Donnerstag, 11. Mai 2017

Zitronenhirse mit Mandeln kühlt hitziges Gemüt

"Elste Hilfe fül klale Gedankenfassung", sagt unser kleiner Chinese.


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FÜHLEN nicht fühlen.[zu deutsch: Fühlen, nicht führen]

Kennst du das?

Da hat dich jemand bis auf's Blut geärgert - sämtliche Schmerzkerben getroffen und wirklich alle Zorntriggerknöpfe gedrückt. Und dann bricht derjenige das Gespräch auch noch ab! Die Gründe sind egal! Vernünftig oder einfach organisatorisch, was auch immer! Du bist so richtig in Streitlaune. Dann setzt du dich ins Auto und führst den Dialog in Gedanken weiter, den Gegenpart zu übernehmen ist nicht schwierig, du weißt ja, was dein Gegenüber erwidern würde. So arbeitest du dich ganz alleine hartnäckig in eine veritable Wut hinein, bis du es nicht mehr aushältst und deinem Gegner fernkommunikatorisch dein Ergebnis vor den Latz knallst. Der weiß natürlich nicht, wie ihm geschieht, und kontert wutschnaubend. Das beweist dir eindeutig: Der andere ist ein ...! [Lieblingsschimpfwort einsetzen] Nix zu machen! Lösung außer Sicht! Großes Drama!

Ich geb es zu: Das passiert mir auch immer mal wieder. Aber ein bissel lernfähig bin doch.

Die Chinesen sagen, Shen (sowas wie die Seele oder der Geist) wohne im Herzen. Es befähigt uns, klare Gedanken zu fassen. Nimmt Unruhe (oder "Feuer") zu viel Raum im Herzen ein, hat Shen dort keinen Platz mehr. Im Eigenhirn aufräumen, jemandem unvoreingenommen zuhören oder sogar lösungsorientierte Konzepte entwickeln gestaltet sich dann schwierig bis unmöglich.

Das Einzige, was hilft, der Seele ihren angestammten Platz anzubieten, ist das Gemüt wieder auf Normaltemperatur zu kühlen.

Beschäftige deinen aufgewühlten Verstand lieber mit ganz anderen Dingen. Soll er sich doch dort austoben! Ein hervorragendes Alternativangebot für das agressive Hirn ist Kochen.

Mit den Händen werkeln, sich auf Kochdüfte und Umrühren konzentrieren, beruhigt und hilft gegen Hunger. Der - das weiß die ganze Welt, auch außerhalb Chinas - reizbaren Grant verstärkt, noch mehr als Föhn und Vollmond zusammen.

So kannst du via "Leibspeise" den Kühleffekt verstärken. Auch hier bieten uns die Chinesen feine Vorschläge, aus denen ich dir ein mit europäischen Ideen gemischtes Rezept zusammengestellt habe.
Bitteschön:

Zitronenhirse mit Mandeln


3-4 Portionen

250 g Hirse mit
1/2 TL Fenchelkörnern und
einer guten Prise Pfeffer (grünem oder rosa, wenn du hast) anrösten, bis die Hirse und Gewürze duften. Mit
600 ml Wasser ablöschen.
Saft einer Zitrone oder Limette zugeben
(Falls deine Zitrone es hergibt, kannst du auch ein wenig von der Schale abschaben und mitkochen.)
2 EL gehackte Mandeln
Salz
20 Min. köcheln lassen, bei Bedarf ein wenig Wasser nachgießen
10 Min. auf der heißen Herdplatte nachquellen lassen.
mit einem ordentlichen Stück Butter oder gutem Schluck Nussöl mischen

Dazu gibt's Joghurt mit frischen Früchten nach Belieben und Verfügbarkeit. Sehr fein schmecken Orangenstückchen und gehacktes Basilikum.

Fleisch ist zwar nicht vorgesehen in dieser Kühlkette, aber brat dir einfach ungeniert ein Stück, wenn's dich danach gelüstet.

Hast du dich kochend und schmausend beruhigt, wirst du bestimmt auch ganz gut schlafen können. Schlaf ist nämlich das zweite, wichtige Werkzeug der Wahl, um runterzufahren - lang und tief genug. Bei Bedarf könntest du mit Passionsblumentee, dem guten alten Baldrian oder Eduard Träumelschaf nachhelfen.

Lass dir schmecken und gute Ruhe!

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







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Dienstag, 2. Mai 2017

Katzengold

Die Fortsetzung von Peter Ripotas Gastbeitrag: 

"Mein Leben als Schiffskater"



Madame Rosalie hat mich gebeten, sie heute in ihrem "G'schäft" zu vertreten. Sie betreibt eine Praxis als Wahrsagerin mit Schwerpunkt "Rückführung in frühere Leben". Meinen Einwand, dass ich davon keine Ahnung hätte und mich dafür total inkompetent fühle, entkräftete sie:

"Erzähl den Klienten einfach, was sie hören möchten, was sie gerne gewesen wären. Das kannst du schon. Ist wie Tangotanzen. Hier hast noch eine Kurzeinweisung." Damit drückt sie mir einen handgeschriebenen Zettel in die Hand, klappt sie ihren Koffer zu, wirft uns Luftküsse herüber und entschwindet pfeifend Richtung Taxi und Urlaub.

Blut und Wasser schwitze ich, während ich mir meinen Schal zum Turban wickle und den schweren Wahrsagerinnen-Schmuck anlege. Pablo plaziert mich in Madames Plüschsessel, zieht die Vorhänge vor, sorgt für schummrige Beleuchtung und poliert noch einmal die Kristallkugel auf dem Tischlein vor mir. "Die ist nur Deko, keine Angst. Die Leut' mögen das. Du bist geheimnisvoll, und ich kümmere mich um's Organisatorische und die Gage, okay?", meint er im Rausgehen. Es hat geklingelt. Ich studiere noch einmal den Zettel.

Ich atme tief durch und sammle meine Restwürde, um sie der ersten Klientin zu präsentieren: Einer flotten, nach teurem Parfum duftenden Mittfünfzigerin in hohen Schuhen und Kostümchen, mit rot gefärbtem Kurzhaarschnitt und schmalen, manikürten Händen. Körperlich hart arbeiten wird diese Dame bestimmt nicht.

Sie hätte diese Sitzung zum Geburtstag geschenkt bekommen - "Ist das nicht drollig?" - und glaube ja eigentlich nicht an solche Sachen. Ihre Lachen perlt durch den Raum - das zweite "Ha" der Kaskade schlägt mir lauter und heller entgegen als die restlichen Lachanteile. Aber einen schon bezahlten Gutschein könne man ja nicht verfallen lassen, gell? Na toll. Zum Anfangen gleich "hoher Zickenfaktor". Darüber hat Rosalie nix gesagt.

Ihrem Spickzettel entsprechend bitte ich die Dame, ihre Augen zu schließen, und beginne ablesend mit der Tranceinduktion. Die funktioniert tatsächlich! Pablo blinzelt aufmunternd herüber, zeigt Daumenhoch. Dann bitte ich sie, sich umzusehen. Sie erzählt von grünem (?) Meer, einer frischen Brise und Salzgeschmack auf der Haut. "Nein, das ist ja Fell! Ich spüre Haare auf der Zunge!", korrigiert sie sich erstaunt.

Was ist das jetzt für ein Mechanismus? Die Kristallkugel beginnt sanft zu schimmern wie ein Opal. Blaue und grüne Schwaden formen ein Bild: Ozean bis zum Horizont, am unteren Rand dunkles, salzverkrustes Holz. Eine Reling? Eine wettergegerbte Männerhand gestikuliert durch die Szene.

Oh Gott! Wie soll ich denn da die ehemalige Prinzessin glaubhaft hineinerzählen?

"Drehen sie sich bitte um. Was sehen sie?"
Sie verzieht angeekelt das Gesicht: "Dreckige Kerle, ungefähr ein Dutzend. Die johlen und schmeißen welche über Bord. Grässlich! Und eine Frau, auch ungepflegt, aber ganz hübsch. Soweit ich sehen kann: Sie hat sich hinter dem Anführer versteckt. Warum sind die alle so riesig? Ich hab Angst!"
"Ist da auch Meer?"
"Ja, scheint ein Schiff zu sein. Der Boden schwankt ein wenig."
Pablo tupft diskret die kleine Wasserpfütze auf dem Tischlein fort. Es riecht nach Salz und Sonne auf Holz.

"Gut. Gehen wir ein Stück weiter in der Zeit. Wo sind sie jetzt? Ist es jetzt besser mit der Angst?"
"Ja. Ich glaub', wir sind jetzt unter Deck. Die Typen essen jetzt. Woah, wie die schmatzen und schlürfen. Puh! Und da hockt so ein struppiges Katzenviech ganz dicht neben mir. Das will sich wohl einschleimen. Ich hab Hunger!"

Die Kristallkugel zeigt, wie die weiße Katze den roten Kater von der Anrichte schubst. Der trollt sich zwischen die Stiefel der Anwesenden und futtert Herabgefallenes aus dem Dreck. Ein paar Happen reicht er an die ebenfalls anwesenden Ratten weiter. Die weiße Katze dagegen stolziert auf den Tischen hinüber zum Kopfende, wo der Käptain sie und das Frollein der letzten Szene mit Leckerbissen vom silbernen Gäbelchen verwöhnt. Ob die Klientin das auch so sieht? Sie lächelt zufrieden. Die Hoffnung, das Prinzessinnendings einzubauen, habe ich aufgegeben. Die Sitzung scheint trotzdem nicht ganz schlecht zu laufen.

Im nächsten Abschnitt schildert sie, wie die wilden Kerle sich die Fingernägel schneiden, dann schrubben und anschließend das Deck reinigen - schön hintereinander her im Kreis: der Schiffs-Ronda. Der Concertinaspielende gibt den Takt für die Putzbewegungen vor. Die Sonne scheint, ein lauer Wind bewahrt vor übermäßigem Schwitzen. Eine recht friedliche Szene, die abrupt mit dem Anprall des roten Katers an die Innenseite der Kristallkugel beendet wird. Ich erschrecke so sehr, dass mir das Herz bis Hals klopft. Hoffentlich hat sie keine Risse bekommen. Madame reißt mir den Kopf ab!

Das Katzenvieh gleitet an der Innenseite des Dekostücks hinab und landet - wie es sich für eine Katze gehört - auf den Füßen. Die Kundin erzählt derweil begeistert, dass jetzt auf dem Schiff alles so viel sauberer und ordentlicher wirke. Zivilisierter halt. Es gäbe jetzt sogar einen eigenen Damenabtritt mit Schildchen an der Tür! Im Hintergrund marschiert ein Batallion Ratten mit Rucksäcklein aus dem Bild. Der rote Kater schüttelt sein struppiges Fell, grüßt ein letztes Mal wie ein Degenheld seine Männer und schließt sich hatschend der Rattenreihe an. Dann ist er fort.

