Samstag, 28. Januar 2017

Genug gepaced!


Was pacing und leading mit folgen und führen beim Tango zu tun hat




image blogarticle tangofish manuela bößel
You teach best what you need most.



"Pacing and Leading ist ein Begriff aus dem Neuro-Linguistischen Programmieren (NLP). (...)
Der Begriff Pacing and Leading bedeutet auf Deutsch so viel wie: Schritt halten und die Führung übernehmen. Die Wirksamkeit von NLP konnte wissenschaftlich nie nachgewiesen werden.
[https://de.wikipedia.org/wiki/Pacing_and_Leading]



* Pacing


Mal ganz ehrlich meine Damen, mit dem ersten Teil des Konzepts sind wir doch bestens vertraut! Meisterhaft beherrschen wir es, unsere Verhaltensweisen dem jeweiligen sozialen Umfeld anzupassen und so "Rapport herzustellen" - was schlicht und einfach "brückenbauend Kontakt aufnehmen" bedeutet.

Chamäleonartig schaffen wir es problemlos, in verschiedenen sozialen Gruppen gute Kontakte herzustellen - vom Elternmob in der Schule über die spießigen Nachbarn bis hin zur Arbeitsstelle/Kundschaft oder Schwiegerfamilie. Die unterschiedlichen Wertesysteme jonglieren wir routiniert und natürlich total reflektiert - wir haben ja schließlich an unserem Mindset gearbeitet.

Beim Tango warten wir heutzutage artig auf männliche Aufforderung zum Tanze respektive einmal pro Abend Damenwahl wie annodazumal. Dann versuchen wir, uns folgzahm in männliche Führung(sversuche) hineinzufühlen und selbige umzusetzen: Ergebnis ausführlicher Feldstudien in "Tangomilieu pacen".


* Und Leading?


(Eindeutschen in leaden geht leider gar nicht: englisch "leaden" bedeutet "bleiern")

Ja, können wir auch: Der Sohnemann duscht in sozialverträglicher Frequenz, erledigt seine Hausaufgaben, der Göttergatte bringt den Müll runter bzw. dein Ex lässt grade keinen Anwaltsbrief schreiben... Deine Schwiegermutter serviert dir keinen Spinat mehr. Nachdem du die Herrschaften sorgfältig-hartnäckig gepaced hast. Da braucht's keinen wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis! Das ist weibliches Grundwissen! Seit Jahrhunderten.

Wir haben sogar kapiert, dass im interaktiven Verlauf die Führung zu übernehmen der eigentliche Zweck des Pacens ist. Das können wir ausgezeichnet! ("Scha-hatz, ...") Aber wenn, dann nur zum Wohle unserer Lieben, gell!

Aber Leaden ist doch nur erlaubt, wenn es dem Geleadeten nützlich ist, oder?

Sind deine eigenen Bedürfnisse und Ziele eine Zumutung für die Gruppe/das Gegenüber?
Oder allein schon die Prüfung dieser Frage auf Antworten?
Arrogant? Gar egoistisch?

Und so lassen wir es beim pacen, und pacen und pacen...

Fühlt sich ja wohlig an, mit den Mitmenschen in gutem Kontakt zu stehen! Die mögen dich dafür irgendwie umso lieber. Shen Te war bestimmt ein "guter Mensch", von den Göttern geliebt. [https://www.inhaltsangabe.de/brecht/der-gute-mensch-von-sezuan/]

Die Traute, das eigene Leben zu gestalten dagegen verhungert.

Eine kaum wahrnehmbare Unzufriedenheit schleicht sich dann irgendwann ein, die sich in eigenartigen Begrifflichkeiten äußert, wie "frau müsse endlich in ihre Kraft kommen!". Coachingangebote dazu gibt es zuhauf. Und die Herrn der Schöpfung reiben sich die Hände. Wenn wir SO weitermachen, bleibt der Wunsch, ernst genommen zu werden - ob vom Lebensgefährten, Chef oder Kunden - eine Illusion.

Und Brecht verlangt von uns, selber eine Antwort auf das Dilemma von Shen Te / Shui Ta zu finden! Der Vorhang fällt und wir gehen heim. Alle Fragen offen - ohne fertige Antworten. Schalten wir also aufforderungsgemäß unser Hirnkastel ein und zentrifugieren die Fakten und hauseigenen Annahmen.

Gehen wir ganz frech von folgenden Grundsätzen aus:

1. Du hast deinen Wunsch auf Herz und Nieren geprüft und bist zu dem Ergebnis gekommen, dass die Erfüllung niemandem schadet. (Musst ja nicht gleich Shui Ta aus der Schublade holen.)

2. Du bist bereit, (meist vorübergehende) Irritationensreaktionen deines Umfelds auszuhalten. Die dürfen sich ja erst mal daran gewöhnen, dass du auch zum eigenen Wohle (oder des gemeinsamen, wieder das eigene eingeschlossen) mal das Heft in die Hand nimmst.

3. Dir ist klar, wohin du steuerst und warum - also deine Motivation.


* Ein Beispiel, zum Üben 


(Transfer in andere Lebensbereiche möglich bzw. erwünscht)

Ziel: Du willst Tango tanzen.

Auf der Milonga sitzen schon gefühlte 87 alleinige Frauen, nur ein Tanzpartner in Sicht. Der deinige liegt mit Männerschnupfen daheim im Bett. (Bravo! Erste Hürde gemeistert! Solo zum Tango gegangen! Geht doch.)

Dafür umso mehr magische Musik. Bald zuviel Tanzdruck im internen Sicomatic! Stufe Rot!

Dass Frauen Männer auffordern, sähe man hier gar nicht gerne, hat man dir mehrfach während des deines Tangoszenen-Pacings geflüstert. Okay.
Logische Schlussfolgerung: Du willst tanzen, nur Frauen als Partnerinnen verfügbar?

Dann fordere halt eine Frau auf! 

Als "Führende".
Macht Spaß und lindert den Tanzdruck.

Mit der Motivation "Mann anfassen" funktioniert das natürlich nicht ;) Da wäre die Entwicklung eines anderen Algorithmus vonnöten. Kannst ja mal drüber nachdenken, zu Übungszwecken.


* Fazit


Als Tanguera, die beide Rollen tanzt, bin ich (wie meine sehr wenigen Kolleginnen) immer noch eine Exotin. Schade, denn ich habe in keinem Abschnitt meines Tangolebens meine Technik in dem Maße verbessern können und quasi nebenbei soviel über's Folgen gelernt.

Denn Führen beim Tango ist auch nix anderes als Rapport herstellen und halten, pacen und leaden.

Aufgeben werde ich das "Beide-Rollen-Spiel" gewiss nicht mehr. Und das Führen zum richtigen Zeitpunkt in anderen Bereichen schon gar nicht.

Und wenn ich mir einen falschen Schnurrbart anpappen muss!


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel 

Nachtrag am 31. Januar:

Einen Überblick, was der Text ausgelöst hat, findest du auf Gerhard Riedls Tango-Report:
http://milongafuehrer.blogspot.de/2017/01/follow-leader.html 
Dankeschön - auch für das wunderbare Musikvideo zum Thema! Joi!







Quellen: https://www.nlp.ch/pdfdocs/pr002-r-Rapport-Scriptauszug.pdf

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Montag, 23. Januar 2017

Winterzeit - Erkältungszeit?

Was du jetzt tun kannst, um Erkältungen zu vermeiden


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Kennst du das?

Fast alle um dich herum rotzeln, schniefeln übelgelaunt. Die Stellage Tempotaschentücher im Supermarkt ist so belagert von kampfeslustigen Muttertieren, dass du beschließt, entweder die häkelumrandeten Stofftaschentücher deiner Oma zu reaktivieren (bei der Milonga) oder halt in Gottes Namen in Klopapier zu schnäuzen (daheim).

Eigentlich gehts dir ja noch ganz gut. Noch hats dich nicht erwischt. Aber früher oder später...

Kann man nix machen!
Meinst du?
Doch! 

Freilich kannst du was unternehmen, um Schnupfelviren, Stinkestreptokokken und andere unliebsamen Gesellen vorbeizuwinken, ihnen den Einstieg zu erschweren und sie daran zu hindern, längerfristig ihre Zelte in dir drin aufzuschlagen.

Du bist (wahrscheinlich) glücklicher Besitzer eines funktionierenden Immunsystems - ein ausgefuchst fein abgestimmtes Team. Es freut sich, wenn du ihm Möglichkeiten einrichtest, seine Aufgaben optimal zu erledigen. Sonst legen vielleicht einige Mitarbeiter einfach ihren Job beleidigt streikend nieder.

Manche Arbeitsplatzverbesserungs-Maßnahmen, die du als Werksleiter anbieten kannst, sind so einfach, dass sie kaum mehr erwähnt werden: unspektakulär, vielleicht sogar altmodisch - aber umso wirkungsvoller. Deswegen befreie ich diese Vorschläge hiermit feierlich aus der Schublade des Vergessens:


* Schlafe ausreichend!


Wie viele Stunden Schlaf ein Mensch ganz genau braucht, hängt von vielen Faktoren ab. Ein Kind z.B. benötigt eine höhere Dosis als ein Älterer. Wachsen ist schließlich auch Arbeit und geschieht im Schlaf. Außerdem werden träumend und tiefschlafend unzählige Eindrücke verarbeitet: Ein Mehr an intensiven Erlebnissen fordert mehr Schlaf. Altersunabhängig.
Harte körperliche Betätigungen (und Intensiv-Tango) natürlich auch.

Wachst du morgens (einigermaßen) erfrischt auf und bleibst tagsüber leistungsfähig, hast du für dein System genug in Morpheus Armen verbracht. Ausreichend regeneriert, erholt! Dein Immunsystem mag das sehr.

Klebrige Schlappheit tagsüber, kombiniert mit Gähnanfällen, signalisieren, dass du vielleicht ein bissel früher in die Kiste solltest oder einfach mal länger drinbleiben. Zum Schlafen. Allein.(Ja, okay, auch zu zweit, aber schlafen, gell ;)

Oder gepflegt siestieren (spanifiziert für Tangoistas) bzw. powernappen (businesskasperisch) - ein Mittagsschläfchen halten (deutsch, altmodisch).


* Iss was Gescheites!


Du bist, was du isst: Fast alles, was du verspeist, arbeiten deine internen Baumeisterlein in deine Zellen hinein. Oder versuchen nach Kräften, Nährwert als Baustoff herauszuholen. Dabei tun sie sich wesentlich leichter, wenn die Zutaten auch in der Natur vorkommen und nicht aus dem Labor stammen. Vielleicht gelingt das ja in einigen Millionen Jahren. Leider hinkt da die Evolution ein wenig hinterher.

