Mittwoch, 28. Dezember 2016

Weihnachtsglitzern! Kinderaugen!

Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen?

image blog tangofish weihnachtsglitzern







20.12.
Plätzchen backen, Stau umfahren. Hat der Wertstoffhof noch auf? Kind, jetzt mach noch deine Hausaufgaben! Wird Amazon noch liefern? Hast das Silber schon geputzt? Geschenke kaufen - auch die eigenen. Die Milonga lass ich lieber aus. Christbaum kaufen, bio sowieso. Wer holt die Omi eigentlich? Weihnachtsglitzern, Kinderaugen. Elefanten bringt das Christkind nicht. Schreib deine Wünsche sauber auf.

23.12.
Das kann das Christkind doch nicht lesen! An Schwägerin durch's Telefon: Nein, die Spielkonsole kriegt er nicht! Wann und wo sollen wir bei wem dann sein? Reicht das Klopapier die Feiertage? Reicht die Zeit, daheim, allein? Zum Duschen, packen, Sternderl falten? Karten schreiben, Weihnachtswünsche. Wie, die Gans vegan?

24.12. 
Dein Schwager kann die Knödel essen, sind ganz ohne totes Tier. Hemden bügeln, Kleidchen suchen. Hohe Schuhe für die Nacht. Das Babyfon wirst du nicht brauchen, Zucker putscht die Kinder gründlich. Wer holt die Omi denn nun ab?

Pfoten weg, das ist zerbrechlich! Bindest jetzt den Christbaum auf? Keine Kerzen, lieber Lämpchen. Gemischter Chor im Radio. 87 Knödel fertig. Weihnachtsglitzern, Kinderaugen. Dafür ist die ganze Show! Holst du bitte die Geschenke? Dunkel wird's. Pflock deine Neffen richtig an. Ihre Mutter nimmt ein Bad. Nein, der Engel will nicht Katze reiten.

Klingeling! Erst wird gesungen! 2. Strophe? Kein Problem. Mund bewegen, artig schauen. Weihnachtglitzern, Kinderaugen. Zappeln, essen, Ranzen voll. Gelächter und Geschichten, alle schon so oft gehört. Knistern, staunen: Oh, wie schön! Das haben wir uns echt gewünscht! Höflich lügen, Müll getrennt. Die Kinder schießen wie Raketen. Menschen plaudern, Sherry schimmert. Der Christbaum steht noch. Baby plärrt. Verhungert es? So schmal, die Kleine. Hat gewiss nicht genug Milch.

Katze frisst die Essensreste. Wäschekörbe sind gepackt. Geschenketauschmission erfolgreich! Wer holt die Omi denn nun ab? Kinderaugen, Weihnachtsglitzer. Schlafen ist auf spät verlegt. Ja, ich fahr', hab nix getrunken. Spielkonsole noch verboten. Süße Träume? Krisenmanagement.

25.12.
Ja, es wird geduscht! Du stinkst, mein Kleiner, mit Verlaub. Was sollen deine Tantchen denken? Schuhe putzen, Hemd aufbügeln. Schmuckgeschenk von gestern angelegt. Karten schreiben: Glückwunsch, Friede, guten Rutsch. Menschen treffen, kaum bekannt. Genügt verwandt? Augenringe überschminkt.

Klingeling! Erst wird gesungen! 2. Strophe? Kein Problem. Mund bewegen, artig schauen. Weihnachtglitzern, Kinderaugen. Zappeln, essen, Ranzen voll. Gelächter und Geschichten, alle schon so oft gehört. Knistern, staunen: Oh, wie schön! Das haben wir uns echt gewünscht! Höflich lügen, bissel streiten, Müll getrennt. Die Kinder schießen wieder wie Raketen. Menschen plaudern, Sherry schimmert. Der Christbaum steht noch. Baby plärrt. Zu kalt? Zu heiß? Die Windel voll? Tantchen schuckelt, Bruder kotzt.

Packen, Kinder sammeln. Post-Kotz-Wäschewechsel. War erwartet. Weiter. Auf geht's. Nächstes Event. Weihnachtsaugen, Kinderglitzern. Wer holt die Omi denn nun ab?

