Montag, 19. Juni 2017

Gummistiefel-Rollschuhlaufen

Über die Einschätzung von Gefahren in den 70ern und heute: ein "Scheiße, ich werd' alt"-Artikel


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Sandlöcher mit Wasser füllen ist sinnlos aber lustig.


Ein Sommertag in den späten 70ern

Am Bordstein sitzend puhle ich mir spitze Splittsteinchen aus der aufgeschürften Haut an meinen Knien. Wenn ich damit fertig bin, werde ich zu meinen Eltern gehen und mich mit Desinfektionsspray (höllisch brennend) respektive Sprühpflaster (höllisch brennend) versorgen lassen. Meine Gummistiefel warten derweil am Straßenrand - aufgeschnallt auf die verstellbaren Rollschuhe. Zugegebenermaßen eine total uncoole, aber vernünftige, einigermaßen funktionierende Kompromiss-Konstruktion. Jede Saison neue Rollerskates sind nicht drin. Meine Füße wachsen wie die Sau. Ich bin sieben Jahre alt.

Den restlichen Nachmittag verbringen wir Kinder auf der Straße mit unermüdlichen Versuchen, neuen Stürzen und scheppernd gefahrenen Bahnen. Die Erwachsenen sitzen auf der Terrasse, kaffeetrinkend. Wir Kinder melden uns schon, wenn was ist.

Später bekommen wir Nutellabrote serviert. "Nutella ist gesund!" heißt es in der Werbung. 

Natürlich ist mein Ziel, den Splitt und die Schwerkraft zu besiegen, so lang wie möglich eben nicht hinzufallen. Irrelevant! Diese eigentlich total bescheuerte Weise, sich mit an die Füße geschnallten Behelfsrädchen fortzubewegen, verspricht keinen "Erfolg" oder messbaren Vorteil, sie ist einfach nur lustig!

Dass wir damals weder Helm noch Knie-, Ellbogen- und Handgelenkschützer trugen und dennoch nicht gestorben sind, haben manche Eltern heute vergessen. Die Geschäftsgrundlage in "Was-Lustiges-aber-Sinnloses-Lernen" bestand in: sich eine provisorische Ausrüstung zusammenzubasteln, "einfach mal machen", sich Blessuren abholen, wieder aufstehen, mit der Zeit und unzähligen Versuchen besser werden. Auf seine Narben durfte man stolz sein!

Heute im Sommer 

eiern Fünfjährige auf teuren Präprofi-Inlinern durch die Gegend in einer einem Eishockeytorwart gebührenden Schutzausrüstung, flankiert von mindestens zwei Erwachsenen. (Ob auch "Eierbecher" bei den Jungs zum Einsatz kommen, konnte ich noch nicht verifizieren.) Fällt das Kerlchen doch mal hin, hat es wenig Chance, wieder selbststständig in die Aufrechte zu kommen: Zum einen behindern die zahlreichen Austattungsteile enorm seine Beweglichkeit, zum anderen kann er gar nicht so schnell schauen, wie ihn Mami und Papi wieder auf die Hinterpfoten wuchten. Dann werden Tränlein abgetupft, bevor das Plärren beginnen kann, coachend Fahrfehler reflektiert, Notfallglobuli verabreicht oder man fährt gleich in die Notaufnahme. Vielleicht lernt der Bub so schneller Rollschuhlaufen - sorry, skaten. Im technischen Sinne. Zur Not kann man ihn ja auch in einen Workshop oder Kurs stecken. Das Ziel erreichen! Erfolg haben!

Ich weiß, wie schwer die Vorstellung "zart-kindliche Schädelkalotte an Bordstein [verkeimt, kantig]" auszuhalten ist. Wie oft habe ich Blut und Wasser geschwitzt und mich dann auf meine Hände gesetzt, um nicht vorschnell einzugreifen.
Aber "Aufpassen, dass nix Schlimmes passiert, bei Bedarf eingreifen" und "für das Kind erledigen, dass nix Schlimmes passiert, ständig die Griffel am Nachwuchs" sind zwei paar Stiefel.

