Montag, 19. Juni 2017

Gummistiefel-Rollschuhlaufen

Über die Einschätzung von Gefahren in den 70ern und heute: ein "Scheiße, ich werd' alt"-Artikel


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Sandlöcher mit Wasser füllen ist sinnlos aber lustig.


Ein Sommertag in den späten 70ern

Am Bordstein sitzend puhle ich mir spitze Splittsteinchen aus der aufgeschürften Haut an meinen Knien. Wenn ich damit fertig bin, werde ich zu meinen Eltern gehen und mich mit Desinfektionsspray (höllisch brennend) respektive Sprühpflaster (höllisch brennend) versorgen lassen. Meine Gummistiefel warten derweil am Straßenrand - aufgeschnallt auf die verstellbaren Rollschuhe. Zugegebenermaßen eine total uncoole, aber vernünftige, einigermaßen funktionierende Kompromiss-Konstruktion. Jede Saison neue Rollerskates sind nicht drin. Meine Füße wachsen wie die Sau. Ich bin sieben Jahre alt.

Den restlichen Nachmittag verbringen wir Kinder auf der Straße mit unermüdlichen Versuchen, neuen Stürzen und scheppernd gefahrenen Bahnen. Die Erwachsenen sitzen auf der Terrasse, kaffeetrinkend. Wir Kinder melden uns schon, wenn was ist.

Später bekommen wir Nutellabrote serviert. "Nutella ist gesund!" heißt es in der Werbung. 

Natürlich ist mein Ziel, den Splitt und die Schwerkraft zu besiegen, so lang wie möglich eben nicht hinzufallen. Irrelevant! Diese eigentlich total bescheuerte Weise, sich mit an die Füße geschnallten Behelfsrädchen fortzubewegen, verspricht keinen "Erfolg" oder messbaren Vorteil, sie ist einfach nur lustig!

Dass wir damals weder Helm noch Knie-, Ellbogen- und Handgelenkschützer trugen und dennoch nicht gestorben sind, haben manche Eltern heute vergessen. Die Geschäftsgrundlage in "Was-Lustiges-aber-Sinnloses-Lernen" bestand in: sich eine provisorische Ausrüstung zusammenzubasteln, "einfach mal machen", sich Blessuren abholen, wieder aufstehen, mit der Zeit und unzähligen Versuchen besser werden. Auf seine Narben durfte man stolz sein!

Heute im Sommer 

eiern Fünfjährige auf teuren Präprofi-Inlinern durch die Gegend in einer einem Eishockeytorwart gebührenden Schutzausrüstung, flankiert von mindestens zwei Erwachsenen. (Ob auch "Eierbecher" bei den Jungs zum Einsatz kommen, konnte ich noch nicht verifizieren.) Fällt das Kerlchen doch mal hin, hat es wenig Chance, wieder selbststständig in die Aufrechte zu kommen: Zum einen behindern die zahlreichen Austattungsteile enorm seine Beweglichkeit, zum anderen kann er gar nicht so schnell schauen, wie ihn Mami und Papi wieder auf die Hinterpfoten wuchten. Dann werden Tränlein abgetupft, bevor das Plärren beginnen kann, coachend Fahrfehler reflektiert, Notfallglobuli verabreicht oder man fährt gleich in die Notaufnahme. Vielleicht lernt der Bub so schneller Rollschuhlaufen - sorry, skaten. Im technischen Sinne. Zur Not kann man ihn ja auch in einen Workshop oder Kurs stecken. Das Ziel erreichen! Erfolg haben!

Ich weiß, wie schwer die Vorstellung "zart-kindliche Schädelkalotte an Bordstein [verkeimt, kantig]" auszuhalten ist. Wie oft habe ich Blut und Wasser geschwitzt und mich dann auf meine Hände gesetzt, um nicht vorschnell einzugreifen.
Aber "Aufpassen, dass nix Schlimmes passiert, bei Bedarf eingreifen" und "für das Kind erledigen, dass nix Schlimmes passiert, ständig die Griffel am Nachwuchs" sind zwei paar Stiefel.

Spätestens in der Pubertät, wenn der oben beschriebene Kerl dann elternfrei unterwegs ist, wird er sich des Schutzpanzers eh entledigen. Dislike! Dummerweise hat er als handlicher, bodennaher Stöpsel nicht gelernt, wie verletzungsarmes Hinfallen geht. Für ein lang-schlaksiges Pubertier ist das bedeutend schwieriger. Drum wird er sich gleich ordentlich verletzen, wenn es ihn zwangsläufig mal semmelt.


Wie sollen denn die Kurzen so Frustrationstoleranz entwickeln? 

Zum Lernen gehören TUN, unzählige Wiederholungen, Scheitern, wieder aufstehen, aus Fehlern lernen, Variationen testen. Blut und Schweiß und Tränen. Fehlschläge aushalten. Und der Stolz zwischendurch, dass du ein Stückel weitergekommen bist. Der jubelnde Genuß, wenn es einfach "läuft". Zumindest für eine kurze Zeit. Du hast es selber geschafft!

Die Folgen sind verinnerlichte Disziplin und Frustrationstoleranz.

Sollen wir diese wertvollen Erfahrungen unseren Kindern echt vorenthalten?

Warum ist diese ernste Leichtigkeit, kombiniert mit Lust auf ein gewisses Risiko, welche die 70er würzte, so verblasst?

Scheiße, ich werd' alt! Wie vermisse ich diesen Zeitgeist, in dessen Echo Astor Piazzolla seinen "Libertango" herausbrachte und Erwachsene noch das Risiko eingingen, Achselhaar zu tragen. Mutig unperfekt waren. Als Kinder sich auf dem Spielplatz noch anhören durften: "Wo du rauf gekommen bist, wirst schon wieder runter kommen." Meiner Mama danke ich hiermit hochoffziell für die Erlaubnis, aus eigenen Fehlern lernen zu dürfen, Spaß zu haben: Dafür, dass sie mir eben keine total supercoolen Rollerskates gekauft hat und die pragmatische Versorgung mit dem höllisch brennenden Pflasterspray. Und den Eimer, um die Löcher im Sand mit Meerwasser zu füllen. Und Nutellabrot.




Blöd an der ganzen Geschichte ist, dass Kinder - respektive nachwachsende Tangogrünschnäbel - viel am Vorbild, genauer gesagt dem Verhalten der "Erwachsenen" lernen.

Die Tendenz, Neues ausschließlich in betreuter Umgebung zu lernen - z.B. nur im Kursbetrieb - vermittelt den Eindruck, sich Meisterschaft kaufen zu können. Hocheffizient?! Die ist dann zwar oft zertifiziert, schwimmt aber wie Fettaug' auf der Supp'. Sich die Sache zu eigen machen, zu integrieren, ist so schwer möglich und saust in der Prioritätenliste hurtig nach unten. Steinige Umwege, die dich zu Eigeninterpretationen inspirieren könnten, werden so ausgeschlossen. Zweifelos zeitsparend, wir sind ja alle sooo beschäftigt. Und Narben sind halt nicht so schön, gell? Das neu zu Lernende ist kein Spaß nicht! Eine ernste Sach'! Schau, dass du Leistung und Erfolg bringst! Schnell!

Einfach mal spielerisch, genießend etwas Zweckfreies lernen und doch beim Tun seine ganze Seele hineinlegen ist heute nicht mehr angesagt. Sich dafür über einen längeren Zeitraum dafür anstrengen? Unpopulär!

Das leben die adulten Exemplare ihrem Nachwuchs heute häufig vor. Und der übernimmt diese Haltung, die sich auch im Tango breiter macht, als für ihn gesund ist. Von denen, die weiter sind, abschauen, klauen, zur eigenen Person passend modifizieren, üben, üben, üben, viel mit vielen zu viel verschiedener Musik tanzen? Fehlanzeige! Das ist doch gefährlich! Dass du nicht stirbst, wenn du etwa beim Tango einen Fremden zu fremder Musik aufforderst, wirst du ohne die Gefahren der Auswilderung nicht lernen. Auch wenn du dir noch so viele Schrittkombinationen gekauft hast und die Códigos auswendig kannst.


Und was ist mit der Motivation, sich den ganzen Stress mit "Blut und Schweiß und Tränen" anzutun?


Vor ein paar Wochen fragte eine Milongabesucherin meinen Begleiter und mich, ab wann Tangotanzen uns denn Spaß gemacht habe.
Ich war echt perplex, stammelte was von "Schon immer, sonst hätt ich ja nie damit angefangen!" Mein Tangopartner war ähnlich verstört. Trotzdem bin ich dankbar für diese eigenartige Frage, weil sie den Unterschied zwischen damals und heute deutlich zeigt. Und dass ich mit meinen altmodischen, in den 70-ern pappenden Ansichten zum Erwerb zweckloser Tätigkeiten wohl den Anschluss ans Heute verpasst habe - staune ob der spaßfreien, verkopften Herangehensweise.

Pardon an alle mitlesenden Tangoneurotiker: Tangotanzen stellt keine die Menschheit rettende Überlebenskompetenz dar! Und dein Seelenheil suchst du besser woanders. Tangotanzen ist einfach nur schön. Reicht doch, oder?

Meine Gummistiefel-Rollschuhe haben ausgedient - sie wären beim Tango eine Themaverfehlung. Außerdem wachsen meine Füße nicht mehr. Aber die Narben am Knie erinnern gelegentlich, wenn die Ungeduld sticht, ans Hinfallen und Wiederaufstehen und Weitermachen. Einfach, weil's lustig ist. Heute tanze ich Tango und schreibe hier, ähnlich zweckfreie Tätigkeiten wie Rollschulaufen: schwitzend, ohne Helm und Schützer, sogar ohne ausgewiesene Tangoschuhe, ohne Zertifikat - aber umso lieber mit und für die anderen Freaks des Knienarbenclans.
Und du?

Außerdem hatten die Werbeleute damals doch recht, mit ihrer Behauptung Nutella sei gesund: die Ausschüttung von Glückshormonen findet unser Immunsystem prima. Dann kann es besser arbeiten. Gut, über den Nährwert der Inhaltsstoffe lässt sich streiten. Und die Dosis macht das Gift: von 2 Kilo Gläser konnte man träumen, aber selbige nicht kaufen.

Drum beantworte ich dir die obige Frage nach der Motivation mit einem lapidaren:

Weil du Lust drauf hast! 

Ansonsten: Lass es bleiben. Das wird nix.

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







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Dienstag, 6. Juni 2017

Von Milongas und Mäusen

Welche Situationen auch dem bejahrten Gehirn das (Tango-) Lernen erleichtern

Dieses und mehr meiner Motive findest du als Glückwunschkarte bei Kartenkaufrausch


Werden beim Tango Anfänger vergrault?

