Freitag, 11. August 2017

Krise im Vorstand!



Endlich! Die Ablöse kommt!

Der Pausenclown seufzt erschöpft. Obwohl er schon seit 87 Jahren, 3 Monaten und 15 Tagen in Männerhirnen arbeitet - also eine gewisse Routine und Erfahrung vorweisen kann - muss er zugeben: Die Schicht heute war wirklich anstrengend. Im Umfeld scheint sich Krieg anzubahnen: Ein pausenclownleistung-induzierendes Stichwort folgt aufs nächste! Dabei sind es doch nur ein paar wenige, doch genau vom Vorstand ausgearbeitete, standardisierte Reaktionseinleitungen:

1. „Schatz, wir müssen reden!...“
2. „Kannst du endlich mal... (den Müll runterbringen, Rasenmähen o.ä.)“
3. „Welches Kleid (Schuhe, Hose o.ä.) findest du besser?“
4. „Hab ich zugenommen?“
5. „Nie hörst du mir zu!“
6. „Liebst du mich noch?“

Aber heute prasseln sie herab wie der Duschregen in den Tropen, und unser Clown unfugt in Schleife - wieder und wieder und wieder stolpert er über seine Latschen und patscht mit der Nase in die Torte zum Vergnügen des Gehirnbesitzers. So bleiben die Sätze 1-6 dort, wo sie hingehören, nämlich außerohrisch. Verstehen unnötig, da kratzt dich nix!

Der Indianer mit Zwergpony bekommt eine kurze Übergabe, Kaffeekochen müssen die beiden heute selber. Pausenclown kämmt sich die roten Locken zum Pferdeschwanz, hängt den lustig buntscheckigen Strampelanzug in seinen Spind und bindet sich im Gehen die Krawatte. Drunter trägt er immer Anzug mit ein wenig Polyester im Gemisch, dann knittert's nicht gar so. Unser Freund muss zur Vorstandssitzung. Der Raus-aus-dem-Männerhirn-Aufzug zuckelt gemächlich, in der Ecke duftet ein Ponyapfel. „Die beiden haben‘s gut, fette Schichtzulage wegen Liebesfilm im Fernsehen...“

Der Vorstand, zwanzig altgediente Männerhirn-Bühnenbespieler, sitzen um den runden Tisch. Es herrscht hochnervöser Tumult. Die Horde plärrt laut durcheinander und rauft sich die Haare - so vorhanden. Nur Fantomas bohrt versonnen in der Nase. Pausenclown fragt ihn, was denn los sei. Fantomas schnippt ein nasales Fundstück beiseite und reicht die kopierte Tagesordnung weiter. Dann stellte er sich hinter den Clown, um den inzwischen Bewusstlosen aufzufangen. Zwei, drei Nasenpumper und ein Guss Zitronenlimonade ins grauschreckkranke Angesicht genügen: Mission Wiederbelebung erfolgreich! (Wofür sollen die roten Quietscheballnasen denn sonst gut sein?)

Kann das sein? Einführung der Frauenquote bis 2018?
F R A U E N Q U O T E?

Wie soll denn das gehen? In einem Frauenhirn arbeiten? Frauenhirne liegen am anderen Ende des Universums! Das ist Dschungel! Wildnis! Verdammnis! Ist je einer aus einem Frauenhirn zurückgekehrt? Nein! Und nicht nur deswegen, weil noch keiner dort war! Das ist irrelevant! Und wer hat diesen Quatsch eigentlich angeschafft?

Gesetz? Ach, war schon zur Prüfung am Bundesverfassungsgericht? Ist durch?
Kann man nix machen?
Kann man nix machen.

Megakompliziert! Dort, in so einem Nicht-Mann-Hirn kannst nicht einfach aufs Stichwort anfangen zu arbeiten. Ja, die Extern-Experten-Kommission hat schon gesammelt und ausgewertet: Anzahl der relevanten pausenclownleistung induzierenden Stichwörter von Null bis unendlich, ergo nicht erfassbar, nicht kategorisierbar, nicht auswertbar.

„Vorschläge, meine Herrn?“ Plötzlich ist es so still, dass man Don Corleones Katze schnurren hört - wie immer, wenn der Pate das Wort ergreift. „Yeah! Brainstorming!“ Donkey Kong klettert über den Tisch und die Beisitzer zum Whiteboard. Vor lauter Aufregung verliert er ein paar Pixel, die Reagge-Man im Joint verbaut.

Zwei Stunden später ist die Tafel zwar vollgekritzelt. Brauchbare Vorschläge sind selbstverständlich nicht dabei. Das haben alle so erwartet - ist ja schon lange genug wissenschaftlich erwiesen, dass diese Methode dramaturgisch wertvoll, aber leider vollkommen ineffektiv ist und bleibt. Was soll‘s? Hat Mann schon immer so gemacht, in der Meute „denken“. Anschließend bestimmt der Bestimmer unabhängig von den Ergebnissen das weitere Vorgehen. Das ist Tradition und Tradition ist unantastbar.

Pinkelpause!
Ganz gegen seine Gewohnheiten gesellt sich Nurejev ans Sanitärwandgerät neben Don Corleone. Der Tänzer gilt als eigenbrötlerischer Sonderling in der Zunft. Er wird selten für Auftritte auf Männerhirnbühnen gebucht.
„Chehef?“ flüstert er schüchtern.
„Pronto?“
"Darf ich was fragen?"
"Si, si!"
„Die XX-Galaxie ist uns doch total fremd, richtig?“
„Fremd und gefährlich! Zona estremamente pericolosa!“
„Über die wesentlich weniger differenzierten Männerhirne liegen uns dagegen haufenweise evidenzbasierte Studien vor, richtig?“
Der Don tröpfelt angestrengt. Plitsch.....Plih-hitsch....pli....
„Wie wäre es, wenn wir die Handlungsstandards für unsere Mitglieder anhand des uns ja bestens bekannten Verhaltens der Männer definieren? Also keine Stichwortliste wie bisher benutzen, sondern einen männlichen Verhaltensmodus als Impuls festlegen?“
Man schüttelt ab, richtet die Suspensorien.
„Welchen Modus?“
„Ich würde vorschlagen Mansplaining.“
„Cosa???“
„Herrklären halt. Aber Mansplaining klingt cooler. Wie eine Superheldenmission...“ Das Wort hängt einen Augenblick rosa puckernd vor den Fliesen bis es mit einem sanften "Pling" verschwindet.


Der Pate versteht: "Dafüä du bisse miä eine Gefallen schuldig, ragazzo...", lächelt und besiegelt den Vorschlag mit dem Italienergriff. Das bringt Glück. Das brauchen sie jetzt. Und zwar alle.

Im Saal geht dann alles ganz schnell: Ein Marktforschungstrupp soll die Lage im XX-Universum erkunden, drei Monate später ausführlich Bericht erstatten. Ziel der Mission sind möglichst zahlreiche pausenclownische Bühnenauftritte in Frauenhirnen während des Mansplainingprozesses. Als Freiwillige werden die sieben Zwerge bestimmt - Qualifikation Schneewittchenkontakt. (Ob selbiges die regelrechte Chromosomenausstattung besaß, kann leider nicht mehr verifiziert werden.) Ebenfalls freiwillig soll unser Pausenclown die Exkursion strategisch planen, umsetzen, nachbereiten und bei der nächsten Vorstandssitzung die Ergebnisse referieren.

Das Plenum ist zufrieden. Die TOPs 2 und 3 „Kundenanalyse“ und „Bedarf“ werden einstimmig gestrichen. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt! So zieht die Meute geschlossen und schulterklopfend in die nächste Kneipe, wo das Feierabendbier wartet.
Nur der Pausenclown fährt heim: Die Arbeit ruft!


Drei Monate später 


Alle Plätze im Sitzungssaal sind belegt. Heute sind wirklich alle erschienen. Schließlich geht es um die Zukunft der Zunft! Um Ruhm und Ehre, Heldentaten, Abenteuer! Und, ach ja, diese blödsinnige Frauenquote.

Unser Pausenclown steht am Rednerpult, sortiert seine Handzettel mit den Stichworten zum Vortrag. Unangenehme Sache. Wenigstens hat er für die Zwerge noch einen Kosmetiktermin bekommen, sonst würde seine Präsentation komplett abschmieren. Die Krawatte zwickt. Schweiß klebt die Locken an die Schläfen.

Saallicht aus - Spot an - Einmarsch der GSG 7!
Applaus! Tusch! Standing ovations für die Dschungel-Pioniere!
Jeder der Heimgekehrten bekommt einen feierlichen Handschlag vom Don, eine gerahmte Urkunde und ein Paar Turnschuh. Dann werden sie von zwei würdigen Butlern (James and James) hinausbegleitet.
Der Pausenclown wirft ein Kuchendiagramm nach dem anderen an die Wand, versucht verzweifelt die Nichtaussagekraft der gesammelten Daten mit einem Haufen sahniger Wörter zu überdecken.
Er kann ja auch nichts dafür, dass die Mission keine, aber auch gar keine relevanten Ergebnisse brachte.

Mansplainig ist doch so eine klare Sache! Sogar in Gerhards Tangoreport steht ein ausführlicher Artikel darüber. Warum lesen den die Frauen denn nicht einfach mal? Dann wäre alles einfacher...

In den XX-Gehirnen geschahen - während sie dem Mansplaining-Prozess ausgesetzt waren - vollkommen unkategorisierbare Aktionen: Da wurden Einkaufslisten zusammengestellt, über den Geburtstag der Schwiegermutter oder die Schulnoten der Kinder nachgedacht, die zähe Konsistenz des Steaks wahrgenommen, über den Ausgang des momentan gelesenen Romans sinniert, aus den Augenwinkeln eine (zutreffende!) Beziehungskonstruktanalyse aller Anwesenden erstellt, thematisch relevante Fragen erarbeitet - um nur einige Beispiele zu nennen. Nicht wenige Exemplare hörten den Herrklärern wirklich höflich zu! Obwohl die Mitglieder der heldenhaften GSG 7 mutig jede Anstrengung unternahmen, um den Frauenhirnen die Mansplaining-Situation darzutun.

Ergebnisse der Mission in Zusammenfassung: 
  • Mansplaining wird im Reich der Frauen selten als solches erkannt.
  • Falls doch, wird Selbiges toleriert, Verunstimmung durch alternative, jedoch wirkungslose Strategien kompensiert.
  • Pausenclownleistungen als Antwort auf Mansplaining konnten im XX-Universum nur in einem Ausnahmefall platziert werden.
  • Die sieben Zwerge sind als Mitarbeiter für mindestens ein Jahr nicht einsetzbar: schwere posttraumatische Belastungsstörung.


Fazit:
  • Die geplante Einführung der Frauenquote ist im Licht der Erkenntnisse undurchführbar.
(Und jetzt wird's wirklich spannend: Unser Pausenclown riskiert einen Vorschlag, von dem er nicht weiß, ob er ihn Kopf und Kragen kosten wird.)

Don Corleones Katze schnurrt, Fantomas gießt sich ein Glas Apfelschorle ein und Donkey Kong wabert etwas unscharf an den Rändern. Der tapfere Redner atmet tief ein, zeigt die nächste Folie seiner Präsentation:

Die INTERNE Frauenquote:

MIT Frauen arbeiten statt in der XX-Welt sterben?

(juristisch einwandfrei, gilt auch)

Dann versteckt er sich ganz geschwind unter seinem Pult.

