Dienstag, 29. August 2017

Liebes Tagebuch: Manchmal bin ich froh, dass....

Geht's noch? Schau genau!

Eine Milonga, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2017. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Tango argentino, das mit seiner Besatzung seit Ende des 19. Jahrhunderts unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neue Zivilisationen, neues Leben. Viele Lichtjahre vom normalen Leben entfernt dringt der Tango in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Ja, Pfeifendeckel. Von wegen 2017. Da muss was verkehrt eingestellt worden sein. Gestern Abend zumindest hat's ganz gewiss nicht gestimmt:

Ich war noch alleine da. Die Dame mir gegenüber im Saal ebenso. Sie wird eher selten vom Mannsvolk aufgefordert. Hübsche Musik, kann man nicht liegenlassen. Da ich mit ihr gerne tanze, blicken wir uns artig regelkonform an, lächeln, ich gehe zu ihr und nehme schon mal meine Brille ab.

Auf dem letzten Viertel des Weges schneidet mir einer der lokalen Eingeborenen - ein männliches Exemplar - den Weg ab, grinst und versucht, meine Hand zu packen. Meine Zieldame sitzt. Lächelt. Demütig etwa?

Meinen Einwand, dass da schon ein anderer Aufforderungsprozess läuft - ich zeige ihm meine Partnerin - wischt er beiseite: "Das könnt's ihr ja später machen!", und schleift mich abrazierend auf die Piste. Mein "Hey, Moment einmal..." bleibt mir trotz garagentorweit-offener Gosch'n im Halse stecken. Ich bin einfach nur perplex ob dieses Verhaltens. Nicht nur, dass er der Dame die Tanzgelegenheit vor der Nase wegschnappt, er brüskiert auch mich, weil ich schon pflege, Versprechen einzuhalten.

In seiner Vorstellung gelte ich wohl als Tänzerin, mit der man(n) allen möglichen, ausgefuchsten Schnickschnack veranstalten kann, den nicht viele Tangueras in der Senkrechte "stehen" können. Wilde Ausheber, Achsenkippungen und solche Geschichten. Kann ich, mach ich gern, wenn ich ganz sicher bin, dass der Tänzer weiß, was er tut. Ich kann sogar meistens kompensieren und Balance halten, wenn er das noch nicht so sicher drauf hat, und ihn außerdem gut aussehen lassen. Kein Problem. Aber wenn ein (gefühltes) Alphamännchen meint, er müsse mich, um sein Vergnügen und seinen Ruhm zu steigern, wild umeinanderschmeißen, werde ich bockig. Pardon.

Willst du Spaß, beachte meine Achse! Ohne die geht nämlich nix.
Wenn es die Vernunft zusätzlich gebietet, auf Sicherheit zu tanzen, weil das Parkett einer Eisbahn gleicht, erst recht. Wird dem Esel zu wohl, geht er auf's Eis - würde meine Oma jetzt sagen. Sollen Esel übermütig werden, wie sie wollen, ihre Sach' - von Weiber-Schlenzen aber war da nie die Rede!

Nach dem ersten Stück merkt der Gute an, dass letzte Woche ja mindestens zehn Männer zu viel da waren. "Eine Verschwendung wertvoller Ressourcen!" Und wenn ich da noch daher käme und Frauen auffordere, den Männern wegnähme, mache das alles noch viel schlimmer!
Die Herren könnten ja auch mit ihresgleichen tanzen, ist für ihn kein Argument. Auch, dass sie das annodazumal ebenfalls getan hätten. Er wolle sich nicht führen lassen, das könne er nicht so gut.

Noch ein weiterer Tango, in dem ich mich einspreize wie ein Katze, die du in die Waschmaschine stopfen willst. Dann Trennung in beiderseitigem Einverständnis. Er wendet sich hinfort seinen Stammtänzerinnen zu: Eingeborinnen, die seinen Stil goutieren, gleichschwingen in der Haltung "Das-Beste-für-mich-und-zwar-gleich".

Erst, als ich zurück auf meinem Platz bin, fällt mir die passende Antwort auf seine Frauen-Frauen-Aufforderungs-Verhinderungsaktion ein: "Ladys first!" Wäre echt cool gewesen. Ich schreib den Satz auf meinen internen Zettelkasten und wiederhole ihn im Stillen 23 Mal, um ihn bei der nächsten entsprechenden Situation wirklich im aktiven Repertoire zu haben. Und ärgere mich noch ein bissel nach.