Klingeling! Da capo. Nicht (!) al fine.

Daheim. Geschenke raus. Weihnachtsgrüße pöppen rein. So friedlich soll Weihnachten sein? Ach, die Omi bleibt daheim?

26.12.
Geht heut Hose? Schick genug? Omi und Mischpoke warten! Kinder, kommt! Die nächste Gans. Hat Omi WLAN? Keine Ahnung. Die Spielkonsole bleibt zu Haus. Kannst Karten mit den Tantchen spielen. Tanken nicht vergessen. Heimlich rauchen. Nachbarn winken. Friedliche Weihnachten! Wo denn bloß? Menschen plaudern. Glühwein schimmert. Zungen schwer. Themen gehen aus. Weihnachtskinder, Augenglitzern. Kinder streiten. Neffe gewinnt: Elefant vom Christkind. Raufen, Krisenmanagement. Kinder lüften. Baby plärrt.

Klingeling! Da capo. Bald geschafft!

Packen, Kinder sammeln. Destrudo an der Gans ausleben. Die Tupperschüssel mit dem Rest. Weihnachtsoptimierung für die Kinder. Für wen denn sonst der ganze Zirkus? Erinnerung, die bleibt? Wem? Kuss für Menschen, die ich fast nicht kenn'. Sind die verwandt? Tanken doch vergessen. Ja, ich fahr. Morgen nochmal treffen? Sind doch selten da! Dankbarkeit am Weihnachtsabend?

***
Irgendwann hat's mir gereicht.

Warum nicht daheim bleiben an Weihnachten?
Ganz in Ruhe? Optimierungsfrei?
Einfach essen. Das, was schmeckt.
Mit Menschen, die man wirklich gern hat -
auch wenn grad nicht Weihnachten ist.
Einfach gemütlich, vollkommen programmfrei zusammensitzen?
Und nur solange, wie man möchte?
Ohne sich rechtfertigen zu müssen.
Und in der restlichen Zeit feiertagsblümeln?
Zeit nehmen, um den Gedankenarbeitsspeicher Cache zu leeren?
Sich einfach mal gepflegt langweilen!
Gegebenenfalls zusammen mit den Kindern. 
Kerzen beim Abbrennen zuschauen.
Warum keinen Krimi an Heilig Abend?
Kein Problem mit Internet.
Im Gammelpulli auf der Couch.
Oder Teppich zusammenrollen, Tango tanzen.
Und es fährt kein göttlicher Blitz vom Himmel herab.

Verweigerung bringt Sippenstrafe?

Ja und? Mord und Prügel sind verboten.
Das würde strafrechtlich verfolgt.
Dafür darf ich in einigen Sandkästen nicht mehr mitspielen.
Und das ist gut so.

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel






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Mittwoch, 14. Dezember 2016

Pablo will im Himmel sein

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"Bist du schon mal aus dem Himmel herausgefallen?"
Aha. Pablo arbeitet mal wieder an seiner Selbstoptimierung. Um Zeit für eine Antwort zu schinden, bücke ich mich hinter das Sofa, wo die Weihnachtspyramide in ihrer alten Schachtel auf Aufbau wartet.

"Wie meinst du das: 'aus dem Himmel gefallen'?",
frage ich ihn, diverse Holzmännchen und Schäflein in den Händen. Ich stelle sie in Staureihe auf den Couchtisch. Der Mohr kippt immer wieder um - zu viel alter Pattex unter seinen nicht vorhandenen Füßen.

"Zack Bumm! Halt aus dem Himmel heraus auf die Erde. Plumps! Padauz! Aufgeschlagen im Dreck."

Es scheint ihm ernst zu sein. So überlege ich sorgfältig, komme aber zu keinem Ergebnis. Das würde ja voraussetzen, dass ich wüsste, wo der Himmel ist. Ich weiß es definitiv nicht!

"Muss man nicht tot sein, um in den Himmel zu kommen?"
Mit meinem alten Taschenmesser befreie ich die Figürchen eines nach dem anderen von Klebstoffkrusten. Pablo steckt derweil die Propellerflügel vorsichtig in die Achse.

"Nicht zwingend!"
Mit einem Propellerflügel wedelnd markiert er analog seine Aussage. 

"Reicht ein bissele tot?" 
Ich nehme ihm den Rotor ab und korrigiere die Kippung der Hubschrauberflügel. Sonst läuft die weihnachtsmodellige Ronda rückwärts. Und die Heiligen Drei Könige kommen nie an. Das wär' blöd.

"Der Himmel ist doch nicht nur für Leichen konzipiert! Manche Leute sind schon die ganze Zeit drin. Ich zum Beispiel. Wenn man eh schon im Himmel ist, muss man nicht mehr hinein."
Wenn ich nicht aufpasse, mampft er mir alle Kokosmakronen weg.

"Aber du sitzt doch hier bei mir und schraubst Weihnachtsdeko zusammen!"
Platz auf dem Tisch schaffen simulieren! Kokosmakronen erfolgreich evakuiert! Prima - dafür fummelt er halb eingetrockneten Leim zu kleinen Kügelchen, die er an den Rand seiner Teetasse pappt.

"Ja, schon, aber quasi feinstofflich auch im Himmel. Der ist ja überall."
Er versucht heimlich seine mit Holzleimschmodder verschmierten Finger an meinem Lieblingsgeschirrtuch abzuwischen. Ich reiche ihm wortlos einen alten Lumpen hinüber, den er dann artig benutzt.

"Außerdem arbeite ich ständig an meiner spirituellen Entwicklung! Mit Mentaltechniken und so. Weißt schon: 'New Behaviour Generator', Meditation, Achtsamkeit, 'gewaltfreie Kommunikation im Tango leicht gemacht', 'ausgefuXte Visualisierungen für mehr Selbstbewusstsein (bewusst mit X!)', das Erleuchtungsseminar im Sommer ...  übe alle Techniken, um 'in die Kraft zu kommen' - in den Himmel halt. Und vor allem, um dort zu bleiben!"
Das Display seines Smartphones wird mittels Leimlumpenwischung nicht unbedingt sauberer.

"Bist so lieb und schiebst mir grobstofflich den Leimtopf rüber?"
Josef stürzt auf Maria. Ihn klebe ich als Erstes wieder an seinen Platz auf der mittleren Etage.

"Also bist nicht tot, aber trotzdem im Himmel? Klingt nach einem Haufen Arbeit..."
Ich muss mir unbedingt einen Kniff überlegen: Ich kann Josef auf keinen Fall so lange stützen, bis der Leim abgebunden hat. Pattex hab ich nicht im Haus, und der Baumarkt hat schon zu.

"Ja, isses! Weil wenn jemand merkt, dass ich noch kein Meister bin, fliege ich stante pede raus."
 
Knetmasse! Das isses! Kleine Würste zu einem Ring gewickelt sollten als Stütze funktionieren.

"Und wer hat für eine fristlose Himmelskündigung die Entscheidungsbefugnis?"

Pablo lässt die Schäfchen die Bremer Stadmusikanten darstellen. Ohne Hilfsmittel.
Okay, dann klebe ich sie halt erst zum Schluss an ihren Plätzen fest. Schon irgendwie süß, wie sie ihre streichholzdünnen Beinchen fast artistisch in die Luft recken.

"Die anderen Meister natürlich! Manchmal binden sie einen, den sie der Nichtmeisterschaft verdächtigen, zur Warnung an ein Bungeeseil und lassen ihn auf und ab pöppen. Kannst dir das vorstellen?"

"Bist du sicher, dass du vom 'Himmel' sprichst? In den von dir beschriebenen Sphären scheint mir ein rechtes Lumpenpack zu hausen."
Dem Engel fehlt Goldfarbe am linken Flügel. Statt mit Lack - der mir zu lange zum Trocknen brauchen würde - bessere ich die Stelle mit silbernem Fasermaler aus. Sieht man nicht bei Kerzenschein. Wie meine paar grauen Haare und Falten um die Augen.