Scheint mir leider im Moment so - vor allem die hartnäckig Kreativen, die aus Lust am Tanzen und der Musik begonnen haben, werfen bald wieder das Handtuch. Entnervt von der Hochnäsigkeit der vermeintlichen Vorangeschrittenen, denen wohl ein Zacken aus der Krone bricht, wenn sie einen Anfänger auffordern würden. (Genderdisclaimer: Im Artikel sind beide Geschlechter gemeint.)

Erschwerend kommt hinzu, dass nach meiner Beobachtung viele, die mit dem Tangotanzen begonnen haben, die Mär von "Tango ist nur Gehen" glauben, und meinen, selbstverständlich müsse man sich nicht besonders anstrengen. Dann folgt bald Verzweiflung, weil halt doch Blut, Schweiß und vielleicht auch Tränen (vulgo ÜBEN!) nötig sind, um Fortschritte zu erzielen.

Hat das etwa auch mit der Altersstruktur im heutigen Tango zu tun? Können Menschen Ü50 oder Ü60+ nimmer so geschwind lernen?

Aber endlich trauen sich doch einige aus der Nachwuchsriege den Mund aufzumachen und von ihrer Pein zu berichten: siehe die Artikel in Gerhards Tangoreport ab 31. Mai 2017.

"Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne." 

zitiert Karin Law Robinson-Riedl in ihrem Gastartikel "And the Winner is..." zur Themenreihe im Tangoreport. Gut, dann lass uns ein bissel zaubern. Die 13. Fee hilft uns gerne bei dieser Mission: Sie wird in der Märchenszene selbst oft genug gedisst und mag arrogante Cliquen gar nicht. Außerdem hat sie meist mehr als drei Wünsche zur Verfügung, da sie so selten gebucht wird.

Wir blinzeln uns mit Sternengeblinkel in das hochmoderne Ambiente von Frederick Gage in den Salk Laboratories in La Jolla in Kalifornien (selbstverständlich unsichtbar).

Da inzwischen nachgewiesen wurde, dass u.a. in den Gehirnarealen für Erinnerung, Bewegung und Emotionen Stammzellen wohnen, die sich zu neuen, differenzierten Nervenzellen entwickeln können, versuchen die Wissenschaftskumpanen einen faszinierenden Nachweis: Können diese neu gebastelten Nervenzellen auch bei nicht mehr ganz taufrischen Wesen die geistigen Fähigkeiten steigern?

Vor uns befinden sich zwei Käfige mit je einer Gruppe Mäusen. Käfig 1 rechts ist recht rudimentär ausgestattet - Stroh, Nuckelflasche und Futternapf. Die Insassen - offensichtlich Seniormäuse - hängen entweder unmotiviert an der Bar herum oder laufen gruppenweise langsam im Kreis. Ab und zu geht einer in die Klo-Ecke. Oder man putzt sich das Schnäuzchen.

Im 2. Käfig dagegen hat sich ein hochmotivierter Innenausstatter (menschlich) ausgetobt. Lustige, quietschbunte Spielsachen, Hindernisparcours, Labyrinth, nur mit Kniffen zu erreichende Futternäpfchen, sogar ein klitzekleiner Plastikschäferhund liegt als Stolperfalle plaziert. Zwei ältere Exemplare improvisieren Beachvolleyball in der Sandecke, die in Käfig 1 lediglich zum Kacken verwendet wird. Eine andere Maus versucht zum 38. Mal elegant den Plastikhund zu überwinden. Sie schwitzt Blut und Wasser, aber beim 82. Mal gelingt es ihr dann doch. Fast elegant sogar. Im Labyrinth sitzt ein betröppelter Mauser, seine Freundin ist aber schon auf dem Weg zu ihm, um ihn mit einem erbeuteten Keksstückchen zu trösten. Alle tummeln sich frustriert bis freudig - auf jeden Fall wuselig-vital.

Fee Nr. 13 schnippt mit dem Finger und grinst. "Da, schau!"
Das Licht im Raum dimmt sich von Zauberhand, es bleibt ein Spot auf Käfig 1, in dem sich plötzlich keine Pelzwesen mehr befinden, sondern labormausgroße Tangoleute in passendem Ambiente: an der Bar Männchen mit Mini-Pilsflaschen und gleichgültigem Blick. Rondakreisende Langsamgeher beißen einen, der mitspielen möcht', und die Hübsche am Rand zieht den Lippenstift nach. Die "Tanda of the week" tröpfelt in Schleife aus der Nuckelflasche (https://www.youtube.com/watch?v=LUrsP_6fqFY). Lange Gesichter, oder mindestens "bin so wichtig, drum gleichgültig": Hund tot über'm Zaun.

Sie schnippt ein zweites Mal, der magische Scheinwerfer schwenkt zum anderen Käfig. Auch dort - keine Mäuse, sondern Mikro-Milongueros und -as, umeinander hüpfend wie die Geißen im Frühling, zugegeben - schon ein bissel chaotisch, wie sie da hin und her huschen. Die zwei Viejos improvisieren mit ihren Partnerinnen ein Gockelbattle in der Sandecke, dass es staubt. Der Schäferhund kläfft kurz, man hat ihn auf den Schwanz getreten. Das nächste Paar schraubt sich mit einer noch nicht ausperfektionierten Drehung vorbei. Einer übt Handstand. Fällt um, heult. Das alte Mädchen bringt ihm einen Keks. Und bittet zum Tanz. Milonga! Und Vals und überhaupts (!) schnörkeln sich durch Tumult und Ohrwatscheln.

Schnipp!
Neonlicht an, Spot aus, Mäuse sind Mäuse.
In 45 Tagen, so flüstert mir die Fee, wird man die Gehirne der beiden Gruppen untersuchen. "Das werden die Damen und Herren Weißkittel herausfinden."
Sie reicht mir ein dickes Buch mit Einmerker. Folgendes ist mit gelbem Leuchtstift markiert:

"Bei der Untersuchung von älteren Mäusen, die in ihrer zweiten Lebenshälfte zehn Monate lang in einer stimulierenden Umgebung gelebt hatten, stellten die Wissenschaftler fest, dass sich die Zahl der Neuronen im Hippocampus verfünffacht hatte. Diese Mäuse erwiesen sich als intelligenter und schnitten in Tests ihrer Lern-, Such- und Bewegungsfähigkeiten sowie bei anderen Standardmaßen der Mausintelligenz besser ab als ihre Artgenossen in normalen Käfigen."

Arme Mäuse. Interessantes Ergebnis!

Wir blinzeln uns in die Cafeteria.
Kann man die mausisch-gewonnenen Erkenntnisse für unsere Tangoanfänger interpretieren?  Was lässt sich verwenden? Umsetzen?

Was müsste sich an der Umgebung ändern? 
Auf den Milongas in freier Wildbahn? Würde mehr Stimulation bessere Tänzer erzeugen? Wenn z.B. ein Fortgeschrittener mit einer Anfängerin tanzt? Wenn die Musik als Spielgerät anspruchsvoller  wäre? Wenn sie freier hoppeln dürften?

Oder müsste der Anfänger seine Umgebung ändern? 
Könnte er ja, im Gegensatz zur inhaftierten Labormaus. Mal mutig eine Fremd-Milonga besuchen? Mal eine Fremd-Frau auffordern?

Oder Schwierigkeiten aushalten lernen? 
Wie der tapfere Mauser, der sich ins Labyrinth gewagt hat? Sein Lohn: Was Süßes von der Süßen.
Tanguero-Beginner-Lohn: Süße Tangos!

Wir kommen zum Schluss, da ging schon noch was!

Für den Tangoanfänger an sich und für uns als Umgebungsbauteile ist noch Luft nach oben!

Ganz egoistisch muss ich zugeben, dass ich gerne bereit bin, beim Wachsen guter Tänzer behilflich zu sein. Mit Unkrautzupfen und Düngen. Wenn ein Anfänger zum Könner wird, ist das doch prima! Ein guter Tänzer mehr! Hossa!

Wieso haben die göttlichen Baumeister diese Nervenneuverbastelung überhaupt einprogrammiert?


Vor Urzeiten, als unsere Ahnen durch die Gegend wanderten, war die Bildung von zusätzlichen Nervenverbindungen im Hirn und damit das Erlernen neuer Fähigkeiten überlebensnotwendig. Ohne Lernen fand man sich in neuen Gegenden nicht zurecht und endete wahrscheinlich als Zahnstocher für einen Säbelzahntiger. Ganz einfach. Lernen, sonst tot.

Was hätten unsere Tangovorfahren gemacht, ohne die Bereitschaft zu lernen? Als Einwanderer in ein völlig fremdes Land? Ganz einfach. Lernen, sonst tot. Den Tango hätten sie ohne gewiss nicht erfunden.

Dann schlägt die Feenfreundin 13 eine andere Buchseite auf, rosa markiert, Ausrufezeichen am Rand:

"Nichts beschleunigt den Verfall des Gehirns derart wie der Aufenthalt in der immergleichen Umgebung. Die Eintönigkeit lässt unsere Dopamin- und Aufmerksamkeitssysteme verkümmern, die für den Erhalt der Neuroplastizität entscheidend sind. Eine abwechslungsreiche Tätigkeit wie das Erlernen eines neuen Tanzes hilft nicht nur, Gleichgewichtsprobleme zu vermeiden, sondern hat den positiven Nebeneffekt, uns unter Menschen zu bringen und auch auf diese Weise das Gehirn zu erhalten."

Aha! Da haben wir's! Nicht nur Neurogenese, sondern auch noch Pflege des hauseigenen Dopaminsystems, unseres Belohnungssystems, das uns Glücksgefühle schenkt! Praktisch! Vor Begeisterung verschüttet die Fee ihren Milchkaffee. 

Tangolernen kann also wirklich glücklich machen. Wissenschaftlich bewiesen. Trotz (oder gerade wegen?) Blut und Schweiß und Tränen. Und wenn das Gehirn dabei Kundendienst erhält, ist das nicht verkehrt, oder?

Drum wohnt wirklich jedem Anfang eine Zauber inne. 
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. 
(Sagt Hermann Hesse. So ungefähr.)


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







Quelle: "Neustart im Kopf: Wie sich unser Gehirn selbst repariert" von Norman Doidge (3. März 2008)

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Sonntag, 4. Juni 2017

Bleiben Sie cool, Madame?! Gastbeitrag von Gerhard Riedl

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Tipps aus der Männerfraktion: Wie du die verflixte Multitaskingsucht in Griff bekommen kannst


Themenadäquat kredenze ich dir, Madame, heute OHNE ausführliche Anmoderation diesen feinen Text - garniert mit einem schlichten "Bühne frei für Gerhard Riedl"!

***

Meine Blogger-Kollegin Manuela Bößel steht derzeit unter Hochdruck: Tausend Ideen für neue Texte – gleichzeitig aber die Auswirkungen des Pflegenotstands, also jede Menge zusätzlicher Dienste. Dazu (wie meist bei solchen Engpässen) Aufträge für Illustration und Webdesign sowie heilpraktikerliches Unterrichten plus Behandeln.

Mein pragmatisches Angebot, ihr einen Gastbeitrag zu schreiben, nahm sie gerne an. Um eine Themenstellung gebeten, schrieb sie mir – vielleicht auch durch die aktuelle Situation angeregt – Folgendes:

Lieber Co-Blogger,

Frauen haben ja gern amal ein – nein, unzählige Probleme gleichzeitig und gleiten dann anschließend routiniert ins emotionale Drama ab. So wird alles noch viel schwieriger und flutscht nimmer effektiv. Problemlösung via Dramatik funktioniert selten oder gar nicht. Problemlösungsstrategie und Emotionsverstrickungen (suboptimale Affektkontrolle) passen halt gar nicht zusammen. Wenn kühle Taktik im Handeln fehlt, ist das Ergebnis kaum absehbar.


Männer scheinen mir da mit mehr Plan vorzugehen. Irgendwie pragmatischer. Schneller und effektiver Ziele erreichend.

Hat das was mit dem Totalitätsanspruch der Damen zu tun? Der Unfähigkeit, sich nur den einen hübschen, nutzbringenden Aspekt rauszupicken? Wie schaffen Männer, diesen „Ein-hochwichtiges-Projekt-das-jetzt-die-Welt-rettet-Modus“ einzuschalten? Und dann, komme was wolle, diese Mission durchzuführen. Beneidenswert prozessorientiert...  Statt „Wir-Frauen-sind-ja-sooo-multitasking-87-Missionen-gleichzeitig“ zu händeln!

Wie machen Männer das? 

Was können wir Frauen uns da abschauen? 
Welche "Schritte" könnt' man klauen?

Männerdingse - Drum frag ich einen Mann ;)

Danke und liebe Grüße, 
Manuela

Aber gerne – dann also los:

Bleiben Sie cool, Madame!


Die Anforderungen


Zufällig hörte ich gerade von einer anderen Bekannten, diese sei total überlastet. Und womit? Ausschließlich mit Problemen und Projekten anderer, ihr nahestehender Menschen, jedoch sämtlich volljährig und eigentlich fähig, sich zumindest primär selber um ihre hochmögenden Erledigungen zu kümmern. Möglicherweise kamen nicht einmal direkte Hilfeansuchen – nein: Es reicht schon, wenn solche Dinge traditionell in den Zuständigkeitsbereich der betreffenden Frau fallen. Schon werden sie in die Liste der 87 dringend zu erledigenden Aufgaben übernommen!

Aktivitäten dieser Bekannten für sich selber? Davon war nicht die Rede…


Die Folgen


Die Chance, bei der Anzahl nicht alles (und schon gar nicht perfekt) hinzubekommen, ist riesig – und damit die Chance auf ein Überforderungs- und Unzulänglichkeits-Drama fast hundertprozentig. Und das kostet ja auch noch Zeit (von den Nerven ganz zu schweigen…).

Es wird sogar noch verrückter: Sollte trotz allem ausnahmsweise eine umfassende Bewältigung gelingen, kann die betreffende Frau ihren Projektumfang ja noch steigern (und wird das vermutlich auch tun), um dann endlich die Überforderungsgrenze zu reißen – möglichst unter Einbeziehung des „Schuldbegriffs“ („Ich bin schuld, dass Person X Aktion Y versemmelt hat!“)

Freilich sind die Damen daran nicht alleine beteiligt – nein, die Herren erweisen sich da gern als behilflich, indem sie Aufgaben delegieren respektive ihnen solche von vornherein überlassen. Dies betrifft insbesondere folgende testosteronarme Gebiete:

  • Tätigkeiten mit hergebracht femininem Artikel: die Kindererziehung, Schule, Haushaltsführung, Nahrungsbeschaffung und -Zubereitung, Gartengestaltung, Betreuung (Kinder, Großeltern, Gäste, Handwerker), Pflege u.v.m.
  • langweilige, gleichförmige Arbeiten, welche nicht zu einem Ranking oder gar zu Heldentaten führen (z.B. Kartoffelschälen statt Autorennen)
  • berufliche Tätigkeiten ohne Aufstiegschancen und mit schlechter Bezahlung
  • alle Aktivitäten mit sozialer Zuwendung, aber ohne Möglichkeit zu Konkurrenzkampf und Personalisierung (also unter Ausschluss der Sache)


Warum tun die Männer das? 


Nun, aus y-chromosomaler Sicht muss ich natürlich Egoismus, Faulheit oder Schlampigkeit heftigst zurückweisen!

Zunächst einmal ist unsere männliche Unfähigkeit im Multi-Tasking natürlich ein grandioser Schutz vor Überforderung: Wir sehen, zumindest in gewissen Situationen, das zu Erledigende einfach nicht! Beispiel: Endspiel in der Fußball Champions League – was soll da sonst noch sein? Gar nix! Selbst wenn der Sprössling sich gerade anschickt, die Flasche mit dem Lackverdünner auszutrinken, kommt bestenfalls ein „Mutti, nimm ihm das mal weg…“.

Der Wegfall anderer Wahrnehmungen befähigt die Kerle natürlich zu einer pragmatischen, umfassenden Problemlösung: Flachbildfernseher, gemütliche Sessel, Bier, Flaschenöffner und Chips – alles perfekt beschafft und zeitgerecht umgesetzt! (Schließlich beginnt die Übertragung schon eine Stunde vorher mit dem üblichen Expertengeschwafel…)

Zudem sehen Frauen eine Aufgabe erst dann als erledigt an, wenn diese sachgerecht, umgehend und vollständig erfolgte sowie zudem noch das von ihr gestrickte, sorgfältig überwachte Beziehungsgeflecht nicht durcheinander bringt.

Männer sind da wesentlich weniger anspruchsvoll: Wenn die wesentlichen Bedürfnisse (Kampf, Konkurrenz, Adrenalin-Ausschüttung) befriedigt wurden, gilt die Sache (besser: der Gegner) als „erledigt“. Beziehungsgeflecht? Ach, die Kumpel verstehen’s schon… und die Weiber, ach geh!

Beispiel: Mit dem bestellten Handwerker ist man schon dann fertig, wenn man ihm bewiesen hat, dass er von der Sache nur halb so viel versteht wie man(n) selber (wenn man denn Zeit hätte, es persönlich zu machen). Den Typen beaufsichtigen, etwaige Fragen beantworten, ihm Kaffee kochen und sich um die Rechnung kümmern darf dann das Wesen, welches in bayerischen Dörfern gewöhnlich als „B‘frau“ bezeichnet wird – und das man hinterher zur Schnecke macht, wenn doch irgendwas nicht passen sollte (falls überhaupt noch nötig).

Nach Bewältigung einer Aufgabe (wie zweckdienlich auch immer) eilen Frauen sofort zur nächsten Baustelle.

Männer verweilen da länger, da noch Entscheidendes zu leisten ist: Die Dichtung eines Heldenepos über die siegreiche Umsetzung des Projekts – ganz wichtig für die Kumpels, wo die Geschichte gern durch wiederholte Schilderung an Dramatik zunimmt.

Merke: Für die Herren fängt das Drama am Ende an, bei den Damen zu Beginn!

„Irgendwie pragmatischer. Schneller und effektiver Ziele erreichend?“
Reine männliche PR – forget it!

Dass Dinge (und zwar nicht nur die getragenen Socken) wochenlang liegen bleiben, wäre für Frauen eine Katastrophe, für Männer ist dies der Normalfall (bis auf Notfälle wie die vergebliche Suche nach der neuesten Ausgabe der Autozeitung).


Fazit


Ich rate daher allen weiblichen Wesen zu einem unglaublichen Experiment: Eine Sache mal nicht zu erledigen und festzustellen, dass sich die Welt dennoch weiter dreht (auch wenn ihre maskuline Umwelt das Gegenteil prophezeit). Bei erfolgreichem Ausgang des Versuchs kann frau dies auf viele weitere Projekte ausdehnen, vor allem auf solche, die lediglich für andere zweckdienlich (also arbeitsentlastend) wirken.

Ich habe an zwei Büchern mit Erfahrungsberichten von Krebspatienten mitgearbeitet und leider festgestellt, dass Frauen dies oft erst unternehmen, wenn sie zur onkologischen Patientin mutiert sind – und dennoch häufig mit erstaunlichen Besserungs-Erfolgen!

http://milongafuehrer.blogspot.de/2015/02/krebs-wege-aus-der-lauten-stille-des.html

Daher mein Tipp: Eine solche Verhaltensänderung ist auch ohne Tumor-Befund möglich – und dann oft noch in wesentlich größerem Zeitrahmen machbar.

Diesen können Sie ausnutzen, um beispielsweise allein und ganz cool zum Tango zu gehen! Wär doch schon mal ein Anfang, Madame…

P.S. Sollte es in diesem Kontext zur Entsorgung des Lebenspartners kommen, hier noch sehr interessante Tipps, damit es nicht wieder der Falsche wird:
http://www.freundin.de/beziehungsfrage-7-maennertypen-mit-denen-sie-niemals-gluecklich-werden-268231.html

***
DANKESCHÖN!
Viel vergnüglichen Erfolg beim Umsetzen. Bin auch grade damit beschäftigt, und es tut gar nicht weh ;)

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







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Donnerstag, 11. Mai 2017

Zitronenhirse mit Mandeln kühlt hitziges Gemüt

"Elste Hilfe fül klale Gedankenfassung", sagt unser kleiner Chinese.


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FÜHLEN nicht fühlen.[zu deutsch: Fühlen, nicht führen]

Kennst du das?

Da hat dich jemand bis auf's Blut geärgert - sämtliche Schmerzkerben getroffen und wirklich alle Zorntriggerknöpfe gedrückt. Und dann bricht derjenige das Gespräch auch noch ab! Die Gründe sind egal! Vernünftig oder einfach organisatorisch, was auch immer! Du bist so richtig in Streitlaune. Dann setzt du dich ins Auto und führst den Dialog in Gedanken weiter, den Gegenpart zu übernehmen ist nicht schwierig, du weißt ja, was dein Gegenüber erwidern würde. So arbeitest du dich ganz alleine hartnäckig in eine veritable Wut hinein, bis du es nicht mehr aushältst und deinem Gegner fernkommunikatorisch dein Ergebnis vor den Latz knallst. Der weiß natürlich nicht, wie ihm geschieht, und kontert wutschnaubend. Das beweist dir eindeutig: Der andere ist ein ...! [Lieblingsschimpfwort einsetzen] Nix zu machen! Lösung außer Sicht! Großes Drama!

Ich geb es zu: Das passiert mir auch immer mal wieder. Aber ein bissel lernfähig bin doch.

Die Chinesen sagen, Shen (sowas wie die Seele oder der Geist) wohne im Herzen. Es befähigt uns, klare Gedanken zu fassen. Nimmt Unruhe (oder "Feuer") zu viel Raum im Herzen ein, hat Shen dort keinen Platz mehr. Im Eigenhirn aufräumen, jemandem unvoreingenommen zuhören oder sogar lösungsorientierte Konzepte entwickeln gestaltet sich dann schwierig bis unmöglich.

Das Einzige, was hilft, der Seele ihren angestammten Platz anzubieten, ist das Gemüt wieder auf Normaltemperatur zu kühlen.

Beschäftige deinen aufgewühlten Verstand lieber mit ganz anderen Dingen. Soll er sich doch dort austoben! Ein hervorragendes Alternativangebot für das agressive Hirn ist Kochen.

Mit den Händen werkeln, sich auf Kochdüfte und Umrühren konzentrieren, beruhigt und hilft gegen Hunger. Der - das weiß die ganze Welt, auch außerhalb Chinas - reizbaren Grant verstärkt, noch mehr als Föhn und Vollmond zusammen.

So kannst du via "Leibspeise" den Kühleffekt verstärken. Auch hier bieten uns die Chinesen feine Vorschläge, aus denen ich dir ein mit europäischen Ideen gemischtes Rezept zusammengestellt habe.
Bitteschön:

Zitronenhirse mit Mandeln


3-4 Portionen

250 g Hirse mit
1/2 TL Fenchelkörnern und
einer guten Prise Pfeffer (grünem oder rosa, wenn du hast) anrösten, bis die Hirse und Gewürze duften. Mit
600 ml Wasser ablöschen.
Saft einer Zitrone oder Limette zugeben
(Falls deine Zitrone es hergibt, kannst du auch ein wenig von der Schale abschaben und mitkochen.)
2 EL gehackte Mandeln
Salz
20 Min. köcheln lassen, bei Bedarf ein wenig Wasser nachgießen
10 Min. auf der heißen Herdplatte nachquellen lassen.
mit einem ordentlichen Stück Butter oder gutem Schluck Nussöl mischen

Dazu gibt's Joghurt mit frischen Früchten nach Belieben und Verfügbarkeit. Sehr fein schmecken Orangenstückchen und gehacktes Basilikum.

Fleisch ist zwar nicht vorgesehen in dieser Kühlkette, aber brat dir einfach ungeniert ein Stück, wenn's dich danach gelüstet.

Hast du dich kochend und schmausend beruhigt, wirst du bestimmt auch ganz gut schlafen können. Schlaf ist nämlich das zweite, wichtige Werkzeug der Wahl, um runterzufahren - lang und tief genug. Bei Bedarf könntest du mit Passionsblumentee, dem guten alten Baldrian oder Eduard Träumelschaf nachhelfen.

Lass dir schmecken und gute Ruhe!

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







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Dienstag, 2. Mai 2017

Katzengold

Die Fortsetzung von Peter Ripotas Gastbeitrag: 

"Mein Leben als Schiffskater"



Madame Rosalie hat mich gebeten, sie heute in ihrem "G'schäft" zu vertreten. Sie betreibt eine Praxis als Wahrsagerin mit Schwerpunkt "Rückführung in frühere Leben". Meinen Einwand, dass ich davon keine Ahnung hätte und mich dafür total inkompetent fühle, entkräftete sie:

"Erzähl den Klienten einfach, was sie hören möchten, was sie gerne gewesen wären. Das kannst du schon. Ist wie Tangotanzen. Hier hast noch eine Kurzeinweisung." Damit drückt sie mir einen handgeschriebenen Zettel in die Hand, klappt sie ihren Koffer zu, wirft uns Luftküsse herüber und entschwindet pfeifend Richtung Taxi und Urlaub.

Blut und Wasser schwitze ich, während ich mir meinen Schal zum Turban wickle und den schweren Wahrsagerinnen-Schmuck anlege. Pablo plaziert mich in Madames Plüschsessel, zieht die Vorhänge vor, sorgt für schummrige Beleuchtung und poliert noch einmal die Kristallkugel auf dem Tischlein vor mir. "Die ist nur Deko, keine Angst. Die Leut' mögen das. Du bist geheimnisvoll, und ich kümmere mich um's Organisatorische und die Gage, okay?", meint er im Rausgehen. Es hat geklingelt. Ich studiere noch einmal den Zettel.

Ich atme tief durch und sammle meine Restwürde, um sie der ersten Klientin zu präsentieren: Einer flotten, nach teurem Parfum duftenden Mittfünfzigerin in hohen Schuhen und Kostümchen, mit rot gefärbtem Kurzhaarschnitt und schmalen, manikürten Händen. Körperlich hart arbeiten wird diese Dame bestimmt nicht.

Sie hätte diese Sitzung zum Geburtstag geschenkt bekommen - "Ist das nicht drollig?" - und glaube ja eigentlich nicht an solche Sachen. Ihre Lachen perlt durch den Raum - das zweite "Ha" der Kaskade schlägt mir lauter und heller entgegen als die restlichen Lachanteile. Aber einen schon bezahlten Gutschein könne man ja nicht verfallen lassen, gell? Na toll. Zum Anfangen gleich "hoher Zickenfaktor". Darüber hat Rosalie nix gesagt.

Ihrem Spickzettel entsprechend bitte ich die Dame, ihre Augen zu schließen, und beginne ablesend mit der Tranceinduktion. Die funktioniert tatsächlich! Pablo blinzelt aufmunternd herüber, zeigt Daumenhoch. Dann bitte ich sie, sich umzusehen. Sie erzählt von grünem (?) Meer, einer frischen Brise und Salzgeschmack auf der Haut. "Nein, das ist ja Fell! Ich spüre Haare auf der Zunge!", korrigiert sie sich erstaunt.

Was ist das jetzt für ein Mechanismus? Die Kristallkugel beginnt sanft zu schimmern wie ein Opal. Blaue und grüne Schwaden formen ein Bild: Ozean bis zum Horizont, am unteren Rand dunkles, salzverkrustes Holz. Eine Reling? Eine wettergegerbte Männerhand gestikuliert durch die Szene.

Oh Gott! Wie soll ich denn da die ehemalige Prinzessin glaubhaft hineinerzählen?

"Drehen sie sich bitte um. Was sehen sie?"
Sie verzieht angeekelt das Gesicht: "Dreckige Kerle, ungefähr ein Dutzend. Die johlen und schmeißen welche über Bord. Grässlich! Und eine Frau, auch ungepflegt, aber ganz hübsch. Soweit ich sehen kann: Sie hat sich hinter dem Anführer versteckt. Warum sind die alle so riesig? Ich hab Angst!"
"Ist da auch Meer?"
"Ja, scheint ein Schiff zu sein. Der Boden schwankt ein wenig."
Pablo tupft diskret die kleine Wasserpfütze auf dem Tischlein fort. Es riecht nach Salz und Sonne auf Holz.

"Gut. Gehen wir ein Stück weiter in der Zeit. Wo sind sie jetzt? Ist es jetzt besser mit der Angst?"
"Ja. Ich glaub', wir sind jetzt unter Deck. Die Typen essen jetzt. Woah, wie die schmatzen und schlürfen. Puh! Und da hockt so ein struppiges Katzenviech ganz dicht neben mir. Das will sich wohl einschleimen. Ich hab Hunger!"

Die Kristallkugel zeigt, wie die weiße Katze den roten Kater von der Anrichte schubst. Der trollt sich zwischen die Stiefel der Anwesenden und futtert Herabgefallenes aus dem Dreck. Ein paar Happen reicht er an die ebenfalls anwesenden Ratten weiter. Die weiße Katze dagegen stolziert auf den Tischen hinüber zum Kopfende, wo der Käptain sie und das Frollein der letzten Szene mit Leckerbissen vom silbernen Gäbelchen verwöhnt. Ob die Klientin das auch so sieht? Sie lächelt zufrieden. Die Hoffnung, das Prinzessinnendings einzubauen, habe ich aufgegeben. Die Sitzung scheint trotzdem nicht ganz schlecht zu laufen.

Im nächsten Abschnitt schildert sie, wie die wilden Kerle sich die Fingernägel schneiden, dann schrubben und anschließend das Deck reinigen - schön hintereinander her im Kreis: der Schiffs-Ronda. Der Concertinaspielende gibt den Takt für die Putzbewegungen vor. Die Sonne scheint, ein lauer Wind bewahrt vor übermäßigem Schwitzen. Eine recht friedliche Szene, die abrupt mit dem Anprall des roten Katers an die Innenseite der Kristallkugel beendet wird. Ich erschrecke so sehr, dass mir das Herz bis Hals klopft. Hoffentlich hat sie keine Risse bekommen. Madame reißt mir den Kopf ab!

Das Katzenvieh gleitet an der Innenseite des Dekostücks hinab und landet - wie es sich für eine Katze gehört - auf den Füßen. Die Kundin erzählt derweil begeistert, dass jetzt auf dem Schiff alles so viel sauberer und ordentlicher wirke. Zivilisierter halt. Es gäbe jetzt sogar einen eigenen Damenabtritt mit Schildchen an der Tür! Im Hintergrund marschiert ein Batallion Ratten mit Rucksäcklein aus dem Bild. Der rote Kater schüttelt sein struppiges Fell, grüßt ein letztes Mal wie ein Degenheld seine Männer und schließt sich hatschend der Rattenreihe an. Dann ist er fort.

Die Klientin würde nun schnurren - wenn sie es im aktuellen Leben noch könnte. Pablo zeigt mahnend auf seine Armbanduhr. Im letzten Abschnitt ihres früheren Lebens schildert die Kundin hochzufrieden, wie sie der Schiffsmannschaft mit nicht vorhersehbaren Tatzenhieben beibrachte, sie so zu verwöhnen, wie es ihr zustand. Na, dann hat's ja doch noch geklappt mit dem Prinzessinenfaktor!
In der Kristallkugel zieht ein "Ende" in goldener Schnörkelschrift vorbei, dann wird sie wieder klar und unbelebt. So, als wär' nix gewesen.

Ich zähle rückwärts von 10 bis 1 - Rosalies Anweisungen folgend - führe die Klientin zurück ins Hier und Jetzt. Und mich auch. Pablo schaltet eine Lampe an. Die Dame streckt sich, ihre Armreifen klimpern. "Das war ja lustig! Ha-Ha-ha-ha! Woher haben sie denn gewusst, dass ich Tango-Kreuzfahrten anbiete?" Sie zieht einen Stapel Flyer aus der Handtasche, legt ihn wie selbstverständlich auf das Tischlein. Gut, dass Pablo die Pfütze aufgewischt hat. Nach "Tschüssi!" und zwei in die Luft gehauchten Küsschen stöckelt sie von dannen.

Pablo schließt die Praxistür hinter ihr und bringt mir einen starken Kaffee. Den brauch ich jetzt. Ganz schön aufregend. Ich hebe die Kristallkugel aus ihrem Samtbett und untersuche sie rundum: keine Kabel, keine Buchse, nix! Oh Mann! Rosalie, Rosalie...

Um die Zeit zum nächsten Termin zu überbrücken, werfen wir einen Blick in das abgesetzte Werbematerial: Auf dem Titelfoto grün-blaues Meer an Sonnenuntergang, davor prangen die teuer pedikürten Füße der Klientin in Tangostilettos. Gülden! Was sonst...


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







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Freitag, 21. April 2017

Fatale Umarmung

"Unsere liebe Frau" tut sich schwer mit Tango.

aus der Serie: Was Ihnen Ihr Tangolehrer nicht erzählt...

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Albin Egger-Lienz: Madonna (Wikipedia commons, gemeinfrei)


Zufrieden schmiegt sie sich in die Kissen, die ihren Rücken im Sessel stützen. Ihr Neugeborenes hält sie im Arm und stillt. Ihre Schultern runden sich, den Geborgenheit schenkenden Armen folgend, zu einem beschützenden Nest. Die auf den Hocker gestellten Beine mit weit geöffneten Knien lassen soldatische Abwehrsteife im unteren Rücken und Bauch schmelzen - gestatten stützend-weiche Ankuschelung für das kleine Wesen. Fast verstecken die gelösten Haare vor ihrem Gesicht ihr Lächeln: Madonna im Oxytocinrausch.

Liebendes Fließen

 - ein anrührendes Bild der Hingabe. Da ignorierst du gerne, dass sie riecht wie ein Wasserbüffel, so schön - beinahe magisch in archaischer Natürlichkeit - wirkt diese Umarmung.

Stellst du sie auf die Füße, ruht ihr Gewicht erdig auf den Fersen. Die Beine bleiben weich gebeugt. Ihr angehobenes Schambein initiert auch im Stehen die Anschmiegerundung. Zärtlich, ein bissel verletzlich wirkt sie. Leiblich gezeichnete Hingabe - so offen - körperoffen...


Altbewährt?

Dieses Bewegungsmuster muss sehr tief abgespeichert sein: Wirklich jede Frischmama, die ich erlebt habe während meiner Zeit auf der Wöchnerinnenstation und später, hat es drauf. Ohne es jemals gelernt zu haben oder drüber nachzudenken. Das Ziel dieses Automatikprogramms ist Vereinigung, überlebenswichtig für das schutzbedürftige Menschlein.

Und da unsere himmlischen Baumeister prima Funktionierendes nach Möglichkeit öfter als einmal einsetzen, finden wir das Muster auch in anderen Triggersituationen. Du ahnst es schon?
Yep! Quasi im Vorwort zu Wöchnerin. Stichwort "Vereinigung [erotische, liebende, ...]".

Dann benutzen die Menschen - auch die Männer - das altbewährte Bewegungsmuster zur Körperöffnung: Bei dieser Umarmungsversion bleibt die unangefochtene, strategische Bestimmung "Zusammenführung der ausführenden Keimzellen". Für die (doch meist gewünschte;) Zärtlichkeitserfüllung schmiegen sich die oberen Körperhälften rundend entgegen. So körperoffen wie möglich und ganz schmiegsam in der Mitte - alles weich (ausgenommen der Korrektheit wegen: seine Kronjuwelen).

Ein wunderbares Bewegungsmuster! Fühlt sich auch verdammt gut an. Du musst fast nix dafür tun, es funktioniert natürlich, unbewusst - ergo von allein.

Und weil es halt so schön ist, haben viele Menschen nur dieses eine Programm im internen Speicher zur Auswahl, wenn sie "Umarmung" hören und eine solche produzieren sollen. Mir ging es lange Zeit nicht anders: Bin drangehangen an meinen Tanzpartnern wie die Katz' am Pressack und hab mich geärgert, dass meine Achse nicht haltbar war.


Beim Tangotanzen hat das fatale Auswirkungen:


Dein Tangolehrer befiehlt "Umarmung" - dein (körperoffenes) Bewegungsprogramm springt an.

In Folge landet dein Gewicht auf den Fersen, dein Kreuzbein kippt am oberen Rand nach hinten weg und zieht die Wirbelsäule in hingebende Rundung. Dein Beckenboden und die unteren, queren Bauchmuskeln möchten lieber weich sein.

Aber du sollst ja mit der Brust am Tanzpartner pappen und dein Becken samt Beine irgendwie nach hinten bringen, weil dein Partner sonst an deine Knie stößt!

Du versuchst also tapfer, dein Muster an zig verschiedenen Stellen zu brechen.
Das ist anstrengend, sauschwierig und vergebliche Liebesmüh, so als ob du mit einer Piccoloflöte gegen ein ganzes Orchester antröteln wolltest. Anstatt dich auf deinen Tanzkompagnon, die Musik oder gar den gemeinsamen Tangotanz konzentrieren zu können, kämpfst du verzweifelt damit, einfach nicht umzufallen. Dein Gestell verfällt in globalen Regulationskrampf.

Wo sind Zärtlichkeit und Genuss hin verschwunden, die sonst das Umarmungsprogramm auslösen?

Diese körperoffene Haltung öffnet auch dein Gemüt, stimmt verletzlich: 

weit offene Pforten für die nahende TANGOKRISE! Du könntest plärren. Wenn dein Partner oder Tangolehrer jetzt seine Samthandschuhe auszieht, trifft dich Kritik ungefiltert bis ins Mark. Selbstzweifel und Ängste steigen auf aus dunklen Tiefen, die sonst der Öffentlichkeit verschlossen bleiben. Logisch, diese Haltung zeigst du ja eigentlich nur in geschützem, privat-intimem Rahmen.

Leider beobachte ich Dramen dieser Art auf beinah jeder Milonga.

Ja, ich weiß, "Umarmung" klingt halt so romantisch. So erotisch.
Das weckt Sehnsüchte, was marketingtechnisch super rüberkommt. Und der "Abrazo" ist unbestritten eines unserer Herzstücke beim Tango - ob weit oder eng, ist egal.

Was die Tango-Umarmung von der körperoffenen unterscheidet, ist aber gerade für einen Tangoanfänger kaum zu begreifen! Ein Normalmensch wird unbewusst bei dem Wort Umarmung die körperoffene antriggern und er wundert sich, warum's nicht klappt mit dem Führen, dem Folgen und der eigenen Balance.


Eine Lösung aus dem Dilemma 

ist das simple Austauschen der Vokabeln: aus der fatalen, für manchen Tango finalen "Umarmung" wird "guter Tangokontakt".

So hat dein Bewegungszentrum die Möglichkeit, frei von Altlasten neue Muster zu lernen, tangokompatiblere Formen der körperlichen Nähe zu entwickeln. Das dauert seine Zeit und erfordert Mut. Sei geduldig mit dir. Als Belohnung stellt sich irgendwann die Lebensfreude und stolze Geschmeidigkeit der KatzentatzenschleicherInnen ein, bei denen du siehst, dass es ihnen den Genuss aus jedem Knopfloch drückt. Ehrenwort!

Praktisch kannst du guten Tangokontakt so umsetzen:



An die Damen:
Ein guter Tangokontakt kann nur entstehen, wenn du ganz bei dir bist - er beginnt schon beim Aufstehen von deinem Stuhl. Langsam! Sammle dich. Eine Königin hampelt nicht hektisch umeinander. Sie wirft nicht eilend-dienstfertig ihr Strickjackerl von sich, wenn der Pascha pfeift.
Im Gegenteil - du gibst ihm die Ehre, mit dir tanzen zu dürfen!
Verbeiße dir sämtliche Hinweise auf gefühlte Defizite wie "Ich bin fei noch Anfängerin." (Der weiß das schon, keine Sorge.) Bau dich zu deiner vollen Größe auf, richte deine Krone und schreite gelassen (!), hocherhobenen Hauptes auf die Piste.

Für beide: 
Vor deinem Partner stehend verlagerst du dein Gewicht leicht auf die Ballen. Achte auf lockere Zehen. Die Füße leicht ausgestellt, berühren sich deine Fersen. Die Beine stehen eng, ein wenig im Knie gebeugt. Dein Beckenboden wartet in vorfreudigem Aktionstonus und bringt deine Sitzbeinhöcker näher zusammen. Das motiviert deine Wirbelsäule, sich ganz natürlich aufzurichten. Lass es zu! Schön, groß und entspannt! Dein Nacken balanciert deinen Kopf mit Leichtigkeit. Spürst du, wie zentriert sich das anfühlt? Eine zentrale Achse brauchst du unbedingt, wenn du entspannt tanzen möchtest. Nimm einen tiefen Atemzug in dein Herz hinein.
Wie gesagt, besinne dich zuerst auf dich selbst. Ein sehr wichtiger Schritt! Sonst ist kein guter Tangokontakt möglich, so paradox das auch klingen mag.

Wer von euch beiden mit der Kontaktaufnahme beginnt, ist euch überlassen.

Er nimmt ihre rechte Hand in seine linke, Finger und Handgelenke bleiben locker zwischen euch. Eure Ellbogen weisen entspannt zum Boden. Wählt eine Höhe, die euch beiden bequem ist.
Fühle die organische, durchgehende Linie vom Handrücken über die Schulter bis zum Nacken hinauf. Lass diese Linie offen und durchgängig.

Seine Rechte umfasst sie locker am Rücken ungefähr auf Höhe des unteren BH-Bands - so flexibel, dass sie die Distanz mitbestimmen kann. So spürst du schon in den Rückenmuskeln die Anbahnung seiner oder ihrer nächsten Bewegung.

Madame, denk dir ein Band auf der oberen Außenseite seines Arms, vom Ellbogen hinauf zum unteren Nacken. Male dir in Gedanken ein zweites Band auf die Innenseite deines Arms, beginnend in der Handfläche bis hinauf in die Achselhöhle. Lege deine Handfläche dort auf sein Band, wo es sich richtig anfühlt und zur Weite eurer Tanzstart-Haltung passt. Ändert sich nachher beim Tanzen der Abstand, darf dein Band auf seinem auf- und abgleiten. Nicht an seinem Bizeps einkrallen! Das mag er gar nicht. Ist also strikt verboten. Haltet auch diese Armlinien offen und geschmeidig, ohne Eckblockierungen.

Alle vier Schultern dürfen unten bleiben.

Wo ihr eure Köpfe hinsortiert, ist abhängig von eurer Größe und Vorlieben:
In enger Haltung mögen sich vielleicht die Stirnen berühren oder die Wangen oder Stirn an Kinn (hoffentlich bartkratzarm), in Riesen-und-Zwergen-Kombi klappt das aber nicht.
Auch wenn ihr mit größerem Abstand tanzt, bleiben die Häupter - komme was wolle! - stolz erhoben. Denk dir ein Buch auf den Scheitel.

Nähert euch Herz an Herz an, oder sachlicher: Den Kontaktbereich bestimmt das Brustbein. Heb es an. Bleib offen, so als würdest du einen tiefen Atemzug empfangen wollen.
Genau hier - zwischen den Herzen - bleibt ihr magisch-magnetisch verbunden, egal ob ihr eng oder weit tanzt.

Los geht's! 

Tanzt mit jedem Schritt (gefühlt) aufeinander zu, auch wenn einer von euch rückwärts geht und gerade dann, wenn's wackelt.

Das Ziel - die Spezialchallenge für Tangoanfänger - ist, den guten Tango-Kontakt im Paar zu halten. Darum dürfen sich beide kümmern. Geht der Kontakt verloren, nutze das als Gelegenheit, selbigen noch besser herzustellen, statt die Fehler-Alarmlämpchen anzuschalten. Tanz einfach weiter. Die genüsslichen Zeitfenster, in denen es funktioniert, werden länger. Die Routine macht's, glaub mir.

Und wenn dein guter Tangokontakt sich in deiner körpereigenen Schatzkiste als Wahlmöglichkeit fest etabliert hat, darfst du die Geschichte auch gerne wieder Umarmung nennen.

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel

P.S. Neu! Hol dir dein kostenloses Hörbuch "Eduard Träumelschaf"!







Bildnachweis:
https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Madonna_and_Child#/media/File:Egger-Lienz_-_Madona.jpg (public domain)

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Samstag, 15. April 2017

Ostereier aus der Hexenküche

Gesundunfug mit Schabernackgeschmack - trotzdem wahrscheinlich therapeutisch wertvoll


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Letzte Woche hab ich mir seit Langem Urlaub gegönnt. Nun melde ich mich offiziell wieder zurück mit fünf EIgenartigen Souvenirs im Gepäck: Heuer schenke ich dir zu Ostern ganz exquisite, eierliche Kostbarkeiten, die ich reisend gesammelt habe, und wünsche viel Vergnügen beim Verkosten!


Das 1. Ei hat sich als blaue Tulpe verkleidet.


Wusstest du, dass manche Zauberwesen in genau diesen Tulpen wohnen? Kein Wunder - dort drinnen ist einfach Ruh'. Umhüllt von blauem Dämmerlicht, geborgen, hineingekuschelt in die sanfte Rundung der Blütenblätter flattert dir federleicht entspannender Friede ins Herz.

Bei Bedarf einfach schütteln und auf einer weichen Unterlage platzieren. Dann entfaltet sich das Blumenei zur geeigneten, userkompatiblen Größe. Einsteigen, Blütenblatt schließen, runterfahren, genießen, fertig. Nach Gebrauch schrumpft es automatisch zurück auf diskrete Eierschachtelgröße.



Das 2. Ei: Samtiges Mitternachsschwarz


Oben am Berg, wo keine Straßenlaterne oder Fernsehgeflimmer aus Nachbars Wohnzimmer die Dunkelheit stört, findest du in Neumondnächten eine tiefe Schwärze, so schwer und samtig, dass sie sich durch die Fenster hereinzuwölben scheint. Dann schmeckst du den ersten langezogenen Geigenton von "Oblivion" hinten im Gaumen. Und die Sterne strahlen umso heller vor der Finsternis.

Ein wenig von diesem köstlichen Stoff habe ich für dich eingesammelt, heimlich ins Tal geschmuggelt, mit singender Silbernadel ans Ei genäht.

Zu streicheln bei melancholischen Zuständen und Sehnsucht nach der Sehnsucht. Oder beim Tango, um deinen Funkeleien dramaturgisch wertvollen Hintergrund zu schenken. Aber Obacht: Nicht zu viel! Die Dosis macht das Gift.



Das 3. Ei: Innen und außen prallvoll mit frischem Frühlingsgrün


Da, fühl mal, wie es vibriert, zum Bersten gefüllt mit Lebensfreude! Knospenden Ideen! Bittersüße Grünversprechen pusten dir die Starre des Winters aus Leib und Seele - duftend, geheimnisvoll neu. Alles wirkt möglich! "Jetzt! Jetzt! Jetzt!", plärren die Gänseblümchen, während Venus ihre Augenbrauen bürstet. Löwenzahn schmückt sich mit gelbem Hut und tanzt Polka auf geodelten Wiesen. Hossa! (Es war echt schwierig, das alles ins Ei zu stopfen.)

Brauchst du ganz dringend eine gute Portion Lebenslust, wird dieses Ei einfach explodieren und dich feinstofflich-energetisch fluten. Was in diesem Zusammenhang schlicht bedeutet, dass keine Grasflecken o.ä. auf deinem Kaschmirpulli oder Teppich zurückbleiben. Erfrischungsgrün tanzt dann herein durch deine Augentüren und weckt deine Sinne: die posaunentrötende Postwinterreinigungsdusche!


Das 4. Ei: Glutrot!


Ein Stück der Glut vom Feuer des Lebens - woher es stammt, weiß keiner mehr so genau. Aber in jeder Hexenküche wird es sorgfältig gehütet, geschürt und manchmal sogar geteilt. Natürlich nur mit Zeitgenossen, die es wertschätzen und pflegen wollen: mit dir zum Beispiel.

Dieses ganz besondere Ei wärmt dein Herz und deine Seele. Schau hinein und finde in glimmender Tiefe deine Leidenschaften. Die Hitze des Sommers wird deinen Tango würzen - heiß und vielleicht sogar chilischarf: Rojotango!

Aber gib Acht! Daran hat sich schon manch einer im Übermut die Pfoten verbrannt.


*** Bis hierher war's vegan.


Das 5. Ei, das einfach nur ein Ei sein möcht'


Als Nahrungsmittel haben Eier manchmal immer noch einen schlechten Ruf - zu Unrecht! Sie enthalten zwar eine Menge Cholesterin, auf deinen Cholesterinspiegel können sie aber - aufgegessen - kaum Einfluss nehmen: Diesen feinen Stoff bauen sich deine Leber und Darmschleimhaut schon selber zusammen. Cholesterin verwendet dein Körper, um Zellmembranen zu stabilisieren, und als Bauteil verschiedener Hormone und Gallensäuren.

Eier versorgen dich mit
  • richtig gut verwertbarem Eiweiß (für Fortgeschrittene: ...da sie alle 9 essentiellen Aminosären enthalten)
  • Vitaminen: A für die Augen, sämtlichen Bs für's Hirn und Nervensystem, Vitamin D für die Knochen und mehr (was jetzt zu weit führen würde), E als Antioxidans zum Zellschutz
  • und gesunden Fetten (Omega-3-Fettsäuren)
Feine Sache! (...und ich muss mir grad wirklich den blöden Begriff "Superfood" verbeißen.)

Mit Butter als Rührei? Weich oder hart? Pfannengespiegelt: "Sunny side down" oder Ochsenauge?
Egal in welcher Konfektion ein kostbarer Genuss: ein echter In-den-Mund-Hupfer.
Eisprung sozusagen:




Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel
P.S. Ostergeschenk: Hol dir dein kostenloses Hörbuch "Eduard Träumelschaf"!








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Freitag, 31. März 2017

Vorschläge zur Schwanzverlängerung

Wie du deine Attraktivität beim Tango erhöhen kannst


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Mal ganz ehrlich: Wer will das nicht? Mehr Anziehungskraft bedeutet schließlich schlicht mehr Tanzmöglichkeiten. Tango tanzen ist eine der Motivationen, warum wir eine Milonga besuchen. Meine auf jeden Fall. Eine "Schwanzverlängerung" kann sowohl den Damen helfen als auch den Herren der Schöpfung - und das in doppeltem Sinne!

Ladies...


Jawoll, Madame, alle Menschen besitzen einen - dieses rudimentäre Überbleibsel aus den Tiefen grauer Vorzeit. Inzwischen ist unser Schwanz, das Steißbein, evolutionär über die Jahrtausende geschrumpft, und weder sichtbar noch nutzen wir es bewusst.

Klein und geheim wohnt es am unteren Ende unserer Wirbelsäule. Du kannst es am werten Hinterteil unterhalb des Kreuzbeins an der Kimme gut tasten. Nur selten ruft es dir seine Existenz ins Gedächtnis, und nur wenn es gar nimmer anders geht, z.B. wenn du genau drauffällst.

Dabei gibt dein Gestell samt motorischer Steuerung sein Bestes, dass du eben nicht auf deinen Schwanz fällst. Droht ein Sturz, ob auf glattem Parkett oder beim Schlittschuhlaufen, lenken deine internen Helferlein deinen Körper automatisch so um, dass du irgendwie seitlich aufkommst: lieber das Radiusköpfchen im Eimer als das Steißbein. (Das klappt natürlich nicht, wenn du deine Füße auf einem Snowboard oder was auch immer festschnallst.)

Effektive Schwanzlenkung


Die Steuerungsmechanismen scheinen also auch heute noch zu funktionieren. Wie auch sonst? Das Steißbein dient vielen Muskeln als Ansatzstelle, die dich in aufrechter Balance halten - allen voran einigen Teilen des Beckenbodens. Drum schmerzt bei einer Steißbeinprellung das Husten und Lachen, weil der Beckenboden mitschwingt und dabei an seinen Andockstellen zieht.

Sogar die Augen und winzige Stellmuskeln ganz oben im Nacken ticken mit dem ehemaligen Schwanz im Takt. Auch wenn du es (noch) nicht spüren kannst, bewegt sich dein Steißbein eine Kleinigkeit nach links, sobald du nach links schaust, und vice versa.

Viele Tiere benutzen ihren Schwanz höchst geschickt zum Festhalten, Klettern oder um das Gleichgewicht zu halten. Die leichtfüßige Eleganz von Katzen zum Beispiel entsteht, weil unsere Tatzenschleicherin alle Teile ihres Bewegungsapparats harmonisch zusammenspielen lässt, nicht bewusst partiell ausbremst oder gar versucht sie zu kontrollieren. Wie sie sich nach einigen Stunden Tangounterricht allerdings bewegen würde, lasse ich lieber offen...

Die Software zur Schwanzbenutzung ist bei uns Menschen (auch uns Tangotänzern!) noch vorhanden. Möglichst störungsresistete Balance bildet die Basis für gute Technik - die Folgen sind Eleganz und Anmut der Bewegungen, erklärte Ziele aller Tangofraktionen.