Wie gesagt, der Chronometer zeigt 2017 an. Nicht 1953 oder so. Kein Fehlerlämpchen leuchtet am Gerät. Eigenartig. Da waren die Frauen doch schon in weiten Teilen gleichberechtigt?

Statt in weiblichem Emotionaldrama zu verharren, beschließe ich, die Sache wie ein Mann (!) anzugehen. Sachlich! Rational! Mit kühlem Gemüt! Wer sich wie ein Mann (!) verhält - sich das Recht der Frauen-Aufforderung herausnimmt - muss schließlich auch so rational die Fakten betrachten können. Und was ist am sachlichsten? Jep. Rechnen. (Bitte beachte: Trotz allem so Tun, bin ich immer noch eine Frau und mathematisch defizitär, sei gnädig.)

Angabe: 30 Gäste (g) auf der Milonga, davon 20 männlich (m), 10 weiblich (w).
(20*m) + (10 w)=30g

"Paaren" sich nun jeweils 1m und 1w, passiert Folgendes: 
(10*m)+(10*w)=20g [tanzend]
30g-20g=10g
10g= (10*m)+(0*w)  
10g ist also rein männlich. Da sämtliche w in Nutzung.
Klar?
Antwort: 10 Männergäste bleiben übrig.

Wie kann es dann sein, dass 2w übrig bleiben und miteinander tanzen?
(8*m)+(8*w)=16g [tanzend]
 20m-8m=12m
10w-8w=2w

Aha! 2 männliche Exemplare haben NICHT getanzt, eine Verpaarung verweigert. Daraus folgt, dass 2 Gästinnen sitzen blieben. Sonst hätte die eine ja gar keine Gelegenheit gehabt, die andere aktiv aufzufordern.

q.e.d. (was zu beweisen war)
Nein, ich korrigiere: q.e.e. (was zu erwarten war)

Eine andere Möglichkeit, die Situation zu lösen, möchte ich den Männer-tanzen-miteinand-Verweigerern anbieten. (Für's Weibsvolk wäre folgende Sicht der Dinge eh klar.)

It takes 2 to tango! Richtig?
Einer führt. Einer folgt. Richtig?
Willst du als Mann nicht geführt werden oder meinst, es nicht zu können, bliebe auch hier in 50% die führende Rolle. Richtig?
Also? Wo liegt das Problem?
Was, du magst keine Männer anfassen? Das fühlt sich nicht gut an? Jetzt komm mir hier nicht mit so einem Gefühls-Schmus daher! Weibisch!

Mei, ist das alles logisch und sachlich und faktisch und so! So männlich. Macht Spaß! Echt!

Manchmal bin ich wirklich froh, dass heute sowas nicht mehr der Hexenbranche zugeschrieben wird. Und selbige einfach durch Verbrennen zu entfernen, ist auch nicht mehr gesellschaftlich kompatibel.

Aber ich will jetzt trotzdem, zurück im gewohnt-XX-gesteuerten Hirn, noch erwähnen, dass der oben beschriebene Eingeborene meiner Freundin kräftig auf den Fuß gelatscht ist. Ob er sich entschuldigt hat, weiß ich nicht.
Damit hat er sich bei mir aber endgültig 's Kraut ausg'schütt!
Ganz ohne faktisch-sachliche Betrachtung.

Live long and prosper.
Ende der Folge.



Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







Quellen: XXX

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Freitag, 18. August 2017

Die richtigen Schuhe

Der "gemeine Straßenschuh" und sein Verhältnis zum Alltags-Fuß





Heute geht es nicht um spezielle Zierausstattung ganz untenrum - den Tangoschuh (lies hier) - sondern um die sogenannten "richtigen" Schuhe, die du im Alltagsmodus am besten trägst und so deinen Füßen etwas Gutes tun kannst.