"Wurde Amateurismus zweifelsfrei nachgewiesen, schubsen sie einen aus dem Himmel hinaus! Dann Plumps, padauz, Landung im Dreck!"
Pablo trifft den Schafturm gestikulierend mit dem kleinen Finger. Wir klauben die Tiere vorsichtig vom schokoladenbraunen Hochfloorteppich. Heuer schenke ich den Schäflein Bobbelfüße aus weißer Knete. Bis Weihnachten werden sie schon halten.

"Warum gibst dich überhaupt mit einem solchen G'schwerl ab? Das soll 'himmlisch' sein?"
Ganz sachte setze ich die Achse mit den verschiedenen Leveln auf den Drehpunkt. Himmelwärts hält der Propeller die fragile Geschichte zusammen. Hoffentlich sind die Knetmassewürste nicht zu schwer.

Der Antrieb fehlt noch: 4 KS (Kerzenstärken). Ich drücke Pablo die Streichholzschachtel in die Hand. Er zündet sich eine Zigarette an.

"Pablo! Da unten brauchen wir Feuer!"
Zähneknirschend verbiete ich mir die Frage, ob Weihnachtskonstrukte kleine Höllenfeuer eingebaut haben dürfen.

"Schön, wie die Bienenwachskerzen duften...",
meint er. Alle viere hat er angezündet, ohne sich die Pfoten zu verbrennen.Respekt!

Ich schalte das elektrische Licht aus. Er wechselt für bessere Sicht auf die Weihnachtspyramide neben mich auf's Sofa. Laible krümelnd und Tee trinkend betrachten wir stolz unser Werk, das beginnt, sich ganz langsam zu drehen.

"Da herunten ist doch auch nicht schlecht. Ich bin gern hier auf der Erde."
Die letzte Kokosmakrone knirscht zwischen meinen Backenzähnen. An der Zimmerdecke tanzt der Propellerschatten. Alles ist stille und friedlich.

"Bist ja auch kein MEISTER. Drum kannst auch nicht vom Himmel fallen."
Kein Schnurrbartzucken. Kein Grinsen. Keine Gänsefüßchen. 
Pablo filmt mit seinem Smartphone die Weihnachtspyramide. Dann lädt er meine schöne Besinnlichkeit hoch in seine Facebookgruppe.


Manchmal verfluche ich diese in Verstandesschatten gepflanzten Sprüche. Die wachsen dann gut gedüngt hinein in die Weltsicht, bis kein Erdenlichtlein mehr durchkommt.
Erhellen? Alternative Sichtweise? Neuinterpretation?
Schwierig! Aber möglich.

Derweil kriegt Pablo einen Sturzhelm von mir zu Weihnachten.

Und eine große Portion selbstgebackene Kokosmakronen.

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Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel





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Dienstag, 6. Dezember 2016

"Haben Sie auch Placebo?" - Gastbeitrag von Gerhard Riedl

Der "Patient an sich" ist auch ein Mensch.

 
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Renitenter (?) Patienten-Krampus Gerhard Riedl mit rotem Mäschle (nikolauskompatibel)

Heute kommen wir zu der interessanten, quasi auf den Kopf gestellten Frage: Können Pflegende, Therapeuten oder Ärzte auch selbst "Energievampire" sein? 

Meiner Erfahrung nach durchaus - allerdings meist ohne dass ihnen dieser Vorgang bewusst ist. Die dem Patienten abgelutschte Lebenskraft wird dann zwar lobenswert nicht zur Auffüllung der eigenen genutzt, was den Prozess aber nicht besser macht.

Der Weißkittel-Bluthochdruck ist dir bestimmt ein Begriff. Die Intensiv-Fachkrankenschwester, die am liebsten Komapatienten versorgt - mit selbigen muss sie nicht reden - sitzt in dieser Schublade. Die Heilpraktikerkollegin mit gebelltem Befehl "Loslassen!!", während sie dir ihre bestimmt tolle Spezialmassage in einem eiskalten Raum zuteil werden lässt, mag (oder kann) ebenso nur einen kleinen Teilaspekt ihrer Patientin erkennen. 