Das gilt genauso für seelische Nahrung.

Auch die Zellkumpanen deines Immunsystems wollen ihre bekannt-natürlichen Legoklötzchen! Von Mineralstoffen, Vitaminen über Eiweiß  bis hin zu wertvollen ungesättigten Fettsäuren.

Nahrungsmittelähnliche Produkte oder liebloser Kantinenfraß versprechen wenig Nutzen. Zu Tode gekocht, billig gehalten mit künstlichen Geschmacksstoffen, ertränkt in Packerlsaucen, enthalten sie meist viel Zucker und Transfette. Sollen deine Baumeisterlein so einen Schund in deine Zellen hineinbauen? Vorausgesetzt, das geht? Sauber arbeitende Immunzellen werden daraus bestimmt nicht.

Kochst du selbst, benutzt frische, vitale, möglichst wenig behandelte Zutaten, vielleicht sogar bio vom heimischen Markt, dürfte die Nähr- und Mineralstoffversorgung kein Problem darstellen. Und es schmeckt! DAS ist Nahrung für Leib und Seele!
Ein prima Fettsäurelieferant ist z.B. Leinöl in Joghurt oder Quark - köstlich mit frischen Früchten!
Und die Teilchen eines ehemals glücklichen Schweins weiß ich lieber in meinen Zellen zu Hause als die des antibiotisch-traurigen Huhns Nr. 46985.

Glaubst du, selbst nicht kochen zu können, dann würde es sich lohnen, es zu lernen. Nicht jeder muss damit ins Fernsehen. Bodenständige, einfache Gerichte sind kein Hexenwerk, und Bücher oder Anleitungen, z.B. bei Youtube, gibt es wirklich genug. Heiraten oder zu Mami ziehen wären die Alternativen.

Bestücke deine Gefriertruhe mit Notfallrationen Hühnerbrühe Rezept siehe hier. Im "Ernstfall" hast du wahrscheinlich wenig Appetit und keine Lust, am Herd zu stehen.


* Warm halten!


Zugegeben: Nierenwärmer sind nicht unbedingt der Erotik letztes Argument. Puschelsocken samt Fossybärstiefel auch nicht. Und wie hat mich meine Oma mit der uncoolen Unterhemdansage genervt.

Aber diese Geräte wärmen die Nieren, die Mitte und Füße effektiv. Und helfen, die nächste Erkältung vielleicht vorbeiwitschen zu lassen.

So behaupten die Alten, die Chinesen und - mich eigenen Erfahrungswerten demütig beugend - ich.


* Die Keimwolken verdünnen


Eine höhere Zahl Erreger pro Kubikmeter Atemluft lässt die Wahrscheinlichkeit zu erkranken steigen. Mit 287 Ladendieben auf 100 Quadratmetern kommt selbst der beste Kaufhausdetektiv nicht mehr zurecht - mit einem dagegen, oder sogar fünf, gewiss.

Die Konzentration der fiesen Gesellen kannst du mit simplen LÜFTEN erfolgreich vermindern. Also Fenster alle paar Stunden bis zum Anschlag aufreißen! Egal ob im Büro oder bei einer Milonga.

Vor allem tagsüber: Die UV-Strahlen, die uns die Sonne automatisch-gratis mitliefert, killen einige Keime.

Ein anderes, bei Erregern sehr beliebtes Transfer-Taxi sind unsere Hände:
Ein keimetragender Mensch niest die Unwesen in taschentuchbewehrte Pfoten. Dort machen sie sich's gemütlich, um dann am Türgriff auszusteigen und auf den nächsten Bus zu warten. Der transportiert sie anschließend zuverlässig zur Einstiegspforte Nase am nächsten Menschen.

Alternative Verkehrsknotenpunkte sind die Griffe von Einkaufswägen im Supermarkt, Telefonhörer, Haltestangen in der Trambahn, dein(e) Tanzpartner etc. Und Geld.

Normales Händewaschen genügt völlig - warmes Wasser und Seife vorausgesetzt. (Warum gibt es auf Schultoiletten eigentlich nur kaltes Wasser?)

Desinfizieren wird nur zwingend, wenn du selbst oder eine Person im Haushalt schwer angeschlagen ist, z.B. während einer Chemotherapie. 
Oder nach einem Klinik- oder Altenheimbesuch. Dort wachsen Erreger, die man auch in kleiner Zahl nicht mit nach Hause nehmen möchte.



* Schleimhäute feucht halten!


Die Schleimhäute im Nasenrachen-Raum sind für gewöhnlich die Häfen, die unsere Unfreunde ansteuern. Das weiß dein Immunsystem und unterhält aus diesem Grund genau dort lokale Abwehrstützpunkte. Diese Truppen phagozytieren fröhlich, lassen sich dann tot - mit Bösem im Bauch - in Schleim packen und nach draußen abtransportieren, vulgo abrotzen.

Ein wenig tiefer, in den Bronchien, helfen Flimmerhärchen mit. Wie auf einem Laufband befördern sie alles nach oben zum Abhusten, Schnäuzen oder Ausspucken, was keine Miete zahlt.

Schleimhäute, Schleim und Flimmerhärchen mögen es am liebsten schön feucht.

Die einfachste und effektivste Methode ist viel trinken: Zwei bis drei Liter dürfen es schon sein - optimal wären Wasser, Tee, Suppen oder verdünnte Fruchtsäfte. Wein, Bier und Kaffee lassen sich zwar auch trinken, sind aber zur ausschließlichen(!) Flüssigkeitszufuhr nicht wirklich geeignet.

Inhouse-Luftbefeuchtung klingt cool, kommt aber als altmodisches Stoß-Lüften daher.


* Langsam tun! 


Die Chinesen sagen, der Winter wäre eine Zeit des Rückzugs. Zeit, um Kräfte zu sammeln. Zeit zum Reflektieren. Zur Besinnung kommen?

Aufwändig-anstrengende Missionen dürfen winterlich ruhen!

Im Frühjahr, wenn die Säfte steigen und die Burschen ihr Lied für Veronika singen, ist die richtige Zeit, um heldenhaft die Unterhose drüber zu tragen und die Welt zu retten!


* Glücklich sein!


Inzwischen - man lese und staune - kommen sogar die Schulmediziner drauf:

Ein in zufriedener Grundstimmung schwingendes System bleibt eher gesund! Ein liebevolles soziales Umfeld unterstützt diesen Prozess sehr. Diese medizinische Fachrichtung nennt sich Psycho-Neuroimmunologie.

Also gönne dir Glücksmomente! 
So oft wie möglich!

Ein prima hochwissenschaftlich evidenzbasiertes Argument, heute doch noch zum Tangotanzen zu entwischen, obwohl deine Familie krank darniederliegt. Mit Männerschnupfen.

Für Non-Tangoistas erschließen sich bestimmt andere Möglichkeiten, die entsprechende Dosis wohligen Krankheitsprophylaxe-Glücks zu schnupfen.

Umgib dich mit Menschen, die dich mögen. 
Einfach, weil du bist, wie du bist.


* Und wenn es dich doch erwischt hat?


Dann gelten die Maßnahmen erst recht:
  • Ausruhen!
  • Warm halten!
  • Keimkonzentration verdünnen!
  • Viel trinken!
  • Schleimhäute feucht halten!
  • Langsam tun!
  • Für glückliche Gefühle sorgen!

Ohne diese Basics können selbst die besten Medikamente nicht wirken. Schleimlöser (Expektorantien) - egal ob Acetylcystein oder Kräuterzubereitungen aus Thymian, Efeu, Umckaloabo, oder was auch immer, brauchen genug Flüssigkeit im Körpersystem.

Unterstützend könntest du inhalieren: mit einem Ultraschall-Vernebler der neuen Generation, den IH50 von Beurer zum Beispiel, das Modell kenne ich aus der ambulanten Pflege.
Die alte Methode "heißes Wasser in Schüssel - Handtuch über'm Kopf - rote Birne" kann da nicht mithalten.

Und vor allem AUSRUHEN! Dein Immunsystem soll arbeiten. Du nicht.

Ich verbiete dir hiermit, dich über im Erkältungsfall eingeschränktes Funktionieren zu ärgern. Genieße lieber die Zeit, mal auf dem Sofa abzuhängen, mit einem guten Buch oder sogar vor dem Fernseher!

Verwöhn dich selbst! Gerade jetzt!
Das hast du verdient.

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel
(... while eating my own dog food ;)







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Donnerstag, 19. Januar 2017

"Mein Leben als Schiffskater" - Gastbeitrag von Peter Ripota

Wieso geht man ausgerechnet zum Tango? 



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Sein Leben als Schiffskater

Erfahrungsgemäß ist es ein schier unmögliches Unterfangen, Non-Tangoistas diese ganz besondere, beihnah magnetische Anziehung verständlich zu machen, die der Tango argentino auf uns „aficionados“ ausübt. 

Und selbst unsere tangoverrückten Kollegen können dir (und sich) die Tiefe dieses Verlangens oft nur schwer erklären. Enthusiastisch werden gerne als Tatmotive genannt:


Die Musik!
Die Freiheit der Improvisation!
Das so intensive Erleben des Augenblicks - umarmt und umarmend!
In Zauberreichen schwebend alle - wirklich alle - Emotionen ein- und ausatmend! Hossa!


Trotz aller sichtbaren Begeisterung bekommst du hilflose, dürre Worte geliefert, die nur an einem kleinen Teilaspekt kratzen können: Pressemeldungen vom Großhirn.

Was genau bewirkt die Faszination für Tango argentino denn nun wirklich? 


Bei wem? Und warum?
Braucht man, um Tango zu lieben, eine eigenartige Persönlichkeitsstruktur? Falls ja, welche?
Ist es hilfreich, ein bissel zu spinnen? Falls ja, wie? Spinne ich ein bissel, weil ich Tango tanze oder tanze ich Tango, weil ich ein bissel spinne?
Warum tu ich mir das immer wieder an? Körbe? Sitzenbleiben? Tangokrisen? Stochern in fadem Schrammel? Weite Anfahrt, Parkplatzsuche, Großstadtarroganz?
Warum geht man ein andermal nach einer Milonga so vor Glück bebend nach Hause - tangosatt - obwohl man in der Musik schwimmend das gesamte Spektrum der Gefühle durchmisst - Blut und Schweiß und Tränen? Die Liebe und das Leben und all das - die volle Dosis, konzentriert in ein paar Tänzen? 

Oder bilde ich mir das alles nur ein? Sind wir Freaks? Wenn ja - welcher Art? Oder ist Tango einfach nur Tango? Träumen wir? Oder was? Fragen über Fragen...

Um den Antworten ein wenig näher zu kommen, hilft es vielleicht, einem „Milonguero viejo“ zu lauschen. Nach unendlichen Strapazen, therapiedurchgemühlt, hat er seinen ureigenen Grund gefunden, warum er ausgerechnet Tango tanzen muss. 


So ist es mir eine große Ehre und seefrische Freude, dir Peter Ripotas Geschichte „Mein Leben als Schiffskater“ präsentieren zu dürfen. 

 
Dieser Artikel  erscheint zeitgleich in Peter Ripotas „Notizen aus dem schwarzen Loch“:

http://ya0m.r.bh.d.sendibt3.com/33i6anw17fl.html

Bühne frei, ahoi und viel Vergnügen!




Mein Leben als Schiffskater

Nachdem keine Therapie funktioniert hatte, um mich von meinen diversen seelischen Leiden zu befreien; nachdem ich vergeblich Verhaltens-, Gruppen-, Gesprächs-, Psycho-, Logo- und Magnetfeld-Therapie versucht hatte, riet mir meine Therapeutin zur Erforschung meines früheren Lebens. Und siehe da: Durch diese Erkenntnisse ließen sich die Seltsamkeiten meiner jetzigen Existenz endlich erklären!

Was mich schon immer wunderte: Ich liebte alles, was mit dem Meer zu tun hat, von Hans Albers über Freddy Quinn bis zu argentinischen Tangos, die zwar nicht vom Meer, wohl aber von viel Sehnsucht nach der Heimat (jenseits des Meeres) handeln. Dabei gibt es in meiner Heimat kein Meer, keine Seemänner, und getanzt wird Walzer, nicht Tango. Doch bei aller Liebe zum Meer: Wasser in größerer Menge finde ich furchtbar. Schon in einer Badewanne mittleren Ausmaßes habe ich Angst vorm Ertrinken. Aber Kreuzfahrten liebe ich, da kann ich stundenlang aufs Meer starren. Doch Reingehen ist nicht meine Sache.

Die Gründe dafür wurden mir klar, als ich mein Leben als Schiffskater neu erlebte, auf irgendeinem Piratenschiff, wobei der Unterschied zu normalen Frachtschiffen nicht so klar war - und mich auch wenig interessierte. Das Leben als Schiffskater ist etwas anders als die meisten glauben. Meine Hauptaufgabe war laut Anstellungsvertrag (ja, wir Katzen hatten damals noch Rechte, ganz ohne Gewerkschaft!) das Jagen und Vernichten von Ratten, die überall auf dem Schiff herumliefen. Aber das tat ich nicht. Die Menschen haben so komische Vorstellungen von der "Natur", bei der es angeblich nur ums Überleben des Besseren geht und jeder jeden frisst, sofern dazu fähig. Kompletter Unsinn, den sich ein magenkranker Engländer mit viel Bart und wenig Haaren ausgedacht hat. Ich hab mich, wie alle Schiffskatzen, mit den Ratten gut verständigt. Ich ließ sie in Ruhe, sie ließen mich in Ruhe. Sie kriegten von mir gelegentlich was zum Fressen, das mir nicht schmeckte (z.B. dieser widerlich versalzene Speck), und sie waren froh, wenn ich ab und zu ihre Bevölkerung (nach ihren Wünschen) ein wenig dezimierte. Ansonsten kamen wir gut miteinander aus. Sie versteckten sich bei Inspektionen, ich warnte sie davor. Denn was die Menschen vorhatten, wusste ich immer. Wir Katzen können zwar nicht verstehen, was die Menschen über ihre seltsamen Laute einander mitteilen - aber ihre Gefühle, ihre echten Wünsche und Intentionen kennen wir sehr wohl.

Als wohlerzogener Kater nahm ich regelmäßig an den Mahlzeiten in der Offiziersmesse teil. Pünktlich eine Viertelstunde vor Beginn des Essens saß ich auf meinem Platz neben dem Kapitän, dann machte ich meine Runde und holte mir von jedem, was mir zustand. Manche Matrosen waren so verfressen, dass sie alles in sich hineinstopften, und dabei fiel ihnen so viel aus ihren Mäulern, dass ich die Sachen nur zusammenwischen musste. Einer redete ununterbrochen, bis ich ihm mal während seiner Elaborate mit meiner Pfote was aus dem Mund holte, zum allgemeinen Gelächter der anderen.
Doch das Üble auf dem Schiff war das Wasser. Wenn es regnete, das ging ja noch. Ich verkroch mich unter eine Plane und schleckte dann mein Fell trocken, bis mein Magen voller Haare war. Aber wenn Sturm aufkam, gischteten die Wellen über das Deck, und es gab keine Flucht vor ihnen. Das Salz kriegte ich nicht mehr aus den Haaren, ich klebte und roch nach Pökelfisch. Widerlich. Dafür spielte Hein, der Künstler, mit seiner Donald-Duck-Mütze und den Pluderärmeln, am Abend auf seinem Schifferklavier (er nannte es "Concertina") melancholische Stücke, von denen er behauptete, es wären Tangos, und er hätte sie in Buenos Aires aufgeschnappt. Die anderen tanzten dazu. Naja, Tango war's wohl keiner, mehr ein Sirtaki, oder ein schottischer Reigentanz, aber egal. Die Musik hat mich fasziniert, ich tanzte mit, natürlich auf meine Art - geschmeidig, elegant und musikalisch, eben katzenhaft.