In jedem meiner Fuß-Kurse poppt die Frage nach den richtigen Schuhen auf. Auch meine fußproblematischen Patienten suchen häufig die eine, ultimative Antwort. Und dann muss ich sie enttäuschen: Es gibt sie nicht.
Die unzähligen Verlautbarungen der versammelten Experten zur optimalen füßischen Bekleidung widersprechen sich oft. Meiner Erfahrung nach muss man die pauschalen Aussagen einschränken mit "kommt ganz darauf an..."
Wie ist dieser Individualfuß beieinander? Wie beweglich? Wie gut oder mäßig trainiert? Wie sieht's mit dem Fußgefühl aus? Hat dieser Fuß schon Probleme? Oder hat er sich schon verformt? Welche Möglichkeiten der Verbesserung hat genau dieser Mensch vor mir? (Eine 87-jährigen Halluxpatientin wirst du kaum vom Segen des Barfußschuhs überzeugen können. Weil sie sich vielleicht nicht mal so weit bücken kann, um die Schuhbändel zu binden.)

Was denn nun? Minimalschuhe? Oder brauchen Füße Unterstützung - ein orthopädisch wertvolles Fußbett und Knöchelstütze? Oder ganz ohne? Barfuß ist gesund! Aber nackige Latschen im Büro gehen halt gar nicht.

Da muss ein Kompromiss her, ein gangbarer, realistischer Weg!


Aber beginnen wir lieber am Anfang, bei der Anatomie unserer Füße:
Dort haben die göttlichen Baumeister pro Seite 26 Knochen verbaut. Diese sind an 33 Stellen gelenkig verbunden. Muskeln, Minimuskeln, Faszien, Sehnen (ca. 100 Stück!) und sonstiges Bindegewebe sorgen dafür, dass die harten Bauteile ordentlich beisammen bleiben und sich trotzdem gegeneinander bewegen können. Für die Steuerung sind Nerven zuständig, die teilweise direkt im Fuß wohnen. Andere vermitteln ihre Befehle aus dem motorischen Zentrum deines Gehirns: Anweisungen, die aus den Fuß-Rezeptor-Informationen resultieren - über deine Körperhaltung sowie deine Gesamtbewegung im Raum.
Da haben die Konstrukteure ein echtes Meisterwerk hingelegt! Vorausgesetzt, alle Beteiligten dürfen und können effektiv koordiniert zusammenarbeiten: himmlischer Optimalzustand!

Aber woher kommen denn dann die Fußprobleme? 
Nutzen sich unsere so fein konstruierten Hinterpfoten im Laufe des Lebens ab? Bedeutet aufrechter Gang ständige Überlastung?

Oder hätten wir keine Schwierigkeiten, wenn wir von Anfang an auf Schuhe verzichten würden, unsere Füße wildnatürlich agieren dürften?

In unseren Breitengraden sind wir allerdings fast gezwungen, unsere Pfoten vor Kälte, Nässe oder spitzen Steinen, Glasscherben, Straßendreck und ähnlichem Zeugs zu schützen.

Drum verpackeln wir sie spätestens dann, wenn der kleine Besitzer beginnt, aufrecht zweibeinig die Welt zu erkunden. Das Stöpselchen bekommt seine ersten Lauflernschuhe. Ein Lieblingssatz von Kinderschuhverkäuferinnen lautet: "Jetzt brauchen die Füßlein eine gute Stütze." (Warum die dann nicht von Natur aus eingebaut ist, habe ich, als meine Kinder klein waren, nie zu fragen gewagt.)
Das Gangbild der beschuhten Gehbeginner kommt allerdings anfangs eher zombieartig daher. Die Hinfall-Frequenz steigt, bis das Kind die Fremdkörperklötze dann erfolgreich in sein Körperbild integriert hat.

In den folgenden Jahren und Jahrzehnten bleibt der Schuh dann für lange Stunden am Fuß.
Und der reagiert meistens in etwa so:

Durch die ständige Stütze werden viele kleine Gelenke im Fuß kaum oder gar nicht mehr bewegt. Und was nicht bewegt wird, legen die Steuerleute im motorischen Zentrum einfach still.
Die "Schmierung" der kleinen, feinen Gelenke und Sehnenscheiden nimmt dann ab. Faszien und Bänder versteifen oder verpappen. Und die Muskelbrüder groß und klein beginnen - mangels Trainings - zu schwächeln. Ein Fußbett oder Einlagen wirken auf Dauer in derselben Weise.

Der andere Effekt der vermeintlichen "Stützhilfe" wirkt auf das ganze Gestell, es muss sich irgendwie der veränderten Statik anpassen. So entstehen kompensierende Spannungsmuster in Muskelketten - via Beine und Becken, am Rumpf entlang bis hinauf zum Kopf.

Die Dämpfung durch weiche Innensohlen nimmt der Kompanie, die eigentlich dafür zuständig wäre, die Arbeit aus der Hand: Die Fußgelenke, Sprunggelenke, Knie, Becken, Wirbelsäule und eine ganze Reihe Faszien und Muskelzüge übernehmen normalerweise gemeinsam die mildernde Verteilung des Aufprallschocks beim Springen, Laufen, Tanzen, Hüpfen. Das würde quasi nebenbei global durchmobilisieren. Die Dämpfung schwächt diesen feinen Effekt ab.

Die Rezeptoren in den Fußsohlen werden dadurch in ihrer Funktion enorm eingeschränkt. Sie können nur noch rudimentäre Hinweise über die Beschaffenheit des Bodens (und wie du gerade stehst etc.) weitergeben. Das ist für dein Bewegungszentrum so, hättest du ständig Micky-Mäuse auf den Ohren.

Der Absatz oder Fersenkeil tut so, als ob du auf einer schiefen Ebene stehen würdest. Dass der Rest deines Gestells - alarmiert vom Nervensystem - alles Mögliche anstellt, damit du nicht umfällst, ist logisch. Dann springen Muskelketten an, die nicht für Dauernutzung angelegt sind. Ihr Job ist gelegentliches Kompensieren. Wenn es sein muss! Nicht dauernd. Zudem verkürzen sich gerne die Strukturen an deiner Körperrückseite von der Ferse bis zum Scheitel. Aber da wir uns selten im Stand, mit durchgedrückten Knien, die Zehennägel lackieren, bemerken wir die hintere Bremse eher selten. Dafür melden sich oft Wadeln und zugehörige Achillessehnen mit Schmerzen.
Bei hohen Absätzen versuchen die Mittelfußknochen dem Druck auszuweichen, indem sie sich auffächern. Ihrer zugedachten Arbeit "dämpfendes Fußquergewölbe bilden" können sie so nicht mehr nachkommen.

Merke: Montiere deinen Absatz vorne, dann meinst, es ginge immer bergauf. 

In vielen engen Schuhspitzen haben deine Zehen überhaupt keine Chance, sich zu spreizen. Was äußerst günstig wäre für die Balance.

Den federnden Effekt produzieren unsere Füße via Quer- und Längsgewölbe. Das setzt aber Dynamik voraus. Stopfst du einen spiralbefederten Schachtelteufel in seinen Kasten und nagelst den Deckel fest, steckt unser Jack-in-the-box im Koma, statt fröhlich zu hüpfen und zu wippen.
Unflexible Lederkästen (oder Ledersärge) machen das Gleiche mit unseren Füßen.

Im Endstadium schuhzivilisierter Füße finden wir mangels Training verkümmerte füßische Muskelgesellen. Die Fußgewölbe beginnen zu kollabieren. Vielleicht haben sich die Zehen verbogen, im Versuch, sich ihrer Umhüllung anzupassen. Durch den eingeschränkten Bodenkontakt haben sich wahrscheinlich auch das Gangbild und die Haltung verändert.

Aber jetzt Schluss mit den Gruselgeschichten!
Es ist halt so, wie es ist:

Jeder von uns ist schuhdomestiziert!


Wildnatürliche Füße kommen in unserem Kulturkreis selten vor. Und sie von jetzt auf gleich komplett auszuwildern - also immer barfußlaufen - ist kaum möglich.

Da geht es unseren Füßen wie einer Hauskatze: Gewöhnt an portionsweise eingetütelte, konfektionierte Schlachtabfälle mit Sauce und geheizte Stellfläche für Katzenklo und -körbchen, würden sie da draußen Hunger leiden, erfrieren, sich mangels Orientierungsroutine verlaufen oder - weil unfit - im Kampf mit tierischen Feinden unterliegen. Auf jeden Fall nicht lange überleben.


