen auch im Alltag immer mal wieder bewusst eindeutige Werte (eine Seite 100 %, die andere 0 %). Stell dich öfter mit ganzem Herzen und Konzentration auf EIN Bein.
(Anmerkung für Tangomenschen: Wie Peter Ripota so schön sagte - das ist das Standbein der Dame - es darf nicht weggeschlagen werden!)

Zweck der Übung: So trainierst du deine Motorik und kannst die Entspannung im freien Bein wesentlich schneller abrufen. Das Gefühl, umzufallen, wird sich mit der Zeit (und Übung) in Wohlgefallen auflösen. Das mag der Tango (oder was auch immer)!



2. Aktion? Gewicht auf den Ballen!


Unsere Urahnen kamen immer mal wieder in die Verlegenheit, aus dem Stand vor großen Tieren mit langen Eckzähnen und üblem Mundgeruch fliehen zu müssen. Da den göttlichen Baumeistern das Überleben der haarigen Zweibeiner wohl am Herzen lag, haben sie in deren Körper Automatismen hineinkonstruiert, die noch heute in unseren Bauplänen lagern.

Möchtest du deinem Gestell das Signal für "Jetzt kommt Bewegung, vielleicht sogar eine schnelle, und ja nicht umfallen!" vermitteln?

Verlagere dein Gewicht einfach auf den Ballen! 

Dazu ist es nicht nötig, ballerinengleich auf Zehenspitzen abzuheben - lediglich das Empfinden einer eindeutigen Ballenbelastung.
So schenkst du über Reflexe den verantwortlichen Muskelketten bis zum Kinn hinauf den passenden Tonus und trainierst gleichzeitig auf natürliche Weise deinen Beckenboden.

Probier's aus:
  • Stell dich zuerst ganz normal, am besten schuhbefreit, hin. Dann lass dich in eine "Puh, bin ich schlapp"-Haltung hineinfallen wie ein Schluck Wasser in der Kurve. (Immer noch im Stehen! Nicht auf dem Sofa zusammensinken!)
  • Fühle, was sich wo und wie an deiner Haltung verändert. Du wirst merken, dass dein Gewicht eher auf den Fersen pennt und dein Rumpf zusammensackt. Auf einem Bein stehen wird unangenehm schwierig bis unmöglich.

Gegentest:
  • Verlagere dein Gewicht peu à peu auf deine Ballen und fühle, wie du dich ganz automatisch bis zum Kinn hinauf aufrichtest. Ganz leicht fließt Dynamik in Leib und Seele zurück: Du wirst aufrecht, entspannt, stark und schön!
  • Verstärke den Effekt, indem du dich noch ein wenig weiter nach oben abstößt. Spreize zusätzlich deine Zehen für wohlig-sicheren Stand.

Übe die Ballenbelastung im Alltag! 

Situationen, bei denen du Eindruck schinden willst - z.B. Betreten eines Restaurants oder Date mit deinem Banksachbearbeiter - eignen sich hervorragend.

Trainiere in Momenten, in denen es auf Schnelligkeit ankommt, egal ob du die Rolle des "Jägers" oder "Gejagten" übernimmst: das gute, alte "Fangus" (ggf. Kind und/oder Hund ausleihen), Erster an der neu geöffneten Kassenschlange im Discounter werden, die Wohnungstür zuschlagen, bevor die Katze ausbüxt, etc.

Versuche, die eindeutige Gewichtsverlagerung (siehe oben) mit dieser Übung zu kombinieren. Zusammen wirken die beiden Mechanismen als unschlagbare Hilfe gegen Umfallangst und für eine dynamisch-entspannte aufrechte Haltung!

Zweck der Übung: dein Gestell in den Modus für schnelle, sichere, aufrechte Aktionen bringen, den Körper in erhöhte Reaktionsbereitschaft versetzen



3. Beim Stehen die äußeren Anteile des Fußes benutzen


Immer nur im erhöhten "Obacht!"-Modus herumzuturnen ist natürlich auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Manchmal ist ruhig stehen angesagt. Dafür haben sich die göttlichen Baumeister einen feinen Kniff ausgedacht und der Konstruktion zwei Funktionsweisen geschenkt.