Die Klientin würde nun schnurren - wenn sie es im aktuellen Leben noch könnte. Pablo zeigt mahnend auf seine Armbanduhr. Im letzten Abschnitt ihres früheren Lebens schildert die Kundin hochzufrieden, wie sie der Schiffsmannschaft mit nicht vorhersehbaren Tatzenhieben beibrachte, sie so zu verwöhnen, wie es ihr zustand. Na, dann hat's ja doch noch geklappt mit dem Prinzessinenfaktor!
In der Kristallkugel zieht ein "Ende" in goldener Schnörkelschrift vorbei, dann wird sie wieder klar und unbelebt. So, als wär' nix gewesen.

Ich zähle rückwärts von 10 bis 1 - Rosalies Anweisungen folgend - führe die Klientin zurück ins Hier und Jetzt. Und mich auch. Pablo schaltet eine Lampe an. Die Dame streckt sich, ihre Armreifen klimpern. "Das war ja lustig! Ha-Ha-ha-ha! Woher haben sie denn gewusst, dass ich Tango-Kreuzfahrten anbiete?" Sie zieht einen Stapel Flyer aus der Handtasche, legt ihn wie selbstverständlich auf das Tischlein. Gut, dass Pablo die Pfütze aufgewischt hat. Nach "Tschüssi!" und zwei in die Luft gehauchten Küsschen stöckelt sie von dannen.

Pablo schließt die Praxistür hinter ihr und bringt mir einen starken Kaffee. Den brauch ich jetzt. Ganz schön aufregend. Ich hebe die Kristallkugel aus ihrem Samtbett und untersuche sie rundum: keine Kabel, keine Buchse, nix! Oh Mann! Rosalie, Rosalie...

Um die Zeit zum nächsten Termin zu überbrücken, werfen wir einen Blick in das abgesetzte Werbematerial: Auf dem Titelfoto grün-blaues Meer an Sonnenuntergang, davor prangen die teuer pedikürten Füße der Klientin in Tangostilettos. Gülden! Was sonst...


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







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Freitag, 21. April 2017

Fatale Umarmung

"Unsere liebe Frau" tut sich schwer mit Tango.

aus der Serie: Was Ihnen Ihr Tangolehrer nicht erzählt...

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Albin Egger-Lienz: Madonna (Wikipedia commons, gemeinfrei)


Zufrieden schmiegt sie sich in die Kissen, die ihren Rücken im Sessel stützen. Ihr Neugeborenes hält sie im Arm und stillt. Ihre Schultern runden sich, den Geborgenheit schenkenden Armen folgend, zu einem beschützenden Nest. Die auf den Hocker gestellten Beine mit weit geöffneten Knien lassen soldatische Abwehrsteife im unteren Rücken und Bauch schmelzen - gestatten stützend-weiche Ankuschelung für das kleine Wesen. Fast verstecken die gelösten Haare vor ihrem Gesicht ihr Lächeln: Madonna im Oxytocinrausch.

Liebendes Fließen

 - ein anrührendes Bild der Hingabe. Da ignorierst du gerne, dass sie riecht wie ein Wasserbüffel, so schön - beinahe magisch in archaischer Natürlichkeit - wirkt diese Umarmung.

Stellst du sie auf die Füße, ruht ihr Gewicht erdig auf den Fersen. Die Beine bleiben weich gebeugt. Ihr angehobenes Schambein initiert auch im Stehen die Anschmiegerundung. Zärtlich, ein bissel verletzlich wirkt sie. Leiblich gezeichnete Hingabe - so offen - körperoffen...


Altbewährt?

Dieses Bewegungsmuster muss sehr tief abgespeichert sein: Wirklich jede Frischmama, die ich erlebt habe während meiner Zeit auf der Wöchnerinnenstation und später, hat es drauf. Ohne es jemals gelernt zu haben oder drüber nachzudenken. Das Ziel dieses Automatikprogramms ist Vereinigung, überlebenswichtig für das schutzbedürftige Menschlein.

Und da unsere himmlischen Baumeister prima Funktionierendes nach Möglichkeit öfter als einmal einsetzen, finden wir das Muster auch in anderen Triggersituationen. Du ahnst es schon?
Yep! Quasi im Vorwort zu Wöchnerin. Stichwort "Vereinigung [erotische, liebende, ...]".

Dann benutzen die Menschen - auch die Männer - das altbewährte Bewegungsmuster zur Körperöffnung: Bei dieser Umarmungsversion bleibt die unangefochtene, strategische Bestimmung "Zusammenführung der ausführenden Keimzellen". Für die (doch meist gewünschte;) Zärtlichkeitserfüllung schmiegen sich die oberen Körperhälften rundend entgegen. So körperoffen wie möglich und ganz schmiegsam in der Mitte - alles weich (ausgenommen der Korrektheit wegen: seine Kronjuwelen).

Ein wunderbares Bewegungsmuster! Fühlt sich auch verdammt gut an. Du musst fast nix dafür tun, es funktioniert natürlich, unbewusst - ergo von allein.

Und weil es halt so schön ist, haben viele Menschen nur dieses eine Programm im internen Speicher zur Auswahl, wenn sie "Umarmung" hören und eine solche produzieren sollen. Mir ging es lange Zeit nicht anders: Bin drangehangen an meinen Tanzpartnern wie die Katz' am Pressack und hab mich geärgert, dass meine Achse nicht haltbar war.


Beim Tangotanzen hat das fatale Auswirkungen:


Dein Tangolehrer befiehlt "Umarmung" - dein (körperoffenes) Bewegungsprogramm springt an.

In Folge landet dein Gewicht auf den Fersen, dein Kreuzbein kippt am oberen Rand nach hinten weg und zieht die Wirbelsäule in hingebende Rundung. Dein Beckenboden und die unteren, queren Bauchmuskeln möchten lieber weich sein.

Aber du sollst ja mit der Brust am Tanzpartner pappen und dein Becken samt Beine irgendwie nach hinten bringen, weil dein Partner sonst an deine Knie stößt!

Du versuchst also tapfer, dein Muster an zig verschiedenen Stellen zu brechen.
Das ist anstrengend, sauschwierig und vergebliche Liebesmüh, so als ob du mit einer Piccoloflöte gegen ein ganzes Orchester antröteln wolltest. Anstatt dich auf deinen Tanzkompagnon, die Musik oder gar den gemeinsamen Tangotanz konzentrieren zu können, kämpfst du verzweifelt damit, einfach nicht umzufallen. Dein Gestell verfällt in globalen Regulationskrampf.

Wo sind Zärtlichkeit und Genuss hin verschwunden, die sonst das Umarmungsprogramm auslösen?

Diese körperoffene Haltung öffnet auch dein Gemüt, stimmt verletzlich: 

weit offene Pforten für die nahende TANGOKRISE! Du könntest plärren. Wenn dein Partner oder Tangolehrer jetzt seine Samthandschuhe auszieht, trifft dich Kritik ungefiltert bis ins Mark. Selbstzweifel und Ängste steigen auf aus dunklen Tiefen, die sonst der Öffentlichkeit verschlossen bleiben. Logisch, diese Haltung zeigst du ja eigentlich nur in geschützem, privat-intimem Rahmen.

Leider beobachte ich Dramen dieser Art auf beinah jeder Milonga.

Ja, ich weiß, "Umarmung" klingt halt so romantisch. So erotisch.
Das weckt Sehnsüchte, was marketingtechnisch super rüberkommt. Und der "Abrazo" ist unbestritten eines unserer Herzstücke beim Tango - ob weit oder eng, ist egal.

Was die Tango-Umarmung von der körperoffenen unterscheidet, ist aber gerade für einen Tangoanfänger kaum zu begreifen! Ein Normalmensch wird unbewusst bei dem Wort Umarmung die körperoffene antriggern und er wundert sich, warum's nicht klappt mit dem Führen, dem Folgen und der eigenen Balance.


Eine Lösung aus dem Dilemma 

ist das simple Austauschen der Vokabeln: aus der fatalen, für manchen Tango finalen "Umarmung" wird "guter Tangokontakt".

So hat dein Bewegungszentrum die Möglichkeit, frei von Altlasten neue Muster zu lernen, tangokompatiblere Formen der körperlichen Nähe zu entwickeln. Das dauert seine Zeit und erfordert Mut. Sei geduldig mit dir. Als Belohnung stellt sich irgendwann die Lebensfreude und stolze Geschmeidigkeit der KatzentatzenschleicherInnen ein, bei denen du siehst, dass es ihnen den Genuss aus jedem Knopfloch drückt. Ehrenwort!

Praktisch kannst du guten Tangokontakt so umsetzen:



An die Damen:
Ein guter Tangokontakt kann nur entstehen, wenn du ganz bei dir bist - er beginnt schon beim Aufstehen von deinem Stuhl. Langsam! Sammle dich. Eine Königin hampelt nicht hektisch umeinander. Sie wirft nicht eilend-dienstfertig ihr Strickjackerl von sich, wenn der Pascha pfeift.
Im Gegenteil - du gibst ihm die Ehre, mit dir tanzen zu dürfen!
Verbeiße dir sämtliche Hinweise auf gefühlte Defizite wie "Ich bin fei noch Anfängerin." (Der weiß das schon, keine Sorge.) Bau dich zu deiner vollen Größe auf, richte deine Krone und schreite gelassen (!), hocherhobenen Hauptes auf die Piste.

Für beide: 
Vor deinem Partner stehend verlagerst du dein Gewicht leicht auf die Ballen. Achte auf lockere Zehen. Die Füße leicht ausgestellt, berühren sich deine Fersen. Die Beine stehen eng, ein wenig im Knie gebeugt. Dein Beckenboden wartet in vorfreudigem Aktionstonus und bringt deine Sitzbeinhöcker näher zusammen. Das motiviert deine Wirbelsäule, sich ganz natürlich aufzurichten. Lass es zu! Schön, groß und entspannt! Dein Nacken balanciert deinen Kopf mit Leichtigkeit. Spürst du, wie zentriert sich das anfühlt? Eine zentrale Achse brauchst du unbedingt, wenn du entspannt tanzen möchtest. Nimm einen tiefen Atemzug in dein Herz hinein.
Wie gesagt, besinne dich zuerst auf dich selbst. Ein sehr wichtiger Schritt! Sonst ist kein guter Tangokontakt möglich, so paradox das auch klingen mag.

Wer von euch beiden mit der Kontaktaufnahme beginnt, ist euch überlassen.

