Freitag, 10. März 2017

Ist Selberdenken echt gefährlich?

Sicherheitshinweise zum Eigenhirngebrauch

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Fritz fischt in seinen Gedanken und findet einen toten Fisch.



Willst du nicht von einem Sattelschlepper überfahren werden, nutzt es nix, dessen Existenz einfach zu leugnen. Bist du dir der Gefahr bewusst, siehst du ihn und kannst rechtzeitig ausweichen. Oder den Fahrer zu einer Tasse Kaffee einladen. Du hast dann die Wahl.

Da ich dich ja immer wieder mutwillig anstifte, dir eine eigene Meinung zu bilden, will ich dir die Risiken nicht verschweigen. Für Jules Seelenfrieden ist es leider schon zu spät. Ich hoffe, sie konnte das Trauma verarbeiten.

Jule und die Gelbwurst
Wir schlendern durch den Supermarkt. Sohn Nr. 1 samt Kindergartenfreundin betrachten die Fischauslage. Jule, ein rothaariges Elflein, singt den aufgereihten Heringen ein Schlaflied, was Sohn Nr. 1 mit "Die sind fei total tot!" kommentiert. Tränlein kullern. "Lebendig würdest sie ja nicht essen wollen, oder?" Julchen mag eh keinen Fisch. Lieber Gelbwurst, die sei nicht tot. Bevor ich es verhindern kann, eröffnet mein aufgeklärtes Kind ihr die Verknüpfung von "Schwein, lebendig, mit Augen" und ihrer geliebten "Gelbwurst". Sie plärrt die nächsten drei Stunden wie am Spieß und ich bin froh, dass mich ihre Mutter nicht wegen Kindsmisshandlung anzeigt.


Gefahr Nr. 1: Du entdeckst Dinge und erkennst Zusammenhänge, die dir vielleicht gar nicht gefallen.

Ob das tote Tiere sind oder nach Jahrzehnten das wahre Gesicht hinter einer Maske, ist egal. Noch unangenehmer wird's, wenn die eigenen Sich-in-die-Tasche-Schwindeleien aus der Kitteltasche spähen, forsch in dein Blickfeld krabbeln und am liebgewonnenen Selbstbild kratzen. Da klemmt sich der kleine Nervenzusammenbruch schon mal an den Startblock. Und grinst.


Gefahr Nr. 2: Du wirst unbequem und lästig.

Willst du diesen Aspekt einmal richtig auskosten, dann lies einen Vertrag und stelle Fragen, wenn du etwas nicht verstehst, fordere Erklärungen, BEVOR du unterschreibst! Funktioniert fein bei Finanzberatern oder beim Formularkrieg vor einem medizinischen Eingriff.

Erläuterungen kosten schließlich Zeit! Und Zeit ist Geld!
Das gehört zum Grundwissen der Finanzjongleure und Ärzte.


Gefahr Nr. 3: Eigenhirngebrauch erfordert Aufwand!

Nicht nur die Zeit, die Nerven (und das Geld) der anderen strapazierst du, wenn du dein Hirn nutzt - auch musst du investieren. Echt unbequem: recherchieren, Konzentration aufbringen, schwierige Sachverhalte verstehen, sammeln, abwägen und dann noch entscheiden! Zu deiner Wahl stehen, deine Meinung vertreten. Vielleicht sogar ins Handeln kommen? Puh!

Ziehst du das wirklich durch, hast du gute Chancen für arrogant und/oder unbelehrbar gehalten zu werden, ein Spinner halt. "Alles Idioten außer dir, oder?" Keiner wird dich mehr mögen. Wer will das schon? Du wirst für andere gefährlich! Echt! Simple Gründe:


Gefahr Nr. 4: Du entwickelst eine partielle Regelintoleranz

Sätze wie "Haben wir immer schon so gemacht!", "Alle sagen das!" oder die "wirklich genau und total authentische so wie in Buenos Aires"-Milonga beeindrucken dich nicht mehr. Wenn's bei diesen Begründungen bleibt. Vielleicht beschließt du sogar, ein paar Regeln gar nicht mehr zu befolgen - einfach, weil du keinen Sinn darin erkennen kannst. Und weil es aus deiner Sicht niemand anderem schadet.

