Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne?


Ja, aber was für einer? Manchmal vermute ich, dass die g'spinnerten Nornen die Azubine bei meinen Anfängen üben ließen. Nach dem Motto: "Das hat sie schon oft gemacht! Irgendwann wird's schon klappen ..."

Anfänge sind schon ein verwirrendes Pflaster, nicht nur für den Geist und die Seele, sondern auch für unseren Körper, in dem die Genannten wohnen. Meistens. Was erschwerend hinzukommt, sind diese Wesen, die für gewöhnlich auf den Schwellen wohnen, um uns - expertisch sowie cassa-klingelnd - drüberzuschubsen, hinein in die neuen Gefilde. (Auf Neudeutsch "Coach" oder "Tangolehrer"). Ob wir nun wollen oder nicht. Die "Bist du bereit?"-Frage wird gerne ausgelassen. Hopplahopp! Zeit ist Geld! Wir wollen doch effektiv sein!

Dabei braucht alles seine Zeit.


"Um von A nach B zu kommen, musst du A verlassen."

Klingt total logisch! Ich muss zugeben, mein Verstand frisst diese Tatsache mit Leichtigkeit. Wenn nur die Gefühle samt Unterbewusstsein und das Gestell nicht so behäbig wären ... Die irren im Zwischeraum zwischen A und B herum und wissen nicht so recht wohin. Oder sie legen sich mitten auf die Straße und pennen! Oder sie fangen eine Rauferei an. Das kann manchmal ganz schön schmerzhaft sein. Will dann das Großhirn die Kollegen Leib & Seele an der Logikleine hinterher zerren, wollen diese fast panisch-automatisch zurück zu bekanntem A - auch wenn B so toll ist.

Nimm ein banales Beispiel: Neues Lernen


Du versuchst, eine neue Tango-Technik zu lernen, um dein Repertoire zu erweitern. Die Linksdrehung sitzt supergut, da kann doch eine Drehung rechtsherum so schwierig nicht sein! Willst du haben, da cool. Sagt das Hirn. Das wäre einer der zauberhaften Anfänge.

In der Milonga-Realität endet die Idee dann doch wie gehabt - nämlich linksherum. Und je mehr du dich über die "Blockade" ärgerst, desto weniger will's klappen. Die gewohnte Version fühlt sich halt so geborgen-sicher an, und dein Gestell weiß selbst, was es zu tun hat. Da kann die Seele mitfahren und einfach genießen.

Beim milongafernen Üben des neuen Moves wackelt die Achse wie ein Kuhschwanz, die Führung holpert unklar und Verzweiflung in Herz und Hirn macht sich breit. Und zwar so hartnäckig, dass auch Altbekanntes nimmer fließen mag. Das schöne Tangogefühl schrubbt auf der Skala abwärts von "Flow" zu "ataktischem Ackergaul mit sieben verschieden langen X-Beinen".
Dass sich deine souveräne Linksdrehung oder ein popeliger Ocho vor Urzeiten auch mal so komisch anfangs-angefühlt hat, verdrängst du natürlich komplett. Mach ich auch.

Denselben Effekt der inneren Anfangs-Irritation kannst du auch ganz leicht erreichen, in dem du deine Küche oder Bad umräumst, deinen Lebenspartner / Arbeitsplatz wechselst oder dir einfach mal den rechten Arm brichst (nicht empfehlenswert).

Wieso ist das so? 


Dein Verstand ist geschwind wie der Wind. Meistens? Meistens! Von A nach B? Alles klar! Argument-Bilanz gecheckt, Risiken berechnet, Navi eingestellt, auf geht's!

Dein Körpersystem reagiert langsamer auf Anfänge. Es hat ja einiges auf der Reise zu erledigen. Wieviel Zeit es benötigt, sagt es dir, wenn du ihm zuhörst. Das weiß keiner besser. Auch kein Tangolehrer. Oder eine Kurs-Einstufung. Wir sind alle Anfänger - immer wieder. Bis wir tot sind (glaub ich, mit der Postmortem-Phase habe ich noch keine Erfahrungen).

Zuerst darf die oberste Steuerungszentrale das Bewegungsmuster, das noch ausschließlich in A wohnt (unsere Linksdrehung) loben und beruhigen. Bewegungsmuster haben oft Existenzängste und sie wollen uns nur helfen. Zudem sehen sie halt oft nicht über den Tellerrand hinaus. Das liegt in ihrer Natur.
"Danke, dass du so hervorragende Arbeit leistest! Du hast uns entzückt und getragen. Meistens. Sei unbesorgt, wir nehmen dich mit nach B, dort bekommst du wieder ein eigenes Zimmer."

Anschließend hilft der Körper dem neuen Muster (unserer Rechtsdrehung) beim Einzug in B. Selbiges ist bibberig hochnervös, will nix falsch machen, obwohl es noch so jung-zart und kaum belastbar ist - schon gar nicht in Alltagssituationen (auf einer Milonga etwa).
"Willkommen! Schön, dass du da bist. Schau, hier darfst du wohnen. Richte dich in Ruhe ein. Darfst dir Zeit lassen. Kein Stress, das wird schon."

Uns, als höflichen Gesamt-Menschen, bietet es sich an, die beiden einander vorzustellen. Wir wollen ja Eifersüchteleien respektive Streit zwischen Alt und Neu minimieren oder besser ganz vermeiden.
"Liebes Linksherum, das ist Rechtsherum. Es wird bei uns wohnen, bekommt ein eigenes Zimmer. Es ist noch klein und unerfahren. Magst du es an die Hand nehmen und ein wenig unterstützen?Ja? Dank dir!"
"Liebes Rechtsherum, das ist Linksherum: Sehr routiniert, es kennt alle Tricks und Geheimnisse. Frag es, wenn du Probleme hast, okay? Klopf einfach an, es wohnt im Nebenzimmer."

Dann ist es dringend nötig, die beiden in Ruhe zu lassen! Sprich sie jetzt auf keinen Fall direkt an. Die müssen sich ungestört beschnuppern dürfen und in ihre Zimmer einziehen, ankommen. Und vielleicht ist es dem Kleinen peinlich, wenn du ihm bei den ersten stolperigen Gehversuchen dreinredest. Es wäre auch unfair, das neue Rechtsherum mit Aufmerksamkeit zu überschütten. Einfach nur liebevoll aus der Distanz beobachten. Und die verstandesgesteuerte Klappe halten.
Die kommen schon klar, die zwei.

Lass es ruhig arbeiten, das neue Muster. Benutze es. In echt oder in der Vorstellung. Fühle den Ablauf ganz bewusst. Auch wenn es dir in der Ausführung noch suboptimal scheint. Lobe es! Das wird schon. Muster brauchen Pfade im Hirn. Je öfter du es bewusst aktivierst oder visualisierst, umso stärker wird es im hirnischen Bewegungszentrum geprägt. Stell dir einen Trampelpfad vor, durch den du fünfmal täglich eine Horde Wildschweine jagst. Bald kannst du auf dem ehemaligen Stolperweg locker-lässig promenieren. Sogar in Salonschleichern.
Wege, die du selten gehst, wuchern wieder zu. Was dann gut ist, wenn du dir einen Bewegungsablauf wieder abgewöhnen möchtest. (Trifft in diesem Beispiel nicht zu, die Linksdrehung möchten wir ja behalten. Oder lieber nicht?)

Fühlt sich das Gestell friedlich, können sich auch die Emotionen beruhigen. Die schnaufen dann einmal tief durch, verlassen A und schlendern (oder rennen?) Richtung B. Dabei wandeln sie sich: Abschiedsschmerz in Neugier, Neugier in Angst (vor dem Unbekannten), Angst in Ärger oder Zorn, Wut in Freude auf das Neue. Oder alles irgendwie gleichzeitig. Die Reihenfolge, Intensität und der Wechselrhythmus variieren von Mensch zu Mensch. Und jedes dieser Gefühle ist - wenn auch nicht unbedingt angenehm - gut!
Trauer hilft loszulassen und das Alte zu würdigen.
Die Neugier möchte neue Territorien erforschen.
Die Angst bietet dir schützende Vorsicht, manchmal sogar adäquate Risikoeinschätzung.
Der Zorn schürt positive Aggressivität und setzt Energie zur Veränderung und Wachstum frei.
Die Freude? Eh klar.

In diesem weiten Zwischenreich der emotionalen Metamorphosen sind die schönsten Tangos entstanden. Besonders Astor Piazzolla bewegt sich dort wohl am liebsten.  

Und sind die Emotionen in natürlichem Fluss, ist auch dein Gestell zufrieden. Dort im Körper fühlst du sie ja. Das heißt natürlich nicht, dass du sämtliche Gefühlsspektren ausagieren musst. Gefühle heißen so, weil sie gefühlt werden möchten. Dann ist's auch schon gut.

Irgendwann sind dann alle wieder beisammen. Leib und Seele und Verstand - organisch angekommen in der neuen Welt B. Bravo!

Wie du siehst, ist ein Anfang, der Weg hin zu Neuem, ganz schön kompliziert - weil so viele Fraktionen beteiligt sind, auf die wir willentlich nur bedingt zugreifen können. Und dann noch aushalten, dass da Prozesse ablaufen (müssen), die ebenfalls kaum zu steuern sind ...
Ich weiß, wie hölleschwierig das sein kann. Vor allem, wenn es sich nicht nur um so eine lapidare Angelegenheit wie eine neue Tangotechnik handelt. Aber es lohnt sich! Dann bist du mittendrin IM Leben, statt irgendwo daneben. Nix bleibt wie es ist. So ist das Leben. Ist das der Zauber?

Heilen bedeutet "wieder ganz werden"

Wenn du krank bist, Schmerzen hast oder in einer dringend zu ändernden, ungesunden  Lebenssituation feststeckst und beschließt, Heilung einzuleiten, ist das auch einer dieser magischen Anfänge. Da ist es überaus praktisch, wenn du den Ablauf schon an etwas Leichterem wie zum Beispiel "Lernen der Rechtsdrehung im Tango" geübt hast:

Dein Gestell darf neue Bewegungsmuster einziehen lassen, während die alten noch beleidigt bocken und bleiben möchten. Diese Art von innerkörperlicher Verwirrung kennst du schon.
Sprich mit den betreffenden Mustern. Visualisiere und nutze, welche du etablieren möchtest.


Die zugehörige Gefühlskaskade wird dich wahrscheinlich auch nicht mehr so erschrecken. Beobachte, fühle möglichst ohne Wertung. Dann müssen sich die gebremsten Emotionen nicht so sehr über deinen Körper ausdrücken - via Verspannungen zum Beispiel.

Und dein Verstand mag vielleicht ein wenig geduldiger mit den anderen Anteilen deines Ichs umgehen. Außerdem kann er seine Arbeit tun und dich vor unguten Anfanghelfern schützen oder solche wählen, die DEIN Wohlergehen im Fokus haben (siehe "Die Floriansjünger der Achtsamkeit").

Ganz abgesehen davon ist es nie verkehrt, den Verstand checken zu lassen, ob das ins Visier genommene Ziel überhaupt erstrebenswert ist. Dass er sich dazu mit der Gefühlsfraktion und dem Körpersystem abstimmen sollte, weiß er ja inzwischen. Meistens. (Den Meinigen muss ich immer wieder mal dran erinnern. Auch einer dieser Anfänge ...)

Wahrscheinlich habe ich der Nornen-Azubine Unrecht getan. Sie hat gut gesponnen.
"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne ..." Stimmt.
Vor lauter Ungeduld ist mir allerdings die zweite Zeile ausgekommen:
"der uns beschützt und der uns hilft zu leben."

Okay. Botschaft verstanden. Auf einem Zettel notiert. An den Spiegel gepappt.
Bevor ich das nächste Mal so g'scheit daherschreibe, lese ich den Zettel und lege meine Ungeduld in die Schublade. Wieder so ein Anfang ... 

Herzliche Grüße
Manuela










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