Wenn Kampf und Flucht auf der Agenda stehen - in eher sympatikuslastigen Situationen - haben Leib und Seele schlicht keine Zeit und Aufmerksamkeit frei, um das Immunsystem hochzufahren, die Durchblutung und Ernährung im sogenannten kranken Bereich zu verbessern, zur Ruhe zu kommen und gesund zu werden. Egal, ob der Säbelzahntiger dahergaloppiert, das Pflegepersonal dich hektisch akkord-abarbeitet oder der Mediziner sorgenvolle Brummellaute während einer Untersuchung von sich gibt.

"Heilung" bzw. "Linderung des Leidens" geschieht nicht nur meiner Erfahrung nach wesentlich besser in einem friedlichen Umfeld, die dem Patienten die Umschaltung Richtung Parasympatikus gestattet. Hier wird im Moment fleißig geforscht, und ich hoffe, dass die Studienergebnisse in nicht allzu langer Zeit auch auch das medizinische Fußvolk an der Patientenfront erreichen. Rühmliche Ausnahmen gibt es ja bereits.

Vielleicht sollte uns "Medizindienstleistern" jeglicher Couleur dieser Punkt eher zu denken geben als die ständigen Streitfragen, wer denn nun als Spinner einzuordnen wäre, geschweige denn, wer recht hat?

Hören wir unseren Patienten doch einfach mal zu! 

Die wissen nämlich oft ganz genau, was sie brauchen und was nicht, sind gescheiter als wir uns anmaßen, zu meinen.

Deswegen freue ich mich, einen Gastbeitrag des geschätzten Bloggerkollegen und renitenten (?) Patienten-Krampus Gerhard Riedl kredenzen zu dürfen, der aus der Sicht des "Users" das Thema beleuchtet. Wegen Nikolaus mit einem roten Mäschle.
Bühne frei!
 
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Haben Sie auch Placebo?


Neulich unterzog ich mich – wie jedes Jahr – einem Gesundheitscheck. Wenn man vor acht Jahren eine Krebsdiagnose erhalten hat, wird man doch etwas vorsichtiger und geht nicht erst bei Beschwerden zum Arzt. Allerdings fühle ich mich in der Woche um diesen Termin herum stets saumäßig.

Es ist sicherlich jedes Mal aufregend, auf die Ergebnisse zu warten. Die Hauptursache aber ist eine andere: Technisch bin ich bestimmt in besten Händen – ein positives Verhältnis zu dem Mediziner hat sich jedoch nicht entwickelt, im Gegenteil. Dabei gäbe es Gründe hierfür: Immerhin gelte ich nach schulmedizinischen Standard als „geheilt“ – das damals diagnostizierte Non Hodgkin-Lymphom hat sich nach Chemotherapie und Antikörperbehandlung bislang ohne Rezidiv verabschiedet.

Wäre dies nicht ein Anlass, mir irgendwann einmal zu sagen, das hätte ich gut gemacht, mir eventuell sogar zu diesem Erfolg zu gratulieren? (So wie meine Heilpraktikerinnen, von denen ich das öfter höre!) Offenbar nicht. Kuriert haben mich ja die Onkologen, nicht ich selbst! Das letzte Mal fragte der Arzt mich, in meiner dönerdicken Krankenakte blätternd: „Hatten Sie damals auch eine Chemotherapie?“ Ich leide sonst nicht an mangelnder Schlagfertigkeit, doch diesmal blieb mir die fällige Antwort im Halse stecken: „Nö, natürlich nicht, ich hab das mit Aprikosenkernen weggekriegt!“

In Wahrheit waren die zwölf Sitzungen Chemo und das sonstige Klinikprogramm nicht vergnügungssteuerpflichtig – ich habe mich dennoch dem Regime der Schulmedizin unterworfen und es ohne größere Schrammen überstanden. Allerdings holte ich mir weitere Hilfe: Eine Tangofreundin, welche damals gerade ihre Überprüfung als Heilpraktikerin bestand, kümmerte sich intensiv um mich, ebenso ein von ihr empfohlener Arzt, der auf Naturheilkunde spezialisiert war – meine Ehefrau nicht zu vergessen.

