Dienstag, 6. Juni 2017

Von Milongas und Mäusen

Welche Situationen auch dem bejahrten Gehirn das (Tango-) Lernen erleichtern

Dieses und mehr meiner Motive findest du als Glückwunschkarte bei Kartenkaufrausch


Werden beim Tango Anfänger vergrault?

Scheint mir leider im Moment so - vor allem die hartnäckig Kreativen, die aus Lust am Tanzen und der Musik begonnen haben, werfen bald wieder das Handtuch. Entnervt von der Hochnäsigkeit der vermeintlichen Vorangeschrittenen, denen wohl ein Zacken aus der Krone bricht, wenn sie einen Anfänger auffordern würden. (Genderdisclaimer: Im Artikel sind beide Geschlechter gemeint.)

Erschwerend kommt hinzu, dass nach meiner Beobachtung viele, die mit dem Tangotanzen begonnen haben, die Mär von "Tango ist nur Gehen" glauben, und meinen, selbstverständlich müsse man sich nicht besonders anstrengen. Dann folgt bald Verzweiflung, weil halt doch Blut, Schweiß und vielleicht auch Tränen (vulgo ÜBEN!) nötig sind, um Fortschritte zu erzielen.

Hat das etwa auch mit der Altersstruktur im heutigen Tango zu tun? Können Menschen Ü50 oder Ü60+ nimmer so geschwind lernen?

Aber endlich trauen sich doch einige aus der Nachwuchsriege den Mund aufzumachen und von ihrer Pein zu berichten: siehe die Artikel in Gerhards Tangoreport ab 31. Mai 2017.

"Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne." 

zitiert Karin Law Robinson-Riedl in ihrem Gastartikel "And the Winner is..." zur Themenreihe im Tangoreport. Gut, dann lass uns ein bissel zaubern. Die 13. Fee hilft uns gerne bei dieser Mission: Sie wird in der Märchenszene selbst oft genug gedisst und mag arrogante Cliquen gar nicht. Außerdem hat sie meist mehr als drei Wünsche zur Verfügung, da sie so selten gebucht wird.

Wir blinzeln uns mit Sternengeblinkel in das hochmoderne Ambiente von Frederick Gage in den Salk Laboratories in La Jolla in Kalifornien (selbstverständlich unsichtbar).

Da inzwischen nachgewiesen wurde, dass u.a. in den Gehirnarealen für Erinnerung, Bewegung und Emotionen Stammzellen wohnen, die sich zu neuen, differenzierten Nervenzellen entwickeln können, versuchen die Wissenschaftskumpanen einen faszinierenden Nachweis: Können diese neu gebastelten Nervenzellen auch bei nicht mehr ganz taufrischen Wesen die geistigen Fähigkeiten steigern?

Vor uns befinden sich zwei Käfige mit je einer Gruppe Mäusen. Käfig 1 rechts ist recht rudimentär ausgestattet - Stroh, Nuckelflasche und Futternapf. Die Insassen - offensichtlich Seniormäuse - hängen entweder unmotiviert an der Bar herum oder laufen gruppenweise langsam im Kreis. Ab und zu geht einer in die Klo-Ecke. Oder man putzt sich das Schnäuzchen.

Im 2. Käfig dagegen hat sich ein hochmotivierter Innenausstatter (menschlich) ausgetobt. Lustige, quietschbunte Spielsachen, Hindernisparcours, Labyrinth, nur mit Kniffen zu erreichende Futternäpfchen, sogar ein klitzekleiner Plastikschäferhund liegt als Stolperfalle plaziert. Zwei ältere Exemplare improvisieren Beachvolleyball in der Sandecke, die in Käfig 1 lediglich zum Kacken verwendet wird. Eine andere Maus versucht zum 38. Mal elegant den Plastikhund zu überwinden. Sie schwitzt Blut und Wasser, aber beim 82. Mal gelingt es ihr dann doch. Fast elegant sogar. Im Labyrinth sitzt ein betröppelter Mauser, seine Freundin ist aber schon auf dem Weg zu ihm, um ihn mit einem erbeuteten Keksstückchen zu trösten. Alle tummeln sich frustriert bis freudig - auf jeden Fall wuselig-vital.

Fee Nr. 13 schnippt mit dem Finger und grinst. "Da, schau!"
Das Licht im Raum dimmt sich von Zauberhand, es bleibt ein Spot auf Käfig 1, in dem sich plötzlich keine Pelzwesen mehr befinden, sondern labormausgroße Tangoleute in passendem Ambiente: an der Bar Männchen mit Mini-Pilsflaschen und gleichgültigem Blick. Rondakreisende Langsamgeher beißen einen, der mitspielen möcht', und die Hübsche am Rand zieht den Lippenstift nach. Die "Tanda of the week" tröpfelt in Schleife aus der Nuckelflasche (https://www.youtube.com/watch?v=LUrsP_6fqFY). Lange Gesichter, oder mindestens "bin so wichtig, drum gleichgültig": Hund tot über'm Zaun.

Sie schnippt ein zweites Mal, der magische Scheinwerfer schwenkt zum anderen Käfig. Auch dort - keine Mäuse, sondern Mikro-Milongueros und -as, umeinander hüpfend wie die Geißen im Frühling, zugegeben - schon ein bissel chaotisch, wie sie da hin und her huschen. Die zwei Viejos improvisieren mit ihren Partnerinnen ein Gockelbattle in der Sandecke, dass es staubt. Der Schäferhund kläfft kurz, man hat ihn auf den Schwanz getreten. Das nächste Paar schraubt sich mit einer noch nicht ausperfektionierten Drehung vorbei. Einer übt Handstand. Fällt um, heult. Das alte Mädchen bringt ihm einen Keks. Und bittet zum Tanz. Milonga! Und Vals und überhaupts (!) schnörkeln sich durch Tumult und Ohrwatscheln.

Schnipp!
Neonlicht an, Spot aus, Mäuse sind Mäuse.
In 45 Tagen, so flüstert mir die Fee, wird man die Gehirne der beiden Gruppen untersuchen. "Das werden die Damen und Herren Weißkittel herausfinden."
Sie reicht mir ein dickes Buch mit Einmerker. Folgendes ist mit gelbem Leuchtstift markiert:

"Bei der Untersuchung von älteren Mäusen, die in ihrer zweiten Lebenshälfte zehn Monate lang in einer stimulierenden Umgebung gelebt hatten, stellten die Wissenschaftler fest, dass sich die Zahl der Neuronen im Hippocampus verfünffacht hatte. Diese Mäuse erwiesen sich als intelligenter und schnitten in Tests ihrer Lern-, Such- und Bewegungsfähigkeiten sowie bei anderen Standardmaßen der Mausintelligenz besser ab als ihre Artgenossen in normalen Käfigen."

Arme Mäuse. Interessantes Ergebnis!

Wir blinzeln uns in die Cafeteria.
Kann man die mausisch-gewonnenen Erkenntnisse für unsere Tangoanfänger interpretieren?  Was lässt sich verwenden? Umsetzen?

Was müsste sich an der Umgebung ändern? 
Auf den Milongas in freier Wildbahn? Würde mehr Stimulation bessere Tänzer erzeugen? Wenn z.B. ein Fortgeschrittener mit einer Anfängerin tanzt? Wenn die Musik als Spielgerät anspruchsvoller  wäre? Wenn sie freier hoppeln dürften?

Oder müsste der Anfänger seine Umgebung ändern? 
Könnte er ja, im Gegensatz zur inhaftierten Labormaus. Mal mutig eine Fremd-Milonga besuchen? Mal eine Fremd-Frau auffordern?

Oder Schwierigkeiten aushalten lernen? 
Wie der tapfere Mauser, der sich ins Labyrinth gewagt hat? Sein Lohn: Was Süßes von der Süßen.
Tanguero-Beginner-Lohn: Süße Tangos!

Wir kommen zum Schluss, da ging schon noch was!

Für den Tangoanfänger an sich und für uns als Umgebungsbauteile ist noch Luft nach oben!

Ganz egoistisch muss ich zugeben, dass ich gerne bereit bin, beim Wachsen guter Tänzer behilflich zu sein. Mit Unkrautzupfen und Düngen. Wenn ein Anfänger zum Könner wird, ist das doch prima! Ein guter Tänzer mehr! Hossa!

Wieso haben die göttlichen Baumeister diese Nervenneuverbastelung überhaupt einprogrammiert?


Vor Urzeiten, als unsere Ahnen durch die Gegend wanderten, war die Bildung von zusätzlichen Nervenverbindungen im Hirn und damit das Erlernen neuer Fähigkeiten überlebensnotwendig. Ohne Lernen fand man sich in neuen Gegenden nicht zurecht und endete wahrscheinlich als Zahnstocher für einen Säbelzahntiger. Ganz einfach. Lernen, sonst tot.

Was hätten unsere Tangovorfahren gemacht, ohne die Bereitschaft zu lernen? Als Einwanderer in ein völlig fremdes Land? Ganz einfach. Lernen, sonst tot. Den Tango hätten sie ohne gewiss nicht erfunden.

Dann schlägt die Feenfreundin 13 eine andere Buchseite auf, rosa markiert, Ausrufezeichen am Rand:

"Nichts beschleunigt den Verfall des Gehirns derart wie der Aufenthalt in der immergleichen Umgebung. Die Eintönigkeit lässt unsere Dopamin- und Aufmerksamkeitssysteme verkümmern, die für den Erhalt der Neuroplastizität entscheidend sind. Eine abwechslungsreiche Tätigkeit wie das Erlernen eines neuen Tanzes hilft nicht nur, Gleichgewichtsprobleme zu vermeiden, sondern hat den positiven Nebeneffekt, uns unter Menschen zu bringen und auch auf diese Weise das Gehirn zu erhalten."

Aha! Da haben wir's! Nicht nur Neurogenese, sondern auch noch Pflege des hauseigenen Dopaminsystems, unseres Belohnungssystems, das uns Glücksgefühle schenkt! Praktisch! Vor Begeisterung verschüttet die Fee ihren Milchkaffee. 

Tangolernen kann also wirklich glücklich machen. Wissenschaftlich bewiesen. Trotz (oder gerade wegen?) Blut und Schweiß und Tränen. Und wenn das Gehirn dabei Kundendienst erhält, ist das nicht verkehrt, oder?

Drum wohnt wirklich jedem Anfang eine Zauber inne. 
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. 
(Sagt Hermann Hesse. So ungefähr.)


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







Quelle: "Neustart im Kopf: Wie sich unser Gehirn selbst repariert" von Norman Doidge (3. März 2008)

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