Er nimmt ihre rechte Hand in seine linke, Finger und Handgelenke bleiben locker zwischen euch. Eure Ellbogen weisen entspannt zum Boden. Wählt eine Höhe, die euch beiden bequem ist.
Fühle die organische, durchgehende Linie vom Handrücken über die Schulter bis zum Nacken hinauf. Lass diese Linie offen und durchgängig.

Seine Rechte umfasst sie locker am Rücken ungefähr auf Höhe des unteren BH-Bands - so flexibel, dass sie die Distanz mitbestimmen kann. So spürst du schon in den Rückenmuskeln die Anbahnung seiner oder ihrer nächsten Bewegung.

Madame, denk dir ein Band auf der oberen Außenseite seines Arms, vom Ellbogen hinauf zum unteren Nacken. Male dir in Gedanken ein zweites Band auf die Innenseite deines Arms, beginnend in der Handfläche bis hinauf in die Achselhöhle. Lege deine Handfläche dort auf sein Band, wo es sich richtig anfühlt und zur Weite eurer Tanzstart-Haltung passt. Ändert sich nachher beim Tanzen der Abstand, darf dein Band auf seinem auf- und abgleiten. Nicht an seinem Bizeps einkrallen! Das mag er gar nicht. Ist also strikt verboten. Haltet auch diese Armlinien offen und geschmeidig, ohne Eckblockierungen.

Alle vier Schultern dürfen unten bleiben.

Wo ihr eure Köpfe hinsortiert, ist abhängig von eurer Größe und Vorlieben:
In enger Haltung mögen sich vielleicht die Stirnen berühren oder die Wangen oder Stirn an Kinn (hoffentlich bartkratzarm), in Riesen-und-Zwergen-Kombi klappt das aber nicht.
Auch wenn ihr mit größerem Abstand tanzt, bleiben die Häupter - komme was wolle! - stolz erhoben. Denk dir ein Buch auf den Scheitel.

Nähert euch Herz an Herz an, oder sachlicher: Den Kontaktbereich bestimmt das Brustbein. Heb es an. Bleib offen, so als würdest du einen tiefen Atemzug empfangen wollen.
Genau hier - zwischen den Herzen - bleibt ihr magisch-magnetisch verbunden, egal ob ihr eng oder weit tanzt.

Los geht's! 

Tanzt mit jedem Schritt (gefühlt) aufeinander zu, auch wenn einer von euch rückwärts geht und gerade dann, wenn's wackelt.

Das Ziel - die Spezialchallenge für Tangoanfänger - ist, den guten Tango-Kontakt im Paar zu halten. Darum dürfen sich beide kümmern. Geht der Kontakt verloren, nutze das als Gelegenheit, selbigen noch besser herzustellen, statt die Fehler-Alarmlämpchen anzuschalten. Tanz einfach weiter. Die genüsslichen Zeitfenster, in denen es funktioniert, werden länger. Die Routine macht's, glaub mir.

Und wenn dein guter Tangokontakt sich in deiner körpereigenen Schatzkiste als Wahlmöglichkeit fest etabliert hat, darfst du die Geschichte auch gerne wieder Umarmung nennen.

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel

P.S. Neu! Hol dir dein kostenloses Hörbuch "Eduard Träumelschaf"!







Bildnachweis:
https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Madonna_and_Child#/media/File:Egger-Lienz_-_Madona.jpg (public domain)

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Samstag, 15. April 2017

Ostereier aus der Hexenküche

Gesundunfug mit Schabernackgeschmack - trotzdem wahrscheinlich therapeutisch wertvoll


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Letzte Woche hab ich mir seit Langem Urlaub gegönnt. Nun melde ich mich offiziell wieder zurück mit fünf EIgenartigen Souvenirs im Gepäck: Heuer schenke ich dir zu Ostern ganz exquisite, eierliche Kostbarkeiten, die ich reisend gesammelt habe, und wünsche viel Vergnügen beim Verkosten!


Das 1. Ei hat sich als blaue Tulpe verkleidet.


Wusstest du, dass manche Zauberwesen in genau diesen Tulpen wohnen? Kein Wunder - dort drinnen ist einfach Ruh'. Umhüllt von blauem Dämmerlicht, geborgen, hineingekuschelt in die sanfte Rundung der Blütenblätter flattert dir federleicht entspannender Friede ins Herz.

Bei Bedarf einfach schütteln und auf einer weichen Unterlage platzieren. Dann entfaltet sich das Blumenei zur geeigneten, userkompatiblen Größe. Einsteigen, Blütenblatt schließen, runterfahren, genießen, fertig. Nach Gebrauch schrumpft es automatisch zurück auf diskrete Eierschachtelgröße.



Das 2. Ei: Samtiges Mitternachsschwarz


Oben am Berg, wo keine Straßenlaterne oder Fernsehgeflimmer aus Nachbars Wohnzimmer die Dunkelheit stört, findest du in Neumondnächten eine tiefe Schwärze, so schwer und samtig, dass sie sich durch die Fenster hereinzuwölben scheint. Dann schmeckst du den ersten langezogenen Geigenton von "Oblivion" hinten im Gaumen. Und die Sterne strahlen umso heller vor der Finsternis.

Ein wenig von diesem köstlichen Stoff habe ich für dich eingesammelt, heimlich ins Tal geschmuggelt, mit singender Silbernadel ans Ei genäht.

Zu streicheln bei melancholischen Zuständen und Sehnsucht nach der Sehnsucht. Oder beim Tango, um deinen Funkeleien dramaturgisch wertvollen Hintergrund zu schenken. Aber Obacht: Nicht zu viel! Die Dosis macht das Gift.



Das 3. Ei: Innen und außen prallvoll mit frischem Frühlingsgrün


Da, fühl mal, wie es vibriert, zum Bersten gefüllt mit Lebensfreude! Knospenden Ideen! Bittersüße Grünversprechen pusten dir die Starre des Winters aus Leib und Seele - duftend, geheimnisvoll neu. Alles wirkt möglich! "Jetzt! Jetzt! Jetzt!", plärren die Gänseblümchen, während Venus ihre Augenbrauen bürstet. Löwenzahn schmückt sich mit gelbem Hut und tanzt Polka auf geodelten Wiesen. Hossa! (Es war echt schwierig, das alles ins Ei zu stopfen.)

Brauchst du ganz dringend eine gute Portion Lebenslust, wird dieses Ei einfach explodieren und dich feinstofflich-energetisch fluten. Was in diesem Zusammenhang schlicht bedeutet, dass keine Grasflecken o.ä. auf deinem Kaschmirpulli oder Teppich zurückbleiben. Erfrischungsgrün tanzt dann herein durch deine Augentüren und weckt deine Sinne: die posaunentrötende Postwinterreinigungsdusche!


Das 4. Ei: Glutrot!


Ein Stück der Glut vom Feuer des Lebens - woher es stammt, weiß keiner mehr so genau. Aber in jeder Hexenküche wird es sorgfältig gehütet, geschürt und manchmal sogar geteilt. Natürlich nur mit Zeitgenossen, die es wertschätzen und pflegen wollen: mit dir zum Beispiel.

Dieses ganz besondere Ei wärmt dein Herz und deine Seele. Schau hinein und finde in glimmender Tiefe deine Leidenschaften. Die Hitze des Sommers wird deinen Tango würzen - heiß und vielleicht sogar chilischarf: Rojotango!

Aber gib Acht! Daran hat sich schon manch einer im Übermut die Pfoten verbrannt.


*** Bis hierher war's vegan.


Das 5. Ei, das einfach nur ein Ei sein möcht'


Als Nahrungsmittel haben Eier manchmal immer noch einen schlechten Ruf - zu Unrecht! Sie enthalten zwar eine Menge Cholesterin, auf deinen Cholesterinspiegel können sie aber - aufgegessen - kaum Einfluss nehmen: Diesen feinen Stoff bauen sich deine Leber und Darmschleimhaut schon selber zusammen. Cholesterin verwendet dein Körper, um Zellmembranen zu stabilisieren, und als Bauteil verschiedener Hormone und Gallensäuren.

Eier versorgen dich mit
  • richtig gut verwertbarem Eiweiß (für Fortgeschrittene: ...da sie alle 9 essentiellen Aminosären enthalten)
  • Vitaminen: A für die Augen, sämtlichen Bs für's Hirn und Nervensystem, Vitamin D für die Knochen und mehr (was jetzt zu weit führen würde), E als Antioxidans zum Zellschutz
  • und gesunden Fetten (Omega-3-Fettsäuren)
Feine Sache! (...und ich muss mir grad wirklich den blöden Begriff "Superfood" verbeißen.)

Mit Butter als Rührei? Weich oder hart? Pfannengespiegelt: "Sunny side down" oder Ochsenauge?
Egal in welcher Konfektion ein kostbarer Genuss: ein echter In-den-Mund-Hupfer.
Eisprung sozusagen:




Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel
P.S. Ostergeschenk: Hol dir dein kostenloses Hörbuch "Eduard Träumelschaf"!








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Freitag, 31. März 2017

Vorschläge zur Schwanzverlängerung

Wie du deine Attraktivität beim Tango erhöhen kannst


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Mal ganz ehrlich: Wer will das nicht? Mehr Anziehungskraft bedeutet schließlich schlicht mehr Tanzmöglichkeiten. Tango tanzen ist eine der Motivationen, warum wir eine Milonga besuchen. Meine auf jeden Fall. Eine "Schwanzverlängerung" kann sowohl den Damen helfen als auch den Herren der Schöpfung - und das in doppeltem Sinne!

Ladies...


Jawoll, Madame, alle Menschen besitzen einen - dieses rudimentäre Überbleibsel aus den Tiefen grauer Vorzeit. Inzwischen ist unser Schwanz, das Steißbein, evolutionär über die Jahrtausende geschrumpft, und weder sichtbar noch nutzen wir es bewusst.

Klein und geheim wohnt es am unteren Ende unserer Wirbelsäule. Du kannst es am werten Hinterteil unterhalb des Kreuzbeins an der Kimme gut tasten. Nur selten ruft es dir seine Existenz ins Gedächtnis, und nur wenn es gar nimmer anders geht, z.B. wenn du genau drauffällst.

Dabei gibt dein Gestell samt motorischer Steuerung sein Bestes, dass du eben nicht auf deinen Schwanz fällst. Droht ein Sturz, ob auf glattem Parkett oder beim Schlittschuhlaufen, lenken deine internen Helferlein deinen Körper automatisch so um, dass du irgendwie seitlich aufkommst: lieber das Radiusköpfchen im Eimer als das Steißbein. (Das klappt natürlich nicht, wenn du deine Füße auf einem Snowboard oder was auch immer festschnallst.)

Effektive Schwanzlenkung


Die Steuerungsmechanismen scheinen also auch heute noch zu funktionieren. Wie auch sonst? Das Steißbein dient vielen Muskeln als Ansatzstelle, die dich in aufrechter Balance halten - allen voran einigen Teilen des Beckenbodens. Drum schmerzt bei einer Steißbeinprellung das Husten und Lachen, weil der Beckenboden mitschwingt und dabei an seinen Andockstellen zieht.

