Samstag, 21. Oktober 2017

Die gute, alte "Sexismus am Arbeitsplatz"-Debatte

eine subjektive Stellungsnahme mit ohne Hashtag#metoo


<article image> blogpost tangofish



Wieder ein neuer Artikel zum alten Thema, und ich frage mich ganz ehrlich und irritiert, warum sich die Empörung nur sauber reflektiert in meinem Hirn zeigt statt auch mein Herz aufzuwühlen wie bei anderen Ungerechtigkeitsthemen. Dass den Damen auf so mancher Milonga regelrecht verboten wird, einen Tänzer aufzufordern zum Beispiel – da geh ich innerlich an die Decke, Blutdruck und Atemfrequenz steigen, Muskeln spannen sich kampfbereit. Höre ich die Schilderungen und Forderungen aus dem genannten Artikel, stellt sich bei mir nur ein emotional gleichgültiges „Ja mei, kommt halt drauf an...“ ein, obwohl ich versuche, adäquaten Zorn hervorzupumpen. Und das gibt mir schon zu denken. Ich bin doch so emanzipiert...

Mein Großhirn stimmt den Thesen durchaus zu: 

Ja, es ist zum Kotzen, dass Frauen schlechter bezahlt werden. Ja, es ist zum Kotzen, dass Frauen schlechtere Aufstiegschancen haben.


Das kann aber viele verschiedene Gründe haben. Undifferenzierte Globalbetrachtungen bringen nicht weiter.

„Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ ist ein toller Spruch, allerdings in manchen Branchen (wie der Pflege etwa) ein Hohn, da dort eh fast nur Frauen arbeiten. Die Bezahlung im Sozialsektor ist unterirdisch. Der Grund, warum Männer in diesen Bereichen nicht mitspielen? Oder würde auf sozialen Arbeitsfeldern eine Männerquote helfen? Irgendjemand muss doch diese Arbeit am Menschen leisten! Können wir – Männer und Frauen – das nicht gemeinsam tun und einigermaßen annehmbar verdienen? Ansonsten hilft nur Branchenwechsel.

Heute wird uns Frauen zwar lang und breit das Märchen von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf vorgelogen, das aber nur sehr, sehr wenige PrivilegiertInnen mit entsprechend geldigem Background im echten Leben umsetzen können. Das ist wie mit dem Prinzen auf dem Schimmel...
Der Rest findet sich in der hübschen, logischen, gewohnt-normalen Folge: Daheim bleiben bei den Kindern bedeutet konkret weniger Jahre im Beruf, um Erfahrung und Kompetenzen zu sammeln, was natürlich die Karriere- samt Verdienstmöglichkeiten beschneidet. Während die Männer beruflich reifend und frei von „kindlichem Ballast“ an ihnen vorbeiziehen und aufsteigen. Dazu müssen die Herren der Schöpfung nicht mal besonders ehrgeizig sein, sie sind halt einfach DA! In der Firma.

Die Frauen gehen, solange der Nachwuchs klein ist, oft in Teilzeit. Nicht freiwillig, sondern weil sie müssen. Irgendjemand muss sich ja um die Kinder kümmern. Soweit ich das im Bekanntenkreis beobachte, sind es eben nur in Ausnahmefällen auch die Väter.  (Dafür werden sie als Superhelden gefeiert, aber das ist ein anderes Thema.) Ist Teilzeit in der bisherigen Firma nicht möglich, bleiben oft nur schlecht bezahlte Aushilfsjobs, die im Lebenslauf auch nicht gerade karriereförderlich daherkommen. Aber zumindest ein bissel Kohle bringen. Vom Elend vieler Alleinerziehenden will ich gar erst anfangen. Oder von den Rentenansprüchen...

Ich erlebe immer wieder, dass Frauen nicht mal ihre Arbeitsverträge durchlesen, bevor sie unterschreiben, geschweige denn einen Überblick über ihre und die familiären Finanzen haben. Dazu fehlt oft die Traute, hart zu verhandeln, als wäre die Forderung nach einer gerechten Entlohnung etwas Unanständiges.

Frauen scheinen meiner Erfahrung nach dazu zu neigen, den Geldwert ihrer Leistungen wesentlich niedriger einzuschätzen als Männer das tun. Willst du günstiger heilpraktisch oder sonstwie therapeutisch behandelt werden, geh zu einer Frau.

Manche meiner Geschlechtsgenossinen wollen zwar so viel wie die Männer verdienen, sich aber nicht dafür anstrengen. Aber a bissele Biss braucht's halt schon. Vielleicht doch mal fortbilden, umziehen, pendeln, (kinderlos) eine 40-Stunden Woche in Kauf nehmen, hm?

Und manchmal gibt es halt keinen anderen Grund für die Höhe der Entlohnung als das Geschlecht des Arbeitnehmers. Und das geht gar nicht! Hier lohnt es sich wirklich zu kämpfen.


Die Abwertung von Frauen im Beruf


Auch wenn mich meine Geschlechtsgenossinnen gleich teeren und federn werden, muss ich's loswerden: Manchmal seid ihr selber schuld, wenn euch keiner ernst nimmt! 

Mit Häschenblick und Fieselstimmchen einen Antrag vor versammelter Männerhorde durchzubringen ist illusorisch! Sagt ihr im Beruf auch (wie im Tango, wenn ihr aufgefordert werdet): „Ich bin fei noch Anfängerin. Willst du dir das wirklich antun?“
Oder die Damen, die sofort reflexartig „Jawoll“ nicken und umsetzen, nur weil ein Mann das angeschafft hat? Weil Männer sind ja so gescheit. Da wird der Plan – und sei er noch so bescheuert – vor den Kolleginnen verteidigt, durchgekämpft mit sieben Messern wie vom Räuber Hotzenplotz. Blut wird fließen, aber ich schwöre – nicht das des männlichen Vollpfostens.
Der ständige Rechtfertigungsdrang ist auch nicht gerade förderlich, wenn man ernst genommen werden möchte. Deinen Chef interessiert es nicht, ob deine Katze Diabetes hat oder im Kindergarten das Kürbisfest ansteht. Und den männlichen Kollegen lieferst du mit solchen Aussagen eine Steilvorlage für „Frauen können's halt nicht besser, so emotional, wie die sind.“

Ist euch bewusst, welche Kultur ihr da pflegt?
Die Frauen, die einfach nur professionell ihre Arbeit tun möchten, leiden unter euren Verhaltensweisen! HIER wäre weibliche Loyalität angebracht.

Sexuelle Anzüglichkeiten


Wenn ihr aufgebrezelt im Miniröckelein stöckelbeschuht am Kollegentisch vorbeiwackelt, müsst ihr halt mit anzüglichen Kommentaren rechnen. Das ändert sich nie, alte Krankenschwesternerfahrung. Sogar wenn einer nimmer selber bieseln – geschweige denn stehen – kann, probiert er's. Und Schwesternkittel sind nun wirklich nicht der Erotik letzter Schluss. Wohl wissend zwar, dass (wahrscheinlich?) nix geht, aber sportlich gesehen will Mann wohl in Übung bleiben. Wofür ist mir zwar nicht klar, aber das ist halt so ein Männerding. In der Konstellation „knuspriger Pfleger – betagte Dame“ konnte ich nie Vernaschungsversuche beobachten. (Außer, es wurden bestimmte Narkosemittel verabreicht. Dann könnte es passieren, dass Madame im Rauschzustand den Krankenbruder rollig anschnurrt.)

Gegen sexuell gefärbte anzügliche Übergriffe hilft nur – egal ob in Minirock, Pflegekittel oder Blaumann – ganz direkt gutmenschsprechfrei kontern. Möglichst in Zwei-Wort-Sätzen wie „Pfoten weg!“ Dann sind die Kerle im ersten Moment ein wenig verstört, aber selten beleidigt.


Wenn aber Macht und Sex zusammenspielen, 


kommen wir  in höchst problematische Zonen. Das lässt sich nicht mehr mit einfachen Sprüchlein abwenden. Trotzdem frage ich mich, ob sich der Prozess nicht schon im Vorfeld angedeutet haben könnte? Etwa so, wie wenn eine Frau eine Beziehung mit einem routinierter Verzupfer (Seitenspringer) eingeht und meint, sie könne ihn ändern: „Bei mir wird er treu sein“  – mit rosaroten Herzerln in den Pupillen.

In der klassischen Kombination „Chef und abhängig Angestellte“ sind die Chancen gewaltig, dass die Frau verliert: Ansehen, Geld, Arbeitsplatz, Karrierechancen... Vom Schaden am Selbstbild ganz zu schweigen, der zusätzlich von Frauen-Vorwürfen „Sie hat es doch provoziert“ genährt wird. Und jetzt werde ich doch richtig grantig: Denn egal, ob sie hätte ahnen können, worauf sie sich einlässt oder nicht, solche feudalherrschaftlichen Verhaltensweisen sind echt das letzte. Und es gibt inzwischen genug Männer, die diese krassen Spitzen ebenso verurteilen.