So führte ich ein erfülltes Leben, bekam meine Schmuse-Einheiten von den Männern, durfte im Bett des Kapitäns schlafen (wenn ich ihm vorher eine tote Ratte überreichte, sozusagen als Gastgeschenk), blieb in den Häfen an Deck (an Land gab's Leute, die Katzen aßen - Barbaren!), und alles wäre gut gegangen, hätten meine Mannen nicht eines Tages ein anderes Schiff gekapert. Sie nahmen die Mannschaft gefangen und entsorgten sie später im Meer (wir hatten zu wenig zum Essen für all die hungrigen Mäuler). Nur die eine Frau, die sich als Matrose getarnt hatte, die behielt der Kapitän, aus erzieherischen Gründen, wie er sagte. Was er damit meinte, sagte er nicht; vermutlich brachte er ihr die Grundlagen einer erfolgreichen Navigation bei. Das Problem war nur ihr Anhängsel, ihre Muschi. Ich meine ihre Katze, ein verzogener Fratz, verwöhnt, verweichlicht, durchtrieben und arrogant. Ich wollte, wie es meine Art ist, mit ihr Freundschaft schließen, aber sie ließ mich abblitzen. Schlimmer noch: Sie schaffte es irgendwie durch falschen Charme, meine Stelle beim Kapitän und bei den Matrosen einzunehmen. Ich wurde zum Nichts. Ein von mir angezettelter Aufstand meiner Rattenfreunde gegen sie lief ins Leere, denn sie flüchtete in die Kabine des Kapitäns und verriet den Haufen Langschwänze an den ersten Offizier, der mit den armen Vierbeinern kurzen Prozess machte, soweit er ihrer habhaft wurde. Ich verzog mich in den finstersten Winkel des Schiffs, wo es nach Faulwasser, Stinkefisch und Schimmelholz roch. Das war kein Leben.

So beschloss ich, trotz aller Gefahren, mit meinen Rattenfreunden das Schiff zu verlassen. Da war eh nichts mehr zu holen. Im nächsten Hafen (keine Ahnung, wo) marschierte ich von Deck, markierte zum letzten Mal den Landungssteg und machte mich auf die Suche nach - wonach? Die anderen Katzen im Hafenviertel dieser verkommenen Stadt (war das Buenos Aires?) schreckten mich ab, sie waren verwahrlost, verhungert, ungebildet und voll roher Scherze. Allein gefiel's mir aber auch nicht, doch die Katze meiner Träume fand ich trotz intensiver Suche nicht. Ich fühlte mich wie in den Texten dieser Tangos, verraten, verlassen, verfemt, und in meiner Verzweiflung tröstet ich mich mit dem Gedanken: Vielleicht findest du sie ja im nächsten Leben...


Gut, dass er wohl gestorben ist.
Drum tanzt er wieder - heute!


Vielen Dank an Peter Ripota!

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel





* Mehr von Peter Ripota: 
 http://newsletter.peter-ripota.de/archiv-de-3929.html

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Montag, 9. Januar 2017

Pflege-Sprechblasen aus der Teppichetage

Beliebte, häufig verwendete Textbausteine bettferner Mitarbeiter in der Alten- und Krankenpflege - höchst subjektiv gewertet, kommentiert und mit möglichen Antworten garniert!



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Kennst du das?
Du bist zu einer Zeit aufgestanden, als der Mond noch sein Nachtlichtlein fröhlich zur Erde geschickt hat. Hast dein Auto aus dem Schnee gegraben, bist vielleicht mit anderen Frühschichtlern feiertags im Stau gestanden, um die kranke Kollegin zu vertreten. Eigentlich hättest du frei...
In deiner Freizeit recherchierst du medizinische Hintergründe oder weitere pflegerische Maßnahmen, um die Qualität zu optimieren.
Die Arbeit an der Front muss ja erledigt werden: Dein(e) Patient(en) kann man nicht in die Garage schieben und das Tor schließen. The show must go on!

Der Tag läuft soweit ohne Probleme, der Patient ist nicht nur fachgerecht, sondern sogar prima versorgt: Er fühlt sich wohl an Leib und Seele, kein Dekubitus, keine Kontrakturen, keine Infektionen etc. Deinen Kollegen und dir gefällt die Arbeit am Bett. Ihr seid richtig gut darin, habt diverse Fobis, Erfahrung und Fachwissen.

Bis sich ein eigenartiger KONTAKT ergibt - eine Begegnung mit der dritten Art - ob Personaler, Pflegedienstleitung oder ähnliches, ist dabei egal. Die Berufsbezeichnung leuchtet firmenabhängig in englisch oder deutsch auf den hübschen Visitenkärtchen. Die Herrschaften greifen alle in dieselbe Kiste mit wohlformulierten Textbausteinen. Die können sie auswendig hersagen und, wie im Kommunikationsseminar gelernt, mit Betroffenheitsmimik(ry) verbrämen. Manchmal bringen sie - falls sie sich zu einem Ausflug in die Wildnis entschließen - auch Glasmurmeln für die Eingeborenen mit. Oder Kulis oder Bonbons oder so.

Da sich die abgesetzen Wortkonstrukte aus dem operativen Part der Pflege unabhängig von der genauen Stellenbeschreibung gleichen, verzichte ich auf genaue Zuordnung der jeweiligen Berufsgruppe.

Et voilà!

"Machen Sie viele Überstunden? Oh, das tut uns leid. Sie brauchen hier noch mindestens eine Vollkraft! Wir geben das weiter an die Geschäftsleitung!"

Dieser Teppichetagenbewohner weiß ganz genau, wie es um die Personalsituation steht. Die Geschäftsleitung auch - es liegen ja schon einige Überlastungsanzeigen vor. Vor einigen Jahren hast du solche Aussagen naiv-hoffnungsvoll ernst genommen, Ideen entwickelt, Vorschläge gemacht, die potenziellen Gründe diskutiert. Passiert ist wenig bis gar nichts. So sparst du deine Puste, verschwendest maximal ein "Ja!" zum Thema Überstunden und ein "Tun Sie das!" zur Informationsweitergabe. Lieber regelmäßig Briefe an die Geschäftsleitung mit der Bitte um Gehaltserhöhung schicken. Ein meist mehr Erfolg versprechendes Vorgehen.

An eine neue Bewerberin: "Wir machen Ihnen einen schönen Vertrag!"

Dazu kann ich nur sagen: Bevor du unterschreibst...
1. Lies den Vertrag!
2. Lies den Vertrag!
3. Lies den Vertrag!

Kläre den Bruttostundenlohn, die Zuschläge,die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, die Entlohnung im Urlaub und die Zahl der Urlaubstage.

Bei ambulanter Intensivpflege außerdem: Was wird sein, wenn dein Patient ins Krankenhaus muss oder stirbt? Spesen? Übernachtungskosten?

Verlasse dich nicht auf mündliche Versprechungen: Im Ernstfall sind diese unmöglich nachzuweisen. Werden die Punkte nicht schriftlich fixiert, unterschreibe einfach nicht! Die Firma braucht dich dringend. Ich gehe davon aus, dass deine Forderungen nicht unzumutbar sind. Kommt man dir nicht entgegen (schriftlich), gibt es genug andere personalmangelige Pflegeanbieter, bei denen du unter passenderen Bedingungen arbeiten kannst.

Zur Bewerberin: "Natürlich können Sie Ihre Dienste frei gestalten! Natürlich können Sie nur im Nachtdienst arbeiten!"

Nein, kannst du nicht.
Die Dienstplangestaltung liegt in der Verantwortung der Teamleitungen, mit welchen Teppichetagler sich in der Regel nicht absprechen. Die Chefinnen an der Front müssen sich schließlich neben den Neuankömmlingen auch mit den schon vorhandenen Mitarbeitern und deren Verpflichtungen  arrangieren.

Also sprich zuerst - bevor du den Vertrag unterschreibst - mit der Teamleitung und kläre, ob du den Anforderungen für besagte Stelle wenigstens teilweise entsprechen kannst und/oder willst. Fast immer findet sich ein Kompromiss. Teamleiterinnen sind erfahrungsgemäß offen und ehrlich, was die Arbeitsbelastung betrifft.

Den bestehenden Teams ist es meistens lieber, ein frühes, klares "Nein, geht nicht" zu hören, als neue Kollegen zuerst sorgfältig einzuarbeiten, auf Entlastung zu hoffen und dann im letzten Moment doch wieder einspringen zu müssen, wenn der/die Neue enttäuscht entschwindet.

Zur Teamleitung nach dem Bewerbungsgespräch mit Wunschdienstplanversprechen: "Man muss gute Pflegekräfte doch halten!"

Ja! Alles andere wäre ungeschickt, wenn nicht sogar dumm, will man eine Versorgung/Station am Laufen halten. Zur Gruppe der "guten Pflegekräfte" gehören allerdings auch diejenigen, die seit Monaten unter immenser Überstundenbelastung den Laden schmeißen. DIE sind es wert, gehalten zu werden. Sie haben ihre Motivation ja schon bewiesen. Die Neue (noch) nicht.
 
"Wir bemühen uns nach Kräften, die vakante Stelle zu besetzen."

Hübsche, sehr oft verwendete, höchst beliebte Floskel. Nimm sie einfach als solche. Lächle wissend, nicke - wenn's geht - demütig.

Frage auf keinen Fall nach: Du wirst weder herausfinden, wer mit "wir" gemeint ist, noch welche konkreten Maßnahmen eingeleitet wurden. Das geht dich doch nix an! Du bist doch nur eine kleine Krankenschwester oder ein doofer Altenpfleger! Das machen doch Marketingspezialisten! Und das Recruiting-Assessment! Dein Wissen um die örtliche Mentalität, verwendete Medien in der Zielgruppe, Bedingungen bei anderen Pflegeunternehmen ist doch irrelevant!

"Hier in der Gegend ist die Konkurrenz an Pflegeanbietern enorm! Da bekommt man ganz schlecht Personal!"

Streiche gedanklich "hier in der Gegend". Es gibt überall Pflege-Firmen, die höhere Stundenlöhne zahlen. Dafür wird dort an Zuschlägen gespart, oder wo auch immer.
Der Markt sowie die ortsüblichen Löhne sind den Damen und Herrn von droben genauestens bekannt. Trotzdem wäre es für deine Gehaltsverhandlungen sinnvoll, den ortsüblichen Tarif einer Putzfrau zu kennen.

"Natürlich bekommen Sie einen Springer!"

Reinrassige Beschwichtigungsrhetorik! Ihr beide wisst doch ganz genau, dass keine Springer zur Verfügung stehen. Kurzfristig schon gar nicht. Springen wirst am Ende schon du selber oder eine deiner Kolleginnen, zähneknirschend. Habt es ja bisher auch gemacht. Geht doch! Wieso sollte da Handlungsbedarf bestehen?
Rechne einfach damit, dass der Springer im letzten Moment abspringt. Das erspart dir Frust.
Deine Erfahrungswerte bezüglich abgesprungener Springer werden rhetorisch absaufen. Schreib lieber einen Brief an die Geschäftsleitung mit der Bitte um Gehaltserhöhung.

"Wir bemühen uns nach Kräften, bei Ausfällen zeitnah für einen Ersatz zu sorgen." 

In der ambulanten Intensivpflege bedeutet das: Nimm dir immer soviel zu essen mit, dass es gegebenenfalls auch für zwei Dienste am Stück reicht. Auch die beste Personaldisponentin kann keinen Ersatz aus dem Hut ziehen nach dem alten Zauberer-Motto: "Wenn du was aus dem Ärmel holen willst, musst du zuerst was reintun!"

"Sie können doch Ihre Kollegen nicht im Stich lassen!"

"Ach, keine Oma? Kein Ehemann? Da müssen Sie schon einen Plan B haben! Einen 9-Jährigen kann man doch schon mal nachts alleine lassen, er schläft doch eh. Nein? Dann bringen Sie Ihr Kind doch einfach mit..." 

Wer lässt hier wen im Stich?
Du deine Kollegen oder dein Arbeitgeber dich?
Es ist nicht dein Job, für eine ausreichende Personaldecke zu sorgen. Dafür werden andere bezahlt (Marketingabteilung, Personaler etc.).

Wen musst du im Stich lassen? Dich selber? Essen, schlafen, Zahnarzttermin? Dein Kind? Etwa dein eigenes Geschäft? Weswegen du nur Teilzeit arbeitest?

Natürlich hält das Team zusammen. Oft genug ist jeder schon eingesprungen, wenn's brennt. Aber es besteht ein deutlicher Unterschied zwischen Kollegialität und Leibeigenschaft!
Kündigung schreiben hilft nur bedingt: In den anderen Firmen läuft es ähnlich. Aber vielleicht kannst du so eine Lohnerhöhung anbahnen.

"Dann müssen Sie den neuen Kollegen halt sorgfältiger einarbeiten!"

Erkläre dem Teppichüberflieger den Unterschied zwischen "Ausbildung" und "Einarbeitung". Soll der neue Kollege eigenverantwortllich arbeiten, muss zumindest eine Chance bestehen, dass er das auch schafft. Äußere deine Bedenken sachlich und nachdrücklich, bestehe gegebenenfalls auf Versetzung des Mitarbeiters - zum Wohle des Teams und deines/deiner Patienten. Nicht alle Neueinsteiger (können) wissen, worauf sie sich einlassen.

"Die Aufbewahrung für die Tablettenschächtelchen ist staubig.
Die neuen Vorgaben vom MDK sind eben so.
Ziele in der Pflegeplanung müssen genau terminiert werden usw."

Nicken, lächeln, Debatte vermeiden. Einfach so machen.
Auch PDLs haben ihre Aufgaben. Und für kleine Machtdemonstrationen an der Front eigenen sich solche Ansagen hervorragend. Also nicken (wenn möglich demütig) und die Anforderungen halt umsetzen. Du musst keinen Sinn darin sehen. Der PDL verlässt den Ort des Geschehens sicher bald - frohgemut - und du kannst wieder in Ruhe arbeiten.
Dann folgt zuverlässig ein Fleißbildchen und der Textbaustein: "Wir wollen doch alle eine gute Bewertung."

An den Patienten: "Wir müssen schon kontrollieren, dass die Schwestern nicht Ihre Tabletten essen!"

Würde mein Automechaniker verkünden, er müsse kontrollieren, dass seine Angestellten keine Schrauben aus meinem Auto klauen, würde ich die Werkstatt wechseln. Was für ein Laden ist das dann?


"In den jetzigen Zeiten wird alles zum Pfleger ausgebildet, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Deswegen muss firmenseitig ein Recruiting Assessment vorgeschaltet werden, um die schlimmsten Bewerber vorab auszufiltern."

Klingt ohne Insiderwissen nachvollziehbar - auch ein hübsches Beispiel für Worthülsen, die an der Realität vorbeirollen wie ein Dornbusch in der Wüste. Die Teppichetageler wissen ganz genau, wo die hochqualifizierten Pflegekräfte sind: gut bezahlt angestellt oder freiberuflich. Entsprechende Anreize zum Wechsel können leider nicht geboten werden (siehe nächste Sprechblase), so dass eine Filterung vorab entfiele. Diskussion zwecklos, da bedingungslos von der Geschäftsführung eingenordet.

"Man kann die Pflege aus einem humanitären oder kaufmännischen Blickwinkel betrachten!"

Sozialromantik ist ein feines Hobby. Leider akzeptieren weder mein Vermieter noch der Discounter meines Vertrauens Idealismus als Zahlungsmittel. Auch "Pflegeleuten am Bett" darf man zutrauen, ihre erbrachten Leistungen unter kaufmännischen Gesichtspunkten zu betrachten.

"Die Krankenkassen zahlen immer weniger!"

Würden mit dem Verkauf von pflegerischen Leistungen nicht die Kassen klingeln, hätten dann nicht schon mehr Firmeninhaber die Branche gewechselt? Ich habe gehört, Pferdewetten wären einträglich.


"Der Mensch ist Mittelpunkt!" 
Mein persönlicher Favorit.


Der Mensch ist Mittel. Punkt!


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel






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