Sogar die Augen und winzige Stellmuskeln ganz oben im Nacken ticken mit dem ehemaligen Schwanz im Takt. Auch wenn du es (noch) nicht spüren kannst, bewegt sich dein Steißbein eine Kleinigkeit nach links, sobald du nach links schaust, und vice versa.

Viele Tiere benutzen ihren Schwanz höchst geschickt zum Festhalten, Klettern oder um das Gleichgewicht zu halten. Die leichtfüßige Eleganz von Katzen zum Beispiel entsteht, weil unsere Tatzenschleicherin alle Teile ihres Bewegungsapparats harmonisch zusammenspielen lässt, nicht bewusst partiell ausbremst oder gar versucht sie zu kontrollieren. Wie sie sich nach einigen Stunden Tangounterricht allerdings bewegen würde, lasse ich lieber offen...

Die Software zur Schwanzbenutzung ist bei uns Menschen (auch uns Tangotänzern!) noch vorhanden. Möglichst störungsresistete Balance bildet die Basis für gute Technik - die Folgen sind Eleganz und Anmut der Bewegungen, erklärte Ziele aller Tangofraktionen.

Wieso sollten wir diese eh schon eingebauten Bewegungsmuster dann nicht nutzen? Nur weil der Schwanz als solcher nicht mehr sichtbar ist? Aber DA ist er!

So geht's


Um die alte, höchst effektive Motion-Software doch zu nutzen, verlängere in der Vorstellung einfach deinen Schwanz! Fühle sein Gewicht. Beobachte, wie sich deine Haltung von den Füßen bis zum Scheitel verändert, wenn du ihn einziehst, stolz nach oben reckst, ob er beim Gehen mitschwingt oder eher stabilisierend auf die Körperlinie wirkt wie bei unserer Katze. Vielleicht ändert sich sogar deine Stimmung. Spiele mit den Möglichkeiten.

Und dann trag ihn auf der Tanzfläche!
Entspannt, aufrecht, stolz und schön, Madame!
Eine begehrte, attraktive Tanguera, jawoll! 

Das hast du dann davon: eine bessere Technik, mehr Eleganz, schönere Tangos, mehr Tänze.


(Natürlich habe ich diese g'spinnerte Idee selber ausprobiert und bin immer noch fasziniert, wie schnell und effektiv die Schwanzverlängerung funktioniert.)


... and Gentlemen!


Ganz ehrlich, mein Herr, die altbekannte Variante des Themas - die mit der dreistelligen PS-Zahl und Raubkatze am Kühler - wirkt auf einer Milonga gar nicht. Auch die perfekte, kurszertifizierte Cabeceo-Ausführung verliert immens an Wirkung, wenn du eine Stunde vorher der Wunschtanguera die Türe ins Gesicht fallen hast lassen und den einzigen Stuhl in der Garderobe besetzt gehalten hast. Emanzipiert und höflich wie sie ist, wird sie sich die Schuh dann halt im Stehen an die Füße gepfriemelt haben.

Erzähl ihr nicht, wie toll du bist! 

Sie ist ja nicht blind und taub. Erzähl ihr NICHT von dir, von deinen Tanzkünsten, deiner Reise nach BA und vor allem nicht, wie Tango getanzt wird. Auch ihre Fehler und Defizite sind Themaverfehlungen. Trotzdem bleibt sie meistens höflich, deswegen unterbricht sie dich nicht.

Erzähle ihr lieber, wie toll sie ist. Mit oder ohne Worte.
Tanze dann genau auf diese Weise mit ihr.
Das ist marketingtechnisch zielführender.

Frauen lassen bei Kontaktaufnahme das "Wer darf der Bestimmer sein" einfach weg und gehen gleich "an die Arbeit". Spar dir also das unter Männern übliche Gedöns und tanz einfach.


Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau!


Sie - und nur sie allein - ist beim Tango deine Königin des Augenblicks.
Besonderes Obacht, wenn du mit deiner Lebensgefährtin/Ehefrau zur Milonga kommst: Die anderen Damen checken ganz genau ab, wie du mit der umgehst. Und ziehen ihre Schlüsse.

Hast du eine Traum-Tango-Runde hinter dir, behalte es für dich. Auf keinen Fall einer anderen Dame - vor allem deiner Begleiterin - den gerade erlebten Hochgenuss schildern! Der Kenner genießt und schweigt.

Frauen können viel mehr als oft angenommen wird: Bohrmaschine bedienen, Steuererklärung machen, Komposthaufen umsetzen, sich anziehen etc. Trotzdem mögen sie es, wenn du ihnen in den Mantel hilfst.

Wann hast du einer Tänzerin das letzte Mal ein Kompliment gemacht? Mit Worten oder nonverbal? (Ja, das geht!) Irgendwas Positives muss sie ja an sich haben, wenn du mit ihr tanzen möchtest, oder?
Komplimente sind in unseren Breiten verpönt, nutzt du sie doch, bildet das ein Alleinstellungsmerkmal. Aber vergiss auswendiggelernte Sprüche ganz schnell wieder. Komplimente wirken nur, wenn sie authentisch sind - die einzige Motivation für die Verteilung darf nur "der Spaß an der Freude" sein. Sonst nix.


Fazit: 


Neben feinen tänzerischer Fähigkeiten (Optimierung siehe oben) ist "Gentleman werden" (oder besser sein) die beste attraktivitätssteigernde Maßnahme (Schwanzverlängerung) für den Tanguero von Welt.

Setzt allerdings Übung im echten Leben voraus, aber die Tankwartin freundlich anlächeln oder deiner Kollegin die Tür aufhalten tut ja nicht weh, oder?

Echte Kavaliere alter Schule, routinierte Könner findest du auf jeder fast Milonga. Beobachte und lerne!
Viel Vergnügen!

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel
P.S. Und wer hier was anderes erwartet hat:
Honni soit qui mal y pense.;)





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Montag, 27. März 2017

Das Maß aller Dinge

Frühlingselegie und Kuchenrezept


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Frühlingselfe
Wann wird aus Erholen Faulenzen -
aus Fleiß die G'schaftlhuberei, die workaholige?
Wieviel Sofa-Krimi-Eigenbröteln ist erlaubt?
Die Waschmaschine läuft ja nebenher.
Vielleicht spazieren? Schönes Wetter.
Frühling ruft! Jawoll! Bewegen!
Will ich?
Die Amsel zwitschert fröhlich.
Hirn erst träge, dann ganz leer.
Fühlt sich gut an. Heut' ist Sonntag Nachmittag.
Geht schon. Oder doch nicht?
Darf ich?
Echt?
Was ist das richtige Maß?

Wann wird aus Versorgen Verwöhnen -
aus Abgrenzen Gleichgültigkeit?
Aus Kümmern um das Kind die Glucke -
aus "das Kind die eigenen Fehler machen lassen"
die Rabenmutterrobe?
Muss ich mich kümmern? Wer denn sonst!
Schau, das Kind, das kann das schon...
Echt? Kontrolle, immer, ständig -
eh nicht drin, wenn ehrlich bist.
Geh zum Tango! Kind ist gut versorgt.
Darf ich?
Echt?
Was ist das richtige Maß?

Wann wird aus Vorsicht Misstrauen?
Aus Angst zum Schutz ein eingesperrtes Leben?
Wer spricht denn da? Der Bauch? Das Hirn?
Vernunft, Erfahrung, Vorurteil?
Intuition oder Interpretation?
Sag feig!
Braucht's das Risiko? Wenn ja, wieviel?
Was geht? Soviel! Freilich! Wenn dich traust!
Was soll denn schon passieren?
Soll oder kann?
Oder doch lieber den Spatz braten, statt dem Täuble?
Raus mir dir! Geh auf die Jagd! Probier's halt aus!
Aber zieh dir fei ein Unterhemd an
und geh nicht mit fremden Männern mit,
ruft Oma hinterher.
Mach ich, Oma. Taschenmesser eingesteckt.
Nocheinmal erwischt's mich nicht, die Bagage, die lumpige.
Was ist das richtige Maß?

Wann wird aus Einlassen Selbstverlust?
Aus dem Lösen und Lassen Alleinsamkeit?
Bei mir sein UND bei dir sein?
Geht schon, sagt der Tango. Wie denn sonst?
Fühl halt. Glaub's halt endlich, zefix!
Lass den alten Schmarren sein.
Dann wär' wieder Platz.
Kein Loch.
So einfach könnt' das Leben sein.
Was ist das richtige Maß?

Wenn ich das nur wüsste...

Drum verwende ich die Frage nach dem richtigen Maß heut' lieber beim Kuchenbacken. Bei meinem Lieblingsrezept ist das richtige Maß nämlich ein bodenständiger, einfacher Joghurtbecher: das Backen macht den Kopf frei und den Bauch zufrieden. Ganz kommod ohne Abwiegen und sonstige Pritscheleien.

Erfahrungsgemäß stellen sich spätestens, wenn der Kuchen im Ofen anfängt zu duften, doch noch ein paar Antworten ein.

Intuition und Interpretation dürfen auch mitspielen: Passe die Zutaten einfach deinen momentanen Gelüsten und deinen Bordmitteln an. Et voilà! Bühne frei für den

Becherkuchen der Mäßigkeit!

Ofen vorheizen, ca. 180 Grad

1 Becher Joghurt (nackig)
in eine Rührschüssel füllen.
Becher auswaschen und gut abtrocknen.

1 Becher Zucker
zum Joghurt
Brauner Zucker schmeckt fein, weißer geht auch. KEIN Stevia. Schmeckt nicht. Ist aber erlaubt, wenn du drauf bestehst.

3 Becher Mehl
zum Joghurt und Zucker
Ich mag den Kuchen gerne mit Dinkelmehl. Oder du nimmst Weißmehl, oder streckst mit Kastanienmehl oder Kakao, ganz wie du magst.

1 Becher Öl
zum Joghurt, Zucker, Mehl
Sonnenblumenöl, Nussöle,... irgendein gutes Öl(-gemisch) halt, das dir schmeckt.

3 Eier
3 Teelöffel Backpulver
zum Teig

Dann darfst du dem Kuchen noch eigene Konfektionierungsideen schenken:
Gewürze (Zimt, Vanille, Kardamom, Muskat, Zitronenschale, ...)
Weinbeerle, Raspelnüsse, geschredderte Schokonikoläuse o.ä. nach Belieben

Alles gut durchquirlen, bis ein geschmeidiger Teig entsteht. Falls er noch nicht schwer ziehend von den Mixerfüßen fällt, gib noch ein bissel Mehl dazu.