Spätestens in der Pubertät, wenn der oben beschriebene Kerl dann elternfrei unterwegs ist, wird er sich des Schutzpanzers eh entledigen. Dislike! Dummerweise hat er als handlicher, bodennaher Stöpsel nicht gelernt, wie verletzungsarmes Hinfallen geht. Für ein lang-schlaksiges Pubertier ist das bedeutend schwieriger. Drum wird er sich gleich ordentlich verletzen, wenn es ihn zwangsläufig mal semmelt.


Wie sollen denn die Kurzen so Frustrationstoleranz entwickeln? 

Zum Lernen gehören TUN, unzählige Wiederholungen, Scheitern, wieder aufstehen, aus Fehlern lernen, Variationen testen. Blut und Schweiß und Tränen. Fehlschläge aushalten. Und der Stolz zwischendurch, dass du ein Stückel weitergekommen bist. Der jubelnde Genuß, wenn es einfach "läuft". Zumindest für eine kurze Zeit. Du hast es selber geschafft!

Die Folgen sind verinnerlichte Disziplin und Frustrationstoleranz.

Sollen wir diese wertvollen Erfahrungen unseren Kindern echt vorenthalten?

Warum ist diese ernste Leichtigkeit, kombiniert mit Lust auf ein gewisses Risiko, welche die 70er würzte, so verblasst?

Scheiße, ich werd' alt! Wie vermisse ich diesen Zeitgeist, in dessen Echo Astor Piazzolla seinen "Libertango" herausbrachte und Erwachsene noch das Risiko eingingen, Achselhaar zu tragen. Mutig unperfekt waren. Als Kinder sich auf dem Spielplatz noch anhören durften: "Wo du rauf gekommen bist, wirst schon wieder runter kommen." Meiner Mama danke ich hiermit hochoffziell für die Erlaubnis, aus eigenen Fehlern lernen zu dürfen, Spaß zu haben: Dafür, dass sie mir eben keine total supercoolen Rollerskates gekauft hat und die pragmatische Versorgung mit dem höllisch brennenden Pflasterspray. Und den Eimer, um die Löcher im Sand mit Meerwasser zu füllen. Und Nutellabrot.




Blöd an der ganzen Geschichte ist, dass Kinder - respektive nachwachsende Tangogrünschnäbel - viel am Vorbild, genauer gesagt dem Verhalten der "Erwachsenen" lernen.

Die Tendenz, Neues ausschließlich in betreuter Umgebung zu lernen - z.B. nur im Kursbetrieb - vermittelt den Eindruck, sich Meisterschaft kaufen zu können. Hocheffizient?! Die ist dann zwar oft zertifiziert, schwimmt aber wie Fettaug' auf der Supp'. Sich die Sache zu eigen machen, zu integrieren, ist so schwer möglich und saust in der Prioritätenliste hurtig nach unten. Steinige Umwege, die dich zu Eigeninterpretationen inspirieren könnten, werden so ausgeschlossen. Zweifelos zeitsparend, wir sind ja alle sooo beschäftigt. Und Narben sind halt nicht so schön, gell? Das neu zu Lernende ist kein Spaß nicht! Eine ernste Sach'! Schau, dass du Leistung und Erfolg bringst! Schnell!

Einfach mal spielerisch, genießend etwas Zweckfreies lernen und doch beim Tun seine ganze Seele hineinlegen ist heute nicht mehr angesagt. Sich dafür über einen längeren Zeitraum dafür anstrengen? Unpopulär!

Das leben die adulten Exemplare ihrem Nachwuchs heute häufig vor. Und der übernimmt diese Haltung, die sich auch im Tango breiter macht, als für ihn gesund ist. Von denen, die weiter sind, abschauen, klauen, zur eigenen Person passend modifizieren, üben, üben, üben, viel mit vielen zu viel verschiedener Musik tanzen? Fehlanzeige! Das ist doch gefährlich! Dass du nicht stirbst, wenn du etwa beim Tango einen Fremden zu fremder Musik aufforderst, wirst du ohne die Gefahren der Auswilderung nicht lernen. Auch wenn du dir noch so viele Schrittkombinationen gekauft hast und die Códigos auswendig kannst.


