Freitag, 18. August 2017

Die richtigen Schuhe

Der "gemeine Straßenschuh" und sein Verhältnis zum Alltags-Fuß





Heute geht es nicht um spezielle Zierausstattung ganz untenrum - den Tangoschuh (lies hier) - sondern um die sogenannten "richtigen" Schuhe, die du im Alltagsmodus am besten trägst und so deinen Füßen etwas Gutes tun kannst.

In jedem meiner Fuß-Kurse poppt die Frage nach den richtigen Schuhen auf. Auch meine fußproblematischen Patienten suchen häufig die eine, ultimative Antwort. Und dann muss ich sie enttäuschen: Es gibt sie nicht.
Die unzähligen Verlautbarungen der versammelten Experten zur optimalen füßischen Bekleidung widersprechen sich oft. Meiner Erfahrung nach muss man die pauschalen Aussagen einschränken mit "kommt ganz darauf an..."
Wie ist dieser Individualfuß beieinander? Wie beweglich? Wie gut oder mäßig trainiert? Wie sieht's mit dem Fußgefühl aus? Hat dieser Fuß schon Probleme? Oder hat er sich schon verformt? Welche Möglichkeiten der Verbesserung hat genau dieser Mensch vor mir? (Eine 87-jährigen Halluxpatientin wirst du kaum vom Segen des Barfußschuhs überzeugen können. Weil sie sich vielleicht nicht mal so weit bücken kann, um die Schuhbändel zu binden.)

Was denn nun? Minimalschuhe? Oder brauchen Füße Unterstützung - ein orthopädisch wertvolles Fußbett und Knöchelstütze? Oder ganz ohne? Barfuß ist gesund! Aber nackige Latschen im Büro gehen halt gar nicht.

Da muss ein Kompromiss her, ein gangbarer, realistischer Weg!


Aber beginnen wir lieber am Anfang, bei der Anatomie unserer Füße:
Dort haben die göttlichen Baumeister pro Seite 26 Knochen verbaut. Diese sind an 33 Stellen gelenkig verbunden. Muskeln, Minimuskeln, Faszien, Sehnen (ca. 100 Stück!) und sonstiges Bindegewebe sorgen dafür, dass die harten Bauteile ordentlich beisammen bleiben und sich trotzdem gegeneinander bewegen können. Für die Steuerung sind Nerven zuständig, die teilweise direkt im Fuß wohnen. Andere vermitteln ihre Befehle aus dem motorischen Zentrum deines Gehirns: Anweisungen, die aus den Fuß-Rezeptor-Informationen resultieren - über deine Körperhaltung sowie deine Gesamtbewegung im Raum.
Da haben die Konstrukteure ein echtes Meisterwerk hingelegt! Vorausgesetzt, alle Beteiligten dürfen und können effektiv koordiniert zusammenarbeiten: himmlischer Optimalzustand!

Aber woher kommen denn dann die Fußprobleme? 
Nutzen sich unsere so fein konstruierten Hinterpfoten im Laufe des Lebens ab? Bedeutet aufrechter Gang ständige Überlastung?

Oder hätten wir keine Schwierigkeiten, wenn wir von Anfang an auf Schuhe verzichten würden, unsere Füße wildnatürlich agieren dürften?

In unseren Breitengraden sind wir allerdings fast gezwungen, unsere Pfoten vor Kälte, Nässe oder spitzen Steinen, Glasscherben, Straßendreck und ähnlichem Zeugs zu schützen.

Drum verpackeln wir sie spätestens dann, wenn der kleine Besitzer beginnt, aufrecht zweibeinig die Welt zu erkunden. Das Stöpselchen bekommt seine ersten Lauflernschuhe. Ein Lieblingssatz von Kinderschuhverkäuferinnen lautet: "Jetzt brauchen die Füßlein eine gute Stütze." (Warum die dann nicht von Natur aus eingebaut ist, habe ich, als meine Kinder klein waren, nie zu fragen gewagt.)
Das Gangbild der beschuhten Gehbeginner kommt allerdings anfangs eher zombieartig daher. Die Hinfall-Frequenz steigt, bis das Kind die Fremdkörperklötze dann erfolgreich in sein Körperbild integriert hat.

In den folgenden Jahren und Jahrzehnten bleibt der Schuh dann für lange Stunden am Fuß.
Und der reagiert meistens in etwa so:

Durch die ständige Stütze werden viele kleine Gelenke im Fuß kaum oder gar nicht mehr bewegt. Und was nicht bewegt wird, legen die Steuerleute im motorischen Zentrum einfach still.
Die "Schmierung" der kleinen, feinen Gelenke und Sehnenscheiden nimmt dann ab. Faszien und Bänder versteifen oder verpappen. Und die Muskelbrüder groß und klein beginnen - mangels Trainings - zu schwächeln. Ein Fußbett oder Einlagen wirken auf Dauer in derselben Weise.

Der andere Effekt der vermeintlichen "Stützhilfe" wirkt auf das ganze Gestell, es muss sich irgendwie der veränderten Statik anpassen. So entstehen kompensierende Spannungsmuster in Muskelketten - via Beine und Becken, am Rumpf entlang bis hinauf zum Kopf.

Die Dämpfung durch weiche Innensohlen nimmt der Kompanie, die eigentlich dafür zuständig wäre, die Arbeit aus der Hand: Die Fußgelenke, Sprunggelenke, Knie, Becken, Wirbelsäule und eine ganze Reihe Faszien und Muskelzüge übernehmen normalerweise gemeinsam die mildernde Verteilung des Aufprallschocks beim Springen, Laufen, Tanzen, Hüpfen. Das würde quasi nebenbei global durchmobilisieren. Die Dämpfung schwächt diesen feinen Effekt ab.

Die Rezeptoren in den Fußsohlen werden dadurch in ihrer Funktion enorm eingeschränkt. Sie können nur noch rudimentäre Hinweise über die Beschaffenheit des Bodens (und wie du gerade stehst etc.) weitergeben. Das ist für dein Bewegungszentrum so, hättest du ständig Micky-Mäuse auf den Ohren.

Der Absatz oder Fersenkeil tut so, als ob du auf einer schiefen Ebene stehen würdest. Dass der Rest deines Gestells - alarmiert vom Nervensystem - alles Mögliche anstellt, damit du nicht umfällst, ist logisch. Dann springen Muskelketten an, die nicht für Dauernutzung angelegt sind. Ihr Job ist gelegentliches Kompensieren. Wenn es sein muss! Nicht dauernd. Zudem verkürzen sich gerne die Strukturen an deiner Körperrückseite von der Ferse bis zum Scheitel. Aber da wir uns selten im Stand, mit durchgedrückten Knien, die Zehennägel lackieren, bemerken wir die hintere Bremse eher selten. Dafür melden sich oft Wadeln und zugehörige Achillessehnen mit Schmerzen.
Bei hohen Absätzen versuchen die Mittelfußknochen dem Druck auszuweichen, indem sie sich auffächern. Ihrer zugedachten Arbeit "dämpfendes Fußquergewölbe bilden" können sie so nicht mehr nachkommen.

Merke: Montiere deinen Absatz vorne, dann meinst, es ginge immer bergauf. 

In vielen engen Schuhspitzen haben deine Zehen überhaupt keine Chance, sich zu spreizen. Was äußerst günstig wäre für die Balance.

Den federnden Effekt produzieren unsere Füße via Quer- und Längsgewölbe. Das setzt aber Dynamik voraus. Stopfst du einen spiralbefederten Schachtelteufel in seinen Kasten und nagelst den Deckel fest, steckt unser Jack-in-the-box im Koma, statt fröhlich zu hüpfen und zu wippen.
Unflexible Lederkästen (oder Ledersärge) machen das Gleiche mit unseren Füßen.

Im Endstadium schuhzivilisierter Füße finden wir mangels Training verkümmerte füßische Muskelgesellen. Die Fußgewölbe beginnen zu kollabieren. Vielleicht haben sich die Zehen verbogen, im Versuch, sich ihrer Umhüllung anzupassen. Durch den eingeschränkten Bodenkontakt haben sich wahrscheinlich auch das Gangbild und die Haltung verändert.

Aber jetzt Schluss mit den Gruselgeschichten!
Es ist halt so, wie es ist:

Jeder von uns ist schuhdomestiziert!


Wildnatürliche Füße kommen in unserem Kulturkreis selten vor. Und sie von jetzt auf gleich komplett auszuwildern - also immer barfußlaufen - ist kaum möglich.

Da geht es unseren Füßen wie einer Hauskatze: Gewöhnt an portionsweise eingetütelte, konfektionierte Schlachtabfälle mit Sauce und geheizte Stellfläche für Katzenklo und -körbchen, würden sie da draußen Hunger leiden, erfrieren, sich mangels Orientierungsroutine verlaufen oder - weil unfit - im Kampf mit tierischen Feinden unterliegen. Auf jeden Fall nicht lange überleben.


Adäquates Fußgewand für Fußfreunde


Aber deinen Füßen zu helfen, ihrer biomechanischen Bestimmung zu folgen, stärker und geschmeidiger zu werden, geht durchaus mit den richtigen Schuhen.
  • Gute Schuhe sind weich. Sie umhüllen deinen Fuß flexibel wie eine zweite Haut und erlauben Bewegungung in allen Gelenken. Drücken sie irgendwo, lass sie stehen. Die laufen sich nicht ein. Auch wenn sie noch so schön sind.
  • Eine biegsame Sohle erlaubt dir Bewegungen auch im Vorfuß, zum Beispiel beim Verdrehen und vor allem geschmeidigen Abrollen im ganzen Fuß.
  • Gute Schuhe lassen deinen Zehen genug Platz. Du kannst in ihnen deine Zehen bewegen. 
  • Gute Schuhe sitzen einfach. Sie halten im mittleren Fußbereich. Kein Fersenschlappen, kein Zehenkrallen, kein Drin-rum-Schwimmen. Da deine Füße mal dicker mal dünner daherkommen, empfehlen sich Schnürer. 
  • Sorge für Abwechslung. Wechsle öfter mal die Schuhe, geh barfuß oder strumpfsockig und gönne so deinen Füßen neue (Lern-)impulse.
Und Stütze, Einlagen, Dämpfung, Fersenkeil, Absatz?
Versuche, diese Einflüsse mit der Zeit zu reduzieren, langsam und schrittweise.

Stärke deine Füße und halte sie geschmeidig, langsam und schrittweise. Sei geduldig mit deinen Füßen. Übungen und Anregungen dazu findest du hier auf meinem Blog:

Pimp dein Gestell ganz schnell: Deine Beine, Füße und der Boden
Der Yeti hat kein Hallux
Video "Einen Tango lang die Füße verwöhnen" 

Es kann durchaus sein, dass deine Füße im Moment zum Beispiel Dämpfung brauchen, um zu heilen. Dann gib sie ihnen. Aber nicht für immer. Schleiche die Hilfsmittel nach der akuten Phase langsam aus.

Musst du besondere, im obigen Sinne ungünstigen Arbeitsschuhe tragen? Nimm für die Mittagspause Bequemschlapfen zur Fußentspannung mit. Oder lüfte deine Füße barfuß. Am Feierabend kannst du ja die Stiefel oder Gummiclogs im Spind lassen.

Keine Sorge: Zusätzlich zu den genannten Merkmalen werden dir deine Füße sagen, welcher Schuh einfach gut ist - dafür sind sie hervorragende Experten:

Wenn nix drückt und beim bzw. nach dem Laufen nix wehtut, ist dieser Schuh im Moment der richtige. 

 

Sei nett zu deinen Füßen, sie haben es verdient.
Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel









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* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern

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