Mittwoch, 17. Januar 2018

Die Floriansjünger der Achtsamkeit

im echten Leben und im Tango

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Achtsamkeit ist eine feine Sach'. Ursprünglich argumentierte sie für das bewusste Wahrnehmen des Hier und Jetzt und für einen respektvollen Umgang miteinander und liegt brettelbreit im Zeitgeist. Da ist es kein Wunder, dass sich unzählige Menschen bemüßigt fühlen, sie vorzustellen, oft garniert mit einem niedlichen Mönchlein irgendeiner Glaubensrichtung. Anschließend wird sie gewinnbringend verkauft. Dabei ist es egal, ob du Hausfrau, Manager oder Tangoista bist, Lesestoff, Seminar oder Coaching wünschst. Du wirst ganz sicher fündig werden, wenn du an deiner Achtsamkeit schrauben möchtest.

Je mehr Menschen sich an diesen Maßnahmen beteiligen, umso fetter sitzt die gute Achtsamkeit in diversen Foküssen. Und "-küssen" ist ja auch was Feines. Dadurch bleibt sie im Gespräch. Dass bei der gnadenlosen Präsenz-Überschwemmung - es wird ja bald jeder damit begossen - ihr Wesen doch ein bissele verwässert wird, lässt sich kaum verhindern:


der Achtsamkeit erster Schritt


Meist geht es ja darum, (erstmal) die eigene Befindlichkeit zu verbessern. Das ist (erstmal) durchaus legitim. Im Yogakurs runterfahren, Tango tanzen, zu sich kommen, Atmen üben, Seelentröster-Suppe kochen sind unbestritten manchmal lebenswichtige Missionen, um die eigene Gesundheit samt seelischer Verfassung zu verbessern.

Und dann?
Ja, dann bist du halt wieder bei dir.
Und wozu?
Um mit klarem Kopf, ruhigem Bauch und Friede im Herzen dein Leben zu meistern. Oder einfach schön Tango zu tanzen.

Problematisch wird's erst dann, wenn dein Hirn auch mal aus dem Hier und Jetzt raus muss. Zum Beispiel um vergangene Altlasten zu entsorgen, eine Lebensversicherung abzuschließen oder für nächste Woche einzukaufen. Aber keine Sorge, mit ein wenig Übung findest du den Weg zurück.


der Achtsamkeit zweiter Schritt


Da geht es um den liebe- und respektvollen Umgang, um das Wahrnehmen von Bedürfnissen. Und schon klar, das darfst du (erstmal) an dir selber üben. Man müsse den Glaubenssatz ausmerzen, der besagt, dass die Selberkümmerung höchst egoistisch sei. So weit, so gut.

Ich kenne Menschen, die sich wirklich sehr sorgfältig für andere aufopfern - bis an lebensgefährliche Grenzen. Oder darüber hinaus. Manchmal sogar daran sterben. Diese Gruppe beginnt ihre Arbeit mit der Eigen-Achtsamkeit quasi noch unter Null auf der Egoismus-Skala.

Allerdings gibt es auch Zeitgenossen, die sowieso schon hochroutiniert sehr viel Rücksicht für eigene Befindlichkeiten von ihrem Umfeld einfordern:
Themenwechsel bei Unterhaltungen werden ganz selbstverständlich erwartet, weil so Schlimmes regt auf. Das ist unachtsam von den Gesprächsteilnehmern.
Kein eingetuppertes Fleisch darf im WG-Kühlschrank wohnen. Unachtsam, findet der Vegetarier.
Du darfst nicht mehr in deinem Fachgebiet können/wissen als dein Kollege. Weil das beschämt ihn. Unachtsam.
Da dürfen andere Tänzer auf keinen Fall auf der Piste überholen, weil unachtsam. Basta!
Wo wären wir dann auf der Skala?

Und dazwischen?
Isst du in Anwesenheit von Veganern nur Gemüse?
Weist du den Nichtrauch-Apostel eben nicht auf seinen Ranzen und seine Hypertonie-Birne hin?
Sprichst du lieber nicht in gemütlicher Runde von aus deiner Sicht problematischen Verhältnissen, wenn du merkst, dass diese deinen Gesprächspartner über die Maßen aufwühlen würden?
Siehst du davon ab, bei unliebiger Musik zum TJ zu laufen, die so fade ist, dass sie nicht mal einen Brechreiz auslöst? Geschweige denn Tanzlust?
Lässt du es bleiben, die Ronda zu brechen? Bremst lieber den zwingenden Impuls der lebendig-beschwingten Musik in dir und deiner Partnerin aus?
Beschwerst du dich auch nicht beim Veranstalter, wenn dein Tango in ein Zwergenkostüm mit alberner Mütze gezwängt werden soll?

Weil du dich den anderen gegenüber achtsam verhalten möchtest?

Oder sagst du einfach gar nix, weil dann die Frage folgt: "Was hast du überhaupt für ein Problem?" Deine Antwort "Kein Problem, sondern auch Gefühle" würde eh an eine Betonwand knallen. Deine Gefühlsbasis ist halt eine andere. Und darum zu ignorieren. Musst halt fortbleiben. Dein Problem.

Um ein Gefühl für die eigene Egoismus-Skala zu bekommen, wäre ja ein Vergleich nicht ganz verkehrt. Aber das geht halt nur, wenn der Blick über den eigenen Tellerrand erweitert würde:
Ja, es gibt andere Menschen! Die haben auch Wünsche und Träume und Bedürfnisse! Auch wenn  sich diese nicht mit deinen decken. Auch wenn du sie nicht nachvollziehen kannst. So heißt's zumindest.


der Achtsamkeit dritter Schritt


Der wird gerne ausgelassen. Hier ist der liebe- und respektvollen Umgang mit anderen Menschen Thema - die Ausweitung über die eigene Person hinaus.

Also genau das, was die Kümmerer (siehe oben) versuchen einzugrenzen. So versuchen sie das richtige Maß zu finden. Einfach um gesund zu werden. Oder zu bleiben. Ganz stille.
Schrammel-Kröten schluckend. Auf die nächste Wild-Milonga hoffend. Trotzdem lächelnd. Höflich bleibend, soweit möglich.

Bleibt die eigene Achtsamkeitsentwicklung allerdings bei Schritt zwei stecken, wird zwar Achtsamkeit eingefordert, aber nicht weitergegeben. Da wird zwar lang und breit über Achtsamkeit geredet, aber gegeben wird nur in homöopathischen Dosen. Oder es wird dem Empfänger gerade soviel Wohlergehen zugestanden, dass er weiter brav seine Funktion erfüllt.

Auch dem Cabeceo wird das Kittelchen der Achtsamkeit verpasst: Er würde die Damen vor Zudringlichkeiten schützen. Dass er die Tangueras in passive Starrhaltung zwingt, damit die Männer befindlichkeitsverbessernd in Ruhe wählen können, ist selbstverständlich nur die ketzerische Außenseitermeinung einer pseudoemanzipierten, unachtsamen Bloggerin.

"Ja, Schatz, freilich darfst du zum Tango." Sonst würde sie ja ungut. Das wär blöd und sie zu nix mehr zu gebrauchen.

"Ja, Schatz, freilich helfe ich dir bei..." Sonst würde sie ihn ja rausschmeißen. Das wär blöd. Da müsste er ja selber Geld verdienen.

"Ja freilich spielen wir auch mal modernen Tango." Einmal im Monat eine Tanda. "Mil pasos" und so ist zwar schon ziemlich abgenudelt, aber grade noch auszuhalten. Unter Schmerzen. Sonst schreibt wieder so ein böser Blogger so böse Sachen.

"Toll, dass du uns eine Mitfahrgelegenheit zur Milonga vermittelst, aber wenn das Ehepaar X kommt, wollen wir nicht. Weil die sind blöd und wir achtsam mit Blog."

"Im Namen der Achtsamkeit! Amen!"
steht dann fettgedruckt auf den Fahnen, welche die Floriansjünger der Achtsamkeit vor sich hertragen.
"Verschon mein Haus, zünd and're an!"
findest du nur im Kleingedruckten.

Als ich Kind war, benutzen die Leute den Begriff "Nächstenliebe". "Achtsamkeit" gab's in prä-internettischen Zeiten noch nicht. Auch keine Blogs, geschweige denn Coachings. Aber einen ganz analogen Verein, der sich die christliche Nächstenliebe dick und fett als Motto auf T-Shirts gedruckt hätte, wenn das damals möglich gewesen wäre. Diese ultrafrommen Bekannten meiner Verwandschaft mochte ich als Kind gar nicht. Die offensiv Nächstenliebenden soffen uns Kindern die alkohol-freie Erdbeer-Bowle weg und sangen fromme Liedlein zur Gitarre. Geschnapselt und geküsst wurde heimlich hinter dem Komposthaufen. Ja, (Fo-)Küsse sind schon eine feine Angelegenheit...

Und die Moral von der Geschicht?


Floriansjünger der Achtsamkeit gibt es genug. Sie sind stark an Mitgliederzahl und Selbstbewusstsein. Unterstützung ist nur selten nötig. Aber du kannst sie ganz leicht von den leisen Achtsamen unterscheiden:

Die erste Gruppe SPRICHT über Achtsamkeit, die zweite Gruppe LEBT sie. 
Und zwar ganz: von Schritt eins bis drei.

Das macht den Umgang mit den Achtsamkeits-Lebern so schön. Und gesund. Und überhaupts.
Im echten Leben und im Tango.


Herzliche Grüße,
Manuela







Quellen: Ein dickes Dankeschön an Benita Königbauer, die in ihrem Buch (siehe Link) den wunderbaren Begriff der Floriansjünger kurz vorstellt. Angestachelt durch diese Inspiration entstand mein heutiger Artikel.
http://www.einfach-klarheit-schaffen.de/abenteuer-wunsch-kanzlei/

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