Sonntag, 29. Mai 2016

Der Mond und das Keksrezept



Am 20. Mai, am Tag meines DJane-Debüts, blicke ich in den klaren Nachthimmelhimmel:

Der Mond ist ein prächtiger Keks!
So groß, dass sich der hiesige Begriff "Laible" mehr aufdrängt.

Muskatiges Zimtgrinsen, fein eingebettet in buttrigen Mürbteig, schwebt dort droben, frühsommerliche Blütendüfte umkringeln zarte Tangoklänge aus dem Riedl'schen Wohnzimmer.
Ich sitze auf der Gartenbank, esse einen meiner DJ-Honorar-Kekse. Der Maulwurfschreck möööpt.

"Wenn ich den Mond nicht sehe, existiert er auch nicht."
(Behauptet Nils Bohr.)

Ich sehe ihn!
Jetzt!
Eindeutig ein exorbitantes Laible!?
(Behaupte ich.)

„Die Welt entsteht erst durch Beobachtung (Messung) bzw. Bewusstwerdung derselben. Nach John von Neumann geschieht dies im Gehirn, was impliziert, dass bewusste Beobachter die Welt erschaffen. Wo es solche nicht gibt, existieren offenbar auch keine Elementarteilchen, mithin auch sonst nichts.“
(Peter Ripotas Notizen aus dem schwarzen Loch 139)

Ich besitze ein Gehirn.
Habe ich etwa den Mond so erschaffen?
Gelten diese Elementarteilchengesetze auch für den Mond?

Die Tanda ist gleich zu Ende.
Mit meiner Zigarette drücke ich die träumerischen Frühsommernachtsgedanken aus, stecke den herab geflatterten Zettel mit dem Keksrezept (siehe unten) in die Hosentasche.
Und der Mond ist einfach wieder der Mond.

Schad' eigentlich...

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel

*****************


Gute-Laune-Kekse nach Hildegard von Bingen

(für Situationen wie im Artikel "Setz dich hin. Iss einen Keks.")

Zutaten:
150 g Butter
2 Eier
200 g brauner Zucker
1 Prise Salz
300 g Dinkelmehl
200 g geriebene Mandeln
2 gestrichene Esslöffel Zimt

1,5 gestrichene Esslöffel Muskatnuss (gerieben)
abgeriebene Zitronenschale
1 Teelöffel Backpulver

wenn magst, ein wenig Eigelb zum Bestreichen

So geht's:

Backofen vorheizen (200 Grad)

Die Butter direkt in der Rührschüssel via Mikrowelle schmelzen.
So weit abkühlen lassen, dass du dir deinen hineingetunkten Testfinger nicht mehr verbrennst.
Mit den 2 Eiern, dem Zucker und der Prise Salz gut verrühren, bis sich der Zucker aufgelöst hat. Darf schön schaumig werden.

Die Gewürze und die abgeriebene Zitronenschale untermischen. Kosten! Riechen!

Die geriebenen Mandeln dazugeben und rühren.

Backpulver und Mehl mischen, dann nach und nach mit dem Teig  verkneten. Rührhaken am Mixer sind jetzt von Vorteil. So lange, bis sich alles gut verbunden hat und der Teig nicht mehr pappt.

Den Teig zu zirka handlangen, 2-3 fingerdicken Rollen würsteln, in Frischhaltefolie packen und knapp eine Stunde im Gefrierschrank ausruhen lassen. Dann lässt er sich ganz bequem zu etwa halbzentimeterdicken Scheiben schneiden.

Auf Backpapier anrichten. Platz dazwischen lassen, die Kekse gehen auf. Also besser mehrere Chargen zum Ausbacken planen.
Wenn magst, darfst sie noch mit Eigelb einpinseln und mit Mandelblättchen dekorieren.

6-8 Minuten bei 200 Grad backen.

Et voilà!
Wünsche guten Appetit!





* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?
* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern

Mittwoch, 25. Mai 2016

Vom Sein, Schein und Tun - Was führt ans Ziel?



Im letzten Artikel ging es um die Akutfrage: "Was wollt' ich gleich nochmal?" Heute werfe ich sie etwas weiter gefasst in den Ring: "Wer oder was wolltest du eigentlich mal sein?"

Die tolle Krankenschwester?
... allzeit bereit, belastbar, immer ein Lächeln im Gesicht und das Häubchen - aus revolutionstechnischen Gründen - in der Tonne? Deine Patienten ins Glücklichgesunde gerettet? Respektiert von den Ärzten? Familie und Haushalt im Griff? Nach Bügelspray duftend, a saubers Madel mit stets (!) frisch desinfizierten Händen?
Du weißt ja als Gesundheits-und Krankenpflegerin, wie's geht...

Der Heilpraktiker / die Heilpraktikerin?
... deinen Klienten immer wohlwollend zugewandt? In der eigenen, hübsch und gemütlich eingerichteten Praxis? Dein Terminkalender natürlich voll mit zufriedenen, forsch in Richtung Gesundung schreitenden Patienten? In Folge dein Bankkonto sich füllend mit ebenso glücklichem Geld? Die Zustände (Missstände?) im Pharma- und schulmedizinischen Bereich voll durchblickend? Dazu Alternativen bietend? Deine Work-Life-Balance perfekt ausgeglichen? Du weißt ja, wie's geht...

Die begehrte Tanguera?
Der Tangolehrer?
Die gute Mutter?
Der beste Vater?
Die anerkannte Verlagsautorin?
Der Weltenbummler?
Der freigeistige Künstler?
Der rebellisch-bloggende Underdog?
...

Selbstverwirklichung?

Und dann öffnest du den Kühlschrank, um Milch in deinen Kaffe zu gießen. Anstatt wie für das Wunschbild eines Küchengeräts frisch-kühl zu blitzen, stinkt er dir deine nächste Aufgabe entgegen: Putz mich! Sofort!

Während ich beinharte, schwitzende Käsereste entsorge, mich über den möglichen Seinszustand einer vergessenen Tomate wundere und das Innere mit Essigreiniger auswasche, sorge ich mich über den ordentlichen Fortgang meiner Selbstverwirklichung. Eigentlich wäre ja heute "aufklärende Bloggerin" dran gewesen... Und wie passt der ganze Dreck zum Bild der "sauberen Krankenschwester", die für morgen gebucht ist? Oder zur "Freelancerin", die sich ja eigentlich eine Putzperle leisten sollte?

Die Ratgeber sagen...

man solle sich doch bitteschön ein realistisches Zielbild visualisieren, sich vorstellen, wie man sich dann fühlt etc., wenn man dann XY ist, also sich in eine Wunschzukunft versetzen. Anschließend gehe man dann schrittweise in der Zeitlinie rückwärts, um herauszufinden, wie man den gewünschten Zustand erreicht hat. Mit dem Ziel, das Ziel zu erreichen.
Gut und schön.

Erfahrungsgemäß hat diese Methode aber Haken:


Die Erkennbarkeit
Willst etwas sein, einem Bild entsprechen, bedeutet das erstmal eines: viel Arbeit!
Du musst dir bestimmte Accessoires zulegen - in deinem Erscheinungsbild, deinem Verhalten, sogar in deinen Meinungen - als Beweis, dass du nun wirklich XY wirst oder schon bist.
Ob du damit für dich selbst oder für eine Gruppe erkennbar wirst, der Aufwand bleibt. Stetiges Changieren, Abwägen, Nachjustieren zieht viel Energie. Vielleicht musst du dir zusätzlich zu den ungeimpften Kindern, den unbequemen Glitziglänz-Peeptoes auch noch eine Laktoseunverträglichkeit zulegen? Fragen über Fragen....

Der Vergleich mit anderen
fällt da natürlich leicht - auch die Erkenntnis, dass andere immer erfolgreicher, besser sind. Ein zuverlässiger Weg, unglücklich zu werden.

Die Gruppenidentität
Was du bist und ob das richtig für dich ist, bestimmt oft die Gesellschaft, in der du dich bewegst, anhand einiger weniger Kriterien. Ist die so erhaltene Identität dann deine eigene?
Muss ich...
  • als Heilpraktiker von Homöopathie überzeugt sein, reflexartig "Darmsanierung" und "Impfschäden" rufen? 
  • als Krankenschwester chronisch genervt und völlig überlastet zu sein? 
  • als Tangotänzerin meinen Musikgeschmack einschränken? 
  • als Mutter alle Kinder süß finden? 
  • als Illustratorin die Finger vom Schreiben lassen?
  • als Selbstständige über die Steuer schimpfen?
  • als Geschiedene zur männerhassenden Furie mutieren?
  • als reflektierte Mittvierzigerin vegan werden?
Wer sagt das?
Muss ich mich daran halten?

Weichst du vom vorgegebenen Bild ab, rutscht du einfach ohne Federlesen in die nächste Schublade. Findet sich auf die Schnelle keine passende, wird gerne "rebellierender Underdog" als Ablage verwendet. Sich dort hinauszustrampeln bedeutet wieder eine ganze Menge Arbeit.
Deine Selbstverwirklichung wird von der Gruppe milde lächelnd als "noch nicht abgeschlossen" bewertet. Dann darfst du wieder hart an der Erkennbarkeit arbeiten, um das Gegenteil zu beweisen.

Der schnöde Alltag 

mit seinen Lebensbewältigungsaufgaben kann dir dabei ganz schön an den Karren fahren.

Wie wäre es stattdessen...


... den ganzen Selbstbildverwirklichungskram beiseite zu legen? Die identitätsstiftenden Seinsvorstellungen zu reduzieren?
Bilder sind Objekte.
Objekte kannst du besitzen.
Und verlieren.


... lieber zu überlegen, was du gerne TUN würdest? 
Und warum?
Und wie?
Das ist viel einfacher, klarer und zielführender.
Ohne Interpreationsballast.

Ich mag Verben.
Sie helfen uns, das Leben zu genießen und zu meistern.
Du entscheidest, wann du was wie tust. Niemand sonst.

Schluss mit "Ich bin XY!"
Wie wär's stattdessen mit "ICH BIN!"
Reicht doch, oder?

Also hör auf, Fragen zu wälzen wie "Ab wann darf ich mich als Tanguera bezeichnen?".
Geh einfach tanzen.
Als du!

Viel Vergnügen!

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel





* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?
* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern

Samstag, 21. Mai 2016

Gastbeitrag von Alessandra Seitz: "Tradition – alisten"

Seit einigen Monaten scheinen mir einige Blümelein in "Tangos Garten" zu sprießen, die der eine oder andere "der echten Tradition" Verbundene gerne als "Unkraut" definieren möchte.

So geht auf mancher Grünfläche unanständig sonnenlachender Löwenzahn eher über den Jordan als in den Salat. Ähnliches blüht den Brennesseln, die erstmal beißen und zwicken, wenn du ihnen zu nahe kommst. Als Tee können sie dir beim Ausschwemmen von Schlackestoffen helfen. Ihren Samen wird sogar aphrodisische Wirkuung nachgesagt.

Verändert man nur ein wenig den Blickwinkel, können aus ungeliebten Rasenverschandlern Heilkräuter werden.

So freue ich mich wie ein Brummkreisel, dir heute den Gastbeitrag von Alessandra Seitz präsentieren zu dürfen. 
Sie schlägt einen zauberhaft einfach-anderen Blickwinkel vor, der mir sehr gefällt.
 
Viel Vergnügen!
Bühne frei für Alessandra Seitz:


Foto: Alessandra Seitz * tan-do & Wiener Salonensemble

Als Wienerin steh ich natürlich auf Tradition.


In einer Stadt wie dieser, muss man das ja beinahe und
… wir haben auch so viel davon …

Das Kaffeehaus hat Tradition, ist gar Weltkulturerbe, und ich steh drauf !

Der Opernball hat Tradition, seit nunmehr 60 Jahren, und ich mag ihn.

Der Rosenball hat Tradition, seit 20 Jahren … und ich finde ihn sooo cool.

Und da wäre ich auch schon beim Thema: 60 Jahre ist Tradition, aber 20 Jahre auch, und was heute neu und gut ist, wird in 15 Jahren Tradition sein.

Wir haben unseren Wolferl Mozart und sind mächtig stolz auf ihn - und wir haben Falco, der mit Amadeus weltberühmt wurde, auf den die meisten Wiener erst mächtig stolz waren, nachdem er tot war.

Wir haben das Wienerlied und die Neuwirth Schrammeln, das eine hat sich aus dem anderen entwickelt und ich kenne keinen traditionellen Wienerliedsänger, der die Neuwirthschrammeln nicht zum Genre des Wiener Liedes zählen würde.

Wir haben den Strauss Schani und den Walzer, aber wir haben auch einen ‚Nackerten im Hawelka‘.

Ich kann mich noch gut erinnern, als sie mir das Haas Haus vor den Stephansdom gebaut haben. Da ging ein Aufschrei durch die Menge, und auch mir entfuhr ein leicht angewiderter Seufzer. Was soll ich sagen: Heute liebe ich das Ding, finde es genial und fotografiere es ständig.

… da fällt mir sofort eine weitere Wiener Tradition ein: das Raunzen! Neues finden wir erst mal sicherheitshalber Scheiße und raunzen halt a bissal herum, aber wenn ein wenig Zeit ins Land gegangen ist, ist es gut möglich, dass wir unsere Meinung ändern … und wenn nicht wir, dann vielleicht die nächste Generation ;)

Also habe ich auch Hoffnung für den Tango.

Piazzolla haben sie ja auch beinahe gesteinigt, heute gehört er zu den Klassikern und ich glaube, dass die Argentinier mächtig stolz auf ihn sind 😉

In diesem Sinne :
Liebe Tradition-alisten, 
habt keine Angst vor Neuem, 
denn vielleicht ist es ja doch gut
und wird eh mal Tradition…. 

Dann wart ihr bei der Avantgarde.

Ich wünsche allen wunderbaren Tangos mit alter und neuer Musik

Lasst uns Tradition WERDEN 😉
************************************

Danke, Alessandra!

Mit glitzerigen Tangogrüßen nach Wien,
Manuela





Quellen / mehr zu diesem Thema:
Dieser Artikel ist Teil 2 von 3 der Serie Das Klischee
ATango...blog: http://tan-do.net/atango/
Werk2 - Werkstatt für Kunst und Tango (Alessandra und Peter Seitz): http://www.werk-2.at/ 
* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?
* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern

Dienstag, 17. Mai 2016

Setz dich hin. Iss einen Keks.



Was wollen die denn schon wieder hier?
Kleiner Bruder "Unachtsamkeit" hat heimlich Salz statt Zucker in deinen Kaffee gelöffelt, Schwester "So Müdäää" vernebelt deine Birne und großer Bruder "Perfektionismus" rennt mit gesträubtem Nackenhaar im Kreis - kritisierend, kreischend, als hätt' er einen Knopf in den Kronjuwelen. Darf ich vorstellen: Familie "Das ist echt grad zuviel."


Du stehst ratlos mit einem Trumm in der Hand in der Landschaft: "Was wollt ich gleich nochmal?", während du versuchst, einen Gähnanfall - da nicht angemmessen? - zu unterdrücken.
Konzentrationsversuche zwecklos.
Abgewiesen vom Großhirn.
Arbeitsspeicher rappelvoll.

Aus allen Richtungen scheinen die Anforderungen neonfarben zu blinken. Gleichzeitig zerren sie an allen verfügbaren Zipfeln deines Kittels.

Beim Tango betonieren sie dir die Füße. Mit gierigen Mäulern beißen sie fette Stücke ab vom heiß erwarteten, therapeutisch notwendigem (jawoll, will ich, brauch ich doch) Tangowohlgefühl.
Was soll das denn? Das muss doch gehen! Ich will meine Tangoentspannung!

Stattdessen spinnen die ungeliebten Geschwister grübelig-pappige Gedankennetze, in denen sich sonst so fein funktionierende Krisenstrategien verfangen und jämmerlich eingehen.

Atem- und Tanzfluss geraten ins Stocken, dafür tröpfelt der Mißmut faulig stinkend in dich hinein.

Allein die schlichte Anwesenheit dieser Mischpoke genügt, um die sanfte Stimme ganz hinten in deinem Kopf zu überdecken: "Hast grade echt viel an der Backe. 
Setz dich hin, iss einen Keks."

Noch immer gerate ich in solchen Situationen in Versuchung, alle Probleme "jetzt sofort" lösen zu wollen. (Bin doch ein routinierter Gelassenheitsprofi!)
Und scheitere.
Versuch's nochmal, zwick' Zähne sowie Arschbacken zusammen
und scheitere wieder...
Da capo...?

Bis ich dann so erschöpft bin, dass nix mehr anderes möglich ist als Essen, allein oder mit lieben Menschen auf dem Sofa sitzen, schweigen dürfen und schlafen.
Dann kommt "Shen" auf leisen Pfoten zurück und legt sich schnurrend auf meinen Schoß, lässt sich kraulen. Die Chinesen sagen, "Shen" (der Geist) wohne im Herzen. Ist dieses aufgewühlt, macht er (oder sie?) sich vom Acker und Platz für die ungesunde Bagage.

"Ärgerlich, dass dir diese schnurrende Zufriedenheit manchmal auskommt, gell?", flüstert mir Brüderlein "Perfektionismus" in's Ohr. Demütig debil grinsend antworte ich ihm - die Schreibfeder in der Hand:
"You teach best, what you need most."
Dann trollt er sich. Meistens.
Das Leben kann so einfach sein.
... al fine.

Was würdest du deinem Patienten, Tanzpartner oder Freund raten, wenn er/sie mal wieder akut am Rad dreht? Da ich auf Ratschläge mitunter trotzig reagiere, habe ich es lieber, wenn Fragen vergessene Möglichkeiten beleuchten, um mit den Füßen wieder fest auf dem Boden stehen:


"Was kannst du jetzt sofort, 

in diesem Moment tun, 

damit es dir besser geht?"


Die ganz grundlegenden Dinge des Lebens verliert man gerne in Krisensituationen aus dem Blick:
  • Wann hast du das letzte Mal was gegessen? 
  • Wann hast du das letzte Mal geschlafen? 
  • ... mit wem und warum? 
(frei nach Dr. Eckart von Hirschhausen)

Ein niedriger Blutzuckerspiegel ist genausowenig förderlich für Gelassenheit und Konzentration wie Schlafmangel.
Also:

"Setz dich hin, schnauf' durch, iss einen Keks!"
Diese ein bis fünf Minuten sind vertretbar!
Lass dein "Aber..."-Schild stecken. Die wichtigtuerischen Argumente darauf kenne ich: Sie sind fast immer irrelevant. Wenn dein Tanzpartner die Kekspause nicht toleriert, ist eh fraglich, ob weiterer Kontakt gesund wäre.
Bestehe in Belastungszeiten auf (ungestörten) Nachtschlaf.
Halte Pausenzeiten ein.

Vielleicht stellt sich ein zarter Hauch muskulärer Zufriedenheit ein, wenn du jetzt sofort deine Haltung veränderst? Einfach das Gewicht ein wenig verlagerst? Oder mit den Zähnen klapperst, um deine Kiefergelenke zu lockern? Die Tastatur näher heranziehst? Den Bildschirm nackenfreundlich kippst?

Wie wär's mit Lüften?
Oder Wollsocken, wenn's dich friert?
...lauter kleine, einfache Aktionen... 
Horch und fühle!
Sei kreativ!


"Befindest du dich 

oder derjenige, um den du dich gerade kümmerst

in akuter Lebensgefahr?"


Falls ja: Tu, was zu tun ist. Sofort!
Nimm deinem Zweijährigen die Domestosflasche aus den Pfoten, reanimiere deinen Patienten mit Herzstillstand, verschwinde augenblicklich von der Mitte der Autobahn und hau' dem Säbelzahntiger deinen Tanzschuhbeutel auf die Schnauze!

Falls nein: Einfach weiteratmen.
Einfach weitertanzen. Einfach weiter deine Arbeitsroutine erledigen.
Egal, welche Gefühle dich dabei anfliegen, sie bringen dich nicht um und vergehen wieder.

Tango ist dazu da, um getanzt zu werden, Arbeit, um erledigt zu werden. Nichts weiter.
Für das dabei empfundene "Glück" bist du selber zuständig.
Stellt sich selbiges nicht ein, wirst du's heute überleben.

"Ist jetzt in diesem Moment

der richtige Zeitpunkt, 

um sämtliche Probleme zu lösen? 

Hast du jetzt dafür Arbeitsspeicher frei?"


Bleib bei der Beantwortung dieser Frage ruhig wie a bissele schizophren "neben dir", und zwar so weit, dass du dich  - wie als Darsteller in einer Filmszene - rödeln siehst.

Und, mein Held und Weltenretter respektive Mutter Theresa oder Jeanne d'Arc?

Ich schätze, die Antwort lautet: "Gewiss nicht!"

Ob du deine Arbeitsstelle wechseln, gegen die Vernichtung des Urwalds demonstrieren und dich für Flüchtlinge engagieren solltest, wer deine Waschmaschine repariert und Ungewisses bezüglich Versicherungen, Finanzen, Mülltrennung, Partnerschaft, die Probleme deiner Familie etc. wirst du heute nicht klären können.
Musst du nicht.
Du darfst dir aber gern versprechen, dass du dich drum kümmerst, wenn wieder Ruhe in Leib und Seele eingekehrt ist.

Nimm Probleme in Angriff. 

Nicht jetzt, besser wenn  
der Bauch satt, 
das Herz ruhig 
und der Verstand klar ist. 

Dann entscheide aktiv, wann du dich von welchem "Problemwesen" zu einem Tänzchen auffordern lassen willst. (Vorschläge hierzu folgen im nächsten Artikel.)

Fazit:


Heute sind nur die aktuellen Aufgaben dran -
das, was heute zu tun ist.

Schicke die ungesunden Geschwister "Unachtsamkeit", "So Müdäää" und "Perfektionismus" fort. Die sollen woanders spielen.

Iss was Gescheites, schlafe, ruh' dich aus, hol dir Frischluft!
(Auch wenn heute nur eine geringe Dosis möglich ist, die hilft!)

Liefere das Beste, was heute möglich ist.
Egal, ob beim Tango oder der Arbeit.
Schreib dir diesen Satz auf einen Zettel. Markiere den zweiten Teil farbig. Steck ihn in die Kitteltasche. Lies ihn mindestens stündlich.

Dann setz' dich hin und iss einen Keks.



Herzliche Grüße, komm gut durch!
Manuela Bößel






mehr zu diesem Thema: https://www.uni-augsburg.de/projekte/gesundheitsmanagement/downloadverzeichnis/stressvermeidung.pdf
* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?
* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern

Donnerstag, 12. Mai 2016

zwei Gastbeiträge von Peter Ripota: Sexistische Anmache: Was kann man dagegen machen? (Teil 2)


Im ersten Teil seiner beiden Gastbeiträge legte Peter Ripota schon diverse Fragen zum Thema "Leitlinien im zwischen-mann-frau-menschlichen Bereich" auf den Tisch. Heute präsentiert er uns Vorschläge zum Umgang miteinand'. 
Viel Vergnügen und Bühne frei für Peter!

**********************************************************

Sexistische Anmache: Was kann man dagegen machen?


Das letzte Mal ging es um unterschiedliche Auffassungen von Bemerkungen, die als Kompliment oder als Beleidigung aufgefasst werden können.

Doch wenn Beleidigung: Was hilft dagegen?

Ob etwas sexistische Anmache oder freundliches Kompliment ist, liegt manchmal im Auge des Betrachters. Wenn der sich aber angegriffen fühlt, was tun?
 
Die Antwort ist einfach: Sofort reagieren, freundlich und bestimmt.

Nur dann ist eine Wirkung möglich, Beleidigtsein hilft nichts, Schmollen auch nicht.

Aber wenn das Gegenüber Autorität besitzt und eine Konfrontation problematisch wird?

Dazu hat die jüdische Schriftstellerin Hanna Ahrendt Kluges gesagt. In einem SPIEGEL-Essay (Ausgabe 6/2013) wird sie von Elke Schmitter folgendermaßen zitiert:

Man muss sich wehren. Wenn etwa von meinen Lehrern antisemitische Bemerkungen gemacht wurden, dann war ich angewiesen, sofort aufzustehen, die Klasse zu verlassen, nach Hause zu kommen, und alles genau zu Protokoll zu geben. Dann schrieb meine Mutter einen ihrer vielen eingeschriebenen Briefe.

Aber:
Wenn es von Kindern kam, habe ich es zu Hause nicht erzählen dürfen. Das galt nicht. Was von Kindern kommt, dagegen wehrt man sich selber.

Erstaunlicherweise hat die Wissenschaft die Wirksamkeit der sofortigen Reaktion auf Unangenehmes bestätigt. Der amerikanische Politologe Robert Axelrod lud eine Reihe von Mathematikern, Computerwissenschaftlern, Programmieren, Spieltheoretikern, Physikern und Psychologen ein, sich an einem Wettbewerb der besonderen Art zu beteiligen. Jeder sollte ein von ihm selbst geschriebenes Computerprogramm in BASIC abliefern, das bestimmte Verhaltensweisen (egoistisch, betrügerisch, kooperativ, verzeihend, usw.) simulieren sollte. Diese Programme sollten dann gegeneinander antreten, jeder gegen jeden. Wer am Ende die meisten Punkte eingesammelt hatte, sollte Sieger sein.

Wie kann man so etwas Komplexes wie menschliche Verhaltensweisen auf einem Computer simulieren, noch dazu mit einer so einfachen Programmiersprache wie BASIC? Kein Problem, man muss nur den Mut haben, die Welt so einfach darzustellen, dass sie in ein paar BASIC-Zeilen passt und dennoch die Wirklichkeit halbwegs realistisch widerspiegelt. Dazu wird das Ganze als strategisches Spiel betrachtet, mit Gewinn und Verlust, je nachdem, wer mit wem zusammentrifft.

Und das geht so:
Erst teilt man die Individuen der Computerwelt in zwei Klassen ein: solche, die ehrlich sind und gerne kooperieren. Sie erhalten das Etikett "E" (für "ehrlich"). Die anderen mogeln: Sie tragen das Erkennungszeichen "M".

Treffen nun zwei Individuen aufeinander, so verhalten sie sich gemäß ihrer Strategie, ohne dass sie wissen, was der andere macht.

Als nächstes gibt es Belohnungen und Bestrafungen. Treffen zwei Ehrliche aufeinander, erhält jeder 3 Punkte. Treffen zwei Mogler aufeinander, erhält jeder von ihnen nur einen Punkt. Trifft ein ehrliches Individuum auf einen Mogler, erhält der Mogler 5 Punkte, der andere gewinnt nichts oder verliert sogar einen Punkt.

Wie man sieht, gibt es keine Strategie, die von vornherein die meisten Punkte sammelt. Immer mogeln würde nur lohnen, wenn der andere immer ehrlich ist.

Erstaunliches Resultat: Das einfachste Programm mit Namen "Tit for Tat" (Wie du mir, so ich dir") wurde Sieger. Auf einen freundlichen Gegner reagierte es freundlich, auf einen betrügerischen Gegner mit Betrug - aber immer erst nachher, denn vorher war das Verhalten des Opponenten ja unbekannt. Danach verzieh das Programm und war weiterhin kooperativ; es 'schmollte' nicht.

Erstaunlich: Kurzfristig war "Tit for Tat" der Verlierer, langfristig der Gewinner. Es kommt eben auf die richtige Mischung an. Gefragt ist eine geschickte Kombination aus Optimismus ("Die Menschen sind von Natur aus ehrlich"), Realismus ("Es gibt auch Betrüger") und Flexibilität ("Ich passe mich dem anderen an"). Ob wir daraus etwas lernen können?

-Peter Ripota-
www.peter-ripota.de

Peter Ripota, Jahrgang 1943, studierte Physik und Mathematik an der Technischen Hochschule Wien. Er schrieb zahlreiche Bücher über esoterische Themen ("Die Geburt des Wassermannzeitalters", "Metamorphosen der Liebe", "Heilung aus dem Chaos") ebenso wie über die Mängel der modernen Physik ("Mythen der Wissenschaft"). Seit den frühen 1990-er Jahren ist er dem Tanz aus Argentinien verfallen. Zusammen mit seiner Frau Monika veranstaltet er eine monatliche Tango-Tanzveranstaltung in Freising (Bayern).
**********************************************************


Dankeschön an Peter Ripota!

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel





* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?
* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern

Dienstag, 10. Mai 2016

zwei Gastbeiträge von Peter Ripota: Kompliment oder Beleidigung? (Teil 1)



In meinem letzten Artikel ging es um "Regeln" und ob bzw. wie man diese in Frage stellen kann. ...darf? ... soll? ... möchte?

Verhaltensvorschriften gibt es ja auch im zwischenmenschlichen Bereich und ganz besonders viele davon im zwischengeschlechtlichen. Sie wohnen - sich munter abwechselnd - im momentan herrschenden Zeitgeist und verschiedensten Kulturkreisen. Ein ganz schwieriges Pflaster!
Da ist es nicht ganz einfach zu überblicken, was grade "richtig" (im Sinne von "ungefährlich") sein könnte. Peter Ripota (österreichischer Galan alter Schule) kredenzt uns in seinem Artikel schneidig-freche Beispiele und Fragen. 

Dankeschön und Bühne frei für Peter Ripota! 
Viel Vergnügen!
**********************************************************

Kompliment oder Beleidigung? 

 

Die Sexismus-Debatte entzündet sich vor allem an verbalen Äußerungen: Ist eine Bemerkung Menschen-erfreuend oder Menschen-verachtend?

Stellen Sie sich (als Mann) folgende Situation vor: Durch eine Zeitmaschine werden Sie plötzlich ins galante Zeitalter zurückversetzt. Sie leben sich gut ein und lernen auf einem Ball ein charmantes Ehepaar kennen.

Als Gentleman der alten Schule, der Sie ja nun sein sollen, machen Sie der Dame ein Kompliment über - irgendetwas, Sie haben's vergessen.

Anstatt dass daraus eine angenehme Unterhaltung wurde, haben Sie Ihr Todesurteil ausgesprochen.
Denn der Kavalier der Dame fasste Ihre Bemerkung als tödliche Beleidigung auf und forderte Sie zum Duell heraus. Womit Sie Ihr Leben verwirkt haben, denn mit den Waffen der damaligen Zeit können Sie natürlich nicht so gut umgehen wie Ihr Gegner.

Ein konstruierter Fall? Möglich, aber ähnliches gibt es ja auch in der Gegenwart.

Stellen Sie sich vor (und beantworten Sie die folgenden Fragen möglichst alle für sich selbst), stellen Sie sich also (als Frau) vor, Sie gehen zur Garderobe und ein unbekannter Mann, freundlich lächelnd, hilft Ihnen unaufgefordert in die Ärmel.

Kompliment oder Beleidigung?
Extreme Reaktionen: "Was für ein netter und wohlerzogener Mann." gegen "Lassen Sie das, ich bin kein hilfloses Wesen, und rühren Sie mich gefälligst nicht an!" Beides geschehen.

Nun die umgekehrte Situation: Sie (als Mann) haben in der engen Straßenbahn Probleme, den Arm in den Ärmel des Anorak zu kriegen. Eine unbekannte Frau, freundlich lächelnd, hilft Ihnen dabei unaufgefordert. Sind Sie erfreut oder irritiert?

Oder wie geht es Ihnen dabei: Fröhlich, gut gelaunt, gesund und munter betreten Sie die Straßenbahn. Da bietet Ihnen ein junges Mädchen seinen Platz an. Was denken Sie? "Wie nett, die Jugend von heute ist doch noch wohlerzogen" oder: "Oh Gott, ich werde alt!"

Hier noch ein Beispiel aus einem SPIEGEL-Gespräch (Ausgabe 6/2013) zwischen zwei Politikern, Wolfgang Kubicki (FDP) und Laura Dornheim (Die Piraten). Kubicki hatte mal über eine Wirtschaftsjournalistin, die den ganzen Tross (unverschuldet) aufhielt, gesagt: "Wo ist denn die Zaubermaus?"

Freundliche Bemerkung oder sexistisch-verachtungsvolle Herabwürdigung? Die Piratenfrau meinte dazu: "(Zaubermaus) ist verniedlichend, abwertend und enthält eine sexuelle Anspielung."

Sind Sie auch dieser Meinung? Wie begründen Sie diese?

Noch schwieriger wird die Sache in anderen Kulturen.
Es gibt bei manchen Volks- und Religionsgemeinschaften eine Kultur des Beleidigtseins, die auch gut gepflegt wird. Wir brauchen keine Beispiele aus letzter Zeit anzuführen, jeder kennt sie. Selbst in Europa gehören einige Länder dazu, erstaunlicherweise (oder auch nicht) diejenigen mit den meisten finanziellen und gesellschaftlichen Problemen.

Eine Bekannte vor mir hielt sich oft und gern in Stammesgesellschaften auf. Das Leben dort ist wunderbar, denn die Menschen sind gastfreundlich und herzlich. Das Leben dort ist schrecklich, denn die Menschen sind bei jeder Gelegenheit beleidigt.

Beispiel Sitzen: Wenn sie so saß wie die anderen (Beine überkreuzt), war das eine Beleidigung, denn als Nicht-Stammesangehörige stand ihr eine solche Haltung nicht zu. Wenn sie dagegen die Beine auf europäische Art ausstreckte, waren die Gastgeber erst recht beleidigt, denn diese Haltung drückt Verachtung gegenüber den Gepflogenheiten der Stammeskultur aus.

Kurzum: 
In unserer schnelllebigen und globalisierten Welt ist es nicht ganz einfach, immer das Richtige zu sagen oder zu tun, ohne Anstoß zu erregen. Die Konsequenz, schweigen und nichts tun, ist nicht immer ratsam. Und was soll man/frau machen, wenn die Bemerkung eines Gegenübers für einen selbst eine Beleidigung darstellt, was der andere aber anders sieht (siehe "Zuckermaus")?

Haben Sie da Vorschläge?

-Peter Ripota-
www.peter-ripota.de

Peter Ripota, Jahrgang 1943, studierte Physik und Mathematik an der Technischen Hochschule Wien. Er schrieb zahlreiche Bücher über esoterische Themen ("Die Geburt des Wassermannzeitalters", "Metamorphosen der Liebe", "Heilung aus dem Chaos") ebenso wie über die Mängel der modernen Physik ("Mythen der Wissenschaft"). Seit den frühen 1990-er Jahren ist er dem Tanz aus Argentinien verfallen. Zusammen mit seiner Frau Monika veranstaltet er eine monatliche Tango-Tanzveranstaltung in Freising (Bayern).
**********************************************************

Am kommenden Donnerstag, den 12. Mai erörtert Peter hier für dich die Frage  
"Sexistische Anmache: Was kann man dagegen machen?"

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel






* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?
* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern

Dienstag, 3. Mai 2016

Schwarz und Weiß und das dazwischen



Über erleuchtete Regelbewahrer, die Tango-Pozilei, die Angst vor dem MdK und was es außerhalb von Klischees alles zu entdecken gibt
„Meistens schauen wir nicht erst und definieren dann, wir definieren erst und schauen dann.“ Walter Lippmann: Die öffentliche Meinung (Public Opinion) 1922.[3]

Schwarz wie Ebenholz? DER TANGO


Primäre Assoziationswolken zum Tango zeigen meist schwarzhaarige Damen mit netzbestrumpften, highheelbewehrten Beinen, die mit melancholischem Blick und einem schneidigen Latin Lover engumschlungen durch erotikknisternde Dämmerung schweben. Schwarz gewandet natürlich.
Am Straßenrand in kniehohem Bodennebel sitzt ein alternder Bandoneonspieler auf einem Klappstuhl, Tränen der Sehnsucht in den Augen, eine langstielige Rose quer zwischen den Zähnen. In die Sichel des Mondes schmiegt sich schnurrend ein räudiger Kater.

„Vertikaler Ausdruck horizontaler Absichten“ und „ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann“ sind Zitate, die tausendfach wiederholt werden. Wissenschaftliche, kulturhistorische und philosophische Betrachtungen des Phänomens „Tango“ gibt es zuhauf.

Hübsch marketingtaugliche Klischees ebenso, die inzwischen von Vertretern der "Tangopozilei" als die einzig reine Wahrheit, als der (!) Standard (!) dargestellt und massiv verteidigt werden.  
So erleuchtet und rein und persilweiß.
Und die seltenen "Erst Schauer - dann Definierer"- Tangoistas sollen sich doch bitteschön (!) zurückziehen aus der "definierten Tangowelt" und die Gosch'n halten, auf dass kein Neuling mit bösen Ideen infiltriert werde.
Helfen die Belehrungen nicht, werden die Revoluzzer gnadenlos abgestraft: Herabsetzungen, persönliche Beleidigungen, Ausschluss.

Beispiel gefällig?
http://milongafuehrer.blogspot.de/2015/11/von-der-feinsinnigkeit-traditioneller.html

Meine Erfahrung als „Tangouser“ ergänzt diese Bilder mit Eindrücken aus "freier" Wildbahn: Mitbürger Ü50 bis Ü70 in karierten Funktionshemden, die sich gemächlich zu lauer Käsethekenmusik bewegen, können genauso desillusionieren wie pfauenradschlagende Ü30-er, die den Tango lediglich als schmückendes Beiwerk zur Brautschau nutzen.

Verzweifeltes Schwitzen, wenn sich das gewünschte Tangogefühl nicht einstellen mag, und Fluchen auf den inneren Schweinehund, der am Verbesserungswunsch der eigenen Technik nagt.

"Wo sind die Geigen hin? Koa Cello schluchzt, koa Bratsch'n woant...

... I brauch mein Kitsch, jawoll!" 

(Konstantin Wecker)

Mit himmelblauen Valses dich trotzig lachend wieder ins Gleichgewicht tanzen, zu weinenden Geigen und  Dickermännergesang mit viel Schmalz gemeinsam improvisieren, in piazzollische Paralleluniversen entschweben, prickelnde Lebenslust in alle Körperzellen hineintanken, Bewegungen, die sich so zart anfühlen wie der Hauch von erstem Schnee, das Blitzen der Seele im Auge deines Gegenübers...
Tröstlich - denn auch das schenkt dir der Tango.

"Mein Tango" wohnt irgendwo dazwischen, manchmal über sich selber lachend, gewürzt mit dem gesamten funkelnden emotionalen Spektrum, welches das Leben ausmacht. Jedes Mal neu und anders daherkommend, lässt er mich noch immer staunen.



Eigentlich ist alles ganz einfach: 

Zwei Menschen kommunizieren tanzend, in Umarmung gerahmt von Musik. Kein Schritt ist vorgegeben. Der Tango schenkt die Form, die beide dann sinnlich und emotional füllen.

Ein weites Feld, wenn du erst schaust und dann beschreibst, was du alles gefunden hast. Verlass dich nicht auf vorgefertigte Definitionen! Die schränken nur deinen Blickwinkel ein und schließen dich von so mancher Erfahrung einfach aus.

Der Tango lebt im Augenblick, wenn du bereit ist, dich auf ihn einzulassen. Und schon schmeckt der Tango nach Bitterschokolade mit Schlagobers (oder Leberwurstbrot).

Dann zünde ich ein Kerzlein an, dem Schicksal dankend, dass ich nicht auf die "Tangopozilei" gehört hab', und gewisse Schutzzonen vehement verteidigt werden.


So weiß (und kalt) wie Schnee? DIE PFLEGE



Ähnliche Tendenzen beobachte ich in der Pflege und im schulmedizinischen Bereich:
Standards definieren heute meist Einzelprobleme des Patienten. Vorgegebene "Einzel-Schritte", für die ein bestimmtes Zeit- und Geldbudget festgelegt wurde, werden einzeln geplant, dokumentiert, evaluiert, überwacht.

Fehlerfähnchen auf der Landkarte Mensch.
Fein definiert.
Angeschaut, ob richtig dokumentiert und evaluiert.
Dann abgearbeitet.
Fertig.

Und die Stellen dazwischen?

War da nicht noch was? 

 

  • Den ganzen Menschen sehen? 
  • In seinem Umfeld? 
  • Mit seiner ganz eigenen Geschichte? 
  • Mit seinen Abneigungen und Vorlieben? 
  • Mit seiner seelischen Verfassung, jetzt im Moment? 
  • So - entschuldige den vielfach gefledderten Begriff - ganzheitlich? 

Auch hier übernehmen die Regelbewahrer langsam aber sicher das Feld: weißbekittelte "Tangopozilisten", das QM-Schild hochhaltend. Kotau vor dem MdK. Disziplinierungsmaßnahmen sind schlechte Bewertungen, gerne auch öffentlich. Oder noch mehr sinnlose Tätigkeiten, die mit der eigentlichen Pflege wenig zu tun haben. Vorgaben, die einzuhalten sind.

"Fummelpflegende", die Nestbeschmutzer mit ganzheitlichem Ansatz und Gedankentum werden abqualifiziert als realitätsferne Sozialromantiker. Das wäre ja nicht bezahlbar! Das könne Pflege heute nicht leisten! Bei dem Personalmangel!

Ist das so?
Warum soll das so sein? 

Trotz allem, es gibt sie noch, die Biotope, in denen richtig gutes, ganzheitliches Arbeiten möglich ist: z.B. in der ambulanten Intensivpflege, im palliativen Bereich oder in privatgebuchten Versorgungen.

Das Spektrum der Möglichkeiten in der Pflege ist so weit, so erstaunlich vielfältig, wenn du dir erlaubst, mit dem Herzen zu schauen. So kommt wieder Bewegung ins Leben deines Patienten - in Leib und Seele.

Dann findest sogar Lebensfreude, wo du sie auf keinen Fall vermutet hättest. Das ist bestens für's Immunssystem! Der Parasympathikus darf wieder mitspielen: er beruhigt das Herz und bringt Appetit und Verdauung in Gang. Die vertiefte Atmung verweigert der auf der Schwelle stehenden Pneumonie den Zutritt und verbessert die Gemütslage.

Tröstlich - denn auch so kann Pflege sein.


So rot wie Blut und bunt! 

Vorschläge zum Entdecken, Erforschen und Genießen der Töne zwischen schwarz und weiß:

  • Wirf die Regelvorgabenschablonenscheuklappen-Brille in den Müll!
  • Schau selber!
  • Weite deinen Blick und deinen Geist!
  • Der liebe Gott hat dir ein eigenes Hirn zum Denken gegeben. Dann benutz' es auch, vor allem, bevor du unreflektiert Vorgaben abnickst!

Viel Vergnügen!

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel

P.S. "Tango-Pozilei" gehört so und ist kein Tippfehler!


Nachtrag am  8. Mai 2016

Du magst mich naiv nennen, aber solch' heftige Reaktionen auf diesen an sich harmlosen (so dachte ich) Artikel hätte ich nicht erwartet. Hui!
Hier findest du die Zusammenfassung der Ereignisse der letzten Tage: Was passiert, wenn du den Menschen zutraust oder gar zumutest, ihr eigenes Hirn zu nutzen...
http://milongafuehrer.blogspot.de/2016/05/einfach-abschalten.html
http://milongafuehrer.blogspot.de/2016/05/doppel-selfie.html
http://milongafuehrer.blogspot.de/2016/05/ceterum-censeo.html

Danke an Yokoito:


... und an all' die anderen!

Nachtrag am 17. Januar 2017 

Postfaktische Zeiten?
Die Administratorinnen der Facebook-Gruppe "Tango München" haben heute um Löschung ihrer Namen in Gerhard Riedls Artikel http://milongafuehrer.blogspot.de/2016/05/einfach-abschalten.html gebeten...





* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?
* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern