Donnerstag, 15. September 2016

Der Mann an sich ist kein Allheilmittel.

 

<image> tangofish Illustration über Führen und Folgen im Tango und im Leben
Du schaffst auch nicht mehr Nähe, wenn du deinen Rahmen verlässt.

Über die Wirkung und Aufnahme von Führungs-Impulsen, die eigenen Grenzen und lebendig-aktives Folgen im Tango (und im Leben ;)

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Jetzt ist es schon wieder passiert:


An der Kasse des Supermarkts stellst du fest, dass außer den geplanten Zutaten für's Abendbrot (Käse, Tomaten, Brot) ein gutes Dutzend weitere lecker-verführerische Köstlichkeiten grinsen. Und Duschgel. Und Streichhölzer.

So wie letzte Woche im Baumarkt, als nicht nur die einzelne Glühbirne mitkommen wollte. Schwammtürme, Kabelbinder und das silberne Gaffatape kann man doch stets brauchen (!) - für was auch immer. Dein zweites Paar Tanzschuhe wirst du ohne Superspeziallederkleber auf keinen Fall endlich reparieren. Und das Scheibenwischer-Wischelwasser mit Mückenentfernungseffekt war auch schon lange nötig.

Die Werbefritzen und Super- respektive Baumarktplaner sind fies, berechnend, schlau - haben geschickt Handlungsimpulse platziert. Du hast sie angenommen, hast gekauft, bist artig gefolgt.
Versuch' nicht mir zu erzählen, du wärst immer immun gegen solche Verführungen. Die schmuggeln sich auf Schleichepfoten heimlich über Hintertüren ins Unterbewusstsein.

Auch unser Freund "Zufall" verkleidet sich gerne als Ingangsetzer unserer Aktivitäten:

  • Da erinnert dich auf einer Milonga Peter Kraus cortinaverkündend, dass Tante Gusti übermorgen Geburtstag hat. 
  • Der Spielplatzsand, der zwischen deinen Zehen knirscht, lässt dich deine Aloe-Pflanze umtopfen.
  • Nach dem Stau auf der Autobahn, verursacht durch einen üblen Unfall, formulierst du Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung und Testament.

Fast ständig reagieren wir auf Führungsimpulse - oder nenne sie Anregungen - von außen. Ob wir wollen oder nicht, ob bewusst oder unbewusst. Auch Männer. Männer beim Tango.


Auch beim Tango wird "der Mann an sich" geführt:  


von der Musik, den räumlichen Verhältnissen, dem "Duft der Frauen", von Heldenmissionen und vielleicht vom Ergebnis der Linsensuppe, das sich fröhlich in der linken Darmflexur tummelt.

Manche Herren geben sogar ganz offen zu, dass sie bewusst, mit genussgeblümeltem Vergnügen die bewegenden Ideen weiblicherseits als Anregung für die Gestaltung des nächsten Führungsimpulses nutzen!

Da kann ich mich als Teilzeitführende nur anschließen. Kommt gar nix zurück, fühlt es sich an, als würde man eine Billardkugel nach der anderen schlicht in einem schwarzen Loch versenken. Die Energie versackt einfach. Das strengt ganz schön an.

"Der Mann an sich" beim Tango ist kein Therapeutikum, das eine bestimmte Wirkung bei definierter Dosis zeigt. Er ist keine rosarote Glückspille, die dir deinen Tango für heute sicherstellt, sondern ein Mensch.


Reizaufnahme und Verarbeitung


Du bekommst doch als Folgende - als Begleiterin im Augenblick - so viel geschenkt! Vielleicht nicht genau das, was auf deinem Einkaufszettel steht. (Bei Wünschen, die über den Tango hinausgehen, wende dich vertrauensvoll an die gute Fee deines Vertrauens.) Öffne einfach testhalber dein Herz und schau, was da hineinglitzern könnte. Du wirst überrascht sein!

Was rührt dich an?
Was möchte deine Antwort darauf sein? 

Es zwingt dich ja keiner, alles aufzunehmen. Manchmal ist ein ungefiltertes Zuviel nicht verträglich. Zwei Tassen Kaffee am Morgen helfen wach zu werden. Eine ganze Kanne führt zum tachykarden Koffeinflash samt Bluthochdruck.


