Sonntag, 19. März 2017

Die wahren Unterschiede zwischen Männer und Frauen - Gastbeitrag von Peter Ripota


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WIE JETZT?

Im letzten Artikel ging es um die Gefahren des Eigenhirngebrauchs. Bist du mutig? Dann erklimmen wir das nächste Level, wo's noch gefährlicher wird. Obacht also! Könnte weltbildverkratzend wirken.
Peter Ripota kredenzt uns heute seine Gedanken über:  

Die wahren Unterschiede zwischen Männern und Frauen


Tagtäglich bestätigt es unsere Erfahrung, und die Wissenschaft fügt ihre diesbezüglichen Forschungsergebnisse beinahe monatlich hinzu: Es gibt angeborene Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Diese sind naturgegeben, allen feministischen Bemühungen zum Trotz, weil, die Männer haben im Hirn und auch sonstwo, was die Frauen nicht haben und weswegen diese die Männer zutiefst beneiden: Testosteron. Das macht den Mann zum echten Mann, schon vor der Geburt, und erst recht danach. Und hier sind die Beweise, durch zahlreiche Arbeiten von Psychologen, Soziologen, Anthropologen, Evolutionsbiologen, Archäologen und Theologen erhärtet:

- In der Steinzeit jagten Männer gefährliche Tiere (z.B. Mammuts), während die Frauen in den Höhlen ängstlich die Kinder hüteten, ein paar Wurzeln sammelten und sehnlichst auf die Rückkehr ihrer starken Beschützer warteten.

- Frauen sind von Natur aus monogam, wegen des hohen Aufwands der Kindererziehung, während jeder Mann jederzeit 100 Frauen beglücken und ebensoviele Nachkommen produzieren könnte (multipliziert mit einem testosteronabhängigen "Männlichkeitsfaktor"). Männer sind also von Natur aus polygam oder einfach nur "poly".

- Männer neigen zu höherem Risiko, beispielsweise im Sport und bei Bankgeschäften, während Frauen da lieber vorsichtig sind.

- Frauen können besser kommunizieren, weil bei ihnen der Balken, also der Nerven-Verbindungsstrang zwischen den Hirnhälften, dicker ist.

- Jungs wählen aus einem Haufen Spielzeug automatisch und instinktsicher Autos, Kräne, Eisenbahnen und Waffen, während die Mädels sich sofort Puppen, Schnuller, Wiegen und Diamanten grabschen.

- Männer spielen Fußball, Frauen tanzen. Das Umgekehrte verstößt gegen Naturgesetze.

- Männer sind verstandesbetont (und deswegen natürlich auch intelligenter als Frauen), Frauen leben in und von Gefühlen.

- Männer sind von Natur aus aggressiv, daher führen sie Kriege. Frauen sind von Natur aus nachgiebig, daher spinnen sie Wolle.

- Männer suchen sich ihre Frauen aus, Frauen sagen dann "ja", wenn er männlich genug ist, was zum Beispiel bedeutet, dass er einen BMW fährt oder einen Porsche, aber keinen Toyota Lieferwagen.
Usw. In mehreren höchst amüsanten und instruktiven Büchern hat die Australische Professorin für Geschichte und Philosophie der Wissenschaft, Cordelia Fine, diese Mythen unter die Lupe genommen und Stück für Stück zerfetzt. Siehe z.B. "Testosterone Rex: Unmaking the Myths of our Gendered Minds"
https://www.amazon.de/Testosterone-Rex-Unmaking-Myths-Gendered/dp/1785781618/ref=sr_1_3?s=books-intl-de&ie=UTF8&qid=1489009353&sr=1-3&keywords=cordelia+fine

Was sie sagte (und was ich aus anderen Publikationen oder aus persönlicher Erfahrung kenne), will ich hier kurz zusammenfassen. Gehen wir die einzelnen Punkte durch:

Das fröhliche Steinzeitleben

Im viktorianischen Zeitalter bildete sich der Mythos von den "Mammutjägern" heraus. Einige neuere, aber wenig bekannte Ausgrabungen haben im Steinboden in der Nähe von Höhlen feine Strichmuster gezeigt. Sie werden als Abdrücke von Netzen gedeutet, und diese Deutung stellt unsere Vorstellungen vom Steinzeitleben auf den Kopf: Frauen nutzten Netze zum Fangen von Kleinsäugern (Kaninchen, Eichhörnchen, Mäuse), lieferten also die täglich Nahrung, während die Männer irgendwo herumlungerten, sich langweilten und sich dann tolle Jagdgeschichten ausdachten, die ihnen zu Hause keiner glaubte.

Ein Mann kriegt hundert Frauen. 

Von wegen! In der Steinzeit waren Frauen etwa vier Jahre lang unfruchtbar, weil sie in dieser Zeit ihre Kinder säugten. Danach gab es ein kleines "Zeitfenster", selbst ein Kind zu zeugen, und schon waren die Frauen wieder schwanger. Doch selbst dieses Zeitfenster reichte meistens nicht, denn die Konkurrenz war groß, und der Stärkste setzte sich keineswegs durch, eher der Vertrauteste. Woraus dann die Monogamie entstand, bei der ein Mann viel mehr Möglichkeiten hatte, Nachkommen zu zeugen. (Außer, er hieß Dschingis Khan. Doch das ist eine andere Geschichte.).

Und die Frauen? Sie wollen die besten Gene, diese werden durch Samenzellen transportiert. Wer die liefert, ist nicht so wichtig. Deswegen sammeln zahlreiche Weibchen der unterschiedlichsten Tierarten, von Insekten bis Primaten, die Samenzellen diverser Männchen, um sie dann bei Bedarf einzusetzen. In diesem Sinn: Aus rein ökologisch-biologischen Gründen sind Männer von Natur aus monogam, Frauen aber poly!  Im übrigen: Im gesamten Tierreich herrscht Damenwahl - die Männer bewerben sich, die Damen aber wählen aus. Und die Männer als Beschützer? Die Gruppe bot Schutz genug, ein einzelner Mann war da uninteressant.

Die risikobereiten Männer. 

Frauen gehen bedeutend höhere Risiken ein als es Männer jemals könnten. Es beginnt mit der "natürlichen Bestimmung der Frau", also mit Schwangerschaft und Geburt. Früher starben die Frauen massenhaft im Kindbett, und selbst heute noch sind die finanziellen Risiken von Müttern wesentlich höher als die von Vätern. Das Armutsrisiko ist in Deutschland für alleinerziehende Mütter am größten. Männer bleiben/blieben im Beruf und suchen sich nach der Trennung eine andere Frau. Und was gefährliche Sportarten betrifft: Da haben die Frauen ganz schön aufgeholt, seitdem sie an solchen Aktivitäten teilzunehmen dürfen.

Der Balken. 

Der existiert im Hirn der (meist männlichen) Forscher. Die Auswertung aller möglichen Untersuchungen dazu hat ergeben: Der Balken ist bei Männern und Frauen gleich dick. Wenn Männer also weniger kommunizieren, können sie sich nicht auf zu dünne Nervenstränge ausreden. Sie sind einfach zu faul oder zu feig.

Geschlechtsspezifisches Spielzeug, geschlechtsspezifische Tätigkeiten. 

Was sich die sogenannte "Wissenschaft" bei solchen Untersuchungen leistet, grenzt an bodenlose Dummheit oder bewussten Betrug. Schickt man Jungs und Mädels (also Kinder) in einen Raum mit wahllos verstreutem Spielzeug, geschieht tatsächlich das, was die Psychologen beschreiben. Aber nicht etwa, weil Jungs eine natürliche Zuneigung zu Waffen und Mädchen eine solche zu Windeln haben, sondern aus einem ganz anderen Grund, den man sofort erkennt, wenn man sich einen Film über dieses Experiment ansieht: Die Kinder sind erst mal verwirrt, bis einer anfängt. Dann stürzen sich alle Buben auf das Spielzeug ihres Anführers, denn sie sind durch die Gesellschaft so programmiert (indoktriniert, gehirngewaschen), dass sie "männliches" Spielzeug wählen müssen, sonst werden sie als Schwächlinge aus der Gruppe ausgeschlossen. Bei Mädchen dürfte es ähnlich sein.

Dieses Verhalten setzt sich später fort: Mädchen werden in der Schule wegen ihrer mathematischen Begabung gemobbt und Jungen wegen ihrer tänzerischen Begabung gehänselt und als Schwulis abgetan. Offenbar herrscht in unserer Kultur - zumindest in Deutschland - die Gleichsetzung: Mathematik = verstandesmäßig, also ohne Gefühle, und eine Frau, die sich auch nur für so etwas interessiert, muss gefühlskalt sein. Dann ist sie keine richtige Frau. Und: Tanz = gefühlsmäßig, also unmännlich, und ein Mann, der sich für so was interessiert, muss naturgemäß schwul sein. Dann ist er kein richtiger Mann. Die Kultur sorgt dafür, dass diese Mythen bewahrt bleiben. Die Eltern geben sie an ihre Kinder weiter; wenn nicht, sorgt die Gruppe dafür, dass sich die Mitschüler mythenkonform verhalten. Siehe dazu:

Ungeliebte Talente: http://newsletter.peter-ripota.de/newsletter/3736.htm

Und:
Warum Männer nicht tanzen: http://newsletter.peter-ripota.de/newsletter/4043.htm

Intelligenz. 

Der deutsche Neurophysiologe Paul Julius Möbius (1853 - 1907) ist der Nachwelt in Erinnerung durch sein Machwerk "Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes" (1900). Darin zeigte er: Frauen haben im Durchschnitt kleinere Gehirne als Männer (was stimmt), folglich sind sie dümmer. Später kam jemand auf die Idee, die Gehirngröße zur Körpergröße in Bezug zu setzen. Ergebnis: Frauen haben, relativ gesehen, größere Gehirne als Männer. Woraus die Forscher folgerten: Frauen sind immer noch dümmer als Männer! Denn sie brauchen zur gleichen Denkleistung größere Gehirne. Das ist die Logik der Wissenschaft! Und gerade hab ich auf Facebook gelesen:
"Frauen sind schwächer, sie sind kleiner und sie sind weniger intelligent", sagte der polnische EU-Abgeordnete Januz Korwin-Mikke. Natürlich müssten sie daher weniger verdienen als Männer, findet der Mann. Na bitte, der Mann kennt seine Wissenschaft.

Siehe dazu:  
Sind Mädchen intelligenter als Jungs? http://newsletter.peter-ripota.de/newsletter/4238.htm

Kriege. 

Warum die Menschheit Kriege führt, ist immer noch ungeklärt und bedarf einer eigenen Untersuchung. Jedenfalls hat Kriegsführung nichts mit der "Natur" des Menschen zu tun. "Natürlich" ist der Krieg nicht, denn es gibt zahlreiche Kulturen, die friedlich waren oder sind. Die sogenannte "Industal-Zivilisation" lebte tausend Jahre ohne Krieg, und zahlreiche "primitive" (nicht zivilisatorische) Völker kennen keine kriegerischen Auseinandersetzungen.

An dem allen soll das Hormon Testosteron schuld sein. Dabei sind männliche und weibliche Hormone bei Männern und Frauen vorhanden, zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Mengen, je nachdem, ob sie gebraucht werden oder nicht. Es ist immer praktisch, etwas oder jemand die Schuld an allem zu geben, dann braucht man sich nicht mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Merci, lieber Peter!
Herzliche Grüße und bis bald,

Manuela
(die Frau mit dem kleineren oder größeren Gehirn)





Dieser Artikel erscheint zeitgliech in Peter Ripotas "Notizen aus dem schwarzen Loch"
http://ya0m.r.bh.d.sendibt3.com/33iezjw17fl.html
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Freitag, 10. März 2017

Ist Selberdenken echt gefährlich?

Sicherheitshinweise zum Eigenhirngebrauch

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Fritz fischt in seinen Gedanken und findet einen toten Fisch.



Willst du nicht von einem Sattelschlepper überfahren werden, nutzt es nix, dessen Existenz einfach zu leugnen. Bist du dir der Gefahr bewusst, siehst du ihn und kannst rechtzeitig ausweichen. Oder den Fahrer zu einer Tasse Kaffee einladen. Du hast dann die Wahl.

Da ich dich ja immer wieder mutwillig anstifte, dir eine eigene Meinung zu bilden, will ich dir die Risiken nicht verschweigen. Für Jules Seelenfrieden ist es leider schon zu spät. Ich hoffe, sie konnte das Trauma verarbeiten.

Jule und die Gelbwurst
Wir schlendern durch den Supermarkt. Sohn Nr. 1 samt Kindergartenfreundin betrachten die Fischauslage. Jule, ein rothaariges Elflein, singt den aufgereihten Heringen ein Schlaflied, was Sohn Nr. 1 mit "Die sind fei total tot!" kommentiert. Tränlein kullern. "Lebendig würdest sie ja nicht essen wollen, oder?" Julchen mag eh keinen Fisch. Lieber Gelbwurst, die sei nicht tot. Bevor ich es verhindern kann, eröffnet mein aufgeklärtes Kind ihr die Verknüpfung von "Schwein, lebendig, mit Augen" und ihrer geliebten "Gelbwurst". Sie plärrt die nächsten drei Stunden wie am Spieß und ich bin froh, dass mich ihre Mutter nicht wegen Kindsmisshandlung anzeigt.


Gefahr Nr. 1: Du entdeckst Dinge und erkennst Zusammenhänge, die dir vielleicht gar nicht gefallen.

Ob das tote Tiere sind oder nach Jahrzehnten das wahre Gesicht hinter einer Maske, ist egal. Noch unangenehmer wird's, wenn die eigenen Sich-in-die-Tasche-Schwindeleien aus der Kitteltasche spähen, forsch in dein Blickfeld krabbeln und am liebgewonnenen Selbstbild kratzen. Da klemmt sich der kleine Nervenzusammenbruch schon mal an den Startblock. Und grinst.


Gefahr Nr. 2: Du wirst unbequem und lästig.

Willst du diesen Aspekt einmal richtig auskosten, dann lies einen Vertrag und stelle Fragen, wenn du etwas nicht verstehst, fordere Erklärungen, BEVOR du unterschreibst! Funktioniert fein bei Finanzberatern oder beim Formularkrieg vor einem medizinischen Eingriff.

Erläuterungen kosten schließlich Zeit! Und Zeit ist Geld!
Das gehört zum Grundwissen der Finanzjongleure und Ärzte.


Gefahr Nr. 3: Eigenhirngebrauch erfordert Aufwand!

Nicht nur die Zeit, die Nerven (und das Geld) der anderen strapazierst du, wenn du dein Hirn nutzt - auch musst du investieren. Echt unbequem: recherchieren, Konzentration aufbringen, schwierige Sachverhalte verstehen, sammeln, abwägen und dann noch entscheiden! Zu deiner Wahl stehen, deine Meinung vertreten. Vielleicht sogar ins Handeln kommen? Puh!

Ziehst du das wirklich durch, hast du gute Chancen für arrogant und/oder unbelehrbar gehalten zu werden, ein Spinner halt. "Alles Idioten außer dir, oder?" Keiner wird dich mehr mögen. Wer will das schon? Du wirst für andere gefährlich! Echt! Simple Gründe:


Gefahr Nr. 4: Du entwickelst eine partielle Regelintoleranz

Sätze wie "Haben wir immer schon so gemacht!", "Alle sagen das!" oder die "wirklich genau und total authentische so wie in Buenos Aires"-Milonga beeindrucken dich nicht mehr. Wenn's bei diesen Begründungen bleibt. Vielleicht beschließt du sogar, ein paar Regeln gar nicht mehr zu befolgen - einfach, weil du keinen Sinn darin erkennen kannst. Und weil es aus deiner Sicht niemand anderem schadet.

Oder du stürzt in tiefste Verwirrung! Vielleicht willst du dich ja an eine bestimmte Norm halten, verstehst aber leider nicht, was man genau von dir möchte. Vorsicht Falle! Die genaue Definition des erwünschten Verhaltens kann oder will dir dein Gegenüber nicht geben. "Eheleute müssen halt Kompromisse schließen" bedeutet in manchen Familien, dass sich die Ehefrau den verschiedensten Launen ihres Göttergatten unterwirft oder seinen wechselnden Plänen bedingungslos folgt - wenn's sein muss im Zickzack. Ihre "Familienkompatibilität" wird so in eine nicht greifbare Schwammigkeit hineinversteckt. Die genaue Definition kann nicht gefunden werden, weil es keine Feststehende gibt! Da kann sich die Eigenhirnnutzerin noch so anstrengen! Keine Chance!

Der Stempel "Regelverletzer, zwanghaft" ist dir bald sicher! Ich verrate dir ein Geheimnis: Manche Menschen meinen, wenn du EINE Regel brichst und die andere "nur" in Frage stellst, musst du Anarchist sein und willst dich an überhaupt keine Normen oder Gesetze halten.

Und wer sich nicht an die Vorschriften hält, gefährdet die Horde.


Gefahr Nr. 5: Alleinsamkeit droht!

Regelverletzer sind für manche Gruppen nicht tragbar. Sie gefährden den Frieden und die Harmonie. Manchmal auch Machtpositionen. Die anderen Mitglieder könnten sich infizieren, nicht mehr integer sein, anfangen mit Nachfragen, Nachdenken! Wo soll das denn hinführen? Wie soll da die "korrekte Einordnung" (korrekte Einnordung?) sichergestellt werden?

Dann wird du als Selberdenkerin erst mal belehrt. Die Gruppe probiert, dich zu den richtigen Werten zurückzuführen. Gell? Sträubst du dich gar widerborstig, dich re-bekehren zu lassen, wird gerne ein externer Verursacher gesucht. Du bist ja nur eine Frau und finanziell oder sonstwie abhängig. Die Horde wird dann versuchen, dich zu isolieren: damit du den bösen Einflüsterungen entgehst. Dich im süßen Schoß der Gruppe wiegen, damit du dich wieder beruhigst und Ruhe gibst. Wehrst du dich immer noch - zu Recht, wie du meinst - schmeißen sie dich raus. Schweigen, Feierabend. Allein. Einsam.

Mit männlichen Eigenhirnnutzern gehen Rudel oft nicht so zimperlich um: kurz kämpfen - am besten blutig, unter der Gürtellinie, Sachvervalte irrelevant, dann Rausschmiss. Anschließend sattes Nachtreten, ein bissel namenlos, ein bissel unsichtbar, ein bissel schmutzig. Treffsicher? Im Namen der Horde, nur drauf auf den Nestbeschmutzer! Büßen soll er! In alle Ewigkeit! Allein. Einsam.

Ausreichende Sturheit vorausgesetzt, ist dir die Exgruppifizierung respektive Entfamilisierung sicher. Scheiterhaufen sind aus der Mode, außerdem illegal. Und geschiedene Frauen dürfen einen Führerschein haben, sogar arbeiten gehen. Ist das nicht cool?

Willst du allerdings als Mittvierziger(in) oder so deinen Lebensunterhalt - bereitgestellt von La Sagrada Família - lieber nicht gefährden, rate ich dringend vom Selberdenken ab!


Gefahr Nr. 6: Eigenhirngebrauch macht süchtig.

Hast du dich an regelmäßigen Gebrauch erst gewöhnt, wirst du die Selberdenkerei so schnell nicht mehr los. Du wirst dich nach den zwar dumpfen, aber gemütlichen Zeiten sehnen, als Gelbwurst sich aus dem Nichts an der Wurstheke materialisierte, du mit dem latinoesken Tangolehrer vom Postkarten-Buenos Aires träumtest und fest davon überzeugt warst, dass Gruppen (welcher Erscheinungsform auch immer) lediglich eine Ansammlung stets vernünftig agierender Erwachsener wären.

Dein aufgewecktes Hirn wird nach einer Dosissteigerung verlangen. Einiges, was dir bisher den Kick verschafft hat, wird dich vielleicht bald langweilen und nach anregenderem Zeugs Ausschau halten lassen. Eine neue Milonga finden? Mit gemischter, moderner Musik? Weit fort? Neue Gesprächspartner finden? Womöglich musst du nachts um drei noch beim Internetdealer deines Vertrauens neuen E-Book Stoff herunterladen. Oder mal Jazz hören! Oder eine Operette? Kostet Zeit und Geld! Manchmal sogar alte Freundschaften.


Fazit: 

Ja, Selberdenken IST gefährlich! 

Was soll das dann?

Wieso solltest du dir das antun?

Es gibt heute doch so viele Identitätsversatzteile, aus denen man sich ein Selbstbild samt zugehörigem Meinungs-Gedankenpaket zusammenbasteln kann. Ist doch ganz kommod?! Anders als früher, als jede wusste, wo er "hingepflanzt" war, wer was tun durfte und was nicht - als die Gesellschaft starr war. Informationen als Hirnfutter konnte man nicht einfach mal schnell von Tante Google liefern lassen oder bei Youtube lernen. War damals der Freiheitsdruck als Anreiz zum Eigenhirngebrauch und somit persönlicher Entwicklung größer? Was meinen die Damen und Herren der 68-er Fraktion denn dazu?

Ich will dir jetzt auch kein aufklärerisches Gedankengut hinlöffeln. (Das darfst du, wenn's beliebt, selber nachlesen. Gugschdu Wikipedia oder sonstwo.)

Es ist viel einfacher:

Belohnung Nr. 1: Du kommst authentisch daher.

Manche Zeitgenossen mögen das sehr: deine Einzigartigkeit. Die Folgen? Tiefe, reflektierte, auch kritische Gespräche. Von anderen Sichtweisen kosten. Gemeinsamkeiten finden. Oder Unterschiede. Oder beides, auch wenn's paradox wird. Respekt vor den (Hirn-)Leistungen anderer. Lernwille.

Ich schreibe bewusst nicht von Szenen oder Gruppen, sondern von Einzelnen. Diese Eigenbrötler und Eigenhirnnutzer haben nicht nur das EI gemeinsam.


Belohnung Nr. 2: Selberdenken macht Spaß!  

