Dienstag, 28. Juni 2016

Herz, bist du zu sprechen?



"Soll man sein Herz bestürmen: 'Herz, sprich lauter!',
da es auf einmal leise mit uns spricht?"

fragt Dr. Erich Kästner in seiner "Lyrischen Hausapotheke".

Ich sage: JA!
Unbedingt, das ist gesund und kann deinen Blutdruck senken.
Als weitere feine Nebeneffekte kann ich dir eine bessere Immunabwehr, mehr Gelassenheit und Energie für die Anforderungen des Alltags nennen. Auch dein Schlaf wird sich sehr wahrscheinlich verbessern.

... und im Tango eröffenen sich mit offen sprechendem Herzen ganz neue Dimensionen!

Wie? Häh?
Kommt jetzt wieder so ein komischer Esoquatsch aus der Heilpraktiker-Ecke? 

Liebes Großhirn

nein, sei beruhigt.
Es liegen saubere, hochwissenschaftliche Studien vor.

Lange Zeit glaubte man, du würdest die körpereigene Pumpmaschine steuern. Dass das Herz wie eine kleine Neuronalkonkurrenz - und dazu eigenständig - agieren kann, mag dir unbequem erscheinen, erfüllt aber durchaus seinen Zweck.
Gefühle kommen immer als Körperempfindungen daher. Du dagegen wohnst ganz oben, bist in der Lage, diese zu bewerten, zu interpretieren und Handlungsempfehlungen herauszugeben.

Aber fühlen kannst du nicht. Deswegen klappt's auch nicht mit dem Tangotanzen.

Das Herz dagegen, eingebettet mitten im Gefühlsgeschehen weiter unten, schon. Ganz direkt nimmt es Veränderungen wahr und ist in der Lage - ohne Rücksprache mit dir als Steuerungszentrale - seine eigene Funktion zu regulieren. Das geschieht über herzeigene Hormone und Andockstellen für systemische Botenstoffe wie z.B. Adrenalin oder Oxytocin.

Manchmal scheint es dann, als könnte es in die Zukunft sehen, da es Veränderungen viel schneller spürt als du dort droben. Es ist in der Lage, dir wertvolle Einschätzungen liefern und dich wohl mehr beeinflussen, als du dachtest.

Wenn Herz und Hirn miteinander sprechen, geht es dem Herz-Hirn-Besitzer gut.


Das Herz kann sogar wie du lernen, auf bestimmte Erfahrungen ähnlich zu reagieren. So wirkt es nicht nur selbstbezogen, sondern beeinflusst auch dich, liebes Großhirn, und in der Schleife das komplette System: den ganzen Menschen! Im guten Sinne sowie umgekehrt: seine ungünstigen Verhaltensweisen (Herz-Chaos) sind beeinflussbar. Dein Herz kann sich die Kohärenz (wieder) zu eigen machen.


Das Herz mag gerne flexibel und harmonisch arbeiten. 

Es möchte auf anregende Reize - positive wie negative - schnell reagieren und Hinweise wie "Jetzt ist alles gut. Runterfahren!" genauso geschwind verarbeiten.
Das Intervall zwischen den Herzschlägen variiert deswegen ständig. So passt es sich den Erfordernissen an. Ist das Herz gesund, wechseln sich kurze und lange Herzschläge harmonisch wellenförmig ab: "Noch ein bissel mehr... noch ein bissel mehr .... jetzt passt's.... ein bissel weniger... ein bissel weniger... ein bissel weniger... jetzt passt's... bleiben... ein bissel mehr... ein bissel mehr... " Diese achtsame Feineinstellung nennt man Kohärenz (Zusammenhang). In Folge wird von einer hohen Herzratenvariabilität gesprochen.

Ungünstig ist der Zustand, der als Chaos bezeichnet wird. Dabei wechseln sich die Schlaglängen rüde ab: ein paar ganz schnelle, dann gleichsofort ein paar laaangsaame, was statt einer wohligen Welle ein zackiges Bild zeichnen würde. Das strengt an.

