Samstag, 11. November 2017

Brennen musst du für das, was du tust!

oder "Es ist noch kein Burnout vom Himmel gefallen."


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Kennst du diesen Satz? Im besten Yoda-Sprech? Er geistert inflationär durch die Coaching-Welt (und -Halbwelt) wie ein hochansteckender Schnupfenvirus. Bald alle, die irgendwie berühmt oder erfolgreich sein möchten, legen ihn sich zu. Und sind auch noch wahnsinnig stolz darauf.

Das Notwendigkeit des Brennens wurde (und wird) so oft gebetsmühlenartig wiederholt, dass sich die heiße Anforderung bei den Erfolgssuchenden tief eingebrannt hat. Sie ist meiner Beobachtung nach zu einem fest verankerten Glaubenssatz geworden, der auf gar keinen Fall mehr in Frage gestellt werden darf.

Für mich klingt "Brennen musst du..." allerdings eher wie eine Drohung. (Vielleicht heben auch im Hintergrund die pädagogisch unwertvollen Katzen ihre Tatzen: "Miau, Mio! Zu Hilf'! Das Kind brennt lichterloh!" Paulinchen hörte nicht. Verbrannt und tot. Ende. Aus.)


1. Brennen ist äußerst ungesund und tut sakrisch weh! 

 

Nicht mal die Gnade einer Ohnmacht ist dir im Feuer vergönnt, da dein Vegetatives Nervensystem (der Sympathikus) FLUCHT als oberste und einzige Priorität setzt. Tot stellen, wofür der Parasympathikus zuständig wäre, bringt dir ja nix, wenn du einmal Feuer gefangen hast. Das ist auf Dauer weder gesund noch effektiv.

Der gute Sympathikus, der dich auf Kampf oder Flucht einstellt, will dir zu Höchstleistungen verhelfen, zu denen du sonst wahrscheinlich nicht fähig wärst: Er pusht Puls, Blutdruck und Atemfrequenz, um dich global-optimal mit Sauerstoff zu versorgen. Hossa! Auf geht's!

"Ist doch prima? Da kann ich doch viel mehr schaffen!"
Meinst du? Nicht ganz, denn alle "nicht akut notfallrelevanten" Systeme werden gedrosselt: zum Beispiel Verdauung und Reparaturmechanismen samt Immunsystem. Die Spannung in deinen Muskeln ist wesentlich höher. Für einen kurzen Moment eine gute Sache, um dir den Absprung aus dem brennenden Haus zu erleichtern oder deinem Feind fäustisch die Nase zu zerlegen. Besser als ein Klo zu suchen oder sich um die Heilung nach Zahn-OP zu kümmern.
Und auf Dauer werden aus Spannungen Verspannungen. Beliebte Gebiete: Kiefer, Nacken, Rücken.

Unser Sympathikus kann zwar nicht genau wissen, ob eine Situation wirklich existenziell bedrohlich IST oder nur so scheint. Aber zur Sicherheit fährt er beim Thema "Brennen" lieber mal hoch: Das kennt unser Beschützer aus Urzeiten, als wir noch in stinkenden Zauselfellen begonnen haben, mit dem Feuer zu spielen.

Sympathikus' zweiter Streich: Komplizierte Gedankengänge kann er gar nicht brauchen. Die sind in lebensgefährlichen Situationen viel zu lahmarschig. Und stören. Drum gibt's ja in der Notfallmedizin diese schönen Algorithmen - einfache Handlungsanweisungen, die eine nach der anderen tumb abzuarbeiten sind.

1. Fazit: 
Brennst du, dann übernimmt der Sympathikus. Der hält Kreativität, Muße und klare Gedanken an einer sehr kurzen Leine. Ist es naiv zu glauben, dass zu Erfolg - egal in welchem Bereich - eine gute Prise genau dieser Zutaten nötig ist? Von einer stabilen Gesundheit ganz zu schweigen? Wie sollen mit dumpfen Regelwerken - anderes kannst du in diesem Modus kaum verarbeiten - eine schöne Strategie und schöne Ergebnisse entwickelt werden, die letztendlich zum Erfolg führen?

 

2. Feuer verzehrt Substanz 

 

Hast du schon einmal einem Kind geholfen, ein Streichholz anzuzünden? Das Leuchten in den Augen des kleinen Menschen gesehen, wenn sich das Hölzle magisch verwandelt hat - geschrumpft zu etwas Verkohltem, gekrönt von einem warmen Licht? Und dann, wenn das Material aufgebraucht ist, geht das Flämmchen einfach aus. Ein Dings wurde zu Energie. Und die ist schneller fort, als du schauen konntest.

"Moment mal!", wirfst du ein. "Ein bissel Feuer ist doch gut! Das wärmt, spendet Licht und grillt mein Wildschwein gar. So ist's leichter verdaulich."
Dann verzehrt sich aber deine Grillkohle. Nicht du.
Brennst du aber selber, wirst du schwer in der Lage sein, den Brand zu kontrollieren. Vor allem, wenn du an beiden Enden brennst.
Dann brennst du nämlich aus. Deine Energie ist fort. DU bist fort. Burnout.


3. Feuer ist eine gefährliche Sach'! 

 

Der Umgang mit Feuer ist selbst für Experten schwierig. Um zu vermeiden, dass die Umgebung unkontrollierbar mitbrennt, und das kann ganz schön fix gehen, sind viel Erfahrung sowie Schutzmaßnahmen zwingend. Einen Gasherd zündest du nur einmal mit offenen, langen Haaren an. Oder schau dich mal in einem Chemielabor um, was da alles installiert wurde, um Brände zu verhindern oder zu löschen! Obwohl kontrolliertes Zündeln in dieser Branche zur Stellenbeschreibung gehört.

Sind die "Du musst brennen!"-Gurus und Guruinnen nie an einem echten Analog-Lagerfeuer gesessen? Mit Funkenflug und Brandlöchern im Kittel? Sind das alles Städterer, die nie einen Holzofen angeschürt haben? Die als Kinder - achtsam, wie sie sind - nie mit ihren Martins-Laternen gezündelt haben? Und nie die Pfoten verbrannt? Nie die Haare angesengt? Digital-Feuer, wie du sie bei Youtube zuhauf findest, sind NICHT geeignet, brennende Erfahrungen zu machen.


4. Brennen musst du für das, was du tust! 

 

Die Aussage im Ganzen gruselt mich noch mehr. Geht's noch? Echt der Hammer! Früher der "Hexenhammer". Da wird Strafandrohung, eine Foltermethode als Motivation verkauft. Das soll gut sein? Da sollen Erfolge folgen?



Ich will nicht brennen.

 

Lieber will ich in Ruh' meine Arbeit machen.
Mit kühlem, zufriedenem Geist in komplizierten Gedankengebäuden promenieren und selber welche bauen. Mit klarem Kopf planen. Zeit und Muße haben, auch einen brandgeschützten Raum für Inspiration und Kreativität. Dem anderen Part des Vegetativen Nervensystems - dem Parasympathikus - seine Arbeit erlauben, auch ausruhen, gesund bleiben. Mich auf andere Menschen einstellen. Herzenswärme lässt sich nur erzeugen, wenn man gerade mal nicht brennt.
Einfach meine Substanz behalten. Ich bleiben. Lieber ein Lichtlein im Tango anzünden. Das wärmt Herz und Gemüt. Selber brennen ist nicht nötig.


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel









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