Dienstag, 28. Februar 2017

Der Yeti hat kein Hallux

weder "valgus" noch "rigidus".


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Geschenk vom Yeti: Fußknubbel-Massagedings (Bio)


Gestern hast du mir gestanden, dass dir deine Füße wehtun


Hast sogar gewagt, deinen Hallux valgus zu lüften, mir das Röntgenbild deines Fersensporns gezeigt. Obwohl du dich deines "Monsterballens" respektive "krüppeliger Zombiefüße" schämst und diese am liebsten versteckst. Sandalen? Passé! Schmerzmittel oder operieren, habe der Arzt gesagt, wären die einzigen Behandlungsoptionen. Beides keine tollen Vorschläge. Vielleicht ein bissel Gymnastik. Ja gut, aber welche? Im Internet hast du schon ein paar Übungen gefunden und ausprobiert, die helfen aber nicht wirklich.


Lust auf einen kleinen Ausflug nach Tibet?


Komm, heut ist ein guter Tag, um in den Unsichtbarkeitsflieger zu steigen und durch ein Wurmloch ins ferne Gebirg zu sausen. Mission Yetis beobachten!

Über der weiten, glitzernden Schneefläche sinken wir hinab und schau! Da hinten! Dort, bei den Felsen ist einer! Oder eine, kann ich nicht so genau erkennen. Stapft mit einem Sack auf dem Buckel, ein fröhliches Liedlein pfeifend, das steinige Bachbett hinauf.

Noch ein bissel näher, ganz leise im Unhörbarkeitsmodus folgen wir ihm, kommen immer näher - bis wir die Haare auf seinen Ohren erkennen können und seine Füße. Er ist ja barfuß! (Außerdem tatsächlich ein Männchen: Er bieselt grade ein "Y" in den Schnee.)

Er wackelt wohlig mit den Zehen beim Abschütteln, dann latscht er weiter über Stock und Stein, beginnt zu traben - ja, elegant! - und balanciert über einen abgrundüberbrückenden Baumstamm in seine Höhle. Seine Hinterpfoten umfassen die Rundung, als würden sie sich ansaugen.

Kein Wackeln, kein Stolpern stört seinen Weg! Ohne Zögern bewältigen seine gewaltigen Fußsohlen stupfigsten Untergrund, schmiegen sich in prachtvoller Nacktheit ganz selbstverständlich an große und kleine Holprigkeiten.

Daheim warten Yetin und Yeti-Junior. Irgendetwas Zottiges undefinierbarer Farben bedeckt einen Teil des Höhlenbodens. Scheint ein Pelz zu sein von einem Tier mit krausen Borsten. Riecht ein wenig streng. Frau Yeti sitzt neben der Feuerstelle auf dem Boden und gräbt ihre nackten Zehen in den Rauh-Flausch. Sie lächelt, greift mit ihren Fußfingern ein sauber geschältes Stöcklein und reicht es ihrem Herzallerliebsten. Aha, ein yetisches Pediküre-Gerät. Unter dem linken Großzehennagel scheint es ihn zu jucken. Erstaunlich, wieviel Material unter seine Nägel passt. Mit der Eleganz ist es jetzt leider vorbei. Diese Spezies unterscheidet wohl nicht zwischen Mund- und Fußpflegewerkzeug.

Das Junge hält mit dem rechten Fuß ein kleinturmartiges Werkstück fest. Die freien Hände komplettieren das Bauwerk oben: Runde Klötzchen scheinen ein Dach zu bilden. Himalaya-Lego?

Und schau genau: Alle haben so gesunde, so starke, so lebendige Füße! Kein Hallux, keine Arthrosebobbeln, nicht ICD-konform geplättet / gespreizt / gesenkt. Ein Orthopäde würde erst weinen, dann umschulen.


Warum haben die Yetis keinen Hallux?


Ganz einfach:
Weil die Yetis ihre Füße benutzen!
Weil sie immer barfuß laufen!

Ihre Füße das tun lassen, wofür diese so genial gebaut sind: sich in ihrer flexiblen Gesamtheit jedem Untergrund anpassen, aufgespannt als federnd-flexible Basis. So werden ständig alle Gelenke durchbewegt sowie sämtliche Muskeln trainiert und gedehnt. Bänder schlüpfen geschmeidig wie mit Sommersonne geölt. Die zig-tausend Rezeptoren und Nerven erhalten Ansprache, leiten hochzufrieden Informationen an das Bewegungszentrum weiter: Mit so einer feinen Selbstwahrnehmung (Propriozeption) ist Balancehalten kinderleicht!
 