Dagegen können wir nur gemeinsam anstinken – Männer UND Frauen. Und vielleicht sind die Männer dann eher bereit, selber was im Kleinen, im persönlichen Umfeld – beruflich und privat – zu Gunsten der Frauen zu ändern. Denn genau dort im Fußvolk, in der „normalen“ Umgangskultur zwischen uns allen, ist der gesellschaftliche Nährboden für solche grauslichen Einzel(?)-Auswüchse. Das gilt auch für das Miteinander im Tango!

Interessant dazu die männliche bzw. "Jungs-" Sichtweise, siehe hier: http://www.jetzt.de/maedchenfrage/jungs-was-macht-der-hashtag-metoo-mit-euch


Fazit:


Wenn wir gesellschaftlich die Stellung der Frauen verbessern wollen, müssen sich meiner Meinung nach alle bewegen. Und da die Männer momentan verständlicherweise etwas weniger motiviert sind, manche ihrer Privilegien aufzugeben, dürfen wir sie ein bissel nerven, niedrig dosiert mit Retardwirkung über einen langen Zeitraum. Darin sind wir doch routiniert. Aber besser auf den Geist gehen mit ernst zu nehmendem (erwachsenem) Verhalten, wohldosiertem Gendersprech und sachlichem, auf genau den Mann, mit dem wir es gerade zu tun haben, zugeschnittenen Inhalten statt Gejammer.

Wie siehst du das?

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel

P.S. Eine männliche Sicht auf das Thema liefert gerade mein Blogger-Kollege Peter Ripota:
http://ya0m.r.bh.d.sendibt3.com/33jgwvw17fl.html








Um diesen Artikel geht es (Jeanette Gusko am 19.10.2017 auf Xing)
https://www.xing.com/news/klartext/wie-oft-mussen-wir-frauen-noch-offentlich-aufschreien-2171

* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?

* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Von einem, der auszog, sich nicht fürchten zu lernen

Ein Gastbeitrag von Uwe N. Philipp


<article image> im prinzip tango: uwe n. philipp
Fotograf, Protagonist und Porträtierter: Uwe N. Philipp
Er war ein furchtbarer Zauderer, mein alter Freund Uwe. Bis er vor zweieinhalb Jahren beschloss, sich auf seine Lieblingsaktivitäten - Fotografieren und Fahrradeln - zu beschränken. Allerdings nicht im räumlichen Sinne: Mit Minimalgepäck tourt er seitdem durch die Welt, zauberhafte Bilder, Geschichten und Begegnungen sammelnd. Ob er dabei lernt, sich nicht mehr zu fürchten? Ich weiß es nicht. Und vielleicht sind seine Erfahrungen während der Besteigung eines sehr(!) hohen(!) Berges eh viel wertvoller als ein Sack voll Gold und die Tochter des Königs...

Bühne frei für Uwe N. Philipp
*****


HUAYNA POTOSI..... Die Geschichte


Vor einem Jahr las ich von einem Berg in Bolivien, der einer der am einfachsten zu besteigenden Sechstausender sei. Ich googelte nach Bildern, war voller Begeisterung und schrieb Momo, ob wir ihn nicht gemeinsam angehen wollen.
Als ich letztens am Titicacasee über eine Kuppe radelte, sah ich ihn in der Ferne aufragen. Welch ein Berg! Ich hatte bereits Wochen zuvor geplant, mit dem Bike bis zur Passhöhe zu fahren, dort zu zelten und den Anblick zu genießen. Im Grunde sind Berge meist von etwas Entfernung am schönsten.
In La Paz fand ich in Carlos einen Ingenieur, der das "Nicht-Reparierbare" reparieren konnte, meinen Bremshebel. Glücklich über diesen Umstand brachte ich ihm meinen zweiten, schon lange defekten, ebenfalls. Doch Carlos hatte viel zu tun und ich musste weitere Tage in La Paz bleiben.
Für mich ist so etwas ein Wink.

Ich ging in eine der vielen Bergsteigeragenturen und fragte nach dem Preis für die Besteigung. 85 € für zwei Tage inklusive Ausrüstung und Vollpension, 115 € für drei Tage plus einem Gletscher-Training. Der Bergführer war mir sympathisch, und ich buchte für zwei Tage. Als ich später mit dem Geld kam, dachte ich mir, das Leben ist so schön, und buchte den Kurs mit. Drei Tage, easy einen Sechstausender hinauf.

Als ich wenig später durch die Straßen lief, dachte ich: "Du spinnst, Uwe!"

Samstagmorgen, Treffpunkt Agentur, Ausrüstungsübergabe. Bergstiefel, Steigeisen, Eispickel, Anorak und Überhose. Am Gipfel wird es -15°C haben. MINUS 15°C, bei mir steigt Unsicherheit auf. Habe ich genügend Warmes eingepackt? Meine Antwort ist Nein!
Wir beladen das Auto, und los geht es zum Pass. Wir werden zu dritt sein, Eliseo, der Bergführer und Marco, ein etwa 30-jähriger Tourist. Hinzugesellt hat sich Felix, ein erfahrener Alpinist aus Argentinien, der den Gipfel solo erklimmen will.

Bin ich heilfroh, dass ich dort nicht mit dem Bike hinauffahre, so steil und übel ist die Steinpiste. Irgendwann taucht er auf, der Huayna Potosi.
Oh my Lord, wie schön.
"Wenn ich dort sterbe oder jetzt in diesem Augenblick, ich werde glücklich und voller Freude sein".
Es ist wichtig, dass ihr es wisst!

Auf der Passhöhe (~4.900 m) stehen einige Berghütten, in einer nehmen wir Quartier.

Im Eck stehen zwei Fahrräder! Sie gehören einem spanischen Ehepaar, Mitte 50, weltreiseerfahren und für ein paar Monate in Bolivien und Chile unterwegs. Sie ließen ihr Gepäck hochfahren und strampelten hinterher. Morgen werden sie den Gipfel besteigen. Wow!

Nach dem Mittagessen wird gepackt, und nach zirka einer Stunde erreichen wir eine Gletscherzunge, um das Gehen im Eis zu üben. (Um das mal so ganz nebenbei anzumerken, das ist höher als der höchste Berg Europas.) Den Eispickel in das Eis zu schlagen und sich daran hochzuziehen ist spürbare Arbeit.
Das Training ist erfolgreich absolviert, und es geht, vorbei an einer Gruppe Einheimischer, die eine Zeremonie zu Ehren Pachamamas abhalten, zurück zur Hütte.

Wie geil dieses Eis funkelte und die Sonne auf der Haut brannte! Ich bin so happy.

Die Nacht ist nicht so ganz entspannt, einer der Zimmergenossen sägt stapelweise Holz. 😉
Mein Wecker steht auf 6:00, ich will unbedingt den Sonnenaufgang erleben. Es ist einfach unbeschreiblich, wenn das nachtschwarze Blau in das zunächst kalte Rot und dann in das warme Gelb-Orange übergeht. Und die beißende Kälte von der Wärme der Sonne vertrieben wird.

Hoch oben am Gletscher, in der Aufstiegsspur sehe ich zwei, drei Menschen gehen. Abwärts! Hoffentlich ist nichts geschehen. Es ist 6:30, um diese Zeit müssten sie eigentlich am Gipfel stehen.

Der Vormittag ist zur freien Verfügung. Das spanische Ehepaar kehrt zurück, leere Blicke, ein karges Bon Dia. Erst später erfahre ich, was geschah. Sie litt unter der Höhenkrankheit und blieb im Hochlager, er entzog an einer heiklen Stelle dem Bergführer das Vertrauen und kehrte um. Ende eines Plans. Bei mir grummelt es.

Der Aufstieg nach dem Mittagessen hinauf zum Hochlager auf 5130 m soll 2,5 Stunden dauern. Ich bin nach 1,5 Stunden oben. Wolken ziehen auf, es stürmt, ist eiskalt. Von Unsicherheit zu sprechen, wäre jetzt untertrieben!

Wir werden morgen nicht die einzigen Berggeher sein, ich zähle etwa 30 andere Aspiranten.

Um 17:00 gibt es Abendessen, 0:00 ist Wecken, 1:30 Aufbruch. Letzte Anweisungen zum Anziehen: Zwei Paar Socken, Leggins, Trekking-Hose und Überhose, zwei Unterhemden, Vliesjacke und Gore-Tex-Anorak, zwei Paar Handschuhe, Gesichtsschutz.

Zum Glück sind wesentlich weniger Holzstapel abzuarbeiten gewesen.😉 Dafür rumort mein Bauch.
Auf meiner Hütte sind noch ein Spanier mit seinem Freund und deren Guide. Als ich so nachts ihre Ausrüstung sehe, alles vom Feinsten, ihre Gipfelerfolge höre, wird es mir ganz anders. Eisäxte, Thermoklamotten und blitzende Steigeisen. Und ich sehe noch etwas anderes, Blisterverpackungen werden hervorgeholt und irgendwelche Tabletten eingeschoben. "Oh, Uwe!" Ich bekomme das Frühstück kaum hinunter.

Aber jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, die Stirnlampe wird eingeschaltet, der Rucksack geschultert, nochmal gepinkelt, auch wenn nichts mehr kommt. 😉
Der Sturm hat sich gelegt, die Sterne funkeln und der Fast-Vollmond erleuchtet den Schnee. Nach 10 Minuten erreichen wir den Gletscher, jetzt wird es ernst. Vor uns sieht man die einzelnen Seilschaften den Weg mit ihren Lampen erhellen, ein epischer Anblick, lauter Abenteurer auf ihrem Weg. (Habe wohl zu viel Luis Trenker gesehen! 😉)

Erste Belastungsprobe nach einigen Minuten, der Schnee ist zuende, es geht ein Stück bergab über Steinblöcke. Das ist mehr ein Eiertanz als Kür. Und dieser Stahl auf Fels ist ein quälendes Geräusch. Doch schon bald erklingt wieder die Musik des tiefgefrorenen Schnees, Eiskristalle funkeln, kontinuierlich geht es bergauf, die Zacken schlagen sich in das vereinzelte Eis.
Irgendwann verschwindet der Mond hinter einem Bergrücken und es wird kalt, richtig kalt. Ich fröstele am ganzen Rücken.

War es bisher einfach nur gehen, geht es nun plötzlich einen Absatz, auch wenn nur kurz, um die 70° hinauf. Und immer wieder dieses Eis, nicht immer gelingt es mir, den Eispickel auf Anhieb so zu verankern, dass ich mich daran hochziehen kann. Zum Glück hält Eliseo das Seil straff gespannt. Mein Herz rast, jede Bewegung ist so anstrengend, dass ich eine Verschnaufpause brauche.

Die Überschrift für meinen Bericht steht fest: Mein erster Sechstausender... und mein letzter!

Ab und an kommen uns zwei, drei Leute entgegen, gezeichnet von Erschöpfung und Enttäuschung.

Gut 2,5 Stunden sind vergangen, und Eliseo meint, wir hätten die Hälfte geschafft und nun werde es wieder leicht. Wir sind auf 5.600 m. Das Gehen fällt mir wieder leichter, ich bin der letzte der Seilschaft und zu schnell! Immerwieder rücke ich zu Marco auf, muss stoppen, das ist nicht gut. Das langsamer Sein gelingt mir kaum.

5.800 m, noch 300 Höhenmeter bis zum Ziel. Ich knicke förmlich ein. Es ist nicht die Pulsfrequenz noch der Atemrhythmus. Es ist das Gefühl, keine Kraft mehr entwickeln zu können, weder in Beinen noch in Armen. Auch fällt mir auf, dass ich keine Sätze mehr formulieren kann. Alarmstufe Orange! Ich suche mir bereits einen Platz, an dem ich warten kann auf die Rückkehr der Gefährten. Ich will ja nicht, dass Marco wegen mir nicht oben ankommt.

Eliseo verlangsamt das Tempo, nimmt mich in die Mitte des Seils. Es geht besser. Ich habe zwar fast zwei Liter Flüssigkeit dabei, doch die sind beinahe zu Eis gefroren und unterstützen mich nicht wirklich (Anfänger!).

Am Horizont kündigt sich der neue Tag an, wir werden es nicht bis zum Gipfel bei Sonnenaufgang schaffen. Wegen mir.

Kurz unterhalb der 6000 Meter-Marke verschlägt es mir dann den Atem. Die letzten 100 Höhenmeter, etwa eine Stunde lang, geht es steil einen Grat hinauf zum Gipfel. Jetzt kommt zu der Erschöpfung Angst, pure Angst! Links und rechts geht es auf Nimmerwiedersehen hinunter. Aber hier kann ich in Sicherheit bleiben und warten. Ich teile es dem Bergführer mit. Listo, nichts geht mehr!
Er lächelt, schaut mich an und sagt: "Go, du schaffst es." Und Felix wiederholt unermüdlich: "Breath deep!"

Wie gerne würde ich jetzt schreiben, dass ein Strahlen in meinen Augen blitzte, ich das Ziel fokussierte und voller Wagemut und Vertrauen den Gipfel erstürmte.
Nichts davon wäre wahr. Stattdessen kämpfte ich den Kampf zwischen Selbstverantwortung, sprich Abbruch, und Selbstmotivation und damit Überschreiten einer vielleicht nur mental existierenden Grenzlinie.

Ok, weiter, never give up, du packst das, und all die anderen dummen Appelle.

Die Sonne ist aufgegangen und taucht die bizarre, vom Wind geformte Schneelandschaft in morgendliches Orange. Die Kamera kann ich nicht halten, doch diesen Anblick werde ich nie mehr vergessen, er brennt sich in jede meiner Poren.

Mit einer Mischung aus Mut, Angst und vor allem Vertrauen in Eliseo kämpfe ich mich hinauf auf 6088 m. Oben auf dem Schneegipfel setze ich mich nur hin und bekomme kaum etwas mit. Ich sehe andere in Siegerpose, sich umarmen, sich gegenseitig mit Fahnen fotografieren.

Felix gratuliert mir, ich sei für ihn ein Vorbild, das er immer in Erinnerung behalten werde.

Und ich kann es nicht genießen, ich bin so hoch oben und kann es nicht genießen!

Mein letzter Sechstausender!!!

Hinunter muss ich als erster. Wieder dieser Grat und der sichere Zug am Seil. Je weiter wir nach unten kommen, desto besser geht es mir. Die Zeit drängt, durch die extrem starke Sonneneinstrahlung droht Steinschlag und Eisbruch. Jetzt erst sehe ich die tiefen Gletscherspalten, über die ich in der Nacht gesprungen bin und die mich nun erschaudern lassen.

Welch eine Welt hier im Eis, wie froh bin ich, es gewagt zu haben!
Die Steilpassage wird nochmal eine Herausforderung, mir fehlt es an Kraft. In der Hütte gibt es eine heiße Suppe, und gegen Mittag sind wir zurück am Basecamp. Ein Taxi bringt uns zurück nach La Paz.

Die beiden spanischen Bergsteiger, Felix und ich laden Eliseo und seinen Bruder noch zum Essen ein. Marco ist so kaputt, dass er nur noch schlafen will.

Eine erste Selbstanalyse meiner Schwierigkeiten erfolgt. Was werde ich das nächste mal besser machen. Und plötzlich ist keine Rede mehr von "mein letzter Sechstausender". 😉

Und immerhin: Gerade mal die Hälfte der Aspiranten kam oben an, und die waren fast alle halb so alt wie ich.

Mit dem Begriff Stolz habe ich schon immer meine Schwierigkeiten. Und so kann ich auch hier nicht sagen, ich bin stolz auf meine Leistung. I did it und ich bin dankbar dafür, das reicht.

Als ich eine Woche später La Paz verlasse und schon einige Kilometer auf dem Altiplano unterwegs bin, drehe ich mich noch einmal um und sehe ihn in aller Pracht. Langsam beginne ich zu begreifen, was da so alles geschah.

P.S. Während ich dies schreibe, sitze ich am Fuße des Sajama, dem mit 6542 m höchsten Berg Boliviens. Ein traumhaft schöner Berg. Acht Stunden sind es vom Hochlager bis zum Summit. Ein wirklich schöner Berg. Ich meine ja nur...

Keine Sorge, der Hurrikan in der Karibik schickt seine Ausläufer bis hierher, es stürmt und schneit. Und ich kenne meine derzeitige Grenze: 6088 m.
*****

Merci für diese anrührend ehrliche Geschichte! Alles Gute, tapferer Reisender!

... und da machen sich diverse Tangotänzer in die Hose, wenn sie mal eine Frau (wesentlich kleiner und wärmer als 6000 Meter-Gipfel) auffordern sollen? Es heißt doch: "Wer Tango tanzen kann, braucht sich vor nix mehr zu fürchten." Oder?

Wer Uwes Weg weiterverfolgen möchte, kann das hier tun:
https://www.facebook.com/uwe.philipp.photoART

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel









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