Dienstag, 28. Februar 2017

Der Yeti hat kein Hallux

weder "valgus" noch "rigidus".


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Geschenk vom Yeti: Fußknubbel-Massagedings (Bio)


Gestern hast du mir gestanden, dass dir deine Füße wehtun


Hast sogar gewagt, deinen Hallux valgus zu lüften, mir das Röntgenbild deines Fersensporns gezeigt. Obwohl du dich deines "Monsterballens" respektive "krüppeliger Zombiefüße" schämst und diese am liebsten versteckst. Sandalen? Passé! Schmerzmittel oder operieren, habe der Arzt gesagt, wären die einzigen Behandlungsoptionen. Beides keine tollen Vorschläge. Vielleicht ein bissel Gymnastik. Ja gut, aber welche? Im Internet hast du schon ein paar Übungen gefunden und ausprobiert, die helfen aber nicht wirklich.


Lust auf einen kleinen Ausflug nach Tibet?


Komm, heut ist ein guter Tag, um in den Unsichtbarkeitsflieger zu steigen und durch ein Wurmloch ins ferne Gebirg zu sausen. Mission Yetis beobachten!

Über der weiten, glitzernden Schneefläche sinken wir hinab und schau! Da hinten! Dort, bei den Felsen ist einer! Oder eine, kann ich nicht so genau erkennen. Stapft mit einem Sack auf dem Buckel, ein fröhliches Liedlein pfeifend, das steinige Bachbett hinauf.

Noch ein bissel näher, ganz leise im Unhörbarkeitsmodus folgen wir ihm, kommen immer näher - bis wir die Haare auf seinen Ohren erkennen können und seine Füße. Er ist ja barfuß! (Außerdem tatsächlich ein Männchen: Er bieselt grade ein "Y" in den Schnee.)

Er wackelt wohlig mit den Zehen beim Abschütteln, dann latscht er weiter über Stock und Stein, beginnt zu traben - ja, elegant! - und balanciert über einen abgrundüberbrückenden Baumstamm in seine Höhle. Seine Hinterpfoten umfassen die Rundung, als würden sie sich ansaugen.

Kein Wackeln, kein Stolpern stört seinen Weg! Ohne Zögern bewältigen seine gewaltigen Fußsohlen stupfigsten Untergrund, schmiegen sich in prachtvoller Nacktheit ganz selbstverständlich an große und kleine Holprigkeiten.

Daheim warten Yetin und Yeti-Junior. Irgendetwas Zottiges undefinierbarer Farben bedeckt einen Teil des Höhlenbodens. Scheint ein Pelz zu sein von einem Tier mit krausen Borsten. Riecht ein wenig streng. Frau Yeti sitzt neben der Feuerstelle auf dem Boden und gräbt ihre nackten Zehen in den Rauh-Flausch. Sie lächelt, greift mit ihren Fußfingern ein sauber geschältes Stöcklein und reicht es ihrem Herzallerliebsten. Aha, ein yetisches Pediküre-Gerät. Unter dem linken Großzehennagel scheint es ihn zu jucken. Erstaunlich, wieviel Material unter seine Nägel passt. Mit der Eleganz ist es jetzt leider vorbei. Diese Spezies unterscheidet wohl nicht zwischen Mund- und Fußpflegewerkzeug.

Das Junge hält mit dem rechten Fuß ein kleinturmartiges Werkstück fest. Die freien Hände komplettieren das Bauwerk oben: Runde Klötzchen scheinen ein Dach zu bilden. Himalaya-Lego?

Und schau genau: Alle haben so gesunde, so starke, so lebendige Füße! Kein Hallux, keine Arthrosebobbeln, nicht ICD-konform geplättet / gespreizt / gesenkt. Ein Orthopäde würde erst weinen, dann umschulen.


Warum haben die Yetis keinen Hallux?


Ganz einfach:
Weil die Yetis ihre Füße benutzen!
Weil sie immer barfuß laufen!

Ihre Füße das tun lassen, wofür diese so genial gebaut sind: sich in ihrer flexiblen Gesamtheit jedem Untergrund anpassen, aufgespannt als federnd-flexible Basis. So werden ständig alle Gelenke durchbewegt sowie sämtliche Muskeln trainiert und gedehnt. Bänder schlüpfen geschmeidig wie mit Sommersonne geölt. Die zig-tausend Rezeptoren und Nerven erhalten Ansprache, leiten hochzufrieden Informationen an das Bewegungszentrum weiter: Mit so einer feinen Selbstwahrnehmung (Propriozeption) ist Balancehalten kinderleicht!
 

Immer und überall barfuß wäre optimal:


Die Lösung für alle Fußprobleme. Blöd dabei dabei ist, dass wir halt - im Gegensatz zum Yeti - doch irgendwie zivilisiert daher kommen (müssen). Unsere Füße haben wir im Laufe der letzten Jahrhunderte domestiziert: Verhätschelt mit starren Lederkästchen, die zwar vor verletzendem Straßenunrat und Kälte schützen, aber wie Ohropax mit Zwangsjacke wirken. "Geräusche" können die Füße nur noch ganz gedämpft wahrnehmen und reagieren entsprechend "fixiert" oder gar nicht.

Dann wird's schmerzhaft steif im Gebälk. Die Statik geht kaputt und muss mit Verspannungen an anderen Stellen aufrecht erhalten werden. Die Mittelfußknochen geben dem Druck nach und weichen auseinander. Der große Zeh hat im Hallux-Fall die A-Karte gezogen: Seinen Mittelfußknochen schiebt's besonders arg zur Fußinnenseite. Der arme Kerl versucht zu die Situation zu retten, indem er sich dann im Grundgelenk Richtung Außenseite lehnt, so entsteht dieser berühmte Knick. Dass effektiv-entspannte Kraftübertragung so über Eck schwierig ist und spitze Schuhe diesen Zustand noch verstärken, versteht sich von selbst.

