Freitag, 28. Juli 2017

Rugediguh! Blut ist im Schuh!

Das Märchen vom Tangoschuh


Der Prinz sucht.


Es war einmal ein Prinz, für den seine königlichen Eltern zwecks Zuführung einer geeigneten Ehekandidatin einen rauschenden Ball ausrichten ließen. Aus dem ganzen Lande strömten die Bewerberinnen daher und - natürlich! - versuchten sie den jungen Mann schwer zu beeindrucken: Herausgeputzt mit güldenem Tand schwebten sie durch den Saal, soweit es die geschnürten Mieder erlaubten. Die Luft im Saal war gestopft voll mit zuckersüßen Lächeleien Richtung Prinz. Der saß gelangweilt am Rande der Piste und hatte schon ganz trockene Augäpfel, weil er sich jegliches Blinzeln streng versagte.

Bis eine Tänzerin in sein Blickfeld geriet, die in ihren allerliebsten Schühchen sein Interesse weckte. Diese - und zwar nur diese! - wollte er haben! Die alte Turmuhr schlug schon Mitternacht, als er sich endlich durch die Massen von lüsternen Weibern in ihre Nähe vorgearbeitet hatte. Blöderweise sah er sie auf ihrem Rückzug nur noch von hinten, die Treppe hinabeilend. Dabei stolperte sie und verlor einen ihrer gläsernen Schuhe.

Er schaltete Suchanzeigen auf Facebook, recherchierte sich einen Wolf, besuchte jede noch so kleine Milonga im Königreich seines Papas, wo er den Gästinnen den Schuh des Begehrs präsentierte. Alle probierten selbigen an. Keiner der Damenfüße passte hinein! (Wie auch?). Schließlich besuchte er auf Anraten seiner werten Mama die alte Tante Google. Er war ja so unglücklich, und die Königin wollte ihn verheiratet wissen, um sich endlich zur lange geplanten Pensionsbelohnungsreise verabschieden zu können.

Tante Google spuckte tatsächlich eine Adresse aus, an der er seine Präprinzessin finden könne. Dort packte er die erstbeste, deren Fuß in den Schuh gestopft werden konnte, auf seinen Schimmel und ritt von dannen. Wären da nur nicht die Spielverderbertauben gewesen, die ihr Liedlein vom "Blut im Schuh" gesungen hätten. Blödes Volk, Viecher sollten nicht sprechen können! Die Wahrheit schon gar nicht! Dass sich die entsprechende Dame im Vorfeld einen Zeh abgehackt hatte, wollte er doch gar nicht wissen. Sie kam ihm vage bekannt vor: wahrscheinlich vom Ball auf Papas Schloss.

Aber da hilft nix. Er musste zurück: die Echte - die mit der vollständigen Zehenzahl - finden, einpackeln und heiraten. Das gesamte Anwesen wurde einer Durchsuchung unterzogen und siehe da: die lumpige Maid in der Küche war Glas-Schuh-kompatibel. Der Prinz ließ sie ein paar Schritte tanzen - links beschuht, rechts barfuß. Kein Zweifel! Keine bockige Widerrede! Kein Stolpern! Nur zuckersüße Anmut.

Also Auslöse zahlen, mitnehmen und und per Ehevertrag die Besitzansprüche festklopfen. Mama und Papa werden sich freuen!
Tadaa! Alle glücklich?!
ENDE (mit Schnörkel)


Und  die Moral von der Geschicht'?

(Ob es wirklich glücklich macht, sich einfach so von einem großkopfeten, geldigen, schuhfetischistischen Bürschlein abgreifen zu lassen, will ich hier nicht diskutieren.)

Mir stellt sich eher die Frage nach den Lehren, die in der Glasschuh-Schachtel stecken:

1. Warum quälen sich manche Frauen mit höllischen Schmerzen am Geläuf und tanzen bestenfalls medioker in Schuhen, die ihr Tanzen einschränken?


Der Tangoschuh "por las mujeres" ist vor allem eins: hochhackig. Dadurch rutscht die Belastung in den vorderen Fußbereich. Das Quergewölbe plättet sich. Drum weichen die Mittelfußknochen an den Zehengrundgelenken auseinander wie ein Fächer - am liebsten zwischen Zeigezeh und dem Großen.

Die Sehne, die den großen Zeh nach oben ziehen soll, weiß sich nicht zu helfen. Was soll sie denn dagegen tun, dass der erste Mittelfußknochen, der zum großen Zeh gehört, jetzt nicht mehr direkt unter ihr läuft? Der verdrückt sich einfach in die einzig mögliche Richtung, fort von den anderen Richtung Fußinnenkante. Der Fußdaumen will kompensieren und neigt sich mit seinem Köpflein in die Gegenrichtung und kuschelt mit den anderen Zehenbrüdern. So einfach wird man als Sehne zur Bogensehne! Mittelfußknochen eins mit Großzehe bilden den Bogen. Pfeile abschießen ist nicht. Am Fuß heißt das (irgendwann) Halux valgus und tut weh. Wirklich hübsch kommt der im Schuh bald drückende Groß-Knubbel auch nicht daher.

Den restlichen Zehenbrüdern bleibt eh nix anderes übrig als sich aneinander zu quetschen - ihr Bett in der Spitze des Schuhs ist ganz schön eng. Recken und strecken? Sich spreizen und guten Halt nach oben ins restliche Gestell vermitteln? Wie soll das gehen, wenn nur ein winziges bisschen Luft durch das Fensterlein an der Schuhspitze an die Toes peept?

Aber Tango tanzt "frau" doch in hohen Schuhen, oder? Das muss?! Wenn das nicht geht, dann musst du mit dem Tango aufhören?


Vor einiger Zeit hat mich eine Milongabesucherin angesprochen, wo man denn Tangoschuhe wie die meinen herbekäme? Vielleicht hat sie mein Getanze überzeugt? Genau solche bräuchte sie unbedingt auch! Wir blicken beide zu meinen Füßen: Jazzschuhe - flach, weich, höllebequem mit geteilter Sohle. Sie war enttäuscht und ungläubig, als ich meine Schuhe als artfremd geoutet hatte.
Die Dame war zum Zuschauen da. Nach einem Jahr Tango  - selbstredend hochhackig - und proportional wachsendem Fußschmerz habe der Orthopäde ihr den Tango streng verboten.

Dabei tanze ich noch gar nicht so lange flach und weich. Ich bin lange Zeit gar nicht auf die Idee gekommen, die Verbindung "hohe Schuhe und Tango" anzuzweifeln! Hab mich jahrelang gewundert, dass ich um's Verrecken Balance und Technik nicht weiter verbessern konnte. Bis ich mal einen ganzen Abend flachbeschuht getanzt habe, die Tangohochhacken lagen vergessen daheim. Der Tanzdruck war halt stärker als das Bedürfnis nach dem "schöne, stolze Tanguera-Gefühl".

Einfach war das erstmal nicht, ich war gezwungen, die Schritte ganz sauber zu setzen. Und tauschte den fehlenden Absatz einfach mit einem vorgestellten: rauf auf die Ballen, in der Höhe anpassbar an die Größe des jeweiligen Tanzpartners.

Wieder brauchte ich einige Zeit bis zur Erkenntnis, dass das auch nicht unbedingt sein muss. Zwischendurch sanft runter auf den ganzen Fuß und die Pfoten entspannen darf schon sein. Aber ein gutes Trainig war die Hoch-Ballenzeit trotzdem.



2. Warum können manche Frauen so elegant-vortrefflich in Schuhen tanzen, die einem Foltergerät alle Ehre machen würden?

Zugegeben - High Heels zeichnen eine wunderschöne, elegante Beinlinie. Meistens im Sitzen oder Stehen. In einigen Fällen beim Gehen oder minimalistischer, geschlossen umarmender Stehtangomanier. Manchmal beim Tangotanzen. Das sind aber meistens die Tangueras, die auch in Gummistiefeln tanzen könnten, wenn sie sollten oder wollten. Lieber ist ihnen allerdings oft, ihren Tango ein bissele zu dekorieren ;) Und ich schreibe hier von ganz normalen Frauen, die einfach gerne und schon lange tanzen. Nicht von Balletteusen, die auf der Bühne äußerst routiniert die Fuß-Blut-Schmerzen unter Lächelschminke verstecken.

Folgt der Betrachter der sexy Beinlinie nach oben und trifft auf ein verkniffenes Gesicht, schränkt das den Erotikfaktor erheblich ein. Der Zauber entsteht durch entspannt-lässige Eleganz - katzenhaft halt. Und hast du schon mal eine Katze mit Absätzen gesehen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass gut trainierte, geschmeidige Füße den klassischen Glitzi-Glänzi-Peeptoe tolerieren und vor allem händeln bzw. füßeln können! Wenn dir die Füße nicht wehtun, wenn du gut klarkommst: rein in die Hülle des Begehrs und ab auf die Piste! (Dann brauchst du auch keinen Kurs "Gehen in hohen Schuhen".)

Falls nicht, wage ich zu fragen: 
  • Warum tust du dir das an?
  • Wer tanzt Tango? Du oder deine Schuhe?
  • Willst du schön sein oder (schön) tanzen? 
  • Willst du dir im Zweifelsfall wirklich einen prinzigen Schuhfetischisten an Land ziehen, dem der Tango wurscht ist?
  • Wenn schön tanzen "nur" in bequemen Schläppchen funktioniert, warum probierst du's nicht mal öffentlich?
  • Warum lässt du deinen Pfoten nicht einfach ein wenig Zeit, stärker und geschmeidiger zu werden, bevor du dich ans Meisterinnengerät wagst?
Herrschaft! Wir haben es doch auch geschafft, bequemere Vorrichtungen zur Linderung der Schwerkraftwirkung bezüglich unserer sekundären weiblichen Geschlechtsmerkmale einzuführen! Ein Sport-BH aus Microfaser ist halt mal bequemer als das Schnürkorsett. Und hat den Vorteil, dass Atmen doch möglich ist.

Fazit: 

In der Arbeitsbeschreibung Tangoschuh steht lediglich:
  • Fuß vor Dreck und Tritten schützen.
  • Weich sein: Dem Fuß Bewegungsfreiheit zum Tanzen ermöglich, den Zehen Platz zum Spreizen lassen
  • Schwitzfest und gut putzbar sein.
Mehr nicht.


Deine Füße möchten ein Leben lang halten.
Sei nett zu ihnen.
Neue kaufen ist nicht. 

Der Tangoschuh ist nur ein ergänzendes Werkzeug. Ersetzbar.
Deko darf, aber muss nicht sein.

Ob in Vergrößerungsklötzen wie Vio Tangoforge, in Highheels oder barfußähnlich:
Die Tango-Ausführende bist du!

Viel Vergnügen!
Mit lieben Grüß' an deine Füß'!

Im nächsten Artikel darf der "gemeine Straßenschuh" und sein Verhältnis zum Alltags-Fuß die Hauptrolle spielen.


TangoForge ICC Sessions #1: Vio y Roberto from TangoForge on Vimeo.

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel

P.S.: ... oder lass deine Füße einfach mal behandeln! Schreib mir eine Mail (post@tangofish.de) oder ruf an (08238/9904044), und lass dir einen Termin geben.
 









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Freitag, 14. Juli 2017

Meine Tanzografie

Wie kommt man zum Tango - eine von vielen Antworten




Heute wurde ich vom Blogger-Kollegen Riedl verhört - und er nahm meine Aussagen genauestens zu Protokoll: Tatmotiv, Gelegenheit etc. Deswegen erscheint dieser Doppel-Zusammenarbeits-Artikel gleichzeitig in beiden Blogs. 
Gugschduda: http://milongafuehrer.blogspot.de/

An vieles hab' ich mich schon gar nicht mehr erinnert. Im Gespräch kamen dann doch wieder ein paar alte Grinse-Gespenster an's Licht. Vielleicht ist diese Geschichte eine kleine Ermutigung für andere Tanzfreaks, bei denen sich Verstörung einstellt beim ersten Tangokontakt. Es war nicht immer so wie heute und muss auch nicht so bleiben. Meines Erachtens. Oder m.E.

Ab meinem vierten Lebensjahr lernte ich Ballett, einmal die Woche in einem Studio bei einer tschechischen „Lährärin" – streng, aber bodenständig. Die Aufführungen, die jeweils in der Weihnachtszeit stattfanden, waren toll. Die Kostümierungen, speziell rosa Tutus, nervten mich allerdings gewaltig. Aber ab einer gewissen Kursstufe durfte man Weiß tragen und Spitze tanzen! Mit vierzehn wechselte ich pubertätsbedingt zum Judo (beim Fußballverein wurde ich als Mädchen nicht aufgenommen).

Meinen ersten Tanzkurs habe ich in der 8. Klasse gemacht – mit fünfzehn und der ganzen Klasse. Ich hatte mich soo aufs Tanzen gefreut – Bigband Swing, Rumba, Samba, Wiener Walzer – auf alles, was ich als „Erwachsenen-Tanzmusik“ kannte.


Allerdings sollten wir dann eher zu 80-er Jahre-Discoklängen umeinandertappen: eins, zwei, tapp. eins, zwei, tapp... Das sollte dann Rumba oder was auch immer sein!


Auf den „Nachmittags-Parties“ durfte man auch nicht einfach „nur so“ tanzen: Zu Popmusik hat ein anwesender Tanzlehrer-Azubi dann angesagt, welcher Tanz das sein sollte. Der Tanzpartner fragte dann immer, in welchem Kurs man sei – mit der Antwort: Aha, dann kann ich ja nur die oder die Folge tanzen! Merksatz: „Gebrezelt wird viermal“.


Meine Eltern haben in ihrer Jugend getanzt „wie der Lump am Stecken“ - und früher viele Veranstaltungen besucht. Einmal habe ich meinem Vater nach der Tanzstunde eine „tolle, neue Figur“ beschrieben und gehofft, dass er sie tanzen kann (im Kurs konnte das nämlich keiner). Seine Antwort war nur: „Muss ich das wissen?“


Es war aber nicht gesagt, ob einen überhaupt einer der damals total verbreiteten „Popper“ aufgefordert hat, wenn man als „Hippie-Mädchen“ barfuß oder mit „Birkenstöckern“ erschien – Tanzschuhe waren damals überhaupt kein Thema! Immerhin hatte ich mir als Zugeständnis extra einen Rock angezogen (lila, aus Seide, selber genäht), aber damit konnte man kaum gegen die „höheren Töchter“ anstinken...


Mein Tanzpartner war ein guter Freund, der gutmütig alles mitmachte, was man halt sollte – ein sonderlicher „Tanzdruck“ war bei ihm nicht vorhanden – und nach zweieinhalb Kursen brach er sich dann den Fuß und war tänzerisch nicht mehr einsetzbar. Mir wurde ein „Springer“ zugewiesen – vom Typus „holdes Bürschlein“, inklusive der entsprechenden Starallüren.


Bis dahin hatte ich begriffen, dass es in dieser Tanzschule sicher nicht irgendwann mit „richtigem Tanzen“ losging, sondern immer so weiter. Was ich von meinem Eltern als „Tanzen“ kennengelernt hatte, war dort nicht zu lernen: Sich lässig in die Musik hineinzulegen, übers Parkett zu fetzen und Spaß zu haben. Dass dabei das meiste improvisiert war, wurde mir damals überhaupt noch nicht klar.


Geahnt habe ich es dann auf dem Abschlussball, als bei der „Väter-Töchter-Runde“ bei den Mädchen Angstschweiß und panische Blicke um sich griffen, weil die Väter natürlich überhaupt keine Schritte aus dem Kurs führten, sondern irgendwas tanzten – und das häufig sicher, ja souverän. Auch bei mir war die Nervosität groß, aber zunehmend ließ ich locker und spürte plötzlich: So ähnlich könnte Tanzen sein! Übrigens war in dieser Runde auch ein Tango dabei – neben Rock'n Roll und Pasodoble (bei welchem mein Vater seinen „Stierkämpferblick“ aufsetzte und so den Tanz interpretierte). „Gockeln“ war natürlich bei seiner Tänzergeneration inklusive (ob man nun tanzen konnte oder nicht...).


Da das, was ich unter „so tanzen“ verstand, in meiner Tanzschule nicht gelehrt wurde, habe ich dann aufgehört: keine wirklich motivierende Musik, glatt, lackiert und total spießig.


Nach längerer Zeit kam ich über Jazzdance zum Steptanz. Diesen betrieb ich sehr intensiv, aber einfach so „mal tanzen gehen“ war da auch nicht möglich. Aber wenigstens gab es dabei gute Musik! Über den Swing kam ich dann auf den Tango. Irgendwann war mir dann klar: Auf diese Musik will ich tanzen! Ich besaß damals zwei CDs: Tangos aus den 20-er Jahren und Piazzolla.


Vor fast zwanzig Jahren war es gar nicht leicht, überhaupt einen Tangokurs zu finden! Nach einem Wochenend-Workshop besuchte ich (trotz Verbot des Tangolehrers und allein!) sofort eine Milonga und wusste schlagartig: Da bin ich daheim! Eigenartige, freundliche Menschen, viel Gelächter, verschiedenste Tanzstile, kaum erkennbare Schrittfolgen, unterschiedlichste Musik zwischen Gardel und Narcotango. Und ich traf dort viele aus meinem Kurs, die das Verbot des sofortigen Milongabesuchs ebenfalls ignorierten! Man forderte (ungeachtet irgendwelcher Levels) auf – und wer als Frau dabei nicht die Initiative ergriff, fiel direkt auf! Manche hatten Tanzschuhe, manche nicht – ob Cargohose oder geschlitzter Rock: völlig egal!



Zum Tangotanzen nutzte ich jede Gelegenheit und nahm in den ersten Jahren in meiner Heimatstadt sogar Kurse, Workshops und Practica in Kauf. Inzwischen sind es fast 20 Jahre - und immer noch kann man mich auf Veranstaltungen treffen, die möglichst nahe an die Eindrücke meiner Anfängerzeit heranreichen.


Wäre ich nach meinem Anfängerkurs (und meinem inneren Tanzdruck) damals auf eine Milonga des heute üblichen Zuschnitts geraten, hätte ich sofort wieder aufgehört. Nicht mal die Rentner bei dem Tanztreff der Arbeiterwohlfahrt, wo meine Oma auflegte, schafften es, so ein fade Stimmung zu verbreiten...


Und mein Vater hätte bei einem solchen Anblick einen seiner Lieblingssprüche gebracht:
„Sagt der Scheich zum Emir: Etz zahl'n mir und dann geh mir.“
Und ich hätte ihm geantwortet:
„Sagt der Emir zu dem Scheich: Zahl' mer gar net, geh' ma gleich.“

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel









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Mittwoch, 12. Juli 2017

Schatz! Wir müssen reden!

Ein Muster-Wutbrief

<image article>im-prinzip-tango

SO geht das nicht weiter!

Setz dich dahin, halt einfach mal die Klappe und hör mir zu!
Auch wenn dir deine altbekannten Einwände auf der Zunge brennen.
Kannst dir ja Notizen machen.

Ich halt das so nicht mehr aus!

Was soll ich denn noch alles machen? 

Soll ich die ToDos auf Klopapier schreiben? Das ist ausgerollt ganz schön lang. Aber alles Gelistete ist alleine halt nicht zu schaffen! Beim besten Willen nicht. Auch wenn ich Essen und Schlafen ausließe!

Bad putzen, einkaufen, Rechnungen bezahlen, Wasserhahn montieren, Löcher im Gewand flicken, Blogartikel schreiben, Tippen üben, Website optimieren, an den Buchprojekten arbeiten, neue Schuhbändel für die Tangoschuh besorgen, fortbilden, Zusatzdienste annehmen, die Praxis voll bringen, mit dem Kurzen Mathe, Deutsch und was grad ansteht, lernen, Freundschaften pflegen, zum Friseur respektive Zahnarzt gehen, die Steuer machen, den Müll runterbringen... Und das ist nur die Spitze vom Eisberg!

Da muss manches halt liegen bleiben! 
Später erledigt werden, 
"quick and dirty" 
oder gar nicht.  
 

Immer sind andere wichtiger!

Und zu diesem ganzen Wust schreibst du mir noch honorarfreie Fremdarbeiten auf die Liste - hochwichtig(!), hochdringend(!) - von deren pünktlicher Optimalverwirklichung abhängt, ob sich das Universum weiterdreht. Für den Auftraggeber. Und meine Sachen bleiben mal wieder liegen!

Sorry, dass ich (noch) Zeit und Nerven vertue, wenn ich mich über unverschämte Forderungen heftig ärgere - anstatt die Angelegenheit vollkommen emotionskontrolliert und effizient abzuwickeln! Aber auch hier habe ich - wenn du genau hinschaust - Fortschritte gemacht bezüglich Dauer und Hitzeentwicklung der Ärgerung.

Also lass mich einfach hin und wieder ein wenig traurig sein oder grantig! 
Das ist normal und geht inzwischen quasi nebenher, anschließend vorbei. Und gut ist's.

 

Du meinst wohl, ich strenge mich nicht genug an?

Schau hin! Dann würdest du sehen, dass ich mir den A... aufreiße, um das alles perfekt hinzubringen. Sogar beim Tangotanzen flüsterst du mir hin und wieder ins Ohr, das ginge noch besser, wenn ich mich zusammenreißen tät'.

Ach ja, perfekt: Muss denn immer alles perfekt sein? Wäre in manchen Fällen nicht ein befriedigend  akzeptabel? Dann hat das Waschbecken halt mal Kalkflecken. Fleißbildchenentzug, wenn die Steuer erst im April beim Finanzamt landet? Haare frisurlos, nur hochgesteckt? Beine unter der Hose unrasiert?

JA UND?

Wenn das überhaupt jemand bemerkt, geht die Welt davon nicht unter. Der Einzige, der mich deswegen für einen defizitären Deppen hält, bist du!

Ich weiß, ein "Nein!" zu "Kannst du mal geschwind..." passt dir gar nicht. Musst aber leider damit leben, dass darin oft eine pragmatische Lösung steckt.
Das wirst du schon verkraften. Stell dich nicht so an!

Hin und wieder Hilfe annehmen ist übrigens weder verwerflich noch schwächlich. Auch wenn du es dir nicht vorstellen kannst, es gibt echt Personen, die mich gerne unterstützen!

Andere schaffen das doch auch!

Dein Killerargument! Dankeschön! 
Andere haben sich immer im Griff!


Andere können doch auch...
  • Nachtdienste schieben und zu Recht die Zuschläge kassieren
  • die gelben Säcke termingerecht an den Gartenzaun hängen
  • ein fröhliches Liedlein pfeifend, angetan mit einer gebügelten Bluse gleichzeitig den Wasserhahn polieren und  medizinische Fallbesprechungen im Internet verfolgen UND kommentieren
  • ein Haus bauen, mit zugehöriger Baumpflanzung 
  • ein Legohaus bauen, mit zugehöriger pädagogisch wertvoller Verzierung
  • Artikel in einer Stunde schreiben, veröffentlichen und 10.000 Leser haben
  • nur 5 Stunden pro Tag arbeiten und trotzdem so(!) viel(!) verdienen

Andere reagieren immer selbstbewusst! Haben immer den richtigen Spruch parat, lassen sich nicht an's Bein pinkeln. Und so weiter und so fort!

Du Blödel! Sich mit anderen zu vergleichen, ist der beste Weg, unglücklich zu sein! Such nur wie ein Trüffelschwein, du wirst sie finden, diese Jemande, die besser, schlauer, schöner, erfolgreicher etc. scheinen als ich. Da mach ich nimmer mit!


Ja, du meinst wohl, mir fehle es an Disziplin und Erfolg! Ich bin dir nicht genug?!


Besteht dein Begriff von Disziplin etwa darin, mich wie eine Leibeigene zu behandeln? 
An meiner Selbstoptimierung müsse ich schon noch arbeiten?
Das wäre alles NICHT GENUG! 
Ja, was denn noch alles?
Bin ich ein Roboter oder was?

Nicht genug Erfolg?! Ich solle mir doch andere in meinem Alter anschauen. Die haben's doch auch geschafft: nimm die dicke Klassenkameradin von damals! Die hat eine gutgehende Privatpraxis (Ärztin), zwei wohlerzogene Kinder und ein Haus in bester Gegend!

Dabei ignorierst du standhaft, was ich - gerade in den letzten Jahren - allen Widrigkeiten zum Trotz geschafft habe. Mit zwar entwicklungsfähigem Zeitmanagement, aber dafür einem Haufen Geduld und Spucke. Obwohl mir eine ganze Menge Knüppel zwischen die Füße geworfen wurden, wachsen einige Pflänzchen wirklich gut! Ist das alles nix wert?

Übrigens: Dass die Dicke von damals mit Silberlöffelchen in der Gosch'n bequem studieren konnte und wahrscheinlich schon Zeit ihres Lebens auf einem dicken Budgetpolster für berufliche Pläne gesessen ist, lässt du unter den Tisch fallen. Auch dass deren Kinder von einer Kinderfrau wohlerzogen werden. Zu welchem Preis solche Töchter und Söhne das sippeneigene Vermögen nutzen dürfen, verschweigst du wohlweislich. Ich kenne aber den Tarif! Ist mir zu teuer. Also lass mich damit zufrieden!


Hör auf, mir ein schlechtes Gewissen einzureden!

Arbeite ich, sagst du mir, ich wäre eine Rabenmutter. Bin ich als Muttertier unterwegs, wirfst du mir vor, mich in der typisch weiblichen Kuschelecke verstecken. Tangotanzen? Ineffektiv! Das ist weder Familien- noch anderweitig als "Arbeit" gültig. Nur irrelevanter Luxus.

Lass mich mit diesem Quatsch endlich in Ruhe!

Ich arbeite wirklich gerne! In der Stellenbeschreibung für Mütter steht (glaub' ich): "Sei ein Vorbild." Ist es also verwerflich, wenn ich meiner Brut vorlebe, dass es ganz cool ist, wenn man sich selber versorgen kann? Eben nicht auf externe geldige Vitaminspritzen angewiesen ist, um sein Leben zu meistern?

Familienchillen inklusive eisvertilgend Mau-Mau spielen ist doch keine Zeitverschwendung! Spinnst du? Außerdem ist es eine spannende Sach' zu verfolgen, wie ein Krümel sich zur Torte entwickelt. Oder Kaisersemmel? Schauen wir mal.

Und Tango? Hey, ich kann doch nicht immer nur arbeiten! Und der Krümel wächst auch mal ein paar Stunden ohne mich weiter. Tango ist Nahrung für die Seele. Und ich werde jetzt auf keinen Fall anfangen, Gründe wie "Depressionsprophylaxe" oder "TanzSPORT" in den Ring zu werfen. SO muss ich mich vor dir echt nicht rechtfertigen!


Du meinst wohl, ich wüsste nicht, was ich will?

Doch. Meistens.
Aber muss ich das immer so genau wissen? Muss ich so genau wissen, wo ich in zehn Jahren stehe? Muss ich immer den ultimativen Plan in der Kitteltasche haben? Mit Zwischenzielen und haargenau definierten Anzeichen, ob ich diese auch erreicht habe? Immer den Plan B (bis Plan Z) parat haben? Darf ich denn nix einfach auf mich zukommen lassen?

Es läuft doch! Angenehme, inspirirende Arbeit, Zeit für Kind und Kegel, Futter für Hirn und Tangofüße. Diridari stimmt auch. Also, was willst du?!

Nix bleibt, wie's ist: Die Welt funktioniert nicht ausschließlich nach deinen Plänen. Das ist eine Illusion, hübsch zwar, an der Alltagstauglichkeit mangelt's aber schon gewaltig. Die Menschen im Umfeld sind keine Statisten, haben eigene, unkalkulierbare Pläne. Arbeits(platz)- und Wettbewerbsbedingungen können sich ändern, Kunden sterben oder ein Umzug wird nötig. Sogar die Tangoszene kommt heute anders daher als vor zehn Jahren. Was ist dann mit deinem ultimativen Plan?

Lass mich halt einfach ein bissel flexibel bleiben! Was weiß denn ich, was mich in zehn Jahren interessieren wird, was ansteht, welche Möglichkeiten verschwunden sein werden und vor allem, welche feinen Chancen sich ergeben werden. Mir Sorgen machen und Lösungen finden werd ich schon, wenn's soweit ist. Da fließt noch viel Wasser den Lech hinunter!


Lass mir einfach mein' Ruh'!

Lass mich halt einfach JETZT, heute das tun, was ansteht!
Und damit zufrieden - wenn nicht sogar glücklich sein.


Sonst folgen Konsequenzen, die dir nicht gefallen werden.
Host mi?

*******
Diese Brief kannst du natürlich 

AUCH 

deinem Ehegatten, Freund, Kind oder (in den Formulierungen etwas angepasst) deinem Chef vorlesen. Bringt aber im Off-Label-Use erfahrungsgemäß nicht viel, da falscher Adressat.

So richtig wirksam wird der Brief, wenn du ihn dir selber vorliest, dich selbst ansprichst. 

Ich mach das, wenn's mal wieder nötig ist. Ehrlich! In Folge werde ich erst muffig, grantele mich ein paar Stunden durch die Welt, bis ich dann beschließe, ein wenig netter zu mir zu sein. 
Das tut gut! Die Gelassenheit kommt zurück. 

Probier's aus! Selbstverständlich darfst du Aspekte hinzufügen oder streichen. Fühl dich frei! Keine Hemmungen. Aber versuche, nur so streng wie nötig mit dir zu sein ;)

Der Minibuddha auf dem Fuß meines Bildschirms lächelt. Und ich verstehe wieder seinen Glückskeks-Spruch, auf dem er so gerne sitzt: "Liebe lehrt tanzen."

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







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Montag, 3. Juli 2017

Globuli-Geld

Geht es bei der vehemten Verteidigung homöopathischer Pfründe etwa um den schnöden Mammon?

<article image> im prinzip tango: globuli-geld
Gleiches mit Gleichem heilen: Lampenfisch D6
Noch nie musste ich mich als Heilpraktikerin rechtfertigen, dass ich nicht mit Blutegeln arbeite.

Meine Homöopathieverweigerung löst dagegen regelmäßig schwerste Irritationen aus.
"Ja, was machst du dann als Heilpraktikerin?", folgt dann oft auf dem Fuße. Und ich staune, wie sorgfältig und nachhaltig das Image des Gegenentwurfs zur "harten Schulmedizin" und "bösen Pharmaindustrie" in den Köpfen der heilpraktischen Kollegen und Patienten festgeklopft wurde.

Ärzte sind da in vielen Fällen keine Ausnahme: Stelle ich mich einem (nicht selbst Homöopathie praktzierendem) Mediziner mit Nennung meines Berufs vor, höre ich oft sofort - die Blume weggelassen - die Behandlung mit wirkstofffreien Medikamenten wäre gefährlicher, nicht ernst zu nehmender Quatsch. Stimme ich dann zu, ist wieder ein konstruktives Gespräch möglich.

Was mich dabei wirklich böse stimmt, ist die aggresiv-arrogante Vehemenz, mit welcher eingefleischte Homöopathie-Ideologen ihre Pfründe verteidigen. In der Facebookgruppe für Heilpraktiker konnte ich einige Male live beobachten, was passiert, wenn man an der Wirkung von Globuli zu zweifeln wagt (...oder eine Impfung in Betracht zieht. Aber das ist ein anderes Thema.).

Zuerst erfolgen bestimmerseits Belehrungen für den unerleuchteten Naivling , natürlich in einfachen Worten, sonst versteht er's ja nicht. Verschwörungstheorien über den medizinischen Wissenschaftsbetrieb und die Pharmaindustrie handgestrickt. 
Fragt er (unbelehrbar) weiter, interessiert an einer sachlich-fachlichen Diskussion -  in dieser Sache wirklich naiv auf gegenseitigen Respekt hoffend - folgt Gruppenbeißen.
Besonders verpönt ist die aufmüpfige Frage: „Medizin hat mit unserem Beruf nicht viel zu tun?“ Antworten hierauf gibt's nicht. Zur Strafe! Pfui, Nestbeschmutzer!
Diesen Argumentationsprozess kenne ich aus dem traditionellen Tangomilieu. Auch dort wohnen Ideologen, die an einer sachlichen Diskussion kein Interesse haben.

Das beliebte Totschlagargument "Sonst wären ja unsere Homöopathie-Praxen nicht voll!" (respektive Tangokurse oder Milongas), stimmt mich nachdenklich. Worum geht es hier eigentlich? Wovon fühlen sich die Herrschaften Experten so bedroht?

Versteh mich nicht falsch: Ich bin der festen Überzeugung, dass schon sehr viele Homöopathen ihren Patienten helfen konnten. Aber ob es die verabreichten Globuli waren? Da sträubt sich einfach mein Verstand. Sorry. Lieber gehe ich konform mit der Aussage des guten, alten Paracelsus: "Der Mensch ist des Menschen beste Medizin". Was das Argument, Globuli wirkten auch bei Babys und Tieren, erklärt. Die reagieren erfahrungsgemäß am besten auf Zuwendung, da sie via Wortsinn schwer bis gar nicht zu erreichen sind. Nichts wünsche ich mir mehr, als dass Paracelsus' uralte Haltung in der Pflege, Heilkunde und Schulmedizin wieder beherzigt wird. Braucht's dazu Zuckerböbele?

Ein Vorwurf, der ausgewiesene Homöopathiekritiker wie z.B. Frau Dr. Nathalie Grams trifft, kann einen auf die richtige Spur bringen: Sie wäre von der Pharmaindustrie gekauft. Es ginge nur um's Geld. (siehe hier: http://news.doccheck.com/de/blog/post/6569-als-globuli-gegner-wird-man-nicht-reich/)

Die eigenen Beweggründe dem Gegenüber zudichten? Gleiches mit Gleichem bekämpfen? Aber unverdünnt! Projektionen sind menschlich - im Tango und in der Medizin. In der Tangobranche und im Medizinbetrieb. Wer will hier verdienen? Und wenn ja, wieviel?

Homöopathie - ein marketingtechnisches Zauberwort

Wer es denn nun endgültig geschafft hat, in den Köpfen Hahnemanns Methode mit Naturheilkunde gleichzusetzen, ist mir immer noch nicht ganz klar. Die Heilpraktiker- Berufsverbände? Oder Frau Dr. Veronika Carstens, die Ehefrau des ehemaligen Bundespräsidenten Karl Carstens? Dabei sind das zwei verschiedene Paar Stiefel! Trink ein Schnapsglas Rizinusöl, dann weißt, was ich meine. Obwohl ich diese Vermischung samt zugehöriger Verschwörungstheorie strikt ablehne, gebe ich unumwunden zu: ein Geniestreich der Homöopathielobby!

Homöopathie gilt als sanft, frei von Nebenwirkungen, bewusst und achtsam, schon irgendwie bio (oder vegan oder was für den guten Menschen von heute halt wichtig ist).

Verkauft werden die Globuli oder Tropfen in unscheinbar daherkommenden Verpackungen, oft mit einem winzigen Retrotouch. So grenzen sie sich augenfällig von den "fiesen" normalen Medikamenten ab. In den Döschen kullern kleine, feine, persilweiße Süßperlen, so unschuldig. Du erkennst auf den ersten Blick: Das haben die "Guten" gemacht! Da ist Homöopathie drin. Auch die Werbung in den Medien und Apotheken zielt in Wort und Bild auf "bewusste Achtsamkeit". Eine hübsche Illusion?

Globuli werden nicht von fair bezahlten, gesinnungsmäßig einwandfreien anthroposophisch Arbeitenden bei Mondlicht zart und glücklich vom Himmel heruntermeditiert: Ihr Geburtsort ist eine Fabrik, die "Hebammen" Pharmazeuten. In die Welt hinaus begleitet werden die lieben  Zuckerkügelchen von findigen Werbefachleuten und Vertrieblern. Um dann via Apotheke Profit zu erwirtschaften. Ist ja nicht schwer, da frei verkäuflich, verwendbar an Frau, Mann, Kind, Hund, Katze, .... "Ich hätt' Ihnen da auch was Homöopathisches...." Oder "Ich hätt' Ihnen da noch was zusätzliches Homöpathisches zur Unterstützung Ihres [beliebigen Medikamentenname und oder Krankheit einsetzen]..." Klingeling in der Kasse.

Anmerkung am Rande: Warum sind Zubereitungen, die keinen (?) Wirkstoff mehr enthalten, apothekenpflichtig? Sogar Johanniskraut und Weißdorn sind in Drogeriemärkten käuflich zu erwerben... 

Der Zusatz "Homöopathie" auf dem Praxisschild verspricht fast automatisch Kundschaft. Die Beihilfe und viele Privatkassen erstatten diese Leistung meist problemlos. Eine große Zahl von Patienten hat heutzutage zudem Zusatzversicherungen ("Heilpraktikerversicherungen"), die für diese Methode die Kosten übernehmen. Sogar die gesetzlich Versicherten, so flüstern Gerüchte, sollen schon in den Genuss der H-Behandlung gekommen sein.
Von diesen Regelungen profitieren nicht nur Heilpraktiker, sondern auch Hebammen, Tierärzte und Humanmediziner. 
Für eine von einem Heilpraktiker durchgeführte Erstanamnese (1 Stunde) erstattet z.B. die Beihilfe ihren Versicherten 80 € (GebüH). War ein Arzt am Werk, kommen sogar ca. 120 € zurück. Kein ganz schlechter Verdienst, vergleicht man z.B. mit dem beihilfemöglichen Heilpraktiker-Honorar für eine Massage von max. 18 €.

Zum Homöopathen zu werden ist nicht so schwer. Die Bezeichnung ist nicht geschützt, die Ausführung setzt jedoch das Bestehen der Heilpraktiker-Prüfung voraus - die Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde. Den ganzen lernaufwändigen Anatomieschmus und die blöde Schulmedizin brauchst du zwar für die HP-Prüfung, danach nicht mehr. Aber ist diese Klippe erst geschafft, wird die Hahnemann'sche Methode für viele heilpraktische Kollegen die der Wahl sein.

Die Homöopathie ist wunderbar ungefährlich - zumindest solange wirklich behandlungspflichtige Erkrankungen und Notfälle ausgeschlossen werden (können).
Die verwendeten Medikamente enthalten keine nachweisbaren Wirkstoffe. Nebenwirkungen? Fehlanzeige. Wie auch?

Bleiben die gewünschten Wirkungen aus, hat der Patient vielleicht doch seine Zähne mit einer Minzzahnpasta geputzt? Der Therapieerfolg ist oft schwer messbar: Die Patienten "machen halt zusätzlich zur schulmedizinischen Behandlung noch was mit Homöopathie". Einige Krankheiten heilen mit oder ohne Therapie. Und ich wage zu behaupten, dass so manche "Störung" erst durch Betrachtung mit der homöopathischen Brille behandlungsbedürftig wird. Da werden kleine Menschen zu typischen "Calcium Carbonicum Kindern". Außerdem hat jeder mal Blähungen. Postlinseneintopf.

Online Fernkurse gibt es zuhauf, falls man einen belegen möchte. Auch Fachliteratur wächst wie Laub auf den Bäumen. Sich das entsprechende Wissen und vor allem Vokabular anzueignen, scheint mir machbar. Die Theorien sind zwar - mit Verlaub - bizarr, aber schematisch aufgebaut und in sich stimmig, solange die Weltsicht ausschließlich eine anthroposophische ist.

Das benötigte "Medikamentenmaterial" ist wirklich leicht in jeder Apotheke zu bekommen. Die Bezeichnungen klingen sehr cool und sehr wissenschaftlich: Ixilir ypsilum D6. "Mehr Bewegung, weniger essen" kommt dagegen sprachlich und von der Idee her eher plump daher, recht unsexy.

Zudem gilt die Therapie als "nicht invasiv", was die Praxiseröffnung vereinfacht, da viele hygienische Vorgaben des Gesundheitsamts gar nicht zum Tragen kommen. Die Homöopathie ist so schön sauber! Keine Sauerei zu erwarten wie bei den Blutegeln.

Mist! Jetzt hab ich mich fast schon selbst davon überzeugt, doch noch Homöopathie zu lernen. Rentieren würd' sich's schon. Mein Geldbeutel grinst teuflisch. Wäre doch viel einfacher gewesen, den anthroposophiegeneigten Eltern Calcium Carbonicum Hahnemanni D6 (3 x tgl. 5 Globuli) oder Clematis recta D12 zu verschreiben, natürlich nach Repertorisation lege artis. Statt dessen riet die "alte Krankenschwester" in mir, das Baby 2- statt 8-stündlich zu wickeln, dabei jedes Mal lauwarm zu waschen und gut abzutrocknen, Luft und Sonne an die Popohaut zu lassen und Bepanthen gemischt mit Zinkpaste anzuwenden. Meinetwegen auch eine zinkhaltige Bio-Wundschutzcreme. Kam nicht so gut an.

Trotzdem würde ich mir eher einen Zeh abbeißen, als in einer solchen Situation mit bodenständigen, erfahrungsgemäß wirksamen Vorschlägen hinter'm Berg zu halten. Oder in einer anderen massierend-mobilisierend-manualtherapeutisch Hand anzulegen.

Außerdem mag ich meine Methoden zu gerne, um davon zu lassen. Weil ich so ganz direkt via Berührung am Patienten spüren kann, wo es "klemmt", wie es sich dann löst und wie der Behandelte sich wieder leichter und schmerzärmer bis -frei bewegen kann. Ein behandeltes Knie wieder Tango tanzen mag. Den Therapiererfolg konnte ich per "Probefahrt" auf der Piste verifizieren.

Und das geb ich für kein Globuli-Geld der Welt her.


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel

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Nachtrag am 05. August 2017: 
Ein interessanter Artikel von Udo Endruscheit im Blog "Die Erde ist keine Scheibe", in dem die Verquickung Apotheken und Hömöopathika genauer beleuchtet wird: http://die-erde-ist-keine-scheibe.de/2017/08/05/apothekenpflicht-fuer-homoeopathika-ein-kleiner-debattenbeitrag/








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