Kuchenform - am besten ein Kasten - fetten, semmelbebröseln, oder einfach mit Backpapier ausschlagen. Teig hineinfüllen.

Ab in den Ofen! Für ca. 50 Minuten.
Piekse gegen Backende mit einem Holzstäbchen hinein:
wenn nix mehr kleben bleibt, ist er fertig.

Auf einem Gitter abkühlen lassen.

Puderzucker darf auch drauf oder Glasur, wenn magst.

Lass dir schmecken!
Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel






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Sonntag, 19. März 2017

Die wahren Unterschiede zwischen Männer und Frauen - Gastbeitrag von Peter Ripota


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WIE JETZT?

Im letzten Artikel ging es um die Gefahren des Eigenhirngebrauchs. Bist du mutig? Dann erklimmen wir das nächste Level, wo's noch gefährlicher wird. Obacht also! Könnte weltbildverkratzend wirken.
Peter Ripota kredenzt uns heute seine Gedanken über:  

Die wahren Unterschiede zwischen Männern und Frauen


Tagtäglich bestätigt es unsere Erfahrung, und die Wissenschaft fügt ihre diesbezüglichen Forschungsergebnisse beinahe monatlich hinzu: Es gibt angeborene Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Diese sind naturgegeben, allen feministischen Bemühungen zum Trotz, weil, die Männer haben im Hirn und auch sonstwo, was die Frauen nicht haben und weswegen diese die Männer zutiefst beneiden: Testosteron. Das macht den Mann zum echten Mann, schon vor der Geburt, und erst recht danach. Und hier sind die Beweise, durch zahlreiche Arbeiten von Psychologen, Soziologen, Anthropologen, Evolutionsbiologen, Archäologen und Theologen erhärtet:

- In der Steinzeit jagten Männer gefährliche Tiere (z.B. Mammuts), während die Frauen in den Höhlen ängstlich die Kinder hüteten, ein paar Wurzeln sammelten und sehnlichst auf die Rückkehr ihrer starken Beschützer warteten.

- Frauen sind von Natur aus monogam, wegen des hohen Aufwands der Kindererziehung, während jeder Mann jederzeit 100 Frauen beglücken und ebensoviele Nachkommen produzieren könnte (multipliziert mit einem testosteronabhängigen "Männlichkeitsfaktor"). Männer sind also von Natur aus polygam oder einfach nur "poly".

- Männer neigen zu höherem Risiko, beispielsweise im Sport und bei Bankgeschäften, während Frauen da lieber vorsichtig sind.

- Frauen können besser kommunizieren, weil bei ihnen der Balken, also der Nerven-Verbindungsstrang zwischen den Hirnhälften, dicker ist.

- Jungs wählen aus einem Haufen Spielzeug automatisch und instinktsicher Autos, Kräne, Eisenbahnen und Waffen, während die Mädels sich sofort Puppen, Schnuller, Wiegen und Diamanten grabschen.

- Männer spielen Fußball, Frauen tanzen. Das Umgekehrte verstößt gegen Naturgesetze.

- Männer sind verstandesbetont (und deswegen natürlich auch intelligenter als Frauen), Frauen leben in und von Gefühlen.

- Männer sind von Natur aus aggressiv, daher führen sie Kriege. Frauen sind von Natur aus nachgiebig, daher spinnen sie Wolle.

- Männer suchen sich ihre Frauen aus, Frauen sagen dann "ja", wenn er männlich genug ist, was zum Beispiel bedeutet, dass er einen BMW fährt oder einen Porsche, aber keinen Toyota Lieferwagen.
Usw. In mehreren höchst amüsanten und instruktiven Büchern hat die Australische Professorin für Geschichte und Philosophie der Wissenschaft, Cordelia Fine, diese Mythen unter die Lupe genommen und Stück für Stück zerfetzt. Siehe z.B. "Testosterone Rex: Unmaking the Myths of our Gendered Minds"
https://www.amazon.de/Testosterone-Rex-Unmaking-Myths-Gendered/dp/1785781618/ref=sr_1_3?s=books-intl-de&ie=UTF8&qid=1489009353&sr=1-3&keywords=cordelia+fine

Was sie sagte (und was ich aus anderen Publikationen oder aus persönlicher Erfahrung kenne), will ich hier kurz zusammenfassen. Gehen wir die einzelnen Punkte durch:

Das fröhliche Steinzeitleben

Im viktorianischen Zeitalter bildete sich der Mythos von den "Mammutjägern" heraus. Einige neuere, aber wenig bekannte Ausgrabungen haben im Steinboden in der Nähe von Höhlen feine Strichmuster gezeigt. Sie werden als Abdrücke von Netzen gedeutet, und diese Deutung stellt unsere Vorstellungen vom Steinzeitleben auf den Kopf: Frauen nutzten Netze zum Fangen von Kleinsäugern (Kaninchen, Eichhörnchen, Mäuse), lieferten also die täglich Nahrung, während die Männer irgendwo herumlungerten, sich langweilten und sich dann tolle Jagdgeschichten ausdachten, die ihnen zu Hause keiner glaubte.

Ein Mann kriegt hundert Frauen. 

Von wegen! In der Steinzeit waren Frauen etwa vier Jahre lang unfruchtbar, weil sie in dieser Zeit ihre Kinder säugten. Danach gab es ein kleines "Zeitfenster", selbst ein Kind zu zeugen, und schon waren die Frauen wieder schwanger. Doch selbst dieses Zeitfenster reichte meistens nicht, denn die Konkurrenz war groß, und der Stärkste setzte sich keineswegs durch, eher der Vertrauteste. Woraus dann die Monogamie entstand, bei der ein Mann viel mehr Möglichkeiten hatte, Nachkommen zu zeugen. (Außer, er hieß Dschingis Khan. Doch das ist eine andere Geschichte.).

Und die Frauen? Sie wollen die besten Gene, diese werden durch Samenzellen transportiert. Wer die liefert, ist nicht so wichtig. Deswegen sammeln zahlreiche Weibchen der unterschiedlichsten Tierarten, von Insekten bis Primaten, die Samenzellen diverser Männchen, um sie dann bei Bedarf einzusetzen. In diesem Sinn: Aus rein ökologisch-biologischen Gründen sind Männer von Natur aus monogam, Frauen aber poly!  Im übrigen: Im gesamten Tierreich herrscht Damenwahl - die Männer bewerben sich, die Damen aber wählen aus. Und die Männer als Beschützer? Die Gruppe bot Schutz genug, ein einzelner Mann war da uninteressant.

Die risikobereiten Männer. 

Frauen gehen bedeutend höhere Risiken ein als es Männer jemals könnten. Es beginnt mit der "natürlichen Bestimmung der Frau", also mit Schwangerschaft und Geburt. Früher starben die Frauen massenhaft im Kindbett, und selbst heute noch sind die finanziellen Risiken von Müttern wesentlich höher als die von Vätern. Das Armutsrisiko ist in Deutschland für alleinerziehende Mütter am größten. Männer bleiben/blieben im Beruf und suchen sich nach der Trennung eine andere Frau. Und was gefährliche Sportarten betrifft: Da haben die Frauen ganz schön aufgeholt, seitdem sie an solchen Aktivitäten teilzunehmen dürfen.

Der Balken. 

Der existiert im Hirn der (meist männlichen) Forscher. Die Auswertung aller möglichen Untersuchungen dazu hat ergeben: Der Balken ist bei Männern und Frauen gleich dick. Wenn Männer also weniger kommunizieren, können sie sich nicht auf zu dünne Nervenstränge ausreden. Sie sind einfach zu faul oder zu feig.

Geschlechtsspezifisches Spielzeug, geschlechtsspezifische Tätigkeiten. 

Was sich die sogenannte "Wissenschaft" bei solchen Untersuchungen leistet, grenzt an bodenlose Dummheit oder bewussten Betrug. Schickt man Jungs und Mädels (also Kinder) in einen Raum mit wahllos verstreutem Spielzeug, geschieht tatsächlich das, was die Psychologen beschreiben. Aber nicht etwa, weil Jungs eine natürliche Zuneigung zu Waffen und Mädchen eine solche zu Windeln haben, sondern aus einem ganz anderen Grund, den man sofort erkennt, wenn man sich einen Film über dieses Experiment ansieht: Die Kinder sind erst mal verwirrt, bis einer anfängt. Dann stürzen sich alle Buben auf das Spielzeug ihres Anführers, denn sie sind durch die Gesellschaft so programmiert (indoktriniert, gehirngewaschen), dass sie "männliches" Spielzeug wählen müssen, sonst werden sie als Schwächlinge aus der Gruppe ausgeschlossen. Bei Mädchen dürfte es ähnlich sein.

Dieses Verhalten setzt sich später fort: Mädchen werden in der Schule wegen ihrer mathematischen Begabung gemobbt und Jungen wegen ihrer tänzerischen Begabung gehänselt und als Schwulis abgetan. Offenbar herrscht in unserer Kultur - zumindest in Deutschland - die Gleichsetzung: Mathematik = verstandesmäßig, also ohne Gefühle, und eine Frau, die sich auch nur für so etwas interessiert, muss gefühlskalt sein. Dann ist sie keine richtige Frau. Und: Tanz = gefühlsmäßig, also unmännlich, und ein Mann, der sich für so was interessiert, muss naturgemäß schwul sein. Dann ist er kein richtiger Mann. Die Kultur sorgt dafür, dass diese Mythen bewahrt bleiben. Die Eltern geben sie an ihre Kinder weiter; wenn nicht, sorgt die Gruppe dafür, dass sich die Mitschüler mythenkonform verhalten. Siehe dazu:

Ungeliebte Talente: http://newsletter.peter-ripota.de/newsletter/3736.htm

Und:
Warum Männer nicht tanzen: http://newsletter.peter-ripota.de/newsletter/4043.htm

Intelligenz. 

Der deutsche Neurophysiologe Paul Julius Möbius (1853 - 1907) ist der Nachwelt in Erinnerung durch sein Machwerk "Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes" (1900). Darin zeigte er: Frauen haben im Durchschnitt kleinere Gehirne als Männer (was stimmt), folglich sind sie dümmer. Später kam jemand auf die Idee, die Gehirngröße zur Körpergröße in Bezug zu setzen. Ergebnis: Frauen haben, relativ gesehen, größere Gehirne als Männer. Woraus die Forscher folgerten: Frauen sind immer noch dümmer als Männer! Denn sie brauchen zur gleichen Denkleistung größere Gehirne. Das ist die Logik der Wissenschaft! Und gerade hab ich auf Facebook gelesen:
"Frauen sind schwächer, sie sind kleiner und sie sind weniger intelligent", sagte der polnische EU-Abgeordnete Januz Korwin-Mikke. Natürlich müssten sie daher weniger verdienen als Männer, findet der Mann. Na bitte, der Mann kennt seine Wissenschaft.

