Freitag, 24. November 2017

Tango ist nur Gehen!?

Verde mar


Bei diesem von Tangolehrern und Tangovermarktern inflationär benutzten Satz weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll: Wahr ist, dass Tanzen auf Gehen basiert. Aber Gehen ist Gehen und Tanzen ganzkörperliche, kreative Umsetzung musikalischer Impulse, bei denen zwangsläufig mal der eine, mal der andere Fuß auf den Boden kommt, in Form von Schritten. (Zumindest dann, wenn der Studiobesitzer die Schwerkraftrechnung bezahlt hat.) Mangelt es schon am Gehen, wird Tanzen zum Problem.

Fakt ist, dass tatsächlich in manchen Tango-Lektionen simples „Gehen“ unterrichtet wird. Ein Produkt, das dem Normalverbraucher mit Schwierigkeiten im Gestell besser helfen würde als Einlagen oder noch ein Besuch beim Orthopäden.

Verkauft wird die Geschichte aber unter dem Label „Tango tanzen“. Deswegen starten die Tangoschüler die neuen Bewegungs-Geh-Ideen-Versuche (so sie selbige verstanden haben) ausschließlich auf dem Parkett. Der Weg zur Umkleide, zum Klo oder Auto wird in alter Manier abgegangen. Schade! Der Fortschritt für den eigenen Tanz steht dann auf Standby. Und die wirklich lobenswerten, wertvollen Aspekte für gutes Gehen versacken im Nirwana.

Aber was genau sind denn diese von den Tangoleuten beschworenen Wohlergehens-Basics?
Lassen wir uns inspirieren und klauen Ideen aus diesem Tanz! Wie gesagt, um vom Wohlergehen zu profitieren, musst du nicht zwingend Tango tanzen. (Zähneknirschende Anmerkung der Autorin: Einige Tangoistas ignorieren auch hartnäckig die Zusammenhänge, wenn sie so tun, als würden sie gehen, äh tanzen.)

Hinter- und Vorderpfoten gegengleich bewegen: der gute, alte Kreuzgang


Was wirklich immer basses Erstaunen und motorische Verzweiflung bei den (erwachsenen) Kursteilnehmern hervorruft, ist die leichte, gegengleiche Drehung des Schultergürtels bei jedem Schritt. Machst du einen Schritt mit rechts voran, wird sich deine linke Schulter nach vorne bewegen, die rechte nach hinten. Beginnst du mit links, geht die rechte Schulter vor und die linke automatisch zurück. Rückwärts funktioniert das natürlich auch.

Der Kreuzgang ist ein ganz natürliches Bewegungsmuster! Die schöpferischen Baumeister haben dafür einfach den Vierfüßlergang für die Senkrechte modifiziert. Bis auf wenige Ausnahmen bewegen sich Vierbeiner so: rechtes Hinterbein und (gegengleich) linkes Vorderbein Richtung Ziel. Eidechsen kriechen in diesem Modus. Der Mops promeniert derart mit seinem Herrchen. Wir Menschen haben das im Krabbelzeitalter eingeübt und in Tempo und Gewandtheit heftig optimiert.
Wir haben es sogar spielend geschafft, das Muster in die Vertikale zu transferieren. Immer besser, geschwinder, geschickter. Wir haben so viel Arbeit und Entwicklungsenergie investiert. Und dann sind wir älter geworden, vielleicht sogar erwachsen, und haben uns immer weniger bewegt. Heute laufen wir vielleicht noch zum Auto und nach der Fahrt ins Büro. Die paar Stunden Sport oder Tango in der Woche reißen es auch nicht raus, vergleicht man sie mit der Anzahl der bewegungsarmen Stunden.

Was ist aus unserer Bewegungslust geworden? Vergessen? Dabei vermittelt gerade das Gegengleich-Modell spürbar beschwingten Genuss. Einfach so. Geschenkt! Auch auf dem Weg zum Auto.
Probier‘s aus! Lass deine Arme beim Gehen einfach mitschwingen, der Rest des Gestells macht liebend gern mit, bis in die Füße hinein. Das wirkt jung, elegant, lässig. Und fühlt sich prima an. Wellness to go!

Das Konzept Fuß * tangofish
Das war ein Abschnitt aus meinem neuen Buch „Konzept Fuß - Fußprobleme verstehen, bearbeiten und lösen" für Normal-Fußbenutzer mit ohne Tango.
Gugschduda: http://www.tangofish.de/_das-konzept-fuss.htm

Aber da dieser Blog ja (auch) Tango zum Thema hat, transportieren wir die aus dem Tango geklaute Idee zurück und schauen, wie du davon - speziell als Tangoist - profitierst:


Kennst du das auch? Mir haben diverse Tangolehrer in meiner Frühzeit eingebimst, dass sich der Beckengürtel niemals nicht (!) in der Horizontalebene zu bewegen hat. Schwingende Hüften gehören zum Salsa! Basta! Lediglich Beckendrehen sei erlaubt – so als wäre die Taille ein horizontal-rotierbarer Servierteller, zu nutzen bei Ochos. Dieses unumstößliche Gebot habe auch ich jahrelang artig befolgt. Meinen Hintern festgeschraubt. Und irgendwann bemerkt, dass dieses Muster unphysiologischer Blödsinn ist.

Machst du einen langen Schritt nach hinten – sagen wir mal mit rechts, muss sich natürlich deine Beckenhälfte auf dieser Seite mitbewegen! Sie ist ja quasi die Verlängerung deines Geläufs. Nur durch Anspannung der in dieser Pobacke befindlichen Muskeln bist du überhaupt in der Lage, dein Bein nach hinten zu strecken. (Drum braucht's zum Tango unbedingt Arsch in der Hose.)
Entspannst du die Hinternhälfte wieder, kommt dein Bein locker-flockig samt Popoanteil unter deine Achse und du kannst dich draufstellen. Was ganz praktisch ist, um den nächsten Schritt zu tun.
Mehrere Rückwärtsschritte hintereinander werden also dein Becken zwangsläufig in Bewegung bringen. Das Fidle wackelt. Und das ist gut so.

Am Rücken laufen Muskelzüge, die für's Gehen zuständig sind, überkreuz: von der linken Schulter zur rechten Pobacke und anschließend das rechte Bein hinab et vice versa. Nimmst du bei einem rechten Rückwärtsschritt die linke Schulter nach hinten, erlaubst du dieser Muskelkette, in ihrer ganzen Länge in Aktion zu sein. Dann arbeiten die zahlreichen vereinten Muskelgesellen zusammen, was ihnen ihren Job wesentlich erleichert: der Kraftaufwand verteilt sich auf viele. Das erlaubt dir, deine Moves wesentlich differenzierter, weicher und eleganter zu gestalten und eben nicht mehr in den Schritt hinein zu plumpsen.

Mit der Zeit wirst du es auf diese Art sogar spielend schaffen, die andere Seite ganz schnell zu entspannen. Das spart Energie für weitere Tänze.

Mir als Fastzwerg hilft diese Bewegungsidee enorm: Man wird elastisch länger, ohne die Knie duchzustrecken wie eine Ballerina. Die Verbindung – die berühmte conexión – lässt sich so sehr viel einfacher und vor allem wohliger gerade mit großen Tanzpartnern halten (siehe Video unten).
Es fühlt sich einfach verdammt gut an, so geschmeidig dahinzuschleichen – nicht nur in dir drin, sondern auch für den Führenden. Oder die Führende ;)

Was rückwärts geht, funktioniert auch vorwärts. Das normale Gehmuster wird ja auch eher in Vorwärtsrichtung genutzt. Rückwärts spazieren gehen tut in der Regel ja keiner.