Oder du stürzt in tiefste Verwirrung! Vielleicht willst du dich ja an eine bestimmte Norm halten, verstehst aber leider nicht, was man genau von dir möchte. Vorsicht Falle! Die genaue Definition des erwünschten Verhaltens kann oder will dir dein Gegenüber nicht geben. "Eheleute müssen halt Kompromisse schließen" bedeutet in manchen Familien, dass sich die Ehefrau den verschiedensten Launen ihres Göttergatten unterwirft oder seinen wechselnden Plänen bedingungslos folgt - wenn's sein muss im Zickzack. Ihre "Familienkompatibilität" wird so in eine nicht greifbare Schwammigkeit hineinversteckt. Die genaue Definition kann nicht gefunden werden, weil es keine Feststehende gibt! Da kann sich die Eigenhirnnutzerin noch so anstrengen! Keine Chance!

Der Stempel "Regelverletzer, zwanghaft" ist dir bald sicher! Ich verrate dir ein Geheimnis: Manche Menschen meinen, wenn du EINE Regel brichst und die andere "nur" in Frage stellst, musst du Anarchist sein und willst dich an überhaupt keine Normen oder Gesetze halten.

Und wer sich nicht an die Vorschriften hält, gefährdet die Horde.


Gefahr Nr. 5: Alleinsamkeit droht!

Regelverletzer sind für manche Gruppen nicht tragbar. Sie gefährden den Frieden und die Harmonie. Manchmal auch Machtpositionen. Die anderen Mitglieder könnten sich infizieren, nicht mehr integer sein, anfangen mit Nachfragen, Nachdenken! Wo soll das denn hinführen? Wie soll da die "korrekte Einordnung" (korrekte Einnordung?) sichergestellt werden?

Dann wird du als Selberdenkerin erst mal belehrt. Die Gruppe probiert, dich zu den richtigen Werten zurückzuführen. Gell? Sträubst du dich gar widerborstig, dich re-bekehren zu lassen, wird gerne ein externer Verursacher gesucht. Du bist ja nur eine Frau und finanziell oder sonstwie abhängig. Die Horde wird dann versuchen, dich zu isolieren: damit du den bösen Einflüsterungen entgehst. Dich im süßen Schoß der Gruppe wiegen, damit du dich wieder beruhigst und Ruhe gibst. Wehrst du dich immer noch - zu Recht, wie du meinst - schmeißen sie dich raus. Schweigen, Feierabend. Allein. Einsam.

Mit männlichen Eigenhirnnutzern gehen Rudel oft nicht so zimperlich um: kurz kämpfen - am besten blutig, unter der Gürtellinie, Sachvervalte irrelevant, dann Rausschmiss. Anschließend sattes Nachtreten, ein bissel namenlos, ein bissel unsichtbar, ein bissel schmutzig. Treffsicher? Im Namen der Horde, nur drauf auf den Nestbeschmutzer! Büßen soll er! In alle Ewigkeit! Allein. Einsam.

Ausreichende Sturheit vorausgesetzt, ist dir die Exgruppifizierung respektive Entfamilisierung sicher. Scheiterhaufen sind aus der Mode, außerdem illegal. Und geschiedene Frauen dürfen einen Führerschein haben, sogar arbeiten gehen. Ist das nicht cool?

Willst du allerdings als Mittvierziger(in) oder so deinen Lebensunterhalt - bereitgestellt von La Sagrada Família - lieber nicht gefährden, rate ich dringend vom Selberdenken ab!


Gefahr Nr. 6: Eigenhirngebrauch macht süchtig.

Hast du dich an regelmäßigen Gebrauch erst gewöhnt, wirst du die Selberdenkerei so schnell nicht mehr los. Du wirst dich nach den zwar dumpfen, aber gemütlichen Zeiten sehnen, als Gelbwurst sich aus dem Nichts an der Wurstheke materialisierte, du mit dem latinoesken Tangolehrer vom Postkarten-Buenos Aires träumtest und fest davon überzeugt warst, dass Gruppen (welcher Erscheinungsform auch immer) lediglich eine Ansammlung stets vernünftig agierender Erwachsener wären.

Dein aufgewecktes Hirn wird nach einer Dosissteigerung verlangen. Einiges, was dir bisher den Kick verschafft hat, wird dich vielleicht bald langweilen und nach anregenderem Zeugs Ausschau halten lassen. Eine neue Milonga finden? Mit gemischter, moderner Musik? Weit fort? Neue Gesprächspartner finden? Womöglich musst du nachts um drei noch beim Internetdealer deines Vertrauens neuen E-Book Stoff herunterladen. Oder mal Jazz hören! Oder eine Operette? Kostet Zeit und Geld! Manchmal sogar alte Freundschaften.


Fazit: 

Ja, Selberdenken IST gefährlich! 

Was soll das dann?

Wieso solltest du dir das antun?

Es gibt heute doch so viele Identitätsversatzteile, aus denen man sich ein Selbstbild samt zugehörigem Meinungs-Gedankenpaket zusammenbasteln kann. Ist doch ganz kommod?! Anders als früher, als jede wusste, wo er "hingepflanzt" war, wer was tun durfte und was nicht - als die Gesellschaft starr war. Informationen als Hirnfutter konnte man nicht einfach mal schnell von Tante Google liefern lassen oder bei Youtube lernen. War damals der Freiheitsdruck als Anreiz zum Eigenhirngebrauch und somit persönlicher Entwicklung größer? Was meinen die Damen und Herren der 68-er Fraktion denn dazu?

Ich will dir jetzt auch kein aufklärerisches Gedankengut hinlöffeln. (Das darfst du, wenn's beliebt, selber nachlesen. Gugschdu Wikipedia oder sonstwo.)

Es ist viel einfacher:

Belohnung Nr. 1: Du kommst authentisch daher.

Manche Zeitgenossen mögen das sehr: deine Einzigartigkeit. Die Folgen? Tiefe, reflektierte, auch kritische Gespräche. Von anderen Sichtweisen kosten. Gemeinsamkeiten finden. Oder Unterschiede. Oder beides, auch wenn's paradox wird. Respekt vor den (Hirn-)Leistungen anderer. Lernwille.

Ich schreibe bewusst nicht von Szenen oder Gruppen, sondern von Einzelnen. Diese Eigenbrötler und Eigenhirnnutzer haben nicht nur das EI gemeinsam.


Belohnung Nr. 2: Selberdenken macht Spaß!  

Hast du Freude am Tun - am Denken in unserem Fall - schüttet dein Hirn diverse interne glücklichstimmende Hormone aus. Der Dopaminkick, wenn ich was kapiert habe, ist wirklich was Feines. 

Und meiner Meinung nach das wichtigste PRO:

Belohnung Nr. 3: Du bist in der Lage, dein Leben selber zu bestimmen. 

Selbstwirksamkeit spüren! Bewusst leben! Manchmal wenigstens oder wenn's nötig ist. 
Nicht mehr gesteuert werden, sondern selber das Ruder in die Hand nehmen und den Kurs bestimmen. Das stimmt leicht und frei. Den Krawall aushalten lernen.
Wird nicht immer gelingen, aber immer öfter.

Probier's aus! Jetzt weißt du ja, worauf du dich einlässt und findest bestimmt noch weitere Belohnungen. Die darfst du uns gerne im Kommentar kredenzen!

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel





* ein weiterer Artikel zum Thema:
http://im-prinzip-tango.blogspot.de/2016/05/schwarz-und-wei-und-das-dazwischen.html

* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?
* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern

Kommentare:

  1. All The World’s A Stage…

    Was der Artikel sagt:
    Was einem als selbstverständlich und unverrückbar gegeben vorgehalten wird, ist nur Schein und in Wirklichkeit oft brüchig und „ganz anders“.

    Dahinter können (üble) Absichten stecken:
    Streben nach Machterhalt:

    Einzelne Leute oder Gruppen wollen Macht über andere ausüben, lassen diese glauben, dass die Dinge so sind, ja, gar so sein müssen, wie sie sind, obwohl sie genau wissen, dass das nicht stimmt. Sie alleine haben die „Deutungshoheit“ über das Bestehende.

    Streben nach Profit:
    Insbesondere bei den im Text genannten Verträgen. Es wird Herrschaftswissen ausgespielt, bei dem der andere nicht mithalten kann. Dies vermehrt u.U. den materiellen Profit des Wissenden, auf Kosten des anderen.

    Folglich: Klarer Vorzug, ja dringende Notwendigkeit des eigenen Denkens – sowohl im privaten als auch im öffentlichen Bereich.

    Aber: Einige (vielleicht weiterführende?) Gedanken dazu – in Thesenform:
    (Die Anführungszeichen heben Begriffe hervor, die sehr vielschichtig sind und ggf. genauer zu analysieren / diskutieren wären.)

    1. Man sollte auf den Unterschied zwischen Wachsamkeit und Misstrauen achten.
    Erstere ist sinnvoll, das Letztere ist schädlich und macht krank.

    2. Viele Menschen folgen (warum auch immer und oft wohl auch blind) Tendenzen und Trends, die aber nicht immer „falsch“ sein müssen, auch deren historischer Wandel ändert daran nichts.

    3. Anders zu denken als „alle“ oder die meisten, bedeutet nicht automatisch „falsch“ zu liegen, aber auch nicht automatisch „im Besitz der Wahrheit“ zu sein.

    4. Sich auf bestimmte Gegebenheiten einzulassen und mitzuspielen, verweist nicht immer auf Schwäche oder geringes eigenständiges Denken. Auch ein Akzeptieren von und Sich-Arrangieren mit bestehenden Zuständen, besonders im privaten Leben, kann auf einer bewussten, souveränen Entscheidung beruhen.
    Vorsicht also vor zu schnellen Urteilen gegenüber vermeintlichen „Anpassern“ und den (leider so bezeichneten) „Gutmenschen“!

    5. Man muss nicht alles, was einem „falsch“ vorkommt, sofort verurteilen oder gar niederreden. Versuchen, es zu analysieren, womöglich zu verstehen, ist der erste Weg zum Ja - oder Nein-Sagen!

    Mein (vorläufiges) Fazit:

    Offenheit, Aufmerksamkeit und Sensibilität für Botschaften jeder Art, kein blindes Vertrauen, aber auch kein blindes Misstrauen! Also ein waches und faires Spiel auf der Bühne der Welt!

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    Antworten
    1. Liebe Karin,
      dank dir - deine versöhnlichen Gedankengänge gefallen mir gut.

      Und ja, hast schon recht, manchmal muss man (ich auch) aufpassen wie ein Haftlmacher, dass sich andressiertes Misstrauen nicht unbewusst in Betrachtungen hineinschleicht. Andererseits kann "gesundes", bewusstes Misstrauen auch schützen ;)

      Zum Mainstream: Natürlich muss dieser nicht zwingend als "falsch" gewertet werden! Da poppt mein Lieblingsbeispiel mit den Hexen wieder auf.

      Mein Opa hat immer gesagt, wenn ich als Mädele wieder gewinselt habe, dass XY alle anderen doch auch dürfen: "Wenn alle aus dem Fenster springen, hupfst dann hintendrein?" Ja wenn's im Zimmer brennt, vielleicht schon. Aber sonst...

      Herzliche Grüße,
      Manu

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