Hast du Freude am Tun - am Denken in unserem Fall - schüttet dein Hirn diverse interne glücklichstimmende Hormone aus. Der Dopaminkick, wenn ich was kapiert habe, ist wirklich was Feines. 

Und meiner Meinung nach das wichtigste PRO:

Belohnung Nr. 3: Du bist in der Lage, dein Leben selber zu bestimmen. 

Selbstwirksamkeit spüren! Bewusst leben! Manchmal wenigstens oder wenn's nötig ist. 
Nicht mehr gesteuert werden, sondern selber das Ruder in die Hand nehmen und den Kurs bestimmen. Das stimmt leicht und frei. Den Krawall aushalten lernen.
Wird nicht immer gelingen, aber immer öfter.

Probier's aus! Jetzt weißt du ja, worauf du dich einlässt und findest bestimmt noch weitere Belohnungen. Die darfst du uns gerne im Kommentar kredenzen!

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel





* ein weiterer Artikel zum Thema:
http://im-prinzip-tango.blogspot.de/2016/05/schwarz-und-wei-und-das-dazwischen.html

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Dienstag, 28. Februar 2017

Der Yeti hat kein Hallux

weder "valgus" noch "rigidus".


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Geschenk vom Yeti: Fußknubbel-Massagedings (Bio)


Gestern hast du mir gestanden, dass dir deine Füße wehtun


Hast sogar gewagt, deinen Hallux valgus zu lüften, mir das Röntgenbild deines Fersensporns gezeigt. Obwohl du dich deines "Monsterballens" respektive "krüppeliger Zombiefüße" schämst und diese am liebsten versteckst. Sandalen? Passé! Schmerzmittel oder operieren, habe der Arzt gesagt, wären die einzigen Behandlungsoptionen. Beides keine tollen Vorschläge. Vielleicht ein bissel Gymnastik. Ja gut, aber welche? Im Internet hast du schon ein paar Übungen gefunden und ausprobiert, die helfen aber nicht wirklich.


Lust auf einen kleinen Ausflug nach Tibet?


Komm, heut ist ein guter Tag, um in den Unsichtbarkeitsflieger zu steigen und durch ein Wurmloch ins ferne Gebirg zu sausen. Mission Yetis beobachten!

Über der weiten, glitzernden Schneefläche sinken wir hinab und schau! Da hinten! Dort, bei den Felsen ist einer! Oder eine, kann ich nicht so genau erkennen. Stapft mit einem Sack auf dem Buckel, ein fröhliches Liedlein pfeifend, das steinige Bachbett hinauf.

Noch ein bissel näher, ganz leise im Unhörbarkeitsmodus folgen wir ihm, kommen immer näher - bis wir die Haare auf seinen Ohren erkennen können und seine Füße. Er ist ja barfuß! (Außerdem tatsächlich ein Männchen: Er bieselt grade ein "Y" in den Schnee.)

Er wackelt wohlig mit den Zehen beim Abschütteln, dann latscht er weiter über Stock und Stein, beginnt zu traben - ja, elegant! - und balanciert über einen abgrundüberbrückenden Baumstamm in seine Höhle. Seine Hinterpfoten umfassen die Rundung, als würden sie sich ansaugen.

Kein Wackeln, kein Stolpern stört seinen Weg! Ohne Zögern bewältigen seine gewaltigen Fußsohlen stupfigsten Untergrund, schmiegen sich in prachtvoller Nacktheit ganz selbstverständlich an große und kleine Holprigkeiten.

Daheim warten Yetin und Yeti-Junior. Irgendetwas Zottiges undefinierbarer Farben bedeckt einen Teil des Höhlenbodens. Scheint ein Pelz zu sein von einem Tier mit krausen Borsten. Riecht ein wenig streng. Frau Yeti sitzt neben der Feuerstelle auf dem Boden und gräbt ihre nackten Zehen in den Rauh-Flausch. Sie lächelt, greift mit ihren Fußfingern ein sauber geschältes Stöcklein und reicht es ihrem Herzallerliebsten. Aha, ein yetisches Pediküre-Gerät. Unter dem linken Großzehennagel scheint es ihn zu jucken. Erstaunlich, wieviel Material unter seine Nägel passt. Mit der Eleganz ist es jetzt leider vorbei. Diese Spezies unterscheidet wohl nicht zwischen Mund- und Fußpflegewerkzeug.

Das Junge hält mit dem rechten Fuß ein kleinturmartiges Werkstück fest. Die freien Hände komplettieren das Bauwerk oben: Runde Klötzchen scheinen ein Dach zu bilden. Himalaya-Lego?

Und schau genau: Alle haben so gesunde, so starke, so lebendige Füße! Kein Hallux, keine Arthrosebobbeln, nicht ICD-konform geplättet / gespreizt / gesenkt. Ein Orthopäde würde erst weinen, dann umschulen.


Warum haben die Yetis keinen Hallux?


Ganz einfach:
Weil die Yetis ihre Füße benutzen!
Weil sie immer barfuß laufen!

Ihre Füße das tun lassen, wofür diese so genial gebaut sind: sich in ihrer flexiblen Gesamtheit jedem Untergrund anpassen, aufgespannt als federnd-flexible Basis. So werden ständig alle Gelenke durchbewegt sowie sämtliche Muskeln trainiert und gedehnt. Bänder schlüpfen geschmeidig wie mit Sommersonne geölt. Die zig-tausend Rezeptoren und Nerven erhalten Ansprache, leiten hochzufrieden Informationen an das Bewegungszentrum weiter: Mit so einer feinen Selbstwahrnehmung (Propriozeption) ist Balancehalten kinderleicht!
 

Immer und überall barfuß wäre optimal:


Die Lösung für alle Fußprobleme. Blöd dabei dabei ist, dass wir halt - im Gegensatz zum Yeti - doch irgendwie zivilisiert daher kommen (müssen). Unsere Füße haben wir im Laufe der letzten Jahrhunderte domestiziert: Verhätschelt mit starren Lederkästchen, die zwar vor verletzendem Straßenunrat und Kälte schützen, aber wie Ohropax mit Zwangsjacke wirken. "Geräusche" können die Füße nur noch ganz gedämpft wahrnehmen und reagieren entsprechend "fixiert" oder gar nicht.

Dann wird's schmerzhaft steif im Gebälk. Die Statik geht kaputt und muss mit Verspannungen an anderen Stellen aufrecht erhalten werden. Die Mittelfußknochen geben dem Druck nach und weichen auseinander. Der große Zeh hat im Hallux-Fall die A-Karte gezogen: Seinen Mittelfußknochen schiebt's besonders arg zur Fußinnenseite. Der arme Kerl versucht zu die Situation zu retten, indem er sich dann im Grundgelenk Richtung Außenseite lehnt, so entsteht dieser berühmte Knick. Dass effektiv-entspannte Kraftübertragung so über Eck schwierig ist und spitze Schuhe diesen Zustand noch verstärken, versteht sich von selbst.

Die vielen Bewegungsoptionen der Gelenke, Muskeln und Spürmöglichkeiten der Nerven fallen in den Dornröschenschlaf des Vergessens.


Also, was tun?


Eine Wohnungskatze kannst du ja auch nicht von heute auf morgen auswildern. Abhängig vom Degenerationsgrad lässt sie sich gleich vom Laster überfahren oder erstickt an einer Maus. Die wird schließlich in freier Wildbahn nicht in mundgerechten Stückchen geliefert. Im hygienischen Cromarganschüsselchen mit Sauce.

Aber eine artgerechte, naturimitierende Haltung mit variierenden Spielmöglichkeiten, mit Herausforderungen, mit Austoben, mit Klettern-und-Kratzen dürfen - vielleicht sogar draußen? -  und viel Streicheln tun der Katze bestimmt gut.

Mit diesem Konzept kannst du deine Füße wieder wachküssen. Wirst sehen, die schnurren wieder.
Waren deine Füße lange Zeit "im Stall", dann beginne langsam! Wahrscheinlich haben sie wenig Kraft und können noch nicht soviel vertragen wie ein Yeti-Fuß.


Du könntest zum Beispiel...


  • ... daheim einfach mal barfuß oder besockt unterwegs sein. Spüre bewusst die verschiedenen Untergründe und was beim Abrollen passiert. (Ich weiß, dieser Vorschlag ist altbekannt. Warum tust du's dann nicht einfach?)
  • ... dir Barfußschuhe leisten (oder aus deinen Turnschuhen die harte Innensohle herausbasteln) und damit querwaldein spazieren
  • ... beim Zähneputzen oder Abspülen auf die Zehenspitzen steigen oder einen unsichtbaren Trepp-Step benutzen, mit dem großen Zeh Buchstaben auf den Boden malen
  • ... die Treppe herunterhopsen und dich dran freuen
  • ... auf dem Randstein balancieren (Oder lieber auf dem Dachfirst? Wie Mary Poppins?)
  • ... ein Kind ausleihen (sofern nicht vorhanden) und auf dem Spielplatz mit den Füßen im Sand wühlen: mit Wonne eindreckeln! (Kind ist nicht zwingend nötig, reduziert aber die Hemmschwelle)
  • ... im Sommer auf einer Wiese barfuß laufen (oder mit Socken wegen der Zecken) und in Patschlachen plantschen 
  • ... Spielzeug für die Pfoten unter'm Schreibtisch parken und vor allem benutzen (verschiedene Bällchen, Rubbelbrett, einen kurzen dicken Stock, lass dir was einfallen, Bällchen-Bastelei hier) bzw. überhaupt im "Geschäft", wenn's geht, die Straßenschuhe ausziehen
  • ... deine Füße massieren (lassen) siehe hier 
  • ... auf einem Kirschkernsäckchen herumtreteln
  • ... ein Schaff mit trockenen Erbsen oder ähnlichem füllen, mit den Füßen drin "baden" und "tauchen", einen Schatz finden? 
  • ... ein Fuß-Battle veranstalten. Wähle einen möglichst kindischen Kampfpartner mit hohem Humorpotential. 
  • ... zärtlich mit deinem Liebsten/deiner Liebsten fußeln (wenn dir nicht der Sinn nach Kampf steht, lässt sich aber kombinieren oder mit einer füßischen Massage verzuckern ;)
  • ... einfach mal einen Socken- oder Schläppchentango verkosten, und dann zwei und dann irgendwann ganz viele. Die Musik tastend mit den Füßen vom Boden sammeln. Langsam steigern und schön auf den Ballen bleiben, gell! Sonst droht Überlastung. Trainiert wunderbar, verfeinert die Fußtechnik, lässt sich auf verschiedene Höhen einstellen und vermittelt ganz "fui Gfui". Ich will's nicht mehr missen.
  • einfach die Füße benutzen! Lebenslust mit/in den Füßen spüren! Grab deinen Spieltrieb wieder aus und lass dir was einfallen!

Zugegeben, Madame, Barfußschuhe, Schläppchen oder haarige, superlebendige Yeti-Füße können gegen den sexy Charme straßbesetzter High Heels nicht anstinken. Dafür schenken sie dir nach Eingewöhnungszeit feine, ganzheitlich elegante, sinnlich hochwohlige Bewegungsmuster. Und das zieht bei manchem Herrn der Schöpfung viel mehr als ein von Fußschmerzen verbissenes Gesicht mit humpeligem Gestakse. Sind deine Füße wieder lebendig und zufrieden, verzeihen sie dir auch den zwischenzeitlichen Gebrauch hoher Schuh. Schmerzfrei.

Ja, werter Herr, die argentinischen, zweifarbigen Tangoschuhe sind zwar bockhart, aber sowas von lässig! Komm her mit deinem Ohr, ich verrate dir jetzt ein Geheimnis: Hochbegehrte Katzentatzenschleicher beschäftigen sich mit der Frau, die sie gerade im Arm halten, und der Musik, nicht mit den Problemen, die Schuhe samt verspannter Füße verursachen. Weniger Fußschmerz, mehr Genuss. Ganz einfach.

Es wird seine Zeit dauern, 


bis deine Füße wieder schnurren. Sei geduldig. Deine Füße tragen dich durch dein Leben und so manchen Traumtango. Sei lieb zu ihnen, sie haben's verdient. Und du auch!


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel






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Freitag, 24. Februar 2017

"Erste Liebe" - ein Gastbeitrag von Peter Ripota

Wo sind unsere Jugendträume hinverschwunden?


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Irgendwie scheint sich die Welt doch entschlossen zu haben, nicht endgültig im Winterdunkel zu erstarren: Der Wind bläst erdige Gerüche ins Gemüt, der erste Reiher zieht seine Kreise am Himmel. Für's erste Sprießegrün ist es zwar noch ein wenig zu früh. Trotzdem ermutigt ein Blick aus dem Fenster, die schweren, warmen Stiefel heut an der Garderobe geparkt zu lassen - ohne Gefahr zu laufen, statt je fünf Eisbrocken meine Zehen zu spüren. 

Vor ein paar Tagen ist mir der Schmetterling (siehe Bild) begegnet. Ich war gerührt von seinem (naiven?) Lebensmut. So zu-früh-schwach wie er war, hat er sich auf den Finger nehmen und ganz aus der Nähe betrachten lassen. Seine Flügel knisterten sanft wie Seidenpapier. Der Schmetterling und ich - nur wir beide - standen für ein paar Minuten in einem wärmenden Traum. Zwei Stunden später lag er dann tot unter dem Geländer. Wie soll ich da nicht in Sentimentalität verfallen? 

So wie in Konstantin Weckers "Frühlingslied":
"Frühling werds und ois wui wieder himmelwärts
was is des für a schöner Schmerz
in Bauch und Brust und Herz." 


Anscheinend bin ich nicht die Einzige, die solche Gedanken-Gefühlsgeflimmereien umtreibt:
Peter Ripota hat mir heute diesen wundervollen Text zukommen lassen über die (verlorenen ?) Träume der Jugend und die Liebe und das Leben und all das. Um den Frühlingsblues voll auszukosten, empfehle ich dir Lidia Bordas Version von "Sueño de Juventud" parallel zu hören.  https://www.youtube.com/watch?v=80fl8GSa5Ro

Et voilà! Bühne frei für Peter Ripota! Viel Vergnügen!
Dieser Artikel erscheint zeitgleich in seinen "Notizen aus dem schwarzen Loch".



Erste Liebe

Meine erste Liebe war eine Dame im Alter von ungefähr 3000 Jahren - kein Wunder, dass sie mich nie erhörte. Ihr Name ist "Mathematik". Ich weiß noch, wie ich hungrig am Tor zum Allerheiligsten dieser ewig jungen Dame stand und mit leuchtenden Augen nach einem Eingang suchte. Meist vergebens, denn mein Verstand reichte nicht aus, dass ich auch nur in ihre Nähe gekommen oder gar von ihr erhört worden wäre. So studierte ich Physik. Da sind auch viele Formeln und Ideen, und die Physiker nehmen es nicht ganz so genau wie es die Göttin Mathematik erfordert.

Aber jetzt zur sogenannten "Realität". Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Liebe? War das ein einmaliges Ereignis, das nie wieder erreicht wurde, oder ein Desaster, das hoffentlich nie wieder eintritt? So wie Loriot ging es mir glücklicherweise nicht, der seine erste Liebe (ausschnittsweise) so beschreibt:

Zu Beginn des dritten Grundschuljahres erschien mir im Traum ein Huhn, weiß, mittelgroß und von ungewöhnlich sanfter Wesensart. Eigentlich ging es nur schweigend auf und ab oder saß versonnen neben mir, aber ich fühlte, ein Weiterleben ohne Huhn würde sinnentleert und freudlos sein. Mit Anbruch des Tages verließ mich meine erste große Liebe, um düsterer Verzweiflung Raum zu geben. Nutzlos blieb jahrelange Hühnersuche. Es zeigte sich, dass keines der vielen gebildeten, formschönen Hühner mit dem verlorenen zu vergleichen war.

Vor einiger Zeit fiel mir ein Tagebuch aus meiner Pubertät in die Hände, alles in Stenografie, was meine Mutter aber trotzdem lesen konnte, im Gegensatz zu mir nach mehr als 40 Jahren. Irgendwie gelang es mir dann doch, einiges davon mühsam zu entziffern. Und dabei kam auch meine erste Liebe zum Vorschein, die mich damals völlig unvorbereitet traf, die ich mit ebenso romantisch-gefühlsseligen wie pubertär-kitschigen Worten beschrieb, und die durch eigene Dummheit und Unerfahrenheit endete.

Es hat mich im Nachhinein überrascht, was mich als erstes an ihr faszinierte: Ihre Fähigkeit, meine Fantasie anzuregen und mich in ein Märchenland zu entführen:

Sie fasste meine Fantasie und führte mich behutsam im Zauberteppich ihrer Worte zu jenen fernen Welten, die so nah waren, die Bilder aus den Träumen von der Wirklichkeit, die weite, schöne, einsam-lebendige Welt jenseits der großen Stadt, weit weg vom Rand, wo die Wege enden und das Leben beginnt ... 

Aber wie man mit Frauen umgeht, wusste ich nicht, und die Selbsterkenntnis half wenig:

Ich war klein und unterlegen und voller Hemmungen und voller Furcht vor dem Augenblick der Wahrheit: Ich hatte meine alte Rolle verloren und keine neue gefunden. Ich war ein Hummer, der sich gerade gehäutet hat, eine Schlange ohne Schutz, blind, tastend, die dennoch nicht wagt, ihr Versteck zu verlassen, bis die neue Schale gefestigt ist und sie wieder schützt vor der Härte der Wirklichkeit.

Und weil ich die Zeichen nicht zu deuten wusste - darf ich, will sie, warten oder zupacken? - kam ich zu der schönen, aber nutzlosen Erkenntnis:

Dein Leben reicht so weit wie deine Träume ... und ich hatte zu wenig geträumt.

Die schönsten Stunden waren diejenigen ohne Gedanken an das, was sein könnte oder sollte oder nicht ist:

Wir waren Kinder. Wir waren glücklich. Wir waren so nahe wie Alice und das Reh im Wald des Vergessens, und wir dachten ebensowenig an Vergangenheit oder Zukunft wie sie. Wir wussten zwar, wer wir waren, doch es war nicht so wichtig. Wir waren in unserer kleinen Welt, und es gab keine Ziele und keine Zweifel, kein Hoffen und kein Bangen, keine Erwartung und keine Enttäuschung. Nur die glückliche Geborgenheit zweier Kinder, die eng umschlungen auf die Weite des Meeres hinaus treiben und sich an der Sonne freuen und nicht an morgen denken. Und über die Dummheit der Menschen lachen. Und über sich selber ...

Irgendwann war's dann zu Ende, und auch die Worte eines katholischen Geistlichen, der mich gut kannte, brachten wenig Trost:

Du siehst eine große lange Straße. Viele Menschen gehen auf ihr, und manche kennst du auch. Die Straße verzweigt sich immer. Manche gehen fort, neue kommen. Du gehst mit jemand ein Stück des Weges gemeinsam, und dann ist er fort, und du merkst es gar nicht. Du gehst mit jemand anderen, plauderst mit ihm, und so geht es hin, dein Leben lang, und am Ende blickst du zurück und siehst die Leere und Verlassenheit, und du siehst mit der Klarheit des großen Lichts: Du warst immer einsam. Auch wenn du glaubst, jemand begleitet dich: Den langen Weg gehst du allein. Und doch gibt es eine andere Möglichkeit. Wenn man gemeinsam aufbricht, dann geht man zu zweit - gemeinsam zu neuen Ufern, zu neuen Zielen, zu einem neuen Leben.

Fazit: Die erste Liebe war extrem romantisch, aber ich möchte sowas nicht mehr erleben. Im Vergleich dazu ist die letzte Liebe nicht ganz so romantisch, aber viel erfüllender ...


[Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf "Seniorbook".]

Die geheime Pforte zum "Märchenland" muss er wohl trotz allen Irrungen und Wirrungen doch noch gefunden haben. Das weiß ich. Hab mit ihm getanzt. Und beim Tanzen kann man nicht lügen.

Dankeschön, lieber Peter!


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel





Der Artikel erscheint auch in Peter Ripotas "Notizen aus dem schwarzen Loch".

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Dienstag, 14. Februar 2017

Das Trippeln, der Tango und die Angst

Warum Ängste die Balance umschubsen

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Februar 1997: Sepp hat das Tanzen aufgegeben


Der "AWO-Tanztreff für Senioren" ist über den Aufzug leicht zu erreichen. Mein kleiner Sohn wirft sich beherzt in die Lichtschranke, um die Aufzugtüren am Schließen zu hindern, während meine Oma - hochgeschätzte DJane der Veranstaltung - stockbewehrt hinten drein wackelt. Im dritten Stock überholen wir einen Gehwagen mit sehr altem, klitzekleinem Herrn samt Zigarrenwolke im Schlepptau. Er nickt uns freundlich zu, Oma winkt über die Schulter. "Bis gleich, Sepp!"

Das "Gleich" zieht sich noch ein wenig, Oma sortiert derweil ihre Schallplatten in Reih' und Glied und Emmentalerscheiben auf Semmelhälften. Letzten Winter sei er hingefallen, der Sepp, und seitdem hätt' er Angst. Beim Laufen. Und daheim auch. Und überhaupts. Drum ziehe er nächsten Montag um in's Altersheim. Tanzen wolle er nimmer - schad' - so ein guter Tänzer... der Depp.

Sie schüttelt verärgert den Kopf, gießt mir eine Tasse Kaffee ein, versorgt ihren Urenkel mit einem extragroßen Kuchenstück, bevor sie sich an den Stammtisch mit den Tanzveteranen setzt, die noch eine Zahl unter zwanzig im 19-hunderter Geburtsjahr haben. Na ja, eher VeteranINNEN. "Und du lernst fei auch g'scheit tanzen, gell! Das mögen die Mädchen." Urenkel nickt mit großen Augen und vollem Mund.

Keine drei Minuten später drückt sie mir ihren Stock in die Hand und entschwindet auf's Parkett. Sie hält nicht nur sich in veritabler Balance - auch ihren Tanzpartner. Die beiden stauben über die Fläche, überholen die "jungen Hupfer" (im dortigen Sprachgebrauch: die unter 65-Jährigen), kompensieren seine O-Beine und ihre a bissele lahme Hüfte. Und ich staune, zu welch lebensfreudeversprühenden Aktionen Füße dieses Jahrgangs samt zugehöriger Gestelle in der Lage sein können. Hui!

Inzwischen hat auch Sepp die Ziellinie überschritten. Sorgfältig parkt er den Rollator unter dem Garderobenständer, trippelt die paar Schritte zum Tisch und nimmt ächzend neben mir Platz. "Wissen's, Frollein," - kleiner Diener im Sitzen - "wenn mir der Doktor nicht gesagt hätt', ich soll aufpassen, dass ich nimmer hinfall', tät ich Sie zu einem Tänzle bitten. Und jetzt pass ich so auf! Hingefallen bin ich aber seitdem noch öfter als vorher."



Februar 2017: Trippeltango


Wieder ein "Tanztreff", diesmal meine Baustelle: Tango, die Gäste "junge Hupfer" oder unwesentlich jünger. Man trippelt brav in der Ronda. Schneller, beschwingter geht ja nicht, dazu sind die Schritte zu kurz, wachsen wahrscheinlich auch nicht mehr, sind weit über die Pubertät hinaus. Die Musik stammt aus einer Zeit, als die Veteranen (siehe oben) trotz Krieg und anderer Unannehmlichkeiten ihre Jugend feierten. Minischrittchen, voneinander weggeneigte Oberkörper trotz enger Haltung, angespannte Gesichter. Wenn doch in einem Paar mehr Aktion stattfindet, dann selten, hektisch, heuschreckig. So tanzt das Gros der Anwesenden. Wo sind denn die Sahnehäubchen? Wo ist der Genuss geblieben? Die Freude? Locker-lässiger Schabernack? Einfach, weil Tanzen Spaß macht? Mag's der Tango nicht sinnlich? Hm...

Die Tänzerin links von mir findet es blöd, dass man beim Tango immer so hohe Schuhe tragen müsse. Da hat sie immer Angst, umzufallen. Aber die sind halt so schön! Betreten schlinge ich meine schläppchenbekleideten Füße (und meine Tanzlust) um die Stuhlbeine.

Einer von der Stammbelegschaft fordert mich auf. Noch vor dem ersten Stück gesteht er mir flüsternd, dass er sich dies ein Jahr lang nicht getraut hätte - aus Angst, er könne mir nicht genug bieten, einer "so guten Tänzerin". Und ich hätte ja immer einen so tohollen Tänzer dabei. Und außerdem könne ich auch führen. Trotz meiner Beteuerung, dass ich niemanden beiße, schwitzen seine Handflächen. Sein Führungsarm, seine Rückenmuskeln und seine Beine wirken starr. Die Schritte bleiben Schrittelein beim ersten Stück. Aber alles in allem: Nicht schlecht, da steckt entwickelbares Potenzial drin - finde ich - und lächle ermutigend: "Schön! Geht doch, alles gut!" Während der nächsten beiden Tangos singt ihm der dicke, alte Mann schmelzend wenigstens ein paar Ängste aus Leib und Seele. Derart entschwert schweben wir über die Fläche, mit entspannten Füßen - die im Schwabenland bis zur Hüfte reichen - vorüber an den Kleinschrittigen. Überraschte Gesichter am Rande. Wieso glitzert der plötzlich? Der kann ja tanzen!
Eben. Geht doch. 

Die Tanguera zu meiner Rechten erzählt ihrer Freundin von der Runde mit X (ich will hier keine Namen nennen), dem Milonguero viejo, der so toholl (mit Dehnungs-H) tanzt. Sie sieht ihm so(!) gern(!) zu, aber als er sie aufgefordert hat, ist sie fast gestorben vor Angst! Und hat nur noch einen "rechten Sch..." zusammengetanzt.

Wie gut ich dieses Gefühl von früher kenne! Typische  Tangokrise. Anstatt mich in die Arme dieses Traumtangueros zu schmiegen wie eine fette Schnurrkatze, führten meine Füße (im schwäbischen Sinne) ein widerborstig-steifes Eigenleben. Darüber hab' ich mich lange Zeit schwarzgeärgert. Was natürlich alles noch verschlimmert hat. Balance dahin. Angst vor Umfallen. Lässigkeit, Genuss? Adieu!


Angst triggert Verspannung

Verspannung triggert Angst


Über zehn Jahre habe ich gebraucht, um den Zusammenhang zu begreifen zwischen Angst, steifen Beinen, Umfallangst bis zum Sturz. Mit nachlassender Qualität des Erhaltungszustands schafft es ein bejahrtes Gestell in der Regel gar nicht mehr, die steifen Beine auszugleichen. Und stürzt.

Dabei ist es ganz logisch: Stell dir vor, es kommt irgendwas Fürchterliches auf dich zu: ein Säbelzahntiger, die Dogge deines Nachbarn oder deine Schwiegermutter. Die natürliche, einzig sinnvolle Reaktion ist Zurückweichen (Totstellen oder Kämpfen fällt aus. Bringt hier nix). Diese Abfolge ist tief eingebaut in entwicklungsgeschichtlich ganz alten Gehirnbereichen (z.B. Hirnstamm,  Amygdala) und läuft automatisch ab, was bei echter Gefahr ja ganz praktisch ist. Diesen archaischen Hirnteilen ist es erstmal wurscht, ob die Furcht gerechtfertigt ist.

Also rückwärts! Schritte und Oberkörper fort von der Gefahr!

Funktioniert auch bei Glatteis und der Angst auszurutschen.
Oder der Angst, vor dem Supertänzer abzuschmieren.

Auch wenn dein Großhirn jetzt meint, "alles nicht so schlimm" und dich auf die "Gefahr" zu bewegen möchte, muss dein Gestell trotz allem gegen die schon aufgebaute Spannung in Gegenrichtung anarbeiten. Das kostet viel Energie. Dazu sind eh schon angespannte Muskeln schwieriger zu koordinieren. Dann werden deine Schritte tippelig, die Spannung in deiner Rückenlinie steigt, die Knöchel frieren ein. Verkrampfte Füße tun sich sehr schwer, die Informationen an die Gleichgewichtszentrale weiterzuleiten. Deine sichere Balance verabschiedet sich. Die Folge: Umfallangst!

Und damit ist der Teufelskreis angetriggert: Angst - Verkrampfen - Angst - Verkrampfen - Angst - ...

Alternativ kannst du auch bei Verkrampfen einsteigen: Geh ein paar Schritte ganz normal, dann versteinere deine Füße und beobachte die Folgen in Körpergefühl und Gemüt. 


An diesem Punkt der Geschichte gibt es zwei Möglichkeiten:

1. Du bleibst solange im Angstkarussell, bis du wirklich hinfällst. 


Die Spirale führt dich zwar wenig genussvoll, aber zuverlässig zum Schleudersitzausstieg: Hinfallen, dann "musst" du nicht mehr Tango tanzen (für die "jungen Hupfer"). Keine Sorge, das kannst du über Jahre oder Jahrzehnte strecken. Deine Ängste definiert dir dein Großhirn gerne so um, dass du dich nicht mit ihnen beschäftigen musst oder findet Gründe im Außen. Damit lässt sich die Zeit noch verlängern. Wenn Tanz- und Bewegungsgenuss für dich nicht die oberste Priorität bei der Tangomotivation einnimmt, könnte das ein Weg für dich sein. Schließlich nehme ich mir nicht das Recht heraus, deine Gründe zu werten! Oder das, was diverse Pressesprecher verkünden.

Bliebe nur noch die Frage offen, ob die Angst den Tango auf seine momentane "Größe" eingeschrumpft hat oder ob seine trippelschrittige Erscheinungsform eher ängstliche Zeitgenossen anzieht?

Die "Veteranen" wählen als Notausgang gerne den Oberschenkelhalsbruch mit Umzug ins Pflegeheim. Nette Zugaben: Lungenentzündung, dann bald tot.


2. Du kommst mit deinen Ängsten zurecht.


Jeder hat Angst. Alle. Ich auch. Das ist normal.
Angst kommt und - gute Nachricht! - geht.
Dann hast du halt mal Angst. Na und?
Dann tanzt du halt mal verkrampft. Na und?
Spür die Angst, tanz einfach weiter. Weiteratmen.
Dann schnallt deine archaische Zentrale schon, dass keine Lebensgefahr besteht.
Die Angst geht durch dich durch.
Und dann wieder raus.
Raus aus den Füßen: Die Balance ist wieder da!
Und raus aus Leib und Seele.
Dann ist's auch schon wieder gut.

Probier's aus!

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel





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Samstag, 4. Februar 2017

Tatmotive einer Heilpraktikerin

Ganz ruhig - dann kannst schauen, wie er das macht mit seinem Rüssel...


Hui! Da saust dein Leben!


Mit dir im Schlepptau?
Du an der Leine hintendrein?
Und du versuchst tapfer, Schritt zu halten?
Die ganzen Verpflichtungen – Arbeit! Familie! Hausbau! Freizeit?!
Termine und ToDos plätschern fröhlich auf dich ein?
Anforderungen aus einem Duschkopf, der ganz weit droben über deinem Kopf hängt?
Nur: Wer hat den Wasserhahn abgeschraubt?
Glitschig wird’s, schwierig, die Füße auf dem Boden zu halten?
Große Anstrengungen, kompensieren „wie die Sau“, gleichzeitig Aufgaben jonglieren, ein guter Mensch bleiben?
Keine Zeit – geschweige denn Energie mehr, Prioritäten zu setzen?
Die kleinen und großen Dramen kriegen Junge, selbstständig, ohne dein Zutun?
Und fressen deine Herzenswünsche zum Frühstück?
Verbiegen zwickend dein Gestell, streuen grauen Sand ins Befindlichkeitsgetriebe von Leib und Seele, schicken dein Immunsystem in Dornröschenschlaf? Umranken dein Herz und deinen Bauch mit unzähligen, kleinen oder hochstupfigen, eigenartigen Beschwerden?
Dein Schlaf, deine Verdauung? Positiv formuliert: suboptimal?
Dein Sympathikus will sein Flucht-und-Kampf-Modus-Zepter nicht mehr abgeben?

* Wie sollen sich so dein Körper und deine Seele regulieren?


Die bereitliegenden Möglichkeiten in der internen Schatzkiste (wieder-) finden, mühelosere Vorgehensweisen zu entwickeln?
Ja, wiederfinden – die sind installiert – freilegen und für die alltägliche Nutzung bereitstellen?
Wieder schmerzfrei und geschmeidig in Bewegung kommen?
Und so dein Leben lässig zu meistern?
Wieder in deinem Körper zu wohnen?
Bei dir sein?

Dann wird wahrscheinlich alles leichter.

Und wie soll das ganz konkret gehen?

* Ganzheitlich:


Auch wenn ich zögere, diesen Begriff zu benutzen – er kommt heutzutage fast abgegriffen durch inflationäres Fleddern daher – komme ich ohne ihn nicht aus. Der gute, alte „Krankenschwesternblick“ auch auf die Details am Rande, dein Umfeld sowie weitere, unterstützende Ansätze (z.B. naturheilkundliche Präparate, Ernährungsberatung etc.) basieren nun mal altmodisch auf „ganzheitlich“.

Der „Krankenschwester“ liegt viel daran, dich als „ihren Patienten“ bodenständig „gut zu versorgen“, was die Zusammenarbeit mit anderen medizinischen Fraktionen bei Bedarf und Wunsch einschließt – patientengerecht komplementär.

Selbstverständlich erhältst du – vielleicht für einen Angehörigen? – auch rein pflegerische Leistungen, in Rat und Tat.


* Körpertherapie:


Du kannst nur gut bewegen, was du gut spürst.
Du kannst nur gut spüren, was du gut bewegen kannst.

Aus den Zutaten aus meiner körpertherapeutischen Schatzkiste stelle ich dir gerne ein Mahl zusammen: Dabei koche ich u.a. mit sensomotorischen Methoden, die über dein Bindegewebe, Faszien und Muskeln auch deine Seele „über Bande“ beruhigend ansprechen – erfahrungsgemäß oft ebenso wirksam bei Problemen außerhalb des Bewegungsapparats. Eine gute Ernährung des „kranken“,  durch Spannungen blockierten Gebiets durch Blut und Lymphe sowie Wiedereingliedern in dein eigenes Körpergefühl kann zu einer deutlichen Verbesserung führen.

Dein Immunsystem freundlich anstupsen:

Ganz einfach durch die während der Behandlung fast nicht zu vermeidende Umschaltung ins parasympathische System, das die Ruhe bereitstellt, um Heilung zu unterstützen oder erst zu ermöglichen. Hier gelangen wir in den Bereich der Psycho-Neuro-Immunologie, die inzwischen (evidenzbasiert) diesen Zusammenhang nachweisen kann.

Die Mechanismen, um einen von der Vitalität isolierten Anteil zu kompensieren, sind so zahlreich und verschieden wie es Menschen gibt: Da kann z.B. ein verspannter Beckenboden Atembeschwerden bewirken, die ungünstige Stellung deiner Füße Nackenschmerzen auslösen.

Welcher Part deines Systems betroffen ist und warum, finden wir während der Behandlung heraus. Dabei orientiere ich mich an deinen internen Wegweisern und arbeite „von da, wo's wehtut“ zu „dort wo's herkommt“. Wenn es nötig ist, über deine körperlichen Grenzen hinaus ins Umfeld, z.B. wenn du während deiner Arbeit unphysiologische Haltungen einnehmen musst, wie z.B. Musiker, Pflegeleute oder Schreibtischhelden das gerne tun.

Da ich eine Hausbesuchspraxis führe, erfolgen die Behandlungen bequem in deiner vertrauten Umgebung: keine Wege und geringer Organisationsaufwand. So bleibt dir mehr Zeit für dich und das, was dir wichtig ist. Was wir brauchen, bringe ich mit.

* Berührung und Ruhe sind die Schlüssel für Heilung.


Diesen Leitgedanken samt einer Portion Lebenslust schenke ich dir in der klassischen Pflege ebenso wie bei den heilpraktischen Behandlungen.

Trotz allem:
Behandlung sagt mehr als dürre Worte.
Probier's aus!

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel
TERMIN VEREINBAREN






Einen Musterbehandlungsvertrag findest du hier.
Meine Abrechnung erfolgt i.d.R. nach GebüH. Heilpraktikerleistungen werden von den Krankenkassen nicht automatisch erstattet. Bitte erkundige dich bei deiner KK, ob Behandlungskosten evtl. übernommen werden.

Stichworte: Zen Shiatsu, Akupressur, Fußreflexzonenmassage, medizinische und Entspannungs-Massagen, Mobilisation, Haltung verbessern, Rückenschmerzen, Atemtherapie, Beckenbodentraining, Beratung, Pflege

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Samstag, 28. Januar 2017

Genug gepaced!


Was pacing und leading mit folgen und führen beim Tango zu tun hat




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You teach best what you need most.



"Pacing and Leading ist ein Begriff aus dem Neuro-Linguistischen Programmieren (NLP). (...)
Der Begriff Pacing and Leading bedeutet auf Deutsch so viel wie: Schritt halten und die Führung übernehmen. Die Wirksamkeit von NLP konnte wissenschaftlich nie nachgewiesen werden.
[https://de.wikipedia.org/wiki/Pacing_and_Leading]



* Pacing


Mal ganz ehrlich meine Damen, mit dem ersten Teil des Konzepts sind wir doch bestens vertraut! Meisterhaft beherrschen wir es, unsere Verhaltensweisen dem jeweiligen sozialen Umfeld anzupassen und so "Rapport herzustellen" - was schlicht und einfach "brückenbauend Kontakt aufnehmen" bedeutet.

Chamäleonartig schaffen wir es problemlos, in verschiedenen sozialen Gruppen gute Kontakte herzustellen - vom Elternmob in der Schule über die spießigen Nachbarn bis hin zur Arbeitsstelle/Kundschaft oder Schwiegerfamilie. Die unterschiedlichen Wertesysteme jonglieren wir routiniert und natürlich total reflektiert - wir haben ja schließlich an unserem Mindset gearbeitet.

Beim Tango warten wir heutzutage artig auf männliche Aufforderung zum Tanze respektive einmal pro Abend Damenwahl wie annodazumal. Dann versuchen wir, uns folgzahm in männliche Führung(sversuche) hineinzufühlen und selbige umzusetzen: Ergebnis ausführlicher Feldstudien in "Tangomilieu pacen".


* Und Leading?


(Eindeutschen in leaden geht leider gar nicht: englisch "leaden" bedeutet "bleiern")

Ja, können wir auch: Der Sohnemann duscht in sozialverträglicher Frequenz, erledigt seine Hausaufgaben, der Göttergatte bringt den Müll runter bzw. dein Ex lässt grade keinen Anwaltsbrief schreiben... Deine Schwiegermutter serviert dir keinen Spinat mehr. Nachdem du die Herrschaften sorgfältig-hartnäckig gepaced hast. Da braucht's keinen wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis! Das ist weibliches Grundwissen! Seit Jahrhunderten.

Wir haben sogar kapiert, dass im interaktiven Verlauf die Führung zu übernehmen der eigentliche Zweck des Pacens ist. Das können wir ausgezeichnet! ("Scha-hatz, ...") Aber wenn, dann nur zum Wohle unserer Lieben, gell!

Aber Leaden ist doch nur erlaubt, wenn es dem Geleadeten nützlich ist, oder?

Sind deine eigenen Bedürfnisse und Ziele eine Zumutung für die Gruppe/das Gegenüber?
Oder allein schon die Prüfung dieser Frage auf Antworten?
Arrogant? Gar egoistisch?

Und so lassen wir es beim pacen, und pacen und pacen...

Fühlt sich ja wohlig an, mit den Mitmenschen in gutem Kontakt zu stehen! Die mögen dich dafür irgendwie umso lieber. Shen Te war bestimmt ein "guter Mensch", von den Göttern geliebt. [https://www.inhaltsangabe.de/brecht/der-gute-mensch-von-sezuan/]

Die Traute, das eigene Leben zu gestalten dagegen verhungert.

Eine kaum wahrnehmbare Unzufriedenheit schleicht sich dann irgendwann ein, die sich in eigenartigen Begrifflichkeiten äußert, wie "frau müsse endlich in ihre Kraft kommen!". Coachingangebote dazu gibt es zuhauf. Und die Herrn der Schöpfung reiben sich die Hände. Wenn wir SO weitermachen, bleibt der Wunsch, ernst genommen zu werden - ob vom Lebensgefährten, Chef oder Kunden - eine Illusion.

Und Brecht verlangt von uns, selber eine Antwort auf das Dilemma von Shen Te / Shui Ta zu finden! Der Vorhang fällt und wir gehen heim. Alle Fragen offen - ohne fertige Antworten. Schalten wir also aufforderungsgemäß unser Hirnkastel ein und zentrifugieren die Fakten und hauseigenen Annahmen.

Gehen wir ganz frech von folgenden Grundsätzen aus:

1. Du hast deinen Wunsch auf Herz und Nieren geprüft und bist zu dem Ergebnis gekommen, dass die Erfüllung niemandem schadet. (Musst ja nicht gleich Shui Ta aus der Schublade holen.)

2. Du bist bereit, (meist vorübergehende) Irritationensreaktionen deines Umfelds auszuhalten. Die dürfen sich ja erst mal daran gewöhnen, dass du auch zum eigenen Wohle (oder des gemeinsamen, wieder das eigene eingeschlossen) mal das Heft in die Hand nimmst.

3. Dir ist klar, wohin du steuerst und warum - also deine Motivation.


* Ein Beispiel, zum Üben 


(Transfer in andere Lebensbereiche möglich bzw. erwünscht)

Ziel: Du willst Tango tanzen.

Auf der Milonga sitzen schon gefühlte 87 alleinige Frauen, nur ein Tanzpartner in Sicht. Der deinige liegt mit Männerschnupfen daheim im Bett. (Bravo! Erste Hürde gemeistert! Solo zum Tango gegangen! Geht doch.)

Dafür umso mehr magische Musik. Bald zuviel Tanzdruck im internen Sicomatic! Stufe Rot!

Dass Frauen Männer auffordern, sähe man hier gar nicht gerne, hat man dir mehrfach während des deines Tangoszenen-Pacings geflüstert. Okay.
Logische Schlussfolgerung: Du willst tanzen, nur Frauen als Partnerinnen verfügbar?

Dann fordere halt eine Frau auf! 

Als "Führende".
Macht Spaß und lindert den Tanzdruck.

Mit der Motivation "Mann anfassen" funktioniert das natürlich nicht ;) Da wäre die Entwicklung eines anderen Algorithmus vonnöten. Kannst ja mal drüber nachdenken, zu Übungszwecken.


* Fazit


Als Tanguera, die beide Rollen tanzt, bin ich (wie meine sehr wenigen Kolleginnen) immer noch eine Exotin. Schade, denn ich habe in keinem Abschnitt meines Tangolebens meine Technik in dem Maße verbessern können und quasi nebenbei soviel über's Folgen gelernt.

Denn Führen beim Tango ist auch nix anderes als Rapport herstellen und halten, pacen und leaden.

Aufgeben werde ich das "Beide-Rollen-Spiel" gewiss nicht mehr. Und das Führen zum richtigen Zeitpunkt in anderen Bereichen schon gar nicht.

Und wenn ich mir einen falschen Schnurrbart anpappen muss!


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel 

Nachtrag am 31. Januar:

Einen Überblick, was der Text ausgelöst hat, findest du auf Gerhard Riedls Tango-Report:
http://milongafuehrer.blogspot.de/2017/01/follow-leader.html 
Dankeschön - auch für das wunderbare Musikvideo zum Thema! Joi!







Quellen: https://www.nlp.ch/pdfdocs/pr002-r-Rapport-Scriptauszug.pdf

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Montag, 23. Januar 2017

Winterzeit - Erkältungszeit?

Was du jetzt tun kannst, um Erkältungen zu vermeiden


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Kennst du das?

Fast alle um dich herum rotzeln, schniefeln übelgelaunt. Die Stellage Tempotaschentücher im Supermarkt ist so belagert von kampfeslustigen Muttertieren, dass du beschließt, entweder die häkelumrandeten Stofftaschentücher deiner Oma zu reaktivieren (bei der Milonga) oder halt in Gottes Namen in Klopapier zu schnäuzen (daheim).

Eigentlich gehts dir ja noch ganz gut. Noch hats dich nicht erwischt. Aber früher oder später...

Kann man nix machen!
Meinst du?
Doch! 

Freilich kannst du was unternehmen, um Schnupfelviren, Stinkestreptokokken und andere unliebsamen Gesellen vorbeizuwinken, ihnen den Einstieg zu erschweren und sie daran zu hindern, längerfristig ihre Zelte in dir drin aufzuschlagen.

Du bist (wahrscheinlich) glücklicher Besitzer eines funktionierenden Immunsystems - ein ausgefuchst fein abgestimmtes Team. Es freut sich, wenn du ihm Möglichkeiten einrichtest, seine Aufgaben optimal zu erledigen. Sonst legen vielleicht einige Mitarbeiter einfach ihren Job beleidigt streikend nieder.

Manche Arbeitsplatzverbesserungs-Maßnahmen, die du als Werksleiter anbieten kannst, sind so einfach, dass sie kaum mehr erwähnt werden: unspektakulär, vielleicht sogar altmodisch - aber umso wirkungsvoller. Deswegen befreie ich diese Vorschläge hiermit feierlich aus der Schublade des Vergessens:


* Schlafe ausreichend!


Wie viele Stunden Schlaf ein Mensch ganz genau braucht, hängt von vielen Faktoren ab. Ein Kind z.B. benötigt eine höhere Dosis als ein Älterer. Wachsen ist schließlich auch Arbeit und geschieht im Schlaf. Außerdem werden träumend und tiefschlafend unzählige Eindrücke verarbeitet: Ein Mehr an intensiven Erlebnissen fordert mehr Schlaf. Altersunabhängig.
Harte körperliche Betätigungen (und Intensiv-Tango) natürlich auch.

Wachst du morgens (einigermaßen) erfrischt auf und bleibst tagsüber leistungsfähig, hast du für dein System genug in Morpheus Armen verbracht. Ausreichend regeneriert, erholt! Dein Immunsystem mag das sehr.

Klebrige Schlappheit tagsüber, kombiniert mit Gähnanfällen, signalisieren, dass du vielleicht ein bissel früher in die Kiste solltest oder einfach mal länger drinbleiben. Zum Schlafen. Allein.(Ja, okay, auch zu zweit, aber schlafen, gell ;)

Oder gepflegt siestieren (spanifiziert für Tangoistas) bzw. powernappen (businesskasperisch) - ein Mittagsschläfchen halten (deutsch, altmodisch).


* Iss was Gescheites!


Du bist, was du isst: Fast alles, was du verspeist, arbeiten deine internen Baumeisterlein in deine Zellen hinein. Oder versuchen nach Kräften, Nährwert als Baustoff herauszuholen. Dabei tun sie sich wesentlich leichter, wenn die Zutaten auch in der Natur vorkommen und nicht aus dem Labor stammen. Vielleicht gelingt das ja in einigen Millionen Jahren. Leider hinkt da die Evolution ein wenig hinterher.

Das gilt genauso für seelische Nahrung.

Auch die Zellkumpanen deines Immunsystems wollen ihre bekannt-natürlichen Legoklötzchen! Von Mineralstoffen, Vitaminen über Eiweiß  bis hin zu wertvollen ungesättigten Fettsäuren.

Nahrungsmittelähnliche Produkte oder liebloser Kantinenfraß versprechen wenig Nutzen. Zu Tode gekocht, billig gehalten mit künstlichen Geschmacksstoffen, ertränkt in Packerlsaucen, enthalten sie meist viel Zucker und Transfette. Sollen deine Baumeisterlein so einen Schund in deine Zellen hineinbauen? Vorausgesetzt, das geht? Sauber arbeitende Immunzellen werden daraus bestimmt nicht.

Kochst du selbst, benutzt frische, vitale, möglichst wenig behandelte Zutaten, vielleicht sogar bio vom heimischen Markt, dürfte die Nähr- und Mineralstoffversorgung kein Problem darstellen. Und es schmeckt! DAS ist Nahrung für Leib und Seele!
Ein prima Fettsäurelieferant ist z.B. Leinöl in Joghurt oder Quark - köstlich mit frischen Früchten!
Und die Teilchen eines ehemals glücklichen Schweins weiß ich lieber in meinen Zellen zu Hause als die des antibiotisch-traurigen Huhns Nr. 46985.

Glaubst du, selbst nicht kochen zu können, dann würde es sich lohnen, es zu lernen. Nicht jeder muss damit ins Fernsehen. Bodenständige, einfache Gerichte sind kein Hexenwerk, und Bücher oder Anleitungen, z.B. bei Youtube, gibt es wirklich genug. Heiraten oder zu Mami ziehen wären die Alternativen.

Bestücke deine Gefriertruhe mit Notfallrationen Hühnerbrühe Rezept siehe hier. Im "Ernstfall" hast du wahrscheinlich wenig Appetit und keine Lust, am Herd zu stehen.


* Warm halten!


Zugegeben: Nierenwärmer sind nicht unbedingt der Erotik letztes Argument. Puschelsocken samt Fossybärstiefel auch nicht. Und wie hat mich meine Oma mit der uncoolen Unterhemdansage genervt.

Aber diese Geräte wärmen die Nieren, die Mitte und Füße effektiv. Und helfen, die nächste Erkältung vielleicht vorbeiwitschen zu lassen.

So behaupten die Alten, die Chinesen und - mich eigenen Erfahrungswerten demütig beugend - ich.


* Die Keimwolken verdünnen


Eine höhere Zahl Erreger pro Kubikmeter Atemluft lässt die Wahrscheinlichkeit zu erkranken steigen. Mit 287 Ladendieben auf 100 Quadratmetern kommt selbst der beste Kaufhausdetektiv nicht mehr zurecht - mit einem dagegen, oder sogar fünf, gewiss.

Die Konzentration der fiesen Gesellen kannst du mit simplen LÜFTEN erfolgreich vermindern. Also Fenster alle paar Stunden bis zum Anschlag aufreißen! Egal ob im Büro oder bei einer Milonga.

Vor allem tagsüber: Die UV-Strahlen, die uns die Sonne automatisch-gratis mitliefert, killen einige Keime.

Ein anderes, bei Erregern sehr beliebtes Transfer-Taxi sind unsere Hände:
Ein keimetragender Mensch niest die Unwesen in taschentuchbewehrte Pfoten. Dort machen sie sich's gemütlich, um dann am Türgriff auszusteigen und auf den nächsten Bus zu warten. Der transportiert sie anschließend zuverlässig zur Einstiegspforte Nase am nächsten Menschen.

Alternative Verkehrsknotenpunkte sind die Griffe von Einkaufswägen im Supermarkt, Telefonhörer, Haltestangen in der Trambahn, dein(e) Tanzpartner etc. Und Geld.

Normales Händewaschen genügt völlig - warmes Wasser und Seife vorausgesetzt. (Warum gibt es auf Schultoiletten eigentlich nur kaltes Wasser?)

Desinfizieren wird nur zwingend, wenn du selbst oder eine Person im Haushalt schwer angeschlagen ist, z.B. während einer Chemotherapie. 
Oder nach einem Klinik- oder Altenheimbesuch. Dort wachsen Erreger, die man auch in kleiner Zahl nicht mit nach Hause nehmen möchte.



* Schleimhäute feucht halten!


Die Schleimhäute im Nasenrachen-Raum sind für gewöhnlich die Häfen, die unsere Unfreunde ansteuern. Das weiß dein Immunsystem und unterhält aus diesem Grund genau dort lokale Abwehrstützpunkte. Diese Truppen phagozytieren fröhlich, lassen sich dann tot - mit Bösem im Bauch - in Schleim packen und nach draußen abtransportieren, vulgo abrotzen.

Ein wenig tiefer, in den Bronchien, helfen Flimmerhärchen mit. Wie auf einem Laufband befördern sie alles nach oben zum Abhusten, Schnäuzen oder Ausspucken, was keine Miete zahlt.

Schleimhäute, Schleim und Flimmerhärchen mögen es am liebsten schön feucht.

Die einfachste und effektivste Methode ist viel trinken: Zwei bis drei Liter dürfen es schon sein - optimal wären Wasser, Tee, Suppen oder verdünnte Fruchtsäfte. Wein, Bier und Kaffee lassen sich zwar auch trinken, sind aber zur ausschließlichen(!) Flüssigkeitszufuhr nicht wirklich geeignet.

Inhouse-Luftbefeuchtung klingt cool, kommt aber als altmodisches Stoß-Lüften daher.


* Langsam tun! 


Die Chinesen sagen, der Winter wäre eine Zeit des Rückzugs. Zeit, um Kräfte zu sammeln. Zeit zum Reflektieren. Zur Besinnung kommen?

Aufwändig-anstrengende Missionen dürfen winterlich ruhen!

Im Frühjahr, wenn die Säfte steigen und die Burschen ihr Lied für Veronika singen, ist die richtige Zeit, um heldenhaft die Unterhose drüber zu tragen und die Welt zu retten!


* Glücklich sein!


Inzwischen - man lese und staune - kommen sogar die Schulmediziner drauf:

Ein in zufriedener Grundstimmung schwingendes System bleibt eher gesund! Ein liebevolles soziales Umfeld unterstützt diesen Prozess sehr. Diese medizinische Fachrichtung nennt sich Psycho-Neuroimmunologie.

Also gönne dir Glücksmomente! 
So oft wie möglich!

Ein prima hochwissenschaftlich evidenzbasiertes Argument, heute doch noch zum Tangotanzen zu entwischen, obwohl deine Familie krank darniederliegt. Mit Männerschnupfen.

Für Non-Tangoistas erschließen sich bestimmt andere Möglichkeiten, die entsprechende Dosis wohligen Krankheitsprophylaxe-Glücks zu schnupfen.

Umgib dich mit Menschen, die dich mögen. 
Einfach, weil du bist, wie du bist.


* Und wenn es dich doch erwischt hat?


Dann gelten die Maßnahmen erst recht:
  • Ausruhen!
  • Warm halten!
  • Keimkonzentration verdünnen!
  • Viel trinken!
  • Schleimhäute feucht halten!
  • Langsam tun!
  • Für glückliche Gefühle sorgen!

Ohne diese Basics können selbst die besten Medikamente nicht wirken. Schleimlöser (Expektorantien) - egal ob Acetylcystein oder Kräuterzubereitungen aus Thymian, Efeu, Umckaloabo, oder was auch immer, brauchen genug Flüssigkeit im Körpersystem.

Unterstützend könntest du inhalieren: mit einem Ultraschall-Vernebler der neuen Generation, den IH50 von Beurer zum Beispiel, das Modell kenne ich aus der ambulanten Pflege.
Die alte Methode "heißes Wasser in Schüssel - Handtuch über'm Kopf - rote Birne" kann da nicht mithalten.

Und vor allem AUSRUHEN! Dein Immunsystem soll arbeiten. Du nicht.

Ich verbiete dir hiermit, dich über im Erkältungsfall eingeschränktes Funktionieren zu ärgern. Genieße lieber die Zeit, mal auf dem Sofa abzuhängen, mit einem guten Buch oder sogar vor dem Fernseher!

Verwöhn dich selbst! Gerade jetzt!
Das hast du verdient.

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel
(... while eating my own dog food ;)







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Donnerstag, 19. Januar 2017

"Mein Leben als Schiffskater" - Gastbeitrag von Peter Ripota

Wieso geht man ausgerechnet zum Tango? 



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Sein Leben als Schiffskater

Erfahrungsgemäß ist es ein schier unmögliches Unterfangen, Non-Tangoistas diese ganz besondere, beihnah magnetische Anziehung verständlich zu machen, die der Tango argentino auf uns „aficionados“ ausübt. 

Und selbst unsere tangoverrückten Kollegen können dir (und sich) die Tiefe dieses Verlangens oft nur schwer erklären. Enthusiastisch werden gerne als Tatmotive genannt:


Die Musik!
Die Freiheit der Improvisation!
Das so intensive Erleben des Augenblicks - umarmt und umarmend!
In Zauberreichen schwebend alle - wirklich alle - Emotionen ein- und ausatmend! Hossa!


Trotz aller sichtbaren Begeisterung bekommst du hilflose, dürre Worte geliefert, die nur an einem kleinen Teilaspekt kratzen können: Pressemeldungen vom Großhirn.

Was genau bewirkt die Faszination für Tango argentino denn nun wirklich? 


Bei wem? Und warum?
Braucht man, um Tango zu lieben, eine eigenartige Persönlichkeitsstruktur? Falls ja, welche?
Ist es hilfreich, ein bissel zu spinnen? Falls ja, wie? Spinne ich ein bissel, weil ich Tango tanze oder tanze ich Tango, weil ich ein bissel spinne?
Warum tu ich mir das immer wieder an? Körbe? Sitzenbleiben? Tangokrisen? Stochern in fadem Schrammel? Weite Anfahrt, Parkplatzsuche, Großstadtarroganz?
Warum geht man ein andermal nach einer Milonga so vor Glück bebend nach Hause - tangosatt - obwohl man in der Musik schwimmend das gesamte Spektrum der Gefühle durchmisst - Blut und Schweiß und Tränen? Die Liebe und das Leben und all das - die volle Dosis, konzentriert in ein paar Tänzen? 

Oder bilde ich mir das alles nur ein? Sind wir Freaks? Wenn ja - welcher Art? Oder ist Tango einfach nur Tango? Träumen wir? Oder was? Fragen über Fragen...

Um den Antworten ein wenig näher zu kommen, hilft es vielleicht, einem „Milonguero viejo“ zu lauschen. Nach unendlichen Strapazen, therapiedurchgemühlt, hat er seinen ureigenen Grund gefunden, warum er ausgerechnet Tango tanzen muss. 


So ist es mir eine große Ehre und seefrische Freude, dir Peter Ripotas Geschichte „Mein Leben als Schiffskater“ präsentieren zu dürfen. 

 
Dieser Artikel  erscheint zeitgleich in Peter Ripotas „Notizen aus dem schwarzen Loch“:

http://ya0m.r.bh.d.sendibt3.com/33i6anw17fl.html

Bühne frei, ahoi und viel Vergnügen!




Mein Leben als Schiffskater

Nachdem keine Therapie funktioniert hatte, um mich von meinen diversen seelischen Leiden zu befreien; nachdem ich vergeblich Verhaltens-, Gruppen-, Gesprächs-, Psycho-, Logo- und Magnetfeld-Therapie versucht hatte, riet mir meine Therapeutin zur Erforschung meines früheren Lebens. Und siehe da: Durch diese Erkenntnisse ließen sich die Seltsamkeiten meiner jetzigen Existenz endlich erklären!

Was mich schon immer wunderte: Ich liebte alles, was mit dem Meer zu tun hat, von Hans Albers über Freddy Quinn bis zu argentinischen Tangos, die zwar nicht vom Meer, wohl aber von viel Sehnsucht nach der Heimat (jenseits des Meeres) handeln. Dabei gibt es in meiner Heimat kein Meer, keine Seemänner, und getanzt wird Walzer, nicht Tango. Doch bei aller Liebe zum Meer: Wasser in größerer Menge finde ich furchtbar. Schon in einer Badewanne mittleren Ausmaßes habe ich Angst vorm Ertrinken. Aber Kreuzfahrten liebe ich, da kann ich stundenlang aufs Meer starren. Doch Reingehen ist nicht meine Sache.

Die Gründe dafür wurden mir klar, als ich mein Leben als Schiffskater neu erlebte, auf irgendeinem Piratenschiff, wobei der Unterschied zu normalen Frachtschiffen nicht so klar war - und mich auch wenig interessierte. Das Leben als Schiffskater ist etwas anders als die meisten glauben. Meine Hauptaufgabe war laut Anstellungsvertrag (ja, wir Katzen hatten damals noch Rechte, ganz ohne Gewerkschaft!) das Jagen und Vernichten von Ratten, die überall auf dem Schiff herumliefen. Aber das tat ich nicht. Die Menschen haben so komische Vorstellungen von der "Natur", bei der es angeblich nur ums Überleben des Besseren geht und jeder jeden frisst, sofern dazu fähig. Kompletter Unsinn, den sich ein magenkranker Engländer mit viel Bart und wenig Haaren ausgedacht hat. Ich hab mich, wie alle Schiffskatzen, mit den Ratten gut verständigt. Ich ließ sie in Ruhe, sie ließen mich in Ruhe. Sie kriegten von mir gelegentlich was zum Fressen, das mir nicht schmeckte (z.B. dieser widerlich versalzene Speck), und sie waren froh, wenn ich ab und zu ihre Bevölkerung (nach ihren Wünschen) ein wenig dezimierte. Ansonsten kamen wir gut miteinander aus. Sie versteckten sich bei Inspektionen, ich warnte sie davor. Denn was die Menschen vorhatten, wusste ich immer. Wir Katzen können zwar nicht verstehen, was die Menschen über ihre seltsamen Laute einander mitteilen - aber ihre Gefühle, ihre echten Wünsche und Intentionen kennen wir sehr wohl.

Als wohlerzogener Kater nahm ich regelmäßig an den Mahlzeiten in der Offiziersmesse teil. Pünktlich eine Viertelstunde vor Beginn des Essens saß ich auf meinem Platz neben dem Kapitän, dann machte ich meine Runde und holte mir von jedem, was mir zustand. Manche Matrosen waren so verfressen, dass sie alles in sich hineinstopften, und dabei fiel ihnen so viel aus ihren Mäulern, dass ich die Sachen nur zusammenwischen musste. Einer redete ununterbrochen, bis ich ihm mal während seiner Elaborate mit meiner Pfote was aus dem Mund holte, zum allgemeinen Gelächter der anderen.
Doch das Üble auf dem Schiff war das Wasser. Wenn es regnete, das ging ja noch. Ich verkroch mich unter eine Plane und schleckte dann mein Fell trocken, bis mein Magen voller Haare war. Aber wenn Sturm aufkam, gischteten die Wellen über das Deck, und es gab keine Flucht vor ihnen. Das Salz kriegte ich nicht mehr aus den Haaren, ich klebte und roch nach Pökelfisch. Widerlich. Dafür spielte Hein, der Künstler, mit seiner Donald-Duck-Mütze und den Pluderärmeln, am Abend auf seinem Schifferklavier (er nannte es "Concertina") melancholische Stücke, von denen er behauptete, es wären Tangos, und er hätte sie in Buenos Aires aufgeschnappt. Die anderen tanzten dazu. Naja, Tango war's wohl keiner, mehr ein Sirtaki, oder ein schottischer Reigentanz, aber egal. Die Musik hat mich fasziniert, ich tanzte mit, natürlich auf meine Art - geschmeidig, elegant und musikalisch, eben katzenhaft.

So führte ich ein erfülltes Leben, bekam meine Schmuse-Einheiten von den Männern, durfte im Bett des Kapitäns schlafen (wenn ich ihm vorher eine tote Ratte überreichte, sozusagen als Gastgeschenk), blieb in den Häfen an Deck (an Land gab's Leute, die Katzen aßen - Barbaren!), und alles wäre gut gegangen, hätten meine Mannen nicht eines Tages ein anderes Schiff gekapert. Sie nahmen die Mannschaft gefangen und entsorgten sie später im Meer (wir hatten zu wenig zum Essen für all die hungrigen Mäuler). Nur die eine Frau, die sich als Matrose getarnt hatte, die behielt der Kapitän, aus erzieherischen Gründen, wie er sagte. Was er damit meinte, sagte er nicht; vermutlich brachte er ihr die Grundlagen einer erfolgreichen Navigation bei. Das Problem war nur ihr Anhängsel, ihre Muschi. Ich meine ihre Katze, ein verzogener Fratz, verwöhnt, verweichlicht, durchtrieben und arrogant. Ich wollte, wie es meine Art ist, mit ihr Freundschaft schließen, aber sie ließ mich abblitzen. Schlimmer noch: Sie schaffte es irgendwie durch falschen Charme, meine Stelle beim Kapitän und bei den Matrosen einzunehmen. Ich wurde zum Nichts. Ein von mir angezettelter Aufstand meiner Rattenfreunde gegen sie lief ins Leere, denn sie flüchtete in die Kabine des Kapitäns und verriet den Haufen Langschwänze an den ersten Offizier, der mit den armen Vierbeinern kurzen Prozess machte, soweit er ihrer habhaft wurde. Ich verzog mich in den finstersten Winkel des Schiffs, wo es nach Faulwasser, Stinkefisch und Schimmelholz roch. Das war kein Leben.

So beschloss ich, trotz aller Gefahren, mit meinen Rattenfreunden das Schiff zu verlassen. Da war eh nichts mehr zu holen. Im nächsten Hafen (keine Ahnung, wo) marschierte ich von Deck, markierte zum letzten Mal den Landungssteg und machte mich auf die Suche nach - wonach? Die anderen Katzen im Hafenviertel dieser verkommenen Stadt (war das Buenos Aires?) schreckten mich ab, sie waren verwahrlost, verhungert, ungebildet und voll roher Scherze. Allein gefiel's mir aber auch nicht, doch die Katze meiner Träume fand ich trotz intensiver Suche nicht. Ich fühlte mich wie in den Texten dieser Tangos, verraten, verlassen, verfemt, und in meiner Verzweiflung tröstet ich mich mit dem Gedanken: Vielleicht findest du sie ja im nächsten Leben...


Gut, dass er wohl gestorben ist.
Drum tanzt er wieder - heute!


Vielen Dank an Peter Ripota!

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel





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