Wieso sollten wir diese eh schon eingebauten Bewegungsmuster dann nicht nutzen? Nur weil der Schwanz als solcher nicht mehr sichtbar ist? Aber DA ist er!

So geht's


Um die alte, höchst effektive Motion-Software doch zu nutzen, verlängere in der Vorstellung einfach deinen Schwanz! Fühle sein Gewicht. Beobachte, wie sich deine Haltung von den Füßen bis zum Scheitel verändert, wenn du ihn einziehst, stolz nach oben reckst, ob er beim Gehen mitschwingt oder eher stabilisierend auf die Körperlinie wirkt wie bei unserer Katze. Vielleicht ändert sich sogar deine Stimmung. Spiele mit den Möglichkeiten.

Und dann trag ihn auf der Tanzfläche!
Entspannt, aufrecht, stolz und schön, Madame!
Eine begehrte, attraktive Tanguera, jawoll! 

Das hast du dann davon: eine bessere Technik, mehr Eleganz, schönere Tangos, mehr Tänze.


(Natürlich habe ich diese g'spinnerte Idee selber ausprobiert und bin immer noch fasziniert, wie schnell und effektiv die Schwanzverlängerung funktioniert.)


... and Gentlemen!


Ganz ehrlich, mein Herr, die altbekannte Variante des Themas - die mit der dreistelligen PS-Zahl und Raubkatze am Kühler - wirkt auf einer Milonga gar nicht. Auch die perfekte, kurszertifizierte Cabeceo-Ausführung verliert immens an Wirkung, wenn du eine Stunde vorher der Wunschtanguera die Türe ins Gesicht fallen hast lassen und den einzigen Stuhl in der Garderobe besetzt gehalten hast. Emanzipiert und höflich wie sie ist, wird sie sich die Schuh dann halt im Stehen an die Füße gepfriemelt haben.

Erzähl ihr nicht, wie toll du bist! 

Sie ist ja nicht blind und taub. Erzähl ihr NICHT von dir, von deinen Tanzkünsten, deiner Reise nach BA und vor allem nicht, wie Tango getanzt wird. Auch ihre Fehler und Defizite sind Themaverfehlungen. Trotzdem bleibt sie meistens höflich, deswegen unterbricht sie dich nicht.

Erzähle ihr lieber, wie toll sie ist. Mit oder ohne Worte.
Tanze dann genau auf diese Weise mit ihr.
Das ist marketingtechnisch zielführender.

Frauen lassen bei Kontaktaufnahme das "Wer darf der Bestimmer sein" einfach weg und gehen gleich "an die Arbeit". Spar dir also das unter Männern übliche Gedöns und tanz einfach.


Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau!


Sie - und nur sie allein - ist beim Tango deine Königin des Augenblicks.
Besonderes Obacht, wenn du mit deiner Lebensgefährtin/Ehefrau zur Milonga kommst: Die anderen Damen checken ganz genau ab, wie du mit der umgehst. Und ziehen ihre Schlüsse.

Hast du eine Traum-Tango-Runde hinter dir, behalte es für dich. Auf keinen Fall einer anderen Dame - vor allem deiner Begleiterin - den gerade erlebten Hochgenuss schildern! Der Kenner genießt und schweigt.

Frauen können viel mehr als oft angenommen wird: Bohrmaschine bedienen, Steuererklärung machen, Komposthaufen umsetzen, sich anziehen etc. Trotzdem mögen sie es, wenn du ihnen in den Mantel hilfst.

Wann hast du einer Tänzerin das letzte Mal ein Kompliment gemacht? Mit Worten oder nonverbal? (Ja, das geht!) Irgendwas Positives muss sie ja an sich haben, wenn du mit ihr tanzen möchtest, oder?
Komplimente sind in unseren Breiten verpönt, nutzt du sie doch, bildet das ein Alleinstellungsmerkmal. Aber vergiss auswendiggelernte Sprüche ganz schnell wieder. Komplimente wirken nur, wenn sie authentisch sind - die einzige Motivation für die Verteilung darf nur "der Spaß an der Freude" sein. Sonst nix.


Fazit: 


Neben feinen tänzerischer Fähigkeiten (Optimierung siehe oben) ist "Gentleman werden" (oder besser sein) die beste attraktivitätssteigernde Maßnahme (Schwanzverlängerung) für den Tanguero von Welt.

Setzt allerdings Übung im echten Leben voraus, aber die Tankwartin freundlich anlächeln oder deiner Kollegin die Tür aufhalten tut ja nicht weh, oder?

Echte Kavaliere alter Schule, routinierte Könner findest du auf jeder fast Milonga. Beobachte und lerne!
Viel Vergnügen!

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel
P.S. Und wer hier was anderes erwartet hat:
Honni soit qui mal y pense.;)





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Montag, 27. März 2017

Das Maß aller Dinge

Frühlingselegie und Kuchenrezept


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Frühlingselfe
Wann wird aus Erholen Faulenzen -
aus Fleiß die G'schaftlhuberei, die workaholige?
Wieviel Sofa-Krimi-Eigenbröteln ist erlaubt?
Die Waschmaschine läuft ja nebenher.
Vielleicht spazieren? Schönes Wetter.
Frühling ruft! Jawoll! Bewegen!
Will ich?
Die Amsel zwitschert fröhlich.
Hirn erst träge, dann ganz leer.
Fühlt sich gut an. Heut' ist Sonntag Nachmittag.
Geht schon. Oder doch nicht?
Darf ich?
Echt?
Was ist das richtige Maß?

Wann wird aus Versorgen Verwöhnen -
aus Abgrenzen Gleichgültigkeit?
Aus Kümmern um das Kind die Glucke -
aus "das Kind die eigenen Fehler machen lassen"
die Rabenmutterrobe?
Muss ich mich kümmern? Wer denn sonst!
Schau, das Kind, das kann das schon...
Echt? Kontrolle, immer, ständig -
eh nicht drin, wenn ehrlich bist.
Geh zum Tango! Kind ist gut versorgt.
Darf ich?
Echt?
Was ist das richtige Maß?

Wann wird aus Vorsicht Misstrauen?
Aus Angst zum Schutz ein eingesperrtes Leben?
Wer spricht denn da? Der Bauch? Das Hirn?
Vernunft, Erfahrung, Vorurteil?
Intuition oder Interpretation?
Sag feig!
Braucht's das Risiko? Wenn ja, wieviel?
Was geht? Soviel! Freilich! Wenn dich traust!
Was soll denn schon passieren?
Soll oder kann?
Oder doch lieber den Spatz braten, statt dem Täuble?
Raus mir dir! Geh auf die Jagd! Probier's halt aus!
Aber zieh dir fei ein Unterhemd an
und geh nicht mit fremden Männern mit,
ruft Oma hinterher.
Mach ich, Oma. Taschenmesser eingesteckt.
Nocheinmal erwischt's mich nicht, die Bagage, die lumpige.
Was ist das richtige Maß?

Wann wird aus Einlassen Selbstverlust?
Aus dem Lösen und Lassen Alleinsamkeit?
Bei mir sein UND bei dir sein?
Geht schon, sagt der Tango. Wie denn sonst?
Fühl halt. Glaub's halt endlich, zefix!
Lass den alten Schmarren sein.
Dann wär' wieder Platz.
Kein Loch.
So einfach könnt' das Leben sein.
Was ist das richtige Maß?

Wenn ich das nur wüsste...

Drum verwende ich die Frage nach dem richtigen Maß heut' lieber beim Kuchenbacken. Bei meinem Lieblingsrezept ist das richtige Maß nämlich ein bodenständiger, einfacher Joghurtbecher: das Backen macht den Kopf frei und den Bauch zufrieden. Ganz kommod ohne Abwiegen und sonstige Pritscheleien.

Erfahrungsgemäß stellen sich spätestens, wenn der Kuchen im Ofen anfängt zu duften, doch noch ein paar Antworten ein.

Intuition und Interpretation dürfen auch mitspielen: Passe die Zutaten einfach deinen momentanen Gelüsten und deinen Bordmitteln an. Et voilà! Bühne frei für den

Becherkuchen der Mäßigkeit!

Ofen vorheizen, ca. 180 Grad

1 Becher Joghurt (nackig)
in eine Rührschüssel füllen.
Becher auswaschen und gut abtrocknen.

1 Becher Zucker
zum Joghurt
Brauner Zucker schmeckt fein, weißer geht auch. KEIN Stevia. Schmeckt nicht. Ist aber erlaubt, wenn du drauf bestehst.

3 Becher Mehl
zum Joghurt und Zucker
Ich mag den Kuchen gerne mit Dinkelmehl. Oder du nimmst Weißmehl, oder streckst mit Kastanienmehl oder Kakao, ganz wie du magst.

1 Becher Öl
zum Joghurt, Zucker, Mehl
Sonnenblumenöl, Nussöle,... irgendein gutes Öl(-gemisch) halt, das dir schmeckt.

3 Eier
3 Teelöffel Backpulver
zum Teig

Dann darfst du dem Kuchen noch eigene Konfektionierungsideen schenken:
Gewürze (Zimt, Vanille, Kardamom, Muskat, Zitronenschale, ...)
Weinbeerle, Raspelnüsse, geschredderte Schokonikoläuse o.ä. nach Belieben

Alles gut durchquirlen, bis ein geschmeidiger Teig entsteht. Falls er noch nicht schwer ziehend von den Mixerfüßen fällt, gib noch ein bissel Mehl dazu.

Kuchenform - am besten ein Kasten - fetten, semmelbebröseln, oder einfach mit Backpapier ausschlagen. Teig hineinfüllen.

Ab in den Ofen! Für ca. 50 Minuten.
Piekse gegen Backende mit einem Holzstäbchen hinein:
wenn nix mehr kleben bleibt, ist er fertig.

Auf einem Gitter abkühlen lassen.

Puderzucker darf auch drauf oder Glasur, wenn magst.

Lass dir schmecken!
Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel






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Sonntag, 19. März 2017

Die wahren Unterschiede zwischen Männer und Frauen - Gastbeitrag von Peter Ripota


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WIE JETZT?

Im letzten Artikel ging es um die Gefahren des Eigenhirngebrauchs. Bist du mutig? Dann erklimmen wir das nächste Level, wo's noch gefährlicher wird. Obacht also! Könnte weltbildverkratzend wirken.
Peter Ripota kredenzt uns heute seine Gedanken über:  

Die wahren Unterschiede zwischen Männern und Frauen


Tagtäglich bestätigt es unsere Erfahrung, und die Wissenschaft fügt ihre diesbezüglichen Forschungsergebnisse beinahe monatlich hinzu: Es gibt angeborene Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Diese sind naturgegeben, allen feministischen Bemühungen zum Trotz, weil, die Männer haben im Hirn und auch sonstwo, was die Frauen nicht haben und weswegen diese die Männer zutiefst beneiden: Testosteron. Das macht den Mann zum echten Mann, schon vor der Geburt, und erst recht danach. Und hier sind die Beweise, durch zahlreiche Arbeiten von Psychologen, Soziologen, Anthropologen, Evolutionsbiologen, Archäologen und Theologen erhärtet:

- In der Steinzeit jagten Männer gefährliche Tiere (z.B. Mammuts), während die Frauen in den Höhlen ängstlich die Kinder hüteten, ein paar Wurzeln sammelten und sehnlichst auf die Rückkehr ihrer starken Beschützer warteten.

- Frauen sind von Natur aus monogam, wegen des hohen Aufwands der Kindererziehung, während jeder Mann jederzeit 100 Frauen beglücken und ebensoviele Nachkommen produzieren könnte (multipliziert mit einem testosteronabhängigen "Männlichkeitsfaktor"). Männer sind also von Natur aus polygam oder einfach nur "poly".

- Männer neigen zu höherem Risiko, beispielsweise im Sport und bei Bankgeschäften, während Frauen da lieber vorsichtig sind.

- Frauen können besser kommunizieren, weil bei ihnen der Balken, also der Nerven-Verbindungsstrang zwischen den Hirnhälften, dicker ist.

- Jungs wählen aus einem Haufen Spielzeug automatisch und instinktsicher Autos, Kräne, Eisenbahnen und Waffen, während die Mädels sich sofort Puppen, Schnuller, Wiegen und Diamanten grabschen.

- Männer spielen Fußball, Frauen tanzen. Das Umgekehrte verstößt gegen Naturgesetze.

- Männer sind verstandesbetont (und deswegen natürlich auch intelligenter als Frauen), Frauen leben in und von Gefühlen.

- Männer sind von Natur aus aggressiv, daher führen sie Kriege. Frauen sind von Natur aus nachgiebig, daher spinnen sie Wolle.

- Männer suchen sich ihre Frauen aus, Frauen sagen dann "ja", wenn er männlich genug ist, was zum Beispiel bedeutet, dass er einen BMW fährt oder einen Porsche, aber keinen Toyota Lieferwagen.
Usw. In mehreren höchst amüsanten und instruktiven Büchern hat die Australische Professorin für Geschichte und Philosophie der Wissenschaft, Cordelia Fine, diese Mythen unter die Lupe genommen und Stück für Stück zerfetzt. Siehe z.B. "Testosterone Rex: Unmaking the Myths of our Gendered Minds"
https://www.amazon.de/Testosterone-Rex-Unmaking-Myths-Gendered/dp/1785781618/ref=sr_1_3?s=books-intl-de&ie=UTF8&qid=1489009353&sr=1-3&keywords=cordelia+fine

Was sie sagte (und was ich aus anderen Publikationen oder aus persönlicher Erfahrung kenne), will ich hier kurz zusammenfassen. Gehen wir die einzelnen Punkte durch:

Das fröhliche Steinzeitleben

Im viktorianischen Zeitalter bildete sich der Mythos von den "Mammutjägern" heraus. Einige neuere, aber wenig bekannte Ausgrabungen haben im Steinboden in der Nähe von Höhlen feine Strichmuster gezeigt. Sie werden als Abdrücke von Netzen gedeutet, und diese Deutung stellt unsere Vorstellungen vom Steinzeitleben auf den Kopf: Frauen nutzten Netze zum Fangen von Kleinsäugern (Kaninchen, Eichhörnchen, Mäuse), lieferten also die täglich Nahrung, während die Männer irgendwo herumlungerten, sich langweilten und sich dann tolle Jagdgeschichten ausdachten, die ihnen zu Hause keiner glaubte.

Ein Mann kriegt hundert Frauen. 

Von wegen! In der Steinzeit waren Frauen etwa vier Jahre lang unfruchtbar, weil sie in dieser Zeit ihre Kinder säugten. Danach gab es ein kleines "Zeitfenster", selbst ein Kind zu zeugen, und schon waren die Frauen wieder schwanger. Doch selbst dieses Zeitfenster reichte meistens nicht, denn die Konkurrenz war groß, und der Stärkste setzte sich keineswegs durch, eher der Vertrauteste. Woraus dann die Monogamie entstand, bei der ein Mann viel mehr Möglichkeiten hatte, Nachkommen zu zeugen. (Außer, er hieß Dschingis Khan. Doch das ist eine andere Geschichte.).

Und die Frauen? Sie wollen die besten Gene, diese werden durch Samenzellen transportiert. Wer die liefert, ist nicht so wichtig. Deswegen sammeln zahlreiche Weibchen der unterschiedlichsten Tierarten, von Insekten bis Primaten, die Samenzellen diverser Männchen, um sie dann bei Bedarf einzusetzen. In diesem Sinn: Aus rein ökologisch-biologischen Gründen sind Männer von Natur aus monogam, Frauen aber poly!  Im übrigen: Im gesamten Tierreich herrscht Damenwahl - die Männer bewerben sich, die Damen aber wählen aus. Und die Männer als Beschützer? Die Gruppe bot Schutz genug, ein einzelner Mann war da uninteressant.

Die risikobereiten Männer. 

Frauen gehen bedeutend höhere Risiken ein als es Männer jemals könnten. Es beginnt mit der "natürlichen Bestimmung der Frau", also mit Schwangerschaft und Geburt. Früher starben die Frauen massenhaft im Kindbett, und selbst heute noch sind die finanziellen Risiken von Müttern wesentlich höher als die von Vätern. Das Armutsrisiko ist in Deutschland für alleinerziehende Mütter am größten. Männer bleiben/blieben im Beruf und suchen sich nach der Trennung eine andere Frau. Und was gefährliche Sportarten betrifft: Da haben die Frauen ganz schön aufgeholt, seitdem sie an solchen Aktivitäten teilzunehmen dürfen.

Der Balken. 

Der existiert im Hirn der (meist männlichen) Forscher. Die Auswertung aller möglichen Untersuchungen dazu hat ergeben: Der Balken ist bei Männern und Frauen gleich dick. Wenn Männer also weniger kommunizieren, können sie sich nicht auf zu dünne Nervenstränge ausreden. Sie sind einfach zu faul oder zu feig.

Geschlechtsspezifisches Spielzeug, geschlechtsspezifische Tätigkeiten. 

Was sich die sogenannte "Wissenschaft" bei solchen Untersuchungen leistet, grenzt an bodenlose Dummheit oder bewussten Betrug. Schickt man Jungs und Mädels (also Kinder) in einen Raum mit wahllos verstreutem Spielzeug, geschieht tatsächlich das, was die Psychologen beschreiben. Aber nicht etwa, weil Jungs eine natürliche Zuneigung zu Waffen und Mädchen eine solche zu Windeln haben, sondern aus einem ganz anderen Grund, den man sofort erkennt, wenn man sich einen Film über dieses Experiment ansieht: Die Kinder sind erst mal verwirrt, bis einer anfängt. Dann stürzen sich alle Buben auf das Spielzeug ihres Anführers, denn sie sind durch die Gesellschaft so programmiert (indoktriniert, gehirngewaschen), dass sie "männliches" Spielzeug wählen müssen, sonst werden sie als Schwächlinge aus der Gruppe ausgeschlossen. Bei Mädchen dürfte es ähnlich sein.

Dieses Verhalten setzt sich später fort: Mädchen werden in der Schule wegen ihrer mathematischen Begabung gemobbt und Jungen wegen ihrer tänzerischen Begabung gehänselt und als Schwulis abgetan. Offenbar herrscht in unserer Kultur - zumindest in Deutschland - die Gleichsetzung: Mathematik = verstandesmäßig, also ohne Gefühle, und eine Frau, die sich auch nur für so etwas interessiert, muss gefühlskalt sein. Dann ist sie keine richtige Frau. Und: Tanz = gefühlsmäßig, also unmännlich, und ein Mann, der sich für so was interessiert, muss naturgemäß schwul sein. Dann ist er kein richtiger Mann. Die Kultur sorgt dafür, dass diese Mythen bewahrt bleiben. Die Eltern geben sie an ihre Kinder weiter; wenn nicht, sorgt die Gruppe dafür, dass sich die Mitschüler mythenkonform verhalten. Siehe dazu:

Ungeliebte Talente: http://newsletter.peter-ripota.de/newsletter/3736.htm

Und:
Warum Männer nicht tanzen: http://newsletter.peter-ripota.de/newsletter/4043.htm

Intelligenz. 

Der deutsche Neurophysiologe Paul Julius Möbius (1853 - 1907) ist der Nachwelt in Erinnerung durch sein Machwerk "Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes" (1900). Darin zeigte er: Frauen haben im Durchschnitt kleinere Gehirne als Männer (was stimmt), folglich sind sie dümmer. Später kam jemand auf die Idee, die Gehirngröße zur Körpergröße in Bezug zu setzen. Ergebnis: Frauen haben, relativ gesehen, größere Gehirne als Männer. Woraus die Forscher folgerten: Frauen sind immer noch dümmer als Männer! Denn sie brauchen zur gleichen Denkleistung größere Gehirne. Das ist die Logik der Wissenschaft! Und gerade hab ich auf Facebook gelesen:
"Frauen sind schwächer, sie sind kleiner und sie sind weniger intelligent", sagte der polnische EU-Abgeordnete Januz Korwin-Mikke. Natürlich müssten sie daher weniger verdienen als Männer, findet der Mann. Na bitte, der Mann kennt seine Wissenschaft.

Siehe dazu:  
Sind Mädchen intelligenter als Jungs? http://newsletter.peter-ripota.de/newsletter/4238.htm

Kriege. 

Warum die Menschheit Kriege führt, ist immer noch ungeklärt und bedarf einer eigenen Untersuchung. Jedenfalls hat Kriegsführung nichts mit der "Natur" des Menschen zu tun. "Natürlich" ist der Krieg nicht, denn es gibt zahlreiche Kulturen, die friedlich waren oder sind. Die sogenannte "Industal-Zivilisation" lebte tausend Jahre ohne Krieg, und zahlreiche "primitive" (nicht zivilisatorische) Völker kennen keine kriegerischen Auseinandersetzungen.

An dem allen soll das Hormon Testosteron schuld sein. Dabei sind männliche und weibliche Hormone bei Männern und Frauen vorhanden, zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Mengen, je nachdem, ob sie gebraucht werden oder nicht. Es ist immer praktisch, etwas oder jemand die Schuld an allem zu geben, dann braucht man sich nicht mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Merci, lieber Peter!
Herzliche Grüße und bis bald,

Manuela
(die Frau mit dem kleineren oder größeren Gehirn)





Dieser Artikel erscheint zeitgliech in Peter Ripotas "Notizen aus dem schwarzen Loch"
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