Adäquates Fußgewand für Fußfreunde


Aber deinen Füßen zu helfen, ihrer biomechanischen Bestimmung zu folgen, stärker und geschmeidiger zu werden, geht durchaus mit den richtigen Schuhen.
  • Gute Schuhe sind weich. Sie umhüllen deinen Fuß flexibel wie eine zweite Haut und erlauben Bewegungung in allen Gelenken. Drücken sie irgendwo, lass sie stehen. Die laufen sich nicht ein. Auch wenn sie noch so schön sind.
  • Eine biegsame Sohle erlaubt dir Bewegungen auch im Vorfuß, zum Beispiel beim Verdrehen und vor allem geschmeidigen Abrollen im ganzen Fuß.
  • Gute Schuhe lassen deinen Zehen genug Platz. Du kannst in ihnen deine Zehen bewegen. 
  • Gute Schuhe sitzen einfach. Sie halten im mittleren Fußbereich. Kein Fersenschlappen, kein Zehenkrallen, kein Drin-rum-Schwimmen. Da deine Füße mal dicker mal dünner daherkommen, empfehlen sich Schnürer. 
  • Sorge für Abwechslung. Wechsle öfter mal die Schuhe, geh barfuß oder strumpfsockig und gönne so deinen Füßen neue (Lern-)impulse.
Und Stütze, Einlagen, Dämpfung, Fersenkeil, Absatz?
Versuche, diese Einflüsse mit der Zeit zu reduzieren, langsam und schrittweise.

Stärke deine Füße und halte sie geschmeidig, langsam und schrittweise. Sei geduldig mit deinen Füßen. Übungen und Anregungen dazu findest du hier auf meinem Blog:

Pimp dein Gestell ganz schnell: Deine Beine, Füße und der Boden
Der Yeti hat kein Hallux
Video "Einen Tango lang die Füße verwöhnen" 

Es kann durchaus sein, dass deine Füße im Moment zum Beispiel Dämpfung brauchen, um zu heilen. Dann gib sie ihnen. Aber nicht für immer. Schleiche die Hilfsmittel nach der akuten Phase langsam aus.

Musst du besondere, im obigen Sinne ungünstigen Arbeitsschuhe tragen? Nimm für die Mittagspause Bequemschlapfen zur Fußentspannung mit. Oder lüfte deine Füße barfuß. Am Feierabend kannst du ja die Stiefel oder Gummiclogs im Spind lassen.

Keine Sorge: Zusätzlich zu den genannten Merkmalen werden dir deine Füße sagen, welcher Schuh einfach gut ist - dafür sind sie hervorragende Experten:

Wenn nix drückt und beim bzw. nach dem Laufen nix wehtut, ist dieser Schuh im Moment der richtige. 

 

Sei nett zu deinen Füßen, sie haben es verdient.
Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel









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Freitag, 11. August 2017

Krise im Vorstand!



Endlich! Die Ablöse kommt!

Der Pausenclown seufzt erschöpft. Obwohl er schon seit 87 Jahren, 3 Monaten und 15 Tagen in Männerhirnen arbeitet - also eine gewisse Routine und Erfahrung vorweisen kann - muss er zugeben: Die Schicht heute war wirklich anstrengend. Im Umfeld scheint sich Krieg anzubahnen: Ein pausenclownleistung-induzierendes Stichwort folgt aufs nächste! Dabei sind es doch nur ein paar wenige, doch genau vom Vorstand ausgearbeitete, standardisierte Reaktionseinleitungen:

1. „Schatz, wir müssen reden!...“
2. „Kannst du endlich mal... (den Müll runterbringen, Rasenmähen o.ä.)“
3. „Welches Kleid (Schuhe, Hose o.ä.) findest du besser?“
4. „Hab ich zugenommen?“
5. „Nie hörst du mir zu!“
6. „Liebst du mich noch?“

Aber heute prasseln sie herab wie der Duschregen in den Tropen, und unser Clown unfugt in Schleife - wieder und wieder und wieder stolpert er über seine Latschen und patscht mit der Nase in die Torte zum Vergnügen des Gehirnbesitzers. So bleiben die Sätze 1-6 dort, wo sie hingehören, nämlich außerohrisch. Verstehen unnötig, da kratzt dich nix!

Der Indianer mit Zwergpony bekommt eine kurze Übergabe, Kaffeekochen müssen die beiden heute selber. Pausenclown kämmt sich die roten Locken zum Pferdeschwanz, hängt den lustig buntscheckigen Strampelanzug in seinen Spind und bindet sich im Gehen die Krawatte. Drunter trägt er immer Anzug mit ein wenig Polyester im Gemisch, dann knittert's nicht gar so. Unser Freund muss zur Vorstandssitzung. Der Raus-aus-dem-Männerhirn-Aufzug zuckelt gemächlich, in der Ecke duftet ein Ponyapfel. „Die beiden haben‘s gut, fette Schichtzulage wegen Liebesfilm im Fernsehen...“

Der Vorstand, zwanzig altgediente Männerhirn-Bühnenbespieler, sitzen um den runden Tisch. Es herrscht hochnervöser Tumult. Die Horde plärrt laut durcheinander und rauft sich die Haare - so vorhanden. Nur Fantomas bohrt versonnen in der Nase. Pausenclown fragt ihn, was denn los sei. Fantomas schnippt ein nasales Fundstück beiseite und reicht die kopierte Tagesordnung weiter. Dann stellte er sich hinter den Clown, um den inzwischen Bewusstlosen aufzufangen. Zwei, drei Nasenpumper und ein Guss Zitronenlimonade ins grauschreckkranke Angesicht genügen: Mission Wiederbelebung erfolgreich! (Wofür sollen die roten Quietscheballnasen denn sonst gut sein?)

Kann das sein? Einführung der Frauenquote bis 2018?
F R A U E N Q U O T E?

Wie soll denn das gehen? In einem Frauenhirn arbeiten? Frauenhirne liegen am anderen Ende des Universums! Das ist Dschungel! Wildnis! Verdammnis! Ist je einer aus einem Frauenhirn zurückgekehrt? Nein! Und nicht nur deswegen, weil noch keiner dort war! Das ist irrelevant! Und wer hat diesen Quatsch eigentlich angeschafft?

Gesetz? Ach, war schon zur Prüfung am Bundesverfassungsgericht? Ist durch?
Kann man nix machen?
Kann man nix machen.

Megakompliziert! Dort, in so einem Nicht-Mann-Hirn kannst nicht einfach aufs Stichwort anfangen zu arbeiten. Ja, die Extern-Experten-Kommission hat schon gesammelt und ausgewertet: Anzahl der relevanten pausenclownleistung induzierenden Stichwörter von Null bis unendlich, ergo nicht erfassbar, nicht kategorisierbar, nicht auswertbar.

„Vorschläge, meine Herrn?“ Plötzlich ist es so still, dass man Don Corleones Katze schnurren hört - wie immer, wenn der Pate das Wort ergreift. „Yeah! Brainstorming!“ Donkey Kong klettert über den Tisch und die Beisitzer zum Whiteboard. Vor lauter Aufregung verliert er ein paar Pixel, die Reagge-Man im Joint verbaut.

Zwei Stunden später ist die Tafel zwar vollgekritzelt. Brauchbare Vorschläge sind selbstverständlich nicht dabei. Das haben alle so erwartet - ist ja schon lange genug wissenschaftlich erwiesen, dass diese Methode dramaturgisch wertvoll, aber leider vollkommen ineffektiv ist und bleibt. Was soll‘s? Hat Mann schon immer so gemacht, in der Meute „denken“. Anschließend bestimmt der Bestimmer unabhängig von den Ergebnissen das weitere Vorgehen. Das ist Tradition und Tradition ist unantastbar.

Pinkelpause!
Ganz gegen seine Gewohnheiten gesellt sich Nurejev ans Sanitärwandgerät neben Don Corleone. Der Tänzer gilt als eigenbrötlerischer Sonderling in der Zunft. Er wird selten für Auftritte auf Männerhirnbühnen gebucht.
„Chehef?“ flüstert er schüchtern.
„Pronto?“
"Darf ich was fragen?"
"Si, si!"
„Die XX-Galaxie ist uns doch total fremd, richtig?“
„Fremd und gefährlich! Zona estremamente pericolosa!“
„Über die wesentlich weniger differenzierten Männerhirne liegen uns dagegen haufenweise evidenzbasierte Studien vor, richtig?“
Der Don tröpfelt angestrengt. Plitsch.....Plih-hitsch....pli....
„Wie wäre es, wenn wir die Handlungsstandards für unsere Mitglieder anhand des uns ja bestens bekannten Verhaltens der Männer definieren? Also keine Stichwortliste wie bisher benutzen, sondern einen männlichen Verhaltensmodus als Impuls festlegen?“
Man schüttelt ab, richtet die Suspensorien.
„Welchen Modus?“
„Ich würde vorschlagen Mansplaining.“
„Cosa???“
„Herrklären halt. Aber Mansplaining klingt cooler. Wie eine Superheldenmission...“ Das Wort hängt einen Augenblick rosa puckernd vor den Fliesen bis es mit einem sanften "Pling" verschwindet.


Der Pate versteht: "Dafüä du bisse miä eine Gefallen schuldig, ragazzo...", lächelt und besiegelt den Vorschlag mit dem Italienergriff. Das bringt Glück. Das brauchen sie jetzt. Und zwar alle.

Im Saal geht dann alles ganz schnell: Ein Marktforschungstrupp soll die Lage im XX-Universum erkunden, drei Monate später ausführlich Bericht erstatten. Ziel der Mission sind möglichst zahlreiche pausenclownische Bühnenauftritte in Frauenhirnen während des Mansplainingprozesses. Als Freiwillige werden die sieben Zwerge bestimmt - Qualifikation Schneewittchenkontakt. (Ob selbiges die regelrechte Chromosomenausstattung besaß, kann leider nicht mehr verifiziert werden.) Ebenfalls freiwillig soll unser Pausenclown die Exkursion strategisch planen, umsetzen, nachbereiten und bei der nächsten Vorstandssitzung die Ergebnisse referieren.

Das Plenum ist zufrieden. Die TOPs 2 und 3 „Kundenanalyse“ und „Bedarf“ werden einstimmig gestrichen. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt! So zieht die Meute geschlossen und schulterklopfend in die nächste Kneipe, wo das Feierabendbier wartet.
Nur der Pausenclown fährt heim: Die Arbeit ruft!


Drei Monate später 


Alle Plätze im Sitzungssaal sind belegt. Heute sind wirklich alle erschienen. Schließlich geht es um die Zukunft der Zunft! Um Ruhm und Ehre, Heldentaten, Abenteuer! Und, ach ja, diese blödsinnige Frauenquote.

Unser Pausenclown steht am Rednerpult, sortiert seine Handzettel mit den Stichworten zum Vortrag. Unangenehme Sache. Wenigstens hat er für die Zwerge noch einen Kosmetiktermin bekommen, sonst würde seine Präsentation komplett abschmieren. Die Krawatte zwickt. Schweiß klebt die Locken an die Schläfen.

Saallicht aus - Spot an - Einmarsch der GSG 7!
Applaus! Tusch! Standing ovations für die Dschungel-Pioniere!
Jeder der Heimgekehrten bekommt einen feierlichen Handschlag vom Don, eine gerahmte Urkunde und ein Paar Turnschuh. Dann werden sie von zwei würdigen Butlern (James and James) hinausbegleitet.
Der Pausenclown wirft ein Kuchendiagramm nach dem anderen an die Wand, versucht verzweifelt die Nichtaussagekraft der gesammelten Daten mit einem Haufen sahniger Wörter zu überdecken.
Er kann ja auch nichts dafür, dass die Mission keine, aber auch gar keine relevanten Ergebnisse brachte.

Mansplainig ist doch so eine klare Sache! Sogar in Gerhards Tangoreport steht ein ausführlicher Artikel darüber. Warum lesen den die Frauen denn nicht einfach mal? Dann wäre alles einfacher...

In den XX-Gehirnen geschahen - während sie dem Mansplaining-Prozess ausgesetzt waren - vollkommen unkategorisierbare Aktionen: Da wurden Einkaufslisten zusammengestellt, über den Geburtstag der Schwiegermutter oder die Schulnoten der Kinder nachgedacht, die zähe Konsistenz des Steaks wahrgenommen, über den Ausgang des momentan gelesenen Romans sinniert, aus den Augenwinkeln eine (zutreffende!) Beziehungskonstruktanalyse aller Anwesenden erstellt, thematisch relevante Fragen erarbeitet - um nur einige Beispiele zu nennen. Nicht wenige Exemplare hörten den Herrklärern wirklich höflich zu! Obwohl die Mitglieder der heldenhaften GSG 7 mutig jede Anstrengung unternahmen, um den Frauenhirnen die Mansplaining-Situation darzutun.

Ergebnisse der Mission in Zusammenfassung: 
  • Mansplaining wird im Reich der Frauen selten als solches erkannt.
  • Falls doch, wird Selbiges toleriert, Verunstimmung durch alternative, jedoch wirkungslose Strategien kompensiert.
  • Pausenclownleistungen als Antwort auf Mansplaining konnten im XX-Universum nur in einem Ausnahmefall platziert werden.
  • Die sieben Zwerge sind als Mitarbeiter für mindestens ein Jahr nicht einsetzbar: schwere posttraumatische Belastungsstörung.


Fazit:
  • Die geplante Einführung der Frauenquote ist im Licht der Erkenntnisse undurchführbar.
(Und jetzt wird's wirklich spannend: Unser Pausenclown riskiert einen Vorschlag, von dem er nicht weiß, ob er ihn Kopf und Kragen kosten wird.)

Don Corleones Katze schnurrt, Fantomas gießt sich ein Glas Apfelschorle ein und Donkey Kong wabert etwas unscharf an den Rändern. Der tapfere Redner atmet tief ein, zeigt die nächste Folie seiner Präsentation:

Die INTERNE Frauenquote:

MIT Frauen arbeiten statt in der XX-Welt sterben?

(juristisch einwandfrei, gilt auch)

Dann versteckt er sich ganz geschwind unter seinem Pult.

Schnappatmende Vorstandmitglieder fallen von den Stühlen. Erste Tomaten fliegen auf die Bühne. Ohnmacht! Radau, Getümmel! Angstschweiß und Testosteron! Fantomas steht auf dem Tisch und hält sein Glas hoch, damit niemand dranstößt.

Don Corleone klatscht in die Hände und ruft eine außerplanmäßige Pinkelpause aus.
 
"Chehef?" haucht Nurejev im gefliesten Herrenrevier.
"Pronto?"
"Wissen Sie noch? Der Gefallen, den ich Ihnen für meine Idee schulde?"
"Si!"
"Um eine interne Frauenquote zu erfüllen, brauchen wir hier bei uns im Vorstand Frauen, richtig?"
"Si?"
"Die Quote müssen wir erfüllen, sonst haben wir ein dickes Problem, richtig?"
"Si."
"Wir wollen aber keine Weiber hier, richtig?"
"Si! Si!"
"Und keine so genannten weiblichen dämlichen Kommunikationsmuster, Empathie und so. Teamfähig sind wir doch selber!"
"Si! Si! SI!
"Männer, die als Frauen rüberkommen - für die Quotenkontrolleure - könnten unser Problem lösen, richtig?"
"???"
"Tarnfrauen quasi. Die wären dann wie wir." Er deutet auf zur Zeit belüftete Kronjuwelen. "Keine gendergetrennten Toiletten und so wären nötig. Keine Zusatzkosten."
"Bene!"
"Und falls doch so ein Korinthenkacker genauer kontrollieren will, hauen wir ihm eine Klage wegen sexueller Belästigung um die Ohren!"
"Eccelente, ragazzo! Come lo facciamo?"
"Ganz einfach, Chef: Männerballett!"

Abschütteln, einpackeln. Abgemacht. "Dafüä du bisse miä eine Gefallen schuldig, ragazzo..." Italienerglücksgriff. 

Als Freiwillige werden in Abwesenheit die sieben Zwerge bestimmt. Die Schulung "Balletteusen-Mimikry" unter der Leitung Nurejevs dauert mindestens ein Jahr. Solange wären die ehemaligen GSG 7er eh nicht regulär einsetzbar. Alle sind glücklich und zufrieden. So zieht die Meute geschlossen und schulterklopfend in die nächste Kneipe, wo das Feierabendbier wartet.

Nachtrag: Das Männerballet wird inzwischen gut gebucht, geliked und steht in der pausenclownischen Rangliste auf Platz 8, zwischen Homer Simpson und Donald Trump.



Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







Lies hier über Mansplaining: https://milongafuehrer.blogspot.com/2017/08/herrklaren.html

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