Hetzen wir uns recht gestresst durchs Leben, ohne ab und zu runterzufahren, verfällt das Herz in den Chaosmodus. Wir trainieren dem Herzen damit seine Variabilität regelrecht ab. Ganz gefährlich wird es, wenn es gar nicht mehr reagiert: bei einer platt-stillstehenden Herzratenvariabilität wird es sehr möglich, dass es einfach stehenbleibt.

Im welligen Fluss der Herzratenvariabilität kann es sich aber viel besser und energiesparender an Veränderungen anpassen!

Und schon auf kleinste Gefühlsschwankungen reagieren, die im gesamten System wirken. Darf es das nicht, haben es einige Störungen leichter, sich einzunisten, z.B. Bluthochdruck, funktionelle Herzbeschwerden, Angstattacken. Dem Immunsystem tut eine eingeschränkte Anpassung auch nicht gut.

Übung: Das Herz in Balance bringen


Ich zeige dir - ein wenig angepasst - eine Mental-Übung, die das Heart-Math-Institute in Kalifornien entwickelt und erforscht hat.

Dabei ist es nicht so wichtig, die Pulsfrequenz zu senken, sondern Kohärenz zu erzeugen, eine wohlige Welle im Auf und Ab zu zeichnen.

Dann ist das Herz in Balance.

Dann wär' es wieder laut, damit man es versteht. 
Dann riefe es, bis man ihm folgen müsste.
Und schämt sich nicht zu rufen.
Es will das Schönste haben. Manchmal ruft es "Nein!".
Man kann den Mächten, die das Herz erschufen, von Herzen dankbar sein.
(frei nach Erich Kästner)

Los geht's, lieber Hirnbesitzer!
  1. Halt inne, und beobachte deine Gefühle.

  2. Besinne dich und benenne, was dich im Moment bedrückt.
  3. Lege eine Hand auf dein Herz.
  4. Konzentriere dich fühlend auf diesen Bereich.
    Stell dir vor, du würdest durch dein Herz atmen.
    Beobachte dein Herz dabei wie ein Kind, das friedlich spielt.
  5. Hol dir aus deiner inneren Schatzkiste jemanden, der dir das Gefühl bedingungsloser Liebe und Wertschätzung entgegenbringt. Egal, ob Kind, (Tanz-)Partner, Katze, ...
    Oder eine Situation, in der du glücklich und ganz bei dir warst.
    (Tipp: Sammle solche Szenen!)
  6. Bleibe mindestens 15 Sekunden in diesem wohligen Gefühl und spüre, wie es sich ausbreitet.
Natürlich stellen sich dauerhafte Erfolge nicht von jetzt auf gleich ein. Aber wenn du eine Zeitlang konsequent dreimal täglich übst, wirst du merken, wie du dein Herz immer schneller in Kohärenz bringst. Adrenalin- und Cortisolspiegel balancieren sich aus. Mittelfristig füllen sich deine Speicher, deine Lebenslust steigt.

Auch dein vielleicht zu hoher Blutdruck könnte sich verträglichen Gefilden niederlassen, bevor du medikamentenpflichtig wirst oder die Wirkung der Blutdrucksenker unterstützen. (siehe Betablocker - Adiós corazón?)

Welche Sprache sprechen Herzen? 

Obacht, jetzt zum Abschluss wird's wissenschaftlich ein bissele fragwürdig. Aber vielleicht magst du's einfach als schönes Bild benutzen. Mir hat's beim Tangotanzen schon oft geholfen:

Das elektromagnetische Feld des Herzens sei das größte im menschlichen Körper. Messen könne man es meterweit. So wirke es auf die Hirnwellen der Mitmenschen, um sich mit ihnen zu synchronisieren. Eine elektromagnetische, unkomplizierte Sprache, die in archaischen Zeiten bestimmt manches Überleben sicherte und heute den Tango lebendig schimmern lässt.


HERZliche Grüße, bis bald!
Manuela Bößel 
 




Quellen / mehr zu diesem Thema:
https://www.heartmath.org/research/research-library/clinical/coherence-nonpharmacological-modality-for-lowering-blood-pressure-in-hypertensive-patients/
https://www.heartmath.org/resources/heartmath-tools/
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Freitag, 17. Juni 2016

Betablocker - Adiós corazón?



Stell dir vor...

... du stehst im Bad, kämmst dir zufriedengearbeitet den Feierabend ins Haar. Die üblichen Restaurierungsmaßnahmen waren weniger aufwändig als sonst, weil im Schimmer deines vorfreudigen Lächelns die Falten in Gesicht und Kleidung abflauen. Die chinesische Glückskatze winkt, obwohl ihre Batterien eigentlich leer sind.

Ein fröhliches Liedlein pfeifend schnappst du dir deinen Tanzschuhbeutel, springst übermütig wie die Geiß im Frühling die Stiege hinab und machst dich auf den Weg zur Milonga.

TANZLUST (!) quillt aus jeder Pore respektive Knopfloch.

Dein Herz singt "Negra Marías" Rhythmus, während du an der Ampel auf grünes Licht wartest. Dem Nasenpopler im Nebenauto winkst du grinsend zum Abschied. Auf dich warten schließlich vielversprechendere Genüsse: Du freust dich unbandig auf die geliebte, sinnlich-bewegende Lebensfreude beim Tango!

In deinen Füßen kribbelt schon beim Schuhwechsel die Vorfreude.

Beim Betreten des Saals zerfällt allerdings ein Gutteil der Glitzersternlein in Blut und Gemüt, getroffen von fader Musik - ein Effekt, als würdest du ein ganzes Fläschchen Sab (Entschäumer gegen Blähungen) ins Hefeweizen kippen.

Wenige Paare schleichen derweil mäßig ambitioniert über's Parkett.

Du kostest mit dem freundlichen Herrn neben dir deinen ersten Tango an diesem Abend. Der Geschmack erinnert an den trüben Inhalt einer Limoflasche, die zu lange offen in der Sonne gestanden ist. Ein eher unerwünschter Kindheitsbackflash, der einen nicht zu vernachlässigenden Energieabfall zur Folge hat. Dein Tanzpartner hingegen schiebt dich schneckengleich, doch hochzufrieden: Seit der DJ "nimmer so aufregendes Zeugs spielt", käme er wieder öfter.
Einen Kommentar zur Zweideutigkeit seiner Aussage schluckst du tapfer hinunter. Nach drei Tangos bewegt sich dein Puls träge auf Schlafniveau. Positive Anregung (ja, positiver Stress!) geht anders.

Auch die etwas schnelleren Stücke, die der rentnerbeige DJ kredenzt, rühren dich kaum an. Für schwitzend-fröhliches Herumtollen auf der Piste hat auch dein folgender Tanzpartner - wie die anderen Gäste mit den merkelnden Mundwinkeln - kein Verständnis.

Bedrückend-bedrückt stehen die Herrschaften auf der Fläche spazieren, an diesem grauen Abend, betröpfelt von reizarmer Musike (sprich: "Muu-sii-kööö").

Parallel zur mitgebrachten Menge deiner Lebenslustenergie sinkt dein Blutdruck samt Pulsrate und deine Stimmung in Richtung depressiv.

Und wie war das mit dem sinnlich-erotischen Aspekt beim Tangotanzen gleich nochmal?
Lässt sich ja eigentlich nicht zur Gänze fortdiskutieren, wenn Mann und Frau sich umarmen, oder?
Posttango-Begehr? Oder gar "Libido"? Gibt's das?
Nein, gewiss nicht! Hier nicht.
Adiós corazón...

Erst daheim merkst du, dass dir schon ein bissel schwindelig ist vor Hunger: Dein Blutzuckerspiegel hockt nörgelnd im Keller. Also futterst du dich durch deinen Kühlschrank.
Ziehst du das eine Zeitlang durch, freut sich die Waage, dass du endlich auch die oberen Bereiche ihrer Skala benutzt.

Schlaf und süße Jugendträume  mögen dich heut' nicht besuchen, stattdessen interessiert keinen, ob du weinst...

Schluss jetzt!

Verlassen wir die Szenerie und schauen lieber von außen drauf:


Dynamische, kreative Ausdrucksformen vermisse ich beim Beobachten der Tänzer auf solchen Milongas oft ebenso wie diese unbezähmbare, herzensstimulierende Lebenslust, die der Tango für mich bedeutet.

Böse gefragt:
Sollen da etwa Herzen geschont werden? 

Weil ein zu hoher Herzens-(Aus-)Druck inzwischen gefährlich scheint? 


Schließlich wurden auch die Grenzwerte für den körperlich-medizinischen Blutdruck gesenkt. Für jeden Patienten - unabhängig von Alter, Vorgeschichte, der aktuellen Situation etc. - gilt nun 120/80 als "güldener Standard": Der Wert, der unbedingt zu erreichen ist, unabhängig davon, wie es dem Patienten damit geht.

Dann werden gerne, meist neben anderen blutdrucksenkenden Medikamenten, Betablocker verordnet.Die Wirkungsweise ähnelt der einer "herzschonenden Milonga" wie oben beschrieben.

Im Herzen sitzen "Empfangsantennen" der Nervenfraktion: sogenannte Beta 1-Rezeptoren.
Der Betablocker verhindert, dass die Bitte der Steuerungszentrale "Liebes Herz, bitte mehr pumpen, ich möcht' Tango tanzen und schwitzen und mich freuen" am Herzen ankommt.

Der Briefkasten ist zugepappt. So hängt das Herz desinteressiert wie ein Teenager im Sitzsack und mag nicht auf Leistungsanforderungen reagieren.

Der Blutdruck wird niedergedrückt, die periphere Durchblutung schwächer - Aktivität, Kreativität und Lebensfreude ebenso - und in Folge oft auch die Stimmung.

Bei Patienten mit pAVK (arterielle Durchblutungsstörung meist im Beinbereich) verringert sich die Wegstrecke, die sie noch bewältigen können - ein typisches "Encuentro-Syndrom"?

Andere Nebenwirkungen können Gewichtszunahme, Schlafstörungen samt Albträumen und verzögerte Symptome bei Unterzucker sein.

Im doppelten Wortsinn hemmt das Medikament nebenbei immer mal wieder die "Verkehrsfähigkeit".


Das Konzept ist also Schonung des Herzens durch weniger (An-)Reiz.  

 

Damit argumentieren auch die Verfechter der "unaufgeregten Milonga" und "verordnen" der Tangopoulation - unabhängig von Alter, Vorgeschichte, aktueller Situation etc. - die Schonung der Herzen.

Ob die Tänzer wollen oder nicht, alle würden am liebsten vorsorglich beschirmend-behütend mitbehandelt: laue Musik, artig langsam in der Ronda tanzen, unaufgeregt interpretieren, nicht sprechen beim Auffordern. Zuviel aufsteigender Tanzdruck wäre ungesund oder gar gefährlich!

Berücksichtigt man die in den letzten Jahren sinkenden Blutdruck-Grenzwerte, "müssen" (?) wohl immer mehr Herzen auf diese Weise beschützt werden. So wächst die Gruppe derer, die zu Patienten werden.

Was bin ich froh, dass sich wenigstens der Tanzdruck nicht anhand einer Skala messen lässt!

Eine allmähliche Absenkung des "güldenen Standards" in bewegungslose Gefilde wäre zu befürchten. Dann würd's ganz schön fad.

Herzliche Grüße von der "Beta-Bloggerin" und bis bald,
Manuela Bößel

P.S. Bevor du deine Blutdruckmedikamente absetzen oder ändern möchtest, sprich' unbedingt mit dem Arzt oder Heilpraktiker deines Vertrauens!


P.P.S. Eine herzschonende Milonga wie beschrieben ist KEIN adäquater Ersatz für eine schul- oder alternativmedizinische Bluthochdruckbehandlung! ;)





Quellen / mehr zu diesem Thema:
https://de.sott.net/article/17520-Arzte-erhohen-Schwelle-fur-Blutdruck-Medikamente-und-warum-die-Grenzwerte-eines-normalen-Blutdrucks-nichts-mit-Wissenschaft-zu-tun-haben
http://naturheilt.com/blog/blutdruck-und-seine-normwerte/
http://www.draloisdengg.at/bilder/pdf/Normwertetrick.pdf
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Freitag, 10. Juni 2016

"Unheilpraktiker" - Gedanken zum Buch und zum Heilpraktikerberuf


Anousch Mueller:  "Unheilpraktiker: Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen" (Riemann Verlag 2016,  224 Seiten, Taschenbuch oder E-Book)
Buchzitate sind kursiv markiert.

Die Autorin: 

geb. 1979, verheiratet, 1 Sohn, lebt in Berlin, Studium der Neueren Deutschen Literatur sowie Jüdischen Studien

Aufgrund eigener körperlicher Beschwerden, die schulmedizinisch nicht lösbar waren, suchte Anousch Müller Hilfe im naturheilkundlichen Bereich, in dem sie sich - zunächst - verstanden und aufgehoben fühlte. Wohl so gut versorgt, dass sie auch eine berufliche Alternative im Heilkundlerberuf sah und zwei Jahre lang eine Heilpraktikerschule besuchte.

Während dieser Zeit kamen ihr die ersten Zweifel, genährt von ihr eigenartig scheinenden Methoden, Weltanschauungen der Ausbilder und esoterischer Verbrämung der Inhalte. Das schürte wohl ihre Neugier, zu hinterfragen, "was es mit der Alternativmedizin auf sich hat". Die Veröffentlichungen von Kritikern dieser heilkundlichen Sparte wertete sie schließlich als glaubwürdiger als die Inhalte der Heilpraktiker-Schule. So nahm sie von ihrem Berufswunsch "Heilpraktikerin" Abstand, auch weil sie ein Kind und einen Buchvertrag für ihren Roman bekam. Ob und mit welchem Ergebnis sie die Prüfung absolvierte, wird nach meinem Kenntnisstand nicht erwähnt.

In der Schwangerschaft und anschließend als junge Mutter kamen die "Zweifelthemen" (Homöopathie, Impfangst, Esoterik) zurück. Daraus resultierte ihre endgültige Abkehr von der Naturheilkunde. Es folgte eine kritische Recherche der "Non-Schulmedizin". Nach einer Veröffentlichung in der Süddeutschen Zeitung bekam sie das Angebot, ein Sachbuch über die "Abgründe der vermeintlichen sanften Medizin" zu schreiben.
(https://unheilpraktiker.de/autorin/)

Der Verlag

Interessanterweise finden sich in dessen Katalog auch folgende Bücher: "Zucker-Krankheit Alzheimer", "Veganize your life" von Renato Pichler und Rüdiger Dahlke sowie "Der Heilungscode der Natur", Taschenapotheke Naturheilkunde", "Die Botschaften unseres Körpers", "Der Darm-IQ", Bücher über Finger Qi-Gong, Heilsteine, Schüsslersalze. (http://www.randomhouse.de/Verlag/Riemann/8000.rhd "Naturheilkunde" im Suchfenster eingegeben)

Da drängt sich mir die Frage auf, ob die polarisierende Bearbeitung des Themas dem Verlag nicht vor allem hohe Verkaufszahlen verspricht? Sag einmal ganz laut nachmittags auf einem Spielplatz "Impfen!" und beobachte die Mütter! Dann weißt du, was ich meine. Was und wieviel in Frau Muellers Skript zu diesem Behufe vom Verlag hinein- oder hinauslektoriert wurde, würde mich interessieren.

Der Inhalt des Buchs

"Für viele Patienten sind Heilpraktiker die letzte Hoffnung – scheinen sie doch eine natürliche, ganzheitliche, menschlichere Medizin anzuwenden, die sich von der kalten „Apparatemedizin“ abgrenzt. Nur wenige wissen jedoch, worauf sie sich womöglich einlassen: Es gibt keine geregelte Ausbildung. Heilpraktiker-Anwärter werden mit irrationalen Theorien indoktriniert. Und während von medizinisch sinnvollen Behandlungen abgeraten wird, muss mancher Patient als Versuchskaninchen für heillose Praktiken herhalten. (...)"
So beginnt das Vorwort.

Die recht eigenartige Entstehungsgeschichte und den kargen Inhalt des Heilpraktikergesetzes schildert sie ausführlich. Hinweise auf andere Gesetze, die den Handlungsspielraum extrem einschränken, werden nur ganz leise angedeutet oder fehlen komplett (Durchführungsverordnung über die Vereinheitlichung im Gesundheitswesen, Infektionsschutzgesetz, Gesetz über den Verkehr mit Arzneimitteln, Gesetz über die Werbung auf dem Gebiet des Heilwesens, Betäubungsmittelgesetz, Hebammengesetz, Medizinproduktegesetz, Röntgenverordnung etc.).

Insgesamt bemängelt sie das Zulassungsverfahren: Es handele sich hierbei lediglich um eine Überprüfung, ob der zukünftige Heilpraktiker eine Gefährdung der Volksgesundheit darstelle. Abgefragt werde nur "Universitätsmedizin", aber kaum Kenntisse und Methoden der alternativen Heilkunde.
"Es ist den Gesundheitsämtern egal, welchen Humbug der künftige Heilpraktiker treibt, solange er in der Lage ist, bösartige, hochinfektiöse oder lebensbedrohliche Zustände zu erkennen." 
Diese Aussage kann ich nach meiner Erfahrung so nicht bestätigen. "Meine" Prüfungskommision hat sehr wohl  interessiert, was ich mit meinem "Schein" vorhabe. Die heilpraktischen Zukunftspläne beeinflussen - hier in Augsburg zumindest - die Entscheidung des Gesundheitsamts, ob zugelassen wird oder eben nicht.

Das folgende Kapitel befasst sich mit der Ausbildungssituation, die nicht klar geregelt ist und keiner Kontrolle unterliegt. Es handele sich hier nicht um eine Vorbereitung auf den Heilpraktikerberuf, sondern um die Vorbereitung zur Prüfung. Die Autorin merkt an, dass ein "Schulbesuch" nicht zwingend nötig sei, um sich zur Überprüfung anzumelden, die aus 60 Multiple Choice-Fragen und einem mündlichen Teil besteht.

Handwerkszeug, Techniken und Methoden sowie Erste Hilfe-Maßnahmen würden nicht überprüft: "Das ist fast so, als dürfe man Flugzeuge fliegen, nur weil man 'Motorflug kompakt' auswendig gelernt hat." Die Sorgfaltspflicht wird zwar erwähnt, "Doch wer kontrolliert das schon?"
Das ausgelutschte Beispiel vom erlaubnisgestützt-herzoperierenden Heilpraktikerlein muss (wieder einmal) herhalten. Wie er das ohne Betäubungsmittel und Antibiose anstellen will oder mit der Sorgfaltspflicht zur Deckung bringt, ist mir schleierhaft.