Und was ist mit der Motivation, sich den ganzen Stress mit "Blut und Schweiß und Tränen" anzutun?


Vor ein paar Wochen fragte eine Milongabesucherin meinen Begleiter und mich, ab wann Tangotanzen uns denn Spaß gemacht habe.
Ich war echt perplex, stammelte was von "Schon immer, sonst hätt ich ja nie damit angefangen!" Mein Tangopartner war ähnlich verstört. Trotzdem bin ich dankbar für diese eigenartige Frage, weil sie den Unterschied zwischen damals und heute deutlich zeigt. Und dass ich mit meinen altmodischen, in den 70-ern pappenden Ansichten zum Erwerb zweckloser Tätigkeiten wohl den Anschluss ans Heute verpasst habe - staune ob der spaßfreien, verkopften Herangehensweise.

Pardon an alle mitlesenden Tangoneurotiker: Tangotanzen stellt keine die Menschheit rettende Überlebenskompetenz dar! Und dein Seelenheil suchst du besser woanders. Tangotanzen ist einfach nur schön. Reicht doch, oder?

Meine Gummistiefel-Rollschuhe haben ausgedient - sie wären beim Tango eine Themaverfehlung. Außerdem wachsen meine Füße nicht mehr. Aber die Narben am Knie erinnern gelegentlich, wenn die Ungeduld sticht, ans Hinfallen und Wiederaufstehen und Weitermachen. Einfach, weil's lustig ist. Heute tanze ich Tango und schreibe hier, ähnlich zweckfreie Tätigkeiten wie Rollschulaufen: schwitzend, ohne Helm und Schützer, sogar ohne ausgewiesene Tangoschuhe, ohne Zertifikat - aber umso lieber mit und für die anderen Freaks des Knienarbenclans.
Und du?

Außerdem hatten die Werbeleute damals doch recht, mit ihrer Behauptung Nutella sei gesund: die Ausschüttung von Glückshormonen findet unser Immunsystem prima. Dann kann es besser arbeiten. Gut, über den Nährwert der Inhaltsstoffe lässt sich streiten. Und die Dosis macht das Gift: von 2 Kilo Gläser konnte man träumen, aber selbige nicht kaufen.

Drum beantworte ich dir die obige Frage nach der Motivation mit einem lapidaren:

Weil du Lust drauf hast! 

Ansonsten: Lass es bleiben. Das wird nix.

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







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Dienstag, 6. Juni 2017

Von Milongas und Mäusen

Welche Situationen auch dem bejahrten Gehirn das (Tango-) Lernen erleichtern

Dieses und mehr meiner Motive findest du als Glückwunschkarte bei Kartenkaufrausch


Werden beim Tango Anfänger vergrault?

Scheint mir leider im Moment so - vor allem die hartnäckig Kreativen, die aus Lust am Tanzen und der Musik begonnen haben, werfen bald wieder das Handtuch. Entnervt von der Hochnäsigkeit der vermeintlichen Vorangeschrittenen, denen wohl ein Zacken aus der Krone bricht, wenn sie einen Anfänger auffordern würden. (Genderdisclaimer: Im Artikel sind beide Geschlechter gemeint.)

Erschwerend kommt hinzu, dass nach meiner Beobachtung viele, die mit dem Tangotanzen begonnen haben, die Mär von "Tango ist nur Gehen" glauben, und meinen, selbstverständlich müsse man sich nicht besonders anstrengen. Dann folgt bald Verzweiflung, weil halt doch Blut, Schweiß und vielleicht auch Tränen (vulgo ÜBEN!) nötig sind, um Fortschritte zu erzielen.