Siehe dazu:  
Sind Mädchen intelligenter als Jungs? http://newsletter.peter-ripota.de/newsletter/4238.htm

Kriege. 

Warum die Menschheit Kriege führt, ist immer noch ungeklärt und bedarf einer eigenen Untersuchung. Jedenfalls hat Kriegsführung nichts mit der "Natur" des Menschen zu tun. "Natürlich" ist der Krieg nicht, denn es gibt zahlreiche Kulturen, die friedlich waren oder sind. Die sogenannte "Industal-Zivilisation" lebte tausend Jahre ohne Krieg, und zahlreiche "primitive" (nicht zivilisatorische) Völker kennen keine kriegerischen Auseinandersetzungen.

An dem allen soll das Hormon Testosteron schuld sein. Dabei sind männliche und weibliche Hormone bei Männern und Frauen vorhanden, zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Mengen, je nachdem, ob sie gebraucht werden oder nicht. Es ist immer praktisch, etwas oder jemand die Schuld an allem zu geben, dann braucht man sich nicht mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Merci, lieber Peter!
Herzliche Grüße und bis bald,

Manuela
(die Frau mit dem kleineren oder größeren Gehirn)





Dieser Artikel erscheint zeitgliech in Peter Ripotas "Notizen aus dem schwarzen Loch"
http://ya0m.r.bh.d.sendibt3.com/33iezjw17fl.html
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Freitag, 10. März 2017

Ist Selberdenken echt gefährlich?

Sicherheitshinweise zum Eigenhirngebrauch

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Fritz fischt in seinen Gedanken und findet einen toten Fisch.



Willst du nicht von einem Sattelschlepper überfahren werden, nutzt es nix, dessen Existenz einfach zu leugnen. Bist du dir der Gefahr bewusst, siehst du ihn und kannst rechtzeitig ausweichen. Oder den Fahrer zu einer Tasse Kaffee einladen. Du hast dann die Wahl.

Da ich dich ja immer wieder mutwillig anstifte, dir eine eigene Meinung zu bilden, will ich dir die Risiken nicht verschweigen. Für Jules Seelenfrieden ist es leider schon zu spät. Ich hoffe, sie konnte das Trauma verarbeiten.

Jule und die Gelbwurst
Wir schlendern durch den Supermarkt. Sohn Nr. 1 samt Kindergartenfreundin betrachten die Fischauslage. Jule, ein rothaariges Elflein, singt den aufgereihten Heringen ein Schlaflied, was Sohn Nr. 1 mit "Die sind fei total tot!" kommentiert. Tränlein kullern. "Lebendig würdest sie ja nicht essen wollen, oder?" Julchen mag eh keinen Fisch. Lieber Gelbwurst, die sei nicht tot. Bevor ich es verhindern kann, eröffnet mein aufgeklärtes Kind ihr die Verknüpfung von "Schwein, lebendig, mit Augen" und ihrer geliebten "Gelbwurst". Sie plärrt die nächsten drei Stunden wie am Spieß und ich bin froh, dass mich ihre Mutter nicht wegen Kindsmisshandlung anzeigt.


Gefahr Nr. 1: Du entdeckst Dinge und erkennst Zusammenhänge, die dir vielleicht gar nicht gefallen.

Ob das tote Tiere sind oder nach Jahrzehnten das wahre Gesicht hinter einer Maske, ist egal. Noch unangenehmer wird's, wenn die eigenen Sich-in-die-Tasche-Schwindeleien aus der Kitteltasche spähen, forsch in dein Blickfeld krabbeln und am liebgewonnenen Selbstbild kratzen. Da klemmt sich der kleine Nervenzusammenbruch schon mal an den Startblock. Und grinst.


Gefahr Nr. 2: Du wirst unbequem und lästig.

Willst du diesen Aspekt einmal richtig auskosten, dann lies einen Vertrag und stelle Fragen, wenn du etwas nicht verstehst, fordere Erklärungen, BEVOR du unterschreibst! Funktioniert fein bei Finanzberatern oder beim Formularkrieg vor einem medizinischen Eingriff.

Erläuterungen kosten schließlich Zeit! Und Zeit ist Geld!
Das gehört zum Grundwissen der Finanzjongleure und Ärzte.


Gefahr Nr. 3: Eigenhirngebrauch erfordert Aufwand!

Nicht nur die Zeit, die Nerven (und das Geld) der anderen strapazierst du, wenn du dein Hirn nutzt - auch musst du investieren. Echt unbequem: recherchieren, Konzentration aufbringen, schwierige Sachverhalte verstehen, sammeln, abwägen und dann noch entscheiden! Zu deiner Wahl stehen, deine Meinung vertreten. Vielleicht sogar ins Handeln kommen? Puh!

Ziehst du das wirklich durch, hast du gute Chancen für arrogant und/oder unbelehrbar gehalten zu werden, ein Spinner halt. "Alles Idioten außer dir, oder?" Keiner wird dich mehr mögen. Wer will das schon? Du wirst für andere gefährlich! Echt! Simple Gründe:


Gefahr Nr. 4: Du entwickelst eine partielle Regelintoleranz

Sätze wie "Haben wir immer schon so gemacht!", "Alle sagen das!" oder die "wirklich genau und total authentische so wie in Buenos Aires"-Milonga beeindrucken dich nicht mehr. Wenn's bei diesen Begründungen bleibt. Vielleicht beschließt du sogar, ein paar Regeln gar nicht mehr zu befolgen - einfach, weil du keinen Sinn darin erkennen kannst. Und weil es aus deiner Sicht niemand anderem schadet.

Oder du stürzt in tiefste Verwirrung! Vielleicht willst du dich ja an eine bestimmte Norm halten, verstehst aber leider nicht, was man genau von dir möchte. Vorsicht Falle! Die genaue Definition des erwünschten Verhaltens kann oder will dir dein Gegenüber nicht geben. "Eheleute müssen halt Kompromisse schließen" bedeutet in manchen Familien, dass sich die Ehefrau den verschiedensten Launen ihres Göttergatten unterwirft oder seinen wechselnden Plänen bedingungslos folgt - wenn's sein muss im Zickzack. Ihre "Familienkompatibilität" wird so in eine nicht greifbare Schwammigkeit hineinversteckt. Die genaue Definition kann nicht gefunden werden, weil es keine Feststehende gibt! Da kann sich die Eigenhirnnutzerin noch so anstrengen! Keine Chance!

Der Stempel "Regelverletzer, zwanghaft" ist dir bald sicher! Ich verrate dir ein Geheimnis: Manche Menschen meinen, wenn du EINE Regel brichst und die andere "nur" in Frage stellst, musst du Anarchist sein und willst dich an überhaupt keine Normen oder Gesetze halten.

Und wer sich nicht an die Vorschriften hält, gefährdet die Horde.


Gefahr Nr. 5: Alleinsamkeit droht!

Regelverletzer sind für manche Gruppen nicht tragbar. Sie gefährden den Frieden und die Harmonie. Manchmal auch Machtpositionen. Die anderen Mitglieder könnten sich infizieren, nicht mehr integer sein, anfangen mit Nachfragen, Nachdenken! Wo soll das denn hinführen? Wie soll da die "korrekte Einordnung" (korrekte Einnordung?) sichergestellt werden?

Dann wird du als Selberdenkerin erst mal belehrt. Die Gruppe probiert, dich zu den richtigen Werten zurückzuführen. Gell? Sträubst du dich gar widerborstig, dich re-bekehren zu lassen, wird gerne ein externer Verursacher gesucht. Du bist ja nur eine Frau und finanziell oder sonstwie abhängig. Die Horde wird dann versuchen, dich zu isolieren: damit du den bösen Einflüsterungen entgehst. Dich im süßen Schoß der Gruppe wiegen, damit du dich wieder beruhigst und Ruhe gibst. Wehrst du dich immer noch - zu Recht, wie du meinst - schmeißen sie dich raus. Schweigen, Feierabend. Allein. Einsam.

Mit männlichen Eigenhirnnutzern gehen Rudel oft nicht so zimperlich um: kurz kämpfen - am besten blutig, unter der Gürtellinie, Sachvervalte irrelevant, dann Rausschmiss. Anschließend sattes Nachtreten, ein bissel namenlos, ein bissel unsichtbar, ein bissel schmutzig. Treffsicher? Im Namen der Horde, nur drauf auf den Nestbeschmutzer! Büßen soll er! In alle Ewigkeit! Allein. Einsam.

Ausreichende Sturheit vorausgesetzt, ist dir die Exgruppifizierung respektive Entfamilisierung sicher. Scheiterhaufen sind aus der Mode, außerdem illegal. Und geschiedene Frauen dürfen einen Führerschein haben, sogar arbeiten gehen. Ist das nicht cool?

Willst du allerdings als Mittvierziger(in) oder so deinen Lebensunterhalt - bereitgestellt von La Sagrada Família - lieber nicht gefährden, rate ich dringend vom Selberdenken ab!


Gefahr Nr. 6: Eigenhirngebrauch macht süchtig.

Hast du dich an regelmäßigen Gebrauch erst gewöhnt, wirst du die Selberdenkerei so schnell nicht mehr los. Du wirst dich nach den zwar dumpfen, aber gemütlichen Zeiten sehnen, als Gelbwurst sich aus dem Nichts an der Wurstheke materialisierte, du mit dem latinoesken Tangolehrer vom Postkarten-Buenos Aires träumtest und fest davon überzeugt warst, dass Gruppen (welcher Erscheinungsform auch immer) lediglich eine Ansammlung stets vernünftig agierender Erwachsener wären.

Dein aufgewecktes Hirn wird nach einer Dosissteigerung verlangen. Einiges, was dir bisher den Kick verschafft hat, wird dich vielleicht bald langweilen und nach anregenderem Zeugs Ausschau halten lassen. Eine neue Milonga finden? Mit gemischter, moderner Musik? Weit fort? Neue Gesprächspartner finden? Womöglich musst du nachts um drei noch beim Internetdealer deines Vertrauens neuen E-Book Stoff herunterladen. Oder mal Jazz hören! Oder eine Operette? Kostet Zeit und Geld! Manchmal sogar alte Freundschaften.


Fazit: 

Ja, Selberdenken IST gefährlich! 

Was soll das dann?

Wieso solltest du dir das antun?

Es gibt heute doch so viele Identitätsversatzteile, aus denen man sich ein Selbstbild samt zugehörigem Meinungs-Gedankenpaket zusammenbasteln kann. Ist doch ganz kommod?! Anders als früher, als jede wusste, wo er "hingepflanzt" war, wer was tun durfte und was nicht - als die Gesellschaft starr war. Informationen als Hirnfutter konnte man nicht einfach mal schnell von Tante Google liefern lassen oder bei Youtube lernen. War damals der Freiheitsdruck als Anreiz zum Eigenhirngebrauch und somit persönlicher Entwicklung größer? Was meinen die Damen und Herren der 68-er Fraktion denn dazu?

Ich will dir jetzt auch kein aufklärerisches Gedankengut hinlöffeln. (Das darfst du, wenn's beliebt, selber nachlesen. Gugschdu Wikipedia oder sonstwo.)

Es ist viel einfacher:

Belohnung Nr. 1: Du kommst authentisch daher.

Manche Zeitgenossen mögen das sehr: deine Einzigartigkeit. Die Folgen? Tiefe, reflektierte, auch kritische Gespräche. Von anderen Sichtweisen kosten. Gemeinsamkeiten finden. Oder Unterschiede. Oder beides, auch wenn's paradox wird. Respekt vor den (Hirn-)Leistungen anderer. Lernwille.

Ich schreibe bewusst nicht von Szenen oder Gruppen, sondern von Einzelnen. Diese Eigenbrötler und Eigenhirnnutzer haben nicht nur das EI gemeinsam.


Belohnung Nr. 2: Selberdenken macht Spaß!  

Hast du Freude am Tun - am Denken in unserem Fall - schüttet dein Hirn diverse interne glücklichstimmende Hormone aus. Der Dopaminkick, wenn ich was kapiert habe, ist wirklich was Feines. 

Und meiner Meinung nach das wichtigste PRO:

Belohnung Nr. 3: Du bist in der Lage, dein Leben selber zu bestimmen. 

Selbstwirksamkeit spüren! Bewusst leben! Manchmal wenigstens oder wenn's nötig ist. 
Nicht mehr gesteuert werden, sondern selber das Ruder in die Hand nehmen und den Kurs bestimmen. Das stimmt leicht und frei. Den Krawall aushalten lernen.
Wird nicht immer gelingen, aber immer öfter.

Probier's aus! Jetzt weißt du ja, worauf du dich einlässt und findest bestimmt noch weitere Belohnungen. Die darfst du uns gerne im Kommentar kredenzen!

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel





* ein weiterer Artikel zum Thema:
http://im-prinzip-tango.blogspot.de/2016/05/schwarz-und-wei-und-das-dazwischen.html

* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?
* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern

Dienstag, 28. Februar 2017

Der Yeti hat kein Hallux

weder "valgus" noch "rigidus".


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Geschenk vom Yeti: Fußknubbel-Massagedings (Bio)


Gestern hast du mir gestanden, dass dir deine Füße wehtun


Hast sogar gewagt, deinen Hallux valgus zu lüften, mir das Röntgenbild deines Fersensporns gezeigt. Obwohl du dich deines "Monsterballens" respektive "krüppeliger Zombiefüße" schämst und diese am liebsten versteckst. Sandalen? Passé! Schmerzmittel oder operieren, habe der Arzt gesagt, wären die einzigen Behandlungsoptionen. Beides keine tollen Vorschläge. Vielleicht ein bissel Gymnastik. Ja gut, aber welche? Im Internet hast du schon ein paar Übungen gefunden und ausprobiert, die helfen aber nicht wirklich.


Lust auf einen kleinen Ausflug nach Tibet?


Komm, heut ist ein guter Tag, um in den Unsichtbarkeitsflieger zu steigen und durch ein Wurmloch ins ferne Gebirg zu sausen. Mission Yetis beobachten!

Über der weiten, glitzernden Schneefläche sinken wir hinab und schau! Da hinten! Dort, bei den Felsen ist einer! Oder eine, kann ich nicht so genau erkennen. Stapft mit einem Sack auf dem Buckel, ein fröhliches Liedlein pfeifend, das steinige Bachbett hinauf.

Noch ein bissel näher, ganz leise im Unhörbarkeitsmodus folgen wir ihm, kommen immer näher - bis wir die Haare auf seinen Ohren erkennen können und seine Füße. Er ist ja barfuß! (Außerdem tatsächlich ein Männchen: Er bieselt grade ein "Y" in den Schnee.)

Er wackelt wohlig mit den Zehen beim Abschütteln, dann latscht er weiter über Stock und Stein, beginnt zu traben - ja, elegant! - und balanciert über einen abgrundüberbrückenden Baumstamm in seine Höhle. Seine Hinterpfoten umfassen die Rundung, als würden sie sich ansaugen.

Kein Wackeln, kein Stolpern stört seinen Weg! Ohne Zögern bewältigen seine gewaltigen Fußsohlen stupfigsten Untergrund, schmiegen sich in prachtvoller Nacktheit ganz selbstverständlich an große und kleine Holprigkeiten.

Daheim warten Yetin und Yeti-Junior. Irgendetwas Zottiges undefinierbarer Farben bedeckt einen Teil des Höhlenbodens. Scheint ein Pelz zu sein von einem Tier mit krausen Borsten. Riecht ein wenig streng. Frau Yeti sitzt neben der Feuerstelle auf dem Boden und gräbt ihre nackten Zehen in den Rauh-Flausch. Sie lächelt, greift mit ihren Fußfingern ein sauber geschältes Stöcklein und reicht es ihrem Herzallerliebsten. Aha, ein yetisches Pediküre-Gerät. Unter dem linken Großzehennagel scheint es ihn zu jucken. Erstaunlich, wieviel Material unter seine Nägel passt. Mit der Eleganz ist es jetzt leider vorbei. Diese Spezies unterscheidet wohl nicht zwischen Mund- und Fußpflegewerkzeug.

Das Junge hält mit dem rechten Fuß ein kleinturmartiges Werkstück fest. Die freien Hände komplettieren das Bauwerk oben: Runde Klötzchen scheinen ein Dach zu bilden. Himalaya-Lego?

Und schau genau: Alle haben so gesunde, so starke, so lebendige Füße! Kein Hallux, keine Arthrosebobbeln, nicht ICD-konform geplättet / gespreizt / gesenkt. Ein Orthopäde würde erst weinen, dann umschulen.


Warum haben die Yetis keinen Hallux?


Ganz einfach:
Weil die Yetis ihre Füße benutzen!
Weil sie immer barfuß laufen!

Ihre Füße das tun lassen, wofür diese so genial gebaut sind: sich in ihrer flexiblen Gesamtheit jedem Untergrund anpassen, aufgespannt als federnd-flexible Basis. So werden ständig alle Gelenke durchbewegt sowie sämtliche Muskeln trainiert und gedehnt. Bänder schlüpfen geschmeidig wie mit Sommersonne geölt. Die zig-tausend Rezeptoren und Nerven erhalten Ansprache, leiten hochzufrieden Informationen an das Bewegungszentrum weiter: Mit so einer feinen Selbstwahrnehmung (Propriozeption) ist Balancehalten kinderleicht!
 

Immer und überall barfuß wäre optimal:


Die Lösung für alle Fußprobleme. Blöd dabei dabei ist, dass wir halt - im Gegensatz zum Yeti - doch irgendwie zivilisiert daher kommen (müssen). Unsere Füße haben wir im Laufe der letzten Jahrhunderte domestiziert: Verhätschelt mit starren Lederkästchen, die zwar vor verletzendem Straßenunrat und Kälte schützen, aber wie Ohropax mit Zwangsjacke wirken. "Geräusche" können die Füße nur noch ganz gedämpft wahrnehmen und reagieren entsprechend "fixiert" oder gar nicht.

Dann wird's schmerzhaft steif im Gebälk. Die Statik geht kaputt und muss mit Verspannungen an anderen Stellen aufrecht erhalten werden. Die Mittelfußknochen geben dem Druck nach und weichen auseinander. Der große Zeh hat im Hallux-Fall die A-Karte gezogen: Seinen Mittelfußknochen schiebt's besonders arg zur Fußinnenseite. Der arme Kerl versucht zu die Situation zu retten, indem er sich dann im Grundgelenk Richtung Außenseite lehnt, so entsteht dieser berühmte Knick. Dass effektiv-entspannte Kraftübertragung so über Eck schwierig ist und spitze Schuhe diesen Zustand noch verstärken, versteht sich von selbst.

Die vielen Bewegungsoptionen der Gelenke, Muskeln und Spürmöglichkeiten der Nerven fallen in den Dornröschenschlaf des Vergessens.


Also, was tun?


Eine Wohnungskatze kannst du ja auch nicht von heute auf morgen auswildern. Abhängig vom Degenerationsgrad lässt sie sich gleich vom Laster überfahren oder erstickt an einer Maus. Die wird schließlich in freier Wildbahn nicht in mundgerechten Stückchen geliefert. Im hygienischen Cromarganschüsselchen mit Sauce.

Aber eine artgerechte, naturimitierende Haltung mit variierenden Spielmöglichkeiten, mit Herausforderungen, mit Austoben, mit Klettern-und-Kratzen dürfen - vielleicht sogar draußen? -  und viel Streicheln tun der Katze bestimmt gut.

Mit diesem Konzept kannst du deine Füße wieder wachküssen. Wirst sehen, die schnurren wieder.
Waren deine Füße lange Zeit "im Stall", dann beginne langsam! Wahrscheinlich haben sie wenig Kraft und können noch nicht soviel vertragen wie ein Yeti-Fuß.


Du könntest zum Beispiel...


  • ... daheim einfach mal barfuß oder besockt unterwegs sein. Spüre bewusst die verschiedenen Untergründe und was beim Abrollen passiert. (Ich weiß, dieser Vorschlag ist altbekannt. Warum tust du's dann nicht einfach?)
  • ... dir Barfußschuhe leisten (oder aus deinen Turnschuhen die harte Innensohle herausbasteln) und damit querwaldein spazieren
  • ... beim Zähneputzen oder Abspülen auf die Zehenspitzen steigen oder einen unsichtbaren Trepp-Step benutzen, mit dem großen Zeh Buchstaben auf den Boden malen
  • ... die Treppe herunterhopsen und dich dran freuen
  • ... auf dem Randstein balancieren (Oder lieber auf dem Dachfirst? Wie Mary Poppins?)
  • ... ein Kind ausleihen (sofern nicht vorhanden) und auf dem Spielplatz mit den Füßen im Sand wühlen: mit Wonne eindreckeln! (Kind ist nicht zwingend nötig, reduziert aber die Hemmschwelle)
  • ... im Sommer auf einer Wiese barfuß laufen (oder mit Socken wegen der Zecken) und in Patschlachen plantschen 
  • ... Spielzeug für die Pfoten unter'm Schreibtisch parken und vor allem benutzen (verschiedene Bällchen, Rubbelbrett, einen kurzen dicken Stock, lass dir was einfallen, Bällchen-Bastelei hier) bzw. überhaupt im "Geschäft", wenn's geht, die Straßenschuhe ausziehen
  • ... deine Füße massieren (lassen) siehe hier 
  • ... auf einem Kirschkernsäckchen herumtreteln
  • ... ein Schaff mit trockenen Erbsen oder ähnlichem füllen, mit den Füßen drin "baden" und "tauchen", einen Schatz finden? 
  • ... ein Fuß-Battle veranstalten. Wähle einen möglichst kindischen Kampfpartner mit hohem Humorpotential. 
  • ... zärtlich mit deinem Liebsten/deiner Liebsten fußeln (wenn dir nicht der Sinn nach Kampf steht, lässt sich aber kombinieren oder mit einer füßischen Massage verzuckern ;)
  • ... einfach mal einen Socken- oder Schläppchentango verkosten, und dann zwei und dann irgendwann ganz viele. Die Musik tastend mit den Füßen vom Boden sammeln. Langsam steigern und schön auf den Ballen bleiben, gell! Sonst droht Überlastung. Trainiert wunderbar, verfeinert die Fußtechnik, lässt sich auf verschiedene Höhen einstellen und vermittelt ganz "fui Gfui". Ich will's nicht mehr missen.
  • einfach die Füße benutzen! Lebenslust mit/in den Füßen spüren! Grab deinen Spieltrieb wieder aus und lass dir was einfallen!

Zugegeben, Madame, Barfußschuhe, Schläppchen oder haarige, superlebendige Yeti-Füße können gegen den sexy Charme straßbesetzter High Heels nicht anstinken. Dafür schenken sie dir nach Eingewöhnungszeit feine, ganzheitlich elegante, sinnlich hochwohlige Bewegungsmuster. Und das zieht bei manchem Herrn der Schöpfung viel mehr als ein von Fußschmerzen verbissenes Gesicht mit humpeligem Gestakse. Sind deine Füße wieder lebendig und zufrieden, verzeihen sie dir auch den zwischenzeitlichen Gebrauch hoher Schuh. Schmerzfrei.

Ja, werter Herr, die argentinischen, zweifarbigen Tangoschuhe sind zwar bockhart, aber sowas von lässig! Komm her mit deinem Ohr, ich verrate dir jetzt ein Geheimnis: Hochbegehrte Katzentatzenschleicher beschäftigen sich mit der Frau, die sie gerade im Arm halten, und der Musik, nicht mit den Problemen, die Schuhe samt verspannter Füße verursachen. Weniger Fußschmerz, mehr Genuss. Ganz einfach.

Es wird seine Zeit dauern, 


bis deine Füße wieder schnurren. Sei geduldig. Deine Füße tragen dich durch dein Leben und so manchen Traumtango. Sei lieb zu ihnen, sie haben's verdient. Und du auch!


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel






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Freitag, 24. Februar 2017

"Erste Liebe" - ein Gastbeitrag von Peter Ripota

Wo sind unsere Jugendträume hinverschwunden?


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Irgendwie scheint sich die Welt doch entschlossen zu haben, nicht endgültig im Winterdunkel zu erstarren: Der Wind bläst erdige Gerüche ins Gemüt, der erste Reiher zieht seine Kreise am Himmel. Für's erste Sprießegrün ist es zwar noch ein wenig zu früh. Trotzdem ermutigt ein Blick aus dem Fenster, die schweren, warmen Stiefel heut an der Garderobe geparkt zu lassen - ohne Gefahr zu laufen, statt je fünf Eisbrocken meine Zehen zu spüren. 

Vor ein paar Tagen ist mir der Schmetterling (siehe Bild) begegnet. Ich war gerührt von seinem (naiven?) Lebensmut. So zu-früh-schwach wie er war, hat er sich auf den Finger nehmen und ganz aus der Nähe betrachten lassen. Seine Flügel knisterten sanft wie Seidenpapier. Der Schmetterling und ich - nur wir beide - standen für ein paar Minuten in einem wärmenden Traum. Zwei Stunden später lag er dann tot unter dem Geländer. Wie soll ich da nicht in Sentimentalität verfallen? 

So wie in Konstantin Weckers "Frühlingslied":
"Frühling werds und ois wui wieder himmelwärts
was is des für a schöner Schmerz
in Bauch und Brust und Herz." 


Anscheinend bin ich nicht die Einzige, die solche Gedanken-Gefühlsgeflimmereien umtreibt:
Peter Ripota hat mir heute diesen wundervollen Text zukommen lassen über die (verlorenen ?) Träume der Jugend und die Liebe und das Leben und all das. Um den Frühlingsblues voll auszukosten, empfehle ich dir Lidia Bordas Version von "Sueño de Juventud" parallel zu hören.  https://www.youtube.com/watch?v=80fl8GSa5Ro

Et voilà! Bühne frei für Peter Ripota! Viel Vergnügen!
Dieser Artikel erscheint zeitgleich in seinen "Notizen aus dem schwarzen Loch".



Erste Liebe

Meine erste Liebe war eine Dame im Alter von ungefähr 3000 Jahren - kein Wunder, dass sie mich nie erhörte. Ihr Name ist "Mathematik". Ich weiß noch, wie ich hungrig am Tor zum Allerheiligsten dieser ewig jungen Dame stand und mit leuchtenden Augen nach einem Eingang suchte. Meist vergebens, denn mein Verstand reichte nicht aus, dass ich auch nur in ihre Nähe gekommen oder gar von ihr erhört worden wäre. So studierte ich Physik. Da sind auch viele Formeln und Ideen, und die Physiker nehmen es nicht ganz so genau wie es die Göttin Mathematik erfordert.

Aber jetzt zur sogenannten "Realität". Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Liebe? War das ein einmaliges Ereignis, das nie wieder erreicht wurde, oder ein Desaster, das hoffentlich nie wieder eintritt? So wie Loriot ging es mir glücklicherweise nicht, der seine erste Liebe (ausschnittsweise) so beschreibt:

Zu Beginn des dritten Grundschuljahres erschien mir im Traum ein Huhn, weiß, mittelgroß und von ungewöhnlich sanfter Wesensart. Eigentlich ging es nur schweigend auf und ab oder saß versonnen neben mir, aber ich fühlte, ein Weiterleben ohne Huhn würde sinnentleert und freudlos sein. Mit Anbruch des Tages verließ mich meine erste große Liebe, um düsterer Verzweiflung Raum zu geben. Nutzlos blieb jahrelange Hühnersuche. Es zeigte sich, dass keines der vielen gebildeten, formschönen Hühner mit dem verlorenen zu vergleichen war.

Vor einiger Zeit fiel mir ein Tagebuch aus meiner Pubertät in die Hände, alles in Stenografie, was meine Mutter aber trotzdem lesen konnte, im Gegensatz zu mir nach mehr als 40 Jahren. Irgendwie gelang es mir dann doch, einiges davon mühsam zu entziffern. Und dabei kam auch meine erste Liebe zum Vorschein, die mich damals völlig unvorbereitet traf, die ich mit ebenso romantisch-gefühlsseligen wie pubertär-kitschigen Worten beschrieb, und die durch eigene Dummheit und Unerfahrenheit endete.

Es hat mich im Nachhinein überrascht, was mich als erstes an ihr faszinierte: Ihre Fähigkeit, meine Fantasie anzuregen und mich in ein Märchenland zu entführen:

Sie fasste meine Fantasie und führte mich behutsam im Zauberteppich ihrer Worte zu jenen fernen Welten, die so nah waren, die Bilder aus den Träumen von der Wirklichkeit, die weite, schöne, einsam-lebendige Welt jenseits der großen Stadt, weit weg vom Rand, wo die Wege enden und das Leben beginnt ... 

Aber wie man mit Frauen umgeht, wusste ich nicht, und die Selbsterkenntnis half wenig:

Ich war klein und unterlegen und voller Hemmungen und voller Furcht vor dem Augenblick der Wahrheit: Ich hatte meine alte Rolle verloren und keine neue gefunden. Ich war ein Hummer, der sich gerade gehäutet hat, eine Schlange ohne Schutz, blind, tastend, die dennoch nicht wagt, ihr Versteck zu verlassen, bis die neue Schale gefestigt ist und sie wieder schützt vor der Härte der Wirklichkeit.

Und weil ich die Zeichen nicht zu deuten wusste - darf ich, will sie, warten oder zupacken? - kam ich zu der schönen, aber nutzlosen Erkenntnis:

Dein Leben reicht so weit wie deine Träume ... und ich hatte zu wenig geträumt.

Die schönsten Stunden waren diejenigen ohne Gedanken an das, was sein könnte oder sollte oder nicht ist:

Wir waren Kinder. Wir waren glücklich. Wir waren so nahe wie Alice und das Reh im Wald des Vergessens, und wir dachten ebensowenig an Vergangenheit oder Zukunft wie sie. Wir wussten zwar, wer wir waren, doch es war nicht so wichtig. Wir waren in unserer kleinen Welt, und es gab keine Ziele und keine Zweifel, kein Hoffen und kein Bangen, keine Erwartung und keine Enttäuschung. Nur die glückliche Geborgenheit zweier Kinder, die eng umschlungen auf die Weite des Meeres hinaus treiben und sich an der Sonne freuen und nicht an morgen denken. Und über die Dummheit der Menschen lachen. Und über sich selber ...

Irgendwann war's dann zu Ende, und auch die Worte eines katholischen Geistlichen, der mich gut kannte, brachten wenig Trost:

Du siehst eine große lange Straße. Viele Menschen gehen auf ihr, und manche kennst du auch. Die Straße verzweigt sich immer. Manche gehen fort, neue kommen. Du gehst mit jemand ein Stück des Weges gemeinsam, und dann ist er fort, und du merkst es gar nicht. Du gehst mit jemand anderen, plauderst mit ihm, und so geht es hin, dein Leben lang, und am Ende blickst du zurück und siehst die Leere und Verlassenheit, und du siehst mit der Klarheit des großen Lichts: Du warst immer einsam. Auch wenn du glaubst, jemand begleitet dich: Den langen Weg gehst du allein. Und doch gibt es eine andere Möglichkeit. Wenn man gemeinsam aufbricht, dann geht man zu zweit - gemeinsam zu neuen Ufern, zu neuen Zielen, zu einem neuen Leben.

Fazit: Die erste Liebe war extrem romantisch, aber ich möchte sowas nicht mehr erleben. Im Vergleich dazu ist die letzte Liebe nicht ganz so romantisch, aber viel erfüllender ...


[Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf "Seniorbook".]

Die geheime Pforte zum "Märchenland" muss er wohl trotz allen Irrungen und Wirrungen doch noch gefunden haben. Das weiß ich. Hab mit ihm getanzt. Und beim Tanzen kann man nicht lügen.

Dankeschön, lieber Peter!


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel





Der Artikel erscheint auch in Peter Ripotas "Notizen aus dem schwarzen Loch".

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