Sprungfuß
Für geschwinde Aktionen, den Sprung hinein in's Vergnügen, nutzt du eher die innen gelegenen Anteile deiner Pfoten: die Großzehe, Zeige- und Mittelzeh, die zugehörigen Mittelfußknochen sowie den Richtung Innenknöchel liegenden Anteil der Fußwurzelknochen.

Stützfuß
Beim gemütlichen Herumstehen - auf beiden Beinen - stützen die außen am Fuß wohnenden Kameraden funktionell dein Gestell: dein Ring- und kleiner Zeh mit zugehörigen Mittelfußknochen, die Richtung Außenknöchel gelegenen Fußwurzelknochen und die Ferse.

Lädst du deiner Ferse dein ganzes Gewicht auf, wie in der Übung oben (schlappe "Schluck-Wasser-in-der-Kurve-Haltung"), steigen die Muskelketten, die dich aufrecht halten, aus. Du sackst zusammen wie eine Marionette, der man die Fäden abgschnitten hat. Irgendwann wird deine Ferse beleidigt und berechtigt schmerzen.

Verteilst du dein Stehgewicht auf füßische Partien, die dafür biomechanisch gedacht sind (Stützfuß), wird entspannter, aufrechter Stand ganz leicht. Deine Knöchel kippen so automatisch in eine physiologische Achse, was sich die Beine hinauf fortsetzt und die Wirbelsäule aufrichtet. Du arbeitest mit der  - statt gegen die - Schwerkraft. Vor allem deine Knie werden es dir danken.

Probier's aus!

Beobachte dich im Alltag: Wann benutzt du eher den Sprungfuß? In welchen Situationen ist der Stützfuß dran? Darf dieser Anteil überhaupt mitspielen?

Falls du das nicht gewohnt bist, kann sich die Belastung des kleinen und Ringzehs anfangs eigenartig anfühlen. Versuche immer wieder im Alltag, dieses Zehenduo auf den Boden zu bringen. Die Mittelfußknochen kommen freiwillig mit, und die Fußwurzelknochen samt Ferse positionieren sich automatisch folgend im richtigen Winkel.

Im zweiten Schritt unterscheide bewusst "Stehen" und "Gehen" (in welchem Tempo, welcher Form auch immer). Fühle aufmerksam den Kontrast zwischen den Funktionsgemeinschaften im Stütz- und Sprungfuß sowie weiter oben im Gestell. Gönne deinem Bewegungszentrum eindeutige Impulse und lass es artgerecht arbeiten!

Zweck der Übung: energiesparender "Wohlstand"




... Zusammenfassung:

aus Teil 1:
  • Damm unter's Herz
  • Hintern lockern
  • Sixpack lockern, atmen

aus Teil 2:
  • Schultern fallen lassen
  • Zähne klappern
  • Zunge an's Gaumendach schmiegen lassen
  • Lächeln 

aus Teil 3:
  • Gewicht eindeutig verlagern
  • Aktion? Gewicht auf den Ballen
  • Stehen? Gewicht auf die äußeren Anteile des Fußes

 

 

... Fortsetzung folgt!

  • Was deine Waschmaschine für dich tun kann - außer waschen
  • Was Ottfried Fischers "Parkinson-Pirouette" mit deinen Knien zu tun hat 
  • und ein "Ocho-Zuckerl" aus der * tangofish * Schatzkiste

Viel Vergnügen beim Ausprobieren!
Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel



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Donnerstag, 6. Oktober 2016

Pimp dein Gestell ganz schnell - Teil 2: deinen Nacken befreien

Life hacks für eine gute Haltung

Dieser Artikel erscheint zeitgleich auf Gerhard Riedls Blog  in der Serie: "Was Ihnen Ihr Tangolehrer nicht erzählt..."

<image> gute haltung 2: nacken befreien (www.tangofish.de Manuela Bößel)


Im ersten Teil von "Pimp dein Gestell ganz schnell" hast du gelernt, dich ganz entspannt aus dem Becken heraus aufzurichten:

  • Deine Achse befindet sich dort, wo sie dir am besten nutzt - dein Damm liegt unter deinem Herzen.
  • Dein Hinterteil muss keine Nüsse mehr knacken, sondern darf sich locker und differenziert seinen Aufgaben widmen.
  • Die queren und tiefen Bauchmuskeln tun nun ihre Arbeit und entlasten so ihre Sixpack-Brüder. Die dürfen ihre Anspannung reduzieren und lassen dir Raum zum Atmen.
"Teil 1: deine Mitte stärken", warum und wie die Übungen funktionieren, findest du hier


Nachdem du nun einige feine Möglichkeiten kennst, deine goldene Mitte für's Tangotanzen (oder Aktionen deiner Wahl) schnell sortiert zu bekommen, begeben wir uns in deinem Körper eine Etage höher: zu Nacken, Schultern und Kiefer.

Ein steifer Nacken, kombiniert mit starren Schultern und Knirschekiefern, können nicht nur schmerzhaft unser Bewegungsausmaß einschränken sowie die Laune vermiesen, sondern blockieren auch empfindlich Denk- und Tanzfluss. Lästig!

Deshalb präsentiere ich dir in dieser Folge 4 einfache Übungen, um Verspannungen in diesem Bereich vorzubeugen und fix loszuwerden.


Vorübung: Schlüpfe in deinen Körper hinein!


Schon auf der Fahrt zur Milonga (oder wohin auch immer) kannst du damit beginnen, deinen Körper auf's Tanzen (oder was auch immer) vorzubereiten:

Für heute schlage ich einen Existenzialistenrolli vor, schwarz oder rosa, wie's beliebt. Einen dieser stets etwas zu engen, wie früher.

Schlüpfe mit deiner Aufmerksamkeit in deinen Oberkörper hinein, wie in dieses Kleidungstück.

Zuerst in die Ärmel, einen nach dem anderen.
Dann spüre, wie erst dein Kopf, Scheitel voran, anschließend Gesicht und Genick durch den Rollkragen hindurchgleiten.
Fühle, wie der Stoff an deiner Haut anliegt. Vielleicht magst du noch einen Schal umlegen?
Fülle einen Fingerhandschuh mit dem Gefühl deiner Hände.

Spüre die Vibrationen und die Temperatur/Oberfläche/etc. des Lenkrads oder der Haltestange in der Tram.

Zweck der Übung: Du kannst nur gut bewegen, was du gut spürst.



1. Schultern fallen lassen!


Der gebellte Befehl "Brust raus! Schultern zurück!" gehört auf den Kasernenhof - vielleicht adäquat, um ein Staatsoberhaupt hübsch militärisch aufgereiht zu begrüßen, aber für den Alltag oder gar Tangotanzen taugt diese Haltung gar nicht.

Die Schultern möchten einfach locker dem Brustkorb aufliegen und sich dort bewegen, damit die Verlängerungen (vulgo Arme) von ihrer Verbindung zum Rumpf aus ungebremst agieren können.

Ja, ich weiß, folgende Übung kennt wahrscheinlich jeder: Altbekannt, aber höchst wertvoll - gerade, weil sie so simpel daherkommt.

Vorher: Damm unter's Herz, Hintern locker, Bauchatmung freischalten (siehe Teil 1)

  • Ziehe im Stehen oder Sitzen deine Schultern hoch zu den Ohren
  • Die Arme hängen völlig unbeteiligt herab wie bei einer Marionette. (Armstützen am Schreibtischstuhl stören dabei. Stell dich einfach kurz hin.)
  • Dann lass deine Schultern einfach fallen. Nutze die Schwerkraft. Das Gewicht deiner Arme hilft dir dabei. Zur Effektverstärkung kannst du einfach Milchtüten, Mineralwasserflaschen oder schwere Bücher in die Hände nehmen. Darfst das Fallenlassen auch onomatopoetisch unterstützen mit "Bumpf!", "Padauz!", "Klonk!" oder dir einen Ton oder Geräusch aussuchen.

Mach das ein paar Mal.

Dein Schultergürtel wird - vorausgesetzt du hast deine Mitte gut ausgerichtet - genau dahin fallen, wo er hingehört!
Im Stehen mit leicht angebeugten Knien pflanzt sich die Erschütterung bis in die Fingerspitzen und Füße fort. Die Schulterlandung purzelt durch dich hindurch.

Beobachte dich im Alltag und beim Tanzen.

Wenn du merkst, dass eine oder beide Schultern Computermaus- oder Tanzpartnerarm-induziert an den Ohrwatscheln kleben: Fallenlassen! "Klonk!"

Oben Hinauflangen und die Schultern locker unten Lassen geht wirklich! Eine sehr bequeme Art, sich zu recken. Ob du diese neue Bewegungsmöglichkeit nutzt, um mit einem viel größeren Partner eng zu tanzen oder endlich das obere Schrankregal zu entrümpeln, bleibt dir überlassen.

Zweck der Übung: Sind deine Schultern biomechanisch passend ausgerichtet, müssen andere Körperteile nicht gegenziehen. Das sichert deine Achse. Rücken und Arme dürfen entspannen und energiesparend arbeiten.



2. Zähneklappern!



Zähne sind zum Beißen da. Die nötige Kraft dafür liefern die Kaumuskeln - wahre Superhelden, die vom Unterkiefer bis über die Schläfen hinaus reichen. Zum Kauen ist aber höchste Präzision nötig, damit die Zahnreihen sauber aufeinander treffen und diese enorme Energie auf die harte Nuss, die du knacken willst, übertragen können. Da muss ganz genau justiert werden! Nur dann wird die Nuss zu Brei.

Manchmal geht die korrekte Einstellung aber leider daneben:
Die Kiefermuskeln arbeiten dann auf der einen Seite mehr als auf der anderen, werden in Folge verkrampft beleidigt. Unsere Superhelden sind mit der Haltemuskulatur für den (doch oft recht schweren) Kopf verknüpft und ziehen selbige in Mitleidenschaft.

Bleibt dieser einseitig angespannte Zustand eine Zeit lang bestehen, kommen zwangsläufig Halswirbelsäule samt Kopf in Schieflage. Ein Auge sitzt dann einfach ein bissel höher als das andere.

Für unsere raumorientierende, balancezuständige Bewegungszentrale ein Fiasko! "Augen verschieden hoch" geht gar nicht! "Pupillen in einer Ebene" hat höchste Priorität und wird einfach mit entsprechenden Regulationsanspannungen in Rücken und Nacken kompensiert.

Vielleicht passt der Biss nicht optimal? Winzige Abweichungen genügen in manchen Fällen, um eine Dysbalance einzurichten. Das erkennen mittlerweile auch schon einige Zahnärzte und behandeln die sogenannte CMD: craniomandibuläre Dysfunktion. Falls du unter dauerhaften, hartnäckigen Nackenproblemen leidest, die trotz Physiotherapie und fleißigem Üben nicht weichen möchten, wäre ein Zahnarztbesuch eine gute Idee.

Oder hast du einfach nur schief geschlafen? Auf der Seite, mit einer Hand unter der Wange?
Den ganzen Tag in einen schräg seitlich platzierten Monitor gestarrt und wegen des Arbeitspensums die Zähne zusammengebissen?

Die Kiefer "einfach mal so" locker zu lassen ist schwierig. Sie sind schließlich zum Zubeißen da. So drehen wir den Entspannungsspieß einfach um und lassen sie ein wenig werkeln:

Zähneklappern beschäftigt und besänftigt die kraftstrotzenden Gesellen.

Klappern gehört zum Handwerk. Es bringt das Gefühl für An- bzw. Entspannung im Kiefer zurück. Wirkt auch, wenn du bei Bedarf ganz heimlich, fast tonlos klapperst. Oder übe nur, wenn du alleine mit deinen Zähnen bist.

Beobachte dich im Alltag: Wann beißt du die Zähne zusammen?
Auf welchen Ärgersorgen kaust du denn gerade herum? Oder fühlst du dich gezwungen, die Zähne zusammenzubeißen? 
Sobald dir das bewusst wird, einfach klappern.

Zweck der Übung: Reguliert den Tonus der Kaumuskeln. Löst Verspannungen in Kiefer, Nacken, Rücken.



3. Die Zunge ans Gaumendach schmiegen lassen


Deine Zunge hat so viele verschiedene Aufgaben: derbleckendes Rausstrecken, Schmecken, Schlucken einleiten, Schnalzen und andere Töne produzieren helfen (Sprechen). Ihre Beteiligung bei so manchem Kuss und seinen Folgen ist auch nicht zu vernachlässigen.

Was dir vielleicht nicht bewusst ist: Deine Zunge hat einen Lieblingsplatz in deinem Mund. Dort möcht' sie sich ausruhen zwischen ihren zahlreichen Aktionen. Dann dürfen auch ihre Steuerungsmuskeln, die reflektorisch und physisch mittels Muskelkette bis zum Steißbein verlinkt sind, mal entspannen.

Das geht aber nur, wenn du sie in ihr angestammtes Bett kuscheln lässt:

  • Idealerweise schmiegt sie sich mit ihrer Oberfläche an den Gaumen. 
  • Die Zungenspitze liegt lässig kurz hinter den oberen Schneidezähnen. 
  • Zwischen den oberen und unteren Zähnen bleibt ein Spalt. 

Beobachte dich im Alltag: Wo befindet sich deine Zunge, wenn sie nicht gebraucht wird? Verkrampfelt im Unterkiefer? Auf dem Mundboden wie ein gestrandetes Boot? Oder hochzufrieden ans Gaumendach geschmiegt?

Keine Sorge: Beim Tanzen oder anderen Aktivitäten, bei denen dein Beckenboden aktiv wird, könnte dein Zunge anfangen, in ihrem Bett zu zappeln. Die Zungenspitze wird sich vielleicht mal kurz an die Innenseite der Schneidezähne pressen. Das ist normal.

Schuld an der gegenseitigen Beeinflussung ist eine Muskelkette, die vom Steißbein über den Beckenboden nach vorne zum Schambein zieht. Weiter geht es mit den geraden Bauchmuskeln (unseren Sixpack-Brüdern) nach oben. Kurz unterbrochen vom Brustbein zieht die Kette am Hals entlang nach oben und dockt am Mundboden an.
Ist die vordere Muskelkette dauerangespannt, wird die Schwesterkette am Rücken dagegenhalten. Dann wird's nicht nur vorn, sondern auch hinten eng. Lass die beiden lieber friedlich zusammen spielen. Die regeln das schon untereinander, wenn du sie lässt.

Zweck der Übung: Schickt die oben genannte Muskelketten in einen passenden Tonus



4. Lächle!


Probier's aus!
Wann und so oft du willst, da nebenwirkungsfrei!
Dann weißt du, was ich meine ;)
Mehr sog i net.

 

... Zusammenfassung:

aus Teil 1:
  • Damm unter's Herz
  • Hintern lockern
  • Sixpack lockern, atmen

aus Teil 2:
  • Schultern fallen lassen
  • Zähne klappern
  • Zunge an's Gaumendach schmiegen lassen
  • Lächeln 

 

 

... Fortsetzung folgt!

  • Wie du deine Füße für eine gute Haltung einsetzen kannst
  • Was deine Waschmaschine für dich tun kann - außer waschen
  • Warum du hin und wieder ein Kind oder eine Katze ausleihen solltest, um schneller zu werden


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel



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Kein Spam, keine Weitergabe. Versprochen!


Was Ihnen Ihr Tangolehrer nicht erzählt
Teil 1: Die Energierhaltung von Gerhard Riedl
Teil 2: Die wichtigste Figur im Tango von Peter Ripota
Teil 3: Das M.M. und der Tanz von Karin Law Robinson-Riedl
Teil 4: Illusion vom Führen und Folgen von Gerhard Riedl
Teil 5: Pimp dein Gestell ganz schnell - Teil 1: deine Mitte stärken

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Samstag, 1. Oktober 2016

Pimp dein Gestell ganz schnell - Teil 1: deine Mitte stärken

Was Ihnen Ihr Tangolehrer nicht erzählt... 5: 

Wie du schnell eine gute Haltung aufbaust

image: Wie du eine gute Haltung aufbaust: Pimp dein Gestell



Diese Geheimnisse präsentiert Gerhard Riedl auf seinem Blog als Gastbeiträge von altgedienten TangoverrücktInnen. Eine echte Schatzkiste! Hier findest du alle Beiträge aus der Serie.

Heute bin ich dran ;) Dieser Artikel erscheint zeitgleich dort.

Was ich bei fast allen meinen Tanzlehrern - auch denen aus anderen Bereichen  - vermisst habe, sind ganz pragmatische, funktionierende, schnelle umsetzbare Tipps für eine gute Haltung: auf gut Neudeutsch life hacks.

Manche der anno dazumal doch erhaltenen Ratschläge sind einfach biomechanischer Quatsch! Und etliche dieser Mythen halten sich bis heute und stören so manchen Tangofluss empfindlich.

Tango ist eine sinnliche Sach'! Er findet im Körper statt, nicht im Hirn. Denn selbiges kann (vielleicht sogar hervorragend) denken, aber nicht fühlen. Und Tango tanzen schon gar nicht. Dein Gestell reguliert deine Bewegungen selber. Vorausgesetzt, du lässt das zu, anstatt deine Schaltzentrale für "coole Moves" mit siebenundachtzig Korrekturanweisungen zu überfluten.

Tango ist, dem Himmel sei Dank, ein Tanz, der mit recht organischen, physiologischen Bewegungsmustern auskommt. Das Praktische daran ist, dass du die folgenden Pimp-Vorschläge in deinen ganz normalen Alltag integrieren kannst.

Die Pimpungen wirken u.a. über Sensomotorik, Stellreflexe und Aktivierung von Muskelketten. Trotzdem erfordern sie Übung, bis sie dir in Fleisch und Blut übergegangen sind und zur sofortigen Nutzung bereitliegen. Je öfter du im Alltag "trainierst", umso schneller werden sie sich etablieren.

Bis die alten, spannungsgeprägten Haltungsmuster komplett durch die neuen, entspannten ersetzt sind, kann sich dein Körper eine Zeitlang eigenartig oder sogar schlaff anfühlen. Das ist ganz normal beim Umlernen. Hab Geduld. Übe einfach weiter. Im Vertrauen: Entspanntes Tanzen fühlt sich fantastisch an! Wenn sich dein Körper so bewegen darf, wie er konzipiert wurde - nicht mehr gegen hirninduzierte Kontrollspannungen kämpfen muss - wird der Tango zu einem hochsinnlichen Erlebnis. Versprochen!

Nutze dein gepimptes Gestell, wo und wann du willst! Ich bin dir gewiss nicht gram, wenn du mit Tango nix am Hut hast und die Vorschläge für tangoferne Aktivitäten verwendest, z.B. in der Arbeit, beim sonntäglichen Verwandtenspaziergang, Tennisspielen oder Kartoffelschälen. Ersetze dann einfach "Tango" durch deine Lieblingsaktivität.

Los geht's!

Vorübung: Schlüpfe in deinem Körper hinein!


Schon auf der Fahrt zur Milonga (oder wohin auch immer) kannst du damit beginnen, deinen Körper auf's Tanzen (oder was auch immer) vorzubereiten:

Schlüpfe mit deiner Aufmerksamkeit in deine Arme und Beine hinein wie in eine Strumpfhose bzw. lange Handschuhe. (An den Herrn der Schöpfung: Keiner sieht deine Robin-Hood-Spielhöschen, die sind doch unsichtbar.)

Spüre mit deinem Allerwertesten und tief im Bauch die Vibrationen des Motors. Ein alter Karren ist da natürlich von Vorteil.

Zweck der Übung: Du kannst nur gut bewegen, was du gut spürst.



1. Die Achse: Bringe deinen Damm unter dein Herz!



Der Damm (Perineum) ist die geheime Stelle am Beckenboden vor dem Hinterausgang. Falls du den Damm nicht oder nur schwer spürend orten kannst, hilf deiner inneren Landkarte in einem ruhigen Alleinsamkeitsmoment mit Berührung.

Beim Herz meine ich den Teil, der hinter dem Brustbein bumpert.

Ganz simpel: Damm unterm Herz platzieren und unter allen Umständen beim Tanzen dort lassen!

Die Verbindungslinie zwischen Herz und Damm zeichnet deine Achse. Verlängere sie nach Belieben bis tief in den Boden hinein oder in den Himmel hinauf. Darfst sie auch an einem Glitzersternle anbinden. (Mit Raumschiffen wäre ich allerdings vorsichtig.) Oder Feuer aus dem Erdinneren tanken.

Zweck der Übung: Klärt deine Haltung - für dich und deinen Tanzpartner. Verleiht deiner Basis - dem Beckenboden - einen passenden Tonus. Verbessert Aufrichtung und Balance.



2. Lockere deinen Hintern!



Darf ich vorstellen: Musculus gluteus maximus (großer Gesäßmuskel)!

Laut Stellenbeschreibung liegt eine seiner Hauptaufgaben in der Hüftstreckung. Das macht er gut.

Bleibt er aber bei sonstigen Aktionen in Beinen und Hüfte dauerangespannt, behindert unser Kraftmeier das Bewegungsausmaß in diesem Bereich (erfahrungsgemäß eine Lieblingsverspannung der Männer). Er zwingt dann sogar seine gegen- und mitspielenden Muskelbrüder zu erhöhtem Energieaufwand. Beinmuskulatur, Hüfte und Rücken müssen so biomechanisch ungünstig arbeiten und verlieren an Tempo in der Impulsumsetzung. Bleibt das eine Zeitlang so, lassen Rücken- respektive Hüftschmerzen nicht lange auf sich warten.
Besonders gut fühlbar ist diese Situation, wenn du versuchst, mit verkrampftem Hinterteil in die Hocke zu gehen oder dich abzusetzen.

Ist unser MG Maximus schon in Ruhe zu 80 Prozent angespannt, bleiben ihm nur noch 20 Prozent zum Kraft-Maximum. Mehr Anspannung auf einen eh schon angespannten Muskel draufstapeln ist schwierig! Darf er dagegen ein bissele lockerer sein, wenn du ihn nicht oder nur wenig brauchst, hat er weit mehr Kraftpotenzial zur differenzierten, schnellen Anpassung zur Verfügung.

Beobachte im Alltag und beim Tango, in welchen Situationen du deinen Hintern über die Maßen anspannst. Lass locker! Gib der Balletteuse ihr sagenumwobenes 5-Mark-Stück, das sie zwischen ihren Pobacken eingezwickt umherträgt, und schick sie damit zum Eisessen.

Zweck der Übung: Befreit Hüften und Beine. Ermöglicht schnelle, differenzierte Aktionen



3. Öffne dein Korsett und atme!


Die geraden Bauchmuskeln - vorne am Rumpf Schambein und Brustbein verbindend - sind auf keinen Fall die alleinseligmachenden Haltungsaufbauer. Wie auch? Ihr Hauptjob besteht darin, den Rumpf zu beugen.
Im Stehen kippen sie das Becken, indem sie dein Schambein Richtung Kinn ziehen.
Beide Möglichkeiten scheinen mir für eine aufrechte Haltung sinnlos.

Eine knackige Dauerspannung im Sixpack-Geschwader zu halten ist unnötig! Brettlhart angespannt bremst es die Atmung aus. Das macht missmutig und bewirkt weitere Verspannungen. Wie willst du dann so locker-flockig-fröhlich tanzen?

Hältst du deinen Beckengürtel mit dem oben beschriebenen Achsenaufbau im richtigen Kippwinkel und ihm angestammten Platz unter deinem Brustkorb, beginnen auch Beckenboden und die anderen Bauchmuskeln lässig ihre Arbeit. In der Tiefe verbinden sie Wirbelsäule bzw. Becken mit den Oberschenkelknochen. Die Querfraktion hält Rippen und Becken zusammen, am Unterbauch die beiden Darmbeinschaufeln.

Das reicht doch! Wie ein feines Stützmieder (Nierengurt) mit Atemöffnung rund um den Bauchnabel.

Zweck der Übung: Eine leichter, angepasster Tonus in den geraden Bauchmuskeln erleichtert die Atmung und die dringend benötigte Drehung in der Brustwirbelsäule enorm - bei Ochos oder beim rückwärts Einparken.


... Fortsetzung folgt!

  • Wie du deine Füße für eine gute Haltung einsetzen kannst
  • Was die Lage deiner Zunge im Mund, Knirschekiefer und ein Lächeln mit Balance zu tun haben
  • Warum du hin und wieder ein Kind oder eine Katze ausleihen solltest, um schneller zu werden

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel



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