Vielleicht kommen die Führungsimpulse mit einem Übermaß körperlicher Kraft daher? 


Ich wiege nicht mal so viel wie ein Sack Zement, was manche Tänzer aber nicht davon abhält, mir einen Schwung zu übergeben, der eine Dampflok den Berg hinaufschieben könnte. Oder eine Kuh in den Handstand.

Macht aber nix, in solchen Situationen hilft es, sich einen Teil der Energie abzuzweigen. Den Rest kann man einfach durchlaufen lassen und wie ein Blitzableiter in den Boden schicken. Das funktioniert, wenn du selber gut stehst und vor allem locker bleibst. Wehrst du dich mit Verspannungen, tut's weh - abhängig vom Kraftvektor in der Schulter, im Knie, in der Hüfte...

Ein einigermaßen sensibler Tänzer wird dein Grundgewicht und mögliches Bewegungsausmaß nach und nach berücksichtigen und sanftere Impulse geben. Du hilfst ihm, wenn du ihm deine physischen Voraussetzungen körpersprachlich mitteilst! In harten Fällen muss die gute, alte Sprechsprache herhalten. Aber formuliere bitte lieb, Anschmerzungen sind in den meisten Fällen unabsichtlich im Eifer des Gefechts passiert.

Manchmal gelingt dieses entspannte Durchströmenlassen allerdings nicht. Ob das an deiner heute suboptimalen Entspannungsfähigkeit liegt oder an dem tauben Grobian - egal! Mach dir dann keine Vorwürfe! Denk nicht weiter drüber nach, das verspannt noch mehr. Verlasse für einen Moment das Östrogenkarma, Madame, beende diese Runde (wie ein Mann) schon vor der Cortina. Neue Chance - neues Glück!


Treffen dich zu starke Führungsimpulse, die in der Seele landen wollen?


Die einzige Chance, auf einen solchen Impuls aktiv-wissend zu reagieren, besteht darin, die eigenen Hintertüren in's Unterbewusste zu kennen und - wenn überhaupt - nur so weit zu öffnen, wie du das selber möchtest. Das besänftigt Ängste, die dein Gestell verkrampfen.

Es ist nur Tango! Keine Lebensgefahr! Einfach weiteratmen!

Und den Überschuss einfach wieder durchlaufen lassen: dasselbe Vorgehen wie oben beschrieben. Wenn du auch auf deinen seelischen Füßen gut stehst, gelingt dir das gewiss. Üben hilft.

Aber wenn keine der Strategien anschlägt, hör auf!

Schau genau!
Wenn etwas aussieht wie Sch..., sich anfühlt wie Sch... und riecht wie Sch.., dann hast du bestimmt keinen Schokoladenpudding mit Schlagobers vor dir.


Wie kann dein Antwortimpuls auf Führung nun aussehen?


Eine Antwort setzt Zuhören voraus.
Wenn beide gleichzeitig plappern, scheppert zwar die Luft, aber der Austausch - für mich das Spannendste am Tango - kommt zu kurz. Das Zuhören ein bissele mehr zu verinnerlichen und zu üben wäre für beide Fraktionen ein großer Vorteil.

  • Was erzählt dir dein Partner eigentlich? 
  • Welchen Tonfall wählt er heute? 
  • Welche Stimmungen schwirren dir entgegen?
  • Wie komplex ist sein Wortschatz gestrickt? 
  • Woher kommen die Impulse, die auf ihn einwirken? Auf einer gesteckt vollen Piste wird er dir vielleicht eher knackige Dreiwort-Sätze anbieten, anstatt konjunktivverschnörkelte Langwortpoesie im Mondenschein. 
  • Was, wieviel verträgt er, und in welcher Form? (Erfahrungsgemäß mehr, als du denkst!)

Mit offenem Herzen (angstarm) und ein wenig respektgewürzter Fantasie gelingt es dir sicher, dich aktiv situationsgeschmeidig am Gespräch zu beteiligen.
So entsteht echte Kommunikation!

Bitte lass ihn ausreden! Eine Antwort in vorauseilendem Gehorsam macht dich nicht zur besseren Folgerin! So bleibt dir Zeit, darauf zu achten, dass du dich selber bequem und vor allem sicher bewegst, ohne ihm den unkalkulierbaren Schwung eines Schritts oder Verzierungen hineinzuschrauben, die er nicht händeln will oder kann.