Immer und überall barfuß wäre optimal:


Die Lösung für alle Fußprobleme. Blöd dabei dabei ist, dass wir halt - im Gegensatz zum Yeti - doch irgendwie zivilisiert daher kommen (müssen). Unsere Füße haben wir im Laufe der letzten Jahrhunderte domestiziert: Verhätschelt mit starren Lederkästchen, die zwar vor verletzendem Straßenunrat und Kälte schützen, aber wie Ohropax mit Zwangsjacke wirken. "Geräusche" können die Füße nur noch ganz gedämpft wahrnehmen und reagieren entsprechend "fixiert" oder gar nicht.

Dann wird's schmerzhaft steif im Gebälk. Die Statik geht kaputt und muss mit Verspannungen an anderen Stellen aufrecht erhalten werden. Die Mittelfußknochen geben dem Druck nach und weichen auseinander. Der große Zeh hat im Hallux-Fall die A-Karte gezogen: Seinen Mittelfußknochen schiebt's besonders arg zur Fußinnenseite. Der arme Kerl versucht zu die Situation zu retten, indem er sich dann im Grundgelenk Richtung Außenseite lehnt, so entsteht dieser berühmte Knick. Dass effektiv-entspannte Kraftübertragung so über Eck schwierig ist und spitze Schuhe diesen Zustand noch verstärken, versteht sich von selbst.

Die vielen Bewegungsoptionen der Gelenke, Muskeln und Spürmöglichkeiten der Nerven fallen in den Dornröschenschlaf des Vergessens.


Also, was tun?


Eine Wohnungskatze kannst du ja auch nicht von heute auf morgen auswildern. Abhängig vom Degenerationsgrad lässt sie sich gleich vom Laster überfahren oder erstickt an einer Maus. Die wird schließlich in freier Wildbahn nicht in mundgerechten Stückchen geliefert. Im hygienischen Cromarganschüsselchen mit Sauce.

Aber eine artgerechte, naturimitierende Haltung mit variierenden Spielmöglichkeiten, mit Herausforderungen, mit Austoben, mit Klettern-und-Kratzen dürfen - vielleicht sogar draußen? -  und viel Streicheln tun der Katze bestimmt gut.

Mit diesem Konzept kannst du deine Füße wieder wachküssen. Wirst sehen, die schnurren wieder.
Waren deine Füße lange Zeit "im Stall", dann beginne langsam! Wahrscheinlich haben sie wenig Kraft und können noch nicht soviel vertragen wie ein Yeti-Fuß.


Du könntest zum Beispiel...


  • ... daheim einfach mal barfuß oder besockt unterwegs sein. Spüre bewusst die verschiedenen Untergründe und was beim Abrollen passiert. (Ich weiß, dieser Vorschlag ist altbekannt. Warum tust du's dann nicht einfach?)
  • ... dir Barfußschuhe leisten (oder aus deinen Turnschuhen die harte Innensohle herausbasteln) und damit querwaldein spazieren
  • ... beim Zähneputzen oder Abspülen auf die Zehenspitzen steigen oder einen unsichtbaren Trepp-Step benutzen, mit dem großen Zeh Buchstaben auf den Boden malen
  • ... die Treppe herunterhopsen und dich dran freuen
  • ... auf dem Randstein balancieren (Oder lieber auf dem Dachfirst? Wie Mary Poppins?)
  • ... ein Kind ausleihen (sofern nicht vorhanden) und auf dem Spielplatz mit den Füßen im Sand wühlen: mit Wonne eindreckeln! (Kind ist nicht zwingend nötig, reduziert aber die Hemmschwelle)
  • ... im Sommer auf einer Wiese barfuß laufen (oder mit Socken wegen der Zecken) und in Patschlachen plantschen 
  • ... Spielzeug für die Pfoten unter'm Schreibtisch parken und vor allem benutzen (verschiedene Bällchen, Rubbelbrett, einen kurzen dicken Stock, lass dir was einfallen, Bällchen-Bastelei hier) bzw. überhaupt im "Geschäft", wenn's geht, die Straßenschuhe ausziehen
  • ... deine Füße massieren (lassen) siehe hier 
  • ... auf einem Kirschkernsäckchen herumtreteln
  • ... ein Schaff mit trockenen Erbsen oder ähnlichem füllen, mit den Füßen drin "baden" und "tauchen", einen Schatz finden? 
  • ... ein Fuß-Battle veranstalten. Wähle einen möglichst kindischen Kampfpartner mit hohem Humorpotential. 
  • ... zärtlich mit deinem Liebsten/deiner Liebsten fußeln (wenn dir nicht der Sinn nach Kampf steht, lässt sich aber kombinieren oder mit einer füßischen Massage verzuckern ;)
  • ... einfach mal einen Socken- oder Schläppchentango verkosten, und dann zwei und dann irgendwann ganz viele. Die Musik tastend mit den Füßen vom Boden sammeln. Langsam steigern und schön auf den Ballen bleiben, gell! Sonst droht Überlastung. Trainiert wunderbar, verfeinert die Fußtechnik, lässt sich auf verschiedene Höhen einstellen und vermittelt ganz "fui Gfui". Ich will's nicht mehr missen.
  • einfach die Füße benutzen! Lebenslust mit/in den Füßen spüren! Grab deinen Spieltrieb wieder aus und lass dir was einfallen!