Die vielen Bewegungsoptionen der Gelenke, Muskeln und Spürmöglichkeiten der Nerven fallen in den Dornröschenschlaf des Vergessens.


Also, was tun?


Eine Wohnungskatze kannst du ja auch nicht von heute auf morgen auswildern. Abhängig vom Degenerationsgrad lässt sie sich gleich vom Laster überfahren oder erstickt an einer Maus. Die wird schließlich in freier Wildbahn nicht in mundgerechten Stückchen geliefert. Im hygienischen Cromarganschüsselchen mit Sauce.

Aber eine artgerechte, naturimitierende Haltung mit variierenden Spielmöglichkeiten, mit Herausforderungen, mit Austoben, mit Klettern-und-Kratzen dürfen - vielleicht sogar draußen? -  und viel Streicheln tun der Katze bestimmt gut.

Mit diesem Konzept kannst du deine Füße wieder wachküssen. Wirst sehen, die schnurren wieder.
Waren deine Füße lange Zeit "im Stall", dann beginne langsam! Wahrscheinlich haben sie wenig Kraft und können noch nicht soviel vertragen wie ein Yeti-Fuß.


Du könntest zum Beispiel...


  • ... daheim einfach mal barfuß oder besockt unterwegs sein. Spüre bewusst die verschiedenen Untergründe und was beim Abrollen passiert. (Ich weiß, dieser Vorschlag ist altbekannt. Warum tust du's dann nicht einfach?)
  • ... dir Barfußschuhe leisten (oder aus deinen Turnschuhen die harte Innensohle herausbasteln) und damit querwaldein spazieren
  • ... beim Zähneputzen oder Abspülen auf die Zehenspitzen steigen oder einen unsichtbaren Trepp-Step benutzen, mit dem großen Zeh Buchstaben auf den Boden malen
  • ... die Treppe herunterhopsen und dich dran freuen
  • ... auf dem Randstein balancieren (Oder lieber auf dem Dachfirst? Wie Mary Poppins?)
  • ... ein Kind ausleihen (sofern nicht vorhanden) und auf dem Spielplatz mit den Füßen im Sand wühlen: mit Wonne eindreckeln! (Kind ist nicht zwingend nötig, reduziert aber die Hemmschwelle)
  • ... im Sommer auf einer Wiese barfuß laufen (oder mit Socken wegen der Zecken) und in Patschlachen plantschen 
  • ... Spielzeug für die Pfoten unter'm Schreibtisch parken und vor allem benutzen (verschiedene Bällchen, Rubbelbrett, einen kurzen dicken Stock, lass dir was einfallen, Bällchen-Bastelei hier) bzw. überhaupt im "Geschäft", wenn's geht, die Straßenschuhe ausziehen
  • ... deine Füße massieren (lassen) siehe hier 
  • ... auf einem Kirschkernsäckchen herumtreteln
  • ... ein Schaff mit trockenen Erbsen oder ähnlichem füllen, mit den Füßen drin "baden" und "tauchen", einen Schatz finden? 
  • ... ein Fuß-Battle veranstalten. Wähle einen möglichst kindischen Kampfpartner mit hohem Humorpotential. 
  • ... zärtlich mit deinem Liebsten/deiner Liebsten fußeln (wenn dir nicht der Sinn nach Kampf steht, lässt sich aber kombinieren oder mit einer füßischen Massage verzuckern ;)
  • ... einfach mal einen Socken- oder Schläppchentango verkosten, und dann zwei und dann irgendwann ganz viele. Die Musik tastend mit den Füßen vom Boden sammeln. Langsam steigern und schön auf den Ballen bleiben, gell! Sonst droht Überlastung. Trainiert wunderbar, verfeinert die Fußtechnik, lässt sich auf verschiedene Höhen einstellen und vermittelt ganz "fui Gfui". Ich will's nicht mehr missen.
  • einfach die Füße benutzen! Lebenslust mit/in den Füßen spüren! Grab deinen Spieltrieb wieder aus und lass dir was einfallen!

Zugegeben, Madame, Barfußschuhe, Schläppchen oder haarige, superlebendige Yeti-Füße können gegen den sexy Charme straßbesetzter High Heels nicht anstinken. Dafür schenken sie dir nach Eingewöhnungszeit feine, ganzheitlich elegante, sinnlich hochwohlige Bewegungsmuster. Und das zieht bei manchem Herrn der Schöpfung viel mehr als ein von Fußschmerzen verbissenes Gesicht mit humpeligem Gestakse. Sind deine Füße wieder lebendig und zufrieden, verzeihen sie dir auch den zwischenzeitlichen Gebrauch hoher Schuh. Schmerzfrei.

Ja, werter Herr, die argentinischen, zweifarbigen Tangoschuhe sind zwar bockhart, aber sowas von lässig! Komm her mit deinem Ohr, ich verrate dir jetzt ein Geheimnis: Hochbegehrte Katzentatzenschleicher beschäftigen sich mit der Frau, die sie gerade im Arm halten, und der Musik, nicht mit den Problemen, die Schuhe samt verspannter Füße verursachen. Weniger Fußschmerz, mehr Genuss. Ganz einfach.

Es wird seine Zeit dauern, 


bis deine Füße wieder schnurren. Sei geduldig. Deine Füße tragen dich durch dein Leben und so manchen Traumtango. Sei lieb zu ihnen, sie haben's verdient. Und du auch!


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel






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