Nutzt du es bei Tangoschritten nach vorn, erlaubt dir der Kreuzgang, den hinteren Fuß ganz lange am Boden zu lassen. Und siehe da! Auch hier bewegt sich das Popscherl mit auf eine äußerst knusprige Art und Weise. Obacht Geheimnisverratung: Genau da hat die Katzentatzenschleicher-Eleganz ihren Ursprung.
Freihändig getanzt, sieht das so aus:



Koste, dann weißt, wovon ich schreibe. Darfst auch die Figüren berühren, dort wo die Pfoten nicht verboten... Und La Paloma pfeifen. (Warum? Zu Recht!)


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel







Quelle: Das Konzept Fuß - Fußprobleme verstehen, bearbeiten und lösen (Manuela Bößel)

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Samstag, 11. November 2017

Brennen musst du für das, was du tust!

oder "Es ist noch kein Burnout vom Himmel gefallen."


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Kennst du diesen Satz? Im besten Yoda-Sprech? Er geistert inflationär durch die Coaching-Welt (und -Halbwelt) wie ein hochansteckender Schnupfenvirus. Bald alle, die irgendwie berühmt oder erfolgreich sein möchten, legen ihn sich zu. Und sind auch noch wahnsinnig stolz darauf.

Das Notwendigkeit des Brennens wurde (und wird) so oft gebetsmühlenartig wiederholt, dass sich die heiße Anforderung bei den Erfolgssuchenden tief eingebrannt hat. Sie ist meiner Beobachtung nach zu einem fest verankerten Glaubenssatz geworden, der auf gar keinen Fall mehr in Frage gestellt werden darf.

Für mich klingt "Brennen musst du..." allerdings eher wie eine Drohung. (Vielleicht heben auch im Hintergrund die pädagogisch unwertvollen Katzen ihre Tatzen: "Miau, Mio! Zu Hilf'! Das Kind brennt lichterloh!" Paulinchen hörte nicht. Verbrannt und tot. Ende. Aus.)


1. Brennen ist äußerst ungesund und tut sakrisch weh! 

 

Nicht mal die Gnade einer Ohnmacht ist dir im Feuer vergönnt, da dein Vegetatives Nervensystem (der Sympathikus) FLUCHT als oberste und einzige Priorität setzt. Tot stellen, wofür der Parasympathikus zuständig wäre, bringt dir ja nix, wenn du einmal Feuer gefangen hast. Das ist auf Dauer weder gesund noch effektiv.

Der gute Sympathikus, der dich auf Kampf oder Flucht einstellt, will dir zu Höchstleistungen verhelfen, zu denen du sonst wahrscheinlich nicht fähig wärst: Er pusht Puls, Blutdruck und Atemfrequenz, um dich global-optimal mit Sauerstoff zu versorgen. Hossa! Auf geht's!

"Ist doch prima? Da kann ich doch viel mehr schaffen!"
Meinst du? Nicht ganz, denn alle "nicht akut notfallrelevanten" Systeme werden gedrosselt: zum Beispiel Verdauung und Reparaturmechanismen samt Immunsystem. Die Spannung in deinen Muskeln ist wesentlich höher. Für einen kurzen Moment eine gute Sache, um dir den Absprung aus dem brennenden Haus zu erleichtern oder deinem Feind fäustisch die Nase zu zerlegen. Besser als ein Klo zu suchen oder sich um die Heilung nach Zahn-OP zu kümmern.
Und auf Dauer werden aus Spannungen Verspannungen. Beliebte Gebiete: Kiefer, Nacken, Rücken.

Unser Sympathikus kann zwar nicht genau wissen, ob eine Situation wirklich existenziell bedrohlich IST oder nur so scheint. Aber zur Sicherheit fährt er beim Thema "Brennen" lieber mal hoch: Das kennt unser Beschützer aus Urzeiten, als wir noch in stinkenden Zauselfellen begonnen haben, mit dem Feuer zu spielen.

Sympathikus' zweiter Streich: Komplizierte Gedankengänge kann er gar nicht brauchen. Die sind in lebensgefährlichen Situationen viel zu lahmarschig. Und stören. Drum gibt's ja in der Notfallmedizin diese schönen Algorithmen - einfache Handlungsanweisungen, die eine nach der anderen tumb abzuarbeiten sind.

1. Fazit: 
Brennst du, dann übernimmt der Sympathikus. Der hält Kreativität, Muße und klare Gedanken an einer sehr kurzen Leine. Ist es naiv zu glauben, dass zu Erfolg - egal in welchem Bereich - eine gute Prise genau dieser Zutaten nötig ist? Von einer stabilen Gesundheit ganz zu schweigen? Wie sollen mit dumpfen Regelwerken - anderes kannst du in diesem Modus kaum verarbeiten - eine schöne Strategie und schöne Ergebnisse entwickelt werden, die letztendlich zum Erfolg führen?

 

2. Feuer verzehrt Substanz 

 

Hast du schon einmal einem Kind geholfen, ein Streichholz anzuzünden? Das Leuchten in den Augen des kleinen Menschen gesehen, wenn sich das Hölzle magisch verwandelt hat - geschrumpft zu etwas Verkohltem, gekrönt von einem warmen Licht? Und dann, wenn das Material aufgebraucht ist, geht das Flämmchen einfach aus. Ein Dings wurde zu Energie. Und die ist schneller fort, als du schauen konntest.

"Moment mal!", wirfst du ein. "Ein bissel Feuer ist doch gut! Das wärmt, spendet Licht und grillt mein Wildschwein gar. So ist's leichter verdaulich."
Dann verzehrt sich aber deine Grillkohle. Nicht du.
Brennst du aber selber, wirst du schwer in der Lage sein, den Brand zu kontrollieren. Vor allem, wenn du an beiden Enden brennst.
Dann brennst du nämlich aus. Deine Energie ist fort. DU bist fort. Burnout.


3. Feuer ist eine gefährliche Sach'! 

 

Der Umgang mit Feuer ist selbst für Experten schwierig. Um zu vermeiden, dass die Umgebung unkontrollierbar mitbrennt, und das kann ganz schön fix gehen, sind viel Erfahrung sowie Schutzmaßnahmen zwingend. Einen Gasherd zündest du nur einmal mit offenen, langen Haaren an. Oder schau dich mal in einem Chemielabor um, was da alles installiert wurde, um Brände zu verhindern oder zu löschen! Obwohl kontrolliertes Zündeln in dieser Branche zur Stellenbeschreibung gehört.

Sind die "Du musst brennen!"-Gurus und Guruinnen nie an einem echten Analog-Lagerfeuer gesessen? Mit Funkenflug und Brandlöchern im Kittel? Sind das alles Städterer, die nie einen Holzofen angeschürt haben? Die als Kinder - achtsam, wie sie sind - nie mit ihren Martins-Laternen gezündelt haben? Und nie die Pfoten verbrannt? Nie die Haare angesengt? Digital-Feuer, wie du sie bei Youtube zuhauf findest, sind NICHT geeignet, brennende Erfahrungen zu machen.


4. Brennen musst du für das, was du tust! 

 

Die Aussage im Ganzen gruselt mich noch mehr. Geht's noch? Echt der Hammer! Früher der "Hexenhammer". Da wird Strafandrohung, eine Foltermethode als Motivation verkauft. Das soll gut sein? Da sollen Erfolge folgen?



Ich will nicht brennen.

 

Lieber will ich in Ruh' meine Arbeit machen.
Mit kühlem, zufriedenem Geist in komplizierten Gedankengebäuden promenieren und selber welche bauen. Mit klarem Kopf planen. Zeit und Muße haben, auch einen brandgeschützten Raum für Inspiration und Kreativität. Dem anderen Part des Vegetativen Nervensystems - dem Parasympathikus - seine Arbeit erlauben, auch ausruhen, gesund bleiben. Mich auf andere Menschen einstellen. Herzenswärme lässt sich nur erzeugen, wenn man gerade mal nicht brennt.
Einfach meine Substanz behalten. Ich bleiben. Lieber ein Lichtlein im Tango anzünden. Das wärmt Herz und Gemüt. Selber brennen ist nicht nötig.


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel









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