Dienstag, 19. Dezember 2017

Vorweihnachts-Elegie

"Leise bieselt das Reh..."

 

<image article>im-prinzip-tango manuela boessel


Nix ist mit Schnee. Nur trübe Sauwettertage, die lediglich ein paar Stunden mumpfiges Licht versprechen. Hast du die adventliche Entstressung im Griff - also genug "staade" Zeit freigeschaufelt - kann es durchaus sein, dass sich elegische Gedanken ins Kopfkino hineinschleichen: Erinnerungen an traurige Lebensabschnitte, die gerne in und um's Fest der Liebe aufschlagen. Warum müssen die Leut' ausgerechnet in dieser Zeit sterben?

Ein unpünktliches Rauhnachtereignis


Da steht er schon in Nebelfetzen und winkt. Ich biege von der Landstraße auf den Parkplatz ab und lasse ihn einsteigen. Wie immer bringt mein Vater einen Schwung frisch-kühle Waldluft mit und ein liebes Lächeln. Dann fahren wir weiter.
"Bist aber früh dran heuer. Weihnachten war doch noch gar nicht?"
In den Rauhnächten habe er heuer frei und daher eine kleine Reise nach Rimini geplant.

Meistens sitzen wir eine Zeitlang zusammen einträchtig schweigend im Auto, bis seine luftige Erscheinungsform sich mit dem Gesang des italienischen Tenors aus dem Radio vermischt, unsichtbar werdend – bis zum nächsten Treffen. Ich bin so alt wie er damals, als ihn sein erster Herzinfarkt erwischte: 45. Alt genug, meine ich, um ihm die Frage zu stellen, die seit einigen Wochen zwischen den Rippen zwickt:
"Wo ist der Schlüssel?"

Er weiß ganz genau, welchen ich suche. Sagen wollte er es mir bisher nicht. Meine Erinnerungen pflege ich liebevoll sortiert in verschiedenen Schatzkisten aufzubewahren. Jederzeit kann ich sie aufschließen, davon kosten und wieder aufräumen, neu zuordnen oder verträglicher katalogisieren. Bis auf die eine, die seine Beerdigung enthält. Wir sind uns sehr ähnlich, deswegen weiß ich, wie stur er sein kann – so wie im Moment – und ich ärgere mich ein wenig.

"Blutwurst, Braten oder Schnitzel mit Pomm' Fritz? Das ist hier die Frage!", singt er im Duett mit dem Radiotenor. "Erinnerst Dich noch an den Emir und den Scheich? Zahl mer später, gemma gleich?" Sogar der sonst bei mir äußerst verlässlich funktionierende Erinnerungsanker "Was haben wir in Situation X gegessen?" fehlt.

"Ach Baba, sagst mir, wenn ich einmal 76 bin, immer noch, ich wär' zu jung?"
So alt wäre er heute. Endlich kann ich den Lastwagen überholen. Mein Beifahrer spreizt sich im Sitz ein, eine Rolle Leukoplast purzelt aus der Tasche seines Pflegerkasacks.
"Jaja, festgemauert in der Erden..." zitiere ich einen seiner Lieblingssprüche. Wir lachen, ich gebe Gas, wir sausen dahin.
"Volare!" schnulzt der Signore im Radio. Das heißt Fliegen.

"Und? Wo ist der Schlüssel?"
"Nie sollst Du mich befragen...." (ein weiterer Lieblingsspruch, ebenfalls gesungen)

"Ich will halt wissen, wie sie war, deine Beerdigung. Ich will's endlich aufräumen können."
"Ich war doch auch nicht da! Zu viele Leut'... Und tanzen hätt' man auch nicht dürfen."
Typisch Eigenbrötler.
"Außerdem war ich tot! Das sollt' langen als Entschuldigung. Da braucht's keinen gelben Zettel nicht. Es waren doch genügend Leut da, frag doch die! Dann kannst mir auch einmal erzählen, wie's war."

"Ich will aber EIGENE Erinnerungen."
"Der 'ICH WILL' ist in Italien im Meer dersoffen."
"Hast ihn getroffen droben im Himmel?"
"Da bin ich nicht so oft. Da hat man kein' Ruh'. Hier drunten schon."

Er streicht mir zart die Haare aus der Stirn.

"Musst das wirklich wissen?" fragt er leise.

Nein, muss ich nicht.
Wir zwei haben unseren Ruh' miteinand', wie sich's für Eigenbrötler gehört.
Das reicht. Bis zum nächsten Advent?

Ciao, Ciao Bambina...






Herzliche Grüße,
Manuela










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Freitag, 8. Dezember 2017

Unsere Facebookgruppe hat Geburtstag!

<article image>im-prinzip-tango



Viel muss ich nicht mehr sagen zu Gerhard Riedls Artikel, der anlässlich des Erst-Jahrestags unserer Facebookgruppe auf beiden Blogs erscheint. Das "Wie-Was-Wo" sprechen wir sowieso ständig ab, und Entscheidungen treffen wir immer gemeinsam. Da der werte Herr Kollege aber einfach a bissele mehr freie Zeit zur Verfügung hat, übernimmt er meist mehr vom "operativen Part". So auch heute. 

Vielen Dank an alle Gruppenmitglieder - an die aktiv Postenden und natürlich auch an die stille Mitlesenden! Wir hoffen, dass sich so manche finstere Ecken - und davon gibt's ja beim Tango genug - erhellen. Und vielleicht sogar funkeln! Wer weiß?

Und jetzt Bühne frei für Gerhard Riedl:

Was Sie schon immer über Tango wissen wollten...

Das Zitat aus dem Untertitel meines ersten Tangobuches benennt nun seit genau einem Jahr eine geschlossene Gruppe bei Facebook. Für dieses Forums Unkundige: „Geschlossen“ bedeutet, dass man die dortigen Veröffentlichungen erst sehen, darüber diskutieren oder eigene Beiträge einstellen kann, wenn man Mitglied ist. Man muss sich darum bewerben, und die Administratoren entscheiden darüber – ebenso über ein Ende der Teilnahme bzw. die Löschung einzelner Posts.

Der Entschluss von Manuela Bößel und mir kam ziemlich spontan zustande, als wir wieder einmal darüber sprachen, dass Tangoanfängern heute meist eine sehr eingeschränkte Ansicht unseres Tanzes vermittelt wird: ausschließlich historische Musikaufnahmen, Aufforderungs- und Parkettbenutzungsregeln, die Mär von „Führen und Folgen“ – kurzum ein ziemlich konservatives Bild des Tango.

„Wer von denen weiß denn noch, wie früher Tango getanzt wurde und wieviel Spaß das machen konnte?“ – so ungefähr waren am 8.12.16 meine Worte, worauf meine Kollegin antwortete: „Dann machen wir halt eine Facebook-Gruppe auf und erklären es ihnen!“

Am selben Nachmittag entstand die Gruppenbeschreibung. Sicher würden wir heute manches anders formulieren (was wir auch vorhaben), aber der Kern trifft unser Anliegen nach wie vor:

 „Was Sie schon immer über Tango wissen wollten...“ richtet sich an Menschen, die allgemeine Fragen zum Tango argentino haben oder entsprechende Probleme diskutieren wollen.

Gerade Anfänger trauen sich das oft nicht oder meinen, mit ihren Schwierigkeiten allein zu sein. Vielleicht fällt es ihnen leichter, sich in einer geschlossenen Gruppe zu äußern!

Wir tanzen beide bereits seit 17 Jahren Tango, haben dazu Bücher herausgebracht und schreiben viel gelesene Blogs zu diesem Thema. Daher hoffen wir, Euch behilflich sein zu können!

 Also, keine Angst, sich hier anzumelden – es kostet nichts und tut bestimmt nicht weh...

Sorry, diese Gruppe ist nichts für Spezialisten, welche Wiedergabeprobleme knisternder Schellacks oder Tanda-Zusammenstellungen aus der EdO diskutieren wollen. Draußen bleiben muss auch Werbung für Tangoveranstaltungen, Schuh- oder Kleiderverkauf.

Wir bitten um einen angemessenen Umgangston – Spam- und Hasskommentare werden ohne Vorankündigung gelöscht!

Herzlich willkommen!

Wie üblich war ich der Skeptische von uns beiden und wäre mit 20 oder 30 Mitgliedern schon zufrieden gewesen – aktuell haben wir jedoch 332 Teilnehmer! Wer sich einmal durch die Beiträge des ersten Jahres scrollt (eine längere Beschäftigung), wird auf eine bunte Vielzahl von Tangothemen stoßen, die sicherlich nicht nur Anfängern wichtige Informationen und Sichtweisen präsentieren.

Was die Gruppe von unserer „Wohnzimmer-Milonga“ unterscheidet: Es gibt keine Höchstzahl von zirka 20 Teilnehmern. Das hat natürlich Folgen: Eine stark anwachsende Gemeinschaft lockt mit der Zeit unweigerlich auch Menschen an, die versuchen, dort Macht auszuüben – etwa, indem sie die Rolle des „übergeordneten Experten“ spielen oder über die geltenden Spielregeln Diskussionen anzetteln.

Mehrfach haben Manuela und ich uns gegen diese Entwicklung gestellt, welche aus unserer Sicht Anfänger abschreckt: Breitet sich ein „Wertungsrichter-Tonfall“ erst einmal aus, vermeiden es Neulinge, „dumme“ Fragen zu stellen. Ein weiterer Trend ist dann, vom Sachlichen ins Persönliche abzugleiten. Ich habe neulich dazu geschrieben:

„Gefährlich wird es stets, wenn man beginnt, den Kontrahenten einem ‚Lager‘ zuzuordnen. Irgendwann sammeln sich dann Unterstützerscharen um die beiden, und die Schlacht der Stereotypen beginnt. Wenn man dann schließlich zwischen den rauchenden Trümmern sitzt, ist stets das Hauptargument, man sei ‚missverstanden‘ worden.“

Letztlich ist dies der sicherste (und schon öfters erfolgreich praktizierte) Weg, ein soziales Forum kaputt zu kriegen. In Kürze überwiegen dann persönliche Attacken und die beliebten Debatten, wie und worüber denn zu diskutieren sei. In dieser Hinsicht agieren Manuela und ich völlig „undemokratisch“: Wir haben diese Gruppe mit bestimmten Zielsetzungen gegründet, über die wir nicht verhandeln werden. Wer diese teilt, ist herzlich willkommen – wer nicht, findet in den Hunderten von Tangogruppen und -foren sicherlich besser Passendes. Die „Meinungsvielfalt“ ist nicht gefährdet. Und nein – es ist keine menschliche Katastrophe, nicht in einer FB-Gruppe bleiben zu dürfen.

Daher haben wir auch nicht gezögert, nach entsprechenden Vorwarnungen bislang vier Teilnehmer auszuschließen – ein fünftes Mitglied ging freiwillig.

Zwei Beispiele: Als ein jemand in der Gruppe von „unfeinem Nachtreten“ sprach und ich dies monierte, erhielt ich als Antwort:
„Ich habe versucht, mich höflich auszudrücken und meinen Eindruck bzw. die Wirkung als Außenstehende zu schildern. Wenn das nicht erwünscht ist, zweifle ich an der Sinnhaftigkeit dieser Veranstaltung und werde meine Schlüsse ziehen.“
Die zogen wir dann ebenfalls und beendeten die Mitgliedschaft. Welchen Sinn macht es, in einer Gruppe zu sein, an deren „Sinnhaftigkeit“ man zweifelt?

Ein anderes Mitglied versuchte uns einen eher lockeren Moderationsstil anzudienen:
„Ich erlebe ja nun auch in anderen FB-Gruppen Diskussionen, die durchaus erheblich kontroverser sind als hier. Da regeln sich die Teilnehmer prinzipiell alleine und bitten die Admins nur bei recht groben Verstößen gegen die Netzetikette oder die Gruppenregeln um Eingreifen.“

Sorry, aber wir greifen lieber ein, „bevor es schlimm wird“, wie Manuela einmal schrieb. Was der Schreiber von „Netzetikette“ hält, bewies er übrigens bei seinem freiwilligen Abgang, nachdem ich einen Post von ihm moniert hatte:
„Dann sollten Sie Ihr Verhältnis zu sich selber und Ihrem Verständnis von Menschlichkeit, Mitmenschlichkeit und Kommunikationsfähigkeit überdenken. So, wie Sie diese Gruppe moderieren, zeigen Sie nichts als ein mangelhaftes Führungsverhalten. In der Privatwirtschaft hätte man Sie von einer Führungsrolle vermutlich schon lange entbunden.“

Manuela und ich sind wahrlich Freunde geschliffener Satire – jedoch beschränken wir die auf unsere Blogs. Die verlinken wir zwar öfters in der Gruppe, aber es ist ja keiner gezwungen, da draufzuklicken. Und auch dort halten wir uns mit harter, auf reale Personen bezogener Kritik äußerst zurück.

Amüsant fand ich auch verschiedene Warnungen, die Gruppe würde durch unseren strengen Moderationsstil weniger attraktiv: Der oben beschriebene „Krach“ ist nun eine Woche her. Seither herrscht wieder ein ausnahmslos sehr netter Umgangston – und wir erhielten in sieben Tagen 21 Neuanmeldungen (das Dreifache des Üblichen).

Unsere FB-Gruppe brachte mir also auch wertvolle Erkenntnisse zum sozialen Miteinander im Internet: Man kann Diskussionen sachlich halten und persönliche Attacken weitestgehend unterbinden. Allerdings hilft hierbei am besten eine „Null-Toleranz-Strategie“: Mit Leuten, deren Ego kaum durch die Tür passt, über „edle Selbstbeschränkung“ zu verhandeln, hilft rein gar nichts!

Manuela hat neulich unsere Anliegen sehr schön zusammengefasst:

"Wir möchten VIELFALT vermitteln und zeigen, wie viel Lebenslust drin stecken kann und Respekt und Toleranz. Meinungen bilden, Geschmacksfragen klären (z.B. bezüglich des Stils), für sich zu einer Einschätzung kommen und Entscheidungen treffen und Ähnliches können die Leute hier selber. Sind ja alles Erwachsene.

Expertendiskussionen im Sinne von 'Mein Tango ist fei öchtör als deiner' können in anderen Gruppen geführt werden. Da ist zum Teil sogar Raum für Missionierungsaktionen. Für Tango-Satire nutzen Gerhard und ich unsere Blogs. Hier in dieser Gruppe halten wir uns bewusst zurück. Und nur zur Erinnerung: Satire geht immer nach oben, nie nach unten. Das Angebot für Gastbeiträge steht von seiner und meiner Seite.

Ebenso wenig zielführend in unserer Gruppe – deswegen verboten – sind herablassende Belehrungen mit und ohne Gemeinheiten, die Einteilung in 'richtig' bzw. 'falsch' (…) oder einfach das Thema als Schlitten benutzende, persönlich-zwistige Gockelkämpfe. (…)

In dieser Gruppe sind doch so viele, die sich als erfahrene Tango-Mentoren eignen! Früher hätte ich mir solche sehnlichst gewünscht, als ich mich als kleines Tangowürschtle auf die ersten Milongas wagte! Den Anfängern und Mentoren (und allen dazwischen) bieten wir diese Gruppe als Austauschforum mit dem Ziel 'Hilfe zur Selbsthilfe' in der ganzen Breite des Spektrums 'Tangovielfalt'. Und alle – auch wir mit einem schon etwas längeren Tangoleben – haben etwas davon: nämlich Lernen. Und das mag der Tango. Meiner zumindest."

Meiner auch. Daher danke ich unseren Gruppenmitgliedern für wertvolle Informationen, eindrucksvolle Erfahrungsberichte und engagierte Diskussionen. Gerade unser Anliegen, Anfänger zu Fragen zu ermuntern, ist aber noch ausbaufähig. Wer mittun möchte, ist herzlich eingeladen:

https://www.facebook.com/groups/1820221924868470/


***
Da schließ' ich mich nochmal einfach an und freue mich auf vielleicht baldiges Treffen in der Gruppe! Oder im echten Leben ;)

Herzliche Grüße,
Manuela










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