Schnappatmende Vorstandmitglieder fallen von den Stühlen. Erste Tomaten fliegen auf die Bühne. Ohnmacht! Radau, Getümmel! Angstschweiß und Testosteron! Fantomas steht auf dem Tisch und hält sein Glas hoch, damit niemand dranstößt.

Don Corleone klatscht in die Hände und ruft eine außerplanmäßige Pinkelpause aus.
 
"Chehef?" haucht Nurejev im gefliesten Herrenrevier.
"Pronto?"
"Wissen Sie noch? Der Gefallen, den ich Ihnen für meine Idee schulde?"
"Si!"
"Um eine interne Frauenquote zu erfüllen, brauchen wir hier bei uns im Vorstand Frauen, richtig?"
"Si?"
"Die Quote müssen wir erfüllen, sonst haben wir ein dickes Problem, richtig?"
"Si."
"Wir wollen aber keine Weiber hier, richtig?"
"Si! Si!"
"Und keine so genannten weiblichen dämlichen Kommunikationsmuster, Empathie und so. Teamfähig sind wir doch selber!"
"Si! Si! SI!
"Männer, die als Frauen rüberkommen - für die Quotenkontrolleure - könnten unser Problem lösen, richtig?"
"???"
"Tarnfrauen quasi. Die wären dann wie wir." Er deutet auf zur Zeit belüftete Kronjuwelen. "Keine gendergetrennten Toiletten und so wären nötig. Keine Zusatzkosten."
"Bene!"
"Und falls doch so ein Korinthenkacker genauer kontrollieren will, hauen wir ihm eine Klage wegen sexueller Belästigung um die Ohren!"
"Eccelente, ragazzo! Come lo facciamo?"
"Ganz einfach, Chef: Männerballett!"

Abschütteln, einpackeln. Abgemacht. "Dafüä du bisse miä eine Gefallen schuldig, ragazzo..." Italienerglücksgriff. 

Als Freiwillige werden in Abwesenheit die sieben Zwerge bestimmt. Die Schulung "Balletteusen-Mimikry" unter der Leitung Nurejevs dauert mindestens ein Jahr. Solange wären die ehemaligen GSG 7er eh nicht regulär einsetzbar. Alle sind glücklich und zufrieden. So zieht die Meute geschlossen und schulterklopfend in die nächste Kneipe, wo das Feierabendbier wartet.

Nachtrag: Das Männerballet wird inzwischen gut gebucht, geliked und steht in der pausenclownischen Rangliste auf Platz 8, zwischen Homer Simpson und Donald Trump.



Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







Lies hier über Mansplaining: https://milongafuehrer.blogspot.com/2017/08/herrklaren.html

* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?


* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern



Freitag, 28. Juli 2017

Rugediguh! Blut ist im Schuh!

Das Märchen vom Tangoschuh


Der Prinz sucht.


Es war einmal ein Prinz, für den seine königlichen Eltern zwecks Zuführung einer geeigneten Ehekandidatin einen rauschenden Ball ausrichten ließen. Aus dem ganzen Lande strömten die Bewerberinnen daher und - natürlich! - versuchten sie den jungen Mann schwer zu beeindrucken: Herausgeputzt mit güldenem Tand schwebten sie durch den Saal, soweit es die geschnürten Mieder erlaubten. Die Luft im Saal war gestopft voll mit zuckersüßen Lächeleien Richtung Prinz. Der saß gelangweilt am Rande der Piste und hatte schon ganz trockene Augäpfel, weil er sich jegliches Blinzeln streng versagte.

Bis eine Tänzerin in sein Blickfeld geriet, die in ihren allerliebsten Schühchen sein Interesse weckte. Diese - und zwar nur diese! - wollte er haben! Die alte Turmuhr schlug schon Mitternacht, als er sich endlich durch die Massen von lüsternen Weibern in ihre Nähe vorgearbeitet hatte. Blöderweise sah er sie auf ihrem Rückzug nur noch von hinten, die Treppe hinabeilend. Dabei stolperte sie und verlor einen ihrer gläsernen Schuhe.

Er schaltete Suchanzeigen auf Facebook, recherchierte sich einen Wolf, besuchte jede noch so kleine Milonga im Königreich seines Papas, wo er den Gästinnen den Schuh des Begehrs präsentierte. Alle probierten selbigen an. Keiner der Damenfüße passte hinein! (Wie auch?). Schließlich besuchte er auf Anraten seiner werten Mama die alte Tante Google. Er war ja so unglücklich, und die Königin wollte ihn verheiratet wissen, um sich endlich zur lange geplanten Pensionsbelohnungsreise verabschieden zu können.

Tante Google spuckte tatsächlich eine Adresse aus, an der er seine Präprinzessin finden könne. Dort packte er die erstbeste, deren Fuß in den Schuh gestopft werden konnte, auf seinen Schimmel und ritt von dannen. Wären da nur nicht die Spielverderbertauben gewesen, die ihr Liedlein vom "Blut im Schuh" gesungen hätten. Blödes Volk, Viecher sollten nicht sprechen können! Die Wahrheit schon gar nicht! Dass sich die entsprechende Dame im Vorfeld einen Zeh abgehackt hatte, wollte er doch gar nicht wissen. Sie kam ihm vage bekannt vor: wahrscheinlich vom Ball auf Papas Schloss.

Aber da hilft nix. Er musste zurück: die Echte - die mit der vollständigen Zehenzahl - finden, einpackeln und heiraten. Das gesamte Anwesen wurde einer Durchsuchung unterzogen und siehe da: die lumpige Maid in der Küche war Glas-Schuh-kompatibel. Der Prinz ließ sie ein paar Schritte tanzen - links beschuht, rechts barfuß. Kein Zweifel! Keine bockige Widerrede! Kein Stolpern! Nur zuckersüße Anmut.

Also Auslöse zahlen, mitnehmen und und per Ehevertrag die Besitzansprüche festklopfen. Mama und Papa werden sich freuen!
Tadaa! Alle glücklich?!
ENDE (mit Schnörkel)


Und  die Moral von der Geschicht'?

(Ob es wirklich glücklich macht, sich einfach so von einem großkopfeten, geldigen, schuhfetischistischen Bürschlein abgreifen zu lassen, will ich hier nicht diskutieren.)

Mir stellt sich eher die Frage nach den Lehren, die in der Glasschuh-Schachtel stecken:

1. Warum quälen sich manche Frauen mit höllischen Schmerzen am Geläuf und tanzen bestenfalls medioker in Schuhen, die ihr Tanzen einschränken?


Der Tangoschuh "por las mujeres" ist vor allem eins: hochhackig. Dadurch rutscht die Belastung in den vorderen Fußbereich. Das Quergewölbe plättet sich. Drum weichen die Mittelfußknochen an den Zehengrundgelenken auseinander wie ein Fächer - am liebsten zwischen Zeigezeh und dem Großen.

Die Sehne, die den großen Zeh nach oben ziehen soll, weiß sich nicht zu helfen. Was soll sie denn dagegen tun, dass der erste Mittelfußknochen, der zum großen Zeh gehört, jetzt nicht mehr direkt unter ihr läuft? Der verdrückt sich einfach in die einzig mögliche Richtung, fort von den anderen Richtung Fußinnenkante. Der Fußdaumen will kompensieren und neigt sich mit seinem Köpflein in die Gegenrichtung und kuschelt mit den anderen Zehenbrüdern. So einfach wird man als Sehne zur Bogensehne! Mittelfußknochen eins mit Großzehe bilden den Bogen. Pfeile abschießen ist nicht. Am Fuß heißt das (irgendwann) Halux valgus und tut weh. Wirklich hübsch kommt der im Schuh bald drückende Groß-Knubbel auch nicht daher.

Den restlichen Zehenbrüdern bleibt eh nix anderes übrig als sich aneinander zu quetschen - ihr Bett in der Spitze des Schuhs ist ganz schön eng. Recken und strecken? Sich spreizen und guten Halt nach oben ins restliche Gestell vermitteln? Wie soll das gehen, wenn nur ein winziges bisschen Luft durch das Fensterlein an der Schuhspitze an die Toes peept?

Aber Tango tanzt "frau" doch in hohen Schuhen, oder? Das muss?! Wenn das nicht geht, dann musst du mit dem Tango aufhören?


Vor einiger Zeit hat mich eine Milongabesucherin angesprochen, wo man denn Tangoschuhe wie die meinen herbekäme? Vielleicht hat sie mein Getanze überzeugt? Genau solche bräuchte sie unbedingt auch! Wir blicken beide zu meinen Füßen: Jazzschuhe - flach, weich, höllebequem mit geteilter Sohle. Sie war enttäuscht und ungläubig, als ich meine Schuhe als artfremd geoutet hatte.
Die Dame war zum Zuschauen da. Nach einem Jahr Tango  - selbstredend hochhackig - und proportional wachsendem Fußschmerz habe der Orthopäde ihr den Tango streng verboten.

Dabei tanze ich noch gar nicht so lange flach und weich. Ich bin lange Zeit gar nicht auf die Idee gekommen, die Verbindung "hohe Schuhe und Tango" anzuzweifeln! Hab mich jahrelang gewundert, dass ich um's Verrecken Balance und Technik nicht weiter verbessern konnte. Bis ich mal einen ganzen Abend flachbeschuht getanzt habe, die Tangohochhacken lagen vergessen daheim. Der Tanzdruck war halt stärker als das Bedürfnis nach dem "schöne, stolze Tanguera-Gefühl".

Einfach war das erstmal nicht, ich war gezwungen, die Schritte ganz sauber zu setzen. Und tauschte den fehlenden Absatz einfach mit einem vorgestellten: rauf auf die Ballen, in der Höhe anpassbar an die Größe des jeweiligen Tanzpartners.

Wieder brauchte ich einige Zeit bis zur Erkenntnis, dass das auch nicht unbedingt sein muss. Zwischendurch sanft runter auf den ganzen Fuß und die Pfoten entspannen darf schon sein. Aber ein gutes Trainig war die Hoch-Ballenzeit trotzdem.



2. Warum können manche Frauen so elegant-vortrefflich in Schuhen tanzen, die einem Foltergerät alle Ehre machen würden?

Zugegeben - High Heels zeichnen eine wunderschöne, elegante Beinlinie. Meistens im Sitzen oder Stehen. In einigen Fällen beim Gehen oder minimalistischer, geschlossen umarmender Stehtangomanier. Manchmal beim Tangotanzen. Das sind aber meistens die Tangueras, die auch in Gummistiefeln tanzen könnten, wenn sie sollten oder wollten. Lieber ist ihnen allerdings oft, ihren Tango ein bissele zu dekorieren ;) Und ich schreibe hier von ganz normalen Frauen, die einfach gerne und schon lange tanzen. Nicht von Balletteusen, die auf der Bühne äußerst routiniert die Fuß-Blut-Schmerzen unter Lächelschminke verstecken.

Folgt der Betrachter der sexy Beinlinie nach oben und trifft auf ein verkniffenes Gesicht, schränkt das den Erotikfaktor erheblich ein. Der Zauber entsteht durch entspannt-lässige Eleganz - katzenhaft halt. Und hast du schon mal eine Katze mit Absätzen gesehen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass gut trainierte, geschmeidige Füße den klassischen Glitzi-Glänzi-Peeptoe tolerieren und vor allem händeln bzw. füßeln können! Wenn dir die Füße nicht wehtun, wenn du gut klarkommst: rein in die Hülle des Begehrs und ab auf die Piste! (Dann brauchst du auch keinen Kurs "Gehen in hohen Schuhen".)

Falls nicht, wage ich zu fragen: 
  • Warum tust du dir das an?
  • Wer tanzt Tango? Du oder deine Schuhe?
  • Willst du schön sein oder (schön) tanzen? 
  • Willst du dir im Zweifelsfall wirklich einen prinzigen Schuhfetischisten an Land ziehen, dem der Tango wurscht ist?
  • Wenn schön tanzen "nur" in bequemen Schläppchen funktioniert, warum probierst du's nicht mal öffentlich?
  • Warum lässt du deinen Pfoten nicht einfach ein wenig Zeit, stärker und geschmeidiger zu werden, bevor du dich ans Meisterinnengerät wagst?
Herrschaft! Wir haben es doch auch geschafft, bequemere Vorrichtungen zur Linderung der Schwerkraftwirkung bezüglich unserer sekundären weiblichen Geschlechtsmerkmale einzuführen! Ein Sport-BH aus Microfaser ist halt mal bequemer als das Schnürkorsett. Und hat den Vorteil, dass Atmen doch möglich ist.

Fazit: 

In der Arbeitsbeschreibung Tangoschuh steht lediglich:
  • Fuß vor Dreck und Tritten schützen.
  • Weich sein: Dem Fuß Bewegungsfreiheit zum Tanzen ermöglich, den Zehen Platz zum Spreizen lassen
  • Schwitzfest und gut putzbar sein.
Mehr nicht.


Deine Füße möchten ein Leben lang halten.
Sei nett zu ihnen.
Neue kaufen ist nicht. 

Der Tangoschuh ist nur ein ergänzendes Werkzeug. Ersetzbar.
Deko darf, aber muss nicht sein.

Ob in Vergrößerungsklötzen wie Vio Tangoforge, in Highheels oder barfußähnlich:
Die Tango-Ausführende bist du!

Viel Vergnügen!
Mit lieben Grüß' an deine Füß'!

Im nächsten Artikel darf der "gemeine Straßenschuh" und sein Verhältnis zum Alltags-Fuß die Hauptrolle spielen.


TangoForge ICC Sessions #1: Vio y Roberto from TangoForge on Vimeo.

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel

P.S.: ... oder lass deine Füße einfach mal behandeln! Schreib mir eine Mail (post@tangofish.de) oder ruf an (08238/9904044), und lass dir einen Termin geben.
 









* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?

* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern

Freitag, 14. Juli 2017

Meine Tanzografie

Wie kommt man zum Tango - eine von vielen Antworten




Heute wurde ich vom Blogger-Kollegen Riedl verhört - und er nahm meine Aussagen genauestens zu Protokoll: Tatmotiv, Gelegenheit etc. Deswegen erscheint dieser Doppel-Zusammenarbeits-Artikel gleichzeitig in beiden Blogs. 
Gugschduda: http://milongafuehrer.blogspot.de/

An vieles hab' ich mich schon gar nicht mehr erinnert. Im Gespräch kamen dann doch wieder ein paar alte Grinse-Gespenster an's Licht. Vielleicht ist diese Geschichte eine kleine Ermutigung für andere Tanzfreaks, bei denen sich Verstörung einstellt beim ersten Tangokontakt. Es war nicht immer so wie heute und muss auch nicht so bleiben. Meines Erachtens. Oder m.E.

Ab meinem vierten Lebensjahr lernte ich Ballett, einmal die Woche in einem Studio bei einer tschechischen „Lährärin" – streng, aber bodenständig. Die Aufführungen, die jeweils in der Weihnachtszeit stattfanden, waren toll. Die Kostümierungen, speziell rosa Tutus, nervten mich allerdings gewaltig. Aber ab einer gewissen Kursstufe durfte man Weiß tragen und Spitze tanzen! Mit vierzehn wechselte ich pubertätsbedingt zum Judo (beim Fußballverein wurde ich als Mädchen nicht aufgenommen).

Meinen ersten Tanzkurs habe ich in der 8. Klasse gemacht – mit fünfzehn und der ganzen Klasse. Ich hatte mich soo aufs Tanzen gefreut – Bigband Swing, Rumba, Samba, Wiener Walzer – auf alles, was ich als „Erwachsenen-Tanzmusik“ kannte.


Allerdings sollten wir dann eher zu 80-er Jahre-Discoklängen umeinandertappen: eins, zwei, tapp. eins, zwei, tapp... Das sollte dann Rumba oder was auch immer sein!


Auf den „Nachmittags-Parties“ durfte man auch nicht einfach „nur so“ tanzen: Zu Popmusik hat ein anwesender Tanzlehrer-Azubi dann angesagt, welcher Tanz das sein sollte. Der Tanzpartner fragte dann immer, in welchem Kurs man sei – mit der Antwort: Aha, dann kann ich ja nur die oder die Folge tanzen! Merksatz: „Gebrezelt wird viermal“.


Meine Eltern haben in ihrer Jugend getanzt „wie der Lump am Stecken“ - und früher viele Veranstaltungen besucht. Einmal habe ich meinem Vater nach der Tanzstunde eine „tolle, neue Figur“ beschrieben und gehofft, dass er sie tanzen kann (im Kurs konnte das nämlich keiner). Seine Antwort war nur: „Muss ich das wissen?“


Es war aber nicht gesagt, ob einen überhaupt einer der damals total verbreiteten „Popper“ aufgefordert hat, wenn man als „Hippie-Mädchen“ barfuß oder mit „Birkenstöckern“ erschien – Tanzschuhe waren damals überhaupt kein Thema! Immerhin hatte ich mir als Zugeständnis extra einen Rock angezogen (lila, aus Seide, selber genäht), aber damit konnte man kaum gegen die „höheren Töchter“ anstinken...


Mein Tanzpartner war ein guter Freund, der gutmütig alles mitmachte, was man halt sollte – ein sonderlicher „Tanzdruck“ war bei ihm nicht vorhanden – und nach zweieinhalb Kursen brach er sich dann den Fuß und war tänzerisch nicht mehr einsetzbar. Mir wurde ein „Springer“ zugewiesen – vom Typus „holdes Bürschlein“, inklusive der entsprechenden Starallüren.


Bis dahin hatte ich begriffen, dass es in dieser Tanzschule sicher nicht irgendwann mit „richtigem Tanzen“ losging, sondern immer so weiter. Was ich von meinem Eltern als „Tanzen“ kennengelernt hatte, war dort nicht zu lernen: Sich lässig in die Musik hineinzulegen, übers Parkett zu fetzen und Spaß zu haben. Dass dabei das meiste improvisiert war, wurde mir damals überhaupt noch nicht klar.


Geahnt habe ich es dann auf dem Abschlussball, als bei der „Väter-Töchter-Runde“ bei den Mädchen Angstschweiß und panische Blicke um sich griffen, weil die Väter natürlich überhaupt keine Schritte aus dem Kurs führten, sondern irgendwas tanzten – und das häufig sicher, ja souverän. Auch bei mir war die Nervosität groß, aber zunehmend ließ ich locker und spürte plötzlich: So ähnlich könnte Tanzen sein! Übrigens war in dieser Runde auch ein Tango dabei – neben Rock'n Roll und Pasodoble (bei welchem mein Vater seinen „Stierkämpferblick“ aufsetzte und so den Tanz interpretierte). „Gockeln“ war natürlich bei seiner Tänzergeneration inklusive (ob man nun tanzen konnte oder nicht...).


Da das, was ich unter „so tanzen“ verstand, in meiner Tanzschule nicht gelehrt wurde, habe ich dann aufgehört: keine wirklich motivierende Musik, glatt, lackiert und total spießig.


Nach längerer Zeit kam ich über Jazzdance zum Steptanz. Diesen betrieb ich sehr intensiv, aber einfach so „mal tanzen gehen“ war da auch nicht möglich. Aber wenigstens gab es dabei gute Musik! Über den Swing kam ich dann auf den Tango. Irgendwann war mir dann klar: Auf diese Musik will ich tanzen! Ich besaß damals zwei CDs: Tangos aus den 20-er Jahren und Piazzolla.


Vor fast zwanzig Jahren war es gar nicht leicht, überhaupt einen Tangokurs zu finden! Nach einem Wochenend-Workshop besuchte ich (trotz Verbot des Tangolehrers und allein!) sofort eine Milonga und wusste schlagartig: Da bin ich daheim! Eigenartige, freundliche Menschen, viel Gelächter, verschiedenste Tanzstile, kaum erkennbare Schrittfolgen, unterschiedlichste Musik zwischen Gardel und Narcotango. Und ich traf dort viele aus meinem Kurs, die das Verbot des sofortigen Milongabesuchs ebenfalls ignorierten! Man forderte (ungeachtet irgendwelcher Levels) auf – und wer als Frau dabei nicht die Initiative ergriff, fiel direkt auf! Manche hatten Tanzschuhe, manche nicht – ob Cargohose oder geschlitzter Rock: völlig egal!



Zum Tangotanzen nutzte ich jede Gelegenheit und nahm in den ersten Jahren in meiner Heimatstadt sogar Kurse, Workshops und Practica in Kauf. Inzwischen sind es fast 20 Jahre - und immer noch kann man mich auf Veranstaltungen treffen, die möglichst nahe an die Eindrücke meiner Anfängerzeit heranreichen.


Wäre ich nach meinem Anfängerkurs (und meinem inneren Tanzdruck) damals auf eine Milonga des heute üblichen Zuschnitts geraten, hätte ich sofort wieder aufgehört. Nicht mal die Rentner bei dem Tanztreff der Arbeiterwohlfahrt, wo meine Oma auflegte, schafften es, so ein fade Stimmung zu verbreiten...


Und mein Vater hätte bei einem solchen Anblick einen seiner Lieblingssprüche gebracht:
„Sagt der Scheich zum Emir: Etz zahl'n mir und dann geh mir.“
Und ich hätte ihm geantwortet:
„Sagt der Emir zu dem Scheich: Zahl' mer gar net, geh' ma gleich.“

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel









* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?

* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern

Mittwoch, 12. Juli 2017

Schatz! Wir müssen reden!

Ein Muster-Wutbrief

<image article>im-prinzip-tango

SO geht das nicht weiter!

Setz dich dahin, halt einfach mal die Klappe und hör mir zu!
Auch wenn dir deine altbekannten Einwände auf der Zunge brennen.
Kannst dir ja Notizen machen.

Ich halt das so nicht mehr aus!

Was soll ich denn noch alles machen? 

Soll ich die ToDos auf Klopapier schreiben? Das ist ausgerollt ganz schön lang. Aber alles Gelistete ist alleine halt nicht zu schaffen! Beim besten Willen nicht. Auch wenn ich Essen und Schlafen ausließe!

Bad putzen, einkaufen, Rechnungen bezahlen, Wasserhahn montieren, Löcher im Gewand flicken, Blogartikel schreiben, Tippen üben, Website optimieren, an den Buchprojekten arbeiten, neue Schuhbändel für die Tangoschuh besorgen, fortbilden, Zusatzdienste annehmen, die Praxis voll bringen, mit dem Kurzen Mathe, Deutsch und was grad ansteht, lernen, Freundschaften pflegen, zum Friseur respektive Zahnarzt gehen, die Steuer machen, den Müll runterbringen... Und das ist nur die Spitze vom Eisberg!

Da muss manches halt liegen bleiben! 
Später erledigt werden, 
"quick and dirty" 
oder gar nicht.  
 

Immer sind andere wichtiger!

Und zu diesem ganzen Wust schreibst du mir noch honorarfreie Fremdarbeiten auf die Liste - hochwichtig(!), hochdringend(!) - von deren pünktlicher Optimalverwirklichung abhängt, ob sich das Universum weiterdreht. Für den Auftraggeber. Und meine Sachen bleiben mal wieder liegen!

Sorry, dass ich (noch) Zeit und Nerven vertue, wenn ich mich über unverschämte Forderungen heftig ärgere - anstatt die Angelegenheit vollkommen emotionskontrolliert und effizient abzuwickeln! Aber auch hier habe ich - wenn du genau hinschaust - Fortschritte gemacht bezüglich Dauer und Hitzeentwicklung der Ärgerung.

Also lass mich einfach hin und wieder ein wenig traurig sein oder grantig! 
Das ist normal und geht inzwischen quasi nebenher, anschließend vorbei. Und gut ist's.

 

Du meinst wohl, ich strenge mich nicht genug an?

Schau hin! Dann würdest du sehen, dass ich mir den A... aufreiße, um das alles perfekt hinzubringen. Sogar beim Tangotanzen flüsterst du mir hin und wieder ins Ohr, das ginge noch besser, wenn ich mich zusammenreißen tät'.

Ach ja, perfekt: Muss denn immer alles perfekt sein? Wäre in manchen Fällen nicht ein befriedigend  akzeptabel? Dann hat das Waschbecken halt mal Kalkflecken. Fleißbildchenentzug, wenn die Steuer erst im April beim Finanzamt landet? Haare frisurlos, nur hochgesteckt? Beine unter der Hose unrasiert?

JA UND?

Wenn das überhaupt jemand bemerkt, geht die Welt davon nicht unter. Der Einzige, der mich deswegen für einen defizitären Deppen hält, bist du!

Ich weiß, ein "Nein!" zu "Kannst du mal geschwind..." passt dir gar nicht. Musst aber leider damit leben, dass darin oft eine pragmatische Lösung steckt.
Das wirst du schon verkraften. Stell dich nicht so an!

Hin und wieder Hilfe annehmen ist übrigens weder verwerflich noch schwächlich. Auch wenn du es dir nicht vorstellen kannst, es gibt echt Personen, die mich gerne unterstützen!

Andere schaffen das doch auch!

Dein Killerargument! Dankeschön! 
Andere haben sich immer im Griff!


Andere können doch auch...
  • Nachtdienste schieben und zu Recht die Zuschläge kassieren
  • die gelben Säcke termingerecht an den Gartenzaun hängen
  • ein fröhliches Liedlein pfeifend, angetan mit einer gebügelten Bluse gleichzeitig den Wasserhahn polieren und  medizinische Fallbesprechungen im Internet verfolgen UND kommentieren
  • ein Haus bauen, mit zugehöriger Baumpflanzung 
  • ein Legohaus bauen, mit zugehöriger pädagogisch wertvoller Verzierung
  • Artikel in einer Stunde schreiben, veröffentlichen und 10.000 Leser haben
  • nur 5 Stunden pro Tag arbeiten und trotzdem so(!) viel(!) verdienen

Andere reagieren immer selbstbewusst! Haben immer den richtigen Spruch parat, lassen sich nicht an's Bein pinkeln. Und so weiter und so fort!

Du Blödel! Sich mit anderen zu vergleichen, ist der beste Weg, unglücklich zu sein! Such nur wie ein Trüffelschwein, du wirst sie finden, diese Jemande, die besser, schlauer, schöner, erfolgreicher etc. scheinen als ich. Da mach ich nimmer mit!


Ja, du meinst wohl, mir fehle es an Disziplin und Erfolg! Ich bin dir nicht genug?!


Besteht dein Begriff von Disziplin etwa darin, mich wie eine Leibeigene zu behandeln? 
An meiner Selbstoptimierung müsse ich schon noch arbeiten?
Das wäre alles NICHT GENUG! 
Ja, was denn noch alles?
Bin ich ein Roboter oder was?

Nicht genug Erfolg?! Ich solle mir doch andere in meinem Alter anschauen. Die haben's doch auch geschafft: nimm die dicke Klassenkameradin von damals! Die hat eine gutgehende Privatpraxis (Ärztin), zwei wohlerzogene Kinder und ein Haus in bester Gegend!

Dabei ignorierst du standhaft, was ich - gerade in den letzten Jahren - allen Widrigkeiten zum Trotz geschafft habe. Mit zwar entwicklungsfähigem Zeitmanagement, aber dafür einem Haufen Geduld und Spucke. Obwohl mir eine ganze Menge Knüppel zwischen die Füße geworfen wurden, wachsen einige Pflänzchen wirklich gut! Ist das alles nix wert?

Übrigens: Dass die Dicke von damals mit Silberlöffelchen in der Gosch'n bequem studieren konnte und wahrscheinlich schon Zeit ihres Lebens auf einem dicken Budgetpolster für berufliche Pläne gesessen ist, lässt du unter den Tisch fallen. Auch dass deren Kinder von einer Kinderfrau wohlerzogen werden. Zu welchem Preis solche Töchter und Söhne das sippeneigene Vermögen nutzen dürfen, verschweigst du wohlweislich. Ich kenne aber den Tarif! Ist mir zu teuer. Also lass mich damit zufrieden!


Hör auf, mir ein schlechtes Gewissen einzureden!

Arbeite ich, sagst du mir, ich wäre eine Rabenmutter. Bin ich als Muttertier unterwegs, wirfst du mir vor, mich in der typisch weiblichen Kuschelecke verstecken. Tangotanzen? Ineffektiv! Das ist weder Familien- noch anderweitig als "Arbeit" gültig. Nur irrelevanter Luxus.

Lass mich mit diesem Quatsch endlich in Ruhe!

Ich arbeite wirklich gerne! In der Stellenbeschreibung für Mütter steht (glaub' ich): "Sei ein Vorbild." Ist es also verwerflich, wenn ich meiner Brut vorlebe, dass es ganz cool ist, wenn man sich selber versorgen kann? Eben nicht auf externe geldige Vitaminspritzen angewiesen ist, um sein Leben zu meistern?

Familienchillen inklusive eisvertilgend Mau-Mau spielen ist doch keine Zeitverschwendung! Spinnst du? Außerdem ist es eine spannende Sach' zu verfolgen, wie ein Krümel sich zur Torte entwickelt. Oder Kaisersemmel? Schauen wir mal.

Und Tango? Hey, ich kann doch nicht immer nur arbeiten! Und der Krümel wächst auch mal ein paar Stunden ohne mich weiter. Tango ist Nahrung für die Seele. Und ich werde jetzt auf keinen Fall anfangen, Gründe wie "Depressionsprophylaxe" oder "TanzSPORT" in den Ring zu werfen. SO muss ich mich vor dir echt nicht rechtfertigen!


Du meinst wohl, ich wüsste nicht, was ich will?

Doch. Meistens.
Aber muss ich das immer so genau wissen? Muss ich so genau wissen, wo ich in zehn Jahren stehe? Muss ich immer den ultimativen Plan in der Kitteltasche haben? Mit Zwischenzielen und haargenau definierten Anzeichen, ob ich diese auch erreicht habe? Immer den Plan B (bis Plan Z) parat haben? Darf ich denn nix einfach auf mich zukommen lassen?

Es läuft doch! Angenehme, inspirirende Arbeit, Zeit für Kind und Kegel, Futter für Hirn und Tangofüße. Diridari stimmt auch. Also, was willst du?!

Nix bleibt, wie's ist: Die Welt funktioniert nicht ausschließlich nach deinen Plänen. Das ist eine Illusion, hübsch zwar, an der Alltagstauglichkeit mangelt's aber schon gewaltig. Die Menschen im Umfeld sind keine Statisten, haben eigene, unkalkulierbare Pläne. Arbeits(platz)- und Wettbewerbsbedingungen können sich ändern, Kunden sterben oder ein Umzug wird nötig. Sogar die Tangoszene kommt heute anders daher als vor zehn Jahren. Was ist dann mit deinem ultimativen Plan?

Lass mich halt einfach ein bissel flexibel bleiben! Was weiß denn ich, was mich in zehn Jahren interessieren wird, was ansteht, welche Möglichkeiten verschwunden sein werden und vor allem, welche feinen Chancen sich ergeben werden. Mir Sorgen machen und Lösungen finden werd ich schon, wenn's soweit ist. Da fließt noch viel Wasser den Lech hinunter!


Lass mir einfach mein' Ruh'!

Lass mich halt einfach JETZT, heute das tun, was ansteht!
Und damit zufrieden - wenn nicht sogar glücklich sein.


Sonst folgen Konsequenzen, die dir nicht gefallen werden.
Host mi?

*******
Diese Brief kannst du natürlich 

AUCH 

deinem Ehegatten, Freund, Kind oder (in den Formulierungen etwas angepasst) deinem Chef vorlesen. Bringt aber im Off-Label-Use erfahrungsgemäß nicht viel, da falscher Adressat.

So richtig wirksam wird der Brief, wenn du ihn dir selber vorliest, dich selbst ansprichst. 

Ich mach das, wenn's mal wieder nötig ist. Ehrlich! In Folge werde ich erst muffig, grantele mich ein paar Stunden durch die Welt, bis ich dann beschließe, ein wenig netter zu mir zu sein. 
Das tut gut! Die Gelassenheit kommt zurück. 

Probier's aus! Selbstverständlich darfst du Aspekte hinzufügen oder streichen. Fühl dich frei! Keine Hemmungen. Aber versuche, nur so streng wie nötig mit dir zu sein ;)

Der Minibuddha auf dem Fuß meines Bildschirms lächelt. Und ich verstehe wieder seinen Glückskeks-Spruch, auf dem er so gerne sitzt: "Liebe lehrt tanzen."

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?

* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern

Montag, 3. Juli 2017

Globuli-Geld

Geht es bei der vehemten Verteidigung homöopathischer Pfründe etwa um den schnöden Mammon?

<article image> im prinzip tango: globuli-geld
Gleiches mit Gleichem heilen: Lampenfisch D6
Noch nie musste ich mich als Heilpraktikerin rechtfertigen, dass ich nicht mit Blutegeln arbeite.

Meine Homöopathieverweigerung löst dagegen regelmäßig schwerste Irritationen aus.
"Ja, was machst du dann als Heilpraktikerin?", folgt dann oft auf dem Fuße. Und ich staune, wie sorgfältig und nachhaltig das Image des Gegenentwurfs zur "harten Schulmedizin" und "bösen Pharmaindustrie" in den Köpfen der heilpraktischen Kollegen und Patienten festgeklopft wurde.

Ärzte sind da in vielen Fällen keine Ausnahme: Stelle ich mich einem (nicht selbst Homöopathie praktzierendem) Mediziner mit Nennung meines Berufs vor, höre ich oft sofort - die Blume weggelassen - die Behandlung mit wirkstofffreien Medikamenten wäre gefährlicher, nicht ernst zu nehmender Quatsch. Stimme ich dann zu, ist wieder ein konstruktives Gespräch möglich.

Was mich dabei wirklich böse stimmt, ist die aggresiv-arrogante Vehemenz, mit welcher eingefleischte Homöopathie-Ideologen ihre Pfründe verteidigen. In der Facebookgruppe für Heilpraktiker konnte ich einige Male live beobachten, was passiert, wenn man an der Wirkung von Globuli zu zweifeln wagt (...oder eine Impfung in Betracht zieht. Aber das ist ein anderes Thema.).

Zuerst erfolgen bestimmerseits Belehrungen für den unerleuchteten Naivling , natürlich in einfachen Worten, sonst versteht er's ja nicht. Verschwörungstheorien über den medizinischen Wissenschaftsbetrieb und die Pharmaindustrie handgestrickt. 
Fragt er (unbelehrbar) weiter, interessiert an einer sachlich-fachlichen Diskussion -  in dieser Sache wirklich naiv auf gegenseitigen Respekt hoffend - folgt Gruppenbeißen.
Besonders verpönt ist die aufmüpfige Frage: „Medizin hat mit unserem Beruf nicht viel zu tun?“ Antworten hierauf gibt's nicht. Zur Strafe! Pfui, Nestbeschmutzer!
Diesen Argumentationsprozess kenne ich aus dem traditionellen Tangomilieu. Auch dort wohnen Ideologen, die an einer sachlichen Diskussion kein Interesse haben.

Das beliebte Totschlagargument "Sonst wären ja unsere Homöopathie-Praxen nicht voll!" (respektive Tangokurse oder Milongas), stimmt mich nachdenklich. Worum geht es hier eigentlich? Wovon fühlen sich die Herrschaften Experten so bedroht?

Versteh mich nicht falsch: Ich bin der festen Überzeugung, dass schon sehr viele Homöopathen ihren Patienten helfen konnten. Aber ob es die verabreichten Globuli waren? Da sträubt sich einfach mein Verstand. Sorry. Lieber gehe ich konform mit der Aussage des guten, alten Paracelsus: "Der Mensch ist des Menschen beste Medizin". Was das Argument, Globuli wirkten auch bei Babys und Tieren, erklärt. Die reagieren erfahrungsgemäß am besten auf Zuwendung, da sie via Wortsinn schwer bis gar nicht zu erreichen sind. Nichts wünsche ich mir mehr, als dass Paracelsus' uralte Haltung in der Pflege, Heilkunde und Schulmedizin wieder beherzigt wird. Braucht's dazu Zuckerböbele?

Ein Vorwurf, der ausgewiesene Homöopathiekritiker wie z.B. Frau Dr. Nathalie Grams trifft, kann einen auf die richtige Spur bringen: Sie wäre von der Pharmaindustrie gekauft. Es ginge nur um's Geld. (siehe hier: http://news.doccheck.com/de/blog/post/6569-als-globuli-gegner-wird-man-nicht-reich/)

Die eigenen Beweggründe dem Gegenüber zudichten? Gleiches mit Gleichem bekämpfen? Aber unverdünnt! Projektionen sind menschlich - im Tango und in der Medizin. In der Tangobranche und im Medizinbetrieb. Wer will hier verdienen? Und wenn ja, wieviel?

Homöopathie - ein marketingtechnisches Zauberwort

Wer es denn nun endgültig geschafft hat, in den Köpfen Hahnemanns Methode mit Naturheilkunde gleichzusetzen, ist mir immer noch nicht ganz klar. Die Heilpraktiker- Berufsverbände? Oder Frau Dr. Veronika Carstens, die Ehefrau des ehemaligen Bundespräsidenten Karl Carstens? Dabei sind das zwei verschiedene Paar Stiefel! Trink ein Schnapsglas Rizinusöl, dann weißt, was ich meine. Obwohl ich diese Vermischung samt zugehöriger Verschwörungstheorie strikt ablehne, gebe ich unumwunden zu: ein Geniestreich der Homöopathielobby!

Homöopathie gilt als sanft, frei von Nebenwirkungen, bewusst und achtsam, schon irgendwie bio (oder vegan oder was für den guten Menschen von heute halt wichtig ist).

Verkauft werden die Globuli oder Tropfen in unscheinbar daherkommenden Verpackungen, oft mit einem winzigen Retrotouch. So grenzen sie sich augenfällig von den "fiesen" normalen Medikamenten ab. In den Döschen kullern kleine, feine, persilweiße Süßperlen, so unschuldig. Du erkennst auf den ersten Blick: Das haben die "Guten" gemacht! Da ist Homöopathie drin. Auch die Werbung in den Medien und Apotheken zielt in Wort und Bild auf "bewusste Achtsamkeit". Eine hübsche Illusion?

Globuli werden nicht von fair bezahlten, gesinnungsmäßig einwandfreien anthroposophisch Arbeitenden bei Mondlicht zart und glücklich vom Himmel heruntermeditiert: Ihr Geburtsort ist eine Fabrik, die "Hebammen" Pharmazeuten. In die Welt hinaus begleitet werden die lieben  Zuckerkügelchen von findigen Werbefachleuten und Vertrieblern. Um dann via Apotheke Profit zu erwirtschaften. Ist ja nicht schwer, da frei verkäuflich, verwendbar an Frau, Mann, Kind, Hund, Katze, .... "Ich hätt' Ihnen da auch was Homöopathisches...." Oder "Ich hätt' Ihnen da noch was zusätzliches Homöpathisches zur Unterstützung Ihres [beliebigen Medikamentenname und oder Krankheit einsetzen]..." Klingeling in der Kasse.

Anmerkung am Rande: Warum sind Zubereitungen, die keinen (?) Wirkstoff mehr enthalten, apothekenpflichtig? Sogar Johanniskraut und Weißdorn sind in Drogeriemärkten käuflich zu erwerben... 

Der Zusatz "Homöopathie" auf dem Praxisschild verspricht fast automatisch Kundschaft. Die Beihilfe und viele Privatkassen erstatten diese Leistung meist problemlos. Eine große Zahl von Patienten hat heutzutage zudem Zusatzversicherungen ("Heilpraktikerversicherungen"), die für diese Methode die Kosten übernehmen. Sogar die gesetzlich Versicherten, so flüstern Gerüchte, sollen schon in den Genuss der H-Behandlung gekommen sein.
Von diesen Regelungen profitieren nicht nur Heilpraktiker, sondern auch Hebammen, Tierärzte und Humanmediziner. 
Für eine von einem Heilpraktiker durchgeführte Erstanamnese (1 Stunde) erstattet z.B. die Beihilfe ihren Versicherten 80 € (GebüH). War ein Arzt am Werk, kommen sogar ca. 120 € zurück. Kein ganz schlechter Verdienst, vergleicht man z.B. mit dem beihilfemöglichen Heilpraktiker-Honorar für eine Massage von max. 18 €.

Zum Homöopathen zu werden ist nicht so schwer. Die Bezeichnung ist nicht geschützt, die Ausführung setzt jedoch das Bestehen der Heilpraktiker-Prüfung voraus - die Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde. Den ganzen lernaufwändigen Anatomieschmus und die blöde Schulmedizin brauchst du zwar für die HP-Prüfung, danach nicht mehr. Aber ist diese Klippe erst geschafft, wird die Hahnemann'sche Methode für viele heilpraktische Kollegen die der Wahl sein.

Die Homöopathie ist wunderbar ungefährlich - zumindest solange wirklich behandlungspflichtige Erkrankungen und Notfälle ausgeschlossen werden (können).
Die verwendeten Medikamente enthalten keine nachweisbaren Wirkstoffe. Nebenwirkungen? Fehlanzeige. Wie auch?

Bleiben die gewünschten Wirkungen aus, hat der Patient vielleicht doch seine Zähne mit einer Minzzahnpasta geputzt? Der Therapieerfolg ist oft schwer messbar: Die Patienten "machen halt zusätzlich zur schulmedizinischen Behandlung noch was mit Homöopathie". Einige Krankheiten heilen mit oder ohne Therapie. Und ich wage zu behaupten, dass so manche "Störung" erst durch Betrachtung mit der homöopathischen Brille behandlungsbedürftig wird. Da werden kleine Menschen zu typischen "Calcium Carbonicum Kindern". Außerdem hat jeder mal Blähungen. Postlinseneintopf.

Online Fernkurse gibt es zuhauf, falls man einen belegen möchte. Auch Fachliteratur wächst wie Laub auf den Bäumen. Sich das entsprechende Wissen und vor allem Vokabular anzueignen, scheint mir machbar. Die Theorien sind zwar - mit Verlaub - bizarr, aber schematisch aufgebaut und in sich stimmig, solange die Weltsicht ausschließlich eine anthroposophische ist.

Das benötigte "Medikamentenmaterial" ist wirklich leicht in jeder Apotheke zu bekommen. Die Bezeichnungen klingen sehr cool und sehr wissenschaftlich: Ixilir ypsilum D6. "Mehr Bewegung, weniger essen" kommt dagegen sprachlich und von der Idee her eher plump daher, recht unsexy.

Zudem gilt die Therapie als "nicht invasiv", was die Praxiseröffnung vereinfacht, da viele hygienische Vorgaben des Gesundheitsamts gar nicht zum Tragen kommen. Die Homöopathie ist so schön sauber! Keine Sauerei zu erwarten wie bei den Blutegeln.

Mist! Jetzt hab ich mich fast schon selbst davon überzeugt, doch noch Homöopathie zu lernen. Rentieren würd' sich's schon. Mein Geldbeutel grinst teuflisch. Wäre doch viel einfacher gewesen, den anthroposophiegeneigten Eltern Calcium Carbonicum Hahnemanni D6 (3 x tgl. 5 Globuli) oder Clematis recta D12 zu verschreiben, natürlich nach Repertorisation lege artis. Statt dessen riet die "alte Krankenschwester" in mir, das Baby 2- statt 8-stündlich zu wickeln, dabei jedes Mal lauwarm zu waschen und gut abzutrocknen, Luft und Sonne an die Popohaut zu lassen und Bepanthen gemischt mit Zinkpaste anzuwenden. Meinetwegen auch eine zinkhaltige Bio-Wundschutzcreme. Kam nicht so gut an.

Trotzdem würde ich mir eher einen Zeh abbeißen, als in einer solchen Situation mit bodenständigen, erfahrungsgemäß wirksamen Vorschlägen hinter'm Berg zu halten. Oder in einer anderen massierend-mobilisierend-manualtherapeutisch Hand anzulegen.

Außerdem mag ich meine Methoden zu gerne, um davon zu lassen. Weil ich so ganz direkt via Berührung am Patienten spüren kann, wo es "klemmt", wie es sich dann löst und wie der Behandelte sich wieder leichter und schmerzärmer bis -frei bewegen kann. Ein behandeltes Knie wieder Tango tanzen mag. Den Therapiererfolg konnte ich per "Probefahrt" auf der Piste verifizieren.

Und das geb ich für kein Globuli-Geld der Welt her.


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel

Das könnte dich auch interessieren: 
"Ist Selberdenken echt gefährlich? Sicherheitshinweise zum Eigenhirngebrauch"

****

Nachtrag am 05. August 2017: 
Ein interessanter Artikel von Udo Endruscheit im Blog "Die Erde ist keine Scheibe", in dem die Verquickung Apotheken und Hömöopathika genauer beleuchtet wird: http://die-erde-ist-keine-scheibe.de/2017/08/05/apothekenpflicht-fuer-homoeopathika-ein-kleiner-debattenbeitrag/








* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?

* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern

Montag, 19. Juni 2017

Gummistiefel-Rollschuhlaufen

Über die Einschätzung von Gefahren in den 70ern und heute: ein "Scheiße, ich werd' alt"-Artikel


<image article>im-prinzip-tango
Sandlöcher mit Wasser füllen ist sinnlos aber lustig.


Ein Sommertag in den späten 70ern

Am Bordstein sitzend puhle ich mir spitze Splittsteinchen aus der aufgeschürften Haut an meinen Knien. Wenn ich damit fertig bin, werde ich zu meinen Eltern gehen und mich mit Desinfektionsspray (höllisch brennend) respektive Sprühpflaster (höllisch brennend) versorgen lassen. Meine Gummistiefel warten derweil am Straßenrand - aufgeschnallt auf die verstellbaren Rollschuhe. Zugegebenermaßen eine total uncoole, aber vernünftige, einigermaßen funktionierende Kompromiss-Konstruktion. Jede Saison neue Rollerskates sind nicht drin. Meine Füße wachsen wie die Sau. Ich bin sieben Jahre alt.

Den restlichen Nachmittag verbringen wir Kinder auf der Straße mit unermüdlichen Versuchen, neuen Stürzen und scheppernd gefahrenen Bahnen. Die Erwachsenen sitzen auf der Terrasse, kaffeetrinkend. Wir Kinder melden uns schon, wenn was ist.

Später bekommen wir Nutellabrote serviert. "Nutella ist gesund!" heißt es in der Werbung. 

Natürlich ist mein Ziel, den Splitt und die Schwerkraft zu besiegen, so lang wie möglich eben nicht hinzufallen. Irrelevant! Diese eigentlich total bescheuerte Weise, sich mit an die Füße geschnallten Behelfsrädchen fortzubewegen, verspricht keinen "Erfolg" oder messbaren Vorteil, sie ist einfach nur lustig!

Dass wir damals weder Helm noch Knie-, Ellbogen- und Handgelenkschützer trugen und dennoch nicht gestorben sind, haben manche Eltern heute vergessen. Die Geschäftsgrundlage in "Was-Lustiges-aber-Sinnloses-Lernen" bestand in: sich eine provisorische Ausrüstung zusammenzubasteln, "einfach mal machen", sich Blessuren abholen, wieder aufstehen, mit der Zeit und unzähligen Versuchen besser werden. Auf seine Narben durfte man stolz sein!

Heute im Sommer 

eiern Fünfjährige auf teuren Präprofi-Inlinern durch die Gegend in einer einem Eishockeytorwart gebührenden Schutzausrüstung, flankiert von mindestens zwei Erwachsenen. (Ob auch "Eierbecher" bei den Jungs zum Einsatz kommen, konnte ich noch nicht verifizieren.) Fällt das Kerlchen doch mal hin, hat es wenig Chance, wieder selbststständig in die Aufrechte zu kommen: Zum einen behindern die zahlreichen Austattungsteile enorm seine Beweglichkeit, zum anderen kann er gar nicht so schnell schauen, wie ihn Mami und Papi wieder auf die Hinterpfoten wuchten. Dann werden Tränlein abgetupft, bevor das Plärren beginnen kann, coachend Fahrfehler reflektiert, Notfallglobuli verabreicht oder man fährt gleich in die Notaufnahme. Vielleicht lernt der Bub so schneller Rollschuhlaufen - sorry, skaten. Im technischen Sinne. Zur Not kann man ihn ja auch in einen Workshop oder Kurs stecken. Das Ziel erreichen! Erfolg haben!

Ich weiß, wie schwer die Vorstellung "zart-kindliche Schädelkalotte an Bordstein [verkeimt, kantig]" auszuhalten ist. Wie oft habe ich Blut und Wasser geschwitzt und mich dann auf meine Hände gesetzt, um nicht vorschnell einzugreifen.
Aber "Aufpassen, dass nix Schlimmes passiert, bei Bedarf eingreifen" und "für das Kind erledigen, dass nix Schlimmes passiert, ständig die Griffel am Nachwuchs" sind zwei paar Stiefel.

Spätestens in der Pubertät, wenn der oben beschriebene Kerl dann elternfrei unterwegs ist, wird er sich des Schutzpanzers eh entledigen. Dislike! Dummerweise hat er als handlicher, bodennaher Stöpsel nicht gelernt, wie verletzungsarmes Hinfallen geht. Für ein lang-schlaksiges Pubertier ist das bedeutend schwieriger. Drum wird er sich gleich ordentlich verletzen, wenn es ihn zwangsläufig mal semmelt.


Wie sollen denn die Kurzen so Frustrationstoleranz entwickeln? 

Zum Lernen gehören TUN, unzählige Wiederholungen, Scheitern, wieder aufstehen, aus Fehlern lernen, Variationen testen. Blut und Schweiß und Tränen. Fehlschläge aushalten. Und der Stolz zwischendurch, dass du ein Stückel weitergekommen bist. Der jubelnde Genuß, wenn es einfach "läuft". Zumindest für eine kurze Zeit. Du hast es selber geschafft!

Die Folgen sind verinnerlichte Disziplin und Frustrationstoleranz.

Sollen wir diese wertvollen Erfahrungen unseren Kindern echt vorenthalten?

Warum ist diese ernste Leichtigkeit, kombiniert mit Lust auf ein gewisses Risiko, welche die 70er würzte, so verblasst?

Scheiße, ich werd' alt! Wie vermisse ich diesen Zeitgeist, in dessen Echo Astor Piazzolla seinen "Libertango" herausbrachte und Erwachsene noch das Risiko eingingen, Achselhaar zu tragen. Mutig unperfekt waren. Als Kinder sich auf dem Spielplatz noch anhören durften: "Wo du rauf gekommen bist, wirst schon wieder runter kommen." Meiner Mama danke ich hiermit hochoffziell für die Erlaubnis, aus eigenen Fehlern lernen zu dürfen, Spaß zu haben: Dafür, dass sie mir eben keine total supercoolen Rollerskates gekauft hat und die pragmatische Versorgung mit dem höllisch brennenden Pflasterspray. Und den Eimer, um die Löcher im Sand mit Meerwasser zu füllen. Und Nutellabrot.




Blöd an der ganzen Geschichte ist, dass Kinder - respektive nachwachsende Tangogrünschnäbel - viel am Vorbild, genauer gesagt dem Verhalten der "Erwachsenen" lernen.

Die Tendenz, Neues ausschließlich in betreuter Umgebung zu lernen - z.B. nur im Kursbetrieb - vermittelt den Eindruck, sich Meisterschaft kaufen zu können. Hocheffizient?! Die ist dann zwar oft zertifiziert, schwimmt aber wie Fettaug' auf der Supp'. Sich die Sache zu eigen machen, zu integrieren, ist so schwer möglich und saust in der Prioritätenliste hurtig nach unten. Steinige Umwege, die dich zu Eigeninterpretationen inspirieren könnten, werden so ausgeschlossen. Zweifelos zeitsparend, wir sind ja alle sooo beschäftigt. Und Narben sind halt nicht so schön, gell? Das neu zu Lernende ist kein Spaß nicht! Eine ernste Sach'! Schau, dass du Leistung und Erfolg bringst! Schnell!

Einfach mal spielerisch, genießend etwas Zweckfreies lernen und doch beim Tun seine ganze Seele hineinlegen ist heute nicht mehr angesagt. Sich dafür über einen längeren Zeitraum dafür anstrengen? Unpopulär!

Das leben die adulten Exemplare ihrem Nachwuchs heute häufig vor. Und der übernimmt diese Haltung, die sich auch im Tango breiter macht, als für ihn gesund ist. Von denen, die weiter sind, abschauen, klauen, zur eigenen Person passend modifizieren, üben, üben, üben, viel mit vielen zu viel verschiedener Musik tanzen? Fehlanzeige! Das ist doch gefährlich! Dass du nicht stirbst, wenn du etwa beim Tango einen Fremden zu fremder Musik aufforderst, wirst du ohne die Gefahren der Auswilderung nicht lernen. Auch wenn du dir noch so viele Schrittkombinationen gekauft hast und die Códigos auswendig kannst.


Und was ist mit der Motivation, sich den ganzen Stress mit "Blut und Schweiß und Tränen" anzutun?


Vor ein paar Wochen fragte eine Milongabesucherin meinen Begleiter und mich, ab wann Tangotanzen uns denn Spaß gemacht habe.
Ich war echt perplex, stammelte was von "Schon immer, sonst hätt ich ja nie damit angefangen!" Mein Tangopartner war ähnlich verstört. Trotzdem bin ich dankbar für diese eigenartige Frage, weil sie den Unterschied zwischen damals und heute deutlich zeigt. Und dass ich mit meinen altmodischen, in den 70-ern pappenden Ansichten zum Erwerb zweckloser Tätigkeiten wohl den Anschluss ans Heute verpasst habe - staune ob der spaßfreien, verkopften Herangehensweise.

Pardon an alle mitlesenden Tangoneurotiker: Tangotanzen stellt keine die Menschheit rettende Überlebenskompetenz dar! Und dein Seelenheil suchst du besser woanders. Tangotanzen ist einfach nur schön. Reicht doch, oder?

Meine Gummistiefel-Rollschuhe haben ausgedient - sie wären beim Tango eine Themaverfehlung. Außerdem wachsen meine Füße nicht mehr. Aber die Narben am Knie erinnern gelegentlich, wenn die Ungeduld sticht, ans Hinfallen und Wiederaufstehen und Weitermachen. Einfach, weil's lustig ist. Heute tanze ich Tango und schreibe hier, ähnlich zweckfreie Tätigkeiten wie Rollschulaufen: schwitzend, ohne Helm und Schützer, sogar ohne ausgewiesene Tangoschuhe, ohne Zertifikat - aber umso lieber mit und für die anderen Freaks des Knienarbenclans.
Und du?

Außerdem hatten die Werbeleute damals doch recht, mit ihrer Behauptung Nutella sei gesund: die Ausschüttung von Glückshormonen findet unser Immunsystem prima. Dann kann es besser arbeiten. Gut, über den Nährwert der Inhaltsstoffe lässt sich streiten. Und die Dosis macht das Gift: von 2 Kilo Gläser konnte man träumen, aber selbige nicht kaufen.

Drum beantworte ich dir die obige Frage nach der Motivation mit einem lapidaren:

Weil du Lust drauf hast! 

Ansonsten: Lass es bleiben. Das wird nix.

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?

* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern

Dienstag, 6. Juni 2017

Von Milongas und Mäusen

Welche Situationen auch dem bejahrten Gehirn das (Tango-) Lernen erleichtern

Dieses und mehr meiner Motive findest du als Glückwunschkarte bei Kartenkaufrausch


Werden beim Tango Anfänger vergrault?

Scheint mir leider im Moment so - vor allem die hartnäckig Kreativen, die aus Lust am Tanzen und der Musik begonnen haben, werfen bald wieder das Handtuch. Entnervt von der Hochnäsigkeit der vermeintlichen Vorangeschrittenen, denen wohl ein Zacken aus der Krone bricht, wenn sie einen Anfänger auffordern würden. (Genderdisclaimer: Im Artikel sind beide Geschlechter gemeint.)

Erschwerend kommt hinzu, dass nach meiner Beobachtung viele, die mit dem Tangotanzen begonnen haben, die Mär von "Tango ist nur Gehen" glauben, und meinen, selbstverständlich müsse man sich nicht besonders anstrengen. Dann folgt bald Verzweiflung, weil halt doch Blut, Schweiß und vielleicht auch Tränen (vulgo ÜBEN!) nötig sind, um Fortschritte zu erzielen.

Hat das etwa auch mit der Altersstruktur im heutigen Tango zu tun? Können Menschen Ü50 oder Ü60+ nimmer so geschwind lernen?

Aber endlich trauen sich doch einige aus der Nachwuchsriege den Mund aufzumachen und von ihrer Pein zu berichten: siehe die Artikel in Gerhards Tangoreport ab 31. Mai 2017.

"Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne." 

zitiert Karin Law Robinson-Riedl in ihrem Gastartikel "And the Winner is..." zur Themenreihe im Tangoreport. Gut, dann lass uns ein bissel zaubern. Die 13. Fee hilft uns gerne bei dieser Mission: Sie wird in der Märchenszene selbst oft genug gedisst und mag arrogante Cliquen gar nicht. Außerdem hat sie meist mehr als drei Wünsche zur Verfügung, da sie so selten gebucht wird.

Wir blinzeln uns mit Sternengeblinkel in das hochmoderne Ambiente von Frederick Gage in den Salk Laboratories in La Jolla in Kalifornien (selbstverständlich unsichtbar).

Da inzwischen nachgewiesen wurde, dass u.a. in den Gehirnarealen für Erinnerung, Bewegung und Emotionen Stammzellen wohnen, die sich zu neuen, differenzierten Nervenzellen entwickeln können, versuchen die Wissenschaftskumpanen einen faszinierenden Nachweis: Können diese neu gebastelten Nervenzellen auch bei nicht mehr ganz taufrischen Wesen die geistigen Fähigkeiten steigern?

Vor uns befinden sich zwei Käfige mit je einer Gruppe Mäusen. Käfig 1 rechts ist recht rudimentär ausgestattet - Stroh, Nuckelflasche und Futternapf. Die Insassen - offensichtlich Seniormäuse - hängen entweder unmotiviert an der Bar herum oder laufen gruppenweise langsam im Kreis. Ab und zu geht einer in die Klo-Ecke. Oder man putzt sich das Schnäuzchen.

Im 2. Käfig dagegen hat sich ein hochmotivierter Innenausstatter (menschlich) ausgetobt. Lustige, quietschbunte Spielsachen, Hindernisparcours, Labyrinth, nur mit Kniffen zu erreichende Futternäpfchen, sogar ein klitzekleiner Plastikschäferhund liegt als Stolperfalle plaziert. Zwei ältere Exemplare improvisieren Beachvolleyball in der Sandecke, die in Käfig 1 lediglich zum Kacken verwendet wird. Eine andere Maus versucht zum 38. Mal elegant den Plastikhund zu überwinden. Sie schwitzt Blut und Wasser, aber beim 82. Mal gelingt es ihr dann doch. Fast elegant sogar. Im Labyrinth sitzt ein betröppelter Mauser, seine Freundin ist aber schon auf dem Weg zu ihm, um ihn mit einem erbeuteten Keksstückchen zu trösten. Alle tummeln sich frustriert bis freudig - auf jeden Fall wuselig-vital.

Fee Nr. 13 schnippt mit dem Finger und grinst. "Da, schau!"
Das Licht im Raum dimmt sich von Zauberhand, es bleibt ein Spot auf Käfig 1, in dem sich plötzlich keine Pelzwesen mehr befinden, sondern labormausgroße Tangoleute in passendem Ambiente: an der Bar Männchen mit Mini-Pilsflaschen und gleichgültigem Blick. Rondakreisende Langsamgeher beißen einen, der mitspielen möcht', und die Hübsche am Rand zieht den Lippenstift nach. Die "Tanda of the week" tröpfelt in Schleife aus der Nuckelflasche (https://www.youtube.com/watch?v=LUrsP_6fqFY). Lange Gesichter, oder mindestens "bin so wichtig, drum gleichgültig": Hund tot über'm Zaun.

Sie schnippt ein zweites Mal, der magische Scheinwerfer schwenkt zum anderen Käfig. Auch dort - keine Mäuse, sondern Mikro-Milongueros und -as, umeinander hüpfend wie die Geißen im Frühling, zugegeben - schon ein bissel chaotisch, wie sie da hin und her huschen. Die zwei Viejos improvisieren mit ihren Partnerinnen ein Gockelbattle in der Sandecke, dass es staubt. Der Schäferhund kläfft kurz, man hat ihn auf den Schwanz getreten. Das nächste Paar schraubt sich mit einer noch nicht ausperfektionierten Drehung vorbei. Einer übt Handstand. Fällt um, heult. Das alte Mädchen bringt ihm einen Keks. Und bittet zum Tanz. Milonga! Und Vals und überhaupts (!) schnörkeln sich durch Tumult und Ohrwatscheln.

Schnipp!
Neonlicht an, Spot aus, Mäuse sind Mäuse.
In 45 Tagen, so flüstert mir die Fee, wird man die Gehirne der beiden Gruppen untersuchen. "Das werden die Damen und Herren Weißkittel herausfinden."
Sie reicht mir ein dickes Buch mit Einmerker. Folgendes ist mit gelbem Leuchtstift markiert:

"Bei der Untersuchung von älteren Mäusen, die in ihrer zweiten Lebenshälfte zehn Monate lang in einer stimulierenden Umgebung gelebt hatten, stellten die Wissenschaftler fest, dass sich die Zahl der Neuronen im Hippocampus verfünffacht hatte. Diese Mäuse erwiesen sich als intelligenter und schnitten in Tests ihrer Lern-, Such- und Bewegungsfähigkeiten sowie bei anderen Standardmaßen der Mausintelligenz besser ab als ihre Artgenossen in normalen Käfigen."

Arme Mäuse. Interessantes Ergebnis!

Wir blinzeln uns in die Cafeteria.
Kann man die mausisch-gewonnenen Erkenntnisse für unsere Tangoanfänger interpretieren?  Was lässt sich verwenden? Umsetzen?

Was müsste sich an der Umgebung ändern? 
Auf den Milongas in freier Wildbahn? Würde mehr Stimulation bessere Tänzer erzeugen? Wenn z.B. ein Fortgeschrittener mit einer Anfängerin tanzt? Wenn die Musik als Spielgerät anspruchsvoller  wäre? Wenn sie freier hoppeln dürften?

Oder müsste der Anfänger seine Umgebung ändern? 
Könnte er ja, im Gegensatz zur inhaftierten Labormaus. Mal mutig eine Fremd-Milonga besuchen? Mal eine Fremd-Frau auffordern?

Oder Schwierigkeiten aushalten lernen? 
Wie der tapfere Mauser, der sich ins Labyrinth gewagt hat? Sein Lohn: Was Süßes von der Süßen.
Tanguero-Beginner-Lohn: Süße Tangos!

Wir kommen zum Schluss, da ging schon noch was!

Für den Tangoanfänger an sich und für uns als Umgebungsbauteile ist noch Luft nach oben!

Ganz egoistisch muss ich zugeben, dass ich gerne bereit bin, beim Wachsen guter Tänzer behilflich zu sein. Mit Unkrautzupfen und Düngen. Wenn ein Anfänger zum Könner wird, ist das doch prima! Ein guter Tänzer mehr! Hossa!

Wieso haben die göttlichen Baumeister diese Nervenneuverbastelung überhaupt einprogrammiert?


Vor Urzeiten, als unsere Ahnen durch die Gegend wanderten, war die Bildung von zusätzlichen Nervenverbindungen im Hirn und damit das Erlernen neuer Fähigkeiten überlebensnotwendig. Ohne Lernen fand man sich in neuen Gegenden nicht zurecht und endete wahrscheinlich als Zahnstocher für einen Säbelzahntiger. Ganz einfach. Lernen, sonst tot.

Was hätten unsere Tangovorfahren gemacht, ohne die Bereitschaft zu lernen? Als Einwanderer in ein völlig fremdes Land? Ganz einfach. Lernen, sonst tot. Den Tango hätten sie ohne gewiss nicht erfunden.

Dann schlägt die Feenfreundin 13 eine andere Buchseite auf, rosa markiert, Ausrufezeichen am Rand:

"Nichts beschleunigt den Verfall des Gehirns derart wie der Aufenthalt in der immergleichen Umgebung. Die Eintönigkeit lässt unsere Dopamin- und Aufmerksamkeitssysteme verkümmern, die für den Erhalt der Neuroplastizität entscheidend sind. Eine abwechslungsreiche Tätigkeit wie das Erlernen eines neuen Tanzes hilft nicht nur, Gleichgewichtsprobleme zu vermeiden, sondern hat den positiven Nebeneffekt, uns unter Menschen zu bringen und auch auf diese Weise das Gehirn zu erhalten."

Aha! Da haben wir's! Nicht nur Neurogenese, sondern auch noch Pflege des hauseigenen Dopaminsystems, unseres Belohnungssystems, das uns Glücksgefühle schenkt! Praktisch! Vor Begeisterung verschüttet die Fee ihren Milchkaffee. 

Tangolernen kann also wirklich glücklich machen. Wissenschaftlich bewiesen. Trotz (oder gerade wegen?) Blut und Schweiß und Tränen. Und wenn das Gehirn dabei Kundendienst erhält, ist das nicht verkehrt, oder?

Drum wohnt wirklich jedem Anfang eine Zauber inne. 
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. 
(Sagt Hermann Hesse. So ungefähr.)


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







Quelle: "Neustart im Kopf: Wie sich unser Gehirn selbst repariert" von Norman Doidge (3. März 2008)

* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?

* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern

Sonntag, 4. Juni 2017

Bleiben Sie cool, Madame?! Gastbeitrag von Gerhard Riedl

<article image>im-prinzip-tango

Tipps aus der Männerfraktion: Wie du die verflixte Multitaskingsucht in Griff bekommen kannst


Themenadäquat kredenze ich dir, Madame, heute OHNE ausführliche Anmoderation diesen feinen Text - garniert mit einem schlichten "Bühne frei für Gerhard Riedl"!

***

Meine Blogger-Kollegin Manuela Bößel steht derzeit unter Hochdruck: Tausend Ideen für neue Texte – gleichzeitig aber die Auswirkungen des Pflegenotstands, also jede Menge zusätzlicher Dienste. Dazu (wie meist bei solchen Engpässen) Aufträge für Illustration und Webdesign sowie heilpraktikerliches Unterrichten plus Behandeln.

Mein pragmatisches Angebot, ihr einen Gastbeitrag zu schreiben, nahm sie gerne an. Um eine Themenstellung gebeten, schrieb sie mir – vielleicht auch durch die aktuelle Situation angeregt – Folgendes:

Lieber Co-Blogger,

Frauen haben ja gern amal ein – nein, unzählige Probleme gleichzeitig und gleiten dann anschließend routiniert ins emotionale Drama ab. So wird alles noch viel schwieriger und flutscht nimmer effektiv. Problemlösung via Dramatik funktioniert selten oder gar nicht. Problemlösungsstrategie und Emotionsverstrickungen (suboptimale Affektkontrolle) passen halt gar nicht zusammen. Wenn kühle Taktik im Handeln fehlt, ist das Ergebnis kaum absehbar.


Männer scheinen mir da mit mehr Plan vorzugehen. Irgendwie pragmatischer. Schneller und effektiver Ziele erreichend.

Hat das was mit dem Totalitätsanspruch der Damen zu tun? Der Unfähigkeit, sich nur den einen hübschen, nutzbringenden Aspekt rauszupicken? Wie schaffen Männer, diesen „Ein-hochwichtiges-Projekt-das-jetzt-die-Welt-rettet-Modus“ einzuschalten? Und dann, komme was wolle, diese Mission durchzuführen. Beneidenswert prozessorientiert...  Statt „Wir-Frauen-sind-ja-sooo-multitasking-87-Missionen-gleichzeitig“ zu händeln!

Wie machen Männer das? 

Was können wir Frauen uns da abschauen? 
Welche "Schritte" könnt' man klauen?

Männerdingse - Drum frag ich einen Mann ;)

Danke und liebe Grüße, 
Manuela

Aber gerne – dann also los:

Bleiben Sie cool, Madame!


Die Anforderungen


Zufällig hörte ich gerade von einer anderen Bekannten, diese sei total überlastet. Und womit? Ausschließlich mit Problemen und Projekten anderer, ihr nahestehender Menschen, jedoch sämtlich volljährig und eigentlich fähig, sich zumindest primär selber um ihre hochmögenden Erledigungen zu kümmern. Möglicherweise kamen nicht einmal direkte Hilfeansuchen – nein: Es reicht schon, wenn solche Dinge traditionell in den Zuständigkeitsbereich der betreffenden Frau fallen. Schon werden sie in die Liste der 87 dringend zu erledigenden Aufgaben übernommen!

Aktivitäten dieser Bekannten für sich selber? Davon war nicht die Rede…


Die Folgen


Die Chance, bei der Anzahl nicht alles (und schon gar nicht perfekt) hinzubekommen, ist riesig – und damit die Chance auf ein Überforderungs- und Unzulänglichkeits-Drama fast hundertprozentig. Und das kostet ja auch noch Zeit (von den Nerven ganz zu schweigen…).

Es wird sogar noch verrückter: Sollte trotz allem ausnahmsweise eine umfassende Bewältigung gelingen, kann die betreffende Frau ihren Projektumfang ja noch steigern (und wird das vermutlich auch tun), um dann endlich die Überforderungsgrenze zu reißen – möglichst unter Einbeziehung des „Schuldbegriffs“ („Ich bin schuld, dass Person X Aktion Y versemmelt hat!“)

Freilich sind die Damen daran nicht alleine beteiligt – nein, die Herren erweisen sich da gern als behilflich, indem sie Aufgaben delegieren respektive ihnen solche von vornherein überlassen. Dies betrifft insbesondere folgende testosteronarme Gebiete:

  • Tätigkeiten mit hergebracht femininem Artikel: die Kindererziehung, Schule, Haushaltsführung, Nahrungsbeschaffung und -Zubereitung, Gartengestaltung, Betreuung (Kinder, Großeltern, Gäste, Handwerker), Pflege u.v.m.
  • langweilige, gleichförmige Arbeiten, welche nicht zu einem Ranking oder gar zu Heldentaten führen (z.B. Kartoffelschälen statt Autorennen)
  • berufliche Tätigkeiten ohne Aufstiegschancen und mit schlechter Bezahlung
  • alle Aktivitäten mit sozialer Zuwendung, aber ohne Möglichkeit zu Konkurrenzkampf und Personalisierung (also unter Ausschluss der Sache)


Warum tun die Männer das? 


Nun, aus y-chromosomaler Sicht muss ich natürlich Egoismus, Faulheit oder Schlampigkeit heftigst zurückweisen!

Zunächst einmal ist unsere männliche Unfähigkeit im Multi-Tasking natürlich ein grandioser Schutz vor Überforderung: Wir sehen, zumindest in gewissen Situationen, das zu Erledigende einfach nicht! Beispiel: Endspiel in der Fußball Champions League – was soll da sonst noch sein? Gar nix! Selbst wenn der Sprössling sich gerade anschickt, die Flasche mit dem Lackverdünner auszutrinken, kommt bestenfalls ein „Mutti, nimm ihm das mal weg…“.

Der Wegfall anderer Wahrnehmungen befähigt die Kerle natürlich zu einer pragmatischen, umfassenden Problemlösung: Flachbildfernseher, gemütliche Sessel, Bier, Flaschenöffner und Chips – alles perfekt beschafft und zeitgerecht umgesetzt! (Schließlich beginnt die Übertragung schon eine Stunde vorher mit dem üblichen Expertengeschwafel…)

Zudem sehen Frauen eine Aufgabe erst dann als erledigt an, wenn diese sachgerecht, umgehend und vollständig erfolgte sowie zudem noch das von ihr gestrickte, sorgfältig überwachte Beziehungsgeflecht nicht durcheinander bringt.

Männer sind da wesentlich weniger anspruchsvoll: Wenn die wesentlichen Bedürfnisse (Kampf, Konkurrenz, Adrenalin-Ausschüttung) befriedigt wurden, gilt die Sache (besser: der Gegner) als „erledigt“. Beziehungsgeflecht? Ach, die Kumpel verstehen’s schon… und die Weiber, ach geh!

Beispiel: Mit dem bestellten Handwerker ist man schon dann fertig, wenn man ihm bewiesen hat, dass er von der Sache nur halb so viel versteht wie man(n) selber (wenn man denn Zeit hätte, es persönlich zu machen). Den Typen beaufsichtigen, etwaige Fragen beantworten, ihm Kaffee kochen und sich um die Rechnung kümmern darf dann das Wesen, welches in bayerischen Dörfern gewöhnlich als „B‘frau“ bezeichnet wird – und das man hinterher zur Schnecke macht, wenn doch irgendwas nicht passen sollte (falls überhaupt noch nötig).

Nach Bewältigung einer Aufgabe (wie zweckdienlich auch immer) eilen Frauen sofort zur nächsten Baustelle.

Männer verweilen da länger, da noch Entscheidendes zu leisten ist: Die Dichtung eines Heldenepos über die siegreiche Umsetzung des Projekts – ganz wichtig für die Kumpels, wo die Geschichte gern durch wiederholte Schilderung an Dramatik zunimmt.

Merke: Für die Herren fängt das Drama am Ende an, bei den Damen zu Beginn!

„Irgendwie pragmatischer. Schneller und effektiver Ziele erreichend?“
Reine männliche PR – forget it!

Dass Dinge (und zwar nicht nur die getragenen Socken) wochenlang liegen bleiben, wäre für Frauen eine Katastrophe, für Männer ist dies der Normalfall (bis auf Notfälle wie die vergebliche Suche nach der neuesten Ausgabe der Autozeitung).


Fazit


Ich rate daher allen weiblichen Wesen zu einem unglaublichen Experiment: Eine Sache mal nicht zu erledigen und festzustellen, dass sich die Welt dennoch weiter dreht (auch wenn ihre maskuline Umwelt das Gegenteil prophezeit). Bei erfolgreichem Ausgang des Versuchs kann frau dies auf viele weitere Projekte ausdehnen, vor allem auf solche, die lediglich für andere zweckdienlich (also arbeitsentlastend) wirken.

Ich habe an zwei Büchern mit Erfahrungsberichten von Krebspatienten mitgearbeitet und leider festgestellt, dass Frauen dies oft erst unternehmen, wenn sie zur onkologischen Patientin mutiert sind – und dennoch häufig mit erstaunlichen Besserungs-Erfolgen!

http://milongafuehrer.blogspot.de/2015/02/krebs-wege-aus-der-lauten-stille-des.html

Daher mein Tipp: Eine solche Verhaltensänderung ist auch ohne Tumor-Befund möglich – und dann oft noch in wesentlich größerem Zeitrahmen machbar.

Diesen können Sie ausnutzen, um beispielsweise allein und ganz cool zum Tango zu gehen! Wär doch schon mal ein Anfang, Madame…

P.S. Sollte es in diesem Kontext zur Entsorgung des Lebenspartners kommen, hier noch sehr interessante Tipps, damit es nicht wieder der Falsche wird:
http://www.freundin.de/beziehungsfrage-7-maennertypen-mit-denen-sie-niemals-gluecklich-werden-268231.html

***
DANKESCHÖN!
Viel vergnüglichen Erfolg beim Umsetzen. Bin auch grade damit beschäftigt, und es tut gar nicht weh ;)

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







* Mehr von Gerhard Riedl lesen? http://milongafuehrer.blogspot.de/

* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?

* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern

Donnerstag, 11. Mai 2017

Zitronenhirse mit Mandeln kühlt hitziges Gemüt

"Elste Hilfe fül klale Gedankenfassung", sagt unser kleiner Chinese.


article image im-prinzip-tango
FÜHLEN nicht fühlen.[zu deutsch: Fühlen, nicht führen]

Kennst du das?

Da hat dich jemand bis auf's Blut geärgert - sämtliche Schmerzkerben getroffen und wirklich alle Zorntriggerknöpfe gedrückt. Und dann bricht derjenige das Gespräch auch noch ab! Die Gründe sind egal! Vernünftig oder einfach organisatorisch, was auch immer! Du bist so richtig in Streitlaune. Dann setzt du dich ins Auto und führst den Dialog in Gedanken weiter, den Gegenpart zu übernehmen ist nicht schwierig, du weißt ja, was dein Gegenüber erwidern würde. So arbeitest du dich ganz alleine hartnäckig in eine veritable Wut hinein, bis du es nicht mehr aushältst und deinem Gegner fernkommunikatorisch dein Ergebnis vor den Latz knallst. Der weiß natürlich nicht, wie ihm geschieht, und kontert wutschnaubend. Das beweist dir eindeutig: Der andere ist ein ...! [Lieblingsschimpfwort einsetzen] Nix zu machen! Lösung außer Sicht! Großes Drama!

Ich geb es zu: Das passiert mir auch immer mal wieder. Aber ein bissel lernfähig bin doch.

Die Chinesen sagen, Shen (sowas wie die Seele oder der Geist) wohne im Herzen. Es befähigt uns, klare Gedanken zu fassen. Nimmt Unruhe (oder "Feuer") zu viel Raum im Herzen ein, hat Shen dort keinen Platz mehr. Im Eigenhirn aufräumen, jemandem unvoreingenommen zuhören oder sogar lösungsorientierte Konzepte entwickeln gestaltet sich dann schwierig bis unmöglich.

Das Einzige, was hilft, der Seele ihren angestammten Platz anzubieten, ist das Gemüt wieder auf Normaltemperatur zu kühlen.

Beschäftige deinen aufgewühlten Verstand lieber mit ganz anderen Dingen. Soll er sich doch dort austoben! Ein hervorragendes Alternativangebot für das agressive Hirn ist Kochen.

Mit den Händen werkeln, sich auf Kochdüfte und Umrühren konzentrieren, beruhigt und hilft gegen Hunger. Der - das weiß die ganze Welt, auch außerhalb Chinas - reizbaren Grant verstärkt, noch mehr als Föhn und Vollmond zusammen.

So kannst du via "Leibspeise" den Kühleffekt verstärken. Auch hier bieten uns die Chinesen feine Vorschläge, aus denen ich dir ein mit europäischen Ideen gemischtes Rezept zusammengestellt habe.
Bitteschön:

Zitronenhirse mit Mandeln


3-4 Portionen

250 g Hirse mit
1/2 TL Fenchelkörnern und
einer guten Prise Pfeffer (grünem oder rosa, wenn du hast) anrösten, bis die Hirse und Gewürze duften. Mit
600 ml Wasser ablöschen.
Saft einer Zitrone oder Limette zugeben
(Falls deine Zitrone es hergibt, kannst du auch ein wenig von der Schale abschaben und mitkochen.)
2 EL gehackte Mandeln
Salz
20 Min. köcheln lassen, bei Bedarf ein wenig Wasser nachgießen
10 Min. auf der heißen Herdplatte nachquellen lassen.
mit einem ordentlichen Stück Butter oder gutem Schluck Nussöl mischen

Dazu gibt's Joghurt mit frischen Früchten nach Belieben und Verfügbarkeit. Sehr fein schmecken Orangenstückchen und gehacktes Basilikum.

Fleisch ist zwar nicht vorgesehen in dieser Kühlkette, aber brat dir einfach ungeniert ein Stück, wenn's dich danach gelüstet.

Hast du dich kochend und schmausend beruhigt, wirst du bestimmt auch ganz gut schlafen können. Schlaf ist nämlich das zweite, wichtige Werkzeug der Wahl, um runterzufahren - lang und tief genug. Bei Bedarf könntest du mit Passionsblumentee, dem guten alten Baldrian oder Eduard Träumelschaf nachhelfen.

Lass dir schmecken und gute Ruhe!

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?

* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern