Mittwoch, 21. Februar 2018

Das hat man heut nimmer so!

Bommel! Riesenbommel! Das hat man fei jetzt so!

Kennst du das?
Familien am Rande des Nervenzusammenbrauchs!
Wenn der Saisonwechsel die Neubefüllung der Kleiderschränke dringend nahelegt?

Beamen wir uns in ein - ich nenne es ganz mal altmodisch-neutral - "Kaufhaus". Wir studieren das Verhalten einer Standardfamilie: Vater, Mutter, zwei Kinder. Begonnen wird mit der Neuausstattung der Kindspersonen (weiblich, 8 und 5 Jahre alt, sehr zierlich). Unsere Probanden bewegen sich, wie von den Besitzern des "Kaufhauses" strategisch schlau geplant, vom obersten Stockwerk (Kinder) etagenweise nach unten Richtung Ausgang. (Aus dem dritten Stock flüchtet sich's nicht so leicht wie ebenerdig.)

Dort droben in der Kinderabteilung prüft Mama in Lichtgeschwindigkeit sämtliche Hosenmodelle, Pullover, Anoraks, etc. nach Passform und Preis. Die "coolen" Teile, die mit dem angehängten Plastikpferdchen, werden gnadenlos aussortiert: Leider wurden selbige für fette Kinder konzipiert. Kindsperson I wird mit diversen in Frage kommenden Modellen in eine Kabine geschickt. Kind I murrt. Kein Plastikpferdchen. Farbe blöd. Für Kindsperson II werden derweil Strumpfhosen ausgewählt. Kein leichtes Unterfangen, da nur die mit dem gelben Plastikentchen eben nicht beißen.
Papa steht wie ein Baum, eingesetzt als Leibwächter für Mama's Handtasche. In der Papareihe. Und guckt. Und schweigt.

Passt eines der Kleidungsstücke Kindsperson I, sucht Mama dasselbe Modell ein paar Nummern kleiner in alternativer Farbe für Kindsperson II, die gerade mit Papa ein Klo sucht. Kindsperson I murrt. Bärchen sind blöd. Blümchen sind blöd. Rosa Nicki auch. Und kein Plastikpferdchen...
"Wieso nicht?"
"Ja, dann schlupf halt rein. Die Hose ist dir gewiss zu weit."
Pulli in die Hose gestopft, Bauch rausgestreckt.
"Schau, Mama. Die passt!"
"Nimm die, eine Nummer kleiner..."
Schmerzliches Ergebnis: Hochwasserhose. Zu weit am Bund. Kann man nix machen. Mama hängt sie zurück.
Bleibt das pferdchenlose Schmalmodell, das bei Rauswachs-Anzeichen mittels anzunähender Borte, Stoffstreifen o.ä. verlängert werden kann.

Papa und Kindsperson II erscheinen postbieselisch zurück. Geschwind werden die Kurzmodelle längenmäßig angemessen, für gut befunden. Verkäuferin zieht gaaanz entzückende Zwillings-Kleidlein in beiden Größen hervor:
"Das hat man jetzt so!"
Kindsperson I zeigt diskrete Panik-Symptome. Kindsperson II lächelt süß, obwohl kein Radl Gelbwurst zu erwarten ist. Mama: sehnsüchtiges Stoffstreicheln, dann ein a bissele trauriges Kopfschütteln. "Das zieht's mir eh nicht an." (Danke Mama!)
...und auf geht's mit einem Arm voll Beute eine Etage tiefer.

In der Herrenabteilung hängen kilometerweise Hosen, von denen ich mich heute noch frage, wer denn selbige kauft. Papa meint, seine Hose sei doch noch gut.
Eben. Singular.
Ohne hinzusehen greift er in seinen Größenabschnitt hinein, hängt sich die Hose über den Arm wie ein Kellner.
"So. Die."
"Willst nicht reinschlüpfen?"
"Warum? Das ist doch meine Größe."
"!"
Kindsperson II sitzt unter einem Kleiderständer und streichelt unbeißige Strumpfhose und Plastikentchen. Kindsperson I muss auf's Klo, findet aber den Weg via Aufzug nach ausführlicher Einweisung alleine.
Papa zieht sich geschlagen in die Kabine zurück.
"Schau! Passt!"
Tut sie nicht.
"Jetzt nimm halt die Händ' aus den Hosentaschen!"
Zumindest die Länge stimmt, da Kurzgröße.
"Die Hose ist doch nur für den Weg in's Geschäft. Das geht schon."
"Das sieht unmöglich aus!"
"Du siehst mich ja nicht auf dem Weg in's Geschäft."
"Aber du hast ja auch mal frei!"
"Dann zieh ich mein Daheimrum-Gewand an."
"Ja, eben. Drum brauchst ja eine zusätzliche (!) Hose! Probier mal die..."

Ergebnis: suboptimal, aber tolerierbar.
Verkäuferin mit Blick auf die zu erneuernde Gewandung am Mann:
"Das hat man fei nimmer so!"
Zückt einen dunklen Anzug samt passendem Hemd.
"Mei, zu ihren schwarzen Haaren! SIE könnten sowas doch tragen!"
Papa wirft sich die suboptimale Alltagshose über die Schulter, nimmt Kindspersonen an die Hand und eilt Richtung Rolltreppe. Mama streichelt sehnsüchtig den Anzug-Stoff.
"Das zieht er mir eh nicht an."

Kindsperson II hat die Mütze verloren. Umweg über die Kinderabteilung mit Aufsammeln derselben auf der Rolltreppe. Kindsperson I möchte sofort (!) in den Laden mit der großen Rutsche. Murrt, da dem Wunsch nicht entsprochen wird. Kindsperson II muss auf's Klo.
...und auf geht's mit einem Arm voll Beute eine Etage tiefer zu den Damen.

Papa und Kindspersonen beobachten zig rasant ablaufenden Kostümwechsel.
"Schau! Seh ich da nicht zu dick aus?"
"..."
"Das hat man fei jetzt so. Seh ich wirklich nicht dick aus?"
"..."
Mehrere Zeitrafferwechsel in Folge. Kindsperson I will auf's Klo, muss aber aushalten.
"Die Farben... Ich weiß ja nicht... Aber das hat man jetzt halt so. Steht mir das?"
"..."
Mama wirbelt in und aus Kleidungsstücken, unterstützt von der Verkäuferin, die zahlreiche Klamotten hinaus- und hineinreicht.

Papa versucht Kindsperson II zu überzeugen, dass "Entchen" (und Strumpfhose) nicht in der Mütze schlafen dürfen, da noch nicht bezahlt. Erst die Ankündigung des Polizisten wirkt. Kindsperson I will endlich (!) zur Rutsche.

Verkäuferin hilft, den Kleiderstapel zur Kasse zu transportieren. Nimmt Geld entgegen und verpackt die ganze Chose in mehrere Tüten, die sie Papa reicht.

Wieder daheim präsentieren die weiblichen Familienmitglieder der Oma die Beute. Oma, die Damenkleidungs-Fachverkäuferin, zupft und nestelt herum, krempelt Ärmel hinauf, öffnet oder schließt Knöpfe, stellt Krägen auf.
"SO hat man das heut', gell!"

Und die Moral von der Geschicht'?

Unser Feldversuch zeigt uns zwei ganz klare Ergebnisse zur Motivation "Neuausstattung":

1. Kindspersonen haben eine sehr ungünstige Eigenschaft: Sie wachsen. Stetig oder schubweise. So ist der Ausstattungswechsel nicht zu vermeiden. Die alten Klamotten wandern in Säcke oder Secondhand-Läden, werden weitergegeben oder zu Lumpen verarbeitet. So wachsen die Kurzen ganz natürlich aus den knuffigen Bärchenideen (oder anderem Grusel) ihrer Eltern heraus und pfeilgerade in ihre eigenen Überzeugungen hinein. Früher oder später.

2. Adulte Exemplare hingegen wachsen höchstens in die Breite. Und auf keinen Fall so spektakulär, wie Kinder das zu tun pflegen. Dann könnten sie ja das Gewand behalten, bis Materialermüdung einen Austausch nötig macht. Um diesen marketing-technischen Unglücksfall in Grenzen zu halten, wurden wohl Moden erfunden und "Das hat man heut nimmer so!"-Verkünder implementiert.

Die Ergebnisse lassen sich durchaus auch auf die "innere Gewandung" übertragen:

Die Hip-Strömungen begegnen uns in der Heilkunde - zur Zeit zum Beispiel in lichtecht gelb. (Oder ist Curcuma schon wieder out?) Schade, denn dieses inflationär besprochene Pulver ist zwar kein Zaubermittel, aber bei einigen Problemen ein wunderbares Heilmittel.

Beim Tango heißt es aktuell: "Schlusspose? Hat man fei heut nimmer!" (Siehe Gerhards Tangoreport: http://milongafuehrer.blogspot.de/2018/02/liebes-tagebuch-46.html)

Immer wieder neue Anreize zum Kaufen müssen doch her. Seien's doch vernünftig! Wie sollte denn sonst unsere Wirtschaft blühen? Wie anders die Leut' bei der Stange halten? Die langweilen sich doch sonst. So ohne Vorgaben - ohne Trends. Das geht doch nicht, dass die sich selber was beibringen! Oder gar selber denken? Selber gestalten? Selber machen? Wo soll das denn hinführen? Wer kauft denn dann die Produkte? Oder Workshops?

Wachstum - geistiges und/oder emotionales - erfordert dagegen ganz automatisch eine Anpassung unserer Denkvorgänge und Handlungsweisen hinein in neue Sphären. Altes, nicht mehr Passendes darf aussortiert werden. Das ist nun wirklich nicht einfach, aber spannend - eine organische Art, das Leben zu händeln, in dem nix bleibt, wie es ist. Auch wenn dir jemand sagt: "Jetzt kauf/male/denke/tanz... dir halt mal was Pfiffiges [wahlweise anderes Adjektiv, szeneabhängig], wie man's heut hat!"

Offen bleiben die Fragen: 

  • Wer ermächtigt die "Das hat man heut' so!"-Sager?
  • Woher wissen das?
  • Welche Instanz entscheidet?
  • Und was passiert, wenn man sich nicht dran halten möcht'?
Kannst du mir das sagen?

Als kleines Abschluss-Trost-Gutsi gebe ich dir ein Mantra mit auf den Weg, aufzusagen, wenn bockiges, sozial unverträgliches Murren in dir aufsteigen will:

"Auch DAS geht vorbei!"


Herzliche Grüße,
Manuela










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Donnerstag, 8. Februar 2018

Vor-Ahnen-Einmischung



Wieso brennt in meiner Wohnung Licht? Es ist schon finster, der Winter hat sich fest eingenistet in landschaftliche Tageszeiten und Gemüter. Ich schultere die schwere Tasche mit den Einkäufen, sperre mein Auto ab und stapfe durch die schneematschige Wiese zur Haustüre. Wieso ist der Postkasten ratzeputz leer? Kein Stapel Schinkenblättchen wie jede Woche am Montag?

Kicherndes Gemurmel fließt mir die Stiege hinab entgegen, gewürzt mit nostalgischem Duft warmen Butterschmalzes. Aha, die Nachbarin feiert schon wieder. Hoffentlich nicht zu lange, ich mag heut' nur noch Tatort und mein' Ruh'.

Ich kann gerade noch den Schlüssel ins Schloss der Tür stecken, bevor selbige aufgerissen wird. Eine Hand packt mich und zieht mich herein. Butterschmalz UND Reiberdatschi! Und Apfelmus! Was ist denn hier los? Eine Horde Menschen (?), zum Teil recht eigenartig gewandet (siehe Bild, danke Smartphone) hockt verteilt auf die wenigen Sitzgelegenheiten in meiner Singlewohnung, fröhlich plaudernd, zum Teil ein wenig wellig an den Erscheinungsrändern. Andere wirken transparent fast bis zur Unsichtbarkeit. Ein dicker Mann blättert versunken in meinem Aldikatalog. Die Handbesitzerin nimmt mir Tasche und Jacke ab, hängt beides ordentlich an einem Lufthaken auf und hält mir einen Teller – meinen Teller! – mit  knusprigem Kartoffelgebäck unter die Nase. Sie ähnelt vage einer Frau auf diesen zickzackrandigen Schwarzweiß-Fotos, die meine Mutter schon seit Jahren aussortieren möchte. Oder beschriften. Die Versionen-Nennung ist stimmungsabhängig.

Das kittelbeschürzte Trumm Weib teilt mir mit, dass man heute den Dia de los Muertos nachzufeiern gedenke. Und zwar bei mir. Aha. Man habe sogar die Anderen, die kreuzbraven, unlustigen Protestanten überreden können. Diese stehen verschüchtert im Flur und trauen sich nicht, ihre Farben einzublenden. Der Buddha grinst rosarot. Mein Einwand bezüglich des heutigen Datums wischt sie beiseite. Fasching ginge auch, außerdem hätten sie da alle mal frei. Ich solle erstmal was essen. Ein vernünftiger Vorschlag. Sind ja eh meine (!) Reiberdatschi aus der Gefriertruhe.

Zigarrenrauch und Kölnisch Wasser, zwei leichtbekleidete Frollein im Spagat über Möbelstücken, einer hat den Wein gefunden. Er gießt ihn in leere Marmeladengläser, die er verteilt. Großes Hallo und Prost! Diverse Kinder mit und ohne Ball. Und ich denke apfelmus-stippend über Haftpflichtversicherungs-Angelegenheiten nach.

Eine winzige, graue Frau aus der Fraktion der Braven schleicht herein. Hand in Hand mit einem, der sich als eine Art Schutzengel verkleidet hat: schwarze Zausellocken, dunkle Augen mit unverschämt langen Wimpern, auf dem Hemdrücken eine flügelartige Konstruktion aus Stanniolpapier. Die Schnieke mit dem hübschen Schmuck erinnert an meine Oma, ist aber viel jünger. Sie schiebt eine Tango-CD in die Anlage, klatscht in die Hände und ruft zum Tanz. Und nach einem sehr kurzen Augenblick gleicht meine Wohnung – der Hort meiner Sehnsucht nach Ruhe – einer wurrligen Milonga. Mit Códigos halten sich die Herrschaften nicht auf. Alle tanzen mit allen, Männer, Frauen und die dazwischen – egal. Man zieht mich mit auf die improvisierte Tanzfläche und reicht mich wirbelnd von einem zum nächsten, bis ich nicht mehr weiß, wie mir geschieht, schwindlig in Leib und Seele.

Irgendwann, nach Minuten oder Stunden, schlägt die Kirchturmuhr. Die Cumparsita verstummt dramaturgisch gesehen optimal mit dem letzten Dong. Zufrieden erschöpft lassen sich meine Besucher dort fallen, wo sie gerade stehen. Die Fenster sind beschlagen. Der Engelartige mit den langen Wimpern malt ein Herz auf die Scheibe. Ich öffne es, das Herz verblasst, kalte Nachtluft und samtige Schwärze kriechen herein.

„Schnaps ist Schnaps und Geld ist Geld!“, verkündet die Rädelsführerin, die mich hereingelassen hat. Man sei ja nicht nur zum Vergnügen da! Einer der Sofasitzer überreicht mir einen handbeschriebenen Zettel, eine Liste mit Forderungen:

TOP 1: Die Bagage wünscht ein Feriendomizil in Form eines Geisterhäusleins am (Bild vom) Comer See, dem wunderbar kitschigen Ölschinken, der im Schlafzimmer hängt. Dann könnten die Heimsuchungen einfach besser logistisch organisiert werden: mit Reservierungen und so und nicht alle gleichzeitig. Ich sei ja schließlich nicht die einzig geistisch zu Bedienende. Okay, darauf kann ich mich einlassen, da Vollpension mit Bettenmachen oder Handtuchversorgung nicht nötig sei. Gemaltes Geisterfutter reiche, sowie hin und wieder ein Räucherstäbchen. Oder Teelicht. LED wäre auch genehm wegen Brandschutz.

TOP 2 der Liste macht mir allerdings mehr Probleme: „Die Einbeziehung Peter Ripotas transgenerationaler Einflüsse in unserem Buchprojekt über Männer und Frauen“. Eine „rein individualpsychologische Betrachtung“ sei Bockmist. Und für mich wären sie ja schon da – und zwar (fast) alle! – um mir beim Schreiben zu helfen. Sie hätten extra meine Schwester (Germanistin M.A.) gebeten, den Wunsch in Akademiker-Sprech zu übersetzen, um es dem Ripota schmackhaft zu machen. Mit „Einbeziehung transgenerationaler Einflüsse“ meinen sie konkret, gemeinsam mit seinen Ahnen Party zu machen. Mit Tango, Wein und Reiberdatschi!

Dass ich das Ansinnen doch ziemlich übergriffig finde, geht der Gesellschaft am A... vorbei. Sie sind von der Idee begeistert. Ich auch, aber nicht im gängigen Wortsinn. Ent-geisterung wär mir jetzt lieber. Nicht alles, worüber einer nicht sprechen mag, ist eine „partielle Amnesie“ – manche Angelegenheiten sind einfach PRIVAT! „Privat!“, da lacht die Bagage. Ich solle mich nicht so anstellen. Und überhaupts, ob ich denn meine eigenen Texte nicht kenne? Hahah, privat....

Wieso sie überhaupt von unserem Schaffen wissen? Die Druckdateien habe ich erst vor ein paar Tagen hochgeladen. Internet und so, haha, das sei doch eine famose Geisterwelt! Freilich wären sie dort unterwegs! Aha, unser Buch scheint bei Amazon schon gelistet zu sein.

Famoses weltweites Netz! Woher hätten sie denn sonst solche  G'scheithaferl-Worte wie „Amnesie“? Ich „Schätzle“ solle doch nicht so naiv sein. Allerdings rennen die Reisenden dort nicht mit Namensschildchen umher. Sonst hätten sie die Geister-Familia vom Ripota schon längst selber gefunden und kontaktiert.

Das wird mir jetzt alles zu viel. Ich gehe ins Bett. Ohne Tatort. Soll die Mischpoke machen, was sie will.

Beim Frühstückskaffee am nächsten Morgen checke ich wie immer meinen E-Mail Briefkasten. Ganz in Ruhe, allein, keiner da. In „gesendet“ liegt allerdings eine Nachricht an meinen geschätzten Co-Autor, die mich fast meinen Kaffee wieder ausspucken lässt:

Werter Peter Ripota,
mir drängt sich der Eindruck auf, dass wir eine Menge unbewusster Verhaltensweisen von unseren Ahnen geerbt haben, auch was den Umgang zwischen Männern und Frauen betrifft. Das haben wir gar nicht bearbeitet! (Stichwort Epigenetik, siehe Teuschel „Der Ahnenfaktor: Das emotionale Familienerbe als Auftrag und Chance“)
Oje! Was sollen wir tun? Es ist doch schon im Verkauf! So eine Schande!
Herzliche Grüße, Manu


Während ich Blut und Wasser schwitzend überlege, wie ich aus der Nummer wieder einigermaßen heil rauskomme, klingelt der Postbote. Der Ripota steht unter Naturschutz! Dem darf man doch so nicht kommen, das mag er gar nicht... Mist, jetzt hab' ich meinen Kaffee verschüttet.

Im Päckle steckt das erste Exemplar unseres neuen Buchs. Schau!

Männer führen, Frauen folgen? 

Geschlechterbeziehungen im echten Leben und im Tango
von Peter Ripota & Manuela Bößel

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Wie schön: Es scheint in Ordnung zu sein: auf den ersten Blick keine fehlenden Seiten, fiese Fehler oder sonstige Peinlichkeitskatastrophen. Soll sich's die Geister-Bagage doch im Internet bestellen. Jetzt ist es fertig. Und ich bin stolz drauf. Wären sie halt pünktlich gekommen zum Dia de los Muertos...

Meine Restempörung schmilzt zumindestens ein bissel. Irgendwie spielen sie ja doch eine Rolle in meinem echten Leben und im Tango. Der Kaffeekanne lässt sich noch eine Tasse entlocken, die Sonne scheint, der Buddha sitzt wieder dick und fett und unbewegt auf meiner Kommode. Grinsend ohne Rosa. Und mein Reiberdatschi-Vorrat in der Gefriere ist wieder (oder noch?) komplett.

***
ein Outtake aus unserem frisch erschienenen Buch "Männer führen, Frauen folgen - Geschlechterbeziehungen im echten Leben und im Tango" von Peter Ripota & Manuela Bößel
***
Herzliche Grüße,
Manuela 

P.S. Buchbesprechung auf Gerhards Tango-Reort











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Donnerstag, 1. Februar 2018

Ingwer-Schatz!

Wie dir Ingwer hilft, gesund zu werden, und wie du ihn einfach wirkungsvoll zubereitest

 



Ingwer ist zur Zeit in aller Munde. Zahlreiche solcher Münder verteilen - gefragt und ungefragt - Lobpreisungen der Zauberwurzel, kaum dass dir ein rotziges Schnieferlein entwischt. Nimm Ingwer! Leider oft egal in welcher Form. Dann höre ich, dass das alternativ naturmedizinische Zeugs halt nicht helfe. Das ist schade, denn die Wurzel (auf klugscheißerisch "Rhizom") ist eine wirklich feine, hochwirksame Medizin. Deswegen hat es unser Ingwer-Schatz verdient, so zubereitet zu werden, dass er dir seine Heldenkräfte auch schenken kann. (Siehe Rezept unten)

Vorab: Teebeutel aus dem Supermarkt, befüllt mit totem, staubigen Ingwerpulver haben keine Wirkung. Was vielleicht lindernd bei Erkältungen wirken könnte (bewusster Konjunktiv), sind das heiße Wasser für den Aufguss und der Löffel Honig im Tee.

Wer bist du und woher kommst du, Ingwer?


Woher der Gute ursprünglich stammt, ist nicht ganz klar - wahrscheinlich Asien. Seit ca. 4000 Jahren bauen ihn die Inder und Chinesen an. Andere Südostasiaten zogen natürlich nach und integrierten ihn in Küche und Heilkunde. Eigentlich logisch, denn gerade in feuchtheißen Ländern ohne Kühlschrankversorgung fühlen sich Nahrungskeime wie Salmonellen, Shigellen oder E. coli sehr wohl. Ingwer macht selbige antibiotisch platt.

Traditionell wird er dort gegen Krankheiten der Atemwegsfamilie genutzt wie Erkältungen, Husten, Halsentzündungen, Bronchitis, aber auch gegen Irritationen des Verdauungstrakts - von Appetitmangel, Erbrechen, Durchfall, Blähungen, Darminfektionen usw.
Klassischerweise benutz(t)en die Asiaten frischen Ingwer, kein Pulver aus getrockneter Wurzel, sondern mit heißem Wasser aufgegossen und gesüßt.

Diese Hauptanwendungsgebiete des Ingwers haben sich auch bei uns herumgesprochen, und man setzt sie erfolgreich ein.

Ingwer ist gut für den Bauch


Bei Übelkeit beruhigt er den Magen und steigert den Appetit bei Leuten, die es "nötig haben" - Alte oder Ausgezehrte. Er hilft dir nach einem fetten Weihnachtsbraten, gegen Schwangerschafts- und Reiseübelkeit. Kandierter Ingwer hilft in diesen Fällen schnell und unkompliziert, bis der Tee fertig ist (falls du ihn dann noch brauchst ;). Er wirkt laut Quelle (siehe unten) auch gegen Heliobacter pylori, einen Keim, der gerne mal Magengeschwüre verursacht.

Inzwischen weiß man, dass Ingwer die Anhaftung von krankmachenden Keimen an der Darmwand erschwert. Dann fahren die Uneingeladenen schneller zum Ausgang. Manche Fies-Bakterien im Darm benutzen Elastase - einen Stoff, der unsere grenzschützenden Zellen Richtung Blut anlöchert. Und da wollen sie hin. Keime im Blut? Nicht gut! Ingwer hemmt diese Elastase.

Unsere Heldenwurzel reduziert effektiv krankmachenden Bakterienbefall und lindert Durchfall. Netterweise entspannt er auch die Darmwände und hilft bei Bauchkrämpfen.

Entzündungshemmend und synergetisch


Heute nutzt man zudem seine antientzündliche Wirkung. Ingwer erwies sich als vergleichbar schmerz- und schwellunglindernd wirksam wie Ibuprofen (randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudie mit 102 Arthrosepatienten). Die Probanden bekamen zusätzlich essentielles Ingweröl, um schmerzende Stellen zu massieren - mit gutem Erfolg. Allerdings habe ich keine Informationen darüber, ob es pur angewendet wurde oder in einem Trägeröl. Ich persönlich würde es tropfenweise in ein gutes Hautöl (Mandel, Jojoba o.ä.) mischen und vorsichtig aufdosieren. 

Da unser Ingwerschatz die Blutgefäße entspannt und die Durchblutung fördert, senkt er den Blutdruck ein bissel, was ja manchmal gewünscht ist, und hilft enorm, andere Heilkräuterkomponenten überall im Organismus zu verteilen. So können diese besser wirken, einige sogar stärker als allein. Das ist sein Job als Synergist. (Welche anderen Kräuter genau dir in deiner Situation gut tun würden? Frag deinen Heilpraktiker des Vertrauens.)

Interessanterweise setzt Ingwer die Synergie-Fähigkeiten auch bei verschiedenen "normalen" Antibiotika ein. Bakterien haben einen Mechanismus, mit dem sie versuchen, die Chemie  ganz schnell wieder aus ihrem Zellinneren hinaus zu pumpen. Ingwer stört diese Methode, die "Pumpen" versagen, das Medikament verbleibt dann im Zellinneren und kann dort wirken (Aminoglycosid-Antibiotika wie z.B. Gentamycin oder Streptomycin). Zudem erhöht Ingwer die Durchlässigkeit der Bakterien-Zellmembranen: So gelangt der Stoff leichter hinein ins Bakterium. Diese Mechanismen verstärken also die Wirksamkeit des antibiotischen Arzneistoffs auch bei resistenten Keimen. Ingwer hat noch andere Tricks solcher Art auf Lager, aber das würde zu weit führen.

Hilfe bei Infektionen im Atemtrakt


Bei Erkältungen oder Bronchitis hilft dir unser Goldstück, zähen Schleim aus Nase und Bronchien loszuwerden und lindert unproduktiven (!) Hustenreiz genauso gut wie Codein. (Gängige "chemische" Hustenblocker verhindern, dass du das Sekret abhusten kannst. Dann bleibt das infektiöse Zeugs drin, was die Gesamtsituation verschlimmern kann. Manchmal wird dann zusätzlich ein Schleimlöser verordnet. Wieviel Sinn "Schleim lösen und Abhusten komplett blockieren" hat?  Bilde dir selber deine Meinung... Unser Ingwer arbeitet da ein bissel differenzierter.)

Auch hier können wir seine entzündungshemmende Wirkung brauchen. Hast du einen Infekt mit Gliederschmerzen, wirst du froh sein über seine mit Ibuprofen vergleichbare Schmerzlinderung.

Obacht!


In der Schwangerschaft keine hohen Dosen verwenden (wie im Rezeptvorschlag), vor allem in den ersten drei Monaten, da die Wurzel menstruationsfördernd wirken kann. Allerdings wurde in zahlreichen Studien nachgewiesen, dass eine moderate Dosis - in der Studie wurde Ingwerpulver benutzt - auch in schweren Fällen von morgendlicher Schwangerschaftsübelkeit im ersten Trimester erfolgreich sein kann. Hier würde ich eher auf kandierten Ingwer oder einen leichten (!) Tee zurückgreifen (ein Wurzelstück maximal so groß wie die Hälfte deines Daumenendglieds auf einen Liter Wasser, kleinschneiden, mit kochendem Wasser aufgießen, nur zehn Minuten ziehen lassen. Erstmal nur eine kleine Tasse trinken, Wirkung beobachten! Alles gut? Nur dann mehr davon trinken. Falls nicht, weglassen!)

Anwendung bei akuten Infektionen


Heißer Tee aus frischem Saft  oder ein Aufguss sind am wirksamsten gegen Magen-Darm-Infekte oder eine saftige Erkältung, egal ob du dir ein Virus oder Bakterien eingefangen hast. Die Inhaltsstoffe brauchen etwa eine halbe Stunde, um ins Blut zu gelangen. Nach einer Stunde ist der Spiegel am höchsten, dann wird wieder abgebaut. Das bedeutet, du solltest in der Akutphase alle zwei Stunden eine Tasse Ingwertee trinken, um die Konzentration im Blut ausreichend hoch zu halten.

Ingwer ist ein nicht standartisiertes Produkt. Die Natur baut jede Einzelpflanze ein bissel anders - abhängig vom Wetter, Boden, Erntezeitpunkt etc. Das bedeutet, dass nicht jedes Wurzelstück gleich wirksam ist oder gleich scharf. Passe gegebenenfalls die Wassermenge an: Ist dir der Aufguss zu scharf, verdünne ihn einfach mit heißem Wasser. Viel Flüssigkeit bei Erkältung oder Magen-Darm-Infekten ist eh gut. Teste, verkoste, experimentiere nach Gefühl. Falsch machen kannst du dabei nix.

Hier mein Vorschlag, wie das Ganze logistisch einfach zu bewerkstelligen ist:
(Hast du dafür keine Zeit oder "musst" in die Arbeit? Dann bist du entweder nicht krank genug oder unvernünftig. Wenn es dich sauber erwischt hat, bleib daheim!)


Rezept für Ingwersaft-Tee


Du brauchst für eine Tagesration Tee etwa 4-5 daumengroße Stücke (bio) und eine Viertelstunde Zeit.

Schälen, stückeln und im Mixer, Smoothiemaker oder mit dem Pürierstab mit ein wenig Wasser und Cayennepfeffer (oder anderem Pfeffer, 1 Messerspitze) pürieren.

Den Saft durch ein Sieb abgießen. Etwa einen Fingerbreit in eine große Tasse, den Rest in ein Schraubglas o.ä. und ab in den Kühlschrank.

Das, was im Sieb übrigbleibt, in eine Thermoskanne, mit kochendem Wasser aufgießen. Deckel drauf. Prima ist natürlich ein große Kanne. Ansonsten wird's halt konzentrierter. Macht nix, einfach vor Gebrauch entsprechend - d.h. trinkbar - verdünnen.

Den Fingerbreit Ingwersaft in der Tasse mit kochendem Wasser aufgießen, Honig und Zitronensaft dazu. (Eventuell verdünnen, falls dir der Tee so zu heftig sein sollte.) Die Zitronenschale - falls bio - mit in die Thermoskanne. Limette oder Orange geht auch. Nimm, was dir schmeckt.
Das ist deine erste Dosis für heute.

Nach zwei Stunden nimmst du die zweite Portion Saft aus dem Kühlschrank und gießt ihn mit heißem Wasser auf. Honig und Zitronensaft dazu.
Das ist deine zweite Dosis.

Für die nächsten Portionen nimmst du einfach den Aufguss aus der Thermoskanne. Der hat dann ausreichend lange gezogen (vier Stunden). Wieder Honig und Zitrone dazu, gegebenenfalls verdünnen.

Du kannst den Ingwersaft auch in einer Großaktion für mehrere Tage herstellen. Das lohnt sich, wenn du stolzer Entsafter-Besitzer bist. Friere ihn dann einfach in Eiswürfelbehältern ein. Diese Ingwer-Eisis kannst du auch als Würze für Suppen oder Eintöpfe verwenden.

Methode 2
Mit dem frischen Saft wirkt der Aufguss viel besser, aber im "Notfall" (kein Mixer, Pürierstab o.ä. verfügbar) oder zum Mitnehmen geht's so auch:

Häcksle die Wurzel mit einem Messer so klein wie möglich. Setze den Aufguss mit Pfeffer in der Thermoskanne schon am Abend an und lass ihn über Nacht ziehen. So erhältst du ein recht starkes, scharfes Gebräu, das du am kommenden Tag, verdünnt mit heißem Wasser, zweistündig trinken kannst. Natürlich mit Honig und Zitronensaft.


Anmerkungen:
Für Pflegepersonal: Willst du Ingwer per PEG verabreichen, lass den Aufguss zusätzlich durch einen Kaffeefilter laufen. Die Fitzelchen könnten sonst den Schlauch verstopfen.)

Die Gerätschaften (Mixer etc.) am besten gleich nach Gebrauch abspülen. Ingwer-Mini-Bröckerl trocknen gerne betonhart an. Die Thermoskanne bekommst du mit Gebissreiniger (Corega Tabs) oder Backpulver gut sauber.

Während der Zubereitung: Finger weg von den Augen! Brennt wie Teufel ;)

Lass dir schmecken und bleib gesund!

Lies auch: "Winterzeit - Erkältungszeit? Was du jetzt tun kannst, um Erkältungen zu vermeiden"
http://im-prinzip-tango.blogspot.de/2017/01/winterzeit-erkaltungszeit.html 

Es folgt in Bälde ein Artikel mit Rezepten für Ingwertee-Verweigerer.


Herzliche Grüße,
Manuela








Quellen: Stephen Harrod Buhner: "Pflanzliche Antibiotika. Wirksame Alternativen bei Infektionen durch resistente Bakterien Krankenhauskeime und MRSA: Heilkräuter, die Leben retten ... konventionelle Antibiotika nicht mehr wirken." (Tolles Buch!)
https://www.amazon.de/Pflanzliche-Antibiotika-Alternativen-Infektionen-Krankenhauskeime/dp/3946245005/ref=sr_1_3?ie=UTF8&qid=1517480009&sr=8-3&keywords=stephen+harrod+buhner

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Mittwoch, 17. Januar 2018

Die Floriansjünger der Achtsamkeit

im echten Leben und im Tango

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Achtsamkeit ist eine feine Sach'. Ursprünglich argumentierte sie für das bewusste Wahrnehmen des Hier und Jetzt und für einen respektvollen Umgang miteinander und liegt brettelbreit im Zeitgeist. Da ist es kein Wunder, dass sich unzählige Menschen bemüßigt fühlen, sie vorzustellen, oft garniert mit einem niedlichen Mönchlein irgendeiner Glaubensrichtung. Anschließend wird sie gewinnbringend verkauft. Dabei ist es egal, ob du Hausfrau, Manager oder Tangoista bist, Lesestoff, Seminar oder Coaching wünschst. Du wirst ganz sicher fündig werden, wenn du an deiner Achtsamkeit schrauben möchtest.

Je mehr Menschen sich an diesen Maßnahmen beteiligen, umso fetter sitzt die gute Achtsamkeit in diversen Foküssen. Und "-küssen" ist ja auch was Feines. Dadurch bleibt sie im Gespräch. Dass bei der gnadenlosen Präsenz-Überschwemmung - es wird ja bald jeder damit begossen - ihr Wesen doch ein bissele verwässert wird, lässt sich kaum verhindern:


der Achtsamkeit erster Schritt


Meist geht es ja darum, (erstmal) die eigene Befindlichkeit zu verbessern. Das ist (erstmal) durchaus legitim. Im Yogakurs runterfahren, Tango tanzen, zu sich kommen, Atmen üben, Seelentröster-Suppe kochen sind unbestritten manchmal lebenswichtige Missionen, um die eigene Gesundheit samt seelischer Verfassung zu verbessern.

Und dann?
Ja, dann bist du halt wieder bei dir.
Und wozu?
Um mit klarem Kopf, ruhigem Bauch und Friede im Herzen dein Leben zu meistern. Oder einfach schön Tango zu tanzen.

Problematisch wird's erst dann, wenn dein Hirn auch mal aus dem Hier und Jetzt raus muss. Zum Beispiel um vergangene Altlasten zu entsorgen, eine Lebensversicherung abzuschließen oder für nächste Woche einzukaufen. Aber keine Sorge, mit ein wenig Übung findest du den Weg zurück.


der Achtsamkeit zweiter Schritt


Da geht es um den liebe- und respektvollen Umgang, um das Wahrnehmen von Bedürfnissen. Und schon klar, das darfst du (erstmal) an dir selber üben. Man müsse den Glaubenssatz ausmerzen, der besagt, dass die Selberkümmerung höchst egoistisch sei. So weit, so gut.

Ich kenne Menschen, die sich wirklich sehr sorgfältig für andere aufopfern - bis an lebensgefährliche Grenzen. Oder darüber hinaus. Manchmal sogar daran sterben. Diese Gruppe beginnt ihre Arbeit mit der Eigen-Achtsamkeit quasi noch unter Null auf der Egoismus-Skala.

Allerdings gibt es auch Zeitgenossen, die sowieso schon hochroutiniert sehr viel Rücksicht für eigene Befindlichkeiten von ihrem Umfeld einfordern:
Themenwechsel bei Unterhaltungen werden ganz selbstverständlich erwartet, weil so Schlimmes regt auf. Das ist unachtsam von den Gesprächsteilnehmern.
Kein eingetuppertes Fleisch darf im WG-Kühlschrank wohnen. Unachtsam, findet der Vegetarier.
Du darfst nicht mehr in deinem Fachgebiet können/wissen als dein Kollege. Weil das beschämt ihn. Unachtsam.
Da dürfen andere Tänzer auf keinen Fall auf der Piste überholen, weil unachtsam. Basta!
Wo wären wir dann auf der Skala?

Und dazwischen?
Isst du in Anwesenheit von Veganern nur Gemüse?
Weist du den Nichtrauch-Apostel eben nicht auf seinen Ranzen und seine Hypertonie-Birne hin?
Sprichst du lieber nicht in gemütlicher Runde von aus deiner Sicht problematischen Verhältnissen, wenn du merkst, dass diese deinen Gesprächspartner über die Maßen aufwühlen würden?
Siehst du davon ab, bei unliebiger Musik zum TJ zu laufen, die so fade ist, dass sie nicht mal einen Brechreiz auslöst? Geschweige denn Tanzlust?
Lässt du es bleiben, die Ronda zu brechen? Bremst lieber den zwingenden Impuls der lebendig-beschwingten Musik in dir und deiner Partnerin aus?
Beschwerst du dich auch nicht beim Veranstalter, wenn dein Tango in ein Zwergenkostüm mit alberner Mütze gezwängt werden soll?

Weil du dich den anderen gegenüber achtsam verhalten möchtest?

Oder sagst du einfach gar nix, weil dann die Frage folgt: "Was hast du überhaupt für ein Problem?" Deine Antwort "Kein Problem, sondern auch Gefühle" würde eh an eine Betonwand knallen. Deine Gefühlsbasis ist halt eine andere. Und darum zu ignorieren. Musst halt fortbleiben. Dein Problem.

Um ein Gefühl für die eigene Egoismus-Skala zu bekommen, wäre ja ein Vergleich nicht ganz verkehrt. Aber das geht halt nur, wenn der Blick über den eigenen Tellerrand erweitert würde:
Ja, es gibt andere Menschen! Die haben auch Wünsche und Träume und Bedürfnisse! Auch wenn  sich diese nicht mit deinen decken. Auch wenn du sie nicht nachvollziehen kannst. So heißt's zumindest.


der Achtsamkeit dritter Schritt


Der wird gerne ausgelassen. Hier ist der liebe- und respektvollen Umgang mit anderen Menschen Thema - die Ausweitung über die eigene Person hinaus.

Also genau das, was die Kümmerer (siehe oben) versuchen einzugrenzen. So versuchen sie das richtige Maß zu finden. Einfach um gesund zu werden. Oder zu bleiben. Ganz stille.
Schrammel-Kröten schluckend. Auf die nächste Wild-Milonga hoffend. Trotzdem lächelnd. Höflich bleibend, soweit möglich.

Bleibt die eigene Achtsamkeitsentwicklung allerdings bei Schritt zwei stecken, wird zwar Achtsamkeit eingefordert, aber nicht weitergegeben. Da wird zwar lang und breit über Achtsamkeit geredet, aber gegeben wird nur in homöopathischen Dosen. Oder es wird dem Empfänger gerade soviel Wohlergehen zugestanden, dass er weiter brav seine Funktion erfüllt.

Auch dem Cabeceo wird das Kittelchen der Achtsamkeit verpasst: Er würde die Damen vor Zudringlichkeiten schützen. Dass er die Tangueras in passive Starrhaltung zwingt, damit die Männer befindlichkeitsverbessernd in Ruhe wählen können, ist selbstverständlich nur die ketzerische Außenseitermeinung einer pseudoemanzipierten, unachtsamen Bloggerin.

"Ja, Schatz, freilich darfst du zum Tango." Sonst würde sie ja ungut. Das wär blöd und sie zu nix mehr zu gebrauchen.

"Ja, Schatz, freilich helfe ich dir bei..." Sonst würde sie ihn ja rausschmeißen. Das wär blöd. Da müsste er ja selber Geld verdienen.

"Ja freilich spielen wir auch mal modernen Tango." Einmal im Monat eine Tanda. "Mil pasos" und so ist zwar schon ziemlich abgenudelt, aber grade noch auszuhalten. Unter Schmerzen. Sonst schreibt wieder so ein böser Blogger so böse Sachen.

"Toll, dass du uns eine Mitfahrgelegenheit zur Milonga vermittelst, aber wenn das Ehepaar X kommt, wollen wir nicht. Weil die sind blöd und wir achtsam mit Blog."

"Im Namen der Achtsamkeit! Amen!"
steht dann fettgedruckt auf den Fahnen, welche die Floriansjünger der Achtsamkeit vor sich hertragen.
"Verschon mein Haus, zünd and're an!"
findest du nur im Kleingedruckten.

Als ich Kind war, benutzen die Leute den Begriff "Nächstenliebe". "Achtsamkeit" gab's in prä-internettischen Zeiten noch nicht. Auch keine Blogs, geschweige denn Coachings. Aber einen ganz analogen Verein, der sich die christliche Nächstenliebe dick und fett als Motto auf T-Shirts gedruckt hätte, wenn das damals möglich gewesen wäre. Diese ultrafrommen Bekannten meiner Verwandschaft mochte ich als Kind gar nicht. Die offensiv Nächstenliebenden soffen uns Kindern die alkohol-freie Erdbeer-Bowle weg und sangen fromme Liedlein zur Gitarre. Geschnapselt und geküsst wurde heimlich hinter dem Komposthaufen. Ja, (Fo-)Küsse sind schon eine feine Angelegenheit...

Und die Moral von der Geschicht?


Floriansjünger der Achtsamkeit gibt es genug. Sie sind stark an Mitgliederzahl und Selbstbewusstsein. Unterstützung ist nur selten nötig. Aber du kannst sie ganz leicht von den leisen Achtsamen unterscheiden:

Die erste Gruppe SPRICHT über Achtsamkeit, die zweite Gruppe LEBT sie. 
Und zwar ganz: von Schritt eins bis drei.

Das macht den Umgang mit den Achtsamkeits-Lebern so schön. Und gesund. Und überhaupts.
Im echten Leben und im Tango.


Herzliche Grüße,
Manuela







Quellen: Ein dickes Dankeschön an Benita Königbauer, die in ihrem Buch (siehe Link) den wunderbaren Begriff der Floriansjünger kurz vorstellt. Angestachelt durch diese Inspiration entstand mein heutiger Artikel.
http://www.einfach-klarheit-schaffen.de/abenteuer-wunsch-kanzlei/

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