Freitag, 14. Juli 2017

Meine Tanzografie

Wie kommt man zum Tango - eine von vielen Antworten




Heute wurde ich vom Blogger-Kollegen Riedl verhört - und er nahm meine Aussagen genauestens zu Protokoll: Tatmotiv, Gelegenheit etc. Deswegen erscheint dieser Doppel-Zusammenarbeits-Artikel gleichzeitig in beiden Blogs. 
Gugschduda: http://milongafuehrer.blogspot.de/

An vieles hab' ich mich schon gar nicht mehr erinnert. Im Gespräch kamen dann doch wieder ein paar alte Grinse-Gespenster an's Licht. Vielleicht ist diese Geschichte eine kleine Ermutigung für andere Tanzfreaks, bei denen sich Verstörung einstellt beim ersten Tangokontakt. Es war nicht immer so wie heute und muss auch nicht so bleiben. Meines Erachtens. Oder m.E.

Ab meinem vierten Lebensjahr lernte ich Ballett, einmal die Woche in einem Studio bei einer tschechischen „Lährärin" – streng, aber bodenständig. Die Aufführungen, die jeweils in der Weihnachtszeit stattfanden, waren toll. Die Kostümierungen, speziell rosa Tutus, nervten mich allerdings gewaltig. Aber ab einer gewissen Kursstufe durfte man Weiß tragen und Spitze tanzen! Mit vierzehn wechselte ich pubertätsbedingt zum Judo (beim Fußballverein wurde ich als Mädchen nicht aufgenommen).

Meinen ersten Tanzkurs habe ich in der 8. Klasse gemacht – mit fünfzehn und der ganzen Klasse. Ich hatte mich soo aufs Tanzen gefreut – Bigband Swing, Rumba, Samba, Wiener Walzer – auf alles, was ich als „Erwachsenen-Tanzmusik“ kannte.


Allerdings sollten wir dann eher zu 80-er Jahre-Discoklängen umeinandertappen: eins, zwei, tapp. eins, zwei, tapp... Das sollte dann Rumba oder was auch immer sein!


Auf den „Nachmittags-Parties“ durfte man auch nicht einfach „nur so“ tanzen: Zu Popmusik hat ein anwesender Tanzlehrer-Azubi dann angesagt, welcher Tanz das sein sollte. Der Tanzpartner fragte dann immer, in welchem Kurs man sei – mit der Antwort: Aha, dann kann ich ja nur die oder die Folge tanzen! Merksatz: „Gebrezelt wird viermal“.


Meine Eltern haben in ihrer Jugend getanzt „wie der Lump am Stecken“ - und früher viele Veranstaltungen besucht. Einmal habe ich meinem Vater nach der Tanzstunde eine „tolle, neue Figur“ beschrieben und gehofft, dass er sie tanzen kann (im Kurs konnte das nämlich keiner). Seine Antwort war nur: „Muss ich das wissen?“


Es war aber nicht gesagt, ob einen überhaupt einer der damals total verbreiteten „Popper“ aufgefordert hat, wenn man als „Hippie-Mädchen“ barfuß oder mit „Birkenstöckern“ erschien – Tanzschuhe waren damals überhaupt kein Thema! Immerhin hatte ich mir als Zugeständnis extra einen Rock angezogen (lila, aus Seide, selber genäht), aber damit konnte man kaum gegen die „höheren Töchter“ anstinken...


Mein Tanzpartner war ein guter Freund, der gutmütig alles mitmachte, was man halt sollte – ein sonderlicher „Tanzdruck“ war bei ihm nicht vorhanden – und nach zweieinhalb Kursen brach er sich dann den Fuß und war tänzerisch nicht mehr einsetzbar. Mir wurde ein „Springer“ zugewiesen – vom Typus „holdes Bürschlein“, inklusive der entsprechenden Starallüren.


Bis dahin hatte ich begriffen, dass es in dieser Tanzschule sicher nicht irgendwann mit „richtigem Tanzen“ losging, sondern immer so weiter. Was ich von meinem Eltern als „Tanzen“ kennengelernt hatte, war dort nicht zu lernen: Sich lässig in die Musik hineinzulegen, übers Parkett zu fetzen und Spaß zu haben. Dass dabei das meiste improvisiert war, wurde mir damals überhaupt noch nicht klar.


Geahnt habe ich es dann auf dem Abschlussball, als bei der „Väter-Töchter-Runde“ bei den Mädchen Angstschweiß und panische Blicke um sich griffen, weil die Väter natürlich überhaupt keine Schritte aus dem Kurs führten, sondern irgendwas tanzten – und das häufig sicher, ja souverän. Auch bei mir war die Nervosität groß, aber zunehmend ließ ich locker und spürte plötzlich: So ähnlich könnte Tanzen sein! Übrigens war in dieser Runde auch ein Tango dabei – neben Rock'n Roll und Pasodoble (bei welchem mein Vater seinen „Stierkämpferblick“ aufsetzte und so den Tanz interpretierte). „Gockeln“ war natürlich bei seiner Tänzergeneration inklusive (ob man nun tanzen konnte oder nicht...).


Da das, was ich unter „so tanzen“ verstand, in meiner Tanzschule nicht gelehrt wurde, habe ich dann aufgehört: keine wirklich motivierende Musik, glatt, lackiert und total spießig.


Nach längerer Zeit kam ich über Jazzdance zum Steptanz. Diesen betrieb ich sehr intensiv, aber einfach so „mal tanzen gehen“ war da auch nicht möglich. Aber wenigstens gab es dabei gute Musik! Über den Swing kam ich dann auf den Tango. Irgendwann war mir dann klar: Auf diese Musik will ich tanzen! Ich besaß damals zwei CDs: Tangos aus den 20-er Jahren und Piazzolla.


Vor fast zwanzig Jahren war es gar nicht leicht, überhaupt einen Tangokurs zu finden! Nach einem Wochenend-Workshop besuchte ich (trotz Verbot des Tangolehrers und allein!) sofort eine Milonga und wusste schlagartig: Da bin ich daheim! Eigenartige, freundliche Menschen, viel Gelächter, verschiedenste Tanzstile, kaum erkennbare Schrittfolgen, unterschiedlichste Musik zwischen Gardel und Narcotango. Und ich traf dort viele aus meinem Kurs, die das Verbot des sofortigen Milongabesuchs ebenfalls ignorierten! Man forderte (ungeachtet irgendwelcher Levels) auf – und wer als Frau dabei nicht die Initiative ergriff, fiel direkt auf! Manche hatten Tanzschuhe, manche nicht – ob Cargohose oder geschlitzter Rock: völlig egal!



Zum Tangotanzen nutzte ich jede Gelegenheit und nahm in den ersten Jahren in meiner Heimatstadt sogar Kurse, Workshops und Practica in Kauf. Inzwischen sind es fast 20 Jahre - und immer noch kann man mich auf Veranstaltungen treffen, die möglichst nahe an die Eindrücke meiner Anfängerzeit heranreichen.


Wäre ich nach meinem Anfängerkurs (und meinem inneren Tanzdruck) damals auf eine Milonga des heute üblichen Zuschnitts geraten, hätte ich sofort wieder aufgehört. Nicht mal die Rentner bei dem Tanztreff der Arbeiterwohlfahrt, wo meine Oma auflegte, schafften es, so ein fade Stimmung zu verbreiten...


Und mein Vater hätte bei einem solchen Anblick einen seiner Lieblingssprüche gebracht:
„Sagt der Scheich zum Emir: Etz zahl'n mir und dann geh mir.“
Und ich hätte ihm geantwortet:
„Sagt der Emir zu dem Scheich: Zahl' mer gar net, geh' ma gleich.“

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel









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