Das Wichtigste aber: Irgendwie war mir klar, dass ich nicht am „Lymphdrüsenkrebs“ sterben würde – fragen Sie mich nicht, warum! Und ich war vom Erfolg aller Therapien überzeugt und beschloss gleichzeitig, der Krankheit in meinem Leben nicht mehr Raum zu lassen als nötig. Daher ging ich weiter zum Tanzen und gab Zaubervorstellungen, oft im Anschluss an die Chemositzung im Krankenhaus – auch wenn das bei meiner sicher nicht zaghaften Heilpraktikerin leichte Panikanfälle auslöste. Dennoch ermutigte mich mein näheres Umfeld stets darin, an mich und meine Heilung zu glauben.

Anekdote am Rande: Beihilfe und private Krankenversicherung bezahlten fast alle Therapien, sogar die komplementären – mit Ausnahme einer Behandlung, welche mir besonders gut tat: der Visualisierungen. Soviel zur Abrechnungs-Logik unseres Gesundheitssystems…

Wer hat mir nun zu wieviel Prozent geholfen: die Zytostatika und Antikörper, die Naturheilkunde, die Endorphine bei Zauberei und Tango, die Zuversicht meines Umfelds – oder doch ich mir selber?

Ich habe neulich (zusammen mit Manuela Bößel) eine Rezension des Buches von Anousch Mueller geschrieben: „Unheilpraktiker: Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen“. (Von den Lesern bei „Amazon“ erhielt diese Besprechung sehr viel Zustimmung und führte zu über 160 Kommentaren!)

Für die Autorin ist die Sache ganz einfach: „Eine optimale Arzneimittelstudie verläuft placebokontrolliert, doppelt verblindet und randomisiert.“  Also Placebo plus echtes Medikament halbe-halbe, keiner weiß, was er gerade gibt bzw. nimmt, alles und alle zufällig ausgewählt. Nach diesen Kriterien haben nur die schulmedizinischen Präparate geholfen: „Für die meisten paramedizinischen Therapien konnten bis heute keine Wirksamkeitsnachweise erbracht werden.“ (Ich lasse lieber die Grübelei darüber, welche Studien von wem finanziert werden, und wer die Fragen passend zu den Antworten formuliert…)

Okay, Akupunktur hilft vielleicht ein bisschen bei Migräne, Zuwendung sowie gar Berührung erhöhen den Serotoninspiegel und Heilpraktiker nehmen sich mehr Zeit, da sie kein Ferienhaus in Spanien finanzieren müssen – aber gegen Krebs wirkt das alles nicht. Bloßer Placeboeffekt!

Bloß? Als gelernter Naturwissenschaftler bin ich inzwischen der felsenfesten Überzeugung: Ohne Placeboeffekt wären die meisten Therapien nicht mal halb so wirksam – und dessen bedienen sich studierte Mediziner (wenn sie klug sind) ebenso wie Heilpraktiker! Wenn jemand vor Angst stirbt, helfen auch keine Pillen – und: Wer recht haben will, heilt. So einfach ist das!

Ich bin sicher, man wird dereinst die Zusammenhänge zwischen Psyche und körperlichen Abläufen (z.B. im Immunsystem) genauer erforscht haben. Aber dies ficht natürlich Autorinnen wie Anousch Mueller nicht an: „Es gibt weder das Qui noch Meridiane.“ Aha. Schön, wenn man das so genau weiß…

Warum falle ich dann jedes Mal nach einer Akupunkturbehandlung in einen erquicklichen, wohltuenden Schlaf wie nach einer großen Anstrengung? Wegen dem bisschen Piekserei? Aber klar, das sind natürlich nur „anekdotische Beweise“! (Nebenbei ist es mir auch wurscht, wie man welche Leitbahnen nennt!)