Heftig beklagt sich die Autorin über die ideologische "Einnordung" auf irrationale Gegenpositionen zur Schulmedizin in der von ihr besuchten Heilpraktikerschule. Ob dies wirklich einem generellen Trend entspricht, wurde wohl kaum recherchiert - ebensowenig wie die Literatur zum Selbststudium (meinen Bücherstapel als "externe Bewerberin" kennt sie zum Beispiel nicht...). Viele Heilpraktiker kommen aus medizinischen Berufen - dass diese anschließend nur noch mit der Wünschelrute unterwegs sind, darf bezweifelt werden. (Da ich komplett im Eigenstudium gelernt habe, fehlen mir Erfahrungen zum beschriebenen Corps-Geist. Deine Erlebnisse hierzu via Kommentar wären den Lesern und mir sicher sehr wertvoll.)

Nicht nur in diesem Fall wirft Anousch Müller mehr in einen Topf, als hineingehört - als Gegenargument zur Komplementärmedizin würde sie dies als "anekdotische Beweise" bezeichnen.

"Anekdotische Beweise" versus "evidenzbasierte Wirksamkeit" ist der rote Faden, an den die Autorin ihre Argumente klammert: Die Methode "Zuwendung" kommt da zum Beispiel ganz gut weg. Auch Berührungen sollen wohl nachweislich wohltun und der Heilung zuträglich sein. Was der gesunde Menschenverstand schon wusste, kommt tatsächlich - zum Teil noch in homöopathischen Dosen - in der Schulmedizin an! Wie schön, dass es hierzu Studien gibt!

Vielen anderen Verfahren - von TCM, Homöopathie, Orthomolekulare Medizin, Reiki über Atem- oder Neuraltherapie - wird jegliche Wirkung abgesprochen: Es handele sich dabei lediglich um den (evidenzbasierten!) Placeboeffekt! Darauf sollen die Heilpraktiker doch bitteschön den Patienten ausdrücklich hinweisen, damit dieser nicht die Katze im Sack kauft.

Wie sähe das dann konkret aus?  "Trinken Sie Fencheltee gegen ihre Blähungen. Studien sagen, er wirkt eh nicht, da müssen Sie sich schon auf die Placebowirkung verlassen!"?
Oder muss ich meinen beatmeten Patient darauf hinweisen, dass meine kruden Atemübungen und die Shiatsubehandlung nicht wirken können, da es wissenschaftlich belegt kein Chi gäbe? Dass seine Spastiken abnähmen und seine (gemessene!) erhöhte Sauerstoffsättigung nur aufgrund der Placebowirkung steige?

Ich befürchte, das ist meinem Patienten heut' wurscht. Hauptsache, es schnauft sich besser. Er ist schließlich keine breit angelegte, randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudie, sondern ein Mensch. Und ich auch.

Nicht nur an dieser Stelle im Buch musste ich schmunzeln. Allzuviel praktischen Erfahrungshorizont im Medizinbetrieb und im Umgang mit "echten kranken Menschen" hat die Autorin wohl nicht. Nach meiner Erfahrung nutzt die Schulmedizin ihre ausgefeilte Dramaturgie ähnlich routiniert wie die katholische Kirche.

Da inzwischen auch einigen Ärzten klar zu werden scheint, dass Patienten zur "kleinen Konkurrenz" abzudriften drohen, werden gerne die nicht evidenzbasierten Behandlungsformen als IGeL-Leistungen angeboten.  (http://www.igel-monitor.de/igel_a_z.php) Klar, das ist nicht das Thema dieses Buchs, aber die Vorwürfe "Erfinden von Krankheiten" und des Verdienens an fraglichen Therapien (Geldgier), relativieren sich bei vergleichender Betrachtung. Ich kenne keinen Heilpraktikerkollegen, der einen Jaguar fährt.

Im Kapitel "Wie Heilpraktiker Patienten verführen" skizziert die Autorin kritisch die wohlige Atmosphäre einer Heilpraktikerpraxis, in der Zeit für den Patienten aufgewendet wird. "Und Heilpraktiker sind nicht nur gute Zuhörer, sondern auch talentierte Erzähler. Sie verstehen es, Anamnese und Untersuchung zu einem sinnlichen Erlebnis zu machen, das den Patienten interessiert und integriert..." 
Was daran so schlimm ist, wird leider nicht beantwortet und weist wieder auf  mangelnde Praxis im Umgang mit Patienten.

Mit welcher "Sprache", in welchem Denkmodell die Lösungsansätze vermittelt werden, sollte meiner Meinung nach den Heilpraktikern überlassen werden. Manchmal frage ich sogar einen Patienten, ob er lieber eine "chinesische" oder "muskelkettenbezogene" Interpretation seiner Beschwerden wünscht. 

"Zuwendung und Zuhören" scheinen sich für Ärzte als Zusatzleistung nicht zu rentieren. Sie werden im IGeL-Katalog nicht angegeben.

Fairerweise muss ich aber die zahlreichen Allgemeinärzte erwähnen, denen sehr wohl an einer guten Patientenversorgung (mit Gesprächen und Anfassen) gelegen ist, die aber dafür schlicht keine Zeit haben. Meiner Erfahrung nach sind gerade solche Mediziner froh, wenn diesen Bereich der Heilpraktiker abdecken kann - oder die Krankenschwester  - am besten beide in einer Person.

Seriöses und professionelles Auftreten hat mir in vielen Fällen ermöglicht, mit - statt gegen - den Hausarzt zu arbeiten. Sieht er die positiven Wirkungen meiner Methoden am Patienten, räumt das so manchen Zweifel aus. Von solch guten Kontakten und Kooperationen auf Augenhöhe profitieren die Patienten enorm.

Die Arbeit mit einem Patienten an den Basics zum Gesundwerden und Gesundbleiben (siehe Artikel "Was fehlt ihm denn"), ihm zu helfen, sein Leben zu ordnen, ihm medizinische Zusammenhänge erklären, ist - wenn überhaupt - nur in vereinzelten Privatarztpraxen möglich.

Diese Versorgungslücke besteht und kann nicht wegdiskutiert werden!

Die Pflege als klassische Schnittstelle zwischen Arzt und Patient böte eine gute Grundlage. Sie scheint mir momentan aber (noch) zu wenig selbstbewusst und in weisungsgebundenem Denken verhaftet.

Die Schulmedizin hat ihre Grenzen, die erkennbar werden, wenn man sich ausführlich mit ihr beschäftigt. Jenseits ihres Tellerrands liegen aber reichlich brauchbare Ansätze, die Patienten komplementär und vor allem verantwortungsvoll zu betreuen.

Hier sehe ich die Kernkompetenz und Zukunft der Heilpraktiker. 

Ich wünsche mir, dass die Frage, wer Recht hat, hintangestellt wird zugunsten:

Wie können WIR ALLE im Medizinbetrieb unsere Patienten gut versorgen?

Wär das was?


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel
 





Quellen / mehr zu diesem Thema:
https://www.amazon.de/Unheilpraktiker-Heilpraktiker-unserer-Gesundheit-spielen/dp/3570501957/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1465561889&sr=8-1&keywords=unheilpraktiker
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Sonntag, 5. Juni 2016

La scoumoune en forme de poire



 Gib heute

mit dieser Karte 

eine Verantwortung zurück,

die nicht dir gehört!



Denn:
Apprendre à chanter à un cochon, 
c'est gaspiller votre temps et 
contrarier le cochon. 

Ein Schwein das Singen zu lehren, 
vergeudet Ihre Zeit und 
verdrießt das Schwein.



Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel





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