Zugegeben, Madame, Barfußschuhe, Schläppchen oder haarige, superlebendige Yeti-Füße können gegen den sexy Charme straßbesetzter High Heels nicht anstinken. Dafür schenken sie dir nach Eingewöhnungszeit feine, ganzheitlich elegante, sinnlich hochwohlige Bewegungsmuster. Und das zieht bei manchem Herrn der Schöpfung viel mehr als ein von Fußschmerzen verbissenes Gesicht mit humpeligem Gestakse. Sind deine Füße wieder lebendig und zufrieden, verzeihen sie dir auch den zwischenzeitlichen Gebrauch hoher Schuh. Schmerzfrei.

Ja, werter Herr, die argentinischen, zweifarbigen Tangoschuhe sind zwar bockhart, aber sowas von lässig! Komm her mit deinem Ohr, ich verrate dir jetzt ein Geheimnis: Hochbegehrte Katzentatzenschleicher beschäftigen sich mit der Frau, die sie gerade im Arm halten, und der Musik, nicht mit den Problemen, die Schuhe samt verspannter Füße verursachen. Weniger Fußschmerz, mehr Genuss. Ganz einfach.

Es wird seine Zeit dauern, 


bis deine Füße wieder schnurren. Sei geduldig. Deine Füße tragen dich durch dein Leben und so manchen Traumtango. Sei lieb zu ihnen, sie haben's verdient. Und du auch!


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel






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Freitag, 24. Februar 2017

"Erste Liebe" - ein Gastbeitrag von Peter Ripota

Wo sind unsere Jugendträume hinverschwunden?


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Irgendwie scheint sich die Welt doch entschlossen zu haben, nicht endgültig im Winterdunkel zu erstarren: Der Wind bläst erdige Gerüche ins Gemüt, der erste Reiher zieht seine Kreise am Himmel. Für's erste Sprießegrün ist es zwar noch ein wenig zu früh. Trotzdem ermutigt ein Blick aus dem Fenster, die schweren, warmen Stiefel heut an der Garderobe geparkt zu lassen - ohne Gefahr zu laufen, statt je fünf Eisbrocken meine Zehen zu spüren. 

Vor ein paar Tagen ist mir der Schmetterling (siehe Bild) begegnet. Ich war gerührt von seinem (naiven?) Lebensmut. So zu-früh-schwach wie er war, hat er sich auf den Finger nehmen und ganz aus der Nähe betrachten lassen. Seine Flügel knisterten sanft wie Seidenpapier. Der Schmetterling und ich - nur wir beide - standen für ein paar Minuten in einem wärmenden Traum. Zwei Stunden später lag er dann tot unter dem Geländer. Wie soll ich da nicht in Sentimentalität verfallen? 

So wie in Konstantin Weckers "Frühlingslied":
"Frühling werds und ois wui wieder himmelwärts
was is des für a schöner Schmerz
in Bauch und Brust und Herz." 


Anscheinend bin ich nicht die Einzige, die solche Gedanken-Gefühlsgeflimmereien umtreibt:
Peter Ripota hat mir heute diesen wundervollen Text zukommen lassen über die (verlorenen ?) Träume der Jugend und die Liebe und das Leben und all das. Um den Frühlingsblues voll auszukosten, empfehle ich dir Lidia Bordas Version von "Sueño de Juventud" parallel zu hören.  https://www.youtube.com/watch?v=80fl8GSa5Ro

Et voilà! Bühne frei für Peter Ripota! Viel Vergnügen!
Dieser Artikel erscheint zeitgleich in seinen "Notizen aus dem schwarzen Loch".



Erste Liebe

Meine erste Liebe war eine Dame im Alter von ungefähr 3000 Jahren - kein Wunder, dass sie mich nie erhörte. Ihr Name ist "Mathematik". Ich weiß noch, wie ich hungrig am Tor zum Allerheiligsten dieser ewig jungen Dame stand und mit leuchtenden Augen nach einem Eingang suchte. Meist vergebens, denn mein Verstand reichte nicht aus, dass ich auch nur in ihre Nähe gekommen oder gar von ihr erhört worden wäre. So studierte ich Physik. Da sind auch viele Formeln und Ideen, und die Physiker nehmen es nicht ganz so genau wie es die Göttin Mathematik erfordert.

Aber jetzt zur sogenannten "Realität". Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Liebe? War das ein einmaliges Ereignis, das nie wieder erreicht wurde, oder ein Desaster, das hoffentlich nie wieder eintritt? So wie Loriot ging es mir glücklicherweise nicht, der seine erste Liebe (ausschnittsweise) so beschreibt:

Zu Beginn des dritten Grundschuljahres erschien mir im Traum ein Huhn, weiß, mittelgroß und von ungewöhnlich sanfter Wesensart. Eigentlich ging es nur schweigend auf und ab oder saß versonnen neben mir, aber ich fühlte, ein Weiterleben ohne Huhn würde sinnentleert und freudlos sein. Mit Anbruch des Tages verließ mich meine erste große Liebe, um düsterer Verzweiflung Raum zu geben. Nutzlos blieb jahrelange Hühnersuche. Es zeigte sich, dass keines der vielen gebildeten, formschönen Hühner mit dem verlorenen zu vergleichen war.

Vor einiger Zeit fiel mir ein Tagebuch aus meiner Pubertät in die Hände, alles in Stenografie, was meine Mutter aber trotzdem lesen konnte, im Gegensatz zu mir nach mehr als 40 Jahren. Irgendwie gelang es mir dann doch, einiges davon mühsam zu entziffern. Und dabei kam auch meine erste Liebe zum Vorschein, die mich damals völlig unvorbereitet traf, die ich mit ebenso romantisch-gefühlsseligen wie pubertär-kitschigen Worten beschrieb, und die durch eigene Dummheit und Unerfahrenheit endete.

Es hat mich im Nachhinein überrascht, was mich als erstes an ihr faszinierte: Ihre Fähigkeit, meine Fantasie anzuregen und mich in ein Märchenland zu entführen:

Sie fasste meine Fantasie und führte mich behutsam im Zauberteppich ihrer Worte zu jenen fernen Welten, die so nah waren, die Bilder aus den Träumen von der Wirklichkeit, die weite, schöne, einsam-lebendige Welt jenseits der großen Stadt, weit weg vom Rand, wo die Wege enden und das Leben beginnt ... 

Aber wie man mit Frauen umgeht, wusste ich nicht, und die Selbsterkenntnis half wenig:

Ich war klein und unterlegen und voller Hemmungen und voller Furcht vor dem Augenblick der Wahrheit: Ich hatte meine alte Rolle verloren und keine neue gefunden. Ich war ein Hummer, der sich gerade gehäutet hat, eine Schlange ohne Schutz, blind, tastend, die dennoch nicht wagt, ihr Versteck zu verlassen, bis die neue Schale gefestigt ist und sie wieder schützt vor der Härte der Wirklichkeit.

Und weil ich die Zeichen nicht zu deuten wusste - darf ich, will sie, warten oder zupacken? - kam ich zu der schönen, aber nutzlosen Erkenntnis:

Dein Leben reicht so weit wie deine Träume ... und ich hatte zu wenig geträumt.

Die schönsten Stunden waren diejenigen ohne Gedanken an das, was sein könnte oder sollte oder nicht ist:

Wir waren Kinder. Wir waren glücklich. Wir waren so nahe wie Alice und das Reh im Wald des Vergessens, und wir dachten ebensowenig an Vergangenheit oder Zukunft wie sie. Wir wussten zwar, wer wir waren, doch es war nicht so wichtig. Wir waren in unserer kleinen Welt, und es gab keine Ziele und keine Zweifel, kein Hoffen und kein Bangen, keine Erwartung und keine Enttäuschung. Nur die glückliche Geborgenheit zweier Kinder, die eng umschlungen auf die Weite des Meeres hinaus treiben und sich an der Sonne freuen und nicht an morgen denken. Und über die Dummheit der Menschen lachen. Und über sich selber ...

Irgendwann war's dann zu Ende, und auch die Worte eines katholischen Geistlichen, der mich gut kannte, brachten wenig Trost:

Du siehst eine große lange Straße. Viele Menschen gehen auf ihr, und manche kennst du auch. Die Straße verzweigt sich immer. Manche gehen fort, neue kommen. Du gehst mit jemand ein Stück des Weges gemeinsam, und dann ist er fort, und du merkst es gar nicht. Du gehst mit jemand anderen, plauderst mit ihm, und so geht es hin, dein Leben lang, und am Ende blickst du zurück und siehst die Leere und Verlassenheit, und du siehst mit der Klarheit des großen Lichts: Du warst immer einsam. Auch wenn du glaubst, jemand begleitet dich: Den langen Weg gehst du allein. Und doch gibt es eine andere Möglichkeit. Wenn man gemeinsam aufbricht, dann geht man zu zweit - gemeinsam zu neuen Ufern, zu neuen Zielen, zu einem neuen Leben.

Fazit: Die erste Liebe war extrem romantisch, aber ich möchte sowas nicht mehr erleben. Im Vergleich dazu ist die letzte Liebe nicht ganz so romantisch, aber viel erfüllender ...


[Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf "Seniorbook".]

Die geheime Pforte zum "Märchenland" muss er wohl trotz allen Irrungen und Wirrungen doch noch gefunden haben. Das weiß ich. Hab mit ihm getanzt. Und beim Tanzen kann man nicht lügen.

Dankeschön, lieber Peter!


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel





Der Artikel erscheint auch in Peter Ripotas "Notizen aus dem schwarzen Loch".

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Dienstag, 14. Februar 2017

Das Trippeln, der Tango und die Angst

Warum Ängste die Balance umschubsen

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Februar 1997: Sepp hat das Tanzen aufgegeben


Der "AWO-Tanztreff für Senioren" ist über den Aufzug leicht zu erreichen. Mein kleiner Sohn wirft sich beherzt in die Lichtschranke, um die Aufzugtüren am Schließen zu hindern, während meine Oma - hochgeschätzte DJane der Veranstaltung - stockbewehrt hinten drein wackelt. Im dritten Stock überholen wir einen Gehwagen mit sehr altem, klitzekleinem Herrn samt Zigarrenwolke im Schlepptau. Er nickt uns freundlich zu, Oma winkt über die Schulter. "Bis gleich, Sepp!"

Das "Gleich" zieht sich noch ein wenig, Oma sortiert derweil ihre Schallplatten in Reih' und Glied und Emmentalerscheiben auf Semmelhälften. Letzten Winter sei er hingefallen, der Sepp, und seitdem hätt' er Angst. Beim Laufen. Und daheim auch. Und überhaupts. Drum ziehe er nächsten Montag um in's Altersheim. Tanzen wolle er nimmer - schad' - so ein guter Tänzer... der Depp.

Sie schüttelt verärgert den Kopf, gießt mir eine Tasse Kaffee ein, versorgt ihren Urenkel mit einem extragroßen Kuchenstück, bevor sie sich an den Stammtisch mit den Tanzveteranen setzt, die noch eine Zahl unter zwanzig im 19-hunderter Geburtsjahr haben. Na ja, eher VeteranINNEN. "Und du lernst fei auch g'scheit tanzen, gell! Das mögen die Mädchen." Urenkel nickt mit großen Augen und vollem Mund.

Keine drei Minuten später drückt sie mir ihren Stock in die Hand und entschwindet auf's Parkett. Sie hält nicht nur sich in veritabler Balance - auch ihren Tanzpartner. Die beiden stauben über die Fläche, überholen die "jungen Hupfer" (im dortigen Sprachgebrauch: die unter 65-Jährigen), kompensieren seine O-Beine und ihre a bissele lahme Hüfte. Und ich staune, zu welch lebensfreudeversprühenden Aktionen Füße dieses Jahrgangs samt zugehöriger Gestelle in der Lage sein können. Hui!

Inzwischen hat auch Sepp die Ziellinie überschritten. Sorgfältig parkt er den Rollator unter dem Garderobenständer, trippelt die paar Schritte zum Tisch und nimmt ächzend neben mir Platz. "Wissen's, Frollein," - kleiner Diener im Sitzen - "wenn mir der Doktor nicht gesagt hätt', ich soll aufpassen, dass ich nimmer hinfall', tät ich Sie zu einem Tänzle bitten. Und jetzt pass ich so auf! Hingefallen bin ich aber seitdem noch öfter als vorher."



Februar 2017: Trippeltango


Wieder ein "Tanztreff", diesmal meine Baustelle: Tango, die Gäste "junge Hupfer" oder unwesentlich jünger. Man trippelt brav in der Ronda. Schneller, beschwingter geht ja nicht, dazu sind die Schritte zu kurz, wachsen wahrscheinlich auch nicht mehr, sind weit über die Pubertät hinaus. Die Musik stammt aus einer Zeit, als die Veteranen (siehe oben) trotz Krieg und anderer Unannehmlichkeiten ihre Jugend feierten. Minischrittchen, voneinander weggeneigte Oberkörper trotz enger Haltung, angespannte Gesichter. Wenn doch in einem Paar mehr Aktion stattfindet, dann selten, hektisch, heuschreckig. So tanzt das Gros der Anwesenden. Wo sind denn die Sahnehäubchen? Wo ist der Genuss geblieben? Die Freude? Locker-lässiger Schabernack? Einfach, weil Tanzen Spaß macht? Mag's der Tango nicht sinnlich? Hm...

Die Tänzerin links von mir findet es blöd, dass man beim Tango immer so hohe Schuhe tragen müsse. Da hat sie immer Angst, umzufallen. Aber die sind halt so schön! Betreten schlinge ich meine schläppchenbekleideten Füße (und meine Tanzlust) um die Stuhlbeine.

Einer von der Stammbelegschaft fordert mich auf. Noch vor dem ersten Stück gesteht er mir flüsternd, dass er sich dies ein Jahr lang nicht getraut hätte - aus Angst, er könne mir nicht genug bieten, einer "so guten Tänzerin". Und ich hätte ja immer einen so tohollen Tänzer dabei. Und außerdem könne ich auch führen. Trotz meiner Beteuerung, dass ich niemanden beiße, schwitzen seine Handflächen. Sein Führungsarm, seine Rückenmuskeln und seine Beine wirken starr. Die Schritte bleiben Schrittelein beim ersten Stück. Aber alles in allem: Nicht schlecht, da steckt entwickelbares Potenzial drin - finde ich - und lächle ermutigend: "Schön! Geht doch, alles gut!" Während der nächsten beiden Tangos singt ihm der dicke, alte Mann schmelzend wenigstens ein paar Ängste aus Leib und Seele. Derart entschwert schweben wir über die Fläche, mit entspannten Füßen - die im Schwabenland bis zur Hüfte reichen - vorüber an den Kleinschrittigen. Überraschte Gesichter am Rande. Wieso glitzert der plötzlich? Der kann ja tanzen!
Eben. Geht doch. 

Die Tanguera zu meiner Rechten erzählt ihrer Freundin von der Runde mit X (ich will hier keine Namen nennen), dem Milonguero viejo, der so toholl (mit Dehnungs-H) tanzt. Sie sieht ihm so(!) gern(!) zu, aber als er sie aufgefordert hat, ist sie fast gestorben vor Angst! Und hat nur noch einen "rechten Sch..." zusammengetanzt.

Wie gut ich dieses Gefühl von früher kenne! Typische  Tangokrise. Anstatt mich in die Arme dieses Traumtangueros zu schmiegen wie eine fette Schnurrkatze, führten meine Füße (im schwäbischen Sinne) ein widerborstig-steifes Eigenleben. Darüber hab' ich mich lange Zeit schwarzgeärgert. Was natürlich alles noch verschlimmert hat. Balance dahin. Angst vor Umfallen. Lässigkeit, Genuss? Adieu!


Angst triggert Verspannung

Verspannung triggert Angst


Über zehn Jahre habe ich gebraucht, um den Zusammenhang zu begreifen zwischen Angst, steifen Beinen, Umfallangst bis zum Sturz. Mit nachlassender Qualität des Erhaltungszustands schafft es ein bejahrtes Gestell in der Regel gar nicht mehr, die steifen Beine auszugleichen. Und stürzt.

Dabei ist es ganz logisch: Stell dir vor, es kommt irgendwas Fürchterliches auf dich zu: ein Säbelzahntiger, die Dogge deines Nachbarn oder deine Schwiegermutter. Die natürliche, einzig sinnvolle Reaktion ist Zurückweichen (Totstellen oder Kämpfen fällt aus. Bringt hier nix). Diese Abfolge ist tief eingebaut in entwicklungsgeschichtlich ganz alten Gehirnbereichen (z.B. Hirnstamm,  Amygdala) und läuft automatisch ab, was bei echter Gefahr ja ganz praktisch ist. Diesen archaischen Hirnteilen ist es erstmal wurscht, ob die Furcht gerechtfertigt ist.

Also rückwärts! Schritte und Oberkörper fort von der Gefahr!

Funktioniert auch bei Glatteis und der Angst auszurutschen.
Oder der Angst, vor dem Supertänzer abzuschmieren.

Auch wenn dein Großhirn jetzt meint, "alles nicht so schlimm" und dich auf die "Gefahr" zu bewegen möchte, muss dein Gestell trotz allem gegen die schon aufgebaute Spannung in Gegenrichtung anarbeiten. Das kostet viel Energie. Dazu sind eh schon angespannte Muskeln schwieriger zu koordinieren. Dann werden deine Schritte tippelig, die Spannung in deiner Rückenlinie steigt, die Knöchel frieren ein. Verkrampfte Füße tun sich sehr schwer, die Informationen an die Gleichgewichtszentrale weiterzuleiten. Deine sichere Balance verabschiedet sich. Die Folge: Umfallangst!

Und damit ist der Teufelskreis angetriggert: Angst - Verkrampfen - Angst - Verkrampfen - Angst - ...

Alternativ kannst du auch bei Verkrampfen einsteigen: Geh ein paar Schritte ganz normal, dann versteinere deine Füße und beobachte die Folgen in Körpergefühl und Gemüt. 


An diesem Punkt der Geschichte gibt es zwei Möglichkeiten:

1. Du bleibst solange im Angstkarussell, bis du wirklich hinfällst. 


Die Spirale führt dich zwar wenig genussvoll, aber zuverlässig zum Schleudersitzausstieg: Hinfallen, dann "musst" du nicht mehr Tango tanzen (für die "jungen Hupfer"). Keine Sorge, das kannst du über Jahre oder Jahrzehnte strecken. Deine Ängste definiert dir dein Großhirn gerne so um, dass du dich nicht mit ihnen beschäftigen musst oder findet Gründe im Außen. Damit lässt sich die Zeit noch verlängern. Wenn Tanz- und Bewegungsgenuss für dich nicht die oberste Priorität bei der Tangomotivation einnimmt, könnte das ein Weg für dich sein. Schließlich nehme ich mir nicht das Recht heraus, deine Gründe zu werten! Oder das, was diverse Pressesprecher verkünden.

Bliebe nur noch die Frage offen, ob die Angst den Tango auf seine momentane "Größe" eingeschrumpft hat oder ob seine trippelschrittige Erscheinungsform eher ängstliche Zeitgenossen anzieht?

Die "Veteranen" wählen als Notausgang gerne den Oberschenkelhalsbruch mit Umzug ins Pflegeheim. Nette Zugaben: Lungenentzündung, dann bald tot.


2. Du kommst mit deinen Ängsten zurecht.


Jeder hat Angst. Alle. Ich auch. Das ist normal.
Angst kommt und - gute Nachricht! - geht.
Dann hast du halt mal Angst. Na und?
Dann tanzt du halt mal verkrampft. Na und?
Spür die Angst, tanz einfach weiter. Weiteratmen.
Dann schnallt deine archaische Zentrale schon, dass keine Lebensgefahr besteht.
Die Angst geht durch dich durch.
Und dann wieder raus.
Raus aus den Füßen: Die Balance ist wieder da!
Und raus aus Leib und Seele.
Dann ist's auch schon wieder gut.

Probier's aus!

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel





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Samstag, 4. Februar 2017

Tatmotive einer Heilpraktikerin

Ganz ruhig - dann kannst schauen, wie er das macht mit seinem Rüssel...


Hui! Da saust dein Leben!


Mit dir im Schlepptau?
Du an der Leine hintendrein?
Und du versuchst tapfer, Schritt zu halten?
Die ganzen Verpflichtungen – Arbeit! Familie! Hausbau! Freizeit?!
Termine und ToDos plätschern fröhlich auf dich ein?
Anforderungen aus einem Duschkopf, der ganz weit droben über deinem Kopf hängt?
Nur: Wer hat den Wasserhahn abgeschraubt?
Glitschig wird’s, schwierig, die Füße auf dem Boden zu halten?
Große Anstrengungen, kompensieren „wie die Sau“, gleichzeitig Aufgaben jonglieren, ein guter Mensch bleiben?
Keine Zeit – geschweige denn Energie mehr, Prioritäten zu setzen?
Die kleinen und großen Dramen kriegen Junge, selbstständig, ohne dein Zutun?
Und fressen deine Herzenswünsche zum Frühstück?
Verbiegen zwickend dein Gestell, streuen grauen Sand ins Befindlichkeitsgetriebe von Leib und Seele, schicken dein Immunsystem in Dornröschenschlaf? Umranken dein Herz und deinen Bauch mit unzähligen, kleinen oder hochstupfigen, eigenartigen Beschwerden?
Dein Schlaf, deine Verdauung? Positiv formuliert: suboptimal?
Dein Sympathikus will sein Flucht-und-Kampf-Modus-Zepter nicht mehr abgeben?

* Wie sollen sich so dein Körper und deine Seele regulieren?


Die bereitliegenden Möglichkeiten in der internen Schatzkiste (wieder-) finden, mühelosere Vorgehensweisen zu entwickeln?
Ja, wiederfinden – die sind installiert – freilegen und für die alltägliche Nutzung bereitstellen?
Wieder schmerzfrei und geschmeidig in Bewegung kommen?
Und so dein Leben lässig zu meistern?
Wieder in deinem Körper zu wohnen?
Bei dir sein?

Dann wird wahrscheinlich alles leichter.

Und wie soll das ganz konkret gehen?

* Ganzheitlich:


Auch wenn ich zögere, diesen Begriff zu benutzen – er kommt heutzutage fast abgegriffen durch inflationäres Fleddern daher – komme ich ohne ihn nicht aus. Der gute, alte „Krankenschwesternblick“ auch auf die Details am Rande, dein Umfeld sowie weitere, unterstützende Ansätze (z.B. naturheilkundliche Präparate, Ernährungsberatung etc.) basieren nun mal altmodisch auf „ganzheitlich“.

Der „Krankenschwester“ liegt viel daran, dich als „ihren Patienten“ bodenständig „gut zu versorgen“, was die Zusammenarbeit mit anderen medizinischen Fraktionen bei Bedarf und Wunsch einschließt – patientengerecht komplementär.

Selbstverständlich erhältst du – vielleicht für einen Angehörigen? – auch rein pflegerische Leistungen, in Rat und Tat.


* Körpertherapie:


Du kannst nur gut bewegen, was du gut spürst.
Du kannst nur gut spüren, was du gut bewegen kannst.

Aus den Zutaten aus meiner körpertherapeutischen Schatzkiste stelle ich dir gerne ein Mahl zusammen: Dabei koche ich u.a. mit sensomotorischen Methoden, die über dein Bindegewebe, Faszien und Muskeln auch deine Seele „über Bande“ beruhigend ansprechen – erfahrungsgemäß oft ebenso wirksam bei Problemen außerhalb des Bewegungsapparats. Eine gute Ernährung des „kranken“,  durch Spannungen blockierten Gebiets durch Blut und Lymphe sowie Wiedereingliedern in dein eigenes Körpergefühl kann zu einer deutlichen Verbesserung führen.

Dein Immunsystem freundlich anstupsen:

Ganz einfach durch die während der Behandlung fast nicht zu vermeidende Umschaltung ins parasympathische System, das die Ruhe bereitstellt, um Heilung zu unterstützen oder erst zu ermöglichen. Hier gelangen wir in den Bereich der Psycho-Neuro-Immunologie, die inzwischen (evidenzbasiert) diesen Zusammenhang nachweisen kann.

Die Mechanismen, um einen von der Vitalität isolierten Anteil zu kompensieren, sind so zahlreich und verschieden wie es Menschen gibt: Da kann z.B. ein verspannter Beckenboden Atembeschwerden bewirken, die ungünstige Stellung deiner Füße Nackenschmerzen auslösen.

Welcher Part deines Systems betroffen ist und warum, finden wir während der Behandlung heraus. Dabei orientiere ich mich an deinen internen Wegweisern und arbeite „von da, wo's wehtut“ zu „dort wo's herkommt“. Wenn es nötig ist, über deine körperlichen Grenzen hinaus ins Umfeld, z.B. wenn du während deiner Arbeit unphysiologische Haltungen einnehmen musst, wie z.B. Musiker, Pflegeleute oder Schreibtischhelden das gerne tun.

Da ich eine Hausbesuchspraxis führe, erfolgen die Behandlungen bequem in deiner vertrauten Umgebung: keine Wege und geringer Organisationsaufwand. So bleibt dir mehr Zeit für dich und das, was dir wichtig ist. Was wir brauchen, bringe ich mit.

* Berührung und Ruhe sind die Schlüssel für Heilung.


Diesen Leitgedanken samt einer Portion Lebenslust schenke ich dir in der klassischen Pflege ebenso wie bei den heilpraktischen Behandlungen.

Trotz allem:
Behandlung sagt mehr als dürre Worte.
Probier's aus!

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel
TERMIN VEREINBAREN






Einen Musterbehandlungsvertrag findest du hier.
Meine Abrechnung erfolgt i.d.R. nach GebüH. Heilpraktikerleistungen werden von den Krankenkassen nicht automatisch erstattet. Bitte erkundige dich bei deiner KK, ob Behandlungskosten evtl. übernommen werden.

Stichworte: Zen Shiatsu, Akupressur, Fußreflexzonenmassage, medizinische und Entspannungs-Massagen, Mobilisation, Haltung verbessern, Rückenschmerzen, Atemtherapie, Beckenbodentraining, Beratung, Pflege

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