Das hat man heut nimmer so!

Bommel! Riesenbommel! Das hat man fei jetzt so!

Kennst du das?
Familien am Rande des Nervenzusammenbrauchs!
Wenn der Saisonwechsel die Neubefüllung der Kleiderschränke dringend nahelegt?

Beamen wir uns in ein - ich nenne es ganz mal altmodisch-neutral - "Kaufhaus". Wir studieren das Verhalten einer Standardfamilie: Vater, Mutter, zwei Kinder. Begonnen wird mit der Neuausstattung der Kindspersonen (weiblich, 8 und 5 Jahre alt, sehr zierlich). Unsere Probanden bewegen sich, wie von den Besitzern des "Kaufhauses" strategisch schlau geplant, vom obersten Stockwerk (Kinder) etagenweise nach unten Richtung Ausgang. (Aus dem dritten Stock flüchtet sich's nicht so leicht wie ebenerdig.)

Dort droben in der Kinderabteilung prüft Mama in Lichtgeschwindigkeit sämtliche Hosenmodelle, Pullover, Anoraks, etc. nach Passform und Preis. Die "coolen" Teile, die mit dem angehängten Plastikpferdchen, werden gnadenlos aussortiert: Leider wurden selbige für fette Kinder konzipiert. Kindsperson I wird mit diversen in Frage kommenden Modellen in eine Kabine geschickt. Kind I murrt. Kein Plastikpferdchen. Farbe blöd. Für Kindsperson II werden derweil Strumpfhosen ausgewählt. Kein leichtes Unterfangen, da nur die mit dem gelben Plastikentchen eben nicht beißen.
Papa steht wie ein Baum, eingesetzt als Leibwächter für Mama's Handtasche. In der Papareihe. Und guckt. Und schweigt.

Passt eines der Kleidungsstücke Kindsperson I, sucht Mama dasselbe Modell ein paar Nummern kleiner in alternativer Farbe für Kindsperson II, die gerade mit Papa ein Klo sucht. Kindsperson I murrt. Bärchen sind blöd. Blümchen sind blöd. Rosa Nicki auch. Und kein Plastikpferdchen...
"Wieso nicht?"
"Ja, dann schlupf halt rein. Die Hose ist dir gewiss zu weit."
Pulli in die Hose gestopft, Bauch rausgestreckt.
"Schau, Mama. Die passt!"
"Nimm die, eine Nummer kleiner..."
Schmerzliches Ergebnis: Hochwasserhose. Zu weit am Bund. Kann man nix machen. Mama hängt sie zurück.
Bleibt das pferdchenlose Schmalmodell, das bei Rauswachs-Anzeichen mittels anzunähender Borte, Stoffstreifen o.ä. verlängert werden kann.

Papa und Kindsperson II erscheinen postbieselisch zurück. Geschwind werden die Kurzmodelle längenmäßig angemessen, für gut befunden. Verkäuferin zieht gaaanz entzückende Zwillings-Kleidlein in beiden Größen hervor:
"Das hat man jetzt so!"
Kindsperson I zeigt diskrete Panik-Symptome. Kindsperson II lächelt süß, obwohl kein Radl Gelbwurst zu erwarten ist. Mama: sehnsüchtiges Stoffstreicheln, dann ein a bissele trauriges Kopfschütteln. "Das zieht's mir eh nicht an." (Danke Mama!)
...und auf geht's mit einem Arm voll Beute eine Etage tiefer.

In der Herrenabteilung hängen kilometerweise Hosen, von denen ich mich heute noch frage, wer denn selbige kauft. Papa meint, seine Hose sei doch noch gut.
Eben. Singular.
Ohne hinzusehen greift er in seinen Größenabschnitt hinein, hängt sich die Hose über den Arm wie ein Kellner.
"So. Die."
"Willst nicht reinschlüpfen?"
"Warum? Das ist doch meine Größe."
"!"
Kindsperson II sitzt unter einem Kleiderständer und streichelt unbeißige Strumpfhose und Plastikentchen. Kindsperson I muss auf's Klo, findet aber den Weg via Aufzug nach ausführlicher Einweisung alleine.
Papa zieht sich geschlagen in die Kabine zurück.
"Schau! Passt!"
Tut sie nicht.
"Jetzt nimm halt die Händ' aus den Hosentaschen!"
Zumindest die Länge stimmt, da Kurzgröße.
"Die Hose ist doch nur für den Weg in's Geschäft. Das geht schon."
"Das sieht unmöglich aus!"
"Du siehst mich ja nicht auf dem Weg in's Geschäft."
"Aber du hast ja auch mal frei!"
"Dann zieh ich mein Daheimrum-Gewand an."
"Ja, eben. Drum brauchst ja eine zusätzliche (!) Hose! Probier mal die..."

Ergebnis: suboptimal, aber tolerierbar.
Verkäuferin mit Blick auf die zu erneuernde Gewandung am Mann:
"Das hat man fei nimmer so!"
Zückt einen dunklen Anzug samt passendem Hemd.
"Mei, zu ihren schwarzen Haaren! SIE könnten sowas doch tragen!"
Papa wirft sich die suboptimale Alltagshose über die Schulter, nimmt Kindspersonen an die Hand und eilt Richtung Rolltreppe. Mama streichelt sehnsüchtig den Anzug-Stoff.
"Das zieht er mir eh nicht an."

Kindsperson II hat die Mütze verloren. Umweg über die Kinderabteilung mit Aufsammeln derselben auf der Rolltreppe. Kindsperson I möchte sofort (!) in den Laden mit der großen Rutsche. Murrt, da dem Wunsch nicht entsprochen wird. Kindsperson II muss auf's Klo.
...und auf geht's mit einem Arm voll Beute eine Etage tiefer zu den Damen.

Papa und Kindspersonen beobachten zig rasant ablaufenden Kostümwechsel.
"Schau! Seh ich da nicht zu dick aus?"
"..."
"Das hat man fei jetzt so. Seh ich wirklich nicht dick aus?"
"..."
Mehrere Zeitrafferwechsel in Folge. Kindsperson I will auf's Klo, muss aber aushalten.
"Die Farben... Ich weiß ja nicht... Aber das hat man jetzt halt so. Steht mir das?"
"..."
Mama wirbelt in und aus Kleidungsstücken, unterstützt von der Verkäuferin, die zahlreiche Klamotten hinaus- und hineinreicht.

Papa versucht Kindsperson II zu überzeugen, dass "Entchen" (und Strumpfhose) nicht in der Mütze schlafen dürfen, da noch nicht bezahlt. Erst die Ankündigung des Polizisten wirkt. Kindsperson I will endlich (!) zur Rutsche.

Verkäuferin hilft, den Kleiderstapel zur Kasse zu transportieren. Nimmt Geld entgegen und verpackt die ganze Chose in mehrere Tüten, die sie Papa reicht.

Wieder daheim präsentieren die weiblichen Familienmitglieder der Oma die Beute. Oma, die Damenkleidungs-Fachverkäuferin, zupft und nestelt herum, krempelt Ärmel hinauf, öffnet oder schließt Knöpfe, stellt Krägen auf.
"SO hat man das heut', gell!"

Und die Moral von der Geschicht'?

Unser Feldversuch zeigt uns zwei ganz klare Ergebnisse zur Motivation "Neuausstattung":

1. Kindspersonen haben eine sehr ungünstige Eigenschaft: Sie wachsen. Stetig oder schubweise. So ist der Ausstattungswechsel nicht zu vermeiden. Die alten Klamotten wandern in Säcke oder Secondhand-Läden, werden weitergegeben oder zu Lumpen verarbeitet. So wachsen die Kurzen ganz natürlich aus den knuffigen Bärchenideen (oder anderem Grusel) ihrer Eltern heraus und pfeilgerade in ihre eigenen Überzeugungen hinein. Früher oder später.

2. Adulte Exemplare hingegen wachsen höchstens in die Breite. Und auf keinen Fall so spektakulär, wie Kinder das zu tun pflegen. Dann könnten sie ja das Gewand behalten, bis Materialermüdung einen Austausch nötig macht. Um diesen marketing-technischen Unglücksfall in Grenzen zu halten, wurden wohl Moden erfunden und "Das hat man heut nimmer so!"-Verkünder implementiert.

Die Ergebnisse lassen sich durchaus auch auf die "innere Gewandung" übertragen:

Die Hip-Strömungen begegnen uns in der Heilkunde - zur Zeit zum Beispiel in lichtecht gelb. (Oder ist Curcuma schon wieder out?) Schade, denn dieses inflationär besprochene Pulver ist zwar kein Zaubermittel, aber bei einigen Problemen ein wunderbares Heilmittel.

Beim Tango heißt es aktuell: "Schlusspose? Hat man fei heut nimmer!" (Siehe Gerhards Tangoreport: http://milongafuehrer.blogspot.de/2018/02/liebes-tagebuch-46.html)

Immer wieder neue Anreize zum Kaufen müssen doch her. Seien's doch vernünftig! Wie sollte denn sonst unsere Wirtschaft blühen? Wie anders die Leut' bei der Stange halten? Die langweilen sich doch sonst. So ohne Vorgaben - ohne Trends. Das geht doch nicht, dass die sich selber was beibringen! Oder gar selber denken? Selber gestalten? Selber machen? Wo soll das denn hinführen? Wer kauft denn dann die Produkte? Oder Workshops?

Wachstum - geistiges und/oder emotionales - erfordert dagegen ganz automatisch eine Anpassung unserer Denkvorgänge und Handlungsweisen hinein in neue Sphären. Altes, nicht mehr Passendes darf aussortiert werden. Das ist nun wirklich nicht einfach, aber spannend - eine organische Art, das Leben zu händeln, in dem nix bleibt, wie es ist. Auch wenn dir jemand sagt: "Jetzt kauf/male/denke/tanz... dir halt mal was Pfiffiges [wahlweise anderes Adjektiv, szeneabhängig], wie man's heut hat!"

Offen bleiben die Fragen: 

  • Wer ermächtigt die "Das hat man heut' so!"-Sager?
  • Woher wissen das?
  • Welche Instanz entscheidet?
  • Und was passiert, wenn man sich nicht dran halten möcht'?
Kannst du mir das sagen?

Als kleines Abschluss-Trost-Gutsi gebe ich dir ein Mantra mit auf den Weg, aufzusagen, wenn bockiges, sozial unverträgliches Murren in dir aufsteigen will:

"Auch DAS geht vorbei!"


Herzliche Grüße,
Manuela










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Kommentare

  1. Liebe Manu,

    gratuliere zu dem Text - sehr amüsant zu lesen!

    Etwas dazu aus meiner familiären Vor- und Frühgeschichte:

    In einer Familie meiner Verwandtschaft mütterlicherseits gab es nicht viel Geld, dafür aber unzählige Kinder - genau gesagt: acht!
    Die (meist irgendwie günstig erworbenen) Kleidungsstücke mussten also gandenlos von einem Kind an das nächste, wenn es die entsprechende Größe erreicht hatte, weitervererbt werden.
    Die Jüngste, übrigens eine Lieblingstante von mir, wurde dann regelmäßig geschimpft: "Es ist unbegreiflich, dass du deine Kleider immer kaputt machen musst!"

    Und übrigens: was man heut nimmer hat, hat man in ca. 10 Jahren wieder - nur merkt das meist keiner!

    Herzlichst
    Karin

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    1. Liebe Karin,
      dankeschön!
      Ja, so ähnlich kenne ich das auch ;)
      Aber manchmal waren wirkliche Schätze dabei - auch wenn die Erwachsenen das so nicht gesehen haben.

      Klamotten-Weitergabe-Aktionen sind eh nochmal ein eigenes Thema. Gäbe viel her für einen Artikel.

      Herzlichst, Manu

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