Möchte er aber jeden deiner Schritte ganz alleine planen, deine Gestaltungsmöglichkeiten auf Null beschränken, verweise ihn auf das große Angebot an Besen respektive Wischmops im nächsten Baumarkt. (Außer du stehst drauf ;)

Auch ein Gefühl für das zur Verfügung stehende Zeitfenster zu entwickeln ist günstig. Manchmal schmilzt selbiges von einer Sekunde auf die andere, wenn z.B. euer Weg plötzlich versperrt ist. Bleib locker! Mach es ihm leichter, indem du ihm nicht ins Wort fällst.

Du musst nicht auf alles antworten.
Du darfst auch mal schweigen.
Du darfst deine Antwort selbst und eigenverantwortlich gestalten!
Deine eigenen Ideen einbringen!
Ausschmücken! Anmalen!
Deine eigenen Worte verwenden!
Deinen Tonfall und Klangfarbe wählen!
Sogar die Richtung mitbestimmen.
In deiner Weise. 
Trau dich!

Dann "folgst" du lebendig, aktiv und voller Genuss!
Dann tanzt ihr (oder was auch immer) zusammen.


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel





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Kommentare:

  1. Eine tiefschürfende, faszinierende Studie männlicher Eitelkeit und weiblicher Folgsamkeit. Alles, was du da sagst, ist hoch interessant, und ich hoffe sehr, dass ich deine Ausführungen möglichst schnell wieder vergesse, sonst ist es aus mit der Führung! Würde ich nämlich über die richtige Führung nachdenken (während des Tanzens), würde es mir ergehen wir dem sprichwörtlichen Tausendfüßler, der, auf das Geheimnis seiner Fuß-Synchronisation angesprochen, diese erklären will und nunmehr nicht mehr kriechen kann. Wir kriechen im Tango natürlich nicht, wir schweben. Nicht zu verwechseln mit "schlurfen".
    Ich kann mir schon vorstellen, wie schrecklich es ist, wenn ein Tänzer seine Partnerin mit einem Ruderboot verwechselt, und deine Ratschläge an die Damen klingen wie Techniken ostasiatischer Kampfsportarten: Energie durch Ableiten vernichten. Oder ihn in die Wüste schicken, was meist mit schlechtem Gewissen verbunden ist, aber nicht sein muss. Den Hinweis auf Besen finde ich ganz toll; er würde aber bei einem Tänzer wie Fred Astaire (und nur bei ihm) nichts fruchten, denn eine seiner besten Solonummern besteht aus einem elegant-beschwingten Tanz mit einem Kleiderständer!

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    1. Hallo Peter,

      ich finde es spannend, was Du aus diesem Artikel mitnimmst. Tatsächlich lese ich ihn als eine liebevolle Einladung an die Frauen, einfach den Tanz mitzugestalten, ohne darin eine Verpflichtung zu sehen.
      Und Fred Astaires Kleiderständer wird wohl kaum den Dialog mitgestalten ... :-)

      Was in diesem Artikel beschrieben ist, passt für mich sehr gut zu meiner Auffassung des Dialogs im Tango.

      Danke für die schönen Worte!
      Fabian

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  2. Lieber Peter, lieber Fabian,

    na da hast du, Fabian, mir die Antwort an Peter schon vorweg genommen:

    Mir geht es tatsächlich darum, den Damen zu vermitteln, dass "Folgen" nix rein passives sein muss, dass lebendig-aktives Mitgestalten den Genuß für beide vermehrt.

    Aber das funktioniert halt nur mit Respekt (z.B. das die Folgende die Füß' des Tausendfüßlers nicht durch philosophische Betrachtungen durcheinander bringt ;) und Kenntnis der eigenen Grenzen.

    Lieber Peter, bitte, bitte - wie angekündigt - nicht weiter drüber nachdenken und alles so lassen mit deiner Führung, wie's ist! Wer sie so nicht goutiert, ist selber Schuld und verpasst unzählige Glitzersternle mit Retardwirkung.

    Danke für den Hinweis auf Fred Astaire. Ich kenne die Nummer aus meinen Tapdance Zeiten und mag sie sehr. Ein herrlicher Unfug! https://www.youtube.com/watch?v=hPS-eRiE7so

    Herzliche Grüße
    Manuela

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