Freitag, 21. April 2017

Fatale Umarmung

"Unsere liebe Frau" tut sich schwer mit Tango.

aus der Serie: Was Ihnen Ihr Tangolehrer nicht erzählt...

image article im-prinzip-tango
Albin Egger-Lienz: Madonna (Wikipedia commons, gemeinfrei)


Zufrieden schmiegt sie sich in die Kissen, die ihren Rücken im Sessel stützen. Ihr Neugeborenes hält sie im Arm und stillt. Ihre Schultern runden sich, den Geborgenheit schenkenden Armen folgend, zu einem beschützenden Nest. Die auf den Hocker gestellten Beine mit weit geöffneten Knien lassen soldatische Abwehrsteife im unteren Rücken und Bauch schmelzen - gestatten stützend-weiche Ankuschelung für das kleine Wesen. Fast verstecken die gelösten Haare vor ihrem Gesicht ihr Lächeln: Madonna im Oxytocinrausch.

Liebendes Fließen

 - ein anrührendes Bild der Hingabe. Da ignorierst du gerne, dass sie riecht wie ein Wasserbüffel, so schön - beinahe magisch in archaischer Natürlichkeit - wirkt diese Umarmung.

Stellst du sie auf die Füße, ruht ihr Gewicht erdig auf den Fersen. Die Beine bleiben weich gebeugt. Ihr angehobenes Schambein initiert auch im Stehen die Anschmiegerundung. Zärtlich, ein bissel verletzlich wirkt sie. Leiblich gezeichnete Hingabe - so offen - körperoffen...


Altbewährt?

Dieses Bewegungsmuster muss sehr tief abgespeichert sein: Wirklich jede Frischmama, die ich erlebt habe während meiner Zeit auf der Wöchnerinnenstation und später, hat es drauf. Ohne es jemals gelernt zu haben oder drüber nachzudenken. Das Ziel dieses Automatikprogramms ist Vereinigung, überlebenswichtig für das schutzbedürftige Menschlein.

Und da unsere himmlischen Baumeister prima Funktionierendes nach Möglichkeit öfter als einmal einsetzen, finden wir das Muster auch in anderen Triggersituationen. Du ahnst es schon?
Yep! Quasi im Vorwort zu Wöchnerin. Stichwort "Vereinigung [erotische, liebende, ...]".

Dann benutzen die Menschen - auch die Männer - das altbewährte Bewegungsmuster zur Körperöffnung: Bei dieser Umarmungsversion bleibt die unangefochtene, strategische Bestimmung "Zusammenführung der ausführenden Keimzellen". Für die (doch meist gewünschte;) Zärtlichkeitserfüllung schmiegen sich die oberen Körperhälften rundend entgegen. So körperoffen wie möglich und ganz schmiegsam in der Mitte - alles weich (ausgenommen der Korrektheit wegen: seine Kronjuwelen).

Ein wunderbares Bewegungsmuster! Fühlt sich auch verdammt gut an. Du musst fast nix dafür tun, es funktioniert natürlich, unbewusst - ergo von allein.

Und weil es halt so schön ist, haben viele Menschen nur dieses eine Programm im internen Speicher zur Auswahl, wenn sie "Umarmung" hören und eine solche produzieren sollen. Mir ging es lange Zeit nicht anders: Bin drangehangen an meinen Tanzpartnern wie die Katz' am Pressack und hab mich geärgert, dass meine Achse nicht haltbar war.


Beim Tangotanzen hat das fatale Auswirkungen:


Dein Tangolehrer befiehlt "Umarmung" - dein (körperoffenes) Bewegungsprogramm springt an.

In Folge landet dein Gewicht auf den Fersen, dein Kreuzbein kippt am oberen Rand nach hinten weg und zieht die Wirbelsäule in hingebende Rundung. Dein Beckenboden und die unteren, queren Bauchmuskeln möchten lieber weich sein.

Aber du sollst ja mit der Brust am Tanzpartner pappen und dein Becken samt Beine irgendwie nach hinten bringen, weil dein Partner sonst an deine Knie stößt!

Du versuchst also tapfer, dein Muster an zig verschiedenen Stellen zu brechen.
Das ist anstrengend, sauschwierig und vergebliche Liebesmüh, so als ob du mit einer Piccoloflöte gegen ein ganzes Orchester antröteln wolltest. Anstatt dich auf deinen Tanzkompagnon, die Musik oder gar den gemeinsamen Tangotanz konzentrieren zu können, kämpfst du verzweifelt damit, einfach nicht umzufallen. Dein Gestell verfällt in globalen Regulationskrampf.

Wo sind Zärtlichkeit und Genuss hin verschwunden, die sonst das Umarmungsprogramm auslösen?

Diese körperoffene Haltung öffnet auch dein Gemüt, stimmt verletzlich: 

weit offene Pforten für die nahende TANGOKRISE! Du könntest plärren. Wenn dein Partner oder Tangolehrer jetzt seine Samthandschuhe auszieht, trifft dich Kritik ungefiltert bis ins Mark. Selbstzweifel und Ängste steigen auf aus dunklen Tiefen, die sonst der Öffentlichkeit verschlossen bleiben. Logisch, diese Haltung zeigst du ja eigentlich nur in geschützem, privat-intimem Rahmen.

Leider beobachte ich Dramen dieser Art auf beinah jeder Milonga.

Ja, ich weiß, "Umarmung" klingt halt so romantisch. So erotisch.
Das weckt Sehnsüchte, was marketingtechnisch super rüberkommt. Und der "Abrazo" ist unbestritten eines unserer Herzstücke beim Tango - ob weit oder eng, ist egal.

Was die Tango-Umarmung von der körperoffenen unterscheidet, ist aber gerade für einen Tangoanfänger kaum zu begreifen! Ein Normalmensch wird unbewusst bei dem Wort Umarmung die körperoffene antriggern und er wundert sich, warum's nicht klappt mit dem Führen, dem Folgen und der eigenen Balance.


Eine Lösung aus dem Dilemma 

ist das simple Austauschen der Vokabeln: aus der fatalen, für manchen Tango finalen "Umarmung" wird "guter Tangokontakt".

So hat dein Bewegungszentrum die Möglichkeit, frei von Altlasten neue Muster zu lernen, tangokompatiblere Formen der körperlichen Nähe zu entwickeln. Das dauert seine Zeit und erfordert Mut. Sei geduldig mit dir. Als Belohnung stellt sich irgendwann die Lebensfreude und stolze Geschmeidigkeit der KatzentatzenschleicherInnen ein, bei denen du siehst, dass es ihnen den Genuss aus jedem Knopfloch drückt. Ehrenwort!

Praktisch kannst du guten Tangokontakt so umsetzen:



An die Damen:
Ein guter Tangokontakt kann nur entstehen, wenn du ganz bei dir bist - er beginnt schon beim Aufstehen von deinem Stuhl. Langsam! Sammle dich. Eine Königin hampelt nicht hektisch umeinander. Sie wirft nicht eilend-dienstfertig ihr Strickjackerl von sich, wenn der Pascha pfeift.
Im Gegenteil - du gibst ihm die Ehre, mit dir tanzen zu dürfen!
Verbeiße dir sämtliche Hinweise auf gefühlte Defizite wie "Ich bin fei noch Anfängerin." (Der weiß das schon, keine Sorge.) Bau dich zu deiner vollen Größe auf, richte deine Krone und schreite gelassen (!), hocherhobenen Hauptes auf die Piste.

Für beide: 
Vor deinem Partner stehend verlagerst du dein Gewicht leicht auf die Ballen. Achte auf lockere Zehen. Die Füße leicht ausgestellt, berühren sich deine Fersen. Die Beine stehen eng, ein wenig im Knie gebeugt. Dein Beckenboden wartet in vorfreudigem Aktionstonus und bringt deine Sitzbeinhöcker näher zusammen. Das motiviert deine Wirbelsäule, sich ganz natürlich aufzurichten. Lass es zu! Schön, groß und entspannt! Dein Nacken balanciert deinen Kopf mit Leichtigkeit. Spürst du, wie zentriert sich das anfühlt? Eine zentrale Achse brauchst du unbedingt, wenn du entspannt tanzen möchtest. Nimm einen tiefen Atemzug in dein Herz hinein.
Wie gesagt, besinne dich zuerst auf dich selbst. Ein sehr wichtiger Schritt! Sonst ist kein guter Tangokontakt möglich, so paradox das auch klingen mag.

Wer von euch beiden mit der Kontaktaufnahme beginnt, ist euch überlassen.

Er nimmt ihre rechte Hand in seine linke, Finger und Handgelenke bleiben locker zwischen euch. Eure Ellbogen weisen entspannt zum Boden. Wählt eine Höhe, die euch beiden bequem ist.
Fühle die organische, durchgehende Linie vom Handrücken über die Schulter bis zum Nacken hinauf. Lass diese Linie offen und durchgängig.

Seine Rechte umfasst sie locker am Rücken ungefähr auf Höhe des unteren BH-Bands - so flexibel, dass sie die Distanz mitbestimmen kann. So spürst du schon in den Rückenmuskeln die Anbahnung seiner oder ihrer nächsten Bewegung.

Madame, denk dir ein Band auf der oberen Außenseite seines Arms, vom Ellbogen hinauf zum unteren Nacken. Male dir in Gedanken ein zweites Band auf die Innenseite deines Arms, beginnend in der Handfläche bis hinauf in die Achselhöhle. Lege deine Handfläche dort auf sein Band, wo es sich richtig anfühlt und zur Weite eurer Tanzstart-Haltung passt. Ändert sich nachher beim Tanzen der Abstand, darf dein Band auf seinem auf- und abgleiten. Nicht an seinem Bizeps einkrallen! Das mag er gar nicht. Ist also strikt verboten. Haltet auch diese Armlinien offen und geschmeidig, ohne Eckblockierungen.

Alle vier Schultern dürfen unten bleiben.

Wo ihr eure Köpfe hinsortiert, ist abhängig von eurer Größe und Vorlieben:
In enger Haltung mögen sich vielleicht die Stirnen berühren oder die Wangen oder Stirn an Kinn (hoffentlich bartkratzarm), in Riesen-und-Zwergen-Kombi klappt das aber nicht.
Auch wenn ihr mit größerem Abstand tanzt, bleiben die Häupter - komme was wolle! - stolz erhoben. Denk dir ein Buch auf den Scheitel.

Nähert euch Herz an Herz an, oder sachlicher: Den Kontaktbereich bestimmt das Brustbein. Heb es an. Bleib offen, so als würdest du einen tiefen Atemzug empfangen wollen.
Genau hier - zwischen den Herzen - bleibt ihr magisch-magnetisch verbunden, egal ob ihr eng oder weit tanzt.

Los geht's! 

Tanzt mit jedem Schritt (gefühlt) aufeinander zu, auch wenn einer von euch rückwärts geht und gerade dann, wenn's wackelt.

Das Ziel - die Spezialchallenge für Tangoanfänger - ist, den guten Tango-Kontakt im Paar zu halten. Darum dürfen sich beide kümmern. Geht der Kontakt verloren, nutze das als Gelegenheit, selbigen noch besser herzustellen, statt die Fehler-Alarmlämpchen anzuschalten. Tanz einfach weiter. Die genüsslichen Zeitfenster, in denen es funktioniert, werden länger. Die Routine macht's, glaub mir.

Und wenn dein guter Tangokontakt sich in deiner körpereigenen Schatzkiste als Wahlmöglichkeit fest etabliert hat, darfst du die Geschichte auch gerne wieder Umarmung nennen.

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel

P.S. Neu! Hol dir dein kostenloses Hörbuch "Eduard Träumelschaf"!







Bildnachweis:
https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Madonna_and_Child#/media/File:Egger-Lienz_-_Madona.jpg (public domain)

* Möchtest du  diesen Text verwenden?

* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern

Samstag, 15. April 2017

Ostereier aus der Hexenküche

Gesundunfug mit Schabernackgeschmack - trotzdem wahrscheinlich therapeutisch wertvoll


image article im-prinzip-tango





Letzte Woche hab ich mir seit Langem Urlaub gegönnt. Nun melde ich mich offiziell wieder zurück mit fünf EIgenartigen Souvenirs im Gepäck: Heuer schenke ich dir zu Ostern ganz exquisite, eierliche Kostbarkeiten, die ich reisend gesammelt habe, und wünsche viel Vergnügen beim Verkosten!


Das 1. Ei hat sich als blaue Tulpe verkleidet.


Wusstest du, dass manche Zauberwesen in genau diesen Tulpen wohnen? Kein Wunder - dort drinnen ist einfach Ruh'. Umhüllt von blauem Dämmerlicht, geborgen, hineingekuschelt in die sanfte Rundung der Blütenblätter flattert dir federleicht entspannender Friede ins Herz.

Bei Bedarf einfach schütteln und auf einer weichen Unterlage platzieren. Dann entfaltet sich das Blumenei zur geeigneten, userkompatiblen Größe. Einsteigen, Blütenblatt schließen, runterfahren, genießen, fertig. Nach Gebrauch schrumpft es automatisch zurück auf diskrete Eierschachtelgröße.



Das 2. Ei: Samtiges Mitternachsschwarz


Oben am Berg, wo keine Straßenlaterne oder Fernsehgeflimmer aus Nachbars Wohnzimmer die Dunkelheit stört, findest du in Neumondnächten eine tiefe Schwärze, so schwer und samtig, dass sie sich durch die Fenster hereinzuwölben scheint. Dann schmeckst du den ersten langezogenen Geigenton von "Oblivion" hinten im Gaumen. Und die Sterne strahlen umso heller vor der Finsternis.

Ein wenig von diesem köstlichen Stoff habe ich für dich eingesammelt, heimlich ins Tal geschmuggelt, mit singender Silbernadel ans Ei genäht.

Zu streicheln bei melancholischen Zuständen und Sehnsucht nach der Sehnsucht. Oder beim Tango, um deinen Funkeleien dramaturgisch wertvollen Hintergrund zu schenken. Aber Obacht: Nicht zu viel! Die Dosis macht das Gift.



Das 3. Ei: Innen und außen prallvoll mit frischem Frühlingsgrün


Da, fühl mal, wie es vibriert, zum Bersten gefüllt mit Lebensfreude! Knospenden Ideen! Bittersüße Grünversprechen pusten dir die Starre des Winters aus Leib und Seele - duftend, geheimnisvoll neu. Alles wirkt möglich! "Jetzt! Jetzt! Jetzt!", plärren die Gänseblümchen, während Venus ihre Augenbrauen bürstet. Löwenzahn schmückt sich mit gelbem Hut und tanzt Polka auf geodelten Wiesen. Hossa! (Es war echt schwierig, das alles ins Ei zu stopfen.)

Brauchst du ganz dringend eine gute Portion Lebenslust, wird dieses Ei einfach explodieren und dich feinstofflich-energetisch fluten. Was in diesem Zusammenhang schlicht bedeutet, dass keine Grasflecken o.ä. auf deinem Kaschmirpulli oder Teppich zurückbleiben. Erfrischungsgrün tanzt dann herein durch deine Augentüren und weckt deine Sinne: die posaunentrötende Postwinterreinigungsdusche!


Das 4. Ei: Glutrot!


Ein Stück der Glut vom Feuer des Lebens - woher es stammt, weiß keiner mehr so genau. Aber in jeder Hexenküche wird es sorgfältig gehütet, geschürt und manchmal sogar geteilt. Natürlich nur mit Zeitgenossen, die es wertschätzen und pflegen wollen: mit dir zum Beispiel.

Dieses ganz besondere Ei wärmt dein Herz und deine Seele. Schau hinein und finde in glimmender Tiefe deine Leidenschaften. Die Hitze des Sommers wird deinen Tango würzen - heiß und vielleicht sogar chilischarf: Rojotango!

Aber gib Acht! Daran hat sich schon manch einer im Übermut die Pfoten verbrannt.


*** Bis hierher war's vegan.


Das 5. Ei, das einfach nur ein Ei sein möcht'


Als Nahrungsmittel haben Eier manchmal immer noch einen schlechten Ruf - zu Unrecht! Sie enthalten zwar eine Menge Cholesterin, auf deinen Cholesterinspiegel können sie aber - aufgegessen - kaum Einfluss nehmen: Diesen feinen Stoff bauen sich deine Leber und Darmschleimhaut schon selber zusammen. Cholesterin verwendet dein Körper, um Zellmembranen zu stabilisieren, und als Bauteil verschiedener Hormone und Gallensäuren.

Eier versorgen dich mit
  • richtig gut verwertbarem Eiweiß (für Fortgeschrittene: ...da sie alle 9 essentiellen Aminosären enthalten)
  • Vitaminen: A für die Augen, sämtlichen Bs für's Hirn und Nervensystem, Vitamin D für die Knochen und mehr (was jetzt zu weit führen würde), E als Antioxidans zum Zellschutz
  • und gesunden Fetten (Omega-3-Fettsäuren)
Feine Sache! (...und ich muss mir grad wirklich den blöden Begriff "Superfood" verbeißen.)

Mit Butter als Rührei? Weich oder hart? Pfannengespiegelt: "Sunny side down" oder Ochsenauge?
Egal in welcher Konfektion ein kostbarer Genuss: ein echter In-den-Mund-Hupfer.
Eisprung sozusagen:




Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel
P.S. Ostergeschenk: Hol dir dein kostenloses Hörbuch "Eduard Träumelschaf"!








* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?

* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern