Sonntag, 4. Juni 2017

Bleiben Sie cool, Madame?! Gastbeitrag von Gerhard Riedl

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Tipps aus der Männerfraktion: Wie du die verflixte Multitaskingsucht in Griff bekommen kannst


Themenadäquat kredenze ich dir, Madame, heute OHNE ausführliche Anmoderation diesen feinen Text - garniert mit einem schlichten "Bühne frei für Gerhard Riedl"!

***

Meine Blogger-Kollegin Manuela Bößel steht derzeit unter Hochdruck: Tausend Ideen für neue Texte – gleichzeitig aber die Auswirkungen des Pflegenotstands, also jede Menge zusätzlicher Dienste. Dazu (wie meist bei solchen Engpässen) Aufträge für Illustration und Webdesign sowie heilpraktikerliches Unterrichten plus Behandeln.

Mein pragmatisches Angebot, ihr einen Gastbeitrag zu schreiben, nahm sie gerne an. Um eine Themenstellung gebeten, schrieb sie mir – vielleicht auch durch die aktuelle Situation angeregt – Folgendes:

Lieber Co-Blogger,

Frauen haben ja gern amal ein – nein, unzählige Probleme gleichzeitig und gleiten dann anschließend routiniert ins emotionale Drama ab. So wird alles noch viel schwieriger und flutscht nimmer effektiv. Problemlösung via Dramatik funktioniert selten oder gar nicht. Problemlösungsstrategie und Emotionsverstrickungen (suboptimale Affektkontrolle) passen halt gar nicht zusammen. Wenn kühle Taktik im Handeln fehlt, ist das Ergebnis kaum absehbar.


Männer scheinen mir da mit mehr Plan vorzugehen. Irgendwie pragmatischer. Schneller und effektiver Ziele erreichend.

Hat das was mit dem Totalitätsanspruch der Damen zu tun? Der Unfähigkeit, sich nur den einen hübschen, nutzbringenden Aspekt rauszupicken? Wie schaffen Männer, diesen „Ein-hochwichtiges-Projekt-das-jetzt-die-Welt-rettet-Modus“ einzuschalten? Und dann, komme was wolle, diese Mission durchzuführen. Beneidenswert prozessorientiert...  Statt „Wir-Frauen-sind-ja-sooo-multitasking-87-Missionen-gleichzeitig“ zu händeln!

Wie machen Männer das? 

Was können wir Frauen uns da abschauen? 
Welche "Schritte" könnt' man klauen?

Männerdingse - Drum frag ich einen Mann ;)

Danke und liebe Grüße, 
Manuela

Aber gerne – dann also los:

Bleiben Sie cool, Madame!


Die Anforderungen


Zufällig hörte ich gerade von einer anderen Bekannten, diese sei total überlastet. Und womit? Ausschließlich mit Problemen und Projekten anderer, ihr nahestehender Menschen, jedoch sämtlich volljährig und eigentlich fähig, sich zumindest primär selber um ihre hochmögenden Erledigungen zu kümmern. Möglicherweise kamen nicht einmal direkte Hilfeansuchen – nein: Es reicht schon, wenn solche Dinge traditionell in den Zuständigkeitsbereich der betreffenden Frau fallen. Schon werden sie in die Liste der 87 dringend zu erledigenden Aufgaben übernommen!

Aktivitäten dieser Bekannten für sich selber? Davon war nicht die Rede…


Die Folgen


Die Chance, bei der Anzahl nicht alles (und schon gar nicht perfekt) hinzubekommen, ist riesig – und damit die Chance auf ein Überforderungs- und Unzulänglichkeits-Drama fast hundertprozentig. Und das kostet ja auch noch Zeit (von den Nerven ganz zu schweigen…).

Es wird sogar noch verrückter: Sollte trotz allem ausnahmsweise eine umfassende Bewältigung gelingen, kann die betreffende Frau ihren Projektumfang ja noch steigern (und wird das vermutlich auch tun), um dann endlich die Überforderungsgrenze zu reißen – möglichst unter Einbeziehung des „Schuldbegriffs“ („Ich bin schuld, dass Person X Aktion Y versemmelt hat!“)

Freilich sind die Damen daran nicht alleine beteiligt – nein, die Herren erweisen sich da gern als behilflich, indem sie Aufgaben delegieren respektive ihnen solche von vornherein überlassen. Dies betrifft insbesondere folgende testosteronarme Gebiete:

  • Tätigkeiten mit hergebracht femininem Artikel: die Kindererziehung, Schule, Haushaltsführung, Nahrungsbeschaffung und -Zubereitung, Gartengestaltung, Betreuung (Kinder, Großeltern, Gäste, Handwerker), Pflege u.v.m.
  • langweilige, gleichförmige Arbeiten, welche nicht zu einem Ranking oder gar zu Heldentaten führen (z.B. Kartoffelschälen statt Autorennen)
  • berufliche Tätigkeiten ohne Aufstiegschancen und mit schlechter Bezahlung
  • alle Aktivitäten mit sozialer Zuwendung, aber ohne Möglichkeit zu Konkurrenzkampf und Personalisierung (also unter Ausschluss der Sache)


Warum tun die Männer das? 


Nun, aus y-chromosomaler Sicht muss ich natürlich Egoismus, Faulheit oder Schlampigkeit heftigst zurückweisen!

Zunächst einmal ist unsere männliche Unfähigkeit im Multi-Tasking natürlich ein grandioser Schutz vor Überforderung: Wir sehen, zumindest in gewissen Situationen, das zu Erledigende einfach nicht! Beispiel: Endspiel in der Fußball Champions League – was soll da sonst noch sein? Gar nix! Selbst wenn der Sprössling sich gerade anschickt, die Flasche mit dem Lackverdünner auszutrinken, kommt bestenfalls ein „Mutti, nimm ihm das mal weg…“.

Der Wegfall anderer Wahrnehmungen befähigt die Kerle natürlich zu einer pragmatischen, umfassenden Problemlösung: Flachbildfernseher, gemütliche Sessel, Bier, Flaschenöffner und Chips – alles perfekt beschafft und zeitgerecht umgesetzt! (Schließlich beginnt die Übertragung schon eine Stunde vorher mit dem üblichen Expertengeschwafel…)

Zudem sehen Frauen eine Aufgabe erst dann als erledigt an, wenn diese sachgerecht, umgehend und vollständig erfolgte sowie zudem noch das von ihr gestrickte, sorgfältig überwachte Beziehungsgeflecht nicht durcheinander bringt.

Männer sind da wesentlich weniger anspruchsvoll: Wenn die wesentlichen Bedürfnisse (Kampf, Konkurrenz, Adrenalin-Ausschüttung) befriedigt wurden, gilt die Sache (besser: der Gegner) als „erledigt“. Beziehungsgeflecht? Ach, die Kumpel verstehen’s schon… und die Weiber, ach geh!

Beispiel: Mit dem bestellten Handwerker ist man schon dann fertig, wenn man ihm bewiesen hat, dass er von der Sache nur halb so viel versteht wie man(n) selber (wenn man denn Zeit hätte, es persönlich zu machen). Den Typen beaufsichtigen, etwaige Fragen beantworten, ihm Kaffee kochen und sich um die Rechnung kümmern darf dann das Wesen, welches in bayerischen Dörfern gewöhnlich als „B‘frau“ bezeichnet wird – und das man hinterher zur Schnecke macht, wenn doch irgendwas nicht passen sollte (falls überhaupt noch nötig).

Nach Bewältigung einer Aufgabe (wie zweckdienlich auch immer) eilen Frauen sofort zur nächsten Baustelle.

Männer verweilen da länger, da noch Entscheidendes zu leisten ist: Die Dichtung eines Heldenepos über die siegreiche Umsetzung des Projekts – ganz wichtig für die Kumpels, wo die Geschichte gern durch wiederholte Schilderung an Dramatik zunimmt.

Merke: Für die Herren fängt das Drama am Ende an, bei den Damen zu Beginn!

„Irgendwie pragmatischer. Schneller und effektiver Ziele erreichend?“
Reine männliche PR – forget it!

Dass Dinge (und zwar nicht nur die getragenen Socken) wochenlang liegen bleiben, wäre für Frauen eine Katastrophe, für Männer ist dies der Normalfall (bis auf Notfälle wie die vergebliche Suche nach der neuesten Ausgabe der Autozeitung).


Fazit


Ich rate daher allen weiblichen Wesen zu einem unglaublichen Experiment: Eine Sache mal nicht zu erledigen und festzustellen, dass sich die Welt dennoch weiter dreht (auch wenn ihre maskuline Umwelt das Gegenteil prophezeit). Bei erfolgreichem Ausgang des Versuchs kann frau dies auf viele weitere Projekte ausdehnen, vor allem auf solche, die lediglich für andere zweckdienlich (also arbeitsentlastend) wirken.

Ich habe an zwei Büchern mit Erfahrungsberichten von Krebspatienten mitgearbeitet und leider festgestellt, dass Frauen dies oft erst unternehmen, wenn sie zur onkologischen Patientin mutiert sind – und dennoch häufig mit erstaunlichen Besserungs-Erfolgen!

http://milongafuehrer.blogspot.de/2015/02/krebs-wege-aus-der-lauten-stille-des.html

Daher mein Tipp: Eine solche Verhaltensänderung ist auch ohne Tumor-Befund möglich – und dann oft noch in wesentlich größerem Zeitrahmen machbar.

Diesen können Sie ausnutzen, um beispielsweise allein und ganz cool zum Tango zu gehen! Wär doch schon mal ein Anfang, Madame…

P.S. Sollte es in diesem Kontext zur Entsorgung des Lebenspartners kommen, hier noch sehr interessante Tipps, damit es nicht wieder der Falsche wird:
http://www.freundin.de/beziehungsfrage-7-maennertypen-mit-denen-sie-niemals-gluecklich-werden-268231.html

***
DANKESCHÖN!
Viel vergnüglichen Erfolg beim Umsetzen. Bin auch grade damit beschäftigt, und es tut gar nicht weh ;)

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







* Mehr von Gerhard Riedl lesen? http://milongafuehrer.blogspot.de/

* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?

* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern

Kommentare:

  1. Es liegt nicht nur am Gegensatz männlich - weiblich, sondern auch am Perfektionswahn der deutschen Frau. Der Kabarettist (neudeutsch: Comedian) Florian Schroeder hat darüber sogar ein Buch geschrieben. Die deutsche Frau will alles gleichzeitig sein, und das in jeder Rolle perfekt: Hausfrau und Hure, kinderlieb und karrieregeil, weiblich und hart entschlossen, aufopfernd und selbstverwirklichend, 20 Stunden Arbeit pro Tag und ebenso viel Zeit für die Schönheitspflege (am gleichen Tag!), jugendlich und reif, usw. Wenn eine dieser Rollen nicht perfekt klappt, gibt's jede Menge Vorwürfe, erst mal gegen sich selbst, dann, wenn ein gewisses pseudofeministisches Niveau erreicht ist, gegen die Männer. Aber erst mal wird die eigene Seele kasteit, dann der Körper. Da hilft nur ein: Bleibt locker, lustig, leicht, und denkt daran: die deutsche Leitkultur, so sehr wir sie auch hochhalten, ist nicht immer die beste Lebensform!

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    1. Lieber Peter,

      ja, ich glaube, das ist eben dieser Totalitätsanspruch der Damenwelt.

      Der zeigt sich nicht nur in der allgemeinen Lebensgestaltung - wie von dir beschrieben - sondern auch in Beziehungen: Verständnis, Harmonie und Gleichklang in jedem Aspekt. Geht nicht? Hah! Dann wird halt ER "erzogen" auf Deibel komm raus. Subtil oder offensiv. Dann bockt er und sie...

      Aber die Lage scheint mir nicht ganz hoffnungslos: Es gibt sie, die Frauen, die wissen,
      ...dass alles seinen Preis hat
      ...man nicht auf allen Hochzeiten tanzen kann
      ...dass Unperfektheit sein darf und muss
      ...die ihren Mann als Gefährten wertschätzen, den sie gernhaben, weil er ist (spinnt ;), wie er ist (spinnt ;) - und von Änderungsaktionen absehen.

      Herzliche Grüße,
      Manuela

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    2. Heirate einen Franzosen (wie es meine Tochter tat), dann merkst du den Unterschied!

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    3. Bestünde die Möglichkeit zu einer konkreteren Ausführung bezüglich "Verehelichung mit einem Franzosen?"

      Hab letztens eine Französin im TV gehört, die zum Thema Elternzeit meinte: Natürlich müsse sie hinaus gehen, in die freie Wildbahn (Berufswelt) und schön sowie erfolgreich sein! Bequem daheim bleiben wie bei uns, geht nicht. Sonst schnappt ihr eine andere schöne, erfolgreiche Frau den Ehegatten weg.

      Herzliche Grüße,
      Manuela

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  2. https://www.youtube.com/watch?v=0BxckAMaTDc

    Liebe Damen, wer keine Geduld und kein Glauben an sich selbst hat, soll es mit Tango gleich aufhören. Wir sind anders als Männer. Tja, Deutsche Männer sind welt bekannte Ingenieure, gute Philosophen, aber Tango braucht es alles wenig. Was wir brauchen, ist Unterstützung, Spass, Toleranz...

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    1. Liebe Anna,

      danke für deinen Kommentar und den Hinweis auf das Video. Die dort vorgestellte "nothing box" in Männerhirnen erklärt einiges ;)

      Gleich mit dem Tango aufhören, wenn Geduld und Glaube an sich selbst fehlen, muss nicht sein. Der Tango bietet viel Platz und Gelegenheiten, um sich an diesen Themen zu üben. Harter Stoff, gewiss, aber dranbleiben lohnt sich.

      Herzliche Grüße,
      Manuela

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