In ihrem Anti-Heilpraktiker-Werk wird Frau Mueller nicht müde, vor den unseriösen Heilungsversprechen sowie fragwürdigen, ja gefährlichen Methoden der alternativen Therapeuten zu warnen. Mein Vorschlag wäre dagegen, Patienten nicht für dümmer zu halten, als sie sind: Würde mir ein Heilpraktiker mit irgendwelchem esoterischen Schmus kommen oder mir gar von ärztlicher Behandlung abraten, wäre ich schneller aus der Praxis, als er eine Rechnung schreiben kann – umgekehrt aber auch: Als ein studierter Mediziner einmal – mit unverwandtem Blick auf den Computerbildschirm – bei mir den Leberschaden eines Patienten behandeln wollte, mit dem ich nur den Nachnamen gemeinsam hatte, suchte ich meine Heilung ebenfalls in der Flucht.

Was mir jedoch besonders an Nieren und Galle geht, ist das Geschwätz von der stets hundertprozentig „evidenzbasierten“ Schulmedizin: Ich hatte ja das Vergnügen, fast 60 Jahre lang ausschließlich mittels dieser therapiert zu werden. Ärzte erlebte ich in meiner Kinder- und Jugendzeit als Personen, welche nach einem misstrauischen sowie sorgenvollen Blick auf meine blasse Gestalt reihenweise Befunde abspulten (natürlich nur drei Minuten lang): Offenbar war bei mir gar nix in Ordnung – erst recht, als ich ab zirka fünf Jahren einen veritablen Wachstumsschub hinlegte. Der ärztliche Rat: Zurückstellung von der Einschulung, Befreiung vom Sport, Schonung allenthalben. Mit neun Jahren konnte ich noch keinen Purzelbaum und fing mir einschlägige Werturteile von Klassenkameraden und Sportlehrern ein (auch so eine Spezies, die alles ganz genau weiß)…

Heute bin ich davon überzeugt: Mir fehlte damals gar nichts außer Bewegung, frischer Luft und Medizinern, die mir halfen, an mich zu glauben. Meine Frage: Welche nachweisbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse brachten meine damaligen Ärzte dazu, so einen Schwachsinn zu labern? Die Wirkung solcher Therapien bestand lediglich aus dem Nocebo-Effekt psychischer Abwertung und sozialer Isolation!

Erst mit fast siebzehn fand ich ein Metier, welches in mir erstmals den Verdacht aufkeimen ließ, an mir könnte körperlich doch nicht alles falsch sein: das Tanzen. Damit habe ich mich im Laufe der Zeit selber „geheilt“. Eigentlich logisch, dass ich dann mit Ende fünfzig sogar dem Krebs davongetanzt bin…

Mit achtzehn befand allerdings die Ärzteschaft, ich sei immerhin gesund genug für den Wehrdienst, und war durchaus bereit, in der treffend so genannten „Sprechstunde“ darüber Vorträge (gerne über drei Minuten) zu halten. Auch an diesen medizinischen, sicherlich evidenzbasierten Rat hielt ich mich nicht.

Insofern befolge ich gerne die Empfehlung von Anousch Mueller:  „Krank sein heißt schließlich nicht, seinen Verstand an der Praxistür abgeben zu müssen.“ Im Unterschied zur ihr beziehe ich diese Aussage aber nicht nur auf Heilpraktiker-Pforten. Was ich an der Tür von Schulmedizinern allerdings zurücklasse, sind meine Emotionen. Ist besser so, denn der Herr Doktor kann damit eh nichts anfangen!

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Dankeschön! 
Der Patient ist also wirklich auch ein Mensch.   
q.e.d.
Echt!

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel




Rezension und Diskussion zu "Unheilpraktiker" hier auf dem Blog
 
Gerhards Tango-Report: http://milongafuehrer.blogspot.de/

Peter Riptas Artikel zum Thema:
http://wize.life/themen/kategorie/gesundheit/artikel/3144/mein-wort-zum-sonntag-die-zukunft-des-heilens
und hier:
http://wize.life/themen/kategorie/gesundheit/artikel/12286/mein-wort-zum-sonntag-was-bedeutet-heilen
und hier:
http://wize.life/themen/kategorie/gesundheit/artikel/26447/mein-wort-zum-sonntag-was-ist-krankheit
und hier:
http://wize.life/themen/kategorie/gesundheit/artikel/27181/mein-wort-zum-sonntag-was-ist-krankheit-noch-mehr-definitionen

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