Hat das etwa auch mit der Altersstruktur im heutigen Tango zu tun? Können Menschen Ü50 oder Ü60+ nimmer so geschwind lernen?

Aber endlich trauen sich doch einige aus der Nachwuchsriege den Mund aufzumachen und von ihrer Pein zu berichten: siehe die Artikel in Gerhards Tangoreport ab 31. Mai 2017.

"Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne." 

zitiert Karin Law Robinson-Riedl in ihrem Gastartikel "And the Winner is..." zur Themenreihe im Tangoreport. Gut, dann lass uns ein bissel zaubern. Die 13. Fee hilft uns gerne bei dieser Mission: Sie wird in der Märchenszene selbst oft genug gedisst und mag arrogante Cliquen gar nicht. Außerdem hat sie meist mehr als drei Wünsche zur Verfügung, da sie so selten gebucht wird.

Wir blinzeln uns mit Sternengeblinkel in das hochmoderne Ambiente von Frederick Gage in den Salk Laboratories in La Jolla in Kalifornien (selbstverständlich unsichtbar).

Da inzwischen nachgewiesen wurde, dass u.a. in den Gehirnarealen für Erinnerung, Bewegung und Emotionen Stammzellen wohnen, die sich zu neuen, differenzierten Nervenzellen entwickeln können, versuchen die Wissenschaftskumpanen einen faszinierenden Nachweis: Können diese neu gebastelten Nervenzellen auch bei nicht mehr ganz taufrischen Wesen die geistigen Fähigkeiten steigern?

Vor uns befinden sich zwei Käfige mit je einer Gruppe Mäusen. Käfig 1 rechts ist recht rudimentär ausgestattet - Stroh, Nuckelflasche und Futternapf. Die Insassen - offensichtlich Seniormäuse - hängen entweder unmotiviert an der Bar herum oder laufen gruppenweise langsam im Kreis. Ab und zu geht einer in die Klo-Ecke. Oder man putzt sich das Schnäuzchen.

Im 2. Käfig dagegen hat sich ein hochmotivierter Innenausstatter (menschlich) ausgetobt. Lustige, quietschbunte Spielsachen, Hindernisparcours, Labyrinth, nur mit Kniffen zu erreichende Futternäpfchen, sogar ein klitzekleiner Plastikschäferhund liegt als Stolperfalle plaziert. Zwei ältere Exemplare improvisieren Beachvolleyball in der Sandecke, die in Käfig 1 lediglich zum Kacken verwendet wird. Eine andere Maus versucht zum 38. Mal elegant den Plastikhund zu überwinden. Sie schwitzt Blut und Wasser, aber beim 82. Mal gelingt es ihr dann doch. Fast elegant sogar. Im Labyrinth sitzt ein betröppelter Mauser, seine Freundin ist aber schon auf dem Weg zu ihm, um ihn mit einem erbeuteten Keksstückchen zu trösten. Alle tummeln sich frustriert bis freudig - auf jeden Fall wuselig-vital.

Fee Nr. 13 schnippt mit dem Finger und grinst. "Da, schau!"
Das Licht im Raum dimmt sich von Zauberhand, es bleibt ein Spot auf Käfig 1, in dem sich plötzlich keine Pelzwesen mehr befinden, sondern labormausgroße Tangoleute in passendem Ambiente: an der Bar Männchen mit Mini-Pilsflaschen und gleichgültigem Blick. Rondakreisende Langsamgeher beißen einen, der mitspielen möcht', und die Hübsche am Rand zieht den Lippenstift nach. Die "Tanda of the week" tröpfelt in Schleife aus der Nuckelflasche (https://www.youtube.com/watch?v=LUrsP_6fqFY). Lange Gesichter, oder mindestens "bin so wichtig, drum gleichgültig": Hund tot über'm Zaun.

Sie schnippt ein zweites Mal, der magische Scheinwerfer schwenkt zum anderen Käfig. Auch dort - keine Mäuse, sondern Mikro-Milongueros und -as, umeinander hüpfend wie die Geißen im Frühling, zugegeben - schon ein bissel chaotisch, wie sie da hin und her huschen. Die zwei Viejos improvisieren mit ihren Partnerinnen ein Gockelbattle in der Sandecke, dass es staubt. Der Schäferhund kläfft kurz, man hat ihn auf den Schwanz getreten. Das nächste Paar schraubt sich mit einer noch nicht ausperfektionierten Drehung vorbei. Einer übt Handstand. Fällt um, heult. Das alte Mädchen bringt ihm einen Keks. Und bittet zum Tanz. Milonga! Und Vals und überhaupts (!) schnörkeln sich durch Tumult und Ohrwatscheln.

Schnipp!
Neonlicht an, Spot aus, Mäuse sind Mäuse.
In 45 Tagen, so flüstert mir die Fee, wird man die Gehirne der beiden Gruppen untersuchen. "Das werden die Damen und Herren Weißkittel herausfinden."
Sie reicht mir ein dickes Buch mit Einmerker. Folgendes ist mit gelbem Leuchtstift markiert:

"Bei der Untersuchung von älteren Mäusen, die in ihrer zweiten Lebenshälfte zehn Monate lang in einer stimulierenden Umgebung gelebt hatten, stellten die Wissenschaftler fest, dass sich die Zahl der Neuronen im Hippocampus verfünffacht hatte. Diese Mäuse erwiesen sich als intelligenter und schnitten in Tests ihrer Lern-, Such- und Bewegungsfähigkeiten sowie bei anderen Standardmaßen der Mausintelligenz besser ab als ihre Artgenossen in normalen Käfigen."

Arme Mäuse. Interessantes Ergebnis!

Wir blinzeln uns in die Cafeteria.
Kann man die mausisch-gewonnenen Erkenntnisse für unsere Tangoanfänger interpretieren?  Was lässt sich verwenden? Umsetzen?

Was müsste sich an der Umgebung ändern? 
Auf den Milongas in freier Wildbahn? Würde mehr Stimulation bessere Tänzer erzeugen? Wenn z.B. ein Fortgeschrittener mit einer Anfängerin tanzt? Wenn die Musik als Spielgerät anspruchsvoller  wäre? Wenn sie freier hoppeln dürften?

Oder müsste der Anfänger seine Umgebung ändern? 
Könnte er ja, im Gegensatz zur inhaftierten Labormaus. Mal mutig eine Fremd-Milonga besuchen? Mal eine Fremd-Frau auffordern?

Oder Schwierigkeiten aushalten lernen? 
Wie der tapfere Mauser, der sich ins Labyrinth gewagt hat? Sein Lohn: Was Süßes von der Süßen.
Tanguero-Beginner-Lohn: Süße Tangos!

Wir kommen zum Schluss, da ging schon noch was!

Für den Tangoanfänger an sich und für uns als Umgebungsbauteile ist noch Luft nach oben!

Ganz egoistisch muss ich zugeben, dass ich gerne bereit bin, beim Wachsen guter Tänzer behilflich zu sein. Mit Unkrautzupfen und Düngen. Wenn ein Anfänger zum Könner wird, ist das doch prima! Ein guter Tänzer mehr! Hossa!

Wieso haben die göttlichen Baumeister diese Nervenneuverbastelung überhaupt einprogrammiert?


Vor Urzeiten, als unsere Ahnen durch die Gegend wanderten, war die Bildung von zusätzlichen Nervenverbindungen im Hirn und damit das Erlernen neuer Fähigkeiten überlebensnotwendig. Ohne Lernen fand man sich in neuen Gegenden nicht zurecht und endete wahrscheinlich als Zahnstocher für einen Säbelzahntiger. Ganz einfach. Lernen, sonst tot.

Was hätten unsere Tangovorfahren gemacht, ohne die Bereitschaft zu lernen? Als Einwanderer in ein völlig fremdes Land? Ganz einfach. Lernen, sonst tot. Den Tango hätten sie ohne gewiss nicht erfunden.

Dann schlägt die Feenfreundin 13 eine andere Buchseite auf, rosa markiert, Ausrufezeichen am Rand:

"Nichts beschleunigt den Verfall des Gehirns derart wie der Aufenthalt in der immergleichen Umgebung. Die Eintönigkeit lässt unsere Dopamin- und Aufmerksamkeitssysteme verkümmern, die für den Erhalt der Neuroplastizität entscheidend sind. Eine abwechslungsreiche Tätigkeit wie das Erlernen eines neuen Tanzes hilft nicht nur, Gleichgewichtsprobleme zu vermeiden, sondern hat den positiven Nebeneffekt, uns unter Menschen zu bringen und auch auf diese Weise das Gehirn zu erhalten."

Aha! Da haben wir's! Nicht nur Neurogenese, sondern auch noch Pflege des hauseigenen Dopaminsystems, unseres Belohnungssystems, das uns Glücksgefühle schenkt! Praktisch! Vor Begeisterung verschüttet die Fee ihren Milchkaffee. 

Tangolernen kann also wirklich glücklich machen. Wissenschaftlich bewiesen. Trotz (oder gerade wegen?) Blut und Schweiß und Tränen. Und wenn das Gehirn dabei Kundendienst erhält, ist das nicht verkehrt, oder?

Drum wohnt wirklich jedem Anfang eine Zauber inne. 
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. 
(Sagt Hermann Hesse. So ungefähr.)


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







Quelle: "Neustart im Kopf: Wie sich unser Gehirn selbst repariert" von Norman Doidge (3. März 2008)

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Sonntag, 4. Juni 2017

Bleiben Sie cool, Madame?! Gastbeitrag von Gerhard Riedl

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Tipps aus der Männerfraktion: Wie du die verflixte Multitaskingsucht in Griff bekommen kannst


Themenadäquat kredenze ich dir, Madame, heute OHNE ausführliche Anmoderation diesen feinen Text - garniert mit einem schlichten "Bühne frei für Gerhard Riedl"!

***

Meine Blogger-Kollegin Manuela Bößel steht derzeit unter Hochdruck: Tausend Ideen für neue Texte – gleichzeitig aber die Auswirkungen des Pflegenotstands, also jede Menge zusätzlicher Dienste. Dazu (wie meist bei solchen Engpässen) Aufträge für Illustration und Webdesign sowie heilpraktikerliches Unterrichten plus Behandeln.

Mein pragmatisches Angebot, ihr einen Gastbeitrag zu schreiben, nahm sie gerne an. Um eine Themenstellung gebeten, schrieb sie mir – vielleicht auch durch die aktuelle Situation angeregt – Folgendes:

Lieber Co-Blogger,

Frauen haben ja gern amal ein – nein, unzählige Probleme gleichzeitig und gleiten dann anschließend routiniert ins emotionale Drama ab. So wird alles noch viel schwieriger und flutscht nimmer effektiv. Problemlösung via Dramatik funktioniert selten oder gar nicht. Problemlösungsstrategie und Emotionsverstrickungen (suboptimale Affektkontrolle) passen halt gar nicht zusammen. Wenn kühle Taktik im Handeln fehlt, ist das Ergebnis kaum absehbar.


Männer scheinen mir da mit mehr Plan vorzugehen. Irgendwie pragmatischer. Schneller und effektiver Ziele erreichend.

Hat das was mit dem Totalitätsanspruch der Damen zu tun? Der Unfähigkeit, sich nur den einen hübschen, nutzbringenden Aspekt rauszupicken? Wie schaffen Männer, diesen „Ein-hochwichtiges-Projekt-das-jetzt-die-Welt-rettet-Modus“ einzuschalten? Und dann, komme was wolle, diese Mission durchzuführen. Beneidenswert prozessorientiert...  Statt „Wir-Frauen-sind-ja-sooo-multitasking-87-Missionen-gleichzeitig“ zu händeln!

Wie machen Männer das? 

Was können wir Frauen uns da abschauen? 
Welche "Schritte" könnt' man klauen?

Männerdingse - Drum frag ich einen Mann ;)

Danke und liebe Grüße, 
Manuela

Aber gerne – dann also los:

Bleiben Sie cool, Madame!


Die Anforderungen


Zufällig hörte ich gerade von einer anderen Bekannten, diese sei total überlastet. Und womit? Ausschließlich mit Problemen und Projekten anderer, ihr nahestehender Menschen, jedoch sämtlich volljährig und eigentlich fähig, sich zumindest primär selber um ihre hochmögenden Erledigungen zu kümmern. Möglicherweise kamen nicht einmal direkte Hilfeansuchen – nein: Es reicht schon, wenn solche Dinge traditionell in den Zuständigkeitsbereich der betreffenden Frau fallen. Schon werden sie in die Liste der 87 dringend zu erledigenden Aufgaben übernommen!

Aktivitäten dieser Bekannten für sich selber? Davon war nicht die Rede…


Die Folgen


Die Chance, bei der Anzahl nicht alles (und schon gar nicht perfekt) hinzubekommen, ist riesig – und damit die Chance auf ein Überforderungs- und Unzulänglichkeits-Drama fast hundertprozentig. Und das kostet ja auch noch Zeit (von den Nerven ganz zu schweigen…).

Es wird sogar noch verrückter: Sollte trotz allem ausnahmsweise eine umfassende Bewältigung gelingen, kann die betreffende Frau ihren Projektumfang ja noch steigern (und wird das vermutlich auch tun), um dann endlich die Überforderungsgrenze zu reißen – möglichst unter Einbeziehung des „Schuldbegriffs“ („Ich bin schuld, dass Person X Aktion Y versemmelt hat!“)

Freilich sind die Damen daran nicht alleine beteiligt – nein, die Herren erweisen sich da gern als behilflich, indem sie Aufgaben delegieren respektive ihnen solche von vornherein überlassen. Dies betrifft insbesondere folgende testosteronarme Gebiete:

  • Tätigkeiten mit hergebracht femininem Artikel: die Kindererziehung, Schule, Haushaltsführung, Nahrungsbeschaffung und -Zubereitung, Gartengestaltung, Betreuung (Kinder, Großeltern, Gäste, Handwerker), Pflege u.v.m.
  • langweilige, gleichförmige Arbeiten, welche nicht zu einem Ranking oder gar zu Heldentaten führen (z.B. Kartoffelschälen statt Autorennen)
  • berufliche Tätigkeiten ohne Aufstiegschancen und mit schlechter Bezahlung
  • alle Aktivitäten mit sozialer Zuwendung, aber ohne Möglichkeit zu Konkurrenzkampf und Personalisierung (also unter Ausschluss der Sache)


Warum tun die Männer das? 


Nun, aus y-chromosomaler Sicht muss ich natürlich Egoismus, Faulheit oder Schlampigkeit heftigst zurückweisen!

Zunächst einmal ist unsere männliche Unfähigkeit im Multi-Tasking natürlich ein grandioser Schutz vor Überforderung: Wir sehen, zumindest in gewissen Situationen, das zu Erledigende einfach nicht! Beispiel: Endspiel in der Fußball Champions League – was soll da sonst noch sein? Gar nix! Selbst wenn der Sprössling sich gerade anschickt, die Flasche mit dem Lackverdünner auszutrinken, kommt bestenfalls ein „Mutti, nimm ihm das mal weg…“.

Der Wegfall anderer Wahrnehmungen befähigt die Kerle natürlich zu einer pragmatischen, umfassenden Problemlösung: Flachbildfernseher, gemütliche Sessel, Bier, Flaschenöffner und Chips – alles perfekt beschafft und zeitgerecht umgesetzt! (Schließlich beginnt die Übertragung schon eine Stunde vorher mit dem üblichen Expertengeschwafel…)

Zudem sehen Frauen eine Aufgabe erst dann als erledigt an, wenn diese sachgerecht, umgehend und vollständig erfolgte sowie zudem noch das von ihr gestrickte, sorgfältig überwachte Beziehungsgeflecht nicht durcheinander bringt.

Männer sind da wesentlich weniger anspruchsvoll: Wenn die wesentlichen Bedürfnisse (Kampf, Konkurrenz, Adrenalin-Ausschüttung) befriedigt wurden, gilt die Sache (besser: der Gegner) als „erledigt“. Beziehungsgeflecht? Ach, die Kumpel verstehen’s schon… und die Weiber, ach geh!

Beispiel: Mit dem bestellten Handwerker ist man schon dann fertig, wenn man ihm bewiesen hat, dass er von der Sache nur halb so viel versteht wie man(n) selber (wenn man denn Zeit hätte, es persönlich zu machen). Den Typen beaufsichtigen, etwaige Fragen beantworten, ihm Kaffee kochen und sich um die Rechnung kümmern darf dann das Wesen, welches in bayerischen Dörfern gewöhnlich als „B‘frau“ bezeichnet wird – und das man hinterher zur Schnecke macht, wenn doch irgendwas nicht passen sollte (falls überhaupt noch nötig).

Nach Bewältigung einer Aufgabe (wie zweckdienlich auch immer) eilen Frauen sofort zur nächsten Baustelle.

Männer verweilen da länger, da noch Entscheidendes zu leisten ist: Die Dichtung eines Heldenepos über die siegreiche Umsetzung des Projekts – ganz wichtig für die Kumpels, wo die Geschichte gern durch wiederholte Schilderung an Dramatik zunimmt.

Merke: Für die Herren fängt das Drama am Ende an, bei den Damen zu Beginn!

„Irgendwie pragmatischer. Schneller und effektiver Ziele erreichend?“
Reine männliche PR – forget it!

Dass Dinge (und zwar nicht nur die getragenen Socken) wochenlang liegen bleiben, wäre für Frauen eine Katastrophe, für Männer ist dies der Normalfall (bis auf Notfälle wie die vergebliche Suche nach der neuesten Ausgabe der Autozeitung).


Fazit


Ich rate daher allen weiblichen Wesen zu einem unglaublichen Experiment: Eine Sache mal nicht zu erledigen und festzustellen, dass sich die Welt dennoch weiter dreht (auch wenn ihre maskuline Umwelt das Gegenteil prophezeit). Bei erfolgreichem Ausgang des Versuchs kann frau dies auf viele weitere Projekte ausdehnen, vor allem auf solche, die lediglich für andere zweckdienlich (also arbeitsentlastend) wirken.

Ich habe an zwei Büchern mit Erfahrungsberichten von Krebspatienten mitgearbeitet und leider festgestellt, dass Frauen dies oft erst unternehmen, wenn sie zur onkologischen Patientin mutiert sind – und dennoch häufig mit erstaunlichen Besserungs-Erfolgen!

http://milongafuehrer.blogspot.de/2015/02/krebs-wege-aus-der-lauten-stille-des.html

Daher mein Tipp: Eine solche Verhaltensänderung ist auch ohne Tumor-Befund möglich – und dann oft noch in wesentlich größerem Zeitrahmen machbar.

Diesen können Sie ausnutzen, um beispielsweise allein und ganz cool zum Tango zu gehen! Wär doch schon mal ein Anfang, Madame…

P.S. Sollte es in diesem Kontext zur Entsorgung des Lebenspartners kommen, hier noch sehr interessante Tipps, damit es nicht wieder der Falsche wird:
http://www.freundin.de/beziehungsfrage-7-maennertypen-mit-denen-sie-niemals-gluecklich-werden-268231.html

***
DANKESCHÖN!
Viel vergnüglichen Erfolg beim Umsetzen. Bin auch grade damit beschäftigt, und